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Ethische Entscheidungen und Begleitung am Lebensende aus muslimischer Sicht

Bachelorarbeit 2015 44 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Grundannahmen und medizinische Aspekte im Islam
2.1 Der Islam
2.2 Die Bedeutung des Korans
2.3 Der Krankheitsbegriff im Koran
2.3.1 Der Krankheitsbegriff im Koran - metaphorisch
2.3.2 Der Krankheitsbegriff im Koran - medizinisch
2.4 Die Bedeutung der Sunna
2.4.1 Hadithe in der Sunna
2.4.2 Krankheit und Gesundheit in den Hadithen
2.4.3 Medizinische Behandlung in den Hadithen
2.4.4 Krankheit und Heilung in den Hadithen
2.5 Das muslimische Menschenbild
2.6 Körperverständnis aus muslimischer Sicht
2.7 Gesundheitsverständnis aus muslimischer Sicht
2.8 Krankheitsverständnis aus muslimischer Sicht
2.8.1 Krankheit als Prüfung Gottes
2.8.2 Krankheit als Gnadenerweis und Sündenvergebung
2.9 Lebensende und Todesverständnis aus muslimischer Sicht
2.10 Der Selbstmord aus muslimischer Sicht

3. Sterbehilfe: aktiv und passiv
3.1 Fallbeispiel
3.1.1 Situationsdarstellung
3.1.2 Deutung

4. Glaubenspraxis am Lebensende
4.1 Begleitung kurz vor dem Tod
4.2 Begleitung nach dem Tod

5. Ethische Entscheidungen am Lebensende

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Versicherung

Lebenslauf

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassung

Ethische Entscheidungen, die bei der Begleitung am Ende des Lebens zu finden sind, werden aktuell sowohl aus gesellschaftlicher als auch religiöser Perspektive kontrovers diskutiert.1 Durch den wachsenden islamischen Einfluss auf die moderne Gesellschaft in Deutschland erlangen religionsbedingte Konflikte durch Restriktionen bei der Therapieoder Medikamentenwahl vermehrt Aufmerksamkeit.2 Auch ohne religiöse Hintergründe sorgen Themen wie die Beschleunigung des Sterbeprozesses eines unheilbar kranken Menschen für zahlreiche ethische Diskussionen.3

Wenn des Weiteren religiöse Richtlinien, insbesondere die des islamischen Glaubens, einbezogen werden müssen, scheint die Entscheidung für oder gegen die Sterbehilfe schier unvereinbar. Dies liegt in einer Kontroverse begründet, in der Pflichten und Verbote im Islam mit medizinischen Maßnahmen, wie der Sterbehilfe kollidieren.

Durch die facettenreichen Betrachtungsweisen des Themas verbleibt die Frage, ob eine eindeutige und „richtige“ Entscheidung überhaupt möglich ist. So kann jeder Entscheidungsprozess durch medizinische, gesellschaftliche und religiöse Kriterien beeinflusst werden. Die letztendliche Entscheidung obliegt aber einzig dem Individuum und der Möglichkeit dessen, diese Aspekte auf einer persönlichen Basis zu vereinen.

1. Einleitung

Im Laufe der letzten Jahre ist der Anteil der muslimisch gläubigen Menschen in Deutschland gestiegen.4 Gleichzeitig hat sich die Anzahl der konfessionslosen Deutschen erhöht.5 Durch diesen religionsgeschichtlichen Wandel in Deutschland, gewinnt die islamische Kultur und Religion an Bedeutung für die Gegenwart. Infolgedessen gilt es den Islam zu erklären und der Gesellschaft sowie anderen Religionen zugänglich zu machen.

