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Sind die klassischen Modelle zur Erforschung von Wählerverhalten noch heute anwendbar?

von Kai Tanner (Autor)

Hausarbeit 2018 20 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhalts

1. EINLEITUNG - WAHLEN ALS EINFACHSTE FORM POLITISCHER PARTIZIPATION

2. EINGRENZUNG AUF ZWEI ANSÄTZE

3. DER SOZIALPSYCHOLOGISCHE ANSATZ NACH CAMPBELL 1960
3.1 KERNGEDANKEN DES MICHIGAN MODELLS
3.2 WEITERENTWICKLUNG UND KRITIK DER METHODE

4. DER RATIONALISTISCHE ANSATZ NACH DOWNS 1957
4.1 KERNGEDANKEN DES RATIONALEN MODELLS
4.2 WEITERENTWICKLUNG UND KRITIK DER METHODE

5. FAZIT: MODELLE NOCH VON RELEVANZ?

Wahlen in demokratischen Systemen werfen für den neutralen Beobachter verschiedene Fragen auf. Wie funktionieren Wahlen? Wie sind Wahlen reglementiert? Fragen dieser Art sind natürlich leicht zu beantworten, allerdings konzentriert sich diese Arbeit auf ein ganz anderes Forschungsfeld, die empirische Wahlforschung. Sie beschäftigte sich seit je her mit der Grundfrage: Wer wählt wen, warum und mit welcher Wirkung?[1] Wahlen stellen für jeden Bürger die einfachste Form der politischen Partizipation dar. In einer Zeit, in der die aktive politische Partizipation immer stärker abnimmt, ist das Wahl- recht die am ehesten genutzte Teilhabe an der deutschen Demokratie. Die Wähler mit ihren verschiedenen Absichten müssen ihre Bedürfnisse und Anliegen den politischen Organen artikulieren, dies geschieht an der Wahlurne. Dort haben sie die Möglichkeit eine Regierung zu bestellen bzw. abzulösen. Macht verleihen die Bürger einer Regierung auf Zeit, sie schenken einer Partei oder möglichen Koalition ihr Vertrauen, so dass sie sich in den kommenden vier Jahren behaupten muss, um wiedergewählt zu werden. Die Wahlentscheidung eines Bürgers kann also als Reaktion auf Elitenhandeln zu verstanden werden. Seine Stimme abzugeben ist ein Faktor, ein anderer ist, die Frage wer die Stimme bekommt und warum. Es versteht sich, dass die Reaktion auf die Politik der vergangenen Legislaturperiode nicht der einzige Grund für eine Wahlentscheidung darstellt. Mehrere Faktoren führen zu einem bestimmten Wahlergebnis. Natürlich lässt sich dabei nicht ab- schließend klären, wie jeder einzelne Wähler zu seiner Wahlentscheidung gelangt ist, je- doch wurden einige Ansätze entwickelt, um zumindest teilweise Erklärungen zu liefern und einige Wählergruppen herauszukristallisieren. Es sei von Anfang an klargestellt, dass die Wahlforschung keinen Ansatz besitzt, der das Wahlverhalten aller Wähler erklären kann, genau wie die Sozialwissenschaft als solche, keine generalisierte Theorie zur Er- klärung menschlichen Verhaltens besitzt. Diese Arbeit wird ausschließlich das Thema Wählerverhalten beleuchten.

Bürklin, Wilhelm/Klein, Markus: Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, Opladen 1998, S. 10.

In der Wahlsoziologie gibt es die vier großen Theorien, um Wählerverhalten zu erklären, welche sich in der Fachwelt als brauchbar manifestierten.

