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Ist Russland bereit für die Demokratie? Die Trägheit des politisch-administrativen Systems Russlands

Hausarbeit 2017 12 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Religion
Dvoever’e
Byzanz
Schisma der christlichen Kirche
Moskau als Drittes Rom

Zarenherrschaft
Staatsbildung
Isoliertheit des geistigen Lebens
Reformation
Renaissance
Aufklärung
Das 19. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert und die Sowjetunion

Dualismus und Wiederholungen

Fazit

Einleitung

Viele Menschen in Europa fragen sich, welchem Herrschaftsmodell Russland wohl angehöre. Obwohl die offizielle Herrschaftsform die Demokratie sei, sind sich doch viele Politikwissenschaftler sicher, dass es sich um eine Diktatur handele, die unter dem verdeckenden Mantel einer Scheindemokratie ablaufe.[1] Viele besorgte europäische Bürger und Politiker fordern Russland, welches gewissermaßen Teil Europas ist, auf sich endlich der Demokratie zuzuwenden und dem Volke einen Teil der Macht zu übertragen wie es bei uns in Europa geschieht.[2] Allerdings scheint dies nicht so einfach zu sein wie viele denken. Russlandkenner betonen immer wieder, dass das russische Volk nicht bereit sei für eine Demokratie oder diese Form der Herrschaft sogar gänzlich ablehne.[3] Für uns ist dies nicht nachvollziehbar und kann so auch nicht wahr sein - sieht man doch in den Nachrichten immer wieder Bilder von Demonstrationen für Demokratie und Menschenrechte. Doch nicht nur Russlandkenner versuchen zu erklären welchen Hindernisse Russland ausgesetzt ist, sondern auch Politikwissenschaftler und Historiker setzen sich damit auseinandert. Dabei kommt man nicht umhin die Geschichte Russlands der letzten 1000 Jahre zu betrachten und zu bemerken, dass sich gewisse Muster wiederholen und zur Tradition geworden sind. Diese Muster sind für uns dahingehend wichtig, dass sie eine Erklärung bieten weshalb Russlands Verwaltung, Wirtschaft, Politik und politische Kultur (Bevölkerung) auf dem heutigen Stand sind und weshalb die Ausbildung einer Demokratie sich als so schwierig erweist. Versteht man einmal dies, so können realistischere Prognosen und Veränderungsansätze gemacht werden. Im Verlauf dieser Arbeit werde ich daher auf einige der Gründe eingehen, die mehr oder weniger maßgeblich die heutige Verfassung des Landes begründen und erklären weshalb zwischen Osten und Westen solch eine Differenz besteht - mit dem Ziel herauszufinden ob und worin die Trägheit der Veränderung begründet ist.

Religion

In Russland ist, im Vergleich zu vielen Teilen Europas, die Religion immer noch sehr stark in den Alltag mit eingebunden. Das liegt zum einen an der schwierigen und langen Geschichte der Religion in Russland und zum anderen an verschiedenen Einflüssen, die diese im Laufe dieser Geschichte auf sie einwirkten. Die Christianisierung der Rus’ ging von Byzanz aus. Man bat in Byzanz um Missionare, die bei der Christianisierung behilflich sein sollten - die Brüder Method und Kyrill, die sich auf machten in der Rus’ zu missionieren, sind dank ihrem Vermächtnis auch heute noch bekannt, denn sie schufen ein Alphabet um die lateinischen Texte der Bibel in die geläufige Sprache der Slaven zu übersetzen. Sie planten auch Gottesdienste in dieser Sprache durchzuführen und erhielten hierfür die Genehmigung des Papstes - obwohl die slavische Sprache nicht zu den “geheiligten Sprachen” (Latein, Griechisch und Hebräisch) gehörte. Als Jahr der sinnbildlichen “Taufe” der Rus’ wird das Jahr 988 gezählt.[4]

Dvoevr’e

Es gibt nicht viele Hinweise auf eine vorchristliche Religion in Russland, jedoch geht man heute davon aus, dass es gewisse Kulte und Mythologien gab, denen eine gewisse Anzahl von Göttern angehörte und die an bestimmten Orten wie Bergen, Höhlen oder Banjas verehrt wurden durch Statuen und Opfergaben.[5] Als der christliche Glaube auftauchte, dauerte es lange bis man sich daran gewöhnte - man praktizierte lange Zeit neben dem Christentum weiterhin die gewohnten Rituale. Es dauerte bis ins 17./18. Jahrhundert hinein bis alle Merkmale “heidnischer” Religion verschwanden[6].

Byzanz

Die Christianisierung durch Byzanz hatte mehrere Auswirkungen zur Folge: zum einen wurde so die Tradition der Einheit von Herrschaft und Glaube weitergereicht, womit eine messianische Vorstellung verbunden ist, welche den Herrscher als Erlöser und Heilsbringer versteht. Zum anderen wurde der Dogmatismus des orthodoxen Christentum mitgegeben, welcher keine Veränderungen und Neuerungen zuließ. Dies führte dazu, dass die Vorstellungen von Gut und Böse heute noch dem Stand von vor 1000 Jahren gleichen.[7]

Begründen lässt sich dies durch die im russischen Mittelalter vertretene Vorstellung von Himmel und Hölle, welche zur dualistischen Vorstellung von Gut und Böse führte. Im Westen wurde diese Vorstellung auf eine dritte Ebene - das Fegefeuer, aus dem man nach gewisser Zeit ins Paradies aufsteigen konnte - erweitert, womit eine neutrale Zone für ein neutrales Handeln während des Lebens geschaffen wurde. Eine Veränderung/Entwicklung dieser Idee wie im Westen - beeinflusst durch Reformation, Renaissance und Aufklärung - gab es in Russland nie, dieser Wandel der Vorstellung von gutem und schlechtem Handeln nie wirklich vollzogen werden. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass ein Herrscher jeweils nur göttlich oder teuflisch sein kann - es gibt keinen Mittelweg. Diese und ähnliche Vorstellungen findet man auch heute noch in Russland.[8]

Schisma der christlichen Kirche 1056

Die Teilung des Römischen Reiches und Ost und West nahm mit der Zeit immer größere Dimensionen an. Während sich Rom mehr nach Norden und Westen orientierte, verlagerte Kaiser Konstantin die Hauptstadt des Römischen Reiches nach Byzanz/Konstantinopel. Dadurch differenzierte sich die christliche Kirche in zwei Zweige: den westlich-lateinischen und den östlich-byzantinischen. Durch diese räumliche Spaltung entstand auch eine mentale - Osten und Westen fingen an sich gegenseitig zu misstrauen und zu sabotieren. Besonders im Osten entstand eine anti-lateinische Haltung, da man der Meinung war den einzig wahren und richtigen Glauben zu leben. Die Lateiner waren Heuchler, die vorgaben ein rechtes, bibeltreues Leben zu führen, jedoch heimlich sündigten.[9] Durch die Erfindung der Schrift konnten sich Polemiken rasant ausbreiten, wodurch die anti-lateinische Haltung gefestigt wurde.[10]

Nach und nach wurde die Teilung in Ost und Weste immer deutlicher. Die Schrift spielte hier nicht nur bei der Verbreitung von anti-lateinischen Texten und Ideen eine Rolle, sondern ist heute auch noch ein Merkmal zur Unterscheidung der slavischen Länder in slavia latina (lateinisch) und slavia orthodoxa (kyrillisch) - die von Rom aus missionierten und die von Byzanz aus missionierten Länder.[11] Bis heute ist die Welt in Osten und Westen geteilt. Viele Konflikte der heutigen Zeit lassen sich auf eine lange Geschichte von Misstrauen und Anspruchsdenken zwischen Katholiken und Orthodoxen zurückführen.[12]

Moskau als Drittes Rom

Das Byzantinische Reich sah sich durch eine fortwährende Umklammerung durch das Osmanische Reich bedroht. In der Hoffnung auf lateinische Unterstützung sprach sich Byzanz 1439 auf dem Konzil von Florenz für eine Kirchenunion aus und erkannte das Primat von Rom an. Damit war die Kirche der Rus’ nicht einverstanden - man wählte einen eigenen Metropoliten, da man die Oberhoheit nicht mehr anerkannte. Konstantinopel wurde dank Konstantin als “Zweites Rom” und damit als letzte Fortführung des Römischen Imperiums angesehen nachdem das “alte Rom” immer mehr an Bedeutung verlor. Nach der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich 1453 glaubten viele das Ende der Welt nahe. Nachdem jedoch die Wiederkunft des Messias ausblieb, schlug um das Jahr 1510 herum ein Mönch aus Pskov vor, dass von nun an Moskau als das “Dritte Rom”, damit als Zentrum der orthodoxen Welt und dessen Verpflichtung zu gelten habe, da es dem Zerfall der Orthodoxie als letzte Instanz noch nicht preisgegeben war. Im Jahr 1588/89 fand diese Erhebung Moskaus zum eigenständigen Patriarchat ihren formellen Abschluss. So wurde Moskau souverän[13]

Bis heute beansprucht Moskau die Vormachtstellung der russischen Orthodoxie (der gesamten Rus’) und sieht sich als Retter und Beschützer des rechten Glaubens.[14]

Zarenherrschaft

Im Weiteren folgen Ursachen und Ereignisse, die entweder durch Zaren hervorgerufen wurden oder während der Zeit der Zarenherrschaft in Russland geschahen.

[...]


[1] Vgl.: Rüesch, Andreas: Russlands simulierte Demokratie. Operation Duma gelungen. 2016.

<https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/russlands-simulierte-demokratie-operation-duma-gelungen-ld.117546>. Letzter Zugriff: 17.03.2017.

[2] Vgl.: Abbt, Christian: Politische Mehrheit. So verstehen, Putin, Trump & Co [sic] die Demokratie. 2017. <https://www.nzz.ch/feuilleton/freiheit-und-demokratie-der-tyrannei-der-mehrheit-ld.150177>. Letzter Zugriff: 17.03.2017.

[3] Vgl.: Panych, Oleksiy: Wladimir Putin, Russland und die Demokratie. 2015. <http://www.euractiv.de/section/ukraine-und-eu/opinion/wladimir-putin-russland-und-die-demokratie/http://www.euractiv.de/section/ukraine-und-eu/opinion/wladimir-putin-russland-und-die-demokratie>. Letzter Zugriff: 17.03.2017.

[4] Vgl.: Baschir, Bulat (2016): Protokoll der 7. Sitzung am 26.05.2016. <https://moodle2.uni-potsdam.de/pluginfile.php/567332/mod_resource/content/1/07_Sitzung_Kuwi_Protokoll.pdf>. Letzter Zugriff: 18.03.2017.

[5] Vgl.: Lotmanj/Uspenskij: Die Rolle dualistischer Modelle in der Dynamik der russischen Kultur. S. 87f.

[6] Vgl.: Franz, Norbert (o. J.): Kultur und Religion. In: keine Angabe. S. 4f. <https://moodle2.uni-potsdam.de/pluginfile.php/548470/mod_resource/content/1/Kultur%20und%20Religion.pdf>. Letzter Zugriff: 18.03.2017.

[7] Vgl.: Franz, Norbert: Kultur und Religion. S. 7.

[8] Vgl.: Lotman, Jurij/Uspenskij, Boris: Die Rolle dualistischer Modelle in der Dynamik der russischen Kultur (bis zu Ende des 18. Jahrhunderts). In: Franz, Norbert (Hrsg.): Reader. Einführung in die slavistische Kulturwissenschaft (Russistik, Interdisziplinäre Russlandstudien). Potsdam 2016, S. 88.

[9] Vgl., ebd. S. 91ff.

[10] Vgl.: Franz, Norbert: Kultur und Religion. S. 3.

[11] Vgl.: Fomina, Darja/Schamsiev, Viktoria: Protokoll der 12. Sitzung am 30.06.2016. 2016. <https://moodle2.uni-potsdam.de/pluginfile.php/569901/mod_resource/content/1/Protokoll%2012%20Kuwi.pdf>. Letzter Zugriff: 18.03.2017.

[12] Vgl.: Baschir, Bulat: Protokoll der 7. Sitzung am 26.05.2016.

[13] Vgl.: Kicuk, Inna/Logwin, Konstantin/Wolbrink, Annemarie: Protokoll zur 8. Sitzung vom 2. Juni 2016. 2016. <https://moodle2.uni-potsdam.de/pluginfile.php/567335/mod_resource/content/1/Protokoll%2008%20Kuwi.pdf>. Letzter Zugriff: 18.03.2017.

[14] Vgl.: Ohne Autor: Zerreißproe für Orthodoxe: Neuer Metropolit der Ukraine gilt als “moskautreu”. 2014. <https://www2.jesus.de/zerreiprobe-fr-orthodoxe-neuer-metropolit-der-ukraine-gilt-als-moskautreu/>. Letzter Zugriff: 18.03.2017.

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668644045
ISBN (Buch)
9783668644052
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413398
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
Politik Wirtschaft Verwaltug Russland Geschichte politisch-administratives System Politik Russland Verwaltung Russland Putin

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