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Autismus - Ein Leben in Einsamkeit?

Seminararbeit 2003 13 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Autismus (allgemein)

2. Diagnostische Merkmale

3. Ursachen des Autismus
3.1 Psychologische Grundlagen des Autismus
3.2 Physiologische Grundlagen des Autismus

4. Wie entwickeln sich autistischer Kinder ?
4.1. Krankheitsverlauf
4.2. Entwicklungsstörungen

5. Therapieansätze des frühkindlichen Autismus

6. Resümee

7. Literatur

1. Autismus (allgemein)

Der Begriff Autismus kommt vom griechischen >autos< was soviel wie >selbst< bedeutet. Das Syndrom wurde zum ersten Mal 1943 von Leo Kanner beschrieben.

Autistische Störungen zählen neben der Rett-Störung, der Asperger-Störung und der Desintegrativen Kindheitsstörung zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen.

Charakteristisch für diese Störung ist der soziale Rückzug, der gleichfalls den negativen Symptomen der Schizophrenie ähneln. Anders als bei Schizophrenie haben Autisten keine Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Des Weiteren unterscheidet sich Autismus von Schizophrenie dadurch, dass Männer häufiger (etwa viermal so oft) als Frauen betroffen sind, die Störung recht früh auftritt und zumeist gleichzeitig eine geistige Behinderung diagnostiziert wird (vgl. Davison/ Neale, 1998, S. 551).

Autistische Störungen treten recht selten auf; etwa zwei bis vier von 10 000 Kindern sind betroffen (vgl. Oerter/ Montada, 1998, S. 954).

2. Diagnostische Merkmale

Die charakteristischen Hauptmerkmale der autistischen Störung sind einerseits die sehr eingeschränkte Entwicklung der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie andererseits ein enges und begrenztes Potenzial an Aktivitäten und Interessen.

Das abnormale Verhalten gegenseitiger sozialer Interaktion ist anhaltend und massiv. Hierbei kann die Handhabung nonverbaler Verhaltensweisen, die für eine zwischenmenschliche Interaktion und Kommunikation von Bedeutung sind, stark beeinträchtig sein (vgl. Saß, 1996, S. 103). Diese Beeinträchtigung zeigt sich beispielsweise darin, dass autistische Kinder die Bezugsperson (meistens die Mutter) beim Füttern keines Blickes würdigen oder sie beim Aufnehmen ihren Rücken verkrümmen, um so den Körperkontakt so gering wie möglich zu halten (vgl. Davison/ Neale, 1998, S. 552). Ein spontanes Verlangen, Interessen und Vergnügungen mit Mitmenschen zu teilen, kann ebenso fehlen, wie der emotionale und soziale Austausch. So weisen autistische Kinder nicht auf Dinge, die sie interessieren. Sie beschäftigen sich auch lieber allein, als mit anderen. Des Weiteren können jüngere Autisten unfähig sein, eine freundschaftliche Beziehung zu Gleichaltrigen zu entwickeln (vgl. Saß, 1996, S. 103). Diese Tatsache kann sich allerdings ändern. So bilden „Im Alter von zwei bis drei Jahren […] viele autistische Kinder irgendeine emotionale Bindung an ihre Eltern oder anderer Bezugspersonen aus“ (Davison/ Neale, 1998, S. 552).

Das zweite Hauptmerkmal autistischer Störungen, die Beeinträchtigung der verbalen sowie nonverbalen Kommunikation, ist ebenfalls anhaltend und deutlich beobachtbar. Das Ausbilden der gesprochenen Sprache kann entweder völlig ausbleiben oder verzögert eintreten. Bei den Autisten, die eine verbale Sprache entwickelt haben, weist diese allerdings prägnante Merkmale auf. So ist der Gebrauch der Sprache stereotypenhaft und repetitiv (vgl. Saß, 1996, S. 103). Eigentümlichkeiten der autistischen Sprache sind die Echolalie, die Pronomen-Umkehr, die Neologismen sowie der metaphorische Sprachgebrauch.

