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Gibt es angeborene Ideen oder gibt es eine angeborene Idee von Gott?

Eine Gegenüberstellung von Rationalismus und Empirismus

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was sind angeborene Ideen?

3. Gibt es angeborene Ideen? Rationalismus & Empirismus

4. Gibt es die angeborene Idee von Gott?
4.1 Rationalistische Position: Descartes
4.2 Empiristische Position: Locke

5. Fazit & Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im 17. und 18. Jahrhundert hat sich die philosophische Disziplin der Erkenntnistheorie besonders mit einer Frage beschäftigt: Gibt es angeborene Ideen? Bevor diese Frage beantwortet werden kann, sollte zunächst geklärt werden, was unter dem Begriff der „Idee“ zu verstehen ist. Schließlich wird in diesem Kontext mit „Idee“ nicht ein plötzlicher, kreativer Einfall wie heutzutage bezeichnet, sondern es handelt sich um einen philosophischen Fachbegriff. Aber auch wenn dieser hinreichend erklärt ist, muss in einem zweiten Schritt hinterfragt werden, was „angeboren“ in Bezug auf „Idee“ meint. Diese Arbeit untersucht Schritt für Schritt die Frage nach angeborenen Ideen und versucht anschließend anhand einer konkreten angeborenen Idee eine Antwort auf die Frage zu finden.

Zuerst wird als Grundlage die Begrifflichkeit der Ideen erklärt. Das Kriterium des Angeborenseins dient als Übergang zu dem nächsten Kapitel, in dem die Positionen des Rationalismus und Empirismus anhand zentraler Autoren zusammengefasst werden. Darauf aufbauend wird anhand einer konkreten angeborenen Idee von Gott die Fragestellung nach angeborenen Ideen weiter untersucht. Um einer Antwort näher zu kommen, befasst sich diese Arbeit mit den konträren Positionen des Rationalismus und Empirismus. Ausgehend von Descartes, der eine rationalistische Position vertritt, wird in einem zweiten Schritt die empiristische Entgegnung von Lockes hinzugezogen. Dieser Teil stellt den Kern der Auseinandersetzung da. Es steht dabei nicht im Fokus, ob es die den Ideen entsprechenden Dinge in der Welt gibt.

2. Was sind angeborene Ideen?

Der Begriff der „Idee“ kann auf Platons Ideenlehre zurückgeführt werden, der ‚idea‘ als das Universale versteht: „eine ontologische Größe: Sein oder Wesen eines Seienden; es ist unabhängig von dem sichtbaren Einzelding u. der es erkennenden Vernunft.“1 Durch einen Prozess des Wiedererinnerns (Anamnesis) partizipiert das Einzelding als Abbild der Idee an der entsprechenden Idee, welche im Sinne eines Urbilds fungiert2. Wenn wir ein Ding in der Welt sinnlich wahrnehmen, zum Beispiel einen Tisch, bezieht sich diese Wahrnehmung auf die entsprechende Idee einen Tisches. Mit Hilfe dieser Konzeption erklärt Platon, warum wir jeden Tisch als Tisch erkennen, obwohl sich Farbe oder Anzahl der Tischbeine ändert. Das Wesen des Tisches in Form der unveränderlichen Idee lässt uns dies erkennen. Im 17. Jahrhundert versteht Descartes von Platon ausgehend die Ideen als „ Abbilder[n] der Dinge im menschlichen Bewußtsein3. Ähnlich wie Platon betrachtet er Ideen auf zwei Weisen: Der Begriff der Idee „kann nämlich entweder material genommen werden für die Tätigkeit des Verstandes, […] oder objektiv für das Ding, das durch diese Tätigkeit repräsentiert wird“4. Damit ergeben sich zwei Ebenen, zum einen der „Bewußtseinsakt“5 (vergleichbar bei Platon mit dem Erinnern) und der „Bewußtseinsgehalten“⁵ (vergleichbar bei Platon mit der Idee an sich), die in der Textanalyse der dritten Meditation in Kapitel 4.1 in Bezug auf die Idee von Gott auch unterschieden werden.