Wie der Titel „Ethische Entscheidungen und Begleitung am Ende des Lebens aus muslimischer Sicht“ besagt, sind die zwei zentralen Themen dieser Bachelorarbeit zum einen Ethische Entscheidungen eines Muslim und zum anderen die Begleitung am Ende des Lebens aus muslimischer Sicht. Beide Themen stehen in enger Verknüpfung miteinander und zeichnen sich durch eine hohe Relevanz aktueller Fragen bezüglich neuer ethischer Herausforderungen am Anfang und am Ende eines Menschenlebens aus.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik der Entscheidungsfindung am Lebensende im islamischen Kontext. Diese sind für jeden Menschen, egal welcher kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit, von Bedeutung. Die Entscheidungsfindung gestaltet sich im Islam besonders schwierig, da religiösmedizinische Konflikte auftreten können. Die medizinischen Möglichkeiten und Therapien heutzutage sind sehr effektiv, allerdings bieten sie auch Herausforderungen in Bezug auf den Einklang mit der islamischen Ethik. Da etwa 3-4% der Gesamtbevölkerung in Deutschland Muslime sind6, ist demzufolge der Anteil muslimischer Patienten in medizinischen Einrichtungen gestiegen. Sowohl das Gesundheitssystem als auch Ärzte und Patienten geraten bei Behandlungen von muslimischen Patienten in Deutschland zunehmend in Konflikte. Vordergründig aufgrund von Entscheidungsfragen über Therapien und relevante medizinische Sachverhalte, die nicht mit den muslimischen Geboten vereinbar sind, sondern sogar untersagt werden. Vor allem Kultur und Religion spielen im Krankheitsund Gesundheitsverständnis bei der Entscheidungsfindung eine bedeutende Rolle. Im Allgemeinen kann nicht gesagt werden, in welchem Maße die Religionszugehörigkeit bei einem Muslim vorhanden ist, oder in welcher Intensität die islamischen Handlungsnormen ausgeführt werden. Das Praktizieren des islamischen Glaubens im Alltag gestaltet sich bei jedem einzelnen Muslim unterschiedlich. Trotzdem ist zu beachten, dass nach den muslimischen Glaubensprinzipien Gebote und Verbote existieren, die von einem praktizierenden Muslim nicht umgangen werden sollten.

Für einen gläubigen Muslim besitzt die Familie eine zentrale Stellung, die insbesondere am Lebensende an Wertigkeit gewinnt. Im Islam existiert, wie in den meisten Religionen, eine Glaubenspraxis für das Lebensende. In dieser Zeit sind auch religiöse Aspekte von hoher Relevanz.

Da der Islam viele verschiedene Ansatzpunkte zum Krankheitsund Gesundheitsverständnis bietet, werden im zweiten Kapitel islamische Grundannahmen mit Bezug auf medizinische Faktoren beschrieben und verdeutlicht. Aufbauend auf diesem ersten theoretischen Fundament wird im dritten Kapitel auf die Thematik der Sterbehilfe eingegangen und im vierten Kapitel die Glaubenspraxis am Lebensende vorgestellt. Im Anschluss daran werden Konfliktfelder zu ethischen Entscheidungen am Ende des menschlichen Lebens erörtert.

Der Anspruch dieser Arbeit ist es, jene Sachverhalte darzustellen, die im Hinblick auf die Problematik einiger ethischer und religiöser Entscheidungen im Islam zum Vorschein kommen, wenn es um den Tod eines Menschen geht. Zusätzlich wird die Rolle der Begleitung in der letzten menschlichen Lebensphase betrachtet und mit dazugehörigen ethischen Entscheidungen in Verbindung gebracht. Im Verlauf des dritten Kapitel, wird das Dilemma eines Patienten in einem Krankheitsfall beziehungsweise (bzw.) am Ende des Lebens an einem Fallbeispiel dargestellt.

2. Grundannahmen und medizinische Aspekte im Islam

In diesem Kapitel wird die theoretische Basis für diese Arbeit gelegt. Es werden sowohl die wichtigsten Quellen des Islam beschrieben als auch das muslimische Verständnis in Bezug auf Krankheiten und die Gesundheit dargelegt. Um ethische Entscheidungen und die Glaubenspraxis am Ende des Lebens zu verstehen, werden des Weiteren das Menschenbild und das Körperverständnis aus muslimischer Sicht geschildert. Die Religion oder die religiöse Überzeugung und Prägung eines Menschen sind maßgeblich für seine Einstellung zu Gesundheit und Heilung, aber auch zu Krankheit und Tod.7

