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Theodor Storms Spätnovelle "John Riew" im Darwinismus- und Alkoholismusdiskurs der 1880er-Jahre

Bachelorarbeit 2018 42 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Themenfeld und Methodik der Arbeit
I. 1. Verständigung über den Untersuchungshorizont:
Storm und die Naturwissenschaften
I. 2. Vorgehensweise und Kernthesen

II. Neue Kausalitäten des Trinkens:
Zwei Paradigmenwechsel in der Alkoholfrage
II. 1. Antisubstantialismus: Pathologisierung
II. 2. Zeitliche Tiefe: Vererbung

III. John Riew’ in der zeitgenössischen Debatte um Trunksucht
III. 1. Die Unterscheidung zwischen ’gutem’ und ’schlechtem’ Alkohol.
III. 2. Alkoholvergiftungen bei Kindern
III. 3. Alkoholikerinnen als schlechte Stillerinnen
III. 4. Kaffee, (k)ein Heilsbringer

IV. Lektüreszene I: Wissenschaftshistorische Zugangsweisen
IV. 1. Reflexion auf die Halbwertszeit naturwissenschaftlichen Wissens.
IV. 2. Schließungsversuche eines notorisch offenen Paradigmas
IV. 3. Einflüsse der Degenerationstheorie
IV. 4. Implosion des Normalismusparadigmas

V. Lektüreszene II: Medienhistorische Zugangsweisen
V. 1. Skepsis gegen das Verweisdispositiv populärer Wissenschaft
V. 2. Erzählen unter dem Verweisdispositiv
V. 3. Einbildungskraft als Wissenschaftsintegral

VI. Artifizielle Sinnstiftung
VI. 1. Auf dem Holzweg und neue Initiationen
VI. 2. Mimesis ans Zyklische

VIII. Trunksucht und Suchtdenken

Literatur

I. Themenfeld und Methodik der Arbeit

I. 1. Verständigung über den Untersuchungshorizont: Storm und die Naturwissenschaften

„Es gibt kaum einen Dichter seines Ranges im 19. Jahrhundert, der so unberührt von geistigen Fragen seiner Zeit aufgewachsen und so wenig von ihnen berührt worden ist wie Storm.“1

(Franz Stuckert)

Das Schriftstellerbild, das Theodor Storm als einen intellektuell abgeschotteten und gegen Zeitgeschehnisse indifferenten Autor portraitiert, muss nicht aufgegeben, sondern umgekehrt werden. Unter den heute kanonisierten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts ist Storm der erste, der die beiden wichtigsten wissenschaftlichen Paradigmenwechsel seiner an grundstürzenden Umwälzungen nicht gerade armen Zeit kritisch mitvollzieht. Das ist einmal der Darwinismus, der Naturprozessualität unter Absehung von überkommenen Zweckmäßigkeitsannahmen konzeptualisiert. Vom naturwissenschaftlich bewanderten Stifter konsequent aus seinem gesamten Prosawerk ausgeklammert, brechen Darwinismen im Werk von Keller und Raabe erst nach Jahren aus der Latenz.2 Storm erkennt und verarbeitet bereits 1861 in seiner Novelle Im Schlo ß die darwinische Revolution.3 Noch evidenter wird der Vorreiterstatus Storms als wohl erster deutschsprachiger Schriftsteller überhaupt, der die Bakteriologie und die Hypothese einer Vektorübertragung rezipiert. Gegen die alte Miasmentheorie, auf deren Standpunkt er dessen ungeachtet in späteren Werken wieder zurückfällt4, stellt Storm in der Novelle Schweigen (ab 1881 entstanden) die Möglichkeit einer Ausbreitung tödlicher Infektionskrankheiten durch stechende Insekten.5

Franz Stuckert geistert mit Zitaten wie dem obigen im Wesentlichen als Forscherschreck durch die Texte der neueren Germanistik und wird zumeist nur als Antipode für den je eigenen Werkzugriff auf das Œuvre Storms bemüht. Stuckerts Autarkiepostulat muss jedoch in der Grundannahme, wenn auch nicht in seinen Folgerungen Geltung zugestanden werden: obwohl die Beispiele von Darwinismus und Bakteriologie Storm als einen Dichter zeigen, der (mindestens) auf der Höhe seiner Zeit steht, lebt und schreibt Storm doch fern von den Produktionsstätten des Wissens in weitgehender „provinzieller Abgeschiedenheit“6. In den 1880er-Jahren bezieht er sein Wissen über neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften so gut wie ausschließlich aus den Zeitschriften, für die er selbst schreibt und die er gründlich studiert - und das sind vor allem Westermanns Monatshefte und die Deutsche Rundschau. Zeitschriftenartikel aber können beim Literaten Storm kein naturwissenschaftliches Schreiben anstoßen, sondern nur den axiomatischen Verbau naturwissenschaftlicher Theoreme grundlegen, die sich dann ihrerseits, aber eben nicht vom Expertenstandpunkt aus, problematisieren lassen. Die massenmediale Vermittlungsform streicht den Wissenschaftsprozess auf sein Endprodukt zusammen und erzwingt eine zielorientierte Abbreviatur der Wissensfindung in der Darstellung; die wissenschaftsspezifische Verfahrensweise übersetzt sich mithin nicht in den populären Ableger. In Storms Prosatexten arrangiert folglich keine fachkundige Hand eines Naturforschers die Elemente der Diegese für den Blick des Lesers. Alle Versuche, Storms Erzählen auf eine Produktionskonstante szientistischer Provenienz zurückzufalten, müssen fruchtlos bleiben.

Für meine Storm-Lektüre ist damit ein weites Arbeitsfeld zugleich erschlossen als auch klar gegen interpretatorisch unzugängliches Terrain abgesteckt. Erschlossen ist der Raum für die Zielsetzung, eine Analyse der literarischen Aneignung zeitgenössischer Wissensdiskurse im Erzähltext zu unternehmen; hier für die Novelle John Riew ’. Der auch nur ganz grobe Fragenkatalog, (a) welches Wissen die Texte integrieren und (b) wie sie mit ihm umgehen, ist für Storms Gesamtwerk noch bei weitem nicht erschöpfend bedient worden. An die Alkoholfrage in John Riew ’ wurde er noch gar nicht angelegt. Ausgeschlossen dagegen und mit Stuckert als unbegründbar zurückgewiesen sind alle Versuche, Storms Verhandlung naturwissenschaftlicher Themata auf eine generelle Befragung seines Schreibstils zu entgrenzen.

Für eine gesonderte Untersuchung empfiehlt sich John Riew ’ jedoch erst durch eine tatsächlich singuläre Stellung im Werkganzen Storms: in der Lektüreszene der Novelle7 geht die Reflexion auf ein neues Medium der Wissensstreuung in die erzählte Handlung selbst ein. Hier öffnet sich ein drittes vielversprechendes Untersuchungsfeld, das im Unterschied zur (1) Spekulation auf einen naturwissenschaftlichen Grundton eine direkte Legitimationsgrundlage aus den Lesegewohnheiten wie dem Werk Storms erhält, aber auch anders als die (2) Einbettung einzelner Textaussagen in den zeitgenössischen Wissenskontext Rückschlüsse auf Strukturprinzipien seiner Novellenkunst insgesamt gestattet. Als Leser will ich auf diesem dritten Feld also verfolgen, (3) wie Storms Novelle John Riew ’ Wissensübermittlung nicht nur materialiter anfragt, sondern die mediale Prägung der Inhalte durch die Vermittlungsform selbst ventiliert. Diese Reflexionsleistung der Novelle ist umso bedeutsamer, als sie Storms eigene Möglichkeiten des Wissenszugangs in ihrer Beschränktheit abbildet. Einzeltextbelege will ich zu der These aufaddieren, dass Storms Schreiben eine Tiefenprägung durch die Kultur der Wissenspopularisierung des 19. Jahrhunderts erhalten hat. Hieraus sollen - oder sollten wenigstens - über John Riew ’ hinaus gültige Feststellungen über Storms Spätwerk fließen. Eine Durchsicht der Forschungsliteratur8 zum Thema zeigt schnell, dass das Interesse der Germanistik an John Riew ’ bislang vorrangig figurenpsychologisch gelagert war. Textbeobachtungen wurden in der Regel um die Alkohol-Initiationsszene der kleinen Anna gruppiert. Die vorliegende Arbeit soll einem anderen, wissenschafts- und mediengeschichtlich motivierten Interesse stattgeben. Aus diesem Blickwinkel rückt auch eine andere Textpartie, die genannte Lektüreszene, zur Schlüsselpassage auf, die den alten Riewe als Zeitungsleser inszeniert. An ihr lässt sich der Einbruch populärwissenschaftlich überformten Wissens in lebensweltliche Befindlichkeiten wie auch die Mitarbeit des Mediums daran exemplarisch ins Auge fassen.

I. 2. Vorgehensweise und Kernthesen

Diese Arbeit wird nicht versuchen, Storms Werk in epochengeschichtlichen Kategorien nach Möglichkeit ans 21. Jahrhundert heranzuholen. Seine Novellen sollen nicht als proto- naturalistisch, proto-impressionistisch oder ’modern’ ausgewiesen werden. Gerade anlässlich des Storm-Jubiläums greift man immer wieder gerne zum Modernebegriff als Ultima-ratio - Argument, um eine Relektüre obligat erscheinen zu lassen.9 Zuvörderst negativ definiert10, fällt dem Modernebegriff in erster Linie die Platzhalterfunktion für stets neu zu konkretisierende und nahezu beliebig konkretisierbare Inhalte zu; seine Anwendung auf Texte des 19. Jahrhunderts läuft Gefahr, deren Gehalt überzustrapazieren. Für Storms Spätnovelle John Riew ’ verfolgt meine Arbeit eine antiklassifikatorische und dekonstruktive Lektürestrategie, die für Epochen- und Gattungskonstruktionen transzendierende Unterströmungen in der Literatur sensibel sein will.11 Storm quer zum Strich einer teleologisch verstandenen Epochengeschichte zu lesen scheint mir aus vier Gründen der beste und vielleicht einzig gangbare Weg:

1. Das Unternehmen, John Riew ’ in unterläufigen Entwicklungen der neuzeitlichen Literatur zu verorten, würdigt sowohl den ästhetischen Eigenwert der Novelle als auch deren fortdauernde Aktualität. John Riew ’ ist nun einmal keine Erzählung, die in der Zeit der Klassischen Moderne (oder danach), sondern im 19. Jahrhundert verfasst wurde. Zugleich aber, so meine Annahme, ist der Text Ausdruck weitergreifender Tendenzen, die er selbst wiederum mitträgt.

2. Anstatt ihm auszuweichen fokussiert ein solcher Ansatz oftmals unschlüssig beäugtes und literaturgeschichtlich gerne ausgespartes Grenzgängertum. Die Tatsache, dass das heuristische Maß der Epochenkriterien, angewandt auf John Riew ’ , sein Ungenügen erweist, mag zur langen Vernachlässigung der Novelle geführt haben. Unter der hier vorgenommenen Perspektivsetzung wird die Erzählung dadurch noch interessanter. Der Eintritt bis dato systematisch abgeschatteter Problemkreise in die Literatur ab den 1880er-Jahren vollzieht sich nicht als Radikalumbruch, sondern entlang einer Verwerfungslinie, an der tragende Gemeinsamkeiten der Erzähltraditionen durchstoßen.

3. An dieser Verwerfungslinie lässt sich zeigen - und dies ist der dekonstruktive Anteil -, wie implizite Vorannahmen das Gesagte fundieren, obwohl sie ausdrücklich dem Bereich des Sagbaren verwiesen werden. Im Auserzählen tabuisierter Themen holt die restriktiven Poetologien des 19. Jahrhunderts ihre eigene Ausschlusspraxis ein.

4. Ergebnisse, zu denen man über diesen methodischen Zugriff gelangt, sind prinzipiell ausbaufähig. Es lässt sich ein hermeneutischer Rückkopplungseffekt zumindest erhoffen: dergestalt, dass ein Verständnis des Beispiels (die Novelle John Riew ’) im Lichte einer umfassenderen Regel (eine epochenübergreifende Entwicklung in der Literatur) produktiv auf ein neues, besseres Verstehen der Regel selbst zurückführt.