Inwiefern können Ideen angeboren sein? Da diese Frage sich sowohl auf die einzelnen Positionen bezieht, als auch die Frage ihrer Existenz vorweggreift, soll nur kurz ein Eindruck vermittelt werden. Typische Kandidaten für angeborene Ideen sind „Was ist, das ist“6 oder die „notwendigen Wahrheiten, wie man solche in der reinen Mathematik“7 findet. Oft werden angeborene Ideen von ihren Verteidigern mit „“inborn“ or “unlearned“ “8 umschrieben, was allerdings in den Augen der Gegner keine ausreichend klare Definition darstellt9. Im nächsten Kapitel werden die unterschiedlichen Positionen herausgearbeitet und die damit verbunden Kriterien, die erfüllt sein müssen, dass eine Idee als angeboren gilt.

An dieser Stelle soll noch auf zwei Unterscheidungen hingewiesen werden um die Grundbegriffe, auf welchen die Fragestellung aufbaut, klar einzugrenzen. Erstens soll nicht untersucht werden, ob es Ideen im Allgemeinen gibt. Die Argumentation soll konkret für angeborene Ideen erarbeitet werden und bezieht sich deswegen auf eine spezifische angeborene Idee (Kapitel 4 und 5). Zweitens ist die Frage, ob es angeborene Ideen gibt davon zu unterscheiden, ob es das Ding, auf das sich die Idee bezieht, tatsächlich in der Welt gibt. Ähnlich ist der Unterschied zwischen “a priori“ und “angeboren“. “A priori“ bezieht sich auf die Rechtfertigung von Überzeugungen und damit auf das Ding in der Welt. “Angeboren“ hingegen bezieht sich auf die Frage nach dem Ursprung10. Die umstrittene Trennung11 dieser beiden Begriffe wird folglich aber nicht Teil dieser Arbeit sein.

3. Gibt es angeborene Ideen? Rationalismus & Empirismus

In der Neuzeit entwickelten sich zwei Positionen bezüglich der Frage nach angeborenen Ideen, die im Folgenden allgemein dargestellt werden, um auf dieser Grundlage im nächsten Kapitel die Argumentationen anhand zweier Autoren herauszuarbeiten.

Auf der einen Seite vertraten Empiristen, dass Erkenntnis nur aus der Wahrnehmung gewonnen werden kann und damit Ideen nicht angeboren sind. Der Geist des Menschen ist ein unbeschriebenes Blatt (“Tabula rasa“), was sich nach und nach durch Erfahrung füllt. Diese Metapher geht auf John Locke (1632–1704) zurück, welcher die Idee als „was immer, wenn ein Mensch denkt, das Objekt des Verstandes ist“12 versteht. Er stellt klar, dass der Mensch Ideen besitzt, aber er stellt infrage „wie sie in den Geist hineingelangen.“13 Locke will zeigen, dass Menschen sich durch ihre gegeben natürlichen Fähigkeiten Erkenntnis aneignen können ohne angeborene Ideen zu benötigen.14 Sein Hauptargument besteht darin, dass es keine allgemeine Zustimmung zu den vermeidlich angeborenen Ideen gibt15.

Die Rationalisten betonen statt der Wahrnehmung das rationale Denken. Leibniz beschreibt einen “Beweis von innen“, der nicht aus der Erfahrung stammt16. Er argumentiert dafür, dass es solche „Gemeinbegriffe“17 gibt und dass auch wenn sie dem Menschen nicht bewusst sind, sie doch verstanden und anerkannt werden, sobald sie einem zugetragen werden, und sie deswegen angeboren sind.18 Leibniz führt deswegen die Metapher eines Stückes Mamors19 an. Zwar ist Arbeit nötig um die Statur aus dem Mamor zu schlagen, sowie auch die Ideen erst nach und nach in das Bewusstsein treten, aber durch die Adern des Mamors ist die Statur bzw. die Idee bereits vorhanden und damit eingeboren. Ähnlich erklärt Descartes dies durch einen Vergleich mit einer angeborenen Krankheit: Die Idee muss wie die Symptome einer Krankheit nicht unbedingt dauerhaft bewusst sein, um auf ihr Angeborensein schließen zu können20. Das Bewusstsein über Ideen und damit auch die allgemeine Zustimmung kann nicht Kriterium dafür sein, dass sie angeboren sind. Ebenso wenig ist die Erfahrung notwendig für die Ideen, da man beispielsweise die Geometrie „in seinem Zimmer und sogar mit geschlossenen Augen“21 begründen kann und „ihre Gewißheit lediglich aus dem stammt, was in uns selbst liegt.“22

