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Erziehungswissenschaft und Kritischer Rationalismus

Hausarbeit 2005 32 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus
2.1 Entstehungsgeschichte des Kritischen Rationalismus
2.2 Methodologie des Kritischen Rationalismus
2.2.1 Entdeckungs- und Begründungszusammenhang
2.2.2 Die deduktive Überprüfung von Theorien
2.2.3 Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium

3. Pädagogik als Wissenschaft
3.1 Kritik der traditionellen Pädagogik
3.2 Drei Klassen von Erziehungstheorien
3.3 Der Begriff der Erziehung
3.4 Der nomothetische Aufgabenbereich der Erziehungswissenschaft
3.5 Falsifizierbarkeit und „vernünftige Verwerfung“
3.6 Erziehungswissenschaft unter wissenschaftstheoretischer Perspektive

4. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit wird die Darstellung der Erziehungswissenschaft unter wissenschaftstheoretischer Perspektive sein. Eine Wissenschaftstheorie stellt dabei für die jeweilige Wissenschaft – in unserem Fall die Erziehungswissenschaft – die Methodologie, das Regelwerk oder das Verfahren dar, mit dessen Hilfe man innerhalb der Wissenschaft zu Erkenntnissen gelangt. In diesem Sinne wird eine Wissenschaftstheorie auch als „Metatheorie“ bezeichnet.

Ein Blick auf die Geschichte der Pädagogik – respektive Erziehungswissenschaft – genügt dabei um festzustellen, dass es verschiedenste wissenschaftstheoretische Ansätze in dieser Disziplin gegeben hat. Der Begriff der „Erziehungswissenschaft“ (und nicht etwa „Pädagogik“) im Titel dieser Hausarbeit gibt dabei einen ersten Hinweis auf die hier zu behandelnde wissenschaftstheoretische Position.

Es war Wolfgang Brezinka, der vor allem in seinen beiden Werken „Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft“ und „Metatheorie der Erziehung“ die wissenschaftstheoretische Position des Kritischen Rationalismus auf die traditionelle Pädagogik anwandte: „Ich werde die Metatheorie der Erziehung von der Position des modernen modifizierten Empirismus, des „Konstruktivismus“ (KRAFT), des „Theoretizismus“ (POPPER), des „Kritizismus“ oder des „Kritischen Rationalismus“ (POPPER) aus behandeln“ (Brezinka 1971, Seite 23).

Die wissenschaftstheoretische Position des Kritischen Rationalismus als eine der bedeutendsten erkenntnistheoretischen Strömungen des 20. Jahrhunderts stellt für Brezinka somit das methodologische Fundament einer Wissenschaft der Erziehung dar. Sie ist in ihrer Anwendung für Brezinka der Weg, durch den sich die traditionelle Pädagogik zur Erziehungs wissenschaft zu konstituieren hat. Ging die traditionelle Pädagogik noch von einem wissenschaftstheoretischen Verständnis aus, dass vor allem durch seinen hermeneutischen, verstehenden Charakter geprägt war, will die Erziehungswissenschaft auf dem wissenschaftstheoretischen Fundament des Kritischen Rationalismus und nach dem Vorbild der Naturwissenschaften die Phänomene der Erziehungswirklichkeit erklären. Der Ablehnung des hermeneutischen und intuitiven Weges zur Erkenntnis der Erziehungswirklichkeit folgt hier ein Wissenschaftsverständnis, dass auf kritisch-rationalem Wege sich nicht mehr verstehend, sondern vielmehr erklärend zu seinem Gegenstand verhält. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Erziehungswirklichkeit finden sich unter Anwendung der Methodologie des Kritischen Rationalismus als Wissenschaftstheorie für die Erziehungswissenschaft demnach in der Form nomologischen, gesetzesartigen Wissens.

Das Ziel dieser Hausarbeit wird es also sein, Erziehungswissenschaft unter der strengen wissenschaftstheoretischen Position des Kritischen Rationalismus darzustellen.

Hierzu werde ich im folgenden Kapitel die von Karl R. Popper begründete wissenschaftstheoretische Position des Kritischen Rationalismus in ihrem historischen Entstehungskontext kurz einordnen und anschließend aufzeigen. Für die Darstellung stütze ich mich vor allem auf Poppers Werk „Logik der Forschung“ (2. Kapitel dieser Hausarbeit).