Eine so weitreichende Zielsetzung, wie sie der vierte Punkt formuliert, kann im Rahmen einer Bachelorarbeit nicht eingelöst werden. Ich werde meine Ansprüche daher auf eine Plausibilisierung der ersten drei Punkte zurückfahren. An diesem Ziel ist meine Vorgehensweise ausgerichtet, die hiermit kurz umrissen sein soll. Oberpunkt II wird die Alkoholismusthematik bei Storm in zwei Großtendenzen des späten 19. Jahrhunderts einstellen. Damit soll nicht nur deren Einfassung in einen Bezugsrahmen geleistet, sondern noch mehr die konzentrierte Abspiegelung des Zeitdenkens in der Alkoholfrage aufgezeigt werden. Schon lange war das Trunksuchtthema paradigmatisch, bevor es am Jahrhundertende zum literarischen Mastertopos wurde. III wird dann die konkrete Diskursverortung vornehmen und dartun, welche populär übermittelten Themen, Thesen und Wissenspartikel aus der Alkoholismusforschung Storm in seine Novelle infiltriert. Auf dieser Grundlage kann ich dann die Kerngedanken meiner Arbeit entfalten, die ich zur besseren Orientierung des Lesers gerafft bereits hier vorausschicken will, um sie im Folgenden zu belegen:

- IV. 2. zeichnet nach, wie die Arztfiguren in John Riew ’ Fremddiskurse in ihre Diagnosen einmischen, um sowohl ihre eigene Expertise gegen Angriffe zu behaupten als auch auf eine Grundlagenkrise ihres Faches zu reagieren.
- IV. 4. erklärt die Transgression auf eine Neugier fürs Anormale aus der programmatisch praktizierten beharrlichen Einengung des Spektrums literaturwürdiger Inhalte. Unterminiert der fortlaufende Einzug fluktuierender Normalitätsgrenzen schließlich den Erzählerstandpunkt, springt die stetige Reduktionsbewegung in den Gegenlauf um und öffnet die Literatur vormals geächteten Inhalten.
- V. 2. zeigt die populärwissenschaftliche Grundauffassung eines Selbstausdrucks von Wirklichkeit als eine Storms Novellenpoetik und -praxis formierende Kraft. Auch wird eine funktionale Äquivalenz seines Erzählens zur Popularisierung von Wissen in den Literaturzeitschriften nachzuweisen sein.

- Die ergebnisoffene Fluchtung im naturwissenschaftlichen Verfahrensweg instantiiert die dichterische Einbildungskraft. V. 3. verfolgt, wie die Lektüreszene von der narrativen Ausgestaltung dieser Überzeugung eine Befähigung fiktionaler Literatur zur Diskursteilhabe unter szientistischem Primat herleitet.
- Dadurch dass die Novelle ihr prozessual-sprachliches Moment gegen den Leser nicht verstellt, wird Handlung zum Emergenzphänomen. Unter dem Oberpunkt VI. wird herausgearbeitet, wie der erzählende Kapitän eine geschlossene Ereigniskette, einen Schicksalszusammenhang sozusagen, aus kontingenten Geschehensreihen modelliert.

Abschließend sollen die für meine Arbeit zentralen drei Unterströmungen (das offene medizinische Paradigma, der enge Normalismus und die massenmediale Wissensvermittlung) rückblickend benannt und ihr Fortleben über das 19. Jahrhundert hinaus zumindest skizziert werden.

Da in dieser Arbeit viel von „Wissen“ die Rede sein wird, ist hier eine kurze Erläuterung meiner Begriffsverwendung angebracht. In Abgrenzung von seiner starken Bedeutung (Wissen als (1) Meinung, die anzunehmen man (2) gute Gründe hat und die (3) wahr ist) verwende ich den Begriff „Wissen“ in seinem schwachen Bedeutungsumfang (also eine (1) Meinung, für die man (2) gute Gründe angeben kann, ohne dass es sich bei ihr notwendigerweise um eine ’wahre Meinung’ handeln muss); ich bezeichne damit also das, was Foucault Episteme oder historisches Apriori genannt hat.

II. Neue Kausalitäten des Trinkens:
Zwei Paradigmenwechsel in der Alkoholfrage

Im 19. Jahrhundert grundieren zwei neue Verständnisweisen von Kausalität das Weltwissen. Sie, so wird zu zeigen sein, strukturieren auch den Storms Spätwerk flankierenden Alkoholismusdiskurs. Alkoholismus, wie er sich in den populärwissenschaftlichen Fachartikeln und in Storms Novellen der 1880er-Jahre präsentiert, soll hier von diesen beiden Denkhaltungen her in den Blick rücken.

II. 1. Antisubstantialismus: Pathologisierung

„Das Wesen aber ist verloren“12

a) Vom Saufteufel zum Kranken

Folgt man der Zeitdiagnose Friedrich Albert Langes, so schreibt sich die allverbreitete und lautstarke Ablehnung eines Teleologiedenkens unter Philosophen und Wissenschaftlern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der tiefer liegenden Aufgabe bislang akzeptierter Substanzprämissen her.13 Traditionelle Konstruktionen zur Erklärung von Kausalität integrieren noch neben Ursache und Wirkung mit der Drittgröße der Substanz einen multifunktionalen Transzendenzanker, der (1) die exakten Wissenschaften der peinlichen Frage um die Erstverursachung in der Kausalkette enthebt, indem er das Problem ins Übersinnliche verschiebt, (2) über die teleologische Zurichtung alles Seienden Zweckläufigkeit plausibilisiert und (3) ganz praktisch wissenschaftliche Systematizität gestattet, d.h. ein Paradigma schließt, in dem nun letztgültige Erklärungen vorgenommen werden können. Kant spricht im Sinne dieser metaphysischen Drittgröße von einer Kausalität „der Endursachen“14, deren ontologische Verbindlichkeit er jedoch in transzendentaler Einklammerung zur bloßen Denknotwendigkeit relativiert.

Engagierte Alkoholgegner werfen denn noch im frühen 19. Jahrhundert ihren Transzendenzanker in der Branntweinfrage aus. Alkoholmissbrauch resultiert hier aus einer hypostasierten Substanz, deren Zurichtung für eine metaphysische Besetzung in ihrer Identifizierung mit dem ’Bösen’ manifest wird. Alkoholverfallenheit ist damit (1) ihrem Ursprung nach metaphysisch fixiert: die Sündhaftigkeit des Trinkers ist in letzter Konsequenz auf eine transzendente Erstursache rückführbar (auf die Einwirkung von incubi, Saufteufeln oder einfach auf die Erbsünde15 ). Nun (2) kann die Ursache-Wirkungs-Verkettung als sinnvoll motiviert ausgegeben werden, indem sie zu einer Schuld-Strafe-Verkettung uminterpretiert wird: der moralischen Schuld des Trinkers folgt die Strafe auf dem Fuße, die er an sich selbst vollstreckt. Schließlich (3) wird so die praktische Frage nach dem Herkommen der Sucht dank der Verlagerung der Erstursache in die Substanz unter Rückverweis auf Glaubensdogmen beantwortbar; alle Erklärungsnöte werden gehoben: die apodiktische Diagnose attestiert dem Trinker eine irreduzible Verworfenheit. Im harmlosesten Fall gilt Trinken als eine mutwillige Dummheit: „ein Säufer war jemand, der stets aufs neue denselben Fehler beging: nämlich am Gelage teilzunehmen - er war lasterhaft, uneinsichtig, aber keinesfalls krank“16.

Nun jedoch wird der Säufer zum Patienten. Die Zeitdiagnose Langes wirft ein Licht auf die methodischen Wissensbedingungen einer neuen Diagnostik des Alkoholmissbrauchs. Dieser wird jetzt als ein pathologisch klar definiertes Krankheitsbild monomanisch gefasst und von anderen Formen krankhaften Verhaltens scharf abgegrenzt. Die transzendente Drittgröße wird in einer transitiven Ursache aufgehoben, die die Wirkung in das Bewirkte entlässt. Die Kausalität wirkt also nicht länger von einer in der Persönlichkeit des Trinkers angenommenen essentiellen Verderbtheit in die Krankheit und ihre Symptome ein, sondern umgekehrt kann nur die logisch wie zeitlich vorgelagerte Krankheit einen Verfallsprozess initiieren, der die gesamte Persönlichkeit umfasst. Wie der (Nur-)Kleptomane kann der (Nur-)Alkoholiker, zumindest im frühen Stadium der Erkrankung, sein Leben in allen Bereichen im Griff haben - mit der fatalen Ausnahme freilich, dass er häufiger, als ihm guttut, zur Flasche greift.

b) Durchsetzung des neuen Paradigmas in zeitlicher Verzögerung

Mit Vorläufern im anglophonen Raum um 1800 setzt die Pathologisierung unmäßigen Trinkverhaltens mit Carl von Brühl-Cramer und seiner Schrift Ü ber die Trunksucht von 1819 ein, die der neu gefundenen Krankheit auch gleich den Namen gibt. Jahrzehnte vergehen jedoch, bevor diese Wende erst vom Kollektiv der Ärzteschaft mitvollzogen wird und dann als Wissen in popularisierter Form zur breiten Masse der Laien durchdringt. Ab der Mitte des Jahrhunderts ist ein steiler Anstieg der fachwissenschaftlichen Literatur festzustellen, die sich im neuen Paradigma bewegt.17 Die populärwissenschaftlichen Zeitschriftenartikel ziehen nicht vor 1880 nach.18 Entsprechend verzögert sich die Reaktionszeit der Leserschaft. Noch 1857.

etwa druckt die Gartenlaube einen Beitrag des populären Mediziners Carl Ernst Bock, der im Titel, Die Wassersucht und die Trunksucht, zwar die pathologische Begrifflichkeit Brühl- Cramers übernimmt, den von Brühl-Cramer vorgeprägten pathologischen Aussagegehalt aber bestreitet und in den Bahnen der alten substantialistischen Kausalitätskonzeption argumentiert:

„Weder eine Krankheit, noch eine Krankheits-Erscheinung ist die Trunksucht […], sondern ein schwer zu bekämpfendes Laster, welches Krankheit erzeugt“19.

Der Diagnose folgt der erwartbare Therapievorschlag, dass nur „der feste Wille des Trinkers, das Trinken zu lassen“20 wirklich erfolgversprechend sei. Der vorgezeichnete Lösungsweg über den Weiterverweis des Patienten an sich selbst entbindet den Arzt praktischerweise von der Rechtfertigungsnot seiner Machtlosigkeit angesichts der Alkoholkrankheit. Über diesen für John Riew ’ so entscheidenden Aspekt wird weiter unten (IV. 2.) noch ausführlich zu sprechen sein.

c) Das neue Trinkerbild bei Storm

Von den Konsequenzen, die der skizzierte Paradigmenwechsel für die schöne Literatur zeitigte, sind die beiden bedeutsamsten (1) die Anforderung nach psychologisch differenzierteren Trinkerpersönlichkeiten beim Figurenentwurf sowie (2) nach einer detaillierter auserzählten Symptomatik des Alkoholismus.

Die Erfolgsromane der Jahrhundertmitte funktionalisieren Trunksucht noch als Ausweis eines rundum verkommenen Charakters. Hinter den Symptomen lauern moralische Abgründe, die Verursachung ist klar substantialistisch, die empfangene Prägung durch das Saufteufel- Paradigma offensichtlich. In Gustav Freytags Soll und Haben etikettiert seine Alkoholverfallenheit den Advokaten Hippus, bei dem Veitel Itzig, der Antiheld des Romans, in die Lehre geht, als niederträchtigen Menschen. Eine vergröberte Symptomatik reduziert den komplexen Krankheitsverlauf auf ein allgemeines Absinken in den Zustand geistiger Verdämmerung und der zunehmenden Unfähigkeit zur basalen Selbstorganisation.

Die beiden Alkoholiker-Novellen Storms (Der Herr Etatsrat, John Riew ’) zeigen sich schon merklich vom neuen klinischen Bild des Trinkers beeinflusst. Archimedes Sternow und der alte Rick Geyers sind ambivalente Figuren. Mehrenteils aber sind sie Sympathieträger sowohl ihrer Erzähler als auch der Leser. Ersterer ist als junger Mann mit in mancher Hinsicht außergewöhnlicher, auch emotionaler, Intelligenz begabt charakterisiert. Abseits seiner menschlichen Qualitäten geht Archimedes jedoch am Alkohol zugrunde. Auch Rick ist kein Saufteufel mehr: „Rick Geyers, der beste aller Jungen, ist verloren“21. Beide werden durch die Einwirkung von Drittfaktoren weitgehend außer Schuld gesetzt. Hereditäre Belastungen oder die Milieuprägung treten in der Kausalkette an die Funktionsstelle jener dritten Größe, die ehemals substantialistisch besetzt war. Die gedankliche Ablösung der Erstursache von der Persönlichkeit des Trinkers bereitet dessen Exkulpation vor. Zudem werden die Texte recht präzise im pathologischen Erscheinungsbild: besonders auf Archimedes vereinigen sich Symptome (jähe Stimmungswechsel, Wortfindungsstörungen, Fahrigkeit), die sich zu einem typischen Krankheitsbild zusammenfügen.

II. 2. Zeitliche Tiefe: Vererbung

a) Die Kausalität neuer Zeitreihen

Mit der „schon weit geöffneten und sich immer noch weiter öffnenden Schere von Lebenszeit und Weltzeit“22 ist eine verunsichernde Dynamik im Wissenszuwachs benannt, die im 19. Jahrhundert zur bekannten ’Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen’ kondensiert. Solange sich Menschen in einem lebensweltlich fassbaren Zeitrahmen orientieren, dürfen sie sich durch providentiell gefärbte Zwecke geborgen wissen, die ihre Interessen bedienen. Weltläufigkeit ist hier noch ganz auf den Menschen abgestellt. Wird er im 19. Jahrhundert auf die Kenntnisnahme größerer und ganz anderer Zeitdimensionen geführt, dezentriert dieses Neuwissen seine Gattung radikal. Zunächst sieht man die eigene Existenz von einer erdgeschichtlichen Zeit überspannt, deren Wissenschaft, die Geologie, in komplett anderen Zeitfenstern und Entwicklungstempi rechnet. Aber nicht nur in seinem Verhältnis zur Welt, sondern auch zu seinen Vorfahren kommt mit der Auslotung einer neuen Zeitentiefe der Todesstoß für den menschlichen „Narzißmus“23, der Niemandem ein erfülltes Zeiterleben jenseits der Grenzen des eigenen Daseins zugestehen will. Die Verlängerung der Zeithorizonte auch des biologischen Denkens lässt neue Dependenzen aufscheinen, die Vorgänger- und Nachfolgegenerationen im Vererbungsbegriff mit ein- und derselben Kausalkette binden.

