Lade Inhalt...

Gesetztexte der frühen Neuzeit

Referat (Ausarbeitung) 2004 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.2 Gesetzestexte der Antike und des Mittelalters

2.1 Formen der schriftlichen Rechtssicherung bis zur frühen Neuzeit
Traditionsnotizen / Traditionsbücher
Siegelurkunden
Urbar
Stadtbücher / Ratsbücher
Grundbücher
Chirographierung
2.2 Rechtsmythische Elemente der Rechtssprechung
2.3 Anfänge einer rechtsrealistischen Rechtssprechung
2.3.1 Rechtsrealität und Urkunden
2.4 Die Struktur deutscher Urkunden der frühen Neuzeit

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Referatsausarbeitung soll einen Überblick über die Entwicklung von Rechtstexten in und vor der frühen Neuzeit geben und die charakteristischen Veränderungen im Vergleich zum Mittelalter und der Antike aufzeigen. Die frühe Neuzeit bezeichnet die Übergangsphase vom Mittelalter zur Neuzeit, also etwa die Zeit des 12. bis 13. Jahrhunderts, wobei eine klare Abgrenzung nicht möglich ist, da die Übergangsphasen fließend sind. So ist es auch verständ-lich, warum manche Belege für einen Paradigmenwechsel in Form und Inhalt von Rechts-texten vor dem 12. Jahrhundert liegen und andere aus der Zeit nach dem 13. Jahrhundert stammen.

1.2 Gesetzestexte der Antike und des Mittelalters

In der frühen Neuzeit steigen die Schriftkenntnisse der deutschen Sprachgemeinschaften an. Ein Beleg dafür ist in der Ausweitung der Textsorten zu erkennen, z.B. durch die Einführung der Prosa in die deutsche Literatur (erster Prosaroman ist der „Lanzelet“), aber auch bei Gesetzestexten. Eike von Repgow verfasst den Sachsenspiegel, eine in Prosa geschriebene Rechtssatzung. Ihm folgen der Schwabenspiegel und der Deutschenspiegel. Der Mainzer Reichslandfrieden von 1235 ist die erste bedeutende Reichsurkunde, die in deutscher Sprache verfasst wird. Selbstverständlich gibt es auch vor dem 13. Jahrhundert Urkunden und andere Schriftstücke, doch spielen sie in der mittelalterlichen Kultur deutschsprachiger Sprachge-meinschaften eine unbedeutende Rolle und sind fast ausschließlich den Geistlichen und dem Adel verständlich und zugänglich.

Der Grad der Verbreitung und Anerkennung von Schriftstücken oder die verbreitete Kenntnis der Schrift lässt sich als Merkmal für die Zivilisationsstufe einer Kultur heranziehen. . „Das Vorhandensein von Urkunden und Briefen ist ein Zeugnis für eine bestimmte Zivilisations-stufe, in der die Verschriftlichung von Maßnahmen des menschlichen Gemeinschaftslebens es ermöglicht, die Situationsgebundenheit des mündlichen sprachlichen Handelns zu über-winden.“[1] Ohne diese Merkmale fehlen solchen Maßnahmen die Dauerhaftigkeit, die Reich-weite und die allgemeine Anerkennung durch die soziale Gemeinschaft.

Während des 12./13. Jahrhunderts scheinen die deutschen Sprachgemeinschaften langsam auf eine für unseren Begriff „höhere“ Zivilisationsstufe zuzuschreiten. Eine Zivilisationsstufe, die in der Antike längst erreicht wurde, jedoch mit dem Verfall des Römischen Reiches endet und vor allem die im Osten liegenden Gebiete (östlich des Rheins), auf die der Einfluss schon immer begrenzt gewesen ist, zurückwirft. So kannte „das Spätantike Staatswesen, welches auf einen relativ hohen Stand der Schriftlichkeit basierte, ... neben der – eine vollzogene Rechts- handlung bezeugenden – „notitia“, neben der den Akt vollziehenden ... „carta“ und den Akten, welche die Vorbereitung und Durchführung des Rechtsgeschäfts dokumentierten, auch die Einrichtung des öffentlichen Schreiber, das Tabellionat.“[2] Nach dem Verfall können sich diese Formen nicht mehr bei den deutschsprachigen Kulturen halten. Zwar übernehmen die germanischen Stämme das „hochentwickelte Verwaltungswesen, doch der hohe Grad der Schriftlichkeit des politischen und rechtlichen Handelns konnte sich nur .. in Italien und Teilen Galliens“[3] halten, wo die Institutionen der römischen Verwaltung schon etabliert und die Bevölkerung in höherem Maße alphabetisiert war.