Im Jahr 1944 veröffentlichten Paul Lazarsfeld und Bernard Berelson von der Columbia University, ihre Studie zum Wählerverhalten, „The people´s choice“. [2] Dieser Ansatz wird auch als mikrosoziologischer Ansatz bezeichnet, da ihm die Theorie des „homo sociologicus“ zugrunde liegt und sie das Wahlverhalten anhand von Interaktion mit dem direkten Umfeld erklärt. Diese Theorie besagt, dass ein Individuum Normen aus seinem Umfeld auf sich selbst vereint und diese immer verfolgt, ohne situative Reize zu beach- ten.[3] Dem zufolge ist seine Wahlentscheidung die Summe aus allen Normen bezüglich politischen Denkens die der Wähler im Laufe seines Lebens aufgenommen und verinner- licht hat. Wenn der Wähler in einem homogenen Umfeld aufwächst, also in einem Um- feld, in dem alle Individuen sich in ihren sozialen Eigenschaften gleichen bzw. ähneln, werden alle Individuen dieser Gruppe dieselben Ziele verfolgen. So wählen Menschen die in ländlichen Gebieten leben eher konservativ als Menschen aus urbanen Gebieten.[4] Da der „homo sociologicus“ immer im Einklang mit seinem sozialen Umfeld leben will, nimmt er sich zwangsläufig auch dessen Präferenzen an. Zieht das Individuum in ein neues Umfeld, ändern sich seine bisherigen Präferenzen nicht schlagartig, allerdings wer- den sie schleichend denen des neuen Umfeldes weichen.[5] Dieses Modell limitiert sich mit diesen Erklärungen jedoch selbst, da es nur in der Lage ist Wahlentscheidungen bzw. politische Präferenzen in homogenen Umfeldern zu erklären. Es lässt zu viele Faktoren außen vor, welche relevant sein könnten, um eine Wählerentscheidung herbeizuführen, vor allem kurzfristige Einflüsse. Der Prozess der Meinungsbildung wird hier zu langge- zogen und lässt keine kurzfristige Entscheidung bzw. um Entscheidung zu. Darüber hin- aus erklärt es nicht wie die Interaktionspartner des Individuums zu einer bestimmten po- litischen Präferenz gekommen sind, vor allem aber weshalb sie diese Präferenzen an an- dere Personen in ihrem Umfeld weitergeben. Es ist zudem zweifelhaft, ob in der globali- sierten Gesellschaft noch solche homogenen Umfelder existieren. Durch schnellen Infor- mationsgewinn im Internet und den Meinungsaustausch auf sozialen Netzwerken, besitzt jedes Individuum ein erweitertes direktes Umfeld, welches als stark heterogen angesehen werden sollte. Das Modell besitzt zwar auch das erweiternde Element der „cross-pres- sures“[6], welches die Änderung von politischen Präferenzen in heterogenen Umfeldern erklärt. Allerdings ist diese Änderung noch schwerer zu prognostizieren, als die Wahl- entscheidung eines Individuums in einem homogenen Umfeld. In der Studie wird aufge- zeigt, dass Individuen sich auch in verschiedenen homogenen Umfeldern bewegen, die mit ihren jeweiligen Einflüssen ihre Meinung beeinflussen. Zur Erläuterung, wenn eine Person streng gläubig und katholisch wäre, müsste sie ihre Stimme der CDU geben. Gleichzeitig ist diese Person aber ein Arbeiter welcher sich gewerkschaftlich organisiert, ein typischer SPD-Wähler also. Es ist an diesem Beispiel weder vorherzusagen, wie sich diese Person entscheiden wird, noch ist es nachvollziehbar, weshalb sich diese Person für eine Partei entscheidet. Auch kann nicht erklärt werden, weshalb die Person möglicher- weise der Wahl fernbleiben könnte. Geht man wie im Modell davon aus, dass die Zuge- hörigkeit zu einer bestimmten Gruppe die Wahlentscheidung beeinflusst und dass die Präferenzen der Individuen innerhalb dieser Gruppe deckungsgleich sind, würde man bei den Ergebnissen der Bundestagswahl 2017 stutzig werden. Schaut man sich die Gruppe der arbeitslosen Wähler an[7], so erkennt man das die drei stärksten Parteien, innerhalb der Gruppe der Arbeitslosen, die CDU mit 20 %, die AfD mit 21 % und die SPD mit 23 % Stimmenanteil, sind. Die drei Parteien unterscheiden sich in ihren politischen Inhalten deutlich voneinander, liegen stimmentechnisch jedoch sehr eng beieinander. Mit dem mikrosoziologischen Modell wäre dies nicht zu erklären. Genau hier liegt die Schwach- stelle des Modells und macht es aus diesem Grund ungeeignet zur Erklärung von heutigen Wahlergebnissen. Es wird darüber hinaus kein Bezug zu der hohen Anzahl an Nichtwäh- lern genommen, also auf die Wahlbeteiligung, noch gesteht es dem Wähler eine gewisse Handlungsfreiheit ein.

