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Zum moralischen Wert von Handlungen aus Pflicht und unmittelbarer Neigung basierend auf Immanuel Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten"

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten
2.1 Der gute Wille und die Pflicht
2.2 Der Begriff der Neigungen
2.3 Handlungsklassen: pflichtwidrig, pflichtgemäß aus mittelbarer oder unmittelbarer Neigung, aus Pflicht

3. Handlungen aus Pflicht und unmittelbarer Neigung
3.1 Einführung in die Kritik: Schiller & der Menschenfreund Denis
3.2 Inhaltliche Klarstellungen: Was Kant uns eigentlich sagen wollte
3.3 Die subjektive und objektive Dimension einer Handlung
3.4 Das geniun moralische Motiv

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von 1785 stellt Kant seine Konzeption einer reinen Moralphilosophie a priori dar. Den Status von moralischen Handlungen begründet er mithilfe des guten Willens und des Begriffs der Pflicht, um aus diesen den kategorischen Imperativ als konkretes Instrument zu Beurteilung des moralischen Werts abzuleiten und zu Letzt die Autonomie und Freiheit des Menschen zu schlussfolgern. Kant begreift den Menschen als ein Vernunft-, aber auch als Sinneswesen und an der Stelle, wo die beiden Teile des Menschen sich entgegenstehen setzt oft Kritik an: Kant wird zugeschrieben, dass er einer Handlung nur moralischen Wert zugestehen würde, wenn sie rein aus Pflicht begangen wird und der Handelnde von sämtlichen Neigungen absieht. Daraus würde folgen, dass die bloße Anwesenheit einer Neigung, wie bei einer Handlung aus Pflicht mit unmittelbarer Neigung, der moralische Wert dieser Handlung von Anfang an ausschlossen wäre. So wäre eine kalte Vernunftsmaschine moralischer als ein Mensch, der durch einen einfühlsamen Charakterzug anderen hilft. Diese Wertung spricht gegen unsere moralische Intuition und zwingt Kant in die Position eines starren Moralisten. Diese Arbeit stellt zunächst kurz die Begrifflichkeiten des guten Willens, der Neigung und der verschiedenen Handlungsklassen dar, um die Begriffe inhaltlich abzugrenzen und die Beziehungen untereinander aufzuzeigen. Nach einer Einführung in die Kritik an Kants Beurteilung einer moralischen Handlungen aus Pflicht mit unmittelbarer Neigung werden drei zentrale Argumentationslinien gegen die geäußerten Vorwürfe dargestellt, die im Fazit zusammenfließen und den zentralen Kern von Kants Moralphilosophie aufzeigen.

2. Begrifflichkeiten

2.1 Der gute Wille und die Pflicht

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“[1] Ohne weitere einführende Worte bringt Kant bereits im ersten Satz des Ersten Abschnitts den Ausgangspunkt seiner Moralphilosophie auf den Punkt: Das Gute liegt im vernünftigen Menschen selbst, in seinem Willen. Der beschriebene „gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet […] sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich, gut“[2]. Die Konsequenzen einer Willensentscheidung sind nicht das entscheidende Kriterium zur Beurteilung des moralischen Gehalts, sondern auch bei einer nicht intentionierten Handlungskonsequenz glänzt der gute Wille „wie ein Juwel doch für sich selbst“[3]. Dieser Gedanke eines an sich guten Willens als höchste moralische Instanz ist verbunden mit dem Begriff der Pflicht: Der Begriff der Pflicht enthält „unter gewissen subjektiven Einschränkungen und Hindernissen“[4] den Begriff eines guten Willens. Damit stellt Kant dar, dass eine Handlung aus Pflicht auf das Vorhandensein eines guten Willens schließen lässt, allerdings gilt der Umkehrschluss nicht, d. h. von einem guten Willen kann nicht auf eine Handlung aus Pflicht rückgeschlossen werden. Die für Kant notwendige Denkmöglichkeit eines heiligen Willens[5] begründet diese Unterscheidung sowie die erwähnten “Einschränkungen“ – doch was ist mit diesen gemeint?