Bei den Ostgermanen verliert die Schrift im Allgemeinen und so auch die Urkunde an Bedeutung und wird zu einem reinen Übergabesymbol. Bis in die frühe Neuzeit wird so eine mündliche Rechtssprechung die Rechtshandlungen bestimmen: „Im Einflussbereich germanischer Traditionen, wo die mündliche, formgebundene Handlung vor Zeugen und unter Verwendung bestimmter Symbole Recht vollzog, wurde die römische dispositive Urkunde ... zu einem ebensolchen Übergabesymbol umgedeutet.“[4]

Trotzdem werden Volksrechte der germanischen, später deutschen Stämme um Rhein und Donau in lateinischer Sprache schriftlich festgehalten, können sich aber gegen die mündlich vollzogene Rechtssprechung nicht durchsetzen. „So finden die fränkischen Stammesrechte (Lex Salica 6. – 9. Jh. ; Lex Ribuaria 7. Jh.), das Thüringerrecht (Lex Thuringorum 9. Jh.), „Pactus“ und „Lex Alamannorum“ (8. Jh.) der Alemannen, und die „Lex Baiuvariorum (6. – 8. Jh.) der Bayern ... ihre frühe Schriftform.“[5] Damals ist die Bedeutung der rechtlichen Dimension dieser Gesetzestexte gering, doch sind diese Rechte heute wichtige sprachwissen-schaftliche Dokumente, da einige germanischen Wörter oberflächlich latinisiert aufge-schrieben wurden und sie so historische Schriftzeugnisse darstellen.

2.1 Formen der schriftlichen Rechtssicherung bis zur frühen Neuzeit

Wie dargestellt wurde, verlieren Urkunden und schriftliche Rechts- und Gesetzestexte im Mittelalter ihre Bedeutung. Schriftstücke werden zwar angefertigt, doch haben sie für die größtenteils analphabetische Bevölkerung nur sehr geringe Geltung im realen Leben. „Im sozialen Handeln des Mittelalters ... tritt die rechtliche Dimension unmittelbarer und umfassender zutage als es heute der Fall ist,“[6] doch tut sie dies in Form des mündlichen- und nicht des schriftlichen Rechtsvollzugs. Natürlich werden weiterhin Schriftstücke angefertigt, deren Formen im folgenden vorgestellt werden. Es handelt sich um Gesetzestexte, die vor oder während der frühe Neuzeit Verbreitung finden:

Traditionsnotizen / Traditionsbücher

Vor allem die Kirche und Geistliche verfassen im Mittelalter Schriftstücke. Für diese Gruppe, die ihren Besitz nicht durch Gewalt schützen kann, stellt die schriftliche Fixierung von Rechtsangelegenheiten die einzige Möglichkeit dar, sich vor Enteignungen oder Übernahmen zu sichern. Denn „je weniger sie imstande waren, die Güter, die sie erworben hatten, mit dem Schwert zu schützen, umso mehr mußten sie darauf bedacht sein, wenigstens im Wege des Rechts ihrem Besitz die nötige Sicherheit zu verschaffen.“[7]

Aus diesem Grund legen einige Klöster die Traditionsnotizen an, in denen sie Rechtsvorgänge wie z.B. Käufe oder Verkäufe zur späteren Rechtsverfolgung verschriftlichen. Später werden die Notizen in einem Buch angelegt, so dass sich aus ihnen das Traditionsbuch entwickelt. „So wurden z.B. in Freising unter Bischof Hitto (811 – 835) die Einzelurkunden ... in einen Kodex, die „Freisinger Traditionen“, eingetragen.“[8] Die Traditionsbücher und Notizen bleiben ohne Zeugennennung, so dass sie wohl eher zur Wahrung des Gedächtnisses an die Spender, als zur Rechtsverfolgung dienen. Einen „eigenen, der Urkunde vergleichbaren Beweiswert hatte das Traditionsbuch nur in Bixen im Laufe des 13. Jahrhunderts erlangt, als andernorts solche Bücher schon weitgehend von der Siegelurkunde verdrängt worden waren.“[9]

