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Die Oper. Eine Einführung ihrer Entstehung und Entwicklung

Referat (Ausarbeitung) 2007 3 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Die Oper-Eine Einführung

„Die Oper ist die Kunst der Widersprüche“

Doch worin bestehen nun diese Widersprüche? Oskar Bie nennt in seiner 1913 entstandenen „Geschichte der Oper“ sieben Widersprüche, die weniger als solche, als vielmehr als Spannungsmomente interpretiert werden sollten. Das Zusammenbinden dieser Widersprüche und ihre Realisierung auf der Bühne sorgen für eine anhaltende Beschäftigung mit der Oper. Die Gründe die Säulen der Oper als Widersprüche zu bezeichnen liegen nach Bie darin, „den Vorwurf des Unlogischen und Irrationalen, der Realitätsferne schon von vorneherein zu ersticken“, da eine Kritik an den Dingen, auf die sich eine Gattung konstituiert, wenig sinnvoll wäre.

Sein erster Widerspruch richtet sich an die Musik. Es gibt eine Vielzahl musikalischer Formen, einer oder mehrere singen, miteinander oder gegeneinander, häufig in überraschenden Zusammenhängen und Situationen, die dem Zuschauer eigentlich komisch statt überzeugend vorkommen müssten. „Gleichzeitiges singen ist unlogisch, aber schön“.

Sein zweiter Widerspruch schließt sich hier an. Wie muss die Musik strukturiert und gegliedert werden, dass der emotionale Funke von der Bühne zum Publikum überspringen kann? Wie ist das Verhältnis des musikalischen Formenreichtums zur Intention?

Drittens stellt sich die schon seit Anbeginn der Oper gestellte Frage zum Verhältnis von Musik zum Text. Haben Texte eine musikalische Qualität, also eine eigene Versmelodie, die nur noch auskomponiert werden muss? Und wem wird Priorität gegeben – dem Dichter oder dem Komponisten?

Von der Musik selbst führt der vierte Widerspruch hin zum Orchester. Wie kann die Stimme bleiben, wenn das Orchester, das ursprünglich nur zur Begleitung und Unterstützung gedacht war, selbstständig wird, und wie kann das Orchester etwas leisten, wenn es sich nicht nach allen Seiten entfaltet? Passender wäre es hier, nicht von einem Widerspruch, sondern von einer Frage der musikalischen Balance zu sprechen. So soll das Orchester keine Begleitung sondern vielmehr ein „Gesprächspartner“ sein.

Als fünften Widerspruch stellt Bie die Szene in den Mittelpunkt. Die Oper lebt nur dort, wo sie aufgeführt wird. Dennoch gibt es kein festes Schema, die Partitur, beispielsweise, ist keineswegs unveränderbar, sondern kann nach individuellem Wunsch angepasst werden, ebenso wie das Bühnenbild oder die Darstellung, wobei auch Indispositionen bei Sängern und Musikern berücksichtigt werden müssen, die nicht kalkulierbar sind.

An sechster Stelle, schließlich tritt das Publikum. Die Oper lebt nur in der Kommunikation von Bühne und Zuschauerraum, wie jede andere Form des Theaters auch. Das Gelingen einer Oper hängt direkt von der Rezeptionsfähigkeit des Publikums ab, das sowohl emotional als auch intellektuell bewerten soll, was ihm vorgetragen wird. Um nicht bloße Geschmacksurteile geben zu können, ist es wichtig Kenntnisse zum Beispiel des Textes, der Musik und der Gesangstechnik zu haben.

Der siebte und letzte Widerspruch spricht die Theorie oder die 'Opern-Ästhetik' an. Es geht um den Versuch alle vorher genannten Schwierigkeiten in eine sinnvolle Gegenseitigkeitsbeziehung zu stellen, unter den Gesichtspunkten einer ästhetischen Vermittlung – das Inkommensurable als Voraussetzung für das Ganze zu sehen. So soll das Grundmotto der Oper jenes sein, das Einheit durch Vielfältigkeit als Grundmotto ausgibt. Das zwingt allerdings zu der Einsicht, dass die Oper niemals von ihrer Geschichte abgelöst werden kann und immer mit ihrem Entstehungskontext verbunden werden muss und somit der historischen Relativierung ausgesetzt ist.

