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Yoga: eine religiöse Praxis im Wandel der Zeit. Ausgewählte Aspekte der Rezeptionsgeschichte

Bachelorarbeit 2015 38 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. GESCHICHTE DES YOGA
2.1 ״UR-YOGA" UND ENTSTEHUNG
2.2 YOGA IN DEN UPANIŞADEN
2.3 DER VOLKSTÜMLICHE YOGA IN DER EPISCHEN ZEIT
2.4 PURĀŅAS UND DIE YOGA-UPANIŞADEN
2.5 EINFLÜSSE DES TANTRISMUS
2.6 DER HATHA-YOGA
2.7 YOGA IM NEOHINDUISMUS

3. REZEPTION DES YOGA
3.1 YOGA IM ZEITALTER DER AUFKLÄRUNG UND ROMANTIK
3.2 YOGA UND DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DES 19. JAHRHUNDERTS
3.3 DIE KÖRPERBEZOGENHEIT IM OKKULTISMUS UND ESOTERIK
3.4 EIN WISSENSCHAFTLICHER ANSATZ
3.5 MODERN POSTURAL YOGA (MPY)
3.5.1 ENTWICKLUNG IN DEN 1950ER JAHREN BIS MITTE DER 1970ER JAHRE
3.5.2 YOGA AB MITTE DER 1970ER JAHRE BIS zu DEN SPÄTEN 1980ERN
3.5.3 YOGA AB DEN SPÄTEN 1980ERN

4. YOGA HEUTE AM BEISPIEL VON BIKRAM-YOGA
4.1 ENTWICKLUNG DES BIKRAM-YOGA
4.2 ״TORTURE CHAMBER"
4.3 NEUE ZIELE

5. FAZIT

6. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

7. ANHANG

1. Einleitung

Yoga hat sich in den letzten fünfzehn Jahren als eine Sportart mit „Wohlfühlfaktor“ etabliert, die ihren Ursprung im alten Indien hat. Heute gibt es kaum jemand in Europa und in den USA, der noch nie etwas von Yoga gehört hat, da der Absatzmarkt von Yoga-Artikeln regelrecht überschwemmt wird.

Doch woraus hat sich dieser Yoga-Trend entwickelt? Wie ist es möglich, dass ein indischer Heilsweg, der den Ausweg aus dem Geburtenkreislauf verspricht nun plötzlich als profane Sport- und Fitnessübung aufgefasst wird?

Diese Arbeit untersucht die Rezeption des Yoga und die verschiedenen Faktoren, die darauf Einfluss nahmen. Um zu begreifen, was Yoga ursprünglich gewesen ist, wird im ersten Teil auf die Geschichte eingegangen und die Entwicklung des Yoga in den verschiedenen Epochen und Schriftwerken dargestellt bis in die Epoche des Neo-Hinduismus. Die dafür verwendete Literatur umfasst sowohl das Werk Der Weg des Yoga - Handbuch f ü r Ü bende und Lehrende vom Berufsverband deutscher Yogalehrer als auch Der Yoga von J.W. Hauer, da diese beiden Abhandlungen einen umfangreichen Überblick über die Geschichte des Yogas bieten.

Im Hauptteil erfolgt die Ausführung der Yoga-Rezeptionsgeschichte. Da diese auch ein Teil der Begegnungsgeschichte zwischen Indien und dem Westen ist, wird zunächst auch darauf eingegangen und die leitenden Ideen des Aufklärungszeitalters und der Romantik mit der Indien-Rezeption Europas in Verbindung gesetzt.

Darauf folgend wird untersucht, wie und auf welcher Art und Weise Yoga zuerst in philosophischen, dann okkultistischen und schließlich in wissenschaftlichen Kreisen begriffen wurde. Dies gibt einerseits einen Einblick auf die Facettenvielfalt des Yoga, die sich unter diesen Einflüssen herausgebildet hat und lässt andererseits Rückschlüsse auf den damit verbundenen Wandel der Rezeption des Yoga zu. Dazu wurde hauptsächlich mit dem Buch Yoga auf dem Weg nach Westen: Beitr ä ge zur Rezeptions- geschichte von Karl Baier gearbeitet.