Im Anschluss daran soll die Übertragung des Kritischen Rationalismus auf die Erziehungswissenschaft durch Wolfgang Brezinka aufgezeigt werden. Der Darstellung der Erziehungswissenschaft unter wissenschaftstheoretischer Perspektive steht abermals eine kurze historische Verortung voran. Gleichsam wird deutlich werden wie die Pädagogik im Sinne des Kritischen Rationalismus als eine „Wissenschaft von Erziehung“ zu ihrem wissenschaftlichen Gehalt kommt.

Grundlegend für diese Darstellung sind die beiden Werke von Wolfgang Brezinka „Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft“ und „Metatheorie der Erziehung“.

Die Übertragung der wissenschaftstheoretischen Position des Kritischen Rationalismus auf die Erziehungswissenschaft schafft nomologisches, gesetzesartiges Wissen über ihren Gegenstand und ist damit konstitutiv zur Erfüllung der allgemeinen Funktion von Wissenschaft, die der Kulturphilosoph Ernst Cassirer wie folgt beschreibt:

„Die Wissenschaft ist der letzte Schritt in der geistigen Entwicklung des Menschen, und man kann sie als die höchste und charakteristischste Errungenschaft menschlicher Kultur ansehen. (…) ihre allgemeine Funktion ist über jeden Zweifel erhaben. Die Wissenschaft ist es, die uns die Gewissheit gibt, in einer konstanten Welt zu leben. Auf die Wissenschaft können wir die Worte des Archimedes beziehen: «Gebt mir einen festen Punkt und ich bewege die Welt»“ (Cassirer 1996, Seite 315).

2. Die Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus

„Auf den ersten Blick ist der Kritische

Rationalismus eine Philosophie von

ebenso großer Umfänglichkeit (…) wie Einheitlichkeit (…) und Anwendbarkeit (…).Das ist fürwahr philosophische ‛ Querschnittsmaterie ’ , wie man heute sagt, die noch lange nicht ausgeschöpft ist“

(Spinner 1994, Seite 356)

Bevor ich in diesem Kapitel auf die Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus nach Karl Raimund Popper eingehe, möchte ich zuvor kurz auf den historischen Entstehungszusammenhang des Kritischen Rationalismus verweisen. Die Einordnung des Kritischen Rationalismus in den historischen Sinnkontext soll einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Idee dieser Wissenschaftstheorie liefern.

2.1 Entstehungsgeschichte des Kritischen Rationalismus

Der Kritische Rationalismus gründet in Karl Poppers Werk „Logik der Forschung“ von 1934 (Deutsche Erstausgabe) und ist aus der Kritik an der Wissenschaftstheorie des Neopositivismus entstanden. Der Neopositivismus (oder: Logischer Positivismus) etablierte sich durch die Philosophen des „Wiener Kreises“ und dessen Begründer Moritz Schlick:

Vor dem Hintergrund der rasanten Entdeckung neuer und bahnbrechender Erkenntnisse der Naturwissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1905: spezielle Relativitätstheorie; 1916: allgemeine Relativitätstheorie; 1913: Rutherford-Bohrsche Atommodell) entstand für die Philosophen des Wiener Kreises die Frage „ … auf Grund welcher Ursachen und Bedingungen in den «exakten» Einzelwissenschaften solch imponierende Fortschritte erzielt werden konnten“ (Bayertz/Schleifstein 1977, Seite 11). Die Antwort hierauf lag nahe und Popper fasste in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ die Antwort der Philosophen des „Wiener Kreis“ auf diese Frage folgendermaßen zusammen: „Die Aussagen der Mathematik und der empirischen Einzeldisziplinen sind wissenschaftlich kontrollierbar, die Aussagen der Philosophie dagegen nicht“ (Popper 1973, Seite 103). Für die Philosophen des „Wiener Kreis“ resultierte aus dieser Feststellung, dass die Philosophie die Methoden der Einzelwissenschaften in dem Bemühen zu übernehmen hatte, alle wissenschaftlichen Aussagen in eine umfassende formale Sprache (zum Beispiel in die der Mathematik oder der Physik) zu übersetzen, um die Objekte der Philosophie (die Sätze, Begriffe und Theorien der Wissenschaft) darzustellen. Der Logische Positivismus als Wissenschaftstheorie gründete damit in der Vorstellung, dass der Gehalt wissenschaftlicher Sätze sich auf das direkte Erfassen von Sinnesdaten zurückführen lassen muss: Die Sätze sind wahr, wenn sie Sinneswahrnehmungen wiedergeben.