Unter Echolalie wird die wortgetreue und mit hoher, monotoner Stimme Wiedergabe von Wörtern und Sätzen (wie ein Echo) verstanden, die das autistische Kind von anderen Personen sagen gehört hat. Lange Zeit sah man in dieser Sprachanomalie keinerlei Sinn. 1983 kam Prizant zu der Ansicht, dass Echolalie ein Kommunikationsversuch mit der Umwelt sei. Man unterscheidet hierbei zwischen zwei Formen: die prompte Echolalie und die verzögerte Echolalie. Von der ersten Form spricht man, wenn beispielsweise einem Kind mit Autistischer Störung eine Frage gestellt wird („Möchtest du einen Keks?“) und es mit derselben Frage antwortet. Befindet sich jedoch das Kind zum Beispiel in einem Raum mit einem laufenden Fernsehgerät und unterhaltenden Personen, so scheint es sich weder für die Konversation noch für das Programm zu interessieren. Stunden oder erst Tage später wiederholt es dann Wörter oder Sätze wortgetreu aus dem Gespräch oder dem Fernsehprogramm. Dies bezeichnet man dann als verzögerte Echolalie.

Eine weitere abnorme Sprechweise ist die Pronomen-Umkehr. Diese Anomalie ist auf das häufige Anwenden der Echolalie-Sprache zurückzuführen. Kinder mit einer Autistischen Störung sprechen dabei oft von sich selbst in der dritten Person Singular („er“, „sie“) oder als „du“ oder nennen sich gar selber beim Namen. Sie reden demnach über sich selbst in der Art und Weise, wie sie das von anderen aufgenommen haben. Dies wird bei Davison / Neale mit folgendem Beispiel verdeutlicht:

Mutter: „Was tust du da, Johnny?“

Kind: „Er ist da.“

Mutter: „Geht es dir gut?“

Kind: „Er weiß es.“

Wortneuschöpfungen oder die Handhabung von Wörtern in ihrer unüblichen Bedeutung (Neologismen) ist eine weitere Eigentümlichkeit der autistischen Sprache. Neologismen können ebenfalls auf Echolalie zurückgeführt werden. Hierbei wiederholt das Kind früher gehörte Wörter oder Sätze, die der neuen Situation nicht mehr entspricht (vgl. Davison/ Neale, 1998, S. 556).

Einige autistische Kinder verwenden auch die metaphorische Sprache, „d.h. eine Sprache, die nur diejenigen verstehen, die mit dem Kommunikationsstil des Betroffenen vertraut sind“ (Saß, 1996, S. 103).

1987 führte Paul dennoch an, dass selbst nachdem Autisten sprechen gelernt haben, ihnen jedoch die verbale Spontaneität fehlen würde (vgl. Davison/ Neale, 1998, S. 556).

Ein weiteres charakteristisches Merkmal autistischer Störungen ist die Beschränkung repetitiver und stereotyper Interessen, Verhaltensmuster und Aktivitäten. Hier sei anzumerken, dass ein starres Festhalten an bestimmten Gewohnheiten und Ritualen, wie beispielweise immer den gleichen Schulweg zu nehmen, auffällt. Autisten beharren auf Gleichförmigkeit und können schon bei der kleinsten Veränderung, wie zum Beispiel eine neue Sitzordnung am Tisch, mit Widerstand oder Kummer reagieren (vgl. Saß, 1996, S. 104).

Stereotypien betreffen allerdings nicht nur Gewohnheiten, sondern auch die Hand- und Körperbewegung. So schaukeln sie mit ihrem Körper, gehen auf Zehenspitzen oder klatschen in die Hände (vgl. Davison/ Neale, 1998, S. 557). Weiterhin kann eine starke Bindung zu einem Gegenstand, zum Beispiel zu einem Stein oder einem Lichtschalter, charakteristisch sein (a.a.O., S. 553).

