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Unrasiert. Die Beinenthaarung und das weibliche Selbstverständnis

Fachbuch 2018 45 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Identität?
2.1 Identität nach Mead
2.2 Identität nach Plessner

3 Die Beziehung zwischen Körper und Identität

4 Was ist eigentlich „Schön“?
4.1 Schönheitshandeln und Schönheitsideale
4.2 Die Verbreitung von Schönheitsidealen
4.3 Warum Schönheit und Schönheitsideale so wichtig sind

5 Schönheit und Weiblichkeit
5.1 Was bedeutet eigentlich „Weiblichkeit“?
5.2 Die Haut

6 Die Norm der Körperenthaarung und ihre Entstehung
6.1 Gründe für die Entfernung der Körperbehaarung der Frau
6.2 Von Amerika nach Europa

7 Das Haar als Symbol
7.1 Das Haar und seine symbolische Bedeutung bei Anthony Synnott
7.2 Die Bedeutung des Haares und dessen Entfernung in der heutigen Zeit

8 Herstellen von Weiblichkeit

9 Was die Haarentfernung bewirkt
9.1 Gesellschaftlicher Status
9.2 Selbstkritik

10 Schluss
10.1 Zusammenfassung
10.2 Fazit
10.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Hinsichtlich unserer Körper sind wir zu Unternehmerinnen und Unternehmern geworden, zu Gestaltern unseres Selbst. Am Körper leben wir unseren Schaffensdrang aus, über Körperlichkeit verleihen wir unserer Persönlichkeit Ausdruck. Menschen managen nicht nur ihr Leben, sie managen auch ihren Körper“ (Posch (PK), S.11)

Der Körper ist nicht nur das wichtigste Handlungsinstrument des Menschen, sondern in der heutigen Zeit auch zur Visitenkarte eines jeden Individuums geworden. Aus diesem Grund wird er gepflegt, geformt und verschönert. Wie man das am besten macht, verraten die vielen Zeitschriften, in denen man über Diäten, Schönheitstipps und Modetrends lesen kann. Neben den vielen Printmedien wird er auch im Fernsehen thematisiert: Werbungen für Fitnessprogramme, Hautcremes oder Rasierapparate, an körperorientieren Medieninhalten kommt man nicht vorbei. Abgesehen von Produkten werden allerdings auch Lebenseinstellungen – durch den Transport bestimmter Botschaften in den Werbungen – vermarktet.

Jedoch ist der Körper nicht nur Thema in den Medien, sondern auch im Büro, zu Hause oder im Supermarkt, sprich im realen Leben. Er ist ständiger Begleiter eines jeden Menschen, wird von innen oder von außen wahrgenommen. So wie der Körper für andere Menschen sichtbar wird, entsteht ein erster Eindruck. Dabei wird der Körper aber nicht nur als Gegenstand bewertet, sondern auch als Person. Aus diesem Grund nimmt man manche Menschen als sympathisch, andere hingegen als unsympathisch wahr.

Daher vertritt eine Vielzahl von Autoren die Meinung, dass das Aussehen eines Menschen, oder seines Körpers, nicht nur für ihn selbst, sondern auch in den Augen anderer identitätsstiftend wirkt.

Besonders der weibliche Körper unterliegt – an Schönheit orientierten – gesellschaftlichen Normen. So hat sich in etwa die Beinrasur zur exklusiv weiblichen Aufgabe entwickelt. Frauen, die die Haare an den Beinen nicht entfernen, sind in der heutigen Zeit zu einer Seltenheit geworden. Allerdings ist sich kaum eine Frau der tiefergehenden Gründe dafür bewusst. Die Enthaarung ist ein selbstverständlicher Teil des Alltagslebens der Frau geworden. Die komplexen, im Hintergrund ablaufenden Prozesse der – so simpel und beinahe unwichtig und nebensächlich wirkenden – Prozedur der Beinenthaarung bleiben dabei weitgehend unhinterfragt.

Aus diesem Grund befasst sich die folgende Arbeit mit dem weiblichen Körper und der über Körperlichkeit hergestellten Identität am Beispiel der Beinenthaarung. Im Mittelpunkt sollen daher die Fragen stehen, ob es eine über den Körper hergestellte Identität gibt und welche Auswirkungen Körperbehaarung, insbesondere Beinbehaarung und deren Entfernung, auf die weibliche Identität hat oder haben kann. Der geographische Fokus wird dabei vor allem auf Amerika und Europa liegen, um das Feld der Arbeit entsprechend einzugrenzen.

Zunächst werden dafür die Theorien zur Identitätsbildung von George Herbert Mead und Helmuth Plessner, sowie deren Bezug zur Körperlichkeit dargestellt, anhand derer eine Verbindung zwischen Identität und Körper hergestellt werden soll.

Des Weiteren soll im Verlauf erarbeitet werden, was Schönheit und Schönheitshandeln mit Identitätsentwicklung zu tun haben. Dafür werden besonders Waltraud Posch und Nina Degele, sowie weitere Autoren und Autorinnen herangezogen, um dann eine Definition von Weiblichkeit im Bezug auf Schönheitsnormen zu erarbeiten.

Um den Fokus auf die Beinenthaarung zu legen, wird anhand von Christine Hope die Geschichte der Körperenthaarung dargestellt, um im weiteren Verlauf auf die symbolische Bedeutung der Körperbehaarung einzugehen. Zur Veranschaulichung soll des Weiteren die Werbung eines Markenrasierers herangezogen werden, um zu zeigen, dass eine Rasur mehr bedeutet, als nur eine glatte Haut.

Ziel der Arbeit ist es, einen konkreten Bezug zwischen der Enthaarung der Beine und weiblicher Identität herzustellen.

2 Was ist Identität?

„Identität ist – dem Ideal nach – als vollständige Kongruenz des Menschen mit sich selber, seiner Umgebung und seinem gelebten Leben zu verstehen; anders ausgedrückt, als Übereinstimmung von Anlagen/Charakter/Interessen/Bedürfnissen/Fä- higkeiten/Fertigkeiten/ Lebenszielen/Gewissen und psychischer Verfassung eines Menschen sowie als Übereinstimmung dieser Aspekte mit den Lebensumständen und der Wahrnehmung/ Einschätzung/Anerkennung durch die Menschen aus der eigenen Umgebung“ (Platta; S.67).

Identität umfasst, wie in diesem Zitat erkennbar wird, ein breites Spektrum des menschlichen Daseins. Allerdings wird dem Körper hier keine Relevanz für die Identität zugesprochen.

Um zu prüfen, welche Bedeutung der Körper für die Identität hat, soll im Folgenden die Identitätsentwicklung genauer betrachtet werden.

2.1 Identität nach Mead

In seinem Werk „Geist, Identität und Gesellschaft“ beschreibt der Sozialpsychologe und Philosoph George Herbert Mead den Prozess der Identitätsbildung. Dabei geht er davon aus, Identität sei einzig und allein ein gesellschaftliches Phänomen.

In dem von ihm entwickelten Identitätskonzept wird der Mensch als soziales Wesen betrachtet, welches grundliegend sozial determiniert ist. Somit ist eine autonome Entwicklung abseits sozialer Prozesse für Mead ausgeschlossen (Vgl. Stockmeyer, S.46-47).

Voraussetzung für die Identitätsentwicklung ist der Theorie nach die reflexive Fähigkeit, sich selbst zum Objekt zu machen, was so viel bedeutet, wie sich zu sich selbst wie zu einer anderen Person zu verhalten. Die klassische Identitätsfrage „Wer bin ich?“ wird daher nicht allein vom Individuum beantwortet, sondern konzipiert sich durch soziales Handeln und der Interaktion mit anderen Menschen, sowie deren Reaktionen auf die eigenen Handlungen. Der Prozess der Herausbildung der Identität bzw. des Selbst streckt sich dabei über die gesamten Sozialisationsphasen hinweg, bis zur Vollendung der Adoleszenz. Erst dann kann, so Mead, von einer relativ stabilen Identität gesprochen werden. Allerdings ist die Identitätsbildung nie völlig abgeschlossen. Vielmehr ist sie ein das gesamte Leben andauernder Prozess.

Die Verinnerlichung der Haltung anderer vollzieht sich nach Mead durch das sogenannte ‚Role taking‘, welches sich schon in den frühen Sozialisationsphasen erkennen lässt. Dabei unterscheidet Mead zwischen zwei Entwicklungsphasen: ‚play‘ und ‚game‘.

In der ersten Entwicklungsphase – die ‚play‘ Phase – imitiert ein Kind spielerisch die einzelnen Rollen wichtiger Bezugspersonen, wie in etwa die Rolle der Mutter. Somit wechselt das Kind von der eigenen Rolle zu der eines, wie es Mead bezeichnet, signifikanten Anderen. Dabei spielt es die Beziehung des signifikanten Anderen zu sich selbst, sowie dessen Erwartungen durch. Durch dieses ‚Spiel‘ entwickelt das Kind zum einen ein Gefühl dafür, sich in andere hinein zu versetzten und sich mit ihnen zu identifizieren, darüber hinaus entsteht ein Verständnis über sich selbst.

In der zweiten Phase, welche Mead ‚game‘ nennt, übernimmt das Kind nicht mehr nur eine Rolle, sondern muss mehrere Rollen gleichzeitig übernehmen. Ein weiterer Unterschied zum ‚play‘ ist, dass das Kind nicht mehr nach den eigenen Regeln spielen kann, sondern den in der Gruppe abgemachten Regeln unterliegt. Es muss die Folgen des eigenen Handelns für die Gruppe mit bedenken, sich also selbst wie durch die Augen der anderen Spieler wahrnehmen und deren Erwartungen internalisieren können. Diese Gruppe von Spielern, dessen Rollen das Kind in dieser Entwicklungsstufe übernimmt, bezeichnet Mead als ‚generalisierten Anderen‘. Durch die Aneignung des generalisierten Anderen werden nach und nach die Regeln und Normen der Gesellschaft verinnerlicht. Das organisierte Regelspiel ist dabei als Paradigma für das soziale Leben zu sehen. In den darauf folgenden Sozialisationsphasen gilt der generalisierte Andere dann als Repräsentant der Summe der generellen Erwartungen, sowie die in bestimmten Situationen oder Rollen relevanten Normen und Werte der Gesellschaft im Individuum.

Um die Individualität einzelner Personen zu erklären, entwickelt Mead das Konzept von „I“ und „me“, wobei das „I“ den individuellen und das „me“ den gesellschaftlichen Teil des Selbst (mit Selbst meint Mead Identität) darstellt.

Das „I“ stellt den individuellen Teil des Selbst dar, welcher durch Spontanität und Kreativität gekennzeichnet ist. Außerdem ist das „I“ vorsozial und unbewusst, weshalb in ihm sinnliche und körperliche Bedürfnisse spontan zum Ausdruck kommen. Es repräsentiert die Reaktionen des Individuums auf die Haltung anderer. Jedoch tritt das „I“ „[…] nicht in das Rampenlicht; wir sprechen zu uns selbst, aber wir sehen uns nicht selbst.“ (Mead, Geist Identität und Gesellschaft, S.217)

Unter „me“ versteht Mead daher den Teil des Selbst, welcher aus den Kenntnissen, die ein Subjekt über sich selbst im Prozess der Rollenübernahme erworben hat, resultiert. Es enthält also die verinnerlichten Haltungen anderer gegenüber dem Individuum. Im „me“ kommt außerdem die Kontrolle des generalisierten Anderen in Form von Selbst- und sozialer Kontrolle zum Ausdruck. (Vgl. Stockmeyer, S.50)

Aus internalisierten Haltungen anderer und deren Übernahme, resultiert eine Identität, auf welche das „I“ reagiert. Aus diesem Grund ist die Struktur der Identität gesellschaftlich vorgegeben:

„Die Haltung der anderen bilden das organisierte „me“ und man reagiert darauf als ein „I“. … Und nur dank der Fähigkeit des Einzelnen, diese Haltungen der anderen einzunehmen, […] wird er sich seiner Identität bewußt. Die Übernahme aller dieser organisierten Haltungen gibt ihm sein „me“, d.h. die Identität, deren er sich bewußt wird.“ (Schmidt S.23)

Somit entsteht die Identität aus der Wechselwirkung der beiden Instanzen. Um allerdings von einer gelingenden Identität sprechen zu können, muss eine Balance zwischen dem „I“ und den im Laufe der Entwicklung immer neu auftauchenden „mes“ hergestellt werden, wodurch auch ein einheitliches Selbstbild generiert wird.

„Man entwickelt insofern eine Identität, als man die Haltung anderer einnehmen und sich selbst gegenüber so wie gegenüber anderen handeln kann.“ (Mead, Geist Identität und Gesellschaft, S.214)

Die zentrale Annahme der Mead’schen Identitätstheorie ist folglich, dass Identität durch Selbstobjektivierung entsteht. Neben der Übernahme der Rolle von signifikanten anderen spielt auch das Symbolsystem der Gesten und Sprache eine fundamentale Rolle für die Identitätsentwicklung.

Das Selbst entwickelt sich so in einem kommunikativen Prozess, welcher zunächst non-vokale Gesten enthält, die jedoch im Laufe der Sozialisation zunehmend durch vokale Gesten ersetzt werden. Für die Identitätsentwicklung ist vor allem die vokale Geste von Bedeutung, die zur signifikanten Geste wird. Dies ist dann der Fall

„[…] wenn sie auf das ausführende Individuum die gleiche Wirkung ausübt wie auf das Individuum, an das sie gerichtet ist oder das ausdrücklich auf sie reagiert, und somit einen Hinweis auf die Identität des Individuums enthält, das die Geste ausführt.“ (Mead, Geist Identität und Gesellschaft, S.85)

Daraus lässt sich schließen, dass durch die Sprache die Selbstobjektivierung des Individuums ermöglicht wird, da erst durch den Perspektivwechsel bzw. die Rollenübernahme welche vor allem sprachlich artikuliert wird, eine objektive Sicht auf das Selbst und damit die Betrachtung des eigenen Ich aus der Objektperspektive ermöglicht wird.

2.1.1 Der Körper bei Mead

Der Körper spielt in Meads Konzept eine eher untergeordnete Rolle. Zwar wird er wiederholt erwähnt, jedoch wird ihm keine essentielle Bedeutung für die Entwicklung der Identität zugesprochen. Die Begründung hierfür liegt in der scharfen Trennung zwischen dem Organismus – wie Mead den Körper bezeichnet – und der Identität. Diese Trennung erklärt er dadurch, dass das Selbst – also die Identität – reflexiv ist. Das Selbst ist wie Mead es formuliert „[…] an object to itself“ (Gugutzer, S.36). Weiterhin begründet Mead die Trennung zwischen Körper und Identität durch seinen Bewusstseinsbegriff, da das Selbst-Bewusstsein die Fähigkeiten des Denkens und der Reflexion beinhaltet; das Körper-Bewusstsein, worunter Körper-Erfahrungen und Körper-Empfindungen zu verstehen sind, impliziert diese Fähigkeiten nicht. Damit ist gemeint

„[…] dass es sinnliche emotionale Erfahrungen geben könne, die keinen Einfluss auf das Selbst haben bzw. in keinem Zusammenhang mit ihm stehen“ (Gugutzer, S.36).

Darüber hinaus ist Mead sogar der Ansicht, der Verlust eines Körperteils sei für die Identität nicht von großer Bedeutung:

„Die Körperteile sind von der Identität deutlich unterscheidbar. Wir können Teile des Körpers verlieren, ohne daß ein ernstlicher Eingriff in die Identität erfolgt“ (Mead, Geist Identität und Gesellschaft, S.178).

Erst, wenn sich ein Selbst entwickelt und damit auch leibliche Erfahrungen und Empfindungen mit diesem Selbst verknüpft werden können, kann das Individuum seinen Körper ‚erfahren‘. Bis zu diesem Zeitpunkt erfährt das Individuum seinen Körper lediglich als Teil seiner Umwelt, als nicht zu ihm gehörig und nicht in Zusammenhang mit seinem Selbst-Bewusstsein (Vgl. Mead, Geist Identität und Gesellschaft, S.215).

2.2 Identität nach Plessner

Hinsichtlich der Einbeziehung des Körpers in die Identitätsdebatte liefert Mead durch die Konstruktion von „I“ und „Me“ zwar die strukturelle Sichtbarmachung von Selbstbewertung und Fremderwartung, jedoch werden diese Bewertungsmöglichkeiten zwischen Innen und Außen nicht mit dem Körper in Verbindung gebracht, da der Körper für ihn nicht als identitätsrelevant gilt (Vgl. Schmidt, S.37). Daher fehlt seiner Theorie das entscheidende Moment, um den Körper als identitätsstiftendes Konstrukt zu erkennen. Deshalb soll die Mead’sche Theorie im Folgenden durch Helmuth Plessner‘s philosophische Anthropologie ergänzt werden.

Auch Plessner entwickelt ein Selbstmodell, mit dem Unterschied, dass dieses nicht ausschließlich auf der Fähigkeit beruht symbolisch zu interagieren. Sein Modell wird viel mehr durch die Identitätsstiftende Funktion des leiblich-körperlichen Daseins begründet. Es ist daher im körperleiblichen Vermögen, sich selbst körperlich zu objektivieren, gegeben (Vgl. Schmidt, S.38). Dennoch gehört auch in Plessner‘s Theorie die Reflexivität zu den wichtigsten Bedingungen für die Genese von Identität. Diese Reflexivität begründet er mit der Positionalität des Menschen, welche die reziproke Beziehung zwischen lebendigen Organismen und ihrem Umfeld beschreibt.

Der Mensch steht in dieser Theorie in einer exzentrischen Beziehung zu seiner Umwelt und unterscheidet sich so von Pflanzen – deren Positionalität Plessner als offen beschreibt – und von Tieren – welche eine zentrisch geschlossene Beziehung zu ihrer Umwelt haben. Exzentrisch meint hier, sich selbst zu erleben und zur eigenen Person in Distanz treten zu können – also sich selbst zum Objekt zu machen – was einzig dem Menschen vorbehalten ist.

Wie Plessner in seinem Werk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ ausführt, stellt die Herstellung einer Identität für den Einzelnen eine anthropologische Notwendigkeit dar:

„Als exzentrisch organisiertes Wesen muss er [der Mensch, R.G.] sich zu dem, was er schon ist, erst machen. […] Der Mensch lebt nur, indem er ein Leben führt“ (Gugutzer, S.68).

Er hat also die Aufgabe sich selbst und damit seinen Körper zu kultivieren, um er selbst zu werden. Um diese Aufgabe zu lösen, benötigt der Mensch die von ihm geformte äußere Natur: die Kultur, welche von Plessner auch als zweite Natur des Menschen bezeichnet wird. Daraus geht hervor, dass sich der Prozess des Selbstwerdens und die Kultur gegenseitig bedingen und miteinander einhergehen.

Ein Beleg dafür ist, dass jeder Mensch in eine Welt hinein wächst, die schon von anderen Menschen bewohnt ist.[1] Die Wahrnehmung anderer Menschen stellt daher die erste Begegnung mit einer Kultur dar. Der Mensch nimmt dabei anderes und andere wahr und in sich auf. Erst dadurch ist er in der Lage sich selbst zu objektivieren. An dieser Stelle kann man auf die Theorie Mead’s rückschließen:

„Die Konsequenz, die sich aus der existenziellen Vorgegebenheit […] von signifikanten und generalisierten Anderen für den Menschen ergibt, ist, dass er sich nur vermittelt durch diese anderen selbst erfassen kann“ (Gugutzer, S.70).

Es ist daher festzuhalten, dass sowohl Mead, als auch Plessner die Gesellschaft und das Individuum als äquivalente Teile der Identität auffassen.

2.2.1 Leib Sein und Körper Haben

„Ein Mensch ist immer zugleich Leib – und hat diesen Leib als diesen Körper. Die Möglichkeit, für die physische Existenz derart verschiedene verbale Wendungen zu gebrauchen, wurzelt in dem doppeldeutigen Charakter dieser Existenz selbst“ (Schmidt, S.43).

Der Leib ist somit subjektiver Besitz jedes Einzelnen. Als Körper unter anderen Körpern hingegen ist er ein soziales Objekt. Plessner unterscheidet also zwischen zwei Kategorien: Leib-Sein und Körper-Haben.

Die Kategorie des Leib-Seins beinhaltet die Dimension des Erlebens und des Empfindens.

„(…) [Er] wird durchlebt, lustvoll, schmerzhaft, satt behaglich“ (Schmidt, S.44).

Körper-Haben wiederum bedeutet, sich selbst zum Objekt zu machen, sich zu reflektieren. Um eine Identität, also das Selbst hervorzubringen, müssen diese beiden Kategorien in einem balancierten Verhältnis zueinander stehen.[2]

Das Leib-Sein geht dem Körper-Haben dabei ontogenetisch voraus, was durch die Notwendigkeit der Selbstwahrnehmung begründet wird, ohne die sich keine personale Identität bilden kann.

Ein für diese Arbeit grundlegendes Argument liefert Plessner mit der These, dass der Körper instrumentell und/oder expressiv eingesetzt werden kann, um Handlungsziele zu erreichen. Damit geht einher, dass der Körper zum sozialen Objekt der Betrachtung und Bewertungen anderer und dem Individuum selbst wird.

„Im ‚Körper-Haben‘ wird der ‚Leib‘ verfügbar und zugleich die Instrumentalität des eigenen Leibes bewusst. Ich erlebe meinen Körper als sozial manipulierbar ‚als Umkleidung oder mich in ihm als Futteral‘“ (Schmidt, S.44).

Damit zeigt Plessner die Untrennbarkeit von Subjekt- und Objektseite, da sie nur in ihrer wechselseitigen Beziehung existieren können, was wiederum auf den Körper als Medium für die Identität verweist.

3 Die Beziehung zwischen Körper und Identität

Ist es also möglich, von einer über den Körper erfahrenen Identität zu sprechen?

Wie anhand Plessners Theorie gezeigt wurde, kann die Beziehung zwischen Identität und Körper sowohl sozialer, als auch personaler Natur sein. Unterschiedliche Gesellschaften oder Kulturen produzieren und reproduzieren voneinander abweichende Visionen von z.B. schönen Körpern. Dabei ist der Körper gleichzeitig ein Produkt gesellschaftlicher Normierungen und Techniken, zugleich aber auch deren Fundament (Vgl. Schmidt, S.45).

Ein wichtiger Aspekt der über Körperlichkeiten hergestellten Identität ist die Sichtbarkeit des Körpers. Denn wie gezeigt wurde, hat man nicht nur einen Körper, man ist auch dieser Körper. Das bedeutet, ein Auftreten ohne diesen ist nicht möglich[3], denn der Mensch ist an seinen Körper gebunden. Wenn er erscheint, erscheint sein Körper mit ihm.

„Ich kann den Körper durch Anwendungen verschiedener Techniken verändern, schmücken oder be- oder sogar verkleiden, aber ich kann ihn in der Wirklichkeit nicht verschwinden lassen“ (Schmidt, S. 47).

Gerade durch diese unvermeidliche Erscheinung des Körpers bei jedem Auftreten und damit der Sichtbarwerdung für andere, ist er dazu geeignet beurteilt zu werden, womit auch Zuschreibungen einhergehen:

„Über den Anblick des Körpers konkretisiert sich das Individuum in den Augen des anderen als Person. Deshalb wird der Körper primäre Zielscheibe sozialer Zuschreibungen und Kristallationsfläche für personale Identität. Über die Wahrnehmung des Körpers werden soziale Zuschreibungen und körperliche Präsentationsformen, Körper und Leiberfahrung permanent rückgekoppelt und zu einem Bild der Person verdichtet“ (Koppetsch, S.10).

