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Training mit sozial unsicheren Kindern nach Petermann und Petermann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 12 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Theorie
1.1 Erklärungskonzepte
1.2 Theorie der erlernten Hilflosigkeit
1.2.1 Darstellung der Theorie
1.3 Über den Zusammenhang von erlernter Hilflosigkeit und sozial unsicherem Verhalten

2. Der besondere Aspekt der Praxis
2.1 Elternsitzung

3. Fazit

Literatur

1. Theorie

Sozial unsicheres Verhalten ist kein Begriff, der nur ein bestimmtes Verhalten von Kindern umschreibt, sondern beinhaltet verschiedene Verhaltensweisen, die auf die spezielle Familiensituation und erfahrene Sozialisation zurückgehen und ist somit ein Sammelbegriff.[1] Was genau sind aber sozial unsichere Kinder? Petermann und Petermann geben eine beschreibende Definition ab: „Sozial unsichere Kinder werden häufig als schüchtern, sozial isoliert, kontaktängstlich, trennungsängstlich, gehemmt und sozial inkompetent bezeichnet.“[2] Auffallend ist oft das Verhalten dieser Kinder in sozialen Interaktionen, bei denen sie Schwierigkeiten haben, anderen Personen in die Augen zu schauen, sehr leise sprechen oder auch stottern, „dass sie sich nicht behaupten können und Sozialkontakt vermeiden oder verweigern, d. h. sie können keinen Kontakt zu anderen Kindern, manchmal auch nicht zu Erwachsenen außerhalb der Familie aufnehmen, aufrecht erhalten oder angemessen beenden.“[3] In engem Zusammenhang mit sozial unsicherem Verhalten steht laut Petermann und Petermann die Angststörung.

Verschiedenste Ängste treten bei fast allen Kindern auf und gehören zur alltäglichen Lebensbewältigung und zum Sammeln von Erfahrungen mit dazu. Aber kindliche Ängste, die das Sozialverhalten stören, beeinträchtigen die Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes enorm. Zu unterscheiden sind bestimmte Angstformen, wie sie auch Hillenbrand auflistet: „Trennungsangst, Kontaktangst und Überängstlichkeit“.[4] Soziale Angst, die eng verwandt ist mit den genannten Ängsten, ist bei fast allen sozial unsicheren Kindern gegeben und kann auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommen, z. B. die Angst vor der Kritik von Personen, Angst vor Autoritätspersonen, Angst, sich in sozialen Situationen nicht angemessen verhalten zu können, Angst, den Erwartungsvorstellungen der Personen nicht gerecht werden zu können.

1.1 Erklärungskonzepte

Nach Petermann und Petermann kann sozial unsicheres Verhalten in der Regel auf soziale Angst und soziale Fertigkeitsdefizite zurückgeführt werden. Aber „die Frage, ob soziale Angst oder Fertigkeitsdefizite zuerst entstehen und welcher Einfluss wechselseitig vorliegt, kann nur individuell im Rahmen diagnostischer Maßnahmen entschieden werden. Hierzu muss die Biografie eines sozial unsicheren Kindes erhellt werden.“[5] Wenn die Lebensgeschichte eines jeden Kindes genau analysiert wird, kann die eventuelle Ursache aufgedeckt bzw. können Entstehungszusammenhänge geklärt werden und durch ein individuell angepasstes Übungsprogramm entkräftet werden.

Als Erklärungskonzepte führen die Autoren Lernprozesse wie das Modelllernen, Verstärkungslernen, die klassische Konditionierung und schließlich die Theorie der erlernten Hilflosigkeit an. Diese Konzepte dienen den Autoren nicht nur dafür, sozial unsicheres Verhalten eines Kindes zu erklären und zu analysieren, sondern gleichzeitig dafür die Konzepte in funktionaler Arbeit in den Übungen selbst wieder einzusetzen, um soziale Kompetenz zu trainieren.

Lerneffekte ergeben sich beim Modelllernen dadurch, dass der Beobachter durch ein vorgegebenes Modell die beobachtete Verhaltensweise erlernen kann. Ein wesentlicher Aspekt sind hierbei die Konsequenzen (ob positiv, negativ oder keine) unter denen ein Modell steht, und die die Beurteilung des Verhaltens durch den Beobachter beeinflussen. Lernen findet stellvertretend für das eigene Handeln statt.[6] Vorbilder spielen in der Erziehung eine sehr große Rolle und können positive wie negative Effekte in bezug auf soziales Verhalten hervorbringen. Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen eines sozial unsicheren Kindes sollten darauf achten, wie sie sich selbst in sozialen Interaktionen Verhalten, denn dies könnte schon Hinweise auf übernommene Interaktionsmuster in das Verhalten des Kindes geben.