Als nächstes wird die Entstehung des „Modern Postural

Yoga“ (MPY) behandelt und untersucht, welche Faktoren für die Popularisierung ausschlaggebend waren, da diese grundlegend für die heutige Auffassung von Yoga sind. Für diesen Abschnitt bilden die Werk A History of Modern Yoga von Elizabeth de Michelis und The Subtle Body - The Story of Yoga in America von Stefanie Syman die Grundlage.

Abschließend wird eine Untersuchung des heutigen Yoga vorgenommen. Da dieses Unterfangen sehr vielschichtig und komplex ist, wird sich auf die Analyse des Bikram-Yoga beschränkt . Die Wahl fiel auf diese Yoga-Form, weil diese die innovativste ist und höchste Popularität genießt. Dabei werden die Entwicklung, der Inhalt und die Zielsetzung des Bikram-Yoga ermittelt, um diese drei Aspekte in einem zweiten Schritt in Bezug zur heutigen Gesellschaft zu setzen. Die Primärquelle hierzu bilden die Internetseiten http://www.bikramyoga.com/ und http://www.bikram- berlin.de/.

2. Geschichte des Yoga

2.1 „Ur-Yoga“ und Entstehung

Es wird davon ausgegangen, dass schon in der indo-iranischen Epoche des 3. bis 2. Jahrtausends v. Chr. die aryas religiöse Übungen praktizierten, die aber wenig mit dem heutigen Yoga gemeinsam haben.1

Altindogermanische Begriffe, die geistige und seelische Betätigung ausdrücken, weisen semantische Ähnlichkeiten mit Begriffen für Licht und Lichtbewegung auf. Die Wortwurzel ci, cit kann sowohl „leuchten“ als auch „geistiges Bewegtsein“ oder „leuchtendes Mächtigsein“ bedeuten. Zusammen mit sat, der energetischen Seinsgrundlage und ā nanda, der „Urlust“, „Glückseligkeit“ wird sat-cit- ā nanda von den altindischen Weisen „das Wesen des Letzthin- Wirklichen gekennzeichnet.“2 Dies deutet darauf hin, dass die Wurzeln des Yoga sehr tief in die Menschheitsgeschichte hinein reichen, da diese Wesensbezeichnung eng mit der höchsten Yoga- Erfahrung steht.3

Das Wort „Yoga“ entstammt aus der Sanskritwurzel yuj (vgl. lat. jugum, dt. Joch) und bedeutet „anschirren“ „anjochen“ oder „anspannen“. Schweifende Gedanken sollen streng gezügelt und gezielt gelenkt werden. Während der Begriff „Yoga“ erst in den Upaniṣaden auftaucht, findet sich „yuj“ schon in den vedischen Schriften.4

Ein zentrales Element im kultischen Yoga ist die strenge Konzentration und die Versenkung in rituelle Handlungen. Eine weitere Hilfestellung zur spirituellen Erfahrung bieten die tapas- Übungen. Der Begriff tapas bedeutet „Hitze“ oder „Erhitzung“ und beinhaltet Praktiken, wie Fasten, Stillsitzen, Stehen in der prallen Sonne und alle anderen Übungen, die bewusstseinsverändernd wirken und zu Visionen, Entrückungen und magischen Erlebnissen führen können.5

Ein weiteres Element des „Ur-Yoga“ ist das sv ā dh ā ya, „das selbsteigene Hineingehen“, das durch rezitieren und singen heiliger Texte während der Opferrituale und die mit der Silbe om verbundene Atemübungen, pr āṇ a erreicht wird.6

In der vedischen Periode ist dieser Kult eher am Rande oder außerhalb der Gesellschaft zu beobachten, da es sich bei diesen Akteuren, den ke ś in, um fast nackte Wanderasketen, heilige Sänger und Ritenmeister handelt, die den Urgott Vāyu-Rudra-Śiva anbeteten. In dieser Phase der Entwicklung geht man davon aus, dass nach Heil suchende Menschen sich diesen Wanderasketen anschlossen, um ihre Praktiken zu erlernen.

Im nächsten Schritt hält diese Asketenbewegung Einzug in den kultisch-brahmanischen Bereich.

