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Das Vorurteil in Andorra und Jagdszenen aus Niederbayern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Wesen des Vorurteils

3. Über die Wirkung von Vorurteilen
3.1 Bildnis und Wirklichkeit in Andorra
3.2. Das Vorurteil in
Jagdszenen aus Niederbayern

4. Die Gesellschaftsstruktur
4.1 Die andorranische Gesellschaft
4.2 Die Gesellschaftsstruktur in Reinöd

5. Ausweg? Liebe!

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Autoren Max Frisch und Martin Sperr haben in ihren Werken das bewegende Thema des Vorurteils aufgegriffen. Andorra und Jagdszenen aus Niederbayern schildern eindrucksvoll, wie die menschliche Neigung in Vorurteilen zu denken und entsprechend zu handeln, zu Hass, Gewalt und Verfolgung führen können.

In Max Frischs „>Andorra<-Stück hat sich die bohrende Feder im Wurzelraum menschlicher Inhumanität eingenistet, in der Brutstätte eines schleichenden Gifts, das kein Erbarmen kennt, wenn es einmal in Umlauf gekommen ist. Namen hat es viele: Verleumdung, Denunziation, üble Nachrede, Vorurteile“[1]. So beschreibt Gerhard Hellwig treffend die mörderische Automation des Vorurteils. Das „schleichende Gift“ schädigt den Menschen in seiner Existenz, denn es steht der Forderung nach „Selbstverwirklichung durch Selbsterkenntnis!“[2] entschieden im Weg.

Die Vorurteilsthematik ist nicht zuletzt deshalb so bedeutungsvoll, weil sie eng verbunden ist mit der Frage der Identität, der Selbstwahl und der Selbstwerdung, die den Menschen existentiell bewegt.

Die Frage die sich uns auch im Hinblick auf Andorra und Jagdszenen aus Niederbayern stellt, ist

„Wie weit kann unser eigenes Ich standhalten einer Welt, die doch wir selbst geformt haben, die aber immer mehr dazu überzugehen scheint, uns zu überformen, ein Abziehbild unseres Selbst herzustellen, das wir, stolz mit unserer Freiheit, unserer inneren Unabhängigkeit prahlend (...) noch als Original bezeichnen? Es ist die Frage nach der Identität des Menschen in einer entfremdeten Welt (...).“[3]

In meiner Arbeit möchte ich zunächst auf das Wesen des Vorurteils eingehen. Es soll geklärt werden, wie Vorurteile zustande kommen, welche Funktion sie haben, aber vor allem welchen Einfluss sie auf die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen nehmen können. Durch eine detaillierte Betrachtung der Werke Andorra und Jagdszenen aus Niederbayern sollen die Phänomene des Vorurteils näher beleuchtet werden, um am Ende dem Ziel näher zu kommen, einen möglichen Ausweg aus der Problematik aufzeigen zu können.

2. Das Wesen des Vorurteils

„Unter Vorurteilen im weitesten Sinne des Wortes versteht man alle jenen Urteile, die gefällt werden, ohne daß man sie an Hand der Tatsachen auf ihre Gültigkeit überprüft. Dabei steht offen, ob nur dann Vorurteile vorliegen, wenn der Einzelne keine Rücksicht auf die ihm bekannten Tatsachen nimmt, oder selbst dann, wenn er sich nicht bemüht, sich die fehlende Tatsachenkenntnis zu verschaffen.“[4]

Diese zunächst sehr allgemeine Definition betont vor allem das Fehlen von Sachkenntnis als zentrales Element des Vorurteils. Für die Anwendung auf Jagdszenen aus Niederbayern und Andorra muss jedoch eine Begriffsbestimmung gefunden werden, die dem speziellen Fall der Vorurteile und Stereotype in den Stücken gerecht wird.

Die Erforschung von Vorurteilen und Stereotypen ist ein sehr komplexes Thema und gehört zum Gegenstandsbereich vieler Einzelwissenschaften. So bietet die Forschung eine Vielfalt von Zugängen und methodischen Lösungsversuchen. Während in der Vergangenheit jede Forschungsrichtung das Vorurteil auf verschiedene Weise erklärte, spielt heute zweifellos die Sozialpsychologie eine führende Rolle.[5] Besonders stark wurde sie beeinflusst durch die Vorurteilstheorie, wie sie von Adorno formuliert wurde. Diese verfolgte primär das Ziel zu erklären, warum Menschen für vorurteilsgeprägte Einstellungen empfänglich sind. Man stellte dabei fest, dass vor allem „autoritäre Charaktere“, die sich fest an Obrigkeiten und hierarchische Ordnungsgedanken klammern, betroffen sind. Ihre Ich-Schwäche, die Angst vor Bedrohung und ihre allgemeine Unsicherheit versuchen sie dadurch zu kompensieren, dass sie sich besonders stark an die eigene Gruppe binden, um sich gegen alles Außenstehende und Fremde zu wehren.[6] Da man einen harmonischen Zusammenhalt gewährleisten möchte, projizieren diese Gruppen Negativvorstellungen auf die Fremdgruppe. Man schafft sich Sündenböcke, die für die eigenen Fehler und Schwächen verantwortlich gemacht werden können und auf die man die eigene Schuld übertragen kann, die dann von ihnen stellvertretend eingebüßt werden soll.[7] Der Soziologe Gordon W. Allport weist darauf hin, dass „besonders unter dem Druck außergewöhnlicher Enttäuschung und Not, der durch eine primitive Beweisführung falsch ausgelegt wird, (...) ganze Treibjagden auf Sündenböcke“[8] ausbrechen. Das Opfer in diesen „Sündenbock-Verfahren“, zeichnet sich meist dadurch aus, dass es „unmittelbar zu erreichen“ und „greifbar“ ist. „Er gehört oft einer allgemein bekannten Minderheit in dem betreffenden Ort an, ein Mensch, dem man oft genug begegnet ist und der als täglich greifbare Zielscheibe dienen kann.“[9]

Wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit zeigen wird, ist es genau dieser Mechanismus des Sozialen Vorurteils, der in Jagdszenen aus Niederbayern und Andorra dazu führt, dass Menschen zu Verfolgern und Mördern ihrer Mitmenschen werden.

Was genau zeichnet aber nun das soziale Vorurteil aus? Bisher haben wir nur gesehen, warum es zur Vorurteilsbildung kommt, welche Funktion sie verfolgen und welche Gruppen davon betroffen sind. In „The Nature of Prejudice – Die Natur des Vorurteils“ bietet Allport eine umfassende Bestimmung der Merkmale des sozialen Vorurteils. Laut seiner klassischen Definition handelt es sich dabei

- um ein voreiliges Urteil gegenüber einer Person oder Sache, das der tatsächlichen Erfahrung vorausgeht, d.h. ein Urteil, das überhaupt nicht oder nur sehr ungenügend durch Reflexionen oder Erfahrungen gestützt wird und nicht auf ihr gründet.
- Es ist meist ein generalisierendes Urteil, das sich nicht nur auf einen Einzelfall, sondern auf viele Urteilsgegenstände bezieht.
- Die Argumente, mit denen es sich zu begründen sucht, sind stereotyp.
- Neben beschreibenden oder theoretisch erklärenden Aussagen enthält es direkt oder indirekt auch richtende Bewertungen von Menschen, Gruppen oder Sachverhalten.
- Von einem Urteil unterscheidet es sich durch die fehlerhafte und vor allem starre Verallgemeinerung.

Die soziale Vorurteilsbildung kann demnach als Übergeneralisierung interpretiert werden, „bei der unzuverlässigerweise von einzelnen Eigenschaften eines Individuums auf Eigenschaften aller Individuen einer Gruppe geschlossen wird.“[10] Entscheidend ist dabei das Verhältnis „von Mitgliedern einer bestimmten ingroup zu einer oder mehreren von den dieser Gruppe entsprechenden outgroups.“[11] Der Preis, den die Mitglieder beider Gruppen für die Zugehörigkeit zahlen, ist „der Verzicht auf gegenseitiges Verstehen“.[12] Mit anderen Worten heißt das, Vorurteile sind stabile und konsistent negative Einstellungen gegenüber einer anderen Gruppe oder einem Individuum, weil es zu dieser Gruppe gerechnet wird.

Allport glaubt eine „endgültige Definition des ethnischen Vorurteils“ gefunden zu haben, indem er es als „Antipathie“ beschreibt, „die sich auf eine fehlerhafte und starre Verallgemeinerung gründet. (...) Sie kann sich gegen eine Gruppe als ganze richten oder gegen ein Individuum, weil es Mitglied einer solchen Gruppe ist.“[13]

Vorurteile müssen nicht zwingend eine negative oder ablehnende Einstellungen beinhalten, sie können auch positiver Natur sein. Gerade in freundschaftlichen, liebenden Beziehungen zwischen Menschen gibt es vorurteilbehaftete Sichtweisen, zum Beispiel zwischen Liebespaaren, oder das Vertrauen eines kleinen Kindes in die unbegrenzten Fähigkeiten und Kräfte der Eltern.

In jedem Fall ist das Vorurteil in der Regel „affektgeladen und verzerrt die Wahrnehmung der Umwelt.“[14] Es besitzt meist einen emotionalen Gehalt und deutliche stereotype Überzeugungen, die oft negative Gefühle, Handlungstendenzen oder auch diskriminierende Handlungen implizieren.

