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Erlebnispädagogik in der Hitlerjugend

Hausarbeit 2004 23 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt:

0. Vorwort

1. Erlebnispädagogik und ihre Grundlagen
1.1 Erlebnispädagogik und ihre historische Entwicklung
1.1.1 Jean-Jacques Rousseau und David Henry Thoreau
1.1.2 Kurt Hahn
1.2 Zentrale Begriffe der EP
1.2.1 Das Erlebnis
1.2.2 Die Natur
1.2.3 Das Individuum
1.2.4 Die Gemeinschaft

2. Erlebnispädagogik in der Hitlerjugend?
2.1 Die Geschichte der Hitlerjugend

3. Erlebnispädagogische Momente in der Hitlerjugend
3.1 Das Individuum
3.2 Gemeinschaft
3.3 Natur
3.4 Das Erlebnis

4. Nachwort

5. Literaturverzeichnis

0. Vorwort:

Wenn man sich mit Erlebnispädagogik auseinandersetzt, wird man bei den Abhandlungen über die Ideengeschichte der Erlebnispädagogik feststellen, dass es häufig als eine Geschichte mit gewissen Lücken dargestellt wird. Erlebnispädagogik zwischen 1933 und 1945 scheint ein eher gemiedenes Thema bei Autoren zu sein, die der Erlebnispädagogik positiv gegenüberstehen und die Anwendung erlebnispädagogischer Elemente befürworten.

Dies ist sicher verständlich, angesichts der negativen Assoziationen, die mit diesem Zeitraum von 12 Jahren behaftet sind. Aber es drängt sich die Frage auf, was in diesen 12 Jahren mit der Erlebnispädagogik geschah. Wurden erlebnispädagogische Elemente in der (Um-)Erziehung genutzt, unterdrückt oder durch geringe Veränderungen in der Erziehung integriert und ergänzt?

Diese Hausarbeit hat zum Ziel, die Stellung der Erlebnispädagogik in der Hitlerjugend aufzuarbeiten und zu zeigen, inwiefern Elemente der Erlebnispädagogik zwischen 1933 und 1945 zum Einsatz kamen. Dafür werde ich zuerst einen kurzen Überblick über die Erlebnispädagogik und ihre Grundlagen geben. Dies schließt einen kurzen Überblick über die Ideengeschichte der Erlebnispädagogik vor 1933 ebenso ein, wie eine Klärung grundsätzlicher Begriffe, wie etwa „Erlebnis“. In einem zweiten Schritt werde ich versuchen herauszuarbeiten, welche der zuvor genannten Elemente der Erlebnispädagogik sich in der Erziehung in der Hitlerjugend wiederfinden lassen und inwieweit man überhaupt noch von Erlebnispädagogik in der Hitlerjugend sprechen kann. Die Zusammenstellung der zuvor erarbeiteten Ergebnisse wird in einer abschließenden Betrachtung im Nachwort zu dieser Hausarbeit erfolgen.

1. Erlebnispädagogik und ihre Grundlagen

In diesem Abschnitt sollen wichtige Elemente der Erlebnispädagogik benannt, identifiziert und soweit dies möglich ist, definiert werden. Zuerst erfolgt eine historische Aufarbeitung der Ideengeschichte mit Begründern von erlebnispädagogischer Bedeutung, im Anschluss hieran erfolgt eine Sammlung der wichtigsten Begriffe von Erlebnispädagogik und ihrer Annahmen.

1.1 Erlebnispädagogik und ihre historische Entwicklung

„Genau genommen gibt es keine Geschichte der Erlebnispädagogik.“[1] Diese durchaus als pessimistisch zu wertende Aussage im Buch von Stüwe & Dilcher kann natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es ist aber durchaus richtig, dass es keine stringente Folge von Denkern gibt, die die Erlebnispädagogik entwickelten. Dies hängt vor allem mit der inneren Uneinigkeit darüber zusammen, was genau eigentlich Erlebnispädagogik ist. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Geschichte gibt. Vielmehr ist sie so zu lesen, dass es nicht nur Väter/Mütter und Söhne/Töchter innerhalb bestimmter Theorien gibt, sondern dass es sich vielmehr um Wegbereiter handelt, die jeweils unterschiedliche Aspekte erlebnispädagogischen Handelns in unterschiedlicher Weise betonen. Zu diesen Wegbereitern vor 1933 gehören in chronologischer Reihenfolge Jean Jacaues Rousseau (28.06.1712 – 02.07.1778[2]), David Henry Thoreau (12.07.1817 – 06.05.18622), William James (11.01.1842 – 26.08.19102), John Dewey (20.10.1859 – 01.06.19522), Minna Specht und Kurt Hahn (15.06.1886 – 14.12.19742).[3] Im folgenden soll auf drei dieser genannten Wegbereiter näher eingegangen werden.