2.2 Yoga in den Upaniṣaden

Gesellschaftliche Umbrüche, kriegerische Aktivitäten und religiöse Emanzipation, wie das Aufkommen der „Ketzerreligionen“ (z.B. der Buddhismus, Jainismus und andere Geistesströmungen) waren die Voraussetzung für neue Grundkonzeptionen. Wo vorher nur den Brahmanen, der religiösen Elite, das Tor zum Heil offen stand, konnte nun von jedem, infolge dieser neuen Geistesströmungen, individuelle Erlösung erlangt werden. Die Annahme von sa ṃ s ā ra, dem Kreislauf der Wiedergeburten, karma, der Vergeltung der Taten und der Glaube an die Notwendigkeit des Ausstiegs aus diesem leidvollen Zyklus, mit dem Ziel der persönlichen Befreiung, mok ṣ a, bedingten die Nachfrage nach konkreten Heilswegen, die sich in drei Kategorien einteilen lassen: Der traditionelle Weg ist die Erfüllung des dharma, der Einhaltung religiöser Ordnung und Gesetze, die mit dem M ī m āṃ sa- System verbunden ist, einer Ritual-Philosophie, die auf dem Veda basiert.7

Weiter gibt es den Erkenntnis-Weg, j ñ ana, mit dem Ved ā nta-System, einer monistischen Philosophie, die die Wesenseinheit von ā tman und brahman für sich beansprucht. Als letztes gibt es den Weg des Yoga, der eine Ansammlung praktischer und systematischer Heilstechniken mit körperlich-geistigen Elementen vereint, die überwiegend mit dem S āṃ khya- System , einer dualistischen Philosophie in Verbindung stehen.8

Das S āṃ khya- System geht von zwei Urprinzipien aus: Auf der einen Seite steht puru ṣ a, eine statische, reine und isolierte Einheit eines jeden Individuums und auf der anderen Seite steht prak ṛ ti, die dynamische Ur- Natur, die in einer Reihe von Emanationen, zuerst die feinstoffliche, dann die grobstoffliche und schließlich die materielle Welt hervor bringt.9

Während die S āṃ khya- Theorie im späteren Yogasūtra des Patañjali ein zentrales Element bildet, tritt Yoga in den Upaniṣaden ohne klaren S āṃ khya- Hintergrund auf. Im B ṛ had ā ra ṇ yaka -Upaniṣad wird der Einsatz von yoga-typischen Atemübungen zur Erleichterung der Meditation empfohlen. Auch die Ch ā ndogya -Up. lehrt eine Technik zum Zurückziehen der Sinne, welche die Grundlage für die Versenkung bildet. Im Kha ṭ a -Up. entwickelt sich Yoga zu einer elaborierten Geistestechnik, zur Beherrschung der Sinne und der Gedanken.10

Der Ausdruck „Yoga“ umfasst das Konzept des Anschirrens und Anjochens von Zugtieren. In diesem Upaniṣad werden nun die Zugtiere mit den menschlichen Sinnen gleichgesetzt, die gelenkt und gezügelt werden sollen. Im Ś vet āś vatara -Up., welches als das wichtigste Dokument des Yogas in den Upaniṣaden gilt, erscheinen genauere Details und Anweisungen über die äußeren Rahmenbedingungen, die Grundhaltungen des Körpers, psychische Zustände und die Auswirkungen von der Yoga- Praxis.11 In diesem Upaniṣad werden theistische Züge durch die Verehrung Rudra- Ś ivas, als den alles umfassenden Gott, deutlich. Eine Vorstufe zur „klassischen Yoga-Tradition“ des Pata ñ jali stellt ein achtgliedriger Yoga- Weg dar, der sich im Maitr ā ya ṇī -Up. manifestiert.12

2.3 Der volkstümliche Yoga in der epischen Zeit

Es entwickelten sich unterschiedliche und teilweise konträre Heilswege. Die meisten Yoga-Richtungen forderten eine vollständige Abkehr vom weltlichem Leben und eine niv ṛ tti -Haltung, einer asketischen Einstellung der „nicht-Tätigkeit“. Die anfangs für alle Menschen offene Möglichkeit, aus dem sa ṃ s ā ra auszubrechen und individuelles Heil zu erlangen, wurde nun elitär. Im laufe der Entwicklung bildete sich wieder die alte Spaltung der Gesellschaft heraus, da der Mehrheit der religiösen Bevölkerung das komplette Austreten aus dem profanen Leben nicht möglich war. So wurde die Haltung der „Werk-Tätigkeit“, prav ṛ tti, gefordert, die sich wieder auf den Vollzug von rituellen Handlungen fokussierte.13

In den Volksepen wird nun der Kontrast zwischen dem erlösenden Ausstieg aus der Welt und dem innerweltlichen Handeln verarbeitet, so dass im Mah ā bh ā rata und im R ā m ā ya ṇ a eine Harmonisierung der konträren Grundhaltungen geleistet wird. Es war nicht mehr die Loslösung aus p āś a, den „Schlingen“ der Welt, entscheidend, „sondern die Lösung aus den Verstrickungen des Geistes“14, durch „rechtes Handeln in der Welt“15. Worin dieses richtige Handeln besteht, wird in der Bhagavadg ī t ā greifbar. Arjuna, kommt, nach anfänglichem Zögern, seinen Pflichten als Krieger nach, obwohl dies bedeutet, dass er seine Freunde und Verwandten töten muss. Er erfüllt somit svadharma, sein persönliches dharma. Das Durchführen dieses Karma -Yoga ist der Entsagung überlegen und kann auch zur Befreiung führen.16

Als zweites zeigt K ṛṣṇ a, der sich als Arjunas Wagenlenker offenbart hat, einen weiteren Weg auf, den J ñā na- Yoga. Wer die Erkenntnis erlangt, dass Kṛṣṇa parama- īś vara ist, also der höchste Gott, der in allem innewohnt, wird ebenfalls im Tode erlöst. Ein weiterer Yoga ist nach der Bhagavadg ī t ā der Bhakti- Yoga, der Hingabe-Yoga, welcher als der wirkungsvollste gilt. Selbst Niedrigkastige, Frauen und Verehrer anderer Götter können durch die Liebe und Hingabe an den Herren noch im Diesseits Befreiung erlangen.

Der epische Yoga koppelt die konträren Haltungen des prav ṛ tt und niv ṛ tti und betont die Vereinigung mit Gott. Die Beherrschung der Sinne und des Körpers rücken dabei in den Hintergrund, so dass man hier eine Ablehnung körperbezogenen Praktiken vorfindet.17

2.4 Purāṇas und die Yoga-Upaniṣaden

Interessante Entwicklungen im Yoga zeichnen sich in den nächsten Schriftgruppen, den Pur āṇ as, und den Yoga-Upaniṣaden ab. Die 18 „großen Purāṇas“ zeigen deutliche theistische Grundzüge auf, da diese zeitgleich mit Christi Geburt aufkommen und Theismus die Geistesströmung dieser Zeit war. Von dem Bhakti-Yogin wurde nun das Bekenntnis zu einem einzigen, bestimmten Gott gefordert, und zwar entweder Ś iva oder Vi ṣṇ u. Dies spiegelt sich auch in dem Verhältnis vom ś i ṣ ya zum guru wieder, weil der Meister von seinem Schüler wie Gott selbst verehrt wird. Bedingungslose Liebe und Hingabe wird verlangt, denn „The guru ist one's father, one's mother, one's deity, of this is no doubt.“18

Einige sehr ehrenhafte und geschätzte gurus werden als Avatare und Inkarnationen der Gottheiten identifiziert. „Während diese Überformung in der Bhagavadg ī t ā oder den Ś vet āś vatara-Up. jedoch vergleichsweise liberal auftritt, bekommt sie in den Pur āṇ as einen eindeutig sektiererischen Charakter.“19

Auch Inhalte der Yoga-Wege wurden modifiziert. So konnte man in der viṣṇuitischen Tradition auch durch Gottes Gnade, pr ā sada, passiv Erlösung finden, ohne das eigenverantwortliche aktive Handeln. Die anderen Schriftgruppen, die Yoga-Upaniṣaden, beschäftigen sich mit der Yoga-Praxis und Theorie, aber tragen nicht viel Neues zu der Entwicklung bei. Es wird an begonnene Gedankengänge angeknüpft und spekulative Hypothesen über mythisch-mystische Kosmogonien und Physiologien aufgestellt. Sie sind wie die Pur āṇ as in der nachchristlichen Zeit entstanden und bilden die „Übergangsstufe von der philosophisch-ethischen Yoga-

Tradition zum tantrisch gefärbten Ha ṭ ha -Yoga-System“.20

2.5 Einflüsse des Tantrismus

Ab dem 6. Jh. n. Chr. entwickelte sich im Nordwesten und -osten Indiens der Tantrismus, eine Geistesströmung aus einem Randbereich der offiziellen Kultur und versetzte die Religionswelt in Unordnung. Es wurde eine radikale Hinwendung zur Welt postuliert, da diese nun bhogaloka, „Stätte des Genusses“ und nicht mehr sarvam du ḥ kham, „lauter Übel“, wie in den Upaniṣaden, oder wie in den Epen dharmaloka, „Stätte der Pflicht“ war. Der Grundgedanke lautet, dass der Mensch bewusst durch die Welt gehen soll und sich nicht von der Natur abkehren, sondern sich ihrer zu Nutze machen soll. Der komplette Bereich der Sinnlichkeit und des Genusses wurde erkannt, so dass der Körper nicht mehr als Quelle des Schmerzes, sondern als Tempel Gottes galt. Der weiblichen Ur-Kraft ś akti wurde eine große Bedeutung beigemessen, so dass auch eine religiöse Gleichberechtigung der Frauen hinzukam und damit auch der Bereich der erotischen Sinnlichkeit seine Geltung erlangte. Ritueller Genuss, bhoga und ritueller Geschlechtsverkehr, maithuna bilden den größten Unterschied zu den anderen Yoga-Lehren. Die körperliche Erfahrung und dessen Genuss wird mit dem Yoga gleichgesetzt, so dass bhoga selbst zu einem Yoga-Weg werden konnte. Dieses Gedankengut beeinflusste die Entwicklung des Yogas soweit, dass sich daraus der Ha ṭ ha- Yoga entfaltete, der als letzte Phase vor dem Übergang in die Moderne betrachtet wird.21

2.6 Der Haṭha-Yoga

Der Begriff „ Ha ṭ ha-Yoga “ wird erstmals ab dem 15. Jahrhundert erwähnt und mit einem Asketen namens Gorakhnāth, dem Gründer des Ordens der K āṇ pha ṭ ha-Yog ī, in Verbindung gesetzt. Dieser soll der mutmaßliche Verfasser der nicht mehr existenten Schrift Ha ṭ hayoga und des erhaltenen

Gorak ṣ a- Ś ataka gewesen sein. Der Terminus „ Ha ṭ ha-Yoga “ gilt bald als

Oberbegriff für ein System körperbezogener Yoga-Praktiken und beinhaltet neben den Gorak ṣ a- Ś ataka, die drei Grundtexte Ha ṭ ha-Yoga-Prad ī pik ā , die Ghera ṇḍ a-Sa ṃ it ā und die Ś iva-Sa ṃ it ā . Viele verschiedene Yoga-Tradition werden im Ha ṭ ha-Yoga vereint; so sind Leitgedanken aus dem Yogas ū tra des Pata ñ jali, sowie vedāntische Grundzüge, upaniṣadische Merkmale und tantrische Elemente aufzufinden.22

Auf der Grundlage der feinstofflichen Physiologien des menschlichen Körpers, wie das der n āḍī s, gleichzusetzen mit dem Nervensystem, den cakras, den Energiezentren entlang der Wirbelsäule und dem Prinzip der ku ṇḍ alin ī - Kraft, der psycho-physischen Manifestation der ś akti, werden entsprechende Praktiken aufgebaut. Ihre Hauptbestandteile setzen sich aus den ā sanas, den Grundhaltungen des Körpers, den dhautis, der Reinigung des Körpers, den pr āṇā y ā mas, den Atemübungen und den mudr ā s, bestimmte Gesten zusammen.23

Dieses so genannte „grobe“ Yoga, welches eigentlich nur ein Hilfsmittel zum Ausführen des höheren R ā ja -Yoga sein soll, bedient sich einer „grobschlächtigen Suggestionsmethode und verknüpft sich aufs engste mit Magie und Sexualität“.24 Neben den klassischen Zielen, wie das Erreichen des sam ā dhi- Zustands und des mok ṣ a, der endgültige Befreiung, bietet der Ha ṭ ha- Yoga auch Erfüllung für irdische Wünsche, wie die Stärkung des menschlichen Egos, körperliche Unsterblichkeit und Macht, mithilfe von magischen Tränken und sexuellen Praktiken. Dadurch, dass dieser Yoga sich allen möglichen Eigenschaften anderer Yoga-Tradition öffnet und allen denkbaren Wünschen entgegenkommt, erweist er sich als die beliebteste und flexibelste Yoga-Lehre und konnte Jahrhunderte später - allerdings in modifizierter Form - in der westlichen Welt Fuß fassen.25

2.7 Yoga im Neo-Hinduismus

Ab dem 16. Jahrhundert erlebte die Yoga-Entwicklung, sowie das gesamte geistige Gefüge Indiens einen Stillstand, infolge von einfallenden Kolonialmächten und die damit einbezogene Unterdrückung der indischen Kultur. Ab dem 19. Jh. zeichnete sich dann ein Wandel ab. Die Ära des Neo-Hinduismus brach an. Die neuen Generationen der Inder begannen sich zurück auf ihre Kultur und ihre Wurzeln zu besinnen. Im selben Zug erlebte der Weg des Yoga eine Renaissance, ausgelöst durch den Auftritt Svāmī Vivekānanda und Svāmī Rama Tirtha, die im Jahre 1893 im Weltparlament der Religionen den Hinduismus vertraten und guruistische Frömmigkeit popularisierten.26 Mit der Publikation des Werkes Raja Yoga im Jahre 1896 begann das Zeitalter des „modernen“ Yogas. Vivekānandas neue reformierte Methode, die aus dem Austausch zwischen „westlicher“ und „östlicher“ Kultur aufkeimte, bot einen direkteren Zugang und eine praxisnahe Anwendung.27 Die indische Kultur und Religion gerät mehr und mehr ins Blickfeld Europas und Nordamerikas und wird im Laufe der folgenden Epochen auf unterschiedliche Weise rezipiert.

3. Rezeption des Yoga

3.1 Yoga im Zeitalter der Aufklärung und Romantik

Da die Kolonialmächte an Indien primär ein praktisches und finanzielles Interesse hegten, wurden erstrangig Rechtstexte von Verwaltungsbeamten und Richtern studiert. Erst später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, beschäftigten sich Gelehrte und Kulturinteressierte mit der

Sanskritphilologie. Schließlich wurde es regelrecht zum Trend unter Intellektuellen und Künstlern in Europa sich mit der indischen Philosophie zu befassen.28

[...]


1 Vgl. Berufsverband deutscher Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga - Handbuch f ü r Ü bende und Lehrende, 2. Aufl., Petersberg, 1994, 5.

2 J.W. Hauer, Der Yoga, ein indischer Weg zum Selbst, 2. Aufl., Stuttgart, 1958, 19.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Berufsverband deutscher Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 3.

5 Vgl. J.W. Hauer, Der Yoga, ein indischer Weg zum Selbst, 1958, 21. 4

6 Vgl. J.W. Hauer, Der Yoga, ein indischer Weg zum Selbst, 1958, 26.

7 Vgl. Berufsverband deutscher Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 6. 5

8 Vgl. Berufsverband deutscher Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 6.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. ebd., 7.

11 Vgl. J.W. Hauer, Der Yoga, 1958, 117.

12 Vgl. Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 8. 6

13 Vgl. Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 8

14 Ebd., 8.

15 Ebd. , 8.

16 Vgl. Ebd., 9.

17 Vgl. Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994 , 9f.

18 A. Daniélou, Yoga, Rochester, 1991, 130.

19 Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 9. 8

20 Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 10.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 11.

23 Vgl. ebd.

24 J.W. Hauer, Der Yoga, 1958, 271.

25 Vgl. Berufsverband dt. Yogalehrer (Hrsg.), Der Weg des Yoga, 1994, 11 ff.

26 Vlg. F. Haack, Guruismus und Guru-Bewegungen, München, 1982, 9.

27 Vlg. E. De Michelis, A History of Modern Yoga, London, 2008, 2f.

28 Vlg. K. Baier, Yoga auf dem Weg nach Westen: Beitr ä ge zur Rezeptionsgeschichte, Würzburg, 1998, 87.

Details

Seiten
38
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668650947
ISBN (Buch)
9783668650954
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414454
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – CERES
Note
1,7
Schlagworte
Yoga Hinduismus Religionswissenschaft Bhakti Hatha MPY

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Titel: Yoga: eine religiöse Praxis im Wandel der Zeit. Ausgewählte Aspekte der Rezeptionsgeschichte