3. Über die Wirkung von Vorurteilen

Max Frisch und Martin Sperr beschäftigen sich in ihren Werken Andorra und Jagdszenen aus Niederbayern mit der Wirkung von Vorurteilen oder Bildnissen, die dem Menschen verwehren, er selbst zu sein. Max Frisch hat sich auch in seinem Tagebuch 1946-1949 mit dieser Problematik auseinander gesetzt und damit zum Verständnis von Andorra beigetragen:

„Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfaßbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlaß wieder begehen (...).“[15]

Das Wesen eines Menschen darf nicht durch Vorurteile eingeengt werden, denn sie zerstören das Lebendige, Individuelle und machen so eine Verwandlung unmöglich. Unter einem „Bildnis“ versteht Frisch demnach „jede Aussage über einen Menschen, die ihn als unveränderlich festlegt, „an den Pfahl“ bringt, möge man nun glauben, ihn aus persönlichem Umgang oder auf Grund seiner Gruppenzugehörigkeit zu kennen.“[16] Jene erstarrten, unflexiblen Vorstellungen, die sich Menschen von sich selbst, oder anderen machen, verwehren dem Individuum die Möglichkeit zur Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit. Sich ein Bildnis machen ist eine „psychologische Vergewaltigung“[17], so Bircher, insofern das Bild von ihm diesen Menschen zwingt, sich dem Bild gemäß zu verhalten, die Bildprojektion zu erfüllen. Dieses Problem erkannte auch Max Frisch, wenn er schreibt,

„In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die andern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der andern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. (...) Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer –.“[18]

Die Rolle eines Menschen ist also in starkem Maße die Auswirkung des Bildes, das sich die Gesellschaft von ihm macht - und umgekehrt. Jedes Vorurteil, ob positiv oder negativ, drängt den Menschen in eine bestimmtes Muster und führt zur Entfremdung des Menschen von sich selbst.

Sowohl in Andorra als auch in Jagdszenen aus Niederbayern sind die Hauptpersonen mit Vorurteilen konfrontiert, die ihnen nicht nur verwehren sie selbst zu sein, sondern schließlich tödlich enden. So liegt Brauns Deutung nahe, die Stücke seien eine „Parabel für alle, die einen Menschen zum Anderssein gezwungen haben, eine Parabel über die Zerstörung der Menschen durch die Ideologie, die die verschiedensten Namen tragen kann.“[19] Was Krapp für Andorra formulierte, ist in gleicher Weise auch für Jagdszenen aus Niederbayern gültig - die Stücke sind „überzeugende und erschütternde politische und tragische Metaphern für den Widerspruch zwischen der möglichen wahren und der tatsächlich gelebten Existenz des Menschen.“[20]

[...]


[1] Hellwig, Gerhard: Vom tödlichen Vorurteil. In: Südkurier, 21.6.1985. Zitiert nach: Knapp, Gerhard P./Knapp, Mona. Max Frisch: Andorra. Frankfurt a.M. 1988. (Grundlagen zum Verständnis des Dramas), S. 56.

[2] Eckhart, Rolf: Max Frisch. Andorra. München 1965. (Interpretationen zum Deutschunterricht), S. 62.

[3] Braun, Karlheinz: Andorra, die mörderischen Bilder. In: Frischs >Andorra<. Hrsg. von Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M. 1984, S. 104f.

[4] Heintz, Peter: Soziale Vorurteile. Ein Problem der Persönlichkeit, der Kultur und der Gesellschaft. Köln 1957. Zitiert nach: Lehr, Stefan: Antisemitismus – religiöse Motive im sozialen Vorurteil. München 1974, S. 7.

[5] Elliott, James, Jürgen Pelzer und Carol Poore (Hrsg.): Stereotyp und Vorurteil in der Literatur. Göttingen 1978. (Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik: Beih.: 9), S. 9.

[6] Ebd., S. 28.

[7] Vgl.: Eisenbeis, Manfred: Max Frisch. Andorra. Stuttgart 2004. (Klett Lektürehilfen), S. 50.

[8] Zitiert nach: Eisenbeis, Manfred: Max Frisch. Andorra. Stuttgart 2004. (Klett Lektürehilfen), S. 50.

[9] Ebd., S. 50.

[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Vorurteil.

[11] Heintz, Peter: Soziale Vorurteile. Ein Problem der Persönlichkeit, der Kultur und der Gesellschaft. Köln 1957. Zitiert nach: Lehr, Stefan: Antisemitismus – religiöse Motive im sozialen Vorurteil. München 1974, S. 7.

[12] Eckhart, Rolf: Max Frisch. Andorra. München 1965. (Interpretationen zum Deutschunterricht), S. 61.

[13] Allport, Gordon W.: Stereotyp und Vorurteil. In: Frischs >Andorra<. Hrsg. von Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M. 1984, S. 79.

[14] Lehr, Stefan: Antisemitismus – religiöse Motive im sozialen Vorurteil. München 1974, S. 7.

[15] Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt a. M. 1964, S. 37.

[16] Eckhart, Rolf: Max Frisch. Andorra. München 1965. (Interpretationen zum Deutschunterricht), S. 55.

[17] Bircher, Urs: Vom langsamen Wachsen eines Zorns. Max Frisch 1911-1955. Zürich 1997, S. 179.

[18] Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt a. M. 1964, S. 33f.

[19] Braun, Karlheinz: Andorra, die mörderischen Bilder. In: Frischs >Andorra<. Hrsg. von Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M. 1984, S. 106.

[20] Vgl.: Krapp, Helmut: Das Gleichnis vom verfälschten Leben. In: Frischs >Andorra<. Hrsg. von Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M. 1984, S. 100.

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638397391
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41493
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Vorurteil Andorra Jagdszenen Niederbayern Thematisierung Shoah

Autor

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Titel: Das Vorurteil in Andorra und Jagdszenen aus Niederbayern