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Am Rande des Abgrunds. Über die Filmgestaltung von Alfred Hitchcocks "Vertigo"

Studienarbeit 2015 5 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Am Rande des Abgrunds

Über die Filmgestaltung von Alfred Hitchcocks Vertigo

Nur wenige Filme erreichten das, was Alfred Hitchcocks Vertigo erreichte: Als einer der besten Filme aller Zeiten in die Filmgeschichte einzugehen. Dabei erhielt der Film nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1958 lediglich durchmischte Kritiken und wurde 1973 von Hitchcock mitsamt vier seiner weiteren Werke aus Gründen der Vertriebsrechte sogar aus dem Umlauf genommen. Erst als diese zehn Jahre später erneut veröffentlicht wurden, entwickelte sich Vertigo schliesslich zum kommerziellen Erfolg und wurde von den Kritikern gewürdigt.

Die Geschichte des Films ist rasch erzählt. Der an einer ausgeprägten Höhenangst leidende Ex-Polizist John „Scottie“ Ferguson willigt auf die Bitte seines alten Collegekollegen Gavin Elster ein, dessen Frau Madeleine zu beschatten, da dieser Angst hat sie könnte sich aus psychischen Gründen etwas antun. Nach ihrem von Scottie verhinderten Selbstmordversuch verlieben sich die beiden ineinander, worauf er versucht Madeleine zu helfen. Diese springt jedoch im späteren Verlauf von einem Glockenturm, was Scottie wegen seiner Höhenangst nicht verhindern kann. In seiner Trauer muss er nun sein Leben fortsetzen bis er auf Judy Barton trifft, die das perfekte Ebenbild von Madeleine zu sein scheint. Noch immer von Madeleine besessen, versucht er nun Judy nach deren Ebenbild zu formen. Dass Scottie jedoch Teil einer Intrige ist ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Der innere Wandel

Die im Zentrum der Handlung stehenden Figuren von Vertigo zeichnen sich vor allem durch ihre Komplexität und Unberechenbarkeit aus. Scottie durchlebt einerseits einen fundamentalen Wandel und transformiert sich vom anfangs stereotypischen Mannsbild zu einem von Trauer und Schuldgefühlen geplagten Schatten seiner selbst, der sich hoffnungslos in seiner Fantasiewelt verliert. Durch sein Bestreben Judy in die verlorene Madeleine zu verwandeln lässt er sich mit der aus der griechischen Mythologie bekannten Figur des Orpheus vergleichen, der seine Geliebte Eurydike aus dem Reich der Toten zurückzuholen versucht, daran jedoch scheitert.

Der Doppelcharakter Madeleine/Judy ist von starken Kontrasten geprägt, was die beiden Personen, die in Wahrheit jedoch nur eine ist, äusserst divergent macht. Während Madeleine von melancholischer und verstörter Natur ist, strahlt Judy Bodenständigkeit und Selbstbewusstsein aus. Dies spiegelt sich auch in den Kostümen wider: Madeleine trägt meist matte und kontrastlose Kleidung wohingegen Judy meist die Farbe Grün trägt – ein Symbol für Leben und Glück. Allerdings entwickelt sich Judy auf Scotties Drängen hin optisch schliesslich immer mehr zu Madeleine, bis sie ihm zuliebe erneut zu dieser wird.

Vergangenheit und Gegenwart

Vertigo nimmt sich inhaltlich einer ganzen Palette von Themen an, die auf unterschiedlichste Art und Weise in die Geschichte eingearbeitet wurden. Dabei spielt Scotties Akrophobie, so der medizinische Fachausdruck für die Angst vor Höhen, in diesem Kontext jedoch nur eine untergeordnete Rolle und dient lediglich als Mittel zum Zweck. Sie fungiert als blosse erzählerische Komponente um Scotties Unfähigkeit Madeleine vor dem Tod zu bewahren darzustellen.

Der inhaltliche Kernpunkt des Films liegt hierbei vielmehr in der Thematik Vergangenheit, deren Bewältigung und Auswirkung auf die Gegenwart. Zuerst muss der Hauptprotagonist mit dem Tod eines Kollegen zurechtkommen, da dieser beim Versuch Scotties Leben zu retten selber stirbt. Nach Madeleines Tod und mit dem Auftauchen von Judy entwickelt er schliesslich ein krankhaftes Verlangen, die für ihn perfekte Vergangenheit in Form von Madeleine wiederherzustellen. Da es ihm nicht gelingt mit dem Verlust, der Trauer und dem Tod zurechtzukommen, gleitet er immer mehr in die Vergangenheit zurück. Die Grenze zwischen Realität und Fantasie beginnt zu schwinden und für Scottie transformiert sich der anfängliche Traum in einen Alptraum.