Dass Konzepte von Vererbung im 19. Jahrhundert mit einem fundamental neuartigen Kausalitätsgefüge operieren, das für die eingehegten Zeitentwürfe der vergangenen Jahrhunderte eine schlichte Denkunmöglichkeit war, verkannten respektive unterschlugen selbst die profiliertesten Naturwissenschaftler. So stellt Ernst Haeckel das Wissen um Vererbung in eine Traditionsreihe mit dem Blutstolz altadeliger Familien in Mittelalter und Früher Neuzeit.24 Auf seinem Weg ins 19. Jahrhundert habe dieses Wissen dann lediglich sukzessive Selbstkorrekturen vorgenommen. Tatsächlich aber qualifizierte noch in der Frühen Neuzeit nicht die biologische Mitgliedschaft in der Familie allein zum Blutadel. Ohnehin (1) nur für die männliche Linie relevant, schaffte hier (2) erst die Kombination von Blutbindung und örtlicher Haftung Zugehörigkeiten, die Generation für Generation neu ausgehandelt werden mussten.25 Ein Vererbungsdenken avant la lettre entlang generationenübergreifender Kausalketten war nicht existent: nur die Teilhabe an Blut und Boden wies einen Aristokraten als solchen aus. ’Vererbung’ kann erst auf den Zeitskalen des 19. Jahrhunderts gedacht werden.

b) Der kontinentale Sonderweg in der Vererbungsdebatte

Am Ende des Jahrhunderts ist das Wissen um Vererbung schließlich in weitesten Kreisen (zunächst der Stadt-)Bevölkerung des Deutschen Reichs angekommen. Seine wirkmächtigsten Popularisatoren rekrutierte es dabei aus den Reihen überzeugter Darwin-Anhänger, die in Vererbungsfragen lamarckistisch argumentierten. Die Ironie dieser Tatsache wird ein wenig dadurch gemildert, dass Darwin selbst gewissermaßen die lamarckistische Position von der Weitervererbung anerworbener Eigenschaften in alternativer Terminologie vertreten hat.26 Die deutschsprachige Rezeption von Vererbungs- und Entwicklungslehren vollzog sich jedoch in markanter Absetzung von der Debatte im anglophonen Raum. Prominent in seinem Buch Hereditary Genius (1869), deduzierte der Brite Francis Galton aus seinen Untersuchungen zur Vererbung geistiger Fähigkeiten eine Weitergabe künstlerischer, staatsmännischer und selbst sportlicher Talente.27 Zur selben Zeit arbeiteten sich deutsche, französische und italienische Wissenschaftler auf demselben Forschungsfeld an regelrechten Pathologiekatalogen ab. Mit dem Diktum, dass sich negative Eigenschaften mit ziemlicher Sicherheit, positive dagegen nur im Glücksfall weitervererben28, wurde Haeckel einmal mehr wegweisend für die Blickrichtung populärwissenschaftlicher Abhandlungen der Folgejahrzehnte. Man hat vermutet, dass die Schieflage der deutschen Debatte wesentlich sozio-politischen Motivationen des Bürgertums geschuldet war: am Anfang des Jahrhunderts gegen Fresssucht und Gicht im Adel gerichtet, an seinem Ende gegen typische Krankheiten des unliebsamen Proletariats instrumentalisiert, reüssierte der Vererbungsbegriff als probates Diffamierungsmittel.29 Diese These ist auf eine Erklärung des Boomerang-Effekts in der deutschen Darwin-Rezeption erweiterbar: angestoßen 1889. Vortrag VIII, S. 161.

durch Impulse aus dem Bürgertum diffundiert biologisches Wissen in sämtliche gesellschaftlichen Diskursbereiche, wo es im Rückschlag auf soziologische Theoreme zur Beschreibung der Gesellschaft selbst umgelegt wird; am Ende des Jahrhunderts schießen die expansiven Bestrebungen der Biologen endlich in einem Spiegelreflex zu sozialdarwinistischen Theoriemodellen zusammen.

c) Vererbung und Vererbbarkeit des Alkoholismus bei Storm

Aus beiden genannten Gründen erhellt, warum Storm in seinen Novellen Vererbung nicht mit einer weltanschaulichen Rahmung umschreibt, die, Halt gebend, die Problematik gezielt einebnet. Die fatalistisch-resignative Grundeinstellung in seinem Spätwerk, für die das Thema Vererbung wie kein anderes einsteht, resultiert einmal aus (1) der vorgegebenen Diskussionslage. Hier ist speziell Ludwig Büchner zu nennen, dessen Abhandlung Die Macht der Vererbung 30 , 1881 zweiteilig abgedruckt in Westermanns Monatsheften, der heutigen germanistischen Forschung als bedeutsame Wissensquelle Storms in Vererbungsfragen gilt.31 Auch Büchner befindet sich auf dem kontinentalen Sonderweg, wenn er fast seine gesamte Schrift auf die Analyse der Vererbbarkeit von Krankheiten verwendet. Die Selektion der Diskursinhalte leistet so einem Defätismus Vorschub, der im Werk Storms einen literarischen Kulminationspunkt findet. Zudem aber (2) schreibt Storm in eine Übergangszeit hinein: auf der einen Seite provozierte die Ausfällung metaphysischer Denkbarkeiten durch das szientistische Weltbild eine „transzendentale Obdachlosigkeit“32 ; auf der anderen Seite aber staken alternative Welterklärungsmodelle noch in den Kinderschuhen und reichten nicht an die aufgestörte Lebenswelt heran. Der Sozialdarwinismus wird erst nach dem Tode Storms die Wirklichkeit wieder vorübergehend in geschlossenen Ideologien bündeln und eine fragmentarisch gewordene Welt zu neuen Einheitsbildern komplettieren. Diese mentalitätsgeschichtliche Lückenstellung der Stormschen Novellen bedingt zum Gutteil ihre Welthaltung mit.

Ob ihrer allseitigen Verbreitung war die Trunksucht besonders dazu angetan, als Paradebeispiel die neu gefundenen intergenerationalen Bindungskräfte krankhafter Vererbungsvorgänge zu illustrieren. Trinken gilt nicht länger als ein Verhalten, das nur die Generation, die der Trinker in seiner Person vorstellt, etwas angeht. Ab den späten 1870er- Jahren verwendeten auch deutsche Wissenschaftler das Beispiel des Alkoholikers mit Vorliebe zur Veranschaulichung von Vererbung im Sinne Lamarcks.33 Im Herr Etatsrat noch eine unausgesprochene Grundannahme, wird eine mögliche Vererbbarkeit von Alkoholismus bei Storm erstmals in der Lektüreszene in John Riew ’ explizit. Einer eingehenden Interpretation der Szene muss eine Kontextualisierung des in der Novelle verbauten Wissens vorangehen.

III. John Riew’ in der zeitgenössischen Debatte um Trunksucht

Den Alkoholismusdiskurs kontrolliert Mitte der 1880er-Jahre der Deutsche Verein gegen den Missbrauch geistiger Getr ä nke (DVMG).34 Er ist es auch, der mit Handzetteln, Zeitungsartikeln und Informationsbroschüren das Fachwissen um die schädlichen Wirkungsweisen des Alkohols in die Bevölkerung trägt. Mit seinem dickleibigen Kompendium Der Alcoholismus (1878) lieferte Abraham Baer dem DVMG die Kompetenzbasis für eine streng wissenschaftliche Mäßigkeitsideologie. Auf ihrem Fundament konnte 1883 die Gründung des Vereins durch August Lammers initiiert werden, der sich als Hauptpropagator des DVMG betätigte. Lammers publizierte (wenn auch nicht nur in seiner Funktion als Sprachrohr des DVMG) zwischen 1882 und 1886 zehn Artikel in der Gartenlaube und noch zahlreicher in der Deutschen Rundschau. Auch schrieb er sehr zeitnah zur Entstehung von John Riew ’ (Ende 1884) für die Juli-Ausgabe der Deutschen Rundschau 1883 einen Beitrag, der die Trunksucht zum Thema hat35. Die Existenz des DVMG, seine wichtigsten Ziele und die von ihm offerierten Lösungsstategien für das Alkoholproblem sollten Storm kaum entgangen sein. In der Januarausgabe der Deutschen Rundschau 1885 erschienen, stellt John Riew ’ auch einen Kommentar zu der in der Zeitschrift rege diskutierten Alkoholfrage dar. Die Behandlung des Alkoholismus in John Riew ’ verlangt, vor dem Hintergrund der Aktivitäten des DVMG gelesen zu werden. In vier Punkten rezipiert Storm den zeitgenössischen Diskussionsstand oder weicht in merklicher Anlehnung von ihm ab.

III. 1. Die Unterscheidung zwischen ’gutem’ und ’schlechtem’ Alkohol

Die alkoholkritische Debatte, die im 19. Jahrhundert Öffentlichkeitswirksamkeit entfaltet, ist keine Debatte um den Alkoholgenuss überhaupt. Mit aller Ausschließlichkeit werden bis in die 1890er-Jahre hinein die schädlichen bis tödlichen Folgen des Konsums von Branntwein diskutiert36. Auch die ihrem paradoxalen Eigenanspruch nach didaktische schöne Literatur schränkt sich konsequent auf die Branntweinfrage ein.37 Im Zuge der oben beschriebenen Neuordnung des Wissens durch die medizinische und nicht mehr moralisierende Perspektivierung auf den Alkoholiker ist die diskursive Kluft zwischen ’guten’ gegorenen und ’schlechten’ destillierten Alkoholika nicht etwa zwischenzeitlich überbrückt worden, sondern hat sich in den 1880er-Jahren im Gegenteil sogar noch vertieft. Wein, Bier usw. sind von den Angriffen der Temperenzler auch noch Mitte der 1880er-Jahre ausgenommen. Daneben wird ihnen aber auch eine gewisse Schutzfunktion zugeschrieben. Anstatt der Alkoholabhängigkeit den Weg zu ebnen oder eine alternative Äußerungsform der Trunksucht darzustellen, stehen sie im Ruf einer wirksamen Branntweinprophylaxe. Speziell in traditionsreichen Weinbauregionen sei es „ein guter leichter Wein, der den Bauernstand namentlich vor dem Schnapsgenusse bewahrt“38. Mit leichten Einschränkungen zeichne das Bier dieselbe präventive Kraft aus.39 Auch in dem Beitrag aus der Deutschen Rundschau von 1883 richtet sich Lammers nur gegen das Branntweinübel.

Storms Novellen übernehmen diese Unterscheidung nicht. Am Herr Etatsrat lässt sich nicht weniger als eine auf zwei Generationen geraffte neuzeitliche Kulturgeschichte des Alkohols verfolgen: auf das archaische Gelage, wo Niedrigprozentiges, dafür aber gemeinschaftlich und in großen Mengen getrunken wird, folgt das Schnappskippen in Einsamkeit oder doch im sehr kleinen Kreis. Für ersteres stehen die geselligen Sauflieder40, die der Etatsrat in Erinnerungen an studentische Kommers singt, wo die schon anachronistischen Adelsgelage - ironisierend und zugleich an sie anschließend - noch jahrhundertelange Fortsetzung finden.41 Sein Sohn Archimedes ist bereits im väterlichen Haus zu den Spirituosen übergegangen.42 Entscheidend ist, dass die Novelle keine diametrale Bewertung der verschiedenen Suchtmittel vornimmt. Im Nachbarhause links kennt ebenfalls jene kleinen (Schnaps-)„Fläschchen“43, die „mit wahrhaft weltverachtendem Behagen an die Lippen“44 gesetzt werden und ihre Trinker mit „Branntweinsnasen“45 zeichnen. In John Riew ’ ist es nichtsdestoweniger auch das Genussmittel Champagner, an dem sich die Trunksucht befriedigt.46 Ohne in den schrillen Tonfall der Totalabstinenzler des Folgejahrzehnts zu verfallen47, problematisieren Storms Novellen den Alkohol also gerade nicht nur in seiner destillierten Form. Der Branntwein wird, angefangen mit der Frühnovelle Dr ü ben am Markt 48 bis zuletzt im Schimmelreiter 49, im Gesamtwerk sehr häufig genannt. Es ist von daher umso auffälliger, dass Storm in jenen drei Novellen, die Alkoholismus eigens thematisieren (Der Herr Etatsrat, Carsten Curator und John Riew ’), diesem Schlagwort seiner Zeit als Vokabel an keiner einzigen Stelle Erwähnung tut. Von der Alkoholismusdebatte der 1880er-Jahre, die, wie gesagt, eine reine Debatte um und gegen den Branntwein war, setzt sich Storm damit dezidiert ab. In anderer Hinsicht hat er dafür umso mehr an ihr Teil:

III. 2. Alkoholvergiftungen bei Kindern

Wie eingangs im Überblick über die Forschung zu John Riew ’ erwähnt (Fußnote 8), zog die Initiationsszene der kleinen Anna stets das besondere Interesse der Interpreten auf sich. Aufgrund anders gearteter Zielsetzungen blieb aber bisher unerwähnt, dass die Szene ein noch junges, plötzlich erwachtes Interesse in der Forschungslandschaft der Zeit spiegelt. Das Thema der Alkoholintoxikation bei Kindern begann in den 1880er-Jahren die Wissenschaft umzutreiben. Abderhaldens Bibliographie führt nicht weniger als 80 Titel wissenschaftlicher Aufsätze und Monographien über „Pathologische Wirkungen des Alkohols und der alkoholischen Getränke auf den Organismus des Kindes“, von denen nur elf aus der Zeit vor 1880 stammen. Gerade im deutschen Sprachraum steigt ihre Zahl um 1880 schlagartig an.50 Auch eine Informationsstreuung im unmittelbaren Aufmerksamkeitsbereich Storms lässt sich ermitteln. Bei aller Konsequenz in der Trennung von Bier und Schnaps, Wein und Branntwein macht der DVMG eine bemerkenswerte Ausnahme:

„Gebt euren Kindern

Keinen Tropfen Wein! Keinen Tropfen Bier!