2.2 Der Begriff der Neigungen

Der Mensch ist nach Kant, im Unterschied zu Gott oder Engeln, nicht ein rein von der Vernunft bestimmtes Wesen, sondern lebt auch in der „Sinneswelt“[6]: sinnliche Bedürfnisse und Neigungen sind Triebfedern seines Handelns. Diese „Abhängigkeit des Begehrungsvermögens von Empfindungen“[7] steht dem guten Willen (nicht zwangsweise, aber in den angeführten Beispielen[8] zur Verdeutlichung ausdrücklich) entgegen. Kant stellt bereits in der Vorrede klar, dass im Sinne einer Moralphilosophie a priori, das Empirische (und damit auch die Neigungen) nicht Grundlage der Begründung sei[9], auch aus dem „Grund der Verbindlichkeit“[10]. Infolgedessen stehen bei der Beurteilung im Hinblick auf den moralischen Wert einer Handlung der vernünftige Teil des Menschen (gute Wille bzw. die Pflicht) und der sinnliche (Neigungen) nebeneinander und es gilt die Neigungen auszuklammern, denn auf ihnen kann sich der moralische Wert nicht begründen.[11] Im folgenden Abschnitt werden die von Kant beschrieben Handlungsklassen dargestellt, um sich in der Argumentation auf inhaltlich erklärte und abgegrenzte Begrifflichkeiten stützen zu können.

2.3 Handlungsklassen: pflichtwidrig, pflichtgemäß aus mittelbarer oder unmittelbarer Neigung, aus Pflicht

Welche Beweggründe die Handlung veranlassen bzw. welcher Teil des Menschen sich in einer Handlung zeigt, unterscheidet Kant klar anhand folgender Begriffe: pflichtwidrige Handlungen, pflichtgemäße Handlungen aus mittelbarere oder aus unmittelbarer Neigung und Handlungen aus Pflicht. Pflichtwidrige Handlungen schließt er ohne ausschweifende Begründung bei der Frage nach Handlungen mit moralischem Wert aus.[12] Hiermit sind kurz gesagt Handlungen gemeint, die nicht moralkonform sind. Auch pflichtgemäße Handlungen aus mittelbarer Neigung bezieht er nicht in die nähere Betrachtung mit ein. In diesem Fall treibt eine „andere Neigung“[13] den Handelnden zu einer pflichtgemäßen Handlung. Damit ist nicht die Pflicht, wie bei einer moralischen Handlung gefordert, sondern die Neigung der Handlungsgrund.[14] Die Schwierigkeit der Beurteilung zeigt sich an der Stelle „wo die Handlung pflichtmäßig ist und das Subjekt noch überdem unmittelbare Neigung zu ihr hat.“[15] Die Abgrenzung zu der davor beschrieben pflichtmäßigen Handlung mit mittelbarer Neigung zeigt sich in der Motivation der Handlung, die sich nicht nur auf die Pflicht zurückführen lässt. Anhand des Beispiels eines Menschenfreunds[16] verdeutlicht Kant seine Beurteilung dieser (Handlungs-)Klasse: die Handlung verdient „Lob und Aufmunterung, aber nicht Hochschätzung […]; denn der Maxime fehlt der sittliche Gehalt, nämlich solche Handlungen nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht zu tun.“[17] An den formulierten Kritiken dieser Beurteilung setzt diese Arbeit unter der Fragestellung an, ob Handlungen keinen moralischen Wert haben, wenn man aus Pflicht handelt und gleichzeitig eine unmittelbare Neigung dazu hat. Die Klasse der Handlungen aus Pflicht und deren Abgrenzung wird in Abschnitt 3.4 behandelt und an dieser Stelle der einführenden Begriffserläuterung der Handlungsklassen ausgeklammert, da die Diskussion dieser Begrifflichkeit zentral für die Beantwortung der Frage ist.