4. Gibt es die angeborene Idee von Gott?

Nachdem der grundsätzliche Unterschied zwischen Rationalismus und Empirismus bezüglich der Frage angeborener Ideen verdeutlicht wurde, widmet sich das Kapitel der konkreten angeborenen Idee von Gott. Die Idee von Gott scheint besonders grundlegend für den Wertemaßstab von Menschen und unter anderem dadurch eine besondere Stellung zu haben. Locke argumentiert, dass es schwer zu begreifen wäre, „wie es angeborene moralische Prinzipien ohne die angeborene Idee eines göttlichen Wesens geben könnte“23. Die Idee von Gott scheint seit Jahrhunderten weltweit verbreitet, uns bereits seit Kindertagen bekannt und hat auf den Menschen eine besondere Anziehung – Oder warum beschäftigt sich jeder innerhalb seines Lebens einmal mit der Frage nach Gott? Könnte es schließlich also nicht wirklich sein, dass diese Idee in dem Wesen des Menschen verankert ist?

Zunächst wird die angeborene Idee von Gott aus der rationalistischen Perspektive von Descartes untersucht, da Descartes‘ Werk zeitlich vor Lockes liegt und Descartes als Begründer der rationalistischen Position gilt24. In einem zweiten Schritt wird die empiristische Argumentation Lockes erläutert mithilfe von Rückbezügen auf Descartes. Es wird sich weniger auf die Argumentationsstruktur des jeweiligen Autors, sondern gezielt auf die gegebene Fragestellung bezogen und auch kritische Ansätze werden eingearbeitet.

4.1 Rationalistische Position: Descartes

Im Folgenden soll die dritte Mediation aus „Die Meditationen über die erste Philosophie“25 dienen um Descartes‘ Position zu der angeborenen Idee Gottes zu skizzieren. Der Fokus dabei liegt nicht auf dem Gottesbeweis in seinen einzelnen Argumentationsschritten, der sich der Frage stellt, ob Gott in der Welt existiert, und wird aus diesem Grund auch nur verkürzt wiedergegeben. Es soll hingegen dargestellt werden, warum es nach Descartes die Idee von Gott gibt und warum sie angeboren ist. Unter dieser Fragestellung wird der Text zergliedert und auch ein Rückbezug zu dem “cogito, ergo sum“26 -Argument hergestellt.

Am Anfang der dritten Meditation bezieht sich Descartes auf die vorherigen Meditationen, in denen er den Gedanken der Cartesischen Skepsis und den methodischen Zweifel mittels skeptischer Hypothesen entwickelt hat. Ziel ist es eine Antwort darauf zu finden, was ich überhaupt sicher wissen kann. So kann ein genius malignus27 sinnliche Wahrnehmungen täuschen und damit müssen wir diese anzweifeln. Nach Descartes‘ Argumentation kann er folglich nur ohne Zweifel wissen, dass er selbst als „denkendes Ding“28 existiert. Nun will er als Nächstes untersuchen, ob es auch andere Dinge gibt, die er zweifellos wissen kann. Er unterscheidet zwischen den Ideen, die im Geist sind, und den Dingen außerhalb, über welche er sich täuschen könnte. Wie räumt Descartes die Täuschung aus? Die Intention Gottes entscheidet letztendlich über die Täuschung und folglich muss die Existenz Gottes untersucht werden bevor ich mir „irgendeines anderen Dinges völlig sicher sein kann“29.