Zu den soziologischen Modellen zählt neben dem beschriebenen mikrosoziologischen, auch das makrosoziologische Modell. Jenes ist allerdings nur ein indirekter Erklärungs- ansatz, weil der eigentliche Forschungsansatz, der Begründer Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan, die Nachvollziehung der Entstehung von westlichen Parteiensystemen war. Im Jahr 1967 veröffentlichten sie ihren Aufsatz „Party Systems and Voter Align- ments“[8], welcher die Grundlage ihrer „Cleavage-Theorie“[9] darstellt. Hier findet die Wahlforschung Anknüpfpunkte um von der Gruppenzugehörigkeit, also der Makroebene, auf die Wahlentscheidung des Individuums, der Mikroebene, zu schließen. Den Mitglie- dern einer sozialen Großgruppe werden gemeinsame Eigenschaften und Präferenzen zu- geordnet, welche sie auch zu einem gemeinsamen Interesse zusammenfasst. Nun soll an- hand einer Konfliktlinie, einem Cleavage, zwischen zwei sozialen Großgruppen, aufge- zeigt werden, dass sich aus diesem Konflikt eine jeweilige Interessenvertretung auf bei- den Seiten entwickelte. Als Beispiel wäre der Cleavage Arbeit vs. Kapital heranzuziehen. Diese Spannungslinie entwickelte sich mit dem Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Die Fabrikarbeiter begannen sich aufgrund von schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen zu organisieren und gründeten Arbeiterparteien, welche die politi- schen Interessen dieser Großgruppe der Arbeiter vertreten sollte. Es ist also davon aus- zugehen, dass die Gruppe der Arbeiter gruppenkonform wählen würde, wenn es seine Interessen politisch durchsetzen will. Dies führt zu einer Politisierung der Sozialstruktur, welche wiederum jede soziale Großgruppe mit einer eigenen Interessenvertretung ver- sieht, wodurch Wahlen zum Zählapell der sozialen Großgruppen werden. Wenn ein Cleavage also über länger Zeit aufrechterhalten bleibt, so müssten auch die beteiligten sozialen Großgruppen stabil bleiben. Stabile soziale Großgruppen bedeuten im Umkehr- schluss, dass die Wahlergebnisse im selben Zeitraum stabil bleiben müssten. Dieser Lo- gik folgt auch die Theorie von Lipset und Rokkan. Sie legen dar, dass sich aus dieser Stabilität der Konflikte ein „eingefrorenes Parteiensystem“[10] entwickelt, welches über Jahre stabil bleiben wird. An dieser Stelle schwächelt auch das makrosoziologische Mo- dell. Es ist nicht bzw. nur teilweise in der Lage Schwankungen in den Wahlergebnissen und die Entstehung, sowie die Manifestation neuer Parteien zu erklären. Mit Blick auf die Ergebnisse der Bundestagswahlen, seit Einführung der Sperrklausel im Jahr 1953, kann man erkennen, dass seitdem 3 neue Parteien in den Bundestag einziehen konnten.[11] Ein neuer Cleavage bzw. eine neue soziale Großgruppe hat sich seitdem jedoch nicht entwi- ckelt. Überhaupt scheint die Gruppenzugehörigkeit als solche nicht mehr die Rolle zu spielen, die sie innehatte als Lipset und Rokkan ihre Theorie aufstellten. Zur Erläuterung kann man auch hier wieder die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 heranziehen. Nach dem makrosoziologischen Ansatz müssten alle bzw. der größte Teil der klassischen Ar- beiter eigentlich für die Arbeiterpartei SPD votieren. Im konkreten Fall erreichte die SPD allerdings nur 23 % der Stimmen unter den Arbeitern.[12] Die meisten Stimmen verbuchte die CDU mit 25 % Stimmanteil. Mit dem herkömmlichen makrosoziologischen Modell ist dieses Ergebnis nicht zu erklären. Das Problem der makrosoziologischen Theorie ist, dass sie veraltet ist. Seit den späten 1960er Jahren hat es einen grundlegenden sozio- ökonomischen Strukturwandel von der Industriegesellschaft zur industriellen Dienstleis- tungsgesellschaft gegeben.[13] Wodurch die klassischen Konfliktgruppen, wie beispiels- weise Arbeiter, einen relativen Bedeutungsverlust erfahren. Die Cleavages von Lipset und Rokkan sind schlicht nicht mehr aktuell genug, weshalb ihre Theorie auch in der ursprünglichen Form nicht mehr haltbar ist.