2.1 Der Islam

Der Islam ist neben dem Christentum, Judentum, Buddhismus und Hinduismus eine der großen Weltreligionen. Er ist mit dem Christentum und Judentum verwandt, dessen gemeinsamer Stammvater Abraham ist. Der weltweite Islam besteht aus verschiedenen Schulen, Richtungen und wird regional ganz unterschiedlich praktiziert. In dieser Arbeit wird der Islam in Deutschland näher beschrieben. Für Muslime existiert nur ein ewiger Gott (arabisch übersetzt bedeutet Gott = Allah)8 der den Himmel, die Erde, alle Geschöpfe und jede Existenz im Kosmos erschaffen hat. Er allein ist aus Sicht der Gläubigen der Gott Abrahams, Moses und Jesu.9 Der Prophet Muhammad hat eine besondere Stellung im Islam (siehe Unterkapitel 2.4). Muslime bezeichnen ihren Glauben als Islam. Übersetzt heißt dies „Erlangung von Frieden durch Unterwerfung unter Allah.“10 Der Islam wird als ewige Botschaft von Allah verstanden, die überbracht werden soll. Damit wurden die Propheten beauftragt. Der konsequente Monotheismus, der besagt, dass kein Gott neben Allah existiert, ist zentraler Aspekt des Islam.11

Muslimische Gläubige sollten sich, dem Koran nach, in ihrem täglichen Leben an Grundpflichten halten. Diese Grundpflichten werden auch als die fünf Säulen des Islam bezeichnet12 und sind:

1. Das Glaubensbekenntnis.
2. Die fünf täglichen Gebete.
3. Die Wohltätigkeit gegenüber den Mitmenschen.
4. Das Fasten während des Ramadan.
5. Die Pilgerfahrt nach Mekka.

2.2 Die Bedeutung des Korans

Der Islam ist hauptsächlich durch zwei Quellen geprägt. Zum einen durch den Koran und zum anderen durch die Tradition des Propheten Muhammad, die sogenannte Sunna.

In diesem Teil der Arbeit geht es um den Koran. Die wörtliche Bedeutung stammt aus dem arabischen und bedeutet Rezitation, also ein Vortrag. Aus dieser Annahme wird deutlich, dass der Koran nicht gelesen, sondern gehört werden will.13 Nach dem lexikalischen Sinn, bedeutet ‚Islam’: „Die Ergebung des Menschen in den Willen Gottes“.14 Der Koran bildet das Fundament des Islam als Glaubensund Lebensordnung.15 In ihm ist die Offenbarung Gottes niedergeschrieben, welche dem Propheten Muhammad durch den Engel Gabriel in arabischer Sprache (=Dschibril), verkündet wurde.

Grundsätzlich befinden sich im Koran viele ethische Normen, Kultvorschriften und Rechtssätze, die dem Gläubigen helfen sollen sich an die Gebote und Vorschriften Gottes zu halten und diese im täglichen Leben auszuführen. Die Kapitel im Koran werden als „Sure“ bezeichnet. Es existieren etwa 114 Sure, die aus Versen bestehen. Entstanden sind die einzelnen Teile des Korans dem Glauben nach durch die mündlichen Vorträge des Propheten Muhammad, die von seinen Begleitern entweder auswendig gelernt oder direkt niedergeschrieben wurden.

Für einen Muslim ist der Koran „die unfehlbare, absolut zuverlässige, nicht hinterfragbare, zur Hingabe und zum Gehorsam auffordernde Autorität.“16 Durch dieses Zitat wird deutlich, dass der Koran im Islam mehr als ein heiliges oder bedeutsames Schriftstück ist, vielmehr ist dieser eine Lebensausrichtung für einen Muslim. Das absolute Lebensziel eines Gläubigen ist die Verinnerlichung des Koran und die Befolgung seiner Gebote und Normen. Ein Muslim erhält durch den Koran eine stringente Orientierung, sein Leben auf Allah auszurichten.

2.3 Der Krankheitsbegriff im Koran

Die Begriffe „Krankheit“, „Kranksein“ und weitere, die mit dem Krankheitsbegriff in Verbindung stehen, treten 24 Mal im Koran auf.17 Allgemein kann der Krankheitsbegriff im Koran in zwei Kategorien eingeteilt werden:

Zum einen die Krankheit und Heilung im metaphorischen Sinne und zum anderen die Krankheit und Heilung im medizinischen Sinne.