Siegelurkunden

Siegelurkunden werden vor allem von Königen oder Päpsten verfasst. Diese Urkunden haben durch die hohe Autorität ihrer Aussteller eine große Reichweite und Geltung, woran deutlich wird, dass die rechtliche Durchsetzungsgewalt noch sehr an Einzelpersonen gebunden ist. Solche Urkunden haben durch das Siegel, einem wiedererkennbaren Zeichen, auch während des Mittelalters eine weitreichende Beweiskraft und verbreitete Geltung. Zu dieser Zeit wahrscheinlich mehr wegen des Zeichens, als wegen des schriftlichen Inhalts. Im 10. Jahr- hundert findet die Form der päpstlichen bzw. königlichen Siegelurkunde auch von der „weltlichen“ Bevölkerung und dem niederen Adel Verwendung. „In diesem Sinne ist wohl auch zu verstehen, daß die Bayernherzöge Arnulf (927) und Berthold (ca. 937) wörtlich die Intitulatio-Formel der Königsurkunde übernahmen.“[10]

Urbar

Das Auftauchen einer weiteren Form der Gesetzestexte lässt sich im 11. Jahrhundert beob-achten. Zu diesem Zeitpunkt tauchen in einigen Städten die ersten systematischen Bestands-verzeichnisse, die Urbare, auf. Im Urbar werden z.B. Naturaldienste festgehalten. Diese Text-sorte reicht „mit ihren ältesten Anfängen in die karolingische Zeit zurück, ihre eigentliche Verbreitung erlangten sie aber erst ab dem 13. und dem 14. Jahrhundert, als sich Landes-herrschaft und Grundbesitz verstärkt profilierten.“[11]

Stadtbücher / Ratsbücher

Stadt- und Ratsbücher dienen einem ähnlichen Zweck wie das Urbar. In ihnen wird „alles ver- zeichnet, was für das städtische Gemeinwesen von Bedeutung war. Sie tauchen erstmals im 13. Jahrhundert auf.“[12]

Grundbücher

Eine differenzierte Form des Stadtbuches entsteht um 1284 in Lübeck. Ein Buch genügt nicht mehr, um die vielfältigen Geschäfte und Angelegenheiten der Stadt zu dokumentieren. Aus diesem Stadtbuch sondert sich ein eigenständiges Buch ab, in dem nur Grundstückgeschäfte verzeichnet werden. Es lässt sich so eine weitere Spezialisierung im 13. Jahrhundert erkennen. Die fortschreitende Differenzierung ist ein Indiz für einen Paradigmenwechsel, der sich in der frühen Neuzeit beobachten lässt.

Chirographierung

Eine andere Art der Rechtssicherung bot das Verfahren der Chirographierung, „welches zuerst in England auftauchte, im 10. und 11. Jahrhundert aber auch auf dem Kontinent Ver- breitung fand.“[13] Dabei wird der Text mindestens Zweifach auf Pergament geschrieben und zwischen die Texte z.B. „das Wort „Cyrographum“, die Buchstaben des Alphabets oder andere Wörter geschrieben und das Pergament an dieser Stelle zerschnitten.“[14] Die Schnitt- linie ist meist ein Muster oder gezackt, so dass nur die Vertrags- oder Geschäftspartner im Besitz des passenden Gegenstücks sind. Es handelt sich um ein „Puzzleprinzip“, das sich für Tausch- oder Kaufgeschäfte eignet.

[...]


[1] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt – Pragmalinguistische Untersuchungen zu deutschsprachigen Urkunden des 13. Jahrhunderts; Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft; Germanistische Reihe Band 36; Innsbruck 1989; S. 78.

[2] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S. 83/84.

[3] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S. 84.

[4] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S. 84.

[5] Horst D. Schlosser, Uwe Goede (Hrsg.): dtv-Atlas Deutsche Literatur; Deutscher Taschenbuch Verlag; München 1999; S.17.

[6] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S. 80.

[7] Harry Bresslau: Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und Italien; Erster Band; Berlin 1969; S.667.

[8] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S. 86.

[9] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S.88.

[10] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S.93.

[11] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S.89.

[12] vergleiche: Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S.90.

[13] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S.92.

[14] Bernd Steinbauer: Rechtsakt und Sprechakt; S.92.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638397483
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41503
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2+
Schlagworte
Gesetztexte Neuzeit Texte Neuzeit

Autor

Zurück

Titel: Gesetztexte der frühen Neuzeit