1.1.1 Jean Jacques Rousseau und David Henry Thoreau

Rousseau und Thoreau haben sich nie kennen gelernt. Dennoch kann vermutet werden, dass beide ein Interesse daran gehabt hätten, ihre Ideale bezüglich der Erziehung des Menschen zu einem besseren Menschen ähnelten sich sehr. Rousseau entwickelte sein Idealbild der Erziehung in seinem pädagogischen Hauptwerk „Emile“. Emile, der Junge, dessen Erziehung zum vernünftigen Menschen beschrieben wird, erfährt eine Erziehung in Freiheit zur Freiheit. Die begrenzenden Regeln setzt sich Emile selbst, bzw. werden von der Natur gesetzt. Handlungen, die negative Einflüsse (z.B. Schmerz) zur Folge haben, werden von Emile gemieden. Der Erzieher, der Emile eher begleitet als aktiv formt, sorgt dafür, dass Emile in Freiheit aufwachsen kann und seine natürlichen Bedürfnisse den einzigen Grund für sein Handeln darstellen. Der unmittelbare Bezug zum Natürlichen steht hierbei im Mittelpunkt. Emile stellt das Idealbild eines Menschen dar, der bereinigt von gesellschaftlichen und damit verderbenden Einflüssen, frei von vermeintlichen Sachzwängen der modernen Zivilisation sich selbst und seine natürlichen und grundlegenden Bedürfnisse erfährt und so zu sich selbst findet. Die natürlichen Bedürfnisse sind dabei nur die, die aus dem Zögling selbst erwachsen. Es wäre bei der Erziehung des Emile ein schändliches Vergehen des Erziehers, sollte dieser versuchen, Emile ohne dessen ausdrücklichen Wunsch etwas zu lehren. Erziehung in Natürlichkeit zur Gewahrwerdung der eigenen wahren Bedürfnisse, des eigenen Selbst stehen im Vordergrund.[4]

Wo jedoch Rousseau, der Lebemann und unstete Zeitgenosse, ein Schreiberling war, der seine pädagogischen Ideale nicht in der Wirklichkeit ausserhalb seines Schreibblocks umsetzen konnte oder wollte und seine eigenen Kinder lieber in die Obhut eines Waisenhauses gab, als sich um die Realisierung seines pädagogischen Pathos manifestiert im „Emile“ in seinen eigenen Kindern zu kümmern, war David Henry Thoreau ein Praktiker. Dem pädagogischen Leitbild des „Emile“ nahestehend suchte er selbst für sich die Unmittelbarkeit der Natur und suchte sich selbst während seines „Walden-Experiments“. Hierzu zog er sich für zweieinhalb Jahre in eine abgeschiedene Waldhütte zurück und erprobte an sich selbst die Umsetzung eines Lebensideals, in welchem nur die natürlichen inneren und äußeren Bedürfnisse das Handeln bestimmen. Thoreau setzte sich mit diesem Experiment das Ziel mehr über sich, seine Seele und seine wahre Natur zu erfahren.[5]

1.1.2 Kurt Hahn

Kurt Hahn gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter und schließlich theoretische Begründer der Erlebnispädagogik. Sichtet man die Theorien von Rousseau und Thoreau so stellt man fest, dass ein konkreter Bezug zur Veränderung der bestehenden Verhältnisse eher schwammig ausfällt. Es handelt sich um theoretische Überlegungen, die für die Praxis einer breit angelegten Erziehungstätigkeit als einer staatlichen Veranstaltung nur als Rechtfertigung, nicht aber als leicht handhabbares Handwerkszeug dienen können. Rousseau schrieb Theorien nieder, die Thoreau mit seinen eigenen Theorien verband und in seinem Walden-Experiment an sich selbst erprobte, um die Aussagen und Annahmen auf ihren Gehalt und ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, aber von einer Institutionalisierung ihrer Ideen waren sie noch weit entfernt.

Die ersten Landeserziehungsheime, Kinder dieser theoretischen Strömungen unter anderem von Rousseau und Thoreau, wie oben ausgeführt, entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In ihnen sollte das Kind fernab von den schädlichen Einflüssen der verdorbenen und schädlichen Gesellschaft zu einer reifen, selbständigen und gefestigten Persönlichkeit heranreifen. Das erste Landerziehungsheim wurde 1898 von Hermann Lietz gegründet.[6]

Wie der Begriff „Landerziehungsheim“ bereits impliziert, sollten die Zöglinge dem schädlichen Umfeld einer Stadt entrissen werden, um frei von störenden Einwirkungen von außen ihre Entwicklung positiv durchlaufen zu können. Ähnliches verfolgte auch die Wandervogelbewegung, eine Initiative, die vor allem durch die Intellektuellen gegen Ende des 19. Jahrhunderts regen Zulauf erfuhr. Auch hier ging es um die freie Entfaltung und Entwicklung des Menschen, jedoch nicht statisch territorial begrenzt und an einen bestimmten Ort festgeschrieben, sondern umherziehend und wandernd sollte das eigene Selbst in unbeschränkter Freiheit der Natürlichkeit geformt werden.[7]

