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Situationsorientierter Ansatz in Kindertageseinrichtungen. Anspruch und Wirklichkeit

Hausarbeit 2001 25 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorgeschichte
1.1 Antiautoritäre Erziehung und die Gründung der Kinderläden
1.2 Erste Veränderungen im Kindergartenbereich

2 Entwicklung des Curriculum
2.1 Funktionsorientierter Ansatz
2.2 Wissenschafts- und disziplinorientierter Ansatz
2.3 Sozialisationsorientierter Ansatz
2.4 Situationsorientierter Ansatz

3 Theoretischer Hintergrund des Situationsorientierten Ansatz
3.1 Situationsanalysen
3.2 Rolle des Erziehers

4 Kritiken am Situationsorientierten Ansatz
4.1 Kritik von Gerd E. Schäfer
4.2 Kritik von Franziska Larrá
4.3 Kritik von Lothar Krappmann

5 Fazit

Einleitung

Die Gesellschaft hat sich verändert. Verkehr und Bauweise schränken den Aktionsraum der Kinder ein. Der Medienkonsum verstärkt sich, die Kinder erleben heute vielfach die Wirklichkeit nur noch aus zweiter Hand. Immer mehr Einzelkinder, immer mehr berufstätige Eltern, die Zahl der alleinerziehenden Mütter und Väter steigt.

Mädchen und Jungen aus anderen Kulturkreisen bringen fremde Verhaltensweisen und Gewohnheiten in den Kindergarten mit. Eine zeit- und kindgemäße Kindergartenarbeit muss deshalb den Kindern, allein und mit anderen, vielfältige Lernerfahrungen ermöglichen. Sie muss Aktionsräume schaffen, und den Kindern helfen, in Situationen ihres gegenwärtigen und zukünftigen Lebens möglichst selbstbestimmt, solidarisch und sachkompetent denken und handeln zu können.

Die Lebens- und Arbeitswelt hat sich grundlegend gewandelt. Um Kinder auf diese Veränderung vorzubereiten, werden Konzepte gebraucht, die Eigeninitiative und Innovationsbereitschaft genauso fördern, wie soziales und sachkompetentes Handeln.

Der situationsorientierte Ansatz stellt ein pädagogisches Konzept dar, das von der Lebenssituation der Kinder und ihrer Familie ausgeht. Er favorisiert ein Lernen in alltäglichen Situationen und ermöglicht so den Kindern Sozial- und Sachkompetenz zu entwickeln.

1 Vorgeschichte

1.1 Antiautoritäre Erziehung und die Gründung der Kinderläden

In den Jahren 1967/68 brachte die Studentenbewegung radikale Proteste, unter anderem ausgelöst durch die Vorbereitung der Notstandsgesetze, wachsende Aggression im Vietnam-Krieg, gewaltsame Einmischung der USA in Angelegenheiten der Dritten Welt, mit den Zielen sich selbst von den Zwängen erstarrter Institutionen und den durch Erziehung verinnerlichten Normen und Hemmungen autoritärer Charakterstrukturen zu befreien. Dies hatte großen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben und Denken und zeigte sich zum Beispiel an Gründungen von Gegenorganisationen. In Berlin entstanden 1968 unter Initiative politisch engagierter Frauen die ersten Kinderläden mit dem emanzipierten Bestreben Frauen von ihren Hausfrauen- und Mutterpflichten freizusetzen. Die Erziehungsziele wurden auf der Grundlage der antiautoritären Erziehungsbewegung entwickelt: Erziehung soll von den Bedürfnissen der Kinder ausgehen und sie frei von Zwängen heranwachsen lassen um ihnen Freude am Dasein zu gewähren. In dieser Zeit sind unzählige Eltern-Kind- Gruppen entstanden mit unterschiedlichen Erziehungszielen und -praktiken, wobei die Eltern die Konzeption erarbeiteten, und familiäre Erziehung kritisch diskutierten. Man glaubte dass Programme und Pläne nicht notwendig seien, wenn sich an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder orientiert würde. Der Kinderladenbewegung gingen viele Anregungen aus die zum Nachdenken über Veränderungen zwangen und sich zum Teil auch auf die Kindergärten auswirkten, vor allem im Bereich des sozialen Lernens, der Einbeziehung der Umwelt und flexiblerer Zeitstrukturen. Nach dem Zerfall der antiautoritären Bewegung ließ jedoch auch der Elan in der Kinderladenbewegung nach.

1.2 Erste Veränderungen im Kindergartenbereich

Bildungsforscher entdeckten in den fünfziger Jahren einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und dem Bildungswesen und man stellte fest, dass die Bundesrepublik weniger in das Bildungswesen investierte und nicht genügend höherwertige Schulanschlüsse erreicht und somit ungenügend qualifizierte Arbeitskräfte ausgebildet wurden. Dazu kamen in den sechziger Jahren Forderungen nach der Erhöhung der Kindergartenplätze und Frauenbewegungen mit dem Streben nach familienergänzenden Bildungseinrichtungen. Erstmals wurde die Vorschulische Erziehung mit in die Bildungsplanung einbezogen, sodass 1970 die ersten Ziele von der Bundesregierung vorgelegt wurden:

- Die Zahl der Plätze in Vorschuleinrichtungen sollte innerhalb von zehn Jahren verdoppelt werden;
- Die durchschnittliche Gruppenstärke sollte auf ein pädagogisch vertretbares Maß gesenkt werden;
- Neue Curricula sollten entwickelt werden, die vor allem die kognitiven Fähigkeiten des Kindes fördern;
- Die Ausstattung der Kindergärten mit Material sollte verbessert werden;
- Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule sollte so gestaltet werden, dass die Kontinuität der Erziehungs- und Bildungsprozesse gewahrt bleibt. Zur Diskussion stand, ob die 5jährigen die Eingangsstufe der Schule oder weiterhin den Kindergarten besuchen sollten.

Die Anzahl der Kindertagesplätze sollte bis 1980 drastisch erhöht werden und für 75 Prozent aller Drei- und Vierjährigen und für 100 Prozent der Fünfjährigen sollten Plätze in der Vorschuleinrichtung bereit stehen.

Im Laufe der siebziger Jahre wurde ein Modellversuch unter Einfluss der Kinderladenbewegung, die „Kita 3000“, in Frankfurt a.M. durchgeführt, die sich durch weit gesteckte Reformziele abhob.

2 Entwicklung des Curriculum

Der Begriff Curriculum wurde 1967 von dem Erziehungswissenschaftler Saul B. Robinsohn als Ersatzbegriff des Lehrplans in die Diskussion eingeführt. Er kritisierte diese als Sammlung von Lehrstoffen ohne Aussage zu übergeordneten Zielen, Planung oder Kontrolle von Lernprozessen und fehlenden gesellschaftlichen Bezug. Somit forderte er:

1. Bestimmung übergeordneter und konkreter Lernziele.
2. Umsetzung in konkrete Lerninhalte und Lernorganisation.
3. Überprüfung (Evaluation) des Gelernten.

Das Curriculum beschreibt einen begründeten Zusammenhang von Lernziel-, Lerninhalts- und Lernorganisationsentscheidungen und hatte seinen Ausgangspunkt in der Schule wovon es auf die vorschulische Erziehung übertragen wurde. Es werden vier unterschiedliche Ansätze eines Curriculum unterschieden: Der Funktionsorientierte Ansatz, der Wissenschafts- und disziplinorientierter Ansatz, der Sozialisationsorientierter Ansatz und der Situationsorientierter Ansatz.

2.1 Funktionsorientierter Ansatz

Der Schwerpunkt dieses Ansatzes liegt in der Verbesserung einzelner psychischer Funktionen oder bestimmter Fertigkeiten unter genauen Vorstellungen was zu lernen ist. Durch gezielte Förderung in Trainingsprogrammen und durch Übungsmaterialien sollte der kindliche Leistungs- und Entwicklungsstand in den verschiedenen Persönlichkeitsbereichen verbessert und die Intelligenz gefördert werden. Der Psychologe Correll vertrat die Ansicht, dass im Vorschulalter mit dem systematischen Lernen auf das Lernen in der Schule vorbereitet werden sollte. In der Praxis konnte sich dieser Ansatz kaum durchsetzten, da keine dauerhafte Intelligenzsteigerung bei diesen Kindern festgestellt werden konnte. Kritisiert wurde der funktionsorientierte Ansatz weil er kaum den Bedürfnissen der Kinder nach freiem Spiel und selbstbestimmtem Lernen gerecht wird und kaum Förderung sozial benachteiligter Kinder erfolgt. Außerdem werden durch das gezielte Training einzelner isolierter Fähigkeiten und Fertigkeiten Selbstbestimmung und Selbstentfaltung nicht gefördert.

2.2 Wissenschafts- und disziplinorientierter Ansatz

Das wissenschaftsorientierte Curriculum hat für den Kindergarten weniger Bedeutung, da es für die 5- bis 6 jährigen entwickelt und erprobt wurde. Beim wissenschaftsbezogenen Lernen wird die These vertreten, dass alle Disziplinen soweit auf ihre Grundbegriffe zurückzuführen sind, sodass diese in jedem Alter vermittelbar sind und Methoden und Inhalte der Grundschule in den vorschulischen Bereich verlegt werden können.

2.3 Sozialisationsorientierter Ansatz

Dieser Ansatz orientiert sich an von der Sozialisationsforschung aufgezeigten allgemeinen Aufgaben der Sozialisation. Er stellt im Grunde den theoretischen Rahmen für den situationsorientierten Ansatz dar, hat jedoch in der Praxis keine Bedeutung.

2.4 Situationsorientierter Ansatz

Den von allen Ansätzen größten Einfluss hat der situationsorientierte Ansatz. Dieser verfolgt das Ziel die Identität von Kindern verschiedener sozialer Herkunft und unterschiedlicher Lerngeschichte herauszubilden. Dazu gehört die Fähigkeit eines Menschen Rückschläge zu ertragen und mit Veränderungen in seiner Umwelt klarzukommen, die Fähigkeit sich in Situationen oder andere Menschen einzufühlen (Empathie) und sich selbst zu betrachten, sowie die Herausbildung autonom und kompetent denkender und handelnder Menschen.

3 Theoretischer Hintergrund des Situationsorientierten Ansatz

Der Situationsansatz fordert Autonomie und Kompetenz der Beteiligten. Dies soll durch Beteiligung der Praktiker am Forschungsprozess und Diskussion über Ziele der Projekte, sowie Erstellung von Situationsanalysen geschehen. Ebenso sollen Kinder und Eltern einbezogen werden, das Erleichtert außerdem die Auseinandersetzung der Erzieher mit der Lebenssituation der Kinder. In der Theorie verlangt dieser ständige Überprüfung und Aktualisierung von Lernzielen, wobei diese Lernziele nicht festgelegt oder hierarchisch aufgebaut sein sollen. Arbeitsprinzipien zur Ermittlung von Situationsmerkmalen helfen bei der Ableitung und Begründung von Lernzielen. Der Situationsansatz verfolgt konkrete Ziele. So soll die Lebenssituation der Kinder in den Lernprozess einbezogen werden, um die Kinder besser darin zu unterstützen, ihre jetzige und künftige Situation zu meistern und um ihnen zu Eigenschaften wie Autonomie, Kompetenz und Solidarität zu verhelfen.

Um dies zu gewährleisten müssen zuvor sogenannte Schlüsselsituationen ausfindig gemacht werden.

- Welche Situation erleben Kinder, welche wird auf sie zukommen und welche Situation müssen alle Kinder bewältigen?
- Wie können Kinder Situationen aktiv verarbeiten, welche Situationen haben Einfluss, welche können sie selbst verändern und mitgestalten?
- Wie können diese im Kindergarten aufgegriffen werden? Schlüsselsituationen wiederum, können durch Situationsanalyse erschlossen werden.

Dadurch ist es möglich das pädagogische Konzept auf das „Lernenswerte“, das heißt, das für das Kind relevante, auszurichten.

Der situationsorientierte Ansatz geht von den realen Lebenssituationen der Kinder aus und unterstützt sie, ihre Lebenssituation zu bewältigen.

Krenz nennt in seiner Arbeit verschiedene Kennzeichnen und Schwerpunkte, die im folgenden beschrieben werden sollen:

- Kinder aus einem Wohnbereich sollen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft befähigt werden, sich mit realen Lebenssituationen auseinander zusetzen, indem sie in ihrer Selbständigkeit und Eigenaktivität unterstützt werden und Verhaltensweisen selbst ausprobieren und erlernen können, die sie für eine selbstbestimmte Zukunft brauchen.