2.3.1 Der Krankheitsbegriff im Koran - metaphorisch

Betrachtet man die koranische Krankheitsdefinition mit metaphorischem Verständnis, so ist damit häufig Heuchelei, Unglaube, Zweifel an Gottes Existenz und fehlende Frömmigkeit18 gemeint. Durch den Ausdruck „Krankheit in ihren Herzen“, der in allen Versen im Koran zu diesem Thema erscheint, wird ausschließ- lich die metaphorische Bedeutung beschrieben. Um zu verstehen, welche Bedeutung das Herz im Zusammenhang mit dem Krankheitsbegriff im Islam hat, hilft die Erklärung von dem bedeutenden islamischen Gelehrten der Geistesgeschichte, Al Ghasali:

„Wenn wir also von dem Herzen sprechen, so wisse, daß wir damit das wahre Wesen des Menschen meinen, das man sonst bald Geist, bald Seele nennt, nicht aber jenes Stück Fleisch, das in der linken Seite deiner Brust sitzt; denn das hat keinen Wert, und auch die

Tiere und die Toten besitzen es, und man kann es mit dem äußeren Auge sehen (...).19

Mit Herz ist hier also eindeutig nicht das Herz als Organ gemeint, sondern eine Auslegung auf geistlicher Ebene. Aus muslimischer Sicht hat Gott den Menschen bei seiner Schöpfung mit einem gesunden Herzen ausgestattet. Damit dieses Herz auch gesund bleibt, hat der Gläubige die Aufgabe, dieses vor Krankheiten zu beschützen. Mit Krankheiten ist hiermit wie oben angebracht, die Heuchelei oder etwa der Unglaube gemeint. Das Herz ist mit der Seele gleichzusetzen und darf nicht von dem von Gott vorgegebenen Weg abkommen. Sollte dies geschehen, ist diese Seele als Herz verloren und der Muslim kennt keinen Gott bzw. zweifelt an seiner Existenz. Es ist also von maßgeblicher Bedeutung, dass der gläubige Mensch präventive Maßnahmen trifft, damit dieser auf dem richtigen und somit gottgewollten Weg des Lebens bleibt.20

2.3.2 Der Krankheitsbegriff im Koran - medizinisch

Die zweite Definition, also die medizinische Sichtweise der Begriffe Krankheit und Heilung, beschreibt das körperliche Leiden als solches und die damit verbundenen Begünstigungen bei religiösen Pflichten, wie bspw. das Fasten, Pilgerfahrten, religiöse Waschungen, Gebete, Einberufung zum Krieg und die Erleichterung einiger sozialer Pflichten.21

Diese Auslegung ist vom inhaltlichen Grundsatz an von der metaphorischen Erklärung abzugrenzen, denn es wird hier auf die Krankheit im körperlichen Sinne eingegangen. Die Krankheit wird im Koran einzig als eine Barriere im Lebensweg eines Menschen dargestellt und wird am Ende dieses Weges begutachtet.22 Jedoch ist zu dieser Begriffserklärung auszuführen, dass in einem Krankheitsfall Erleichterungen durch die Barmherzigkeit Gottes zu erwarten sind. Der Betroffene erlangt so kein Gefühl der Ausgrenzung und Minderwertigkeit. Gottes Barmherzigkeit steht in dieser Begriffsdefinition, im Gegensatz zur metaphorischen Erklä- rung, im Vordergrund. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die Anzahl der Verse, die eine medizinische Heilung thematisieren viel geringer ist, als die einer metaphorischen Begriffserklärung zum Thema Krankheit und Heilung. Dies liegt daran, dass die sinnbildliche Definition im Islam geläufiger ist, als die der medizinischen Sichtweise einer Krankheit.

Im Allgemeinen wird Gott im Koran als der Antrieb für die medizinische Heilung gesehen. Diese Aussage verdeutlicht folgender Vers: „Wenn ich krank bin, so heilt er mich.“23 Eine genaue Erklärung für die direkte Verbindung zwischen Krankheit, Heilung und Gott existiert, nach Meinung vieler Wissenschaftler, zur Zeit noch nicht.24

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass einige vereinzelte Verse im Koran noch weitere Themenbereiche beschreiben, die nur weitestgehend zum Krankheitsbegriff zählen. Hierzu gehören: die Ernährung, die Hygiene, die Sexualität, im Speziellen der Geschlechtsverkehr und auch die Verhaltensweise gegenüber Kranken oder kürzlich Verstorbenen.

2.4 Die Bedeutung der Sunna

Die Sunna ist im Islam die Tradition des Muhammad. Er ist der Prophet und Verkünder des Islam. Wörtlich übersetzt heißt sunna „gewohnte Handlungsweise“, „Brauch“ sowie weitere ähnliche Begrifflichkeiten. Die Sunna verkörpert die Gesamtheit der vorbildlichen Bräuche und Gewohnheiten, Entscheidungen und Empfehlungen des Propheten Muhammad.