Nicht zuletzt weist Vertigo auch persönliche Eigenschaften des Regisseurs Alfred Hitchcock auf, der für seine Vorliebe für kühle Blondinen und seine Kontrollsucht berüchtigt war. Auch wenn dieser Aspekt sicherlich nicht bewusst in den Film einfloss, so gibt er doch einen persönlichen Teil von Hitchcocks Natur preis, darunter auch sein Idealbild einer Frau, welches in zahlreichen seiner Filme wiederzufinden ist. Auch die Problematik das Begehrte nicht erhalten zu können wird in Form des Hauptprotagonisten verdeutlicht.

Von der Spannung zur Suspense

Hitchcock erzählt den Film in Form eines linear verlaufenden Handlungsstrangs, wobei dieser lediglich einmal in Form einer Rückblende unterbrochen wird. Dieses narrative Element ist es denn auch, was den Film von der literarischen Vorlage „D‘entre les morts“ von Pierre Boileau und Thomas Narcejac unterscheidet, denn anstatt diese Rückblende am Ende der Geschichte zu platzieren und dadurch den Überraschungseffekt zu erzielen, wie es im Buch der Fall ist, versetzt sie Hitchcock ins letzte Viertel des Films. Durch das Enthüllen des Komplotts in Form einer subjektiven Rückblende aus der Sicht von Judy wird lediglich dem Zuschauer offenbart, dass es sich bei Judy und Madeleine um ein und dieselbe Person handelt. Durch diese simple Änderung der Vorlage erzeugt Hitchcock die für ihn charakteristische und oft verwendete Suspense – das Publikum weiss mehr als der Protagonist, welcher weiterhin unwissend bleibt. Dies begründete Hitchcock in seinem berühmten Interview mit dem französischen Filmemacher François Truffaut folgendermassen: „Ich habe mir vorgestellt, ich wäre ein kleiner Junge und sässe auf dem Schoss meiner Mutter, die mir eine Geschichte erzählte. Wenn die Mutter ihre Erzählung unterbricht, stellt der Kleine immer dieselbe Frage: „Und dann, Mama, was dann?“ Ich fand, dass im zweiten Teil des Romans von Boileau und Narcejac, nach der Begegnung mit der Brünetten, alles abläuft, als passierte nichts mehr. In meiner Fassung weiss der kleine Junge, dass Judy und Madeleine ein und dieselbe Frau sind, und deshalb fragt er die Mutter: „Und James Stewart, weiss der es auch?“ „Nein“. Wir sind damit wieder bei unserer bekannten Alternative: Suspense oder Überraschung?“ (Hitchcock, 1962).

Arbeitet der Film also erst mit kontinuierlich aufgebauter Spannung, so transformiert sich diese nach der aufklärenden Rückblende in Suspense, wodurch dem Zuschauer ein neuer Blickwinkel auf die Geschichte eröffnet wird. Ab diesem Zeit-punkt ändert sich die Frage des Publikums nach der Identität Madeleines in die Frage, wie Scottie reagieren wird wenn er erfährt, dass Madeleine in Wahrheit Judy ist.

Durch die Blume

Während des gesamten Films wird sehr stark und vielfach äusserst unterschwellig mit visuellen Mitteln gearbeitet. Zum einen werden Farben ganz bewusst eingesetzt um entweder eine bestimmte Situation gestalterisch zu unterstreichen oder gewisse Umstände der Geschichte bereits im Voraus anzudeuten. So ist das Restaurant, in dem Scottie Madeleine zum ersten Mal sieht, beinahe vollständig in Rot gehalten, wobei Rot einerseits für Liebe und Leidenschaft aber auch für Gefahr und das Verbotene steht. Die Farbe Rot ist im ersten Teil des Films, also bis zum Tod von Madeleine, ohnehin sehr präsent und dies vor allem aus der subjektiven Kamerasicht des Protagonisten, wodurch seine innere Welt wiedergegeben wird. Des Weiteren sind besonders im ersten Teil zahlreiche Einstellungen mit Blumen ausgestattet, welche sich als Leitmotiv für Schönheit aber auch Vergänglichkeit durch den Film ziehen. Insbesondere wurden die Blumen in den Farben Rot und Gelb eingesetzt und obwohl Gelb Licht und Leben symbolisiert, so steht es auch für Verlogenheit. Sobald Scottie im späteren Verlauf dann auf Judy trifft, wird Grün zur dominierenden Farbe, die nebst der bereits erwähnten Bedeutungen von Leben und Glück auch für Erneuerung und Wiedergeburt steht und sich somit nahtlos in den Inhalt der Geschichte einfügt.