- Die Einrichtungen müssen sich öffnen und sich auf Situationen konzentrieren, denen Kinder in ihrem Alltag begegnen. Um eine kindorientierte Projektplanung zu erreichen, haben Erzieher die Aufgabe, die Situationsbereiche in Erfahrung zu bringen, die für Kinder eine reale Bedeutung haben, die sie beschäftigen, beunruhigen, ängstigen, erfreuen etc. Grundlegend wichtig ist es, dass nicht aus Erwachsenensicht geplant und angeboten wird, sondern dass die Kinder aktiv in die Planung von Aktivitäten und Projekten einbezogen sind.

- Dem sozialen Lernen wird sowohl in der Vermittlung als auch in der Zielsetzung ein hoher Stellenwert beigemessen.

- Anders als beim funktionsorientierten Ansatz soll darauf geachtet werden, dass Kinder in realen Situationen vor Ort lernen, dass sich das Lernen gleichzeitig in allen (bzw. realistischer in möglichst vielen) Entwicklungsbereichen vollzieht und dass sie erfahren, dass es hilfreich ist, in fremden, uneindeutigen Situationen Unterstützung von anderen Kindern oder Erwachsenen anzunehmen.

- Der situationsorientierte Ansatz wendet sich gegen eine "Inselpädagogik", gegen ein Lernen im abgeschlossenen Raum des Kindergartens, das sich der Außenwelt eher verschließ und somit die Kinder in voneinander getrennten Welten aufwachsen lässt. Kinder sollen die Möglichkeit haben an unterschiedlichen bekannten und unbekannten Orten in unterschiedlichen sozialen Umgebungen Erfahrungen (kognitiv) und Erlebnisse (Emotion) zu vollziehen.

- Der situationsorientierte Ansatz nutzt den hohen Anregungsgehalt und Sinnbezug aktueller Anlässe und Situationen gegenüber künstlich hergestellten Lernsituationen. Reale Situationen vor Ort motivieren die Kinder von sich aus (intrinsisch) und nutzen kindliche Spontaneität und Flexibilität. Kinder erleben dadurch ein hohes Maß an Selbstbestimmung.

- Bei aller Betonung des sozialen Lernens ist der situationsorientierte Ansatz ein Ansatz der Individualisierung, denn er berücksichtigt die Interessen, Bedürfnisse und Schwierigkeiten jedes einzelnen Kindes. Projekte mit Kindern planen und durchführen bedeutet Themen individuell und neu zu erarbeiten. Einmal erarbeitete Projekte sind Vergangenheit und können nicht im nächsten Jahr so wieder benutzt und durchgeführt werden, ohne individuell auf die heutige Situation hin aktualisiert zu werden.

- Der situationsorientierte Ansatz ist keine pädagogische Technik oder didaktische Methode. Ein Arbeiten nach diesem Ansatz umfasst alle Bereiche der eigenen Person und fordert ein Arbeiten an der eigenen Identität und Professionalität. Durch festgelegte Projektvorschläge und ausgefeilte Techniken würde eine Verfremdung und Reduzierung des Ansatzes entstehen. Vielmehr gleicht er einer persönlichkeitsbedingten Haltung zur ganzheitlichen Pädagogik.

- Nach dem situationsorientierten Ansatz gleicht der Kindergarten einem Spiegelbild des Wohnumfeldes der Kinder. Deshalb kann es keine Ausgrenzungen und Beschränkungen in der Gruppenstruktur geben. Eine altersgleiche Zusammensetzung wäre untypisch. Und würde dem Lebensumfeld der Kinder widersprechen. Gemeinsames Lernen von deutschen und ausländischen, behinderten und nichtbehinderten Kindern, von "Kleinen" und "Großen" wird ausdrücklich gewünscht. Rollenspezifisches Förderverhalten, Benachteiligung von Mädchen oder Jungen sowie Ausgrenzung von Kindern mit besonderen Problemen wird ausdrücklich abgelehnt.

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Details

Seiten
25
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783668667181
ISBN (Buch)
9783668667198
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v414051
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
3,0
Schlagworte
Sozialpädagogik Situationsorientierter Ansatz Kindertageseinrichtung

Autor

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Titel: Situationsorientierter Ansatz in Kindertageseinrichtungen. Anspruch und Wirklichkeit