Zunächst stellt Descartes die Ideen genauer dar und teilt sie in angeborene, erworbene d. h. von außenkommende und von sich selbst erzeugte ein30. Damit gibt er auf unsere übergeordnete Frage, ob es angeborene Ideen gibt, eine klare Antwort, indem er sie in der Einteilung als eigene Kategorie nennt. Der Frage nach angeborenen Ideen geht er nicht weiter nach, da sie nicht relevant für seine Fragestellung sind und er ihre Existenz für bewiesen annimmt: „denn daß ich einsehe, was Ding, was Wahrheit, was Denken ist, das scheine ich von nirgendwo anders her zu haben als aus meiner eigenen Natur selbst“31. Allerdings könnte er auch eine weitere Erklärung nicht für notwendig halten, da er bereits durch das Cogito eine angeborene Idee untersucht und zum Fundament erklärt hat. Er hat die Erfahrung als Weg zur Erkenntnis, wie die Empiristen ihn gehen, und somit auch die erworbenen Ideen ausgeschlossen. Auch kann es sich nicht um eine selbst erzeugt Idee handeln, da gerade mein Denken in jenem Moment dessen Existenz beweist und somit nicht von mir selbst ausgedacht worden sein kann. Folglich kann man das Cogito als angeborene Idee verstehen, was auch besonders die dritte Formulierung des Denkens in dem gegeben Zitat vermuten lässt.

[...]


1 Friedo Ricken, „Idee“, in: Friedo Ricken: Lexikon der Erkenntnistheorie und Metaphysik, S. 96 linke Spalte. Hervorh. im Original.

2 Hartmut Brands, Untersuchungen zur Lehre von den angeborenen Ideen, S. 13.

3 Ricken, ebd., S. 86. Hervorh. im Original.

4 René Descartes, „Die Meditationen über die erste Philosophie“ in: Christian Wohlers, Philosophische Bibliothek: Meditationen: Mit sämtlichen Einwänden und Erwiderungen, AT VII 8. Zitiert nach Charles Adam und Paul Tannery, Euvres de Descartes. Angabe im Folgenden mit AT [Bandnr] [Seitenzahl, ggf. Zeile],

5 Ricken, ebd., S. 86.

6 John Locke, Über den menschlichen Verstand, S. 30.

7 Gottfried Wilhelm Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 13.

8 Stephen S. Stitch, „Introduction: The Idea of Innateness”, in: Stephen S. Stitch: Innate Ideas, S.1.

9 Deborah A. Boyle, Descartes on Innate Ideas, S.2 Z.17ff.

10 Wolfgang Künne, „A priori/ A posteriori“, in: Friedo Ricken: Lexikon der Erkenntnistheorie und Metaphysik, S. 18.

11 Alvin I. Goldman, „The Sciences and Epistemology“, in: Paul K. Moser: The Oxford handbook of epistemology, S.157.

12 Locke, ebd., S. 28. Hervorh. im Original.

13 Locke, ebd., S. 28.

14 Locke, ebd., S. 29.

15 Locke, ebd., S. 30.

16 Leibniz, ebd., S. 13.

17 Leibniz, ebd., S. 17.

18 Leibniz, ebd., S. 21; vgl. Descartes, AT VII 464: „ … very simple truths which are innate in our minds, so that as soon as they are pointed out to others, they will consider that they have always known them”.

19 Leibniz, ebd., S.17.

20 Vgl. Stich, ebd., S. 3-7, S. 6: „The notion of innate disease, if our dispositional account is correct, is tied essentially to cencepts of naturalness or normalcy.”; AT VIII 2, 357f.

21 Leibniz, ebd., S. 23.

22 Leibniz, ebd., S. 51.

23 Locke, ebd., S.84.

24 Laurence BonJour, Epistemology: classic problems and contemporary responses, S. 11: „the work that is arguably the starting point of modern epistemology”; William P. Alston, The reliability of sense perception,S.3: „Descartes launched modern philosophy by attempting to establish the reliability of rational intuition”.

25 Wohlers, ebd., AT VII S. 39-58.

26 AT VII 25; BonJour, ebd., S.13: „and it has come to be referred to simply as the Cogito “, Hervorh. im Original.

27 Wohlers, ebd., AT VII 22,23ff.

28 Wohlers, ebd., AT VII 34,18f, vgl. Cogito Argument.

29 Wohlers, ebd., AT VII 36,28.

30 Wohlers, ebd., AT VII 27,29ff.

31 Wohlers, ebd., AT VII 37,30-38,1. Hervorh. im Original.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668653474
ISBN (Buch)
9783668653481
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v415470
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Schlagworte
Rationalismus Empirismus Descartes Locke Gott angeborene Ideen Erkenntnistheorie Wissen Erkenntnis Idee Platon Neuzeit

Autor

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