Aus den angeführten Gründen werden die beiden soziologischen Modelle in dieser Arbeit nicht detailliert betrachtet und beschrieben. Sie fallen aufgrund ihrer Schwächen von vornherein aus dieser Arbeit heraus.

Im Jahr 1960 veröffentlichte eine Gruppe, um den Sozialwissenschaftler Angus Campbell von der Michigan University, einen Ansatz um das Wählerverhalten der amerikanischen Wähler zu erklären. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie unter dem Namen „The Ameri- can Voter“[14]. Das Ann Arbor Modell erklärt die Wahlentscheidung durch subjektive Wahrnehmungen und lässt auch Abweichungen vom Wahlverhalten der Wähler zu.

[...]


[1] Bürklin, Wilhelm/Klein, Markus: Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung, Opladen 1998, S. 10.

[2] vgl. Schoen, Harald (a): Wahlsoziologie. In: Kaina V., Römmele A. (eds) Politische Soziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 183.

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] ebd. S. 184.

[6] vgl. Berelson, Bernard/Lazarsfeld, Paul/McPhee, William: Voting. A Study of Opinion Formation in a Presidential Campaign, Chicago 1963 S. 53.

[7] vgl. https://wahl.tagesschau.de/wahlen/2017-09-24-BT-DE/umfrage-job.shtml [13.02.18]

[8] vgl. Lipset, Seymour/Rokkan, Stein: Cleavage structures, party systems, and voter alignments: an intro- duction, in: dies. (Hrsg.): Party systems and voter alignments: cross-national perspectives, New York 1967, S. 1-64.

[9] ebd., S.9.

[10] vgl. Bürklin, a.a.O., S. 20.

[11] vgl. https://www.bundestag.de/parlament/wahlen/ergebnisse_seit1949/244692 [14.02.18]

[12] vgl. https://wahl.tagesschau.de/wahlen/2017-09-24-BT-DE/umfrage-job.shtml [14.02.18]

[13] vgl. Görl, Tilo: Klassengebundene Cleavage-Strukturen In Ost- Und Westdeutschland. Nomos 2007, S.

[14] Campbell, Angus/Converse, Philip/Miller, Warren/Stokes, Donald: The American Voter, Ann Arbor 1966.

Details

Seiten
20
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668663152
ISBN (Buch)
9783668663169
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416232
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Wählerverhalten Wahl BRD Wählerentscheidung Sozialpsychologisches Modell Rational Choice

Autor

  • Kai Tanner (Autor)

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