3. Handlungen aus Pflicht und unmittelbarer Neigung

3.1 Einführung in die Kritik: Schiller & der Menschenfreund Denis

Die Kritik an Kants Handlungsbeurteilung einer Handlung aus Pflicht mit unmittelbarer Neigung drückt sich in zahlreichen Formulierungen aus, von denen einführend eine Auswahl zusammengetragen werden soll. Im Folgenden werden kurz die Ansichten einiger Kant Kritiker, besonders von Schiller, zu dieser Frage dargestellt. Hierbei wird sich zeigen dass ein Großteil von Schillers Kritik auf begriffliche Unterschiede im Vergleich zu Kants zurückführen lässt. Ein rein funktionaler, autoritärer Begriff der Pflicht wurde Kant angelastet[18] oder beispielsweise auch historisch mit der preußisch-konservativen Gesellschaftsordnung verglichen im Sinne einer Interpretation von Pflicht als Gehorsam.[19] Harald Köhl stellt die Problematik anhand Kants Menschenfreund[20] treffend da und gibt ihm den Namen Denis. Das Helfen des Menschenfreunds Denis hat „keinen wahren sittlichen Wert“[21], da er „inneres Vergnügen daran findet, Freude um sich zu verbreiten“[22] und damit aus unmittelbarer Neigung handelt. Im Gegensatz dazu handelt Alceste[23] zwar kalt und ohne ein gutes Herz, würde man vielleicht sagen, aber nach Kant moralisch, denn er handelt „ohne alle Neigungen, lediglich aus Pflicht“[24]. Friedrich Schiller drückt die Kritik in einen Vierzeiler aus und betitelt diesen mit „Gewissensskrupel“ mit dem darauf folgenden „Decisum“:

Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

Da ist kein anderer Rat; du mußt suchen, sie zu verachten, Und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut.[25]

[...]


[1] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 393,5; in Horn/Mieth/Scarano, Immanuel Kant Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Kommentar von Christoph Horn, Corinna Mieth und Nico Scarano; Hervorh. im Original; In der Folge zitiert als GMS mit Angabe der Seitenzahl

[2] GMS, 394,13f.

[3] GMS, 394, 25.

[4] GMS, 397,8f.

[5] GMS, 414,7.

[6] GMS, 451,33.

[7] GMS, 413,26f.

[8] Vgl. GMS, 397,22-399,2.

[9] Vgl. GMS, 389,7ff.

[10] GMS, 389,17f; auch ausgedrückt in GMS, 389,13: „absolute Notwendigkeit“.

[11] GMS, 389,217ff.

[12] GMS, 397, 12ff.

[13] GMS, 397,18.

[14] Vgl. Beispiel des Kaufmanns: GMS, 397, 22ff.

[15] GMS, 397, 21f; Hervorh. im Original.

[16] Vgl. GMS, 398,21ff.

[17] GMS, 398,18ff.

[18] Gottfried Höffe, „Gerne dien ich den Freunden, doch tue es leider mit der Neigung..“: Überwindet Schillers Gedanke der schönen Seele Kants Gegensatz von Pflicht und Neigung?, S. 5.

[19] ebd., Höffe S. 5.

[20] Harald Köhl, Kants Gesinnungsethik, S. 94f.

[21] GMS, 398, 14f.

[22] GMS, 398, 11f.

[23] Köhl, ebd., S. 95.

[24] GMS, 398,27.

[25] Friedrich Schiller, Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, S. 299.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668654785
ISBN (Buch)
9783668654792
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v415467
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Kant Grundlegung zur Metaphysik der Sitten Moral Handlung auf Pflicht Handlung aus unmittelbarer Neigung Aufklärung Schiller Handlungsklassen GMS Ethik Klassiker

Autor

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