Das Verstärkungslernen ist als Lernprozess ebenfalls ein wichtiger Aspekt, der zur Klärung sozial unsicheren Verhaltens beitragen kann. Zu untersuchen ist, wie das sozial unsichere Kind soziales Lernen kennengelernt und wie es dabei Verstärker erfahren hat. Hat es keine Übungsmöglichkeiten soziale Kompetenz im positiven Sinne zu festigen, so fehlen ihm Sicherheit und Unbefangenheit im Umgang mit sozialer Interaktion. Kurz zusammengefasst lässt sich das Verstärkunslernen so charakterisieren, dass negative Verstärker unangenehme Konsequenzen hervorrufen, während positive Verstärker positive Konsequenzen für das Kind beinhalten.

Auch das klassische Konditionieren kann als Lernprozess zum Verständnis von und zur Arbeit an sozial unsicherem Verhalten beitragen. „Unangenehme oder bedrohliche Erfahrungen sowie negative Konsequenzen, die zugleich mit bestimmten sozialen Situationen bzw. mit der Anwesenheit anderer Personen verbunden sind, lösen Emotionen wie Wut, Scham, Schuld oder Angst aus.“[7] Wenn soziale Situationen häufig mit negativen Konsequenzen gekoppelt werden, wirken diese unter anderem für den Betroffenen als unkontrollierbar. Unkontrollierbarkeit ruft im weiteren einen Spannungszustand[8] aus, der als unangenehm erlebt wird. Solche Erlebnisse können das Selbstvertrauen schwächen, weil sie vom Betroffenen als Unbeeinflußbar erlebt werden und in diesen Situationen das Gefühl hinterlassen, dass die eigenen Kompetenzen nicht ausreichen, um eine Veränderung herbeizuführen.

„Aus Modell- und Verstärkungslernen sowie klassischem Konditionieren resultieren Erwartungen, die ein Kind an sich und andere stellt. Die Erwartungen betreffen die Effizienz eigenen Handelns bzw. die Überzeugung, ob eine Situation beeinflußbar und damit kontrollierbar ist oder nicht. Sie beeinflussen das Selbstkonzept und das Selbstvertrauen. Die Erwartungen können allmählich durch irrationale Überzeugungen überformt werden, die soziale Angst verstärken, Vermeidungsverhalten vermehren und die Fertigkeitsdefizite vergrößern.“[9]

Im Alltag des Kinds wirkt sich sozial unsicheres Verhalten im Hinblick auf soziale Interaktion nachteilig aus. Das Kind erlebt immer wieder Überforderungen und Misserfolge, für die es eventuell keine Erklärung findet. Es erlebt soziale Situationen als unkontrollierbar und unvorhersehbar. Unkontrollierbarkeit und Unverhersehbarkeit sind Begriffe mit denen Petermann und Petermann operieren und die auf die Theorie der erlernten Hilflosigkeit von Seligman zurückgeht. Um diese Theorie soll es im Folgenden gehen.

1.2 Theorie der erlernten Hilflosigkeit

Martin Seligman hat in seiner Studie über Hilflosigkeit verschiedene Experimente durchgeführt und den Zusammenhang von Angstkonditionierung und instrumentellem Lernen untersucht. Er kam dabei zu der Entdeckung,

[...]


[1] Vgl., Petermann, Ulrike, Petermann, Franz, Training mit sozial unsicheren Kindern. Einzeltraining, Kindergruppen, Elternberatung, 6., überarbeitete und veränderte Auflage, Weinheim 1996, S. 13.

[2] Ebd., S. 11.

[3] Ebd.

[4] Hillenbrand, C., Einführung in die Verhaltensgestörtenpädagogik, München 1999, S. 181.

[5] Petermann, Training, S. 22.

[6] Vgl. dazu, Bandura, A., Social foundations of thought and action, Engelwood Cliffs 1986.

[7] Petermann, Training, S. 24.

[8] Spannungszustände werden hier sowohl psychisch als auch physisch verstanden.

[9] Petermann, Training, S. 24.

Details

Seiten
12
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638396387
ISBN (Buch)
9783638806381
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41360
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophische Fakultät IV
Note
1,7
Schlagworte
Training Kindern Petermann Aggression Gewalt Schule

Autor

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Titel: Training mit sozial unsicheren Kindern nach Petermann und Petermann