Das folgende Zitat beschreibt sehr treffend welche Forderung Gottes, Muhammad den Menschen auf Erden bringen soll:

„Göttliche Berufung und Bekehrung hat in ihm, als Siegel der Propheten, ein für allemal klargemacht, wie die menschliche Natur aussieht, welche Aufgaben der Mensch in seinem Leben vollbringen soll, was er erhoffen und befürchten muß und wie sich seine ewige Bestimmung gestalten wird.“25

Durch diesen wichtigen Propheten des Islam wurde die Gottesbotschaft verkündet. Muhammad wird als Diener Gottes und gleichzeitig als „ein Mensch wie die anderen“ bezeichnet und kann ohne Zweifel als ein Vorbild für die gesamte islamische Gemeinde gesehen werden.26

Die Sunna ist dem Koran untergeordnet. Sie hat jedoch auch eine sehr hohe Bedeutung für die Gläubigen, denn sie beinhaltet Aussagen über den Willen Gottes. Die Sunna gilt als die zweite Hauptquelle des Islam und wird in direkter Verbindung zu Gott gebracht. „Wenn einer dem Gesandten gehorcht, gehorcht er (damit) Gott (...).“27 Diese und einige anderen Aussagen lassen schlussfolgern, dass die Tradition des Propheten Muhammad als zweite wichtige Quelle des Islam angesehen werden kann. Durch diese werden die Handlungsnormen eines Muslim in seinem alltäglichen Leben bestimmt und somit stellt sie sich über das öffentliche Rechtssystem.28

2.4.1 Hadithe in der Sunna

Inhalt der Sunna sind auch die sogenannten „Hadithe“. Ein Hadith ist die zuerst mündlich und später schriftlich fixierte Überlieferungsform der Sunna des Propheten Muhammad.29 Die Begriffe Sunna und Hadith werden von einigen Autoren synonym benutzt, da die Differenzierung dieser beiden Wörter in der Glaubenspraxis nicht eindeutig getrennt werden bzw. wurden. In dieser Arbeit wird ein Hadith jedoch nicht als Synonym zur Sunna verstanden.

2.4.2 Krankheit und Gesundheit in den Hadithen

In den Hadithen über Krankheiten und Gesundheit geht es vorwiegend um die Hinweise und Methoden, die der Prophet Muhammad zur Heilung von Krankheiten gibt. Des Weiteren behandeln die Hadithe auch Bemerkungen über Präventionsmaßnahmen von Leiden, Aussagen über Hygienemaßnahmen und über Krankheiten und Position des Kranken in der Gemeinschaft.

Die Hadithe, die die Medizin umfassen, können in zwei Bereiche eingeteilt werden: Zum einen die, die sich mit Präventionsmaßnahmen und verschiedenen Therapien von Krankheiten einschließlich dem Thema Hygiene befassen und zum anderen Hadithe, die sich mit dem Sinn der jeweiligen Krankheit und der Position des Kranken in der Gemeinschaft und vor Gott beschäftigen.

2.4.3 Medizinische Behandlung in den Hadithen

In einigen Hadithen wird das Thema ‚medizinische Behandlung’ aufgegriffen. In diesen geht es bspw. um die medizinische Therapie bei gewissen Krankheiten. Hadithe dieser Art sind bei medizinischen Fragestellungen sehr wichtig, da es hier um den potentiellen Einfluss dieser Textstellen auf Muslime geht. Die Interpretation könnte für eine Therapiewahl im Krankheitsfall entscheidend werden. Wie bereits dargelegt, sind die Vorgaben und Empfehlungen des Propheten Muhammad für Muslime von großer Bedeutung, um Entscheidungen in Krankheitsfällen oder am Ende des Lebens zu treffen. Muslime orientieren sich zu allererst am Koran und an der Sunna, um über Hilfsmaßnahmen, Therapien und Entscheidungen am Ende des Lebens abzuwägen.

2.4.4 Krankheit und Heilung in den Hadithen

„Gott hat gegen jede Krankheit ein Heilmittel herabgesandt. Also behandelt diese, aber nicht mit etwas Verbotenem.“30 Dieses Zitat macht deutlich, dass der Mensch sich den Heilmethoden bedienen sollte, die Gott ihnen geschenkt hat. In einem Krankheitsfall ist es also die Pflicht des Betroffenen sich einer Therapie zu unterziehen und sich behandeln zu lassen. Am Ende des oben genannten (o.g.) Zitats steht die Aussage, dass ein Muslim sich nicht mit Verbotenem behandeln lassen darf. Für die Wahl eines Medikamentes oder einer Therapie ist also maßgeblich, dass diese eine Erlaubnis durch Schriftbelege im Koran oder der Sunna bekommen. Allgemein müssen diese im Konsens zum Islam stehen. Ein Arzneimittel, das durch den Koran oder die Sunna verboten ist, darf somit prinzipiell nicht für eine medizinische Therapie angewendet werden. In Notfällen sind Ausnahmen dieser Verbote erlaubt: „Die Notlage macht das Verbotene erlaubt“.31 Medikamente die bspw. verbotene Tiersubstanzen enthalten, sind als Therapiemaßnahme nicht erlaubt.

Aus aktuellem Anlass erlangte die Diskussion um Impfungen, insbesondere der gegen Masern, Aufmerksamkeit, da im Februar 2015 ein Kleinkind in Berlin an der Infektionskrankheit starb. Der Junge konnte keine Impfung gegen Masern vorweisen und litt nachweislich unter keinen chronischen Vorerkrankungen.32 Zu diesem Zeitpunkt weiß man, dass er an der Krankheit litt und diese zum Tod führte.33 Auch wenn der Junge nicht dem Islam angehörte, hat dieses Ereignis gerade für muslimisch Gläubige eine Relevanz. Aus muslimischer Sicht sind Impfungen strikt untersagt, in denen verbotene Stoffe (z.B. tierische Substanzen) vorhanden sind. Des Weiteren dürfen Impfungen keine physischen oder psychischen Schä- den verursachen, da die Unversehrtheit des Körpers maßgeblich ist. Dieses Verbot kann zu einem lebensbedrohlichen Risiko vor allem für Kinder, ältere und kranke Menschen werden. Deshalb kann in Einzelfällen das Leben eines Menschen durch Krankheiten wie Masern, ohne eine Schutzimpfung, frühzeitig zum Tod führen. Der Betrachtungsweisen zum Thema medizinische Aspekte in Verbindung mit dem Islam, wurden explizit nicht nachgegangen, werden in der Literatur34,35 aber vermehrt untersucht.

Die medizinischen Hadithe verdeutlichen, dass es Verbote und Regeln gibt, an die sich Gläubige halten müssen. Es existieren jedoch auch Ausnahmen mit dem Ziel, dass die Gesundheit eines Menschen an erster Stelle steht. Die Bewahrung der Gesundheit ist von großer Bedeutung im Islam.36 Da der Körper und seine Gesundheit als Gabe Gottes gesehen werden, ist es erforderlich, diese durch den Gläubigen so weit wie möglich zu bewahren.

Zusätzlich existieren Hadithe, in denen es um die Pflichten der Angehörigen gegenüber dem Kranken geht. So sind bspw. der Krankenbesuch (inklusive Verhaltensregeln) und das „Gut-Zureden“ für Gläubige verpflichtend.37

2.5 Das muslimische Menschenbild

Wie bereits dargelegt sind die beiden Hauptquellen des Islams der Koran und die Sunna, an denen sich Muslime orientieren. Der Mensch wird im Islam als der „Statthalter Gottes“ (khalifat Allah) und „Diener“ (´abd) verstanden, wobei die Bezeichnung Diener nicht etwa mit einem Gottessklaven oder ähnlichem gleichzusetzen ist. Gott verlangt bspw. im Islam nicht bedient zu werden. Das Dienersein wird vom Menschen allerdings besonders im Gebet verinnerlicht und ausgeführt, somit ist die Hinwendung zu Gott zentraler Bestandteil. Das Beten zu Gott gehört zu den religiösen Grundpflichten eines Muslim.38 Aufgaben dieser Art unterscheiden den Menschen von den anderen Geschöpfen Gottes und stellen ihn deshalb auf eine höhere Stufe als alle anderen Geschöpfe. So lässt diese Tatsache den Menschen im Wohlwollen Gottes leben. Dies bedeutet, dass der Mensch die Möglichkeit hat, ein gutes Leben zu führen.39

Der Mensch soll die Normen und Werte des Islam befolgen, um Gott gerecht zu werden. Dem Koran nach wird der Mensch als eine ideale Gestalt erzeugt und mit

[...]


1 Vgl. hierzu und zum Folgenden: http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-01/islammuslime-indeutschland; 13.06.2015.

2 Vgl. http://www.rbbonline.de/panorama/beitrag/2015/02/masernin-berlin.html; 11.06.2015.

3 Vgl. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/petersinger-kaltherzigervordenker-a- 169606.html; 13.06.2015.!

4 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72321/umfrage/entwicklungder-anzahldermuslime-indeutschland-seit-1945/; 22.06.2015.

5 Vgl. Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, Christen und Muslime in Deutschland, S. 7.

6 Vgl. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/72321/umfrage/entwicklungder-anzahldermuslime-indeutschland-seit-1945/; 22.06.2015.

7 Vgl. I. Wunn, Muslimische Patienten, S. 68.

8 Vgl. http://www.fragenzumislam.de/?p=89; 7.06.2015.

9 Vgl. M. Laabdallaoui und I. Rüschoff, Basiswissen: Umgang mit muslimischen Patienten, S.13.

10 Vgl. http://www.geo.de/GEOlino/mensch/dieweltreligionen-53998.html; 22.05.2105.

11 Vgl. A. Renz, Der Mensch, S. 358.

12 Vgl. http://www.planetwissen.de/kultur_medien/religion/islam/islam_saeulen.jsp; 16.05.2015.

13 Vgl. N. Kermani, Gott ist schön, S. 172ff.

14 Vgl. I. Ilkilic, Wann beginnt das menschliche Leben? Philosophischtheologische Reflexion aus der muslimischen Perspektive, S.146.

15 Deutsche Bischofskonferenz, Christen und Muslime in Deutschland, S. 61.

16 A. Th. Khoury, Koran, S.468.

17 Vgl. I. Ilkilic, Der muslimische Patient, S. 21.

18 Vgl. I. Ilkilic, Der muslimische Patient, S. 21.

19 !Al Ghasali, Das Elixier der Glückseligkeit, S. 37.!

20 Vgl. Yazir, Kur’an Dili, S. 229f.

21 Vgl. I. Ilkilic, Der muslimische Patient, S. 21.

22 Vgl. ebd, S. 25.

23 Sure 26/80 (Übers. Kh.). Bei Zitierung aus dem Koran werden hier und im Folgenden zuerst die Nummern der Suren (Kapitel) und danach die der Verse aufgezählt.

24 Vgl. I. Ilkilic, Der muslimische Patient, S. 26.

25 J. Bouman, Gott und Mensch, S.206-207.

26 Vgl. I. Ilkilic, Der muslimische Patient, S. 27.

27 Sure 4/80.!

28 Vgl. S. Ramadan, Das islamische Recht S. 192.

29 Vgl. M. H., Kirbasoglu, Islam Düsüncesinde Sünnet (Sunna im islamischen Denken), S. 60 ff.

30 Abu Dawud, Kitab at-Tibb, Nr. 3874.

31 Zaidan, as-Sari a alislamiya. S. 100.

32 Vgl. http://www.rbbonline.de/panorama/beitrag/2015/02/masernin-berlin.html; 11.06.2015.

33 Vgl. http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/toteskind-inberlin-obduktionbestaetigt-toddurchmasern-1.2365182; 23.06.2015.

34 Vgl. http://www.rbbonline.de/panorama/beitrag/2015/02/masernin-berlin.html; 11.06.2015.

35 Vgl. http://www.islamfatwa.de/krankheitheilung/143-sonstigesbezueglich-krankheit/1750- urteilueber-impfungen; 13.06.2015.

36 Vgl. I. Ilkilic, Der muslimische Patient, S. 36.

37 Vgl. Buhari, Kitab allm, „Es gehört zur sunna des Propheten, bei einem Krankenbesuch (nur) kurz zu bleiben und sich leise zu verhalten“. Nr.39.

38 Vgl. M. Tautz, Interreligiöses Lernen im Religionsunterricht, S. 179.

39 Vgl. ebd., S.171.

Details

Seiten
44
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668695993
ISBN (Buch)
9783668696006
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v415646
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,1
Schlagworte
Islam Ethik Ethische Entscheidungen Tod Trauer Muslime Koran Sterbehilfe

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