Keinen Tropfen Branntwein!

Warum? Weil Alkohol jeder Art, auch in geringer Menge, den Kindern nur Schaden bringt.“51

So der Wortlaut auf einem vom DVMG ausgegebenen Handzettel. Das Beispiel der alkoholvergifteten52 kleinen Anna zeigt Storm als einen für neue Forschungsfragen hellhörigen Dichter, der seine Novellen durchaus mit Rücksicht auf die aktuelle Interessenlage und den Wissensstand der Zeit entwirft.

III. 3. Alkoholikerinnen als schlechte Stillerinnen

Annas Stillverhalten liefert einen weiteren Beleg für diese Behauptung. Nachdem sie ihr uneheliches Kind zur Welt gebracht hat, stellt der Binnenerzähler fest: „Anna war freilich gesund geblieben; nur nähren konnte sie ihr Kind nicht selber“53.

Das Wissen um die Stillschwäche alkoholkranker Frauen oder Frauen mit alkoholkranken Eltern ist spätestens ab den 1890er-Jahren fest im medizinischen Diskurs verankert. Fast zehn Seiten der Druckfassung und damit die Hälfte seines Vortrags Die zunehmende Unf ä higkeit der Frauen ihre Kinder zu stillen von 1899 widmet der Radikalabstinenzler Gustav von Bunge dem Nachweis einer Verbindung von Alkoholismus und Stillunfähigkeit.54 Nachdem er verschiedene Statistiken zu Rate gezogen hat, kommt er zum Fazit: „Ich habe bewiesen, dass die Unfähigkeit zum Stillen eine Folge der chronischen Alkoholvergiftung der Aszendenz ist“55.

Bunges These wird schnell über Fachgrenzen hinaus bekannt, jedoch bewegen wir uns hier schon in der Zeit um die Jahrhundertwende. Der DVMG hat Bunges Gedanken nicht vorgedacht; er argumentiert milieukonzentriert und beklagt in seinen Mittheilungen wiederholt Verhältnisse, in denen alkoholabhängige Mütter Kleinkinder vernachlässigen, stellt aber keinen Konnex zwischen Alkoholismus und Stillunfähigkeit her. Es lässt sich aber nachweisen, dass Storm seine Novelle nicht in ein Wissensvakuum hinein geschrieben hat. Nicht erst 1899, sondern schon Jahrzehnte vorher werden die Trinksitten im Volk einerseits sowie ab den 1870er-Jahren dann auch die Stillgewohnheiten junger Mütter in Norddeutschland andererseits statistisch erfasst.56 Spekulationen auf einen entsprechenden Zusammenhang gab es bereits in den 1880er-Jahren, bevor Bunge schließlich sein Theorem behauptete. Das Wissen um eine direkte Verbindung von Stillunfähigkeit und Alkoholismus, das sich in den 1880er-Jahren abzuzeichnen begann, dürfte Storm bekannt gewesen und bewusst in John Riew ’ eingetragen worden sein.

III. 4. Kaffee, (k)ein Heilsbringer

In einer anderen Hinsicht entfernt sich Storm merklich von der vom DVMG vorgegebenen Diskussionslage. In dem Artikel aus der Deutschen Rundschau von 1883 und mit noch mehr Nachdruck in dem Beitrag, den er für die Gartenlaube im Vorjahr verfasst hat57, bejubelt August Lammers den Kaffee als „wirksamstes Kampfmittel im Kriege gegen die Unmäßigkeit“58. Fast jede Ausgabe der Mittheilungen des Deutschen Vereins gegen den Missbrauch geistiger Getr ä nke führt eine „Kaffee-Schenken“ betitelte Sparte, welche die Verhütung des Alkohols- durch Kaffeekonsum nach Regionen und statistisch dokumentiert.

Neben dem massenhaften Konsum von unwirksamem Zichorienkaffee im vierten Stand59, macht die echte Koffeindroge im Erwerbs- wie Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts Karriere. Sie avanciert vom boisson intellectuelle zum alltagsmythischen Konsumsymbol für eine Arbeitsökonomie, die der instrumentellen Vernunft untersteht. Kaffee vertreibt den Schlaf, klärt die Gedanken und erhöht die Arbeitsleistung. Die allseits ausgerufenen segensreichen Wirkungen des Getränks und die an seinen Konsum gebundenen Versprechungen kontrastiert Storm schroff mit seiner Darstellung des bereits alkoholkranken Archimedes im Herr Etatsrat. Mithilfe von Kaffee überwindet Archimedes seine körperlichen Abhängigkeiten vom biologischen Schlaf-Rhythmus und führt auf eindrückliche Weise die Nähe von alcoholic und modernem workaholic vor:

„Gewissenhaft, und wenn die Stunde noch so früh war, besuchte er seine Kollegien, und war die eine Nacht durchrast, so wurde unfehlbar die darauffolgende hindurch gearbeitet. Auf seiner Spritmaschine, welche brennend neben ihm stand, filtrierte er sich den stärksten Kaffee, und vermochte auch der dem erschöpften Körper die Müdigkeit nicht fern zu halten, so holte Archimedes, wenn alle andern Bewohner des Hauses schliefen, sich aus der Pumpe auf dem Hofe einen Eimer eiskalten Wassers, um seine nackten Füße dahinein zu stecken und dann frei von jedem verführerischen Schlafverlangen in seiner Arbeit fortzufahren.“60

Nicht zufällig schildert die zitierte Passage die Kaffeeverarbeitung in einer alchemistischen Bildlichkeit („Spritmaschine“, „filtrieren“, „brennen“), die mehr als nur metaphorische Verbindungen zur Herstellung von Branntwein schafft. In seiner ephemeren Genießbarkeit erinnert der Kaffee fast schon barock an die Endlichkeit der zur Verfügung stehenden (Arbeits-)Zeit, die, wie man weiß, Gold ist: „So, so! Verzeihet! Aber kommt nun herunter, daß der Kaffee uns nicht kalt werde“61, drängt der erwerbstüchtige Reeder den alten Kapitän in John Riew ’.

Die Entstehungszeit von Der Herr Etatsrat (1880/1881) hat einen mentalitätsgeschichtlichen Kontext. Mit der Abhandlung Le Droit à la Paresse erscheint 1880

die unter der Feder von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, entstandene erste Kritik an der modernen Arbeitssucht.62 In ihrer satirischen Überformung, die unpraktischerweise den Blick auf das im Kern ernste Anliegen von Lafargue verstellt63, macht die Abhandlung in ihrer diachron weitgespannten Herangehensweise von Platon über die Bibel bis zu Heine eines deutlich: als wie jung und historisch kontingent die unhinterfragte Fetischisierung der Arbeit im 19. Jahrhundert einem denkenden Menschen um 1880 ins Bewusstsein tritt. Vor diesem Hintergund ließe sich ein bislang noch nicht erprobter Lektüreleitfaden verfolgen, der zu einer Lesart des Herr Etatsrats als Kritik am modernen Menschentypus des Workaholic anleitete - beziehungsweise, da es sich um einen künstlichen Menschentypus handelt, die erzählten psychosozialen Bedingtheiten in den Blick nimmt, die diesen Typus hervorbringen.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit muss ich es leider bei einem vagen Verweis in diese Interpretationsrichtung belassen. Ich möchte mit dem Fazit für diesen zweiten Oberpunkt schließen, dass Storm sich der vom DMVG diktierten dualistischen Klassifizierung und Wertungsweise von Suchtmitteln (gegorene vs. destillierte Getränke; Alkohol vs. Kaffee) verweigert, dagegen in zumindest zwei anderen Punkten (Stillunfähigkeit alkoholkranker Frauen; Kinderalkoholismus) an die zeitgenössische Diskussion anschließt.

IV. Lektüreszene I: Wissenschaftshistorische Zugangsweisen

IV. 1. Reflexion auf die Halbwertszeit naturwissenschaftlichen Wissens Eine weitere Kontextverortung des Suchtwissens in John Riew ’soll nun direkt zu meiner Interpretation der Lektüreszene überleiten. Dem Wissen der Novelle um die Vererbbarkeit des Alkoholismus scheint Ludwig Büchners bereits genannter Aufsatz Die Macht der Vererbung direkt Pate gestanden zu haben. Beide Texte decken sich in Sinngehalt und Terminologie auffällig:

(1) Genau wie der Arzt in John Riew ’ vertritt Büchner in seinem Aufsatz nur die schwache Form des Determinismus, die bei weitem nicht alle Gelehrten seiner Zeit teilen: nicht die Alkoholkrankheit selbst, sondern nur der Hang zum Alkohol sei vererbbar. „Über die Erblichkeit der verhängnisvollen Neigung zum Trunke kann nicht der mindeste Zweifel bestehen“64, meint Büchner. Der Arzt bei Storm konstatiert, „daß selten ein Trinker entsteht, ohne daß die Väter auch dazu gehörten [...] Diese Neigung ist vor Allem erblich“65. Dem entschlossenen Gegenhandeln der Einzelmenschen sind auf diesem Wege seine Freiräume belassen; die Distanz zum szientistischen Reduktionismus bleibt gewahrt.

(2) Zwischen den verschiedensten Vererbungstheorien der Zeit mit ihren je eigenen Begriffskosmen entscheidet sich Storm ausgerechnet für Büchners Fachterminologie. Storms Doktor Snittger spricht nicht wie Virchow von der Zelle, wie Darwin von gemmules oder wie Haeckel vom Plasma, um den Träger des Erbmaterials zu bezeichnen, sondern wählt, genau wie Büchner in seinem Aufsatz66, die Rede vom „Keim[]“[67]. Eine (unmittelbare oder vermittelte) Einflussnahme der Schriften Büchners auf Storms John Riew ’ ist damit unabweisbar.

Doch obwohl Storm hier eigens eine ärztliche Autorität als Sprachrohr Büchners und seiner angeblich brandaktuellen Thesen konsultiert, sind die Naturwissenschaften mit Neuentdeckungen schon wieder an diesem ihrem fiktionalen Repräsentanten vorbeigezogen. Bereits 1883, also zwei Jahre vor der Zeitschriftenveröffentlichung von John Riew ’, waren lamarckistische Annahmen in der Vererbungsfrage durch August Weismann nachhaltig bekämpft worden: die unumkehrbare Einflussrichtung vom Erbmaterial zum Soma lässt keine rückläufigen Eingriffe in die Keimbahn durch den individuellen Körper mit seinen anerworbenen Eigenschaften zu. Mit Weismann wurde die Unmöglichkeit einer Erklärung phylogenetischer Transformationsprozesse aus ontogenetischen Modifikationen kategorisch fixiert. Im Unterschied jedoch zum Pathologieparadigma in der Alkoholfrage (II. 1.) war die sogenannte ›Weismann-Barriere‹ forschungsgeschichtlich viel zu jung, um von Storm registriert zu werden und Eingang in sein Werk zu finden. Noch jahrzehntelang werden Mediziner mit einer Keimvergiftung durch Alkohol argumentieren und Literaten in diesem Wissen schreiben.68 Die kurze Halbwertszeit naturwissenschaftlichen Wissens ist dabei in der Lektüreszene in John Riew ’ auf raffinierte Weise mitreflektiert: der werkexterne Vorstoß im naturwissenschaftlichen Kenntnisstand wird werkintern in seiner Grundform antizipiert, indem schon innerhalb der Novelle die Zeitungsinhalte das Wissen des alten Doktors erst überholen, bevor sich dieser zum Sprecher für die neue Sache macht. Vom alten Kapitän auf den Inhalt des fraglichen Artikels über Vererbung angesprochen, muss der Arzt eingestehen, sich wegen Überbeschäftigung nicht auf dem neuesten Stand in Fachfragen halten zu können:

„›Ja freilich, Doktor,‹ sagte ich, ›verrücktes Zeug, was der Correspondent uns heute auftischt!‹ ›Hab’s noch nicht gelesen‹, sagte der Alte; ›sind zu viel Lungenfieber in der Stadt jetzt.‹ ›Auch vererbte?‹, frug ich.

›Wie meinen Sie?‹“69

Den Grundrhythmus des naturwissenschaftlichen Voranschreitens, die unausbleibliche Negation alten Wissens durch neue Entdeckungen, denkt die Novelle also im Auserzählen des Ersetzungsprozesses selbst mit. Ihr Wissen, weil immer nur als problematisch gesetzt, immunisiert sie auf diese Weise und baut der unausbleiblichen Anklage auf Geltungsverfall nach naturwissenschaftlichen Kategorien mit einer literarischen Metaposition vor.

IV. 2. Schließungsversuche eines notorisch offenen Paradigmas

In Ein Bekenntnis wird Storm die Problematik des Arztes, der mit den Wissenschaften nicht Schritt halten kann, um eine eminent tragische Dimension vertieft ins Zentrum einer ganzen Novelle stellen. Für die Lektüreszene in John Riew ’ noch wichtiger aber ist, dass der wissenschaftliche Fortschritt Dr. Snittger aus seiner Arztrolle fallen lässt. Die Worte, mit denen er dem Kapitän die Zeitungsinhalte absegnet, sind aufschlussreich (es geht um die Forderung nach einer Strafmilderung für erblich vorbelastete Delinquenten):

„den mit schuldig en Vorfahren müßte gerechterweise doch wenigstens ein Teil der Schuld zugerechnet werden, wenn auch die Strafe an ihnen nicht mehr vollziehbar oder schon vollzogen ist“70.

Schuldzuweisungen leisten immer auch eine Entlastung von Verantwortlichkeiten. Zunächst sind es natürlich die Täter, die, nun im Status von Patienten, entschuldigt werden. Wenn Dr. Snittger aber im Folgenden auf die Alkoholismusthematik umlenkt und einen seiner eigenen Behandlungsfälle, nämlich den Annas, anspricht, eignet dem Vererbungsbegriff plötzlich eine ganz neue Funktion: er überspielt ärztliche Unfähigkeit. Um seine fachliche Autorität zu behaupten, muss der Arzt Krankheiten, denen er nicht gewachsen ist, seinem eigenen Aufgabenbereich verweisen. Die ab-leitende Rede von Vererbung kaschiert therapeutische Ohnmacht: für das biologische Phänomen der Vererbung, so die Unterstellung, ist der medizinische Fachmann nicht zuständig.

Die Figur Dr. Snittgers fügt sich nahtlos in die lange Reihe ohnmächtiger Arztfiguren bei Storm ein, die sich bis zum Schimmelreiter 71 durchhält. Snittger ist damit überfordert, eine lokale Tuberkuloseepidemie in den Griff zu bekommen („zu viel Lungenfieber in der Stadt jetzt“72 ). Mit seinem Namen ist er auf jene längst verpönte Gruppe von Ärzten festgeschrieben, die nur das „Schneiden und Brennen“ kannten - die einzigen Therapieoptionen des hilflosen Wundarztes bis Ambroise Paré. Kaum vielversprechender nimmt sich sein Name in der literarischen Tradition aus: „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“73, liest man in Des Knaben Wunderhorn.

Snittgers Ausredestrategie ist deshalb so bedeutsam, weil sie das Fundamentalproblem der modernen Medizin offenlegt. So lange die Medizin noch empirische Befunde mit metaphysischen Postulaten verschalten konnte, war der Arzt dazu in der Lage, dem Klärungsbedarf des Patienten nach dem Weswegen und Wozu seiner Krankheit restlos abzuhelfen: die Schuld fällt auf den Hilfesuchenden selbst zurück, die Diagnose lautet im Regelfall auf eine Willensschwäche des Patienten (siehe II. 1.). Sowie moralische Erklärungsmodelle in der Wissenschaft (zumindest vordergründig) keine Akzeptanz mehr finden, verliert die Medizin ihre aitiologische Basis. Der Diskurs kreist um eine notorische Lücke im neuen Paradigma, weil in Diagnostik und Therapeutik letztgültige Antworten fehlen. Unter diesen veränderten Vorzeichen kann die Medizin ihren Geltungsanspruch nur halten, wenn sie auf benachbarte Wissensdisziplinen ausweicht, denen sie einschlägige Begriffe und Narrative entborgt. Die Folge ist eine Diskursvermischung, wie sie die Lektüreszene exponiert. Dem neuen Selbstverständnis der Medizin nach können diese Anleihen zur Lückenfüllung nur anderen naturwissenschaftlichen Bereichen entstammen. Am Beispiel seiner Funktionalisierung des Vererbungskonzepts demonstriert Storms Dr. Snittger diesen Ausweg über die Engführung von Medizin und Biologie. Tatsächlich aber werden selbst iatrotheologische Restbestände willig ausgeschlachtet, die wissenschaftsgeschichtlich längst fossiliert sind: ebenfalls eine Entlastungsfunktion eignet Snittgers Rede von „Schuld“74, „Sünd[e]“75 und „Strafe“76 (anstelle von Ursache und Wirkung), die der Medizin sogar eine geschlossene Teleologie implementiert. Im theologischen Denkraster vom gefallenen Menschen bewegt sich auch „der Doktor“77 der Rahmenerzählung, wenn er mit Begriffen wie „Trunkfällig[keit]“78 eine religiös-christliche Erbschuld in der Alkoholfrage insinuiert. In die Wortmeldungen der Ärzte werden neben medizinischen also biologische Diskurselemente und selbst präszientifische Theologumena eingegeben, die sich wechselseitig überlagern.

IV. 3. Einflüsse der Degenerationstheorie

Neben der Kopplung von Medizin, Biologie und Theologie, fügt Storm mit den Inhalten des Zeitungsartikels der Lektüreszene noch zusätzlich die juristisch-strafrechtliche Dimension der Vererbungsfrage bei. Der gedankliche Sprung Dr. Snittgers von der Kriminalität zum Alkoholismus ist topisch: seit Morels Trait é des d é g é n é rescences von 1857 müssen Trunksucht und Verbrechen stets zusammen gedacht werden. Morels Fallgeschichten präsentieren die Entwicklung von einer Trunksucht in der Elterngeneration zu kriminellen Veranlagungen bei den Kindern als Gesetzmäßigkeit.79 Auch Büchners Die Macht der Vererbung folgt Morels Degenerationstheorie in diesem Punkt penibel.80 Nach dem Gespräch mit Dr. Snittger treibt den alten Kapitän die Angst um, in dem jungen Rick einen künftigen Alkoholiker oder Kriminellen großzuziehen. Er behandelt den Jungen nicht nur eindeutig schlechter als ehemals die kleine Anna in vergleichbaren Situationen, sondern verfrachtet ihn zwischenzeitlich sogar ins Armenhaus; die Abschiebung in parallelgesellschaftliche Enklaven war die gängige Praxis im Umgang mit Alkoholikern im späten 19. Jahrhundert.81 Mit seinen Worten „Unkraut vergeht nicht“82, spricht der Junge, der seinen Ersatzvater später wie ein Epiphyt „würgt[]“[83], eine Grundangst des Kapitäns aus. Die Unkrautmetapher war zur Bezeichnung krimineller Menschen als wertloser Teile der Gesellschaft in den 1880er-Jahren omnipräsent. Haeckel verbindet die Rede vom „wuchernden Unkraut[]“[84] auch gleich mit der Forderung nach dessen „Ausrottung“85. Wie populär Haeckels Begriffsprägung wurde, beweist die Tatsache, dass selbst August Bebel 1879 in seinem Bestseller Die Frau und der Sozialismus ablehnend auf die genannte Passage in Haeckels Nat ü rlicher Sch ö pfungsgeschichte Bezug nimmt.86 Auch dem fachkriminologischen Diskurs, mit dem Storm umso besser vertraut gewesen sein dürfte, ist in den 1880er-Jahren die Wendung vom „Unkraut des Verbrechens“ geläufig.87 Vom Sohn einer Alkoholikerin und Enkel eines ebenfalls der Trunksucht verfallenen Großvaters steht also genau das zu befürchten, was er seinem Ziehvater in einer unüberlegten Sentenz entgegnet. Der Kapitän glaubt sich in seinen schlimmen Vorahnungen bestätigt, als der Junge nicht in den regelkonformen bürgerlichen Tausch, „ gold gelbe Birnen“88 gegen Geld, einwilligt („›Komm herunter und kauf dir welche! Der Schuster hat dieselben.‹“89 ), sondern einen waghalsigen Kletterversuch auf dem Baum unternimmt, um die verbotene Frucht zu pflücken. Die unheilvollen Ahnungen über die Zukunft des Knaben färben selbst auf den Ton der Erzählerstimme ab, die den jungen Rick zu Satan höchstpersönlich stilisiert: „Da hörte ich einen Krach, und als ich aufblickte, sah ich es vor mir durch die Luft zur Erde fahren“90. Ricks Fall hat seinen direkten Prätext im Luziferischen Himmelssturz der Offenbarung („Und ich sahe einen Engel vom Himmel fahren“91 ). Sein Absturz ist zugleich natürlich ein metaphorischer Abfall vom Stamm-Baum. Erst am Ende der Novelle ersetzt der symbolische Familienverbund, den das „Pfropfreis“92 versinnbildlicht, die gescheiterte biologische Familie. Die ’Fallhöhe’ vom Birnbaum ist indessen nicht ’dramatisch’: im Unterschied zu den verrottenden Eichen, die in Eekenhof den Untergang eines Adelsgeschlechts bezeichnen93, steht der ordinäre, aber fruchtbringende Birnbaum, wie auch in Carsten Curator 94, für eine bürgerliche Generationenfolge ein. Rick, ein mittlerer Held, kann auf der sozialen Leiter bis zum Armenhausinsassen herab- und anschließend wieder aufsteigen, ohne wie adelige Figuren an einer ätherischen Konstitution einzugehen, die ein verletzlicher Ehrbegriff inokuliert. Sprichwörter wie das obige leisten bei Storm Bedeutungsverdichtung, die nicht mit Reduktion, also Verlust von Sinn, zu verwechseln ist.95 Ohne inhaltliche Einbußen suspendiert der Modus des Gemeinplatzes Verbindlichkeiten und erlaubt dem Autor, naturwissenschaftliche Einsichten auszusprechen und ihren unbedingten Geltungsanspruch zugleich in der Darbietungsform aufzuheben. Für die Einarbeitung naturwissenschaftlichen Wissens fällt dem phrasenhaften Sprechen in Storms Novellen damit eine wesentliche konservative, d.h. stabilisierende Funktion zu: der Gestus der unbeschwerten Vagheit konterkariert eine Subversion des bestehenden Weltbildes durch neues Wissen, trotzdem dieses Wissen nicht ausgeschlossen, ja nicht einmal wirklich chiffriert wird.

IV. 4. Implosion des Normalismusparadigmas

Die degenerationstheoretischen Einsprengsel markieren innerhalb der Novelle die Scharnierstelle zwischen einem Erzählen mit restringierten und einem solchen mit entschränkten Thematisierungsregeln. Die Degenerationstheorie ist eine historische Transzendentalie für die sich bruchlos aus dem ästhetischen Kanon des Alltags-Wahren herausentwickelnde Nobilitierung von Kunstunschönem wie Alkoholismus als Erzählgegenstand. Diese Behauptung zu begründen bedarf es (1) einer Kurzdarstellung der durch die Degenerationstheorie induzierten Denkrevolution, (2) ihrer Bedeutung für den programmatischen Realismus, um schließlich (3) ihre von dort abführende Brückenfunktion in John Riew ’ herausstellen zu können.

(1) Bénédict Augustin Morels Degenerationslehre ist in ihrem fundamentalchristlichen

Ansatz zunächst reaktionär.96 Morel prolongiert den Übertritt ins neue Pathologieparadigma, indem seine Theorie der alten Erbsündenlehre aufsitzt und Trunksucht als späte Folgeerscheinung aus einem historischen „Obstfrevel“ (Blumenberg) des ersten Menschen (type normal) ableitet. Enorm zukunftsweisend dagegen ist Morels totale Entgrenzung des medizinischen Blicks auf alle Teile der Gesellschaft: auch nur minimal abweichende Verhaltensweisen, deviante Schädelformen usw. sind mögliche Indikatoren für krankhafte Vererbungsvorgänge; gefährliche Erblasten müssen stets angenommen werden und können früher oder später in der Generationenreihe durchbrechen. Damit ist eine perfide Weiterung des Weltwissens unternommen, die Normalitäten untergräbt und keine verfestigten Differenzen von Krankheit und Gesundheit mehr zugibt.

(2) Die Degenerationstheorie ist zugleich Fortführung als auch Überwindung eines Trends, der den bürgerlichen Normalbereich im 19. Jahrhundert mit immer engeren Grenzen umsteckt.97 Während noch im Biedermeier nekrophile Phantasien schriftstellerisch ungestört auslebbar waren98, beschneiden frührealistische Programmatiken den thematischen Fächer merklich. Krankheit, Tod, Sexualität usw. besetzen Tabufelder, von denen sich die meisten Autoren auch tatsächlich fernhalten. In einem m.E. noch nicht erkannten Ausmaß hat mit der Statistik die neue Krankheitsauffassung in der Medizin den realistischen Poetologien ihre ideengeschichtliche Matrize aufgeprägt. Zwar wird mit der Solidarpathologie Krankheit nun räumlich individualisiert (in den Organen, später in den Zellen), der Patient als Träger der Krankheit aber radikal anonymisiert, indem der Gesundheitsbegriff nur mehr auf ein statistisches Mittel referiert. Der Wechsel von der ›Gesundheit‹ zur ›Normalität‹ schafft eine „medizinische Bipolarität des Normalen und Pathologischen“99. Dass die bürgerlich- realistischen Programmatiker die Schlagwörter ›gesund‹ und ›krank‹ ausgiebig bedienten, ist hinlänglich bekannt. Obwohl sie damit eine Begriffstradition aus der Zeit von Klassik und Romantik fortschreiben, muss bei ihnen eine gänzlich neue strukturelle Wahlverwandtschaft zwischen ästhetischem Diskurs und genannter medizinischer Praxis herausgestrichen werden. Goethe noch positioniert das Gegensatzpaar Gesundheit - Krankheit in einem dialektisch- inklusiven Bedeutungszusammenhang; echte Gesundheit bringt sich erst im Durchgang durch die Krankheit zur Geltung.100 Wie den Normalismus in der Medizin kennzeichnet den bürgerlichen Realismus dagegen eine disjunktive Verhältnisbestimmung. Gesunde Kunst muss ein für allemal aus der stetig expandierenden Anormalitätszone des Krankhaften herausgeläutert werden. Neben dieser ersten Kongruenz, dem antiintegrativen Umgang mit dem Pathologischen, sind bürgerlicher Kunstdiskurs und normalistische Medizin, zweitens, durch dieselbe Aporie ausgezeichnet, in einem Normalitätskontinuum innerer Gradation keinen klaren Umschlagspunkt vom Normalen zum Anormalen benennen zu können. Als Folge verhalten sich der schrumpfende Raum des Normalen und der wuchernde des Anormalen in ihrem Wachstum indirekt proportional zueinander; immer mehr Phänomene und Inhalte fallen dem (medizinisch-tatsächlich und literarisch-metaphorisch) Kranken zu.

(3) Repräsentativ trägt die Figur des Arztes Snittger in der Lektüreszene das Normalitätsdenken aus seinem ursprünglichen Bereich, der Medizin, nicht nur in die Alltagswelt des Kapitäns, sondern vor allem in dessen Erzählhaltung hinein. Indem die Degenerationstheorie die normalistische Einengungsbewegung auf den Gipfel treibt, entlarvt sie zugleich deren Produktion von Anormalitäten. Schließen die Grenzfesten um einen immer kleineren Normalraum in einem Ozean der Anormalität zusammen, wird dem Erzähler schon frühzeitig der Konsum sämtlicher Alkoholika für das Pathologische transparent (III.1) und endlich sogar die kindliche Abenteuerlust am Birnenpflücken zu einer protokriminellen Handlung (IV.3). Als Letztes expatriiert sich die permanente Verdachtshaltung des Erzählers selbst. Der alte Kapitän wird ob der Normalität des eigenen Tuns unsicher: während er mit dem Doktor routiniert weiterbechert, hält er den jungen Rick ängstlich von demselben Alkohol fern.101 Pflanzen sich die Ausgrenzungsmechanismen bis zum narrativen und fiktionsontologischen Ort des Erzählers fort, implodiert das enge Normalismusparadigma. Ausgeschlossenes, das die Literatur bisher ex negativo strukturierte, wird und muss nun selbst zum Thema werden. Ab etwa 1880 wandern auch in die Arbeiten anderer hochkarätiger deutschsprachiger Schriftsteller bislang abgewiesene Themen als werktragende Wiedergänger ein: sei es die Gewalt (C.F. Meyer), das Exotische (Fontane)102 oder der vierte Stand (Spielhagen)103. Die Methode des Ausschlusses holt hier, anders gesprochen, den Inhalt ein.

V. Lektüreszene II: Medienhistorische Zugangsweisen

V. 1. Skepsis gegen das Verweisdispositiv populärer Wissenschaft

Storms Wissen ist, wie in der Einleitung bereits hervorgehoben, ein wesentlich populärwissenschaftlich gespeistes Wissen, das sich über den neuen massenmedialen Vermittlungskanal der Zeitschrift seinen Weg zum Autor bahnte. Weil Wissenschaft zwangsläufig dort an ein Ende kommt, wo die Popularisierung einsetzt104, lässt die Populärwissenschaft in den Augen des Forschers grundsätzlich wissenschaftlichen Mehrwert vermissen, während sie dem Laien keine auch nur basalen Widerspruchsmöglichkeiten einräumt. Das populärwissenschaftliche Verweisdispositiv105 unterbindet Rückfragen durch Rekurs auf eine definitive Autorität.

Sowohl die Popularisationsform von Wissenschaft als auch die Vermittlungsform der Zeitschrift fußen auf einem epistemologischen Top-down -Modell, das seine personelle Fortsetzung in der Figur Dr. Snittgers findet. Im Gespräch mit dem Kapitän geriert sich der Arzt als selbstbegründete Autorität, an der gleichwohl beträchtliche Zweifel anzumelden sind (siehe IV. 1. und 2.). Storm selbst wahrt eine kritische Distanz zum autoritär vertretenen biologischen Neuwissen um Vererbung schon allein dadurch, dass er die Ausführungen Snittgers durch gedoppelte erzähltechnische Rahmung auf Abstand hält und das scheinbar Offensichtliche, den Brückenschlag von der Vererbungstheorie zum Fall Annas, als überdeutliche Leerstelle („...“106 ) markiert, letztlich unausgesprochen lässt107. Die interessengeleitete Indienstnahme von Wissenschaft macht er dabei nicht nur in John Riew ’ zum Thema. Noch einmal begegnet dem Leser in Storms Novellen ein Wissenschaftspopularisator: in der Chroniknovelle Renate befeuert der zwielichtige Petrus Goldschmidt den Hexenwahn wie auch den Aberglauben an die Wirkmächtigkeit eines kleinen Fetisch, des Fingaholi.108 Wissenschaft erfüllt hier, wie das Beispiel des Fetisch verdeutlicht, nicht den Zweck, Vorurteile auszuräumen, sondern sie im Gegenteil zu befestigen. Petrus Goldschmidt erblickt seine oberste Aufgabe darin, „der unvern ü nftigen Vernunft den Daumen gegenzuhalten“109. Fungieren die Einzelmenschen, deren Motivationen die Wissenschaft tragen, als Autoritäten, schiebt das Verweisdispositiv einer Selbsttätigkeit der Vernunft und kritischem Nachfragen von vornherein den Riegel vor. Das Zeitschriftenmedium kommt dieser Einseitigkeit des populärwissenschaftlichen Vortrags entschieden entgegen, indem es schon in seiner textuell geschlossenen Form einer sich äußernden Alternativposition, etwa der des Lesers, keinen Raum lässt.

V. 2. Erzählen unter dem Verweisdispositiv

Die Literaturzeitschrift zementiert also eine hierarchische Wissensdiskrepanz durch (1) eine unaufhebbare Adialogizität, die schlichtweg in ihrer Publikationsform begründet liegt, sowie

(2) durch die hochgradig ergebnislastige Repräsentation von Wissenschaft in ihren populärwissenschaftlichen Artikeln. Eine polyperspektivische Verständigung über die Wirklichkeit ist demnach nicht nur faktisch verunmöglicht (die Zeitschrift antwortet ja nicht), sondern der Leser ist als auch nur potentiell kompetenter Gesprächspartner prinzipiell ausgeschlossen (da eine auf Ergebnisse verknappte populäre Wissenschaft die Produktion neuen Wissens ohnehin schon vorgängig in die Fachwissenschaft ausgelagert hat). Gegenläufig zur vordergründig skeptischen Haltung Storms dem Autoritätsgebaren der Popularisatoren gegenüber schreibt sich deren Denkhaltung über die Zeitschriftenlektüre tief in Storms eigene Poetologie und, noch wichtiger, in das tatsächliche Erzählverhalten seiner Novellen ein. Die Vulgärmaterialisten verabschieden Reflexivität unter dem Generalmotto, dass ’die Tatsachen für sich selbst sprechen’ sollen. „Die einfachsten Wahrheiten“, so das Feuerbach-Zitat als Auftakt zu Büchners Kraft und Stoff, „sind es gerade, auf die der Mensch am spätesten kommt“110. Die Überzeugung, dass die Wirklichkeit besser verstanden werden könne, wenn sie nur befreit von den Störgeräuschen polyphoner Kommunikation selbst zu Wort käme, wird auf lange Zeit der gemeinsame Tenor populärwissenschaftlicher Publikationen bleiben. Vielleicht ist hier eine Blaupause für die Erzählverfahren vieler Autoren der zweiten Jahrhunderthälfte auszumachen, wenn man deren Zielsetzung mit dem Ideologem identifiziert, eine erzählte Wirklichkeit sich selbst erzählen zu lassen111 ; dann gilt hier wie dort als oberstes Prinzip: ’die Tatsachen können (und sollen!) für sich selbst sprechen’.

Ganz sicher aber besitzt das Ideologem für Storms poetologische Entwürfe Geltung. „Stimmung“, so Storm, dürfe dem Werk nicht von außen her zugesetzt werden, sondern müsse sich „aus den vorgetragenen Thatsachen“ selbst entwickeln.112 Die Grundforderung einer sich selbst zur Darstellung bringenden Wirklichkeit schließt ganz zentral ein „Motivieren vor den Augen des Lesers“ aus, das Storm bekanntermaßen verhasst war und durch eine „›symptomatische‹ Behandlung“ zu ersetzen sei, der „nur das daraus resultierende in die Äußerlichkeit Tretende darzustellen“ obliege.113 Ein noch beredteres Zeugnis legen die Novellen selbst ab. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ricks Handlungsmotive in John Riew ’, seine Entscheidung für das mäßig attraktive Rieckchen als Ehefrau wie auch seine Flucht in den Alkohol, bleiben bis zum Ende unausgeleuchtet und schlagen sich nur in seinen Handlungen und schließlich seinem Selbstmord nieder.

Ich möchte eine zweite bedeutsame Parallele der Novellenkunst Storms zur populärwissenschaftlichen Vermittlungshaltung unterstreichen. In beiden Fällen ist das vermittelte Wissen gegen die Rezipienten bereits geschlossen, erhält im Akt des Erzählens aber nachträgliche Rechtfertigung und Bestätigung seiner Relevanz. Zwar a priori für eine fachwissenschaftliche Horizonterweiterung disqualifiziert, erfüllt Populärwissenschaft doch die wesentliche Korrektivfunktion für die Fachwissenschaft, sie in ihren Verpflichtungen an die Lebenspraxis rückzubinden; in den Worten Greilings: „Die Popularität orientiert auch den wissenschaftlichen Verstand und bewahrt ihn vor Streifereien ins leere Nichts“114. Büchner ist es darum zu tun, gleich im ersten Satz von Die Macht der Vererbung die unhintergehbare „Wichtigkeit“115 des neuen Vererbungswissens für Jedermann auch außerhalb der Fachwelt herauszustreichen. Wissenschaftliche Erkenntnisse dem Prüfstand menschlicher Alltagsbedürfnisse freizugeben, ist wesentliche Aufgabe und ein kaum zu überschätzender Nutzen der Populärwissenschaft. Den wissenschaftlichen vulgarisateurs vergleichbar, öffnet der Dichter Storm innerhalb der Novellen die Kunst seiner fiktionalen Erzähler einer Hörerschaft nur zwecks Evaluation. Als Kommunikanden in Fragen über die fiktionale Wirklichkeit ausgeschlossen, dürfen die Rezipienten wenigstens ihr Urteil darüber abgeben, ob das Erzählte auch des Erzählens wert war. Die Resonanzfindung erfolgt über ein Laienpublikum, vor dem sich der Erzähler aber in jedem Fall die Deutungshoheit, über das, was Wirklichkeit ist, uneingeschränkt vorbehält. In Am Kamin heißt es in Reaktion auf eine recht unbefriedigende Spukgeschichte:

„›Nun, und weiter, alter Herr?‹

›Nichts weiter; damit ist die Geschichte aus.‹ ›Pfui! Die Tante ist ein Werwolf gewesen!‹

›Ich kann versichern, daß sie eine vortreffliche Dame war.‹“116.

Zum Einen also forciert eine sich der neuen Massenmedien bedienende Populärwissenschaft

- paradox genug - den Anschein der Unvermitteltheit. Das für die Literatur der Zeit typische „Vertuschen der Künstlichkeit“117 liegt vorgebildet in einer populären Wissenschaft, deren Vertreter den eigenen Perspektivismus bemänteln, indem sie die Methodenfrage überspringen und so etwas wie einen ’Standpunkt der Wirklichkeit’ supponieren. Zum Anderen setzen populärwissenschaftliche Texte wie auch Storms Erzählungen beim unbedarften Leser an - erstere legitimieren sich ausdrücklich über ein Interesse der Wissenskonsumenten, letztere fangen dasselbe in der für Storm so charakteristischen fingierten Gesprächsrunde sogar diegetisch ein -, aber beide arretieren das Publikum in seiner Rezipientenrolle.

V. 3. Einbildungskraft als Wissenschaftsintegral

Ich möchte nun wieder zum narrativen Gravitationszentrum von John Riew ’, der Lektüreszene, zurückkehren. Die Einlassung naturwissenschaftlichen Neuwissens in den poetischen Text prädestiniert die Lektüreszene für die Diskussion der Frage nach der Existenzberechtigung fiktionalen Erzählens unter szientistischen Rahmenbedingungen. Storm siedelt, wie von der Forschung schon wiederholt hervorgehoben118, mit den Inhalten seiner Novellen gezielt in den Wissenslücken der exakten Wissenschaften, etwa bei randständigen Phänomenen wie Atavismen. Will schöne Literatur aber nicht einfach auf alte Paradigmen regredieren, kann sie unter dem Primat naturwissenschaftlicher Welterfassung nicht allein durch die Konzentration auf Leerstellen bestehen, deren baldige Füllung ein wissenschaftsoptimistisches Fortschrittsnarrativ ohnehin verheißt.119 Die Selbstrechtfertigung des Erzählens in John Riew ’ trägt denn auch weit offensiveren Charakter: weder Lückenbüßer auf Zeit für die exakten Wissenschaften noch als von ihnen gänzlich abgekoppelter eigenständiger Weltzugang deklariert, denkt der fiktionale Text seine Legierung mit dem Neuwissen schlicht aus umgekehrter Richtung, indem er seinerseits Verfahren der Fiktionalisierung in der szientifischen Denkungsweise sichtbar macht.

Weil die objektiven Befunde im Fall Annas Dr. Snittger nicht von selbst einer Krankheitserklärung über das Vererbungstheorem zuführen, muss der Arzt für eine auch nur provisorische Diagnose das Tatsachenmaterial auf eine eigene Sinnzugabe hin übersteigen. Eine Krankheitsverursachung durch Erblasten kann Snittger daher positiv nur durch die Ausweitung der Befunde zum Wissensentwurf behaupten, der das Vorfindliche gedanklich um Möglichkeiten dessen, was der Fall sein könnte, ergänzt. Die neu sedimentierten Bedeutungsgehalte lassen sich folglich auch nur als Vermutung kommunizieren („Wer weiß ob nicht ihr Unglück...“120 ). Entscheidend ist, dass eine zum Faktischen hinzutretende Eigenprojektierung an Denkbarem, die allererst Anwendungswissen zu generieren imstande ist, nur vermittels der Einbildungskraft auf das empirisch Vorhandene appliziert werden kann. Die Verkürzung fiktionalen Erzählens also auf eine wirklichkeitsindifferente Unterhaltungsfunktion unterschlägt die Unmöglichkeit der Selbstkonstitution wissenschaftlichen Denkens ohne einen Einschuss an Phantasie. Die Klage des Kapitäns über die „Phantastereien“121 im Correspondenten gewinnt unter diesem Blick neues Gewicht.

Ein möglicher Einwand könnte lauten, dass die Einbildungskraft für eine Storm-Novelle vielleicht konstitutiv ist, im wissenschaftlichen Ansatz dagegen lediglich Prognosestatus besitzt und früher oder später von echter Empirie abgelöst wird, die dann das Szenario, das die Einbildungskraft entwarf, gegebenenfalls bestätigt. Wissensprüfung aber ist, wie die Lektüreszene zeigt, nicht auf eine futurische Ausrichtung reduzierbar; nämlich dann nicht, wenn die Anschauung schon passiert wurde und die Ereignisse ex post neu überdacht werden. Snittger hat das Stadium der Konfrontation mit dem Empirischen bereits durchlaufen: der Fall der alkoholisierten Anna ist als Fallgeschichte archiviert, auf die in R ü ckwendung allein der Arzt bei einer Auswertung ansetzen kann. Zudem aber - und allem voran - bliebe selbst einer vollgültigen Hypothesenbildung der subjektive Entwurfscharakter als conditio sine qua non von Wissenschaft grundsätzlich erhalten. Selbst für den Fall, dass handfestes Faktenwissen nachgeliefert wird, ist der erste Schritt hin zur Hypothese vorausgesetzt. Der Entdeckergestus beim Sich-Einlassen auf ein nur unsicheres, mögliches Wissen, das die Einbildungskraft vorschießt, lässt sich von keinem Objektivitätsideal absorbieren.

VI. Artifizielle Sinnstiftung

Hat ein „Erzählen nach Darwin“122 demnach gegen Außen um Platz und Approbation im verwissenschaftlichen Gesellschaftsdiskurs zu ringen, nötigt der Verlust ontoteleologischer Führung der Literatur werkintern neue Sinngebungsmuster ab. Erzählen, nicht länger am mimetischen Gängelband der Weltzwecke zu leiten, ist auf neue Handlungskonstituenten angewiesen, welche künstlerische Geschlossenheit und intradiegetische Notwendigkeit verbürgen angesichts der darwinischen Kontingenzkehre, die einen Imaginationshof für stets alternative Möglichkeiten von Weltläufigkeit ins Bewusstsein eingesenkt hat. Storms Werk schiebt hier wiederum in ein Dazwischen: nicht mehr kennt es Handlungszusammenhänge, die durch außerliterarische Zweckannahmen gedeckt sind; noch nicht ist es bereit, sich vom Dispositiv des Plots überhaupt zu emanzipieren. Bevor sich Handlungslinearität spätestens in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge vollends verflüchtigt, werden von Storm sämtliche artifiziellen Register zur Produktion von Sinnhaftigkeit gezogen: keine welthaltigen Entelechie- und Determinationskonzepte mehr beschirmen das Erzählen, sondern seine Novellen bannen innere Notwendigkeit in literarische Symbolverstrebungen und Motivkomplexe.

Handlung in John Riew ’ ist also, wie in diesem Kapitel zu zeigen sein wird, ein künstlicher Akt. Vor allem aber ist sie in Kontinuität zur Literatur des 20. Jahrhunderts ein künstlicher Akt der Sprache. Schon keimt jenes autoreflexive Erzählen, das bei Rilke und Musil zur vollen Entfaltung gelangen wird. Ungeheuer früh beim späten Stifter123 und am Ende des Jahrhunderts in Fontanes Stechlin wird es vorbereitet durch das exzessive Sprechen über das Sprechen, welches der Literatur den ideologischen Schleier einer Erzählerin Wirklichkeit abzieht. Die Novelle John Riew ’ handelt dadurch von sprachlicher Gemachtheit, dass sie Handlung im schieren rhetorischen Kunstgriff herstellt: Topoi und Tropen verknüpfen das Geschehen nicht auf inhaltlicher, sondern auf rein sprachlicher Ebene.

VI. 1. Auf dem Holzweg und neue Initiationen

Die von Bachtin erkannte Entwicklungschiffre des Weges macht die klassischen Bildungsgeschichten der deutschen Literatur zu teleologisch abgesicherten Road-Trips. Der Rückzug der Wegmetapher vom Inhalt auf den Signifikanten macht den Bildungsweg in John Riew ’ zum bloßen Wortwitz. Das metonymische Durchstreifen des semantischen Feldes ’ Baum’ - ’Holz’ - ’Wald’ signalisiert unmissverständlich, dass sich die Protagonisten in ihrem Tun auf dem sprichwörtlich gewordenen Holzweg befinden. Erzähllogisch begleiten die Vokabeln von „Mast[]“[124] und „Planken“125 das irregeleitete Handeln des Kapitäns gegen den jungen Rick, den sein von Degenerationsangst verblendeter symbolischer Vater (siehe IV. 3.) zeitweilig ins Armenhaus abschiebt. Nachdem er Anna aus Unachtsamkeit zur Alkoholikerin gemacht hat, schimpft John rückblickend auf seinen „vernagelten Verstandeskasten“126. Wieder an Land bei der schon erwachsenen Anna schwört er sich: „Nicht nochmals auf die Planken!“127. Schon der erste Satz der Novelle ebnet den Holzweg („Mein Haus steht auf dem Lande, in einer holzreichen Gegend“128 ), über den auch der Rahmenerzähler stolpert („plötzlich aber stolperte ich […] ich war mitten im Walde, der mir soeben seine dicken Buchenwurzeln vor die Füße gestreckt hatte“129 ). Die Methexis der Handlungselemente am selben Wortfeld zieht inhaltliche Kohärenz auf den discours ein.

Exemplarisch wird der Richtungsverlust im Entwicklungsgang Annas in der von Forscherseite schon ertragreich ausgedeuteten, aber noch nicht als solcher interpretierten Initiationsszene. Dringend nachzutragen ist, dass (1) Storms Novellen Initiationen, die es in der deutschen Literatur von Wieland bis Gottfried Keller ausschließlich für den jungen Mann gab, auffallend häufig an der (Jung-)Frau im bewährten Dreierschema von Mentorfigur, zu initiierender Person und Grenzüberschreitung durchspielen.130 John Riew ’ (2) travestiert dabei nicht nur durch die katastrophalen Folgen der Initiation die Entelechievorstellungen der Erzähltradition nachdrücklich, indem das Initiationsziel selbst fragwürdig wird; noch mehr (3) bricht die Szene mit der zeitlich stabilen Vorwärtsgerichtetheit von Handlung, indem das für die Goethezeit Unmögliche geschieht, wenn das traditionell durch „Non-Iterativität“131 ausgezeichnete Ereignis der Initiation als abrupter Sprung ins Erwachsensein, als Tod des Alten und Geburt des Neuen sich wiederholt. Erst nach mehreren Anlaufversuchen und Rückfällen ins präliminare Entwicklungsstadium („›Ich muß aber Ohm; das ärgert mich, das von gestern!‹“132 ) gelingt Anna die Grenzüberschreitung.

VI. 2. Mimesis ans Zyklische

Die zahlreichen Unterbestimmtheiten und Zufälligkeiten der Schicksale Annas und ihres Vaters kompensiert der Kapitän über künstlich hergestellte Plot-Verklammerungen im discours. In der Erzählung - und nur in der Erzählung - Johns prästabiliert Ricks Eheschließung seinen Tod im Wasser durch die symbolische Bindung ans nasse Element: „so hat er die Perle Rieckchen zu seinem Unheil dann geheiratet“133. Die semiotische Ambivalenz der Körperzeichen vermittelt erzählerisch frühere Geschehensmomente mit späteren zum Handlungszusammenhang. So etwa in der Mutation des noch lebenden Rick zum Wiedergänger seiner selbst. Dem Kapitän ist Rick bei einem zufälligen Treffen in Kapstadt nur mehr „ein Trunkenbold, der unter seinem [Ricks] Namen umging134. Bereits dem Alkohol verfallen, tritt er John mit „seinem gedunsenen Gesichte“135 entgegen, wodurch die Symptome des Trinkers das Aussehen des Ertrunkenen nicht nur vorauskündigen, sondern in der Wortwahl mit letzterem verschmelzen136 ; nach seinem Tod wird Rick dem verstörten Kapitän als zürnendes Gespenst wieder „mit dem gedunsenen Gesicht“137 erscheinen. Gleich anfangs tritt John der „wilde Knabe“138 Rick als Nachspuk seines Vaters, des „wilde[n] Kerl[s]“139, „wie ein Gespenst“140 entgegen. Dem Sterben von Vater und Tochter eignet dabei ein chiastisches Verhältnis: geht beim Vater der biologische Tod dem symbolischen Tod voraus, so stirbt Anna erst symbolisch bevor ihr Körper ihrer Entscheidung nachfolgt.141 Die Verfehlung, seiner Vaterpflicht gegen Anna nicht nachgekommen zu sein, verurteilt den ertrunkenen Trinker Rick zum Wiedergängerdasein. Anna dagegen trägt nicht nur wie Else Füssli in Ein Bekenntnis das hippokratische Gesicht142, sondern wird, buchstäblich totenblass, noch lebend in kunstgerechte Leichenpositur gebracht143. Anders als ihr Vater hat sie ihr Kind (scheinbar) fürsorglichen Händen anvertraut und lässt so vor ihrem selbstbestimmten Ende keine unerledigten Aufgaben zurück, die sie als Tote wieder einholen könnten.

Die Kontingenztilgung leistet neben der Sinnstiftung in der Retrospektive einen mitlaufenden Schulddispens für den erzählenden Kapitän. Dieser erinnert sich erstaunlich genau an die äußere Erscheinung des falschen Barons bei dessen Besuch im Laden: „wahrhaftig, Herr Nachbar, ich weiß noch heute, dass das Bein in perlgrauen Hosen steckte!“144. Die „Perle Rieckchen“145, die „perlgrauen Hosen“146 und die „Meernixenkleider“147 ordnen sich zum Motivkranz, dessen tödlicher Sog auf Anna bis zum wortwörtlichen Untergang wirkt. Die Erzählung nimmt, anders gesagt, mit dem Verführer, Annas Mutter und den zur „Hölle“148 verdammten Komödianten all diejenigen in die Pflicht, die dem - selbst hauptschuldigen - Erzähler unsympathisch sind. Die Geschichte Annas, die ihre symbolische Herkunft aus dem Meer ebendahin zurückzieht, situiert Storm in einer geschlossenen Erzählwelt, deren Kreislaufschema die Grundstruktur zahlreicher seiner Novellen legt. Im Schimmelreiter entspricht dieser Zyklik das faustische Projekt des Deichgrafen Hauke, dem Meer Land abzugewinnen, nur um den Koog endlich wieder an die See zu verlieren. Die Annahme immanenter Kreisläufigkeiten, in der Zeit gerne am Topos des Blutkreislaufs veranschaulicht149, schließt im Kontext der Materialismusdebatte zu einem ideengeschichtlichen Basiskonzept des 19. Jahrhunderts auf. Bei Storm wird daraus eine poetologische Reflexionsfigur: „Es waltet stets dasselbe Leben, / Natur geht ihren ewgen Lauf150. Aus einem „dunkeln Grund“151 schöpft der Maler Johannes in Aquis submersus sein Werk, bevor es den Weg auch anderer „Kunstschätze“152 geht: „verschleudert und verschwunden. Aquis submersus.“153 - ein aquis submersus, das übrigens auch Anna in John Riew ’ prophetisch zitiert („es rauschte über mir, als wenn ich in ein Meer versänke“154 ).

Einem Kreislauf müssen dauerhafte Inhalte erst abgerungen werden. Die Berlockenkette, die den Kapitän zu der Näherin und ihrer Geschichte über die betrunkene Anna führt155, verkettet sinnbildlich die Erzählebenen; daneben suggeriert sie, als narratives Bindeglied eingebracht, eine zwingende Ereignisverkettung. Den Geschehnissen ist damit eine zielläufige Schicksalshaftigkeit unterlegt, die sich gegen eine Auflösung in die Zirkularität sperrt. Die üppige Scheinmetaphorik ist ein Reflex des Erzählers auf die Gemachtheit seiner Handlung; einer Handlung nämlich, die selbst auf die Theaterbühne gerückt wird. Nicht nur bekundet Anna ausdrücklich eine Affinität zur Schauspielerei,156 und ihrer Verführung geht der zutiefst zweideutige Besuch eines „Lustspiel[s]“157 voran; auch wird sie für die Binnenerzählerin selbst zur Actrice im „Schauspiel“158, ebenso wie der Kapitän ihre Mutter nach der Rückkehr vom Ball entsprechend zurechtstutzt („›was ist denn das für eine Komödie?‹“159 ). Den künstlichen Sprachcharakter der Handlung lässt Storm bis auf die unterstellte Fühlungnahme mit der außerliterarischen Wirklichkeit in der Lektüreszene ausgreifen. Anders als von der Forschung vermutet160, gibt die Nennung des Hamburger Correspondenten keinen Fingerzeig auf eine (vergebens gesuchte) historische Wissensquelle Storms. Selbstverständlich liest der Kapitän den Artikel über Vererbung „im Correspondenten“161, weil das Gelesene dem Geschehen auf der Binnenebene ’korrespondiert’. Nicht zufällig studiert John den „›Hamburger Correspondenten‹“162 bereits zuvor in einer Szene mit gleich vierfacher Entsprechungssymbolik: es gibt ein (1) „Spiegeltischen“163, an dem er liest, einen großen (2) „Spiegel“164 daneben, vor dem der (3) narzissgleiche „schöne Knabe“165 Rick Gesichter schneidet, sowie nicht zuletzt den (4) Namen der Zeitung selbst.

VIII. Trunksucht und Suchtdenken

Bei aller fürs 19. Jahrhundert ungewöhnlichen Besinnung auf die Sprache, gelingt der Novelle die ästhetische Gratwanderung durch die Anbindung an Zeitfragen. Wie sich zeigen ließ, beweist John Riew ’ eine bemerkenswert frühe Sensibilität für den Phantomschmerz der Medizin am aitiologischen Zentrum nach der Pathologiewende in der Alkoholfrage. Seither und bisher konnte sich eine redliche Medizin ihres Lückenbewusstseins nicht überheben, aufgegebene moralische Letztbegründbarkeiten nur anderweitig supplementieren. So ist im 20. Jahrhundert ein neuer Kurs zu beobachten, Alkoholismus wieder im Säufer selbst wurzeln zu lassen, die Wiege der Krankheit aber in den Raum des Unbewussten zu verlegen, der dem Mediziner a priori verschlossen ist. Hierunter fallen Versuche, die Frage nach der Erstursache dem Fachgebiet einer von Freud geprägten Psychologie zuzuschustern und Alkoholmissbrauch als reines „Symptom“166 einer Neurose darzustellen.

Daneben untersteht die Erzählhaltung des Kapitäns in John Riew ’ dem kulturellen Regime eines „Protonormalismus“167, der sich Jürgen Link zufolge bis ins Europa der Zeit der Weltkriege unterläufig erhielt. Heute sprechen sich enge Normalismuskonzepte nicht nur in den rigiden Programmen gesellschaftlicher Randgruppen und Sekten aus, sondern parallel zur Wiederaufwertung des Nationalitätsbegriffs erleben sie eine Rehabilitierung auf breitester Front. John Riew ’ zeugt nicht nur von einem protonormalistischen Regulativ, sondern erzählt davon, wie im Rückgang auf die Wertungsquelle des Erzählers als dem ’Nullpunkt’ der Novelle die verrante Schmälerung des Normalbezirks in Kreuzung mit der Degenerationstheorie die Handhabung von Normalitätsgrenzen generell problematisch macht.

Einerseits ließ die Ausdifferenzierung der Wissenschaften nach 1800 die Einzeldisziplinen zunehmend esoterisches Fachwissen produzieren, andererseits erschloss der Anstieg der Alphabetisierungsrate ein immer breiteres bildungsfähiges Publikum. Die Herausforderung, mit einem immer spezialisierteren Wissen immer mehr Menschen zu erreichen, gab den Nährboden für eine Populärwissenschaft, die sich neuer Medien wie der Zeitschrift bediente. Auf ihrem Weg ins 21. Jahrhundert hinein werden Massenmedien stetig neue Kommunikationsräume für sich erschließen und den individuellen Wissensaustausch parallel dazu schrittweise zurückdrängen. Die Begründung für ein Desinteresse an der wissenschaftshistorischen Verortung der Novellen Storms durch den Verweis auf sein Leben in Wissenschaftsperipherie lässt sich unter dieser Betrachtungsweise pointiert umkehren: provinzielle Begrenztheit wird zur repräsentativen Informiertheit, indem das Beispiel Storms für einen medial gegründeten Kenntnisstandard einsteht, der den individuellen Wissenshorizont im Informationszeitalter präfiguriert.

Der Alkoholismus in John Riew ’ gibt nur ein Beispiel aus dem großen Komplex an Suchtkrankheiten, die, über das Pathologieparadigma gebrochen, in Storms Werk thematisch einspielen. Für Alkoholabhängigkeit, Glücksspiel (Carsten Curator) und Arbeitssucht (Der Herr Etatsrat) stehen sofort naturwissenschaftliche Erklärungen im Hintergrund parat. Der szientistische Ausschluss des Voluntativen droht mit dem Konzept personaler Akteurschaft aber auch den Würdebegriff auszuhebeln. Nicht nur gegen die (alte) Auffassung einer Individualschuld, sondern auch gegen das (neue) paternalistische Suchtdenken von Expertenriegen bringt Storm ein radikal humanistisches Tragikverständnis in Anschlag: im „Kampf“168 seiner Protagonisten artikuliere sich „die Unzulänglichkeit des Ganzen der Menschheit, wovon der Einzelne ein unablösbarer Theil ist“169. Als Unterströmung, die Storms Werk in seinen verschiedenen Phasen begleitet, versammelt ein Idealismus über die conditio humana die Menschheit im Individuum. An seinen Vater Johann Casimir schreibt der 44- jährige Storm schon zwei Jahrzehnte früher aus Heiligenstadt:

„Du wirst über den Idealisten lachen, lieber Vater, beziehungsweise etwas schelten, aber am letzten Ende pflegen die Idealisten doch Recht zu behalten, wenn auch mitunter vielleicht erst hundert Jahre, nachdem sie begraben sind.“170.

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zweihundertsten Geburtstag von Theodor Storm. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. September 2017, S.

Stöckel, Sigrid: Säuglingsfürsorge zwischen sozialer Hygiene und Eugenik. Das Beispiel Berlins im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Berlin 1996.

Stuckert, Franz: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt. Bremen 1955.

Zeller, Rosemarie: Realismusprobleme in semiotischer Sicht. In: Begriffsbestimmungen des literarischen Realismus. Hrsg. von Richard Brinkmann. 3. Auflage. Darmstadt 1987, S. 561-587.

Žižek, Slavoj: Liebe dein Symptom wie dich selbst! Jaques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin 1991.

[...]


1 Franz Stuckert: Theodor Storm. Sein Leben und seine Welt. Bremen 1955, S. 145.

2 Raabes Darwin-Rezeption ist gut erforscht. Sein Werk wird generell als prominentestes Beispiel für eine literarische Aneignung der Evolutionstheorie in Deutschland genannt. Raabes erster Berührungspunkt mit evolutionstheoretischem Gedankengut wird auf das Jahr 1864 datiert und in den Aphorismen ausfindig gemacht (Katharina Brundiek: Raabes Antworten auf Darwin: Beobachtungen an der Schnittstelle von Diskursen. Göttingen 2005, S.11f.). Nachgewiesen wurde dabei jedoch nur Raabes Kenntnis des Lyellschen Theorems vom Alter des Menschengeschlechts; Rückschlüsse, die von hier auf eine so frühe Kenntnisnahme des Darwinismus folgern, liegen nahe, müssen aber spekulativ bleiben und werden durch keine Spuren in den Werken Raabes aus den frühen 1860er-Jahren, geschweige denn vor 1864, gedeckt.

3 Ende 1861 entstanden und 1862 veröffentlicht als erste und letzte Novelle, die Storm in der Gartenlaube publiziert, reagiert Im Schlo ß sehr zeitnah auf den Gartenlaube -Artikel Das Schlachtfeld der Natur oder der Kampf um ’ s Dasein von Ludwig Büchner aus dem Vorjahr (Ludwig Büchner: Das Schlachtfeld der Natur oder der Kampf um’s Dasein. In: Die Gartenlaube 1861, Heft 6, S. 93ff.). Weiterführend: David A. Jackson: Theodor Storm’s Democratic Humanitarianism. The novella „Im Schloß“ in Context. In: Oxford German Studies 17 (1988), S. 10-50.

4 Besonders eindrücklich in dem „Nachtgesicht“ Franz Jebes in Ein Bekenntnis, in dem der erzählende Arzt eine Scharlachepidemie mit „einem Dunste, der aus dem Boden aufzuziehen schien“, in Verbindung bringt (Storms Werke in vier Bänden [im Folgenden SW]. Hrsg. von Karl Ernst Laage und Dieter Lohmeier. Band 3: Novellen 1881-1888. Hrsg. von Karl Ernst Laage. Frankfurt am Main 1998, S. 587.).

5 „Es gibt eine schwarze Fliege, diese Sommerglut brütet sie aus, und sie kommt mit all den anderen zu uns, in dein Haus, in deine Kammer; unhörbar ist sie da, du fühlst es nicht, wenn schon der häßliche Rüssel sich an deine Schläfe setzt. Schon Mancher hat sie um sich gaukeln sehen und ihrer nicht geachtet; denn die Wenigsten erkennen sie; aber wenn er von einem jähen Stiche auffuhr und sich, mehr lachend als unwillig, ein Tröpflein Blutes von der Stirn wischte, dann war er bereits ein dem Tode verfallener Mann.“ (SW, III, 152f.).

6 Regina Fasold: Theodor Storms Verständnis von „Vererbung“ im Kontext des Darwinismus-Diskurses seiner Zeit. In: Storm-Lektüren. Festschrift für Karl Ernst Laage zum 80. Geburtstag. Hrsg. von Gerd Eversberg, David Jackson und Eckart Pastor. Würzburg 2000, S. 47-58, S. 50.Wie Orest die Eumeniden, so umschwirren die Malariamücken den Protagonisten Rudolph zwar nur in einer Wahnphantasie, die durch das gute Ende der Novelle aber bedrückende Realitätslast erhält; vgl. Yahya Elsaghe: Krankheit. In: Storm-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. von Christian Demandt und Philipp Theisohn. Stuttgart 2017, S. 354-362, S. 357.

7 vgl. SW, III, 376f.

8 Es existieren fünf neuere Forschungsbeiträge zu John Riew ’. (1) Gerrekens und Pastor, die mit ihrem Aufsatz die Novelle erstmals gründlich beforschen, konzentrieren sich auf die Alkohol-Initiationsszene und arbeiten deren versteckte sexuelle Bildlichkeit heraus, die eine Vergewaltigung Annas symbolisch durchspielt (Louis Gerrekens / Eckart Pastor: Storms späte Novelle John Riew ’ oder: Wie alles gut wurde. In: STSG 55 (2006), S. 99-116.). (2) Neumann schließt explizit daran an und analysiert literaturpsychologisch die unbewussten Reaktionsschemata des Missbrauchsopfers Anna. (Christian Neumann: „Meine Augen waren nur auf dich gerichtet!“ Kindsbräute und missbrauchte Kinder in Theodor Storms Prosa. In: Zwischen Mignon und Lulu. Das Phantasma der Kindsbraut in Biedermeier und Realismus. Hrsg. von Malte Stein u.a. Berlin 2010, S. 73- 112, zu John Riew ’ S. 91-98.). (3) Auch bei Börner steht Annas Initiation im Zentrum der Analyse, die sie gendertheoretisch daraufhin befragt, wie sich der Mann sein Kindsbraut-Phantasma schafft, aber auch zerstört (Mareike Börner: Mädchenknospe - Spiegelkindlein: die Kindfrau im Werk Theodor Storms. Würzburg 2009, S. 281-288.). (4) Pastor wiederholt im Wesentlichen die Ergebnisse seines früheren Aufsatzes mit Gerrekens in komprimierter Form (Eckart Pastor: „John Riew’“. In: Storm-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. von Christian Demandt und Philipp Theisohn. Stuttgart 2017, S. 235f.). (5) Denkert liefert eine Erklärung für die bei Gerrekens/Pastor unbeantwortet gebliebene Frage, warum sich Rick Geyers dem Alkohol zuwendet, indem er eine homosexuelle Anlage von Annas Vater aus Textsignalen rekonstruiert (Malte Denkert: Theodