Lade Inhalt...

Die Schuld an der Krise - Das wirtschaftspolitische Engagement der IWF vor und während der Schuldenkrise der 1980er Jahre und seine Auswirkungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 27 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Ziele des IWF seit der Gründung und deren Wandel bis 1973
1.2. Definition der relevanten Begriffe
1.3. Problemstellung

2. Entwicklungspolitik des IWF
2.1. strukturelle Ausgestaltung der Entwicklungsstrategien in den 1970er Jahren
2.2. Entwicklungsstrategie, Dependency Theory und IWF EP (1978-1985)
2.2.1. Wachstumsstrategie
2.2.2. Dependency Theory/Dependenztheorie – eine kritische Auseinandersetzung mit der IWF-Politik
2.2.3. Zwischenstand Entwicklungsstrategien
2.3. Die Rolle privater Kreditgeber
2.4. Die möglichen Probleme
2.4.1. negative Verhaltensanreize „Moral Hazard“
2.4.2. Verantwortungsbereiche und deren Abgrenzung
2.5. Zahlungseinstellung der Schuldner
2.5.1. Zahlungsunfähigkeit
2.5.2. Zahlungsunwilligkeit

3. Fazit

4. Literatur-/Quellenliste
4.1. Monographien
4.2. Essays
4.3. Lexikaartikel
4.4. Internetquellen

1.Einleitung

1.1. Ziele des IWF seit der Gründung und deren Wandel bis 1973

Bereits vor dem Ende des zweiten Weltkrieges wurden Anstrengungen unternommen die Weltwirtschaft nach seiner Beendigung neu zu ordnen. Mit der Konferenz von Bretton Woods (New Hampshire, USA), die 1944 stattfand und an der 44 souveräne Staaten teilnahmen, wurde die Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie der Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, oder auch Weltbank (WB), beschlossen. Nur zwei Jahre später wurden die Verträge ratifiziert und die „Bretton Woods Zwillinge“ waren geboren. Bereits ein Jahr später wurde das Übereinkommen von Bretton Woods um den Abschluss des GATT (General Agreement on Tariffs and Trade)-Abkommens ergänzt. Das Zoll- und Handelsabkommen wurde im Oktober 1947 in Genf von 23 Staaten geschlossen und trat am 01. Januar 1948 in Kraft. Ziel des GATT war, den Welthandel zu erleichtern und zu liberalisieren, indem es half Zölle und andere Handelshemmnisse abzubauen und kriminalisierende Eingriffe in die internationale Arbeitsteilung zu beseitigen[1]. Welche Beweggründe hatte ein Teil der Weltgemeinschaft für eine Neuausrichtung der Weltwirtschaft?

Der zentrale Punkt waren die negativen Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise der späten 1920er und 1930er Jahre sowie den sich daraus ergebenden Folgen für Welthandel und Devisenwirtschaft, aber auch für die Weltpolitik. Die Aufgabe der wirtschaftsliberalen Ordnungsprinzipien und die Etablierung der so genannten „beggar my neighbor policy“[2] führten zu einer drastischen Abnahme des Welthandels. Die sich daraus ergebende massive Bewirtschaftung der Devisen führte im Endeffekt zu ebenso massiven Währungsabwertungen. Die Folgen waren verheerend für die Weltwirtschaft und verschärften die bereits vorhandene Krise weiter. Die Auswirkungen auf den Kapital-, Arbeits- und Absatzmarkt sind hinreichend bekannt und sollen an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Das Ziel der Politik der Bretton Woods Organisationen war somit klar vorgegeben, nämlich dem erneuten Einsetzen einer solchen Politik vorzubeugen. Die negativen Erfahrungen forcierten die Einsicht, dass nicht eine Konfliktpolitik, sondern nur eine Kooperationspolitik das Mittel zur Lösung dieser Probleme sein kann. Man kam zu dem Schluss, dass nur die Schaffung einer „modifizierte(n) liberale(n) Konzeption auf der Basis allgemein anerkannter außenwirtschaftlicher Verhaltensregeln[3] dies bewerkstelligen kann. Das übergeordnete Ziel war also die Errichtung eines Verhaltenskodex für alle Länder.

Welche Mittel standen dem IWF nun zur Verfügung, um diese Neuordnung durchzusetzen?

Die Wechselkurse der verschiedenen Währungen wurden von nun ab an eine feste Währung, in diesem Fall den US Dollar, gekoppelt, der wiederum seinen Wert am Gold ausrichtete. Dies führte zu festen Wechselkursen und machte eine Abwertung oder Aufwertung der eigenen Währung zum Schaden eines oder mehrerer Anderer unmöglich. Weiterhin wurde ein multilaterales Zahlungssystem für laufende Geschäfte errichtet und Devisenverkehrs-beschränkungen beseitigt. Der zentrale Punkt jedoch ist die Ausrichtung der Weltwährungen am Gold und somit die Einführung des Goldstandards. Der IWF wurde mit so genannten Kreditvergabefazilitäten ausgestattet, die es ihm ermöglichten Unterschiede in den Zahlungsbilanzen der Mitglieder auszugleichen, um den oben erwähnten Verhaltenskodex nicht in Gefahr zu bringen. Bis in die Mitte der 50er Jahre hinein waren die Auswirkungen von IWF und WB auf die Weltwirtschaft von eher geringerer Bedeutung, was wohl damit erklärt werden kann, dass das kriegszerstörte Europa nicht auf die Kredite von IWF und WB zurückgriff um wieder aufgebaut zu werden, sondern durch den Marshall-Plan wirtschaftlich in die Weltgemeinschaft zurückgeführt wurde. Weiterhin muss erkannt werden, dass die Menge an vorhandenen Dollarreserven kaum ausreichte, um umfassend seitens der Zwillinge agieren zu können.

Erst ab der Mitte der 1950er Jahren wuchs die Bedeutung der Bretton Woods Organisationen, was durch den Übergang der meisten europäischen Länder 1961 sowie Japans 1964 zur Währungskonvertibilität erklärt werden kann. Hierbei handelt es sich um, „freie Austauschbarkeit von Währungen. Eine Währung ist dann frei konvertierbar, wenn Banken die eigene Währung im Besitz von Ausländern gegen Devisen einlösen und Inländern die Inlandswährung gegen Devisen eintauschen.[4] Bis Mitte der 60er Jahre funktionierte das System der festen Wechselkurse ohne Probleme, da bei den wichtigsten Mitgliedern eine hohe Beschäftigungsrate und eine niedrige Inflation vorlag. Länder mit hohen Zahlungsüberschüssen, wie Deutschland, waren bereit große Reserven an US Dollar anzulegen und nicht gegen Gold einzutauschen. Die anderen Länder mit Zahlungsdefizitbilanzen waren bestrebt, gemäß dem Kodex, einen Zahlungsbilanzausgleich zu erreichen und richteten ihre Politiken dementsprechend aus. Das änderte sich jedoch Mitte der 60er Jahre, als Zweifel aufkamen, ob überhaupt genügend Devisen, bzw. Goldreserven, vorhanden waren, um mit dem stetigen Wachstum der Wirtschaft mitzuhalten. Dies stürzte das System von Bretton Woods in eine Vertrauenskrise, die 1969 in einer Überarbeitung des Abkommens mündete. Das Hauptziel der Änderung war die Schaffung eines künstlichen Reservemediums der so genannten Sonderziehungsrechte (SZR). Diese sollten den Mangel an Devisen und Gold kompensieren und wurden vom IWF den Mitgliedern zugeteilt. Die Einführung der SZR wurde von stabilitätsorientierter Seite scharf kritisiert.

Gegen Ende der 60er Jahre wuchs die Schere zwischen wirtschaftlich prosperierenden und wirtschaftlich degenerierenden Ländern immer stärker, was zu immer höheren Inflationsraten führte. Die Folgen waren massive Wechselkursanpassungen. Auf Grund der mangelnden Flexibilität des Systems der festen Wechselkurse gingen bis Mai 1971 die D-Mark und der kanadische Dollar zum freien Floaten der Währung über, was als erstes Anzeichen für den Kollaps des gesamten Systems gesehen werden kann. Im August 1971 folgte der vorläufige Zusammenbruch des Gefüges mit der Aufhebung der Goldkonvertibilität, welcher auch durch das Ende 1971 geschlossene Smithsonian Agreement nicht aufgehalten werden konnte. Das Vertrauen in den US Dollar war nicht mehr vorhanden und so gingen 1972 auch England und Irland zum Wechselkursfloating über. Der endgültige Zusammenbruch erfolgte dann bis März 1973, da mittlerweile alle wichtigen Weltwährungen zum Währungsfloating übergegangen waren. Die ebenfalls 1973 einsetzende erste Ölkrise und die Gründung des EG-Währungssystems im selben Jahr taten ihr Übriges. Bis in das Jahr 1978, mit der zweiten Überarbeitung des Bretton Woods Abkommens, befanden sich die Zwillinge in einer Art juristischen Schwebezustands ohne wirkliche Funktion[5]. Die ehemalige Hauptaufgabe der Überwachung des Systems der Wechselkurse war verloren und der IWF war auf der Suche nach einer Neuen.

Bei dieser Suche nach einer neuen Legitimation für den IWF und auch die WB kristallisierte sich schnell heraus, dass im Zuge der seit den 50er und 60er Jahren immer weiter fortschreitenden Entkolonialisierung[6], sich ein neues Aufgabenfeld erschlossen hatte. Die Förderung und Unterstützung der Entwicklungsländer wurde somit zur neuen zentralen Aufgabe des IWF.

1.2. Definition der relevanten Begriffe

Entwicklungsländer (EL)

Der Terminus Entwicklungsland gilt in der gesamten Literatur zum Thema Entwicklungspolitik, als durchaus umstritten und ist daher auch in der vorliegenden Arbeit nicht eindeutig zu definieren[7]. So muss festgestellt werden, dass dieser Begriff doch lediglich die Perspektive der Industrieländer widerspiegelt, die ihre Form von wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und politischer Entwicklung zum Vorbild und Maßstab für den Rest der Welt machen. Es ist jedoch unumstritten, dass eine große Anzahl von Entwicklungsländern gemeinsame Merkmale aufweisen. So sind sie häufig ehemalige Kolonien heutiger Industrienationen, weisen eine starke Abhängigkeit von eben diesen auf und haben ähnliche Strukturmerkmale, wenn auch in unterschiedlichster Ausprägung und Intensität. Diese Merkmale manifestieren sich in ausgeprägter Armut der Bevölkerung, starker Differenz in der Verteilung von Vermögen und Einkommen, in mangelndem oder mangelhaftem Export, hoher Auslandsverschuldung sowie nur unzureichender Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungs-/Arzneimitteln und einem starken Bevölkerungswachstum. Dies sind nur einige der vielen Merkmale, die ein Entwicklungsland charakterisieren. Die Entwicklungstheorien der 50er, 60er Jahre ermittelten die Entwicklungsländer anhand des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf des Landes in Relation zum BIP/Kopf der USA. Betrug es weniger als 25%, was etwa 500 Dollar entsprach, so galt es als EL[8]. Daraus ergab sich für die damaligen Entwicklungspolitiker nur eine Aufgabe, die das Ziel haben musste das „Pro Kopf Einkommen“ des jeweiligen Landes zu erhöhen. Man beschränke der Entwicklungspolitik also auf den Faktor Wirtschaft. Das diese Reduktion der Gesamtprobleme durch die neoklassischen Gleichgewichts- und postkeynsianischen Wachstumsmodelle viel zu kurzsichtig war und die schwerwiegenden sozialen Faktoren ausklammerte, wurde dem IWF erst in den siebziger Jahren bewusst. Welche Konzepte zur Lösung dieser Probleme seitens des Internationalem Währungsfonds präsentiert wurden, und wozu sie führten soll im Verlauf der Arbeit geklärt werden.

Industrieländer (IL)

Als Industrieländer oder Industrienationen werden die Staaten bezeichnet, deren Wirtschaft hauptsächlich durch die Industrie getragen wird. Diese Länder verfügen über ein enorm hohes Pro-Kopf-Einkommen, einen hohen technologischen Standard, kapitalintensive Güterproduktion, sehr hohe Produktivität, ein hohes Bildungs- und Ausbildungsniveau, rege außenwirtschaftliche Beziehungen sowie eine konvertible und meistens stabile Währung. In der Weltwirtschaft wird der Gruppe der westlichen IL (vormals Erste Welt, Mitgliedstaaten der OECD), die Gruppe der Transformationsländer (vormals Zweite Welt) und die Gruppe der Entwicklungsländer (ehemals Dritte Welt) gegenübergestellt[9].