Wichtig ist noch zu erwähnen, dass in vielen Fällen gleichzeitig auch eine mittelschwere geistige Behinderung festgestellt wird und etwa 75% der autistischen Kinder eine intellektuelle Retardierung aufweisen (vgl. Saß, 1996, S. 104). Dennoch „können sie großes Talent für bestimmte isolierte Fertigkeiten haben und z.B. in der Lage sein, zwei vierstellige Zahlen blitzschnell im Kopf zu multiplizieren“ (Davison/ Neale, 1998, S. 552). Einige Autisten verfügen auch über ein außergewöhnliches Langzeitgedächtnis, was sich vor allem darin äußert, dass sie sich genauestens an einen Liedtext erinnern, welchen sie vor Jahren gehört haben (a.a.O.).

3. Ursachen des Autismus

Früher wurde vergeblich versucht, eine einheitliche Ursachengruppe für den frühkindlichen Autismus zu finden. Heute weiß man, dass verschiedene Störungsgruppen zu autistischen Erscheinungsbildern führen können. (vgl. Oerter/Montada, 1998, S. 955

3.1. Psychologische Grundlagen des Autismus

Die Theorie Bettelheims (1967)

Eine der bekanntesten psychologischen Theorien stammt von Bruno Bettelheim. Die Grundannahme seiner Theorie ist die Ähnlichkeit des Autismus mit der Apathie und Hoffnungslosigkeit, wie sie während des Zweiten Weltkrieges für die Insassen deutscher Konzentrationslager kennzeichnend gewesen ist. Er ging davon aus, dass eine negative Eltern-, insbesondere Mutter-Kind-Beziehung, die Ursache für die Entwicklung des autistischen Störungsbildes sei. Er vermutet, dass die Eltern zurückweisend sind und das Kleinkind in der Lage ist, die negativen Gefühle ihm gegenüber wahrzunehmen. Das Kind stellt fest, dass seine Handlungen bei den Eltern kaum ein Echo finden. Dies hat zur Folge, dass das Kind aufgrund dieser frühen Erfahrung, dass die Welt für seine Reaktionen unempfänglich ist, meint, dass es die Welt aus eigener Kraft nicht beeinflussen kann. Es lässt sich nie wirklich auf die Welt ein, sondern verschanzt sich gegen Schmerz und Enttäuschung im Autismus. Kanner beschrieb die Eltern autistischer Kinder in seine frühen Arbeiten als kalt, unsensibel, übergenau, introvertiert, zurückhaltend und hochintellektuell (Kanner & Eisenberg, 1955). Singer und Wyne (1963) beschrieben, dass sich die Eltern von den Kindern distanzieren, manche allen zwischenmenschlichen Beziehungen mit Zynismus begegnen, emotional kalt sind, andere wiederum passiv und teilnahmslos. Wieder andere treten allen Menschen mit zwanghafter, intellektueller Distanz gegenüber. Diese ersten klinischen Eindrücke konnten aufgrund von systematischen Untersuchungen nicht aufrecht erhalten werden. Cox und seine Mitarbeiter (1975) verglichen die Eltern autistischer Kinder mit Eltern, deren Kinder an rezeptiver Aphasie (einer Störung des Sprachverständnisses) litten. Die Eltern unterschieden sich nicht in Wärme, emotionaler Ausdruckskraft, Reaktionsfreudigkeit und Soziabilität. Diese und andere Untersuchungen zeigten, dass die Eltern autistischer Kinder sich nicht von Eltern anderer Kinder unterscheiden. Die Eltern autistischer Kinder erziehen auch gesunde Kinder.

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Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638398435
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41615
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Psychologisches Institut
Note
1
Schlagworte
Autismus Leben Einsamkeit Entwicklungspsychologie

Autor

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Titel: Autismus - Ein Leben in Einsamkeit?