Kurt Hahn ging hier einen anderen Weg. Hahn ist dem Gedanken einer führenden Elite verhaftet, die in der Lage sein muss, andere Menschen zu führen, ihre Entwicklung und ihr Glück zu fördern. Gesellschaftlich war er also an einer Veränderung interessiert, die nur durch eine Veränderung der nachwachsenden Basis vonstatten gehen kann: der Kinder. Denn sie werden die Mitmenschen von morgen sein: Politiker, Anwälte usw. Um solche Veränderungen durch die Erziehung zu erreichen, ist es nach Hahn hinderlich, sie strikt von den gesellschaftlichen Erkrankungen fernzuhalten, die Hahn anprangert. Vielmehr sollen sie im Erkennen dieser Probleme geschult werden, sollen Berührungspunkte zwischen einer unmittelbaren Entwicklung des Selbst und der erkrankten Gesellschaft geschaffen werden.[8]

Hahn konnte seine pädagogischen Vorhaben schließlich als Leiter der Schule Schloss Salem, die 1920 durch den ehemaligen Reichskanzler Max von Baden gegründet wurde, in die Tat umsetzen. Die Hauptleiden der Gesellschaft, die Hahn identifizierte waren:

„ - der Mangel an menschlicher Anteilnahme
- der Mangel an Sorgsamkeit
- der Verfall der körperlichen Tauglichkeit
- der Mangel an Initiative und Spontaneität „[9]

Da eine Erziehung zu einer besseren Gesellschaft sich an diesen Problemen orientieren muss, um diesen begegnen zu können, stellte Hahn diesen vier Erkrankungen der Gesellschaft vier zentrale Elemente entgegen:

„ - Das körperliche Training
- Die Expedition
- Das Projekt
- Der Dienst „[10]

Aber die gesellschaftlichen Verfallserscheinungen lassen sich nur schwer durch eine kleine Gruppe von Menschen beheben. Eine gesellschaftliche Veränderung setzt voraus, dass genug Menschen bei dieser Veränderung helfen. Es war daher vonnöten das „Experiment“ Schloss Salem auszuweiten, um mehr Jugendliche und Heranwachsende, deren Entwicklungsprozess noch nicht abgeschlossen war, zu erreichen. Die Intensivkur anhand der vier zentralen Elemente von Hahn mussten also in kürzerer Zeit durchlaufen werden, um durch die erhöhte Frequenz mehr Jugendliche zu erreichen. Zusammen mit dem Reeder Laurence Holt entwickelte Kurt Hahn im, an der Westküste von Wales gelegenen Aberdovey, ein Konzept, dass auf einen relativ knapp begrenzten Zeitabschnitt (vier Wochen) angelegt war. Diese Schule wurde von Holt als „Outward Bound“ bezeichnet, nach einem englischen Seefahrerspruch, „der früher für ein zum Auslaufen bereites Schiff verwandt wurde.“[11] Entsprechend zum Bilde des auslaufbereiten Schiffs kurz vor der Fahrt auf offener See ging es bei diesem Outward Bound um Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsensein (16-20 Jahre alt), der die Aufnahme einer selbständigen Lebensführung bevorstand.

[...]


[1] Stüwe, Gerd / Dilcher, Rainer (Hrsg.) „Tatort Erlebnispädagogik“, Fachhochschulverlag Frankfurt am Main, 1998, S.16.

[2] www.wissen.de 17.03.2004

[3] Vgl. Stüwe / Dilcher, a.a.O., S.19.

[4] Heckmair, Bernd / Michel, Werner „Erleben und Lernen“, Hermann Luchterhand Verlag GmbH & Co. Kg., 2. Auflage, Neuwied, Kriftel, Berlin, 1994, S.4 ff.

[5] Heckmair /Michel, a.a.O., S.8 ff.

[6] Vgl. Microsoft Encarte 98 „Landerziehungsheime“

[7] Vgl. Heckmair /Michel, a.a.O., S. 21.

[8] Vgl. Niermann, Jochen / Engel, Rudolf (Hrsg.) „Erlebnispädagogik und Abenteuersport“, Institut für Schulforschung und Lehrerbildung (ISL), Universität Wuppertal, März 1994, S.69 f.

[9] Heckmair /Michel, a.a.O., S. 24.

[10] Heckmair /Michel, a.a.O., S. 24.

[11] Heckmair /Michel, a.a.O., S. 24.

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638398626
ISBN (Buch)
9783638692632
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41638
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Erlebnispädagogik Hitlerjugend Grundladen

Autor

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Titel: Erlebnispädagogik in der Hitlerjugend