Entwicklungspolitik (EP)

Wenn man bestrebt ist über den Begriff der Entwicklungspolitik im Zuge der Schuldenkrise zu schreiben, dann kommt man nicht umhin diesen Terminus bereits zu Anfang seiner Arbeit genauer zu definieren, um eventuellen Missdeutungen der Auslegungen und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen, vorzubeugen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) - der Zusatz „und Entwicklung“ kam erst im Jahre 1993 hinzu - hat bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem „Journalisten – Handbuch 1980“ diesen Begriff in treffender Weise wie folgt definiert:

Entwicklungspolitik...

- ist globale Friedenspolitik; sie will globale Nord-Süd-Spannungen abbauen in einer Welt, in der die wirtschaftliche Verflechtung aller Länder zunimmt
- unterstützt die wirtschaftliche Eigenständigkeit der Entwicklungsländer
- bedeutet partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern, anderen Gebern sowie internationalen Institutionen
- ist mehr als Entwicklungshilfe; bemüht sich um die Förderung des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts der Entwicklungsländer
- bekämpft die Massenarmut durch eine Verbesserung der Arbeitsproduktivität und Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens
- ist in erster Linie Unterstützung zur Selbsthilfe; wichtig sind wirtschaftliche und soziale Reformen in den Entwicklungsländern
- respektiert die Souveränität jedes Landes, um seine kulturelle Identität zu finden und zu wahren[10]

[...]


[1] Pollert, Achim/Kirchner, Bernd/Polzin, Javier Morato: Das Lexikon der Wirtschaft, Grundlegendes Wissen von A-Z, Schriftenreihe Bd. 414, Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2004. S.224

[2] Stiglitz, Joseph: Die Schatten der Globalisierung, Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt, Schriftenreihe Bd. 388, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002. S.30

[3] Hübener, Manfred: Die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) gegenüber zahlungsunfähigen Staaten und die Auslandsverschuldung von Entwicklungsländern seit 1973, Köln 1984. S.3-4

[4] Pollert, Achim/Kirchner, Bernd/Polzin, Javier Morato: Das Lexikon der Wirtschaft, Grundlegendes Wissen von A-Z, Schriftenreihe Bd. 414, Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2004. S.228

[5] Hübener, Manfred: Die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) gegenüber zahlungsunfähigen Staaten und die Auslandsverschuldung von Entwicklungsländern seit 1973, Köln 1984. S.10

[6] Woyke, Wichard: Entkolonialisierung, in: Handwörterbuch Internationale Politik, Opladen7 1998. S. 55-60

[7] Heinz, Werner/Langel, Nicole/Leitermann, Walter: Kooperationsbeziehungen zwischen deutschen Städten und Kommunen in Entwicklungsländern, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ B 15-16/2004. S.21

[8] Nohlen, Dieter/Nuscheler, Franz (Hrsg.), Handbuch der dritten Welt, Band 1: Theorien und Indikatoren von Unterentwicklung und Entwicklung, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1974. S.25

[9] Dieser letzte Satz stammt aus Pollert, Achim/Kirchner, Bernd/Polzin, Javier Morato: Das Lexikon der Wirtschaft, Grundlegendes Wissen von A-Z, Schriftenreihe Bd. 414, Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2004.

[10] Nuscheler, Franz: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik,4. aktualisierte Auflage, Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Bonn 1996. S.17; Die Punkte Topoi wurden vom Autor gekürzt und zusammengefasst, geben jedoch die wichtigsten, vom BMZ aufgestellten, Charakteristika des Begriffs wieder.

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638398107
ISBN (Buch)
9783638656139
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41571
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2
Schlagworte
Schuld Krise Engagement Schuldenkrise Jahre Auswirkungen

Autor

Zurück

Titel: Die Schuld an der Krise - Das wirtschaftspolitische Engagement der IWF vor und während der Schuldenkrise der 1980er Jahre und seine Auswirkungen