Dieses Vorgehen entspricht der Vorgehensweise der Naturwissenschaften, die auf der Grundlage singulärer Beobachtungen allgemeine Gesetzesaussagen ableiten. Das Schließen von einzelnen Beobachtungen auf allgemeine Gesetzesaussagen entspricht dem Prinzip der Induktion.

Es war eben dieses Prinzip der Induktion bzw. die Kritik desselben, welche den Grundstein für den Kritischen Rationalismus nach Popper legte: Für Popper führte das Prinzip der Induktion zu nichts anderem „ … als dass ein Fall immer im Lichte der Theorie interpretiert werden konnte“ (Popper zit. nach Bayertz/Schleifstein 1977, Seite 14). Damit war deutlich geworden, dass die induktionslogische Basis, die der Verifikation von Theorien folgend, nicht dazu führte, dass eine Theorie anhand der Erfahrungen überprüft wurde, sondern die Erfahrung auf der Grundlage der Theorie interpretiert wurde: „Waren die Augen erst einmal so geöffnet, dann sah man überall Bestätigungen: die Welt war voll von Verifikationen für die Theorie. Was auch geschah, es bestätigte sie immer“ (ebd.).

Mit dieser Erkenntnis weist Popper das Prinzip der Induktion und der Verifikation von Theorien als Weg zu wissenschaftlichem Wissen zu gelangen, zurück. Daher stellt sich für Popper die Frage, auf welchem Wege man zu exaktem wissenschaftlichen Wissen komme, wie folgt: „Ich wollte unterscheiden zwischen Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft, denn ich wusste sehr genau, daß die Wissenschaft oft irrt und dass die Pseudo-Wissenschaft per Zufall die Wahrheit finden kann“ (Popper zit. nach Bayertz/Schleifstein 1977, Seite 13).

Hierin stellt sich die Frage nach der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft. Poppers Kritik am Induktionsprinzip, welches Theorien nur zu bestätigen und zu begründen in der Lage war und somit in der Idee fußte, restlose Begründbarkeit der theoretischen Aussagen durch Erfahrung sei möglich, gab Anlass zu folgendem Schluss: „Ich erkannte, dass die Suche nach Rechtfertigung aufgegeben werden muss, nach Rechtfertigung des Wahrheitsanspruchs einer Theorie. Alle Theorien sind Hypothesen; alle können umgestoßen werden“ (Popper zit. nach Bayertz/Schleifstein 1977, Seite 21).

Für Popper war damit klar, dass die Suche nach Rechtfertigungen einer wissenschaftlichen Theorie nichts anderes war als die Instrumentalisierung der Erfahrungen (Sinnesdaten) im Sinne der jeweiligen Theorie, die letztlich nur zur Immunisierung der Theorie gegen Kritik beiträgt.

Aus diesen Überlegungen heraus entwickelt Popper seine Wissenschaftstheorie des „Kritischen Rationalismus“ als einen Weg der kritischen Prüfung von Hypothesen um zu gültigen wissenschaftlichen Aussagen zu gelangen: „Wann immer wir nämlich glauben, die Lösung eines Problems gefunden zu haben, sollten wir unsere Lösung nicht verteidigen, sondern mit allen Mitteln versuchen, sie selbst umzustoßen“ (Popper 1971, Seite XV).

Damit wird gleichsam eine Theorie von Wissenschaft aufgestellt, die durch ihr Verfahren der kritischen Prüfung die Gültigkeit wissenschaftlicher Aussagen beanspruchen kann. Wissenschaft im Sinne des Kritischen Rationalismus erzeugt damit gesichertes, gültiges und jederzeit prüfbares Wissen und erfüllt gleichsam jene zu Anfang von Cassirer beschriebene allgemeine Funktion von Wissenschaft in der Sicherstellung von „Gewissheit in einer konstanten Welt zu leben“.

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Details

Seiten
32
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638395939
ISBN (Buch)
9783638938341
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41307
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Erziehungswissenschaft Kritischer Rationalismus

Autor

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Titel: Erziehungswissenschaft und Kritischer Rationalismus