Der gesellschaftliche Kontext / Die Entstehung der Oper

Die Geschichte der Oper erstreckt sich über 400 Jahre und reagiert stark auf gesellschaftliche und historische Ereignisse. Besonders zu Anfang spielt der gesellschaftliche Kontext eine große Rolle, so wird sie besonders von den Mächtigen und Herrschenden in Anspruch genommen (abgesehen von dem seit 1637 in Venedig üblichen, allen, gegen ein Eintrittsgeld den Zugang zur Oper zu gewähren). Als Geburtsort der Oper gilt die „Florentiner Camerata“, organisiert durch den Grafen Bardi, der in seinem Haus, auf der Grundlage der antiken Tragödie, eine neue Verbindung von Text und Musik zustande bringen wollte. Sofort wurde auf den Stoff der antiken Mythen zurückgegriffen (Die Eskapaden der Götter als Spiegelungen einer Realität der Herrschenden). Doch die Erfindung der 'Oper' war mehr ein nicht geplanter Nebeneffekt, der aus dem Experimentieren Bardis entstand. Die Musik hatte hier zunächst eine dienende, den Text unterstützende Rolle. Als erste „Oper“ mit einer ausgewogenen Gesamtstruktur, die diese neue Gattung repräsentiert wird heute Monteverdis „L’Orfeo“ von 1607 genannt. An den europäischen Höfen verläuft die Ausbildung der Oper ganz unterschiedlich (italienische oder französische Oper. Wo es keine Höfe gab wurde die Bürgeroper etabliert.) Durch den Theologenstreit im 17.Jhd. einer protestantisch geprägten Stadt (Hamburg) wurde die Oper zuerst in Frage gestellt, setzte sich jedoch mit kirchenmusikalischen Einflüssen durch. Im 18. Jahrhundert begannen die Stile sich zu festigen (französische Oper: „Tragédie lyrique“, italienische Oper: „Opera seria“ & „Opera buffa“). Die „Opera seria“ wurde bis zum 19. Jahrhundert kaum verändert. Sie besteht aus 3 oder 5 Akten mit Abfolge von Exposition, Entwicklung, Peripetie und Lösung, meist in der Historie spielend, mit erotisch motivierter Nebenhandlung und 6-7 Handelnden. Nach dieser festgelegten Umsetzung kam es immer wieder zu Reformanläufen, die das Geschehen in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext bringen wollten. Die „Opéra comique“ (gekennzeichnet durch gesprochene Dialoge) und die „Opera buffa“ wenden sich in der Mitte des 18. Jahrhunerts der Alltäglichkeit des alltäglichen Lebens zu. Die französische Revolution von 1789 schließlich, bringt sowohl eine Aktualisierung der Stoffe mit sich, als auch eine Flexibilisierung der Formen. Die „Opera seria“ wird mit ihrem strengen Vorbild geradezu ins Gegenteil verkehrt. Nun bleibt Raum zur Diskussion, ob die weitere Entwicklung der Oper eher von italienischer Front oder von französischer zu rekonstruieren wäre (zu dieser Zeit gilt Paris als das kulturelle Zentrum). Aus dem Verlagen einen aktuellen Bezug zu haben, entwickelt sich gegen Ende der Revolution eine neue Hinwendung zum Historischen, vorwiegend zu biblischen Stoffen („Grand Opéra“). In der ersten Hälfte des 19. Jhd. bildet sich eine nationale Tendenz heraus, besonders in ost- südosteuropäischen Gesellschaften (insgesamt besonders in Italien, Böhmen, Ungarn oder Polen). Mitte des 19. Jahrhunderts dominiert die „Grand Opéra“ in Paris. Sie zeichnet sich durch eine Zunahme an Länge der Stücke aus, sowie durch Prunk und ein aufwendiges Bühnenbild. Eine „deutsche“ Oper gibt es nicht wirklich, vielmehr wird hierzulande in der italienischen, genauso wie in der französischen Tradition gespielt. Erst mit der Romantik beginnt eine eigenständige Entwicklung. Entschiedener unternimmt Wagner den Versuch eine eigene Tradition, einen eigenen nationalen Stil, herauszubilden (Entwurf einer Ästhetik des Gesamtkunstwerkes). Er hebt Bies Widersprüche auf und entwickelt eine ganz neue Idee, die es so bisher in der Geschichte der Oper noch nicht gab und an der seine Nachfolger scheiterten. Um die Jahrhundertwende und besonders in den 20’er Jahren erlebt die Oper einen Realitätsschub, der sie (bedenklich) nah zur Politik bringt. In der Zeit des Dritten Reiches sind Opern, die sich durchsetzen und im Repertoire halten konnten, so gut wie nicht bekannt.

1968 verfällt die Oper mit der Studentenrevolte in eine Legitimationskrise, weil sie als historisch überholt empfunden wird. Die angebliche ‚mangelnde Flexibilität’ der Oper scheint ein deutliches Zeichen ihrer Überholtheit zu sein. Und doch wird Oper weiterhin gespielt und weiterhin komponiert. Heute befinden wir uns an einem Punkt, an dem sowohl Wert auf die traditionellen Opern als auch auf den Ideenreichtum und die ästhetische Toleranzbereitschaft gelegt wird. Solange der Mensch im Mittelpunkt steht so wie das Zusammenspiel von Dichtung, Musik, Gesang, Bewegung, Malerei und Architektur, so lange ist die Oper „eine Form des Jetzt“, die leben wird, solange sie Korrespondenz in der Gesellschaft findet auf die sie sich bezieht.

Literatur: Udo Bermbach und Wulf Konold: Überlegungen zur Entwicklungsgeschichte der Oper. Eine Einleitung. In: Bermbach/Konold 1992. S. 9-28

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Details

Seiten
3
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668647718
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414331
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Oper opera buffa opera Musiktheater musikalische Formen Bühne Publikum Melodie Komponist Versmelodie Orchester Partitur Libretto Bühnenbild Rezeption Florentiner Camerata Tragödie Komödie Monteverdi L'Orfeo Bürgeroper Tragédie lyrique Opera seria Exposition Peripetie Opéra comique französische Revolution Grand Opéra

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