Ein weiterer visueller Aspekt ist der stellenweise schon fast plakative Einsatz von Licht, der vor allem die Erzählung untermauert. So wird in einer Szene, in der Scottie Madeleine zu ersten Mal sieht, die Intensität von Madeleines Beleuchtung erhöht, wodurch sie wie ein Engel zu strahlen scheint. Als Scottie in einer anderen Szene von der traurigen Geschichte von Madeleines Vorfahrin erfährt, wird das Licht hingegen stetig gedimmt und es wird dadurch eine düstere Atmosphäre geschaffen.

Hitchcock benutzte aber auch andere effekttechnische Besonderheiten wie etwa Nebelfilter um der Szene auf dem Friedhof etwas Traumartiges zu verleihen. Auch erscheint Judy, als Scottie sie zum ersten Mal wieder in der Rolle von Madeleine sieht, beinahe transparent und in ein grünes Licht getaucht, was den Eindruck erweckt, man sähe einen Geist. Aus all diesen Szenen sticht aber insbesondere Scotties Alptraum hervor, welcher mit grossem effekttechnischem Aufwand kreiert wurde. Interessanterweise fasst genau diese Szene sämtliche aufge-griffenen Themen innert kürzester Zeit zusammen und markiert den Wendepunkt des Films, wobei der erste Teil in den zweiten übergeht.

Zu guter Letzt wurde mit dem so genannten Vertigo-Effekt eine Kameratechnik entwickelt, welche die Höhenangst des Hauptprotagonisten auf visuell beein-druckende Art und Weise darstellen kann. Hierbei wird mit einer einfachen Dollyrückfahrt und einem gleichzeitigen Zoom-In, wobei der Bildausschnitt jedoch gleich bleiben muss, ein Gefühl von Schwindel verursacht, da sich der Bildvordergrund auf den Betrachter zubewegt und der Bildhintergrund von diesem weg. Dass dieser Effekt mittlerweile in zahlreichen Filmen Anwendung gefunden hat und Hitchcocks Film als Namensgeber für diesen fungierte ist dabei wenig überraschend.

Die Macht der Schauplätze

In Vertigo spielen die Schauplätze eine entscheidende Rolle, da sie die Handlung vorantreiben und sich inhaltlich stets zur jeweiligen Szene und zu den aufgegriffenen Themen des Films einfügen. Die Geschichte siedelt sich im San Francisco der Fünfzigerjahre an – eine architektonisch höchst interessante Stadt, welche mit ihrem viktorianischen Baustil dem Film etwas Traumartiges und Idyllisches verleiht. Darüber hinaus zeichnet sich die City by the Bay topografisch durch ihre insgesamt 42 Hügel aus, die Scottie etliche Male mit dem Auto hinauf und hinunterfährt. Ein Aspekt, der repräsentativ für Scotties Psyche ist, da auch er eine innerliche Auf- und Abfahrt durchgeht. In und um San Francisco finden sich zahlreiche Orte, die sowohl traum- als auch alptraumartig erscheinen, wobei stets zwischen natürlichen und architek-tonischen Schauplätzen unterschieden wird. Dies spiegelt sich auch im Inhalt der betreffenden Szenen wider. So dient beispielsweise die Golden Gate Bridge als Schauplatz für Madeleines Suizidversuch oder die Muir Woods als Szenerie für Scotties und Madeleines Ausflug. Die meisten dieser Szenen haben ausserdem die starken Kontraste der Grössen-verhältnisse in der Bildkomposition gemein. Hierbei werden die Personen zusammen mit kolossalen Elementen wie der bereits erwähnte Golden Gate Bridge oder den riesenhaften Sequoias aus den Muir Woods inszeniert, wodurch die Vergänglichkeit der Menschen verdeutlicht wird. Diese Thematik wird in letzterer Szene sodann auch explizit angesprochen indem Madeleine meint, dass sie diese uralten Bäume nicht mag weil sie durch diese an ihren eigenen Tod erinnert wird.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt ist die Tatsache, dass sich viele Schauplätze im Film an einem Abhang befinden, so unter anderem der Ort des ersten Kusses der beiden Protagonisten oder Scotties Haus. Ein Umstand, der in Anbetracht des geschichtlichen Ablaufs nur allzu schlüssig erscheint.

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Details

Seiten
5
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668645370
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v413262
Institution / Hochschule
SAE Institute Zürich
Note
2
Schlagworte
rande abgrunds über filmgestaltung alfred hitchcocks vertigo

Autor

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Titel: Am Rande des Abgrunds. Über die Filmgestaltung von Alfred Hitchcocks "Vertigo"