In anderen Worten ist der Körper damit ein Medium der Präsentation von Identität.

Allerdings ist der Körper nicht nur für andere sichtbar, sondern –dank der Erfindung von in etwa Großflächenspiegeln und Fotografie – auch für das Individuum selbst. Damit wird auch der eigene Körper zum sichtbaren Objekt. Daraus resultiert, dass nicht nur die Präsenz des Körpers für die Identität relevant ist, sondern auch das Bild, bzw. die Vorstellung, die das Individuum vom eigenen Körper hat.

So hält Günther Schmidt in seiner Veröffentlichung „Identität und Body-Image“ passend fest, wie Identität auf verschiedene Weise in Beziehung zum Körper treten kann: als Zusammentreffen von Identität und dem leiblichen Spüren (Leib-Sein), als eine instrumentelle Beziehung zwischen Identität und Körper (Körper-Haben), als körperorientierte Präsentation der Identität und als Objekt der Identifikation, von welchem auf die Identität rückgeschlossen werden kann (Vgl. Schmidt, S.51).

Durch diese Sichtbarkeit des Körpers entwickelt sich schließlich das Körperbild, welches die Vorstellungen, Überzeugungen und Haltungen zum eigenen Körper, also die mentale Einstellung, beinhaltet. Das Körperbild kann sich dabei nicht grundlegend vom eigentlichen physischen Organismus unterscheiden, da es das subjektive Erleben und Bewerten des eigenen Körpers repräsentiert.

Aufgrund des Bewusstwerdens des von außen beobachtbaren Körpers, etabliert sich nun auch die Perspektive der anderen Menschen, wie es schon bei Mead durch den generalisierten Anderen dargestellt wurde, auf der Ebene der körperlichen Existenz.

„Im Rollenspiel – hier im Sinne des ‚Play-Stadiums‘ – bezieht sich die Identität auf körperliche Aspekte, die sich in den Reaktionen der anderen beobachten lassen. Es entstehen sozial bewertete Körperbilder, die in unterschiedlichen Situationen und Rollendarstellungen gewonnen und in die Identitätskonzepte eingewoben wurden“ (Schmidt, S.52).

Leibliche Empfindung (Innen) und körperliche Wahrnehmung (Außen) müssen dabei nicht grundsätzlich übereinstimmen, sondern werden durch einen Anpassungsprozess mit der Identität verbunden, wobei die eigenen Entwürfe von Körperbildern mit den sozialen Angeboten von Körperbildern aufeinander abgestimmt werden (Vgl. Schmidt, S.52). So kann man beispielsweise eine eigene Vorstellung davon haben, was ein schöner Körper ist, gleichzeitig gibt es aber auch die Vorstellung des generalisierten Anderen (der Gesellschaft), die von der individuellen abweichen kann.

Damit lässt sich festhalten: eine erfolgreiche körperbezogene Identitätsrepräsentation hängt nicht nur vom Individuum, sondern auch zu einem großen Teil von der normativen Einschätzung durch andere ab (Vgl. Schmidt, S.72).

[...]


[1] Diese intersubjektive Welt, die bereits von Mitmenschen bewohnt ist, bezeichnet Plessner als Mitwelt.

[2] Es ist anzumerken, dass die beiden Kategorien (Leib-Sein und Körper-Haben) lediglich als Konstruktion zu sehen sind, um die Beziehung zwischen Identität und Körper zu veranschaulichen.

[3] In der heutigen, von Technik geprägten Zeit ist es zwar möglich anderweitig in Kontakt zu treten, aber ich beschränke mich hier auf die ‚face to face‘ Interaktionen.

Details

Seiten
45
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783956874321
ISBN (Buch)
9783956874314
Dateigröße
8.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v415965
Note
Schlagworte
weibliche Identität Enthaarung weiblicher Körper Rasur Schönheitsideale

Autor

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Titel: Unrasiert. Die Beinenthaarung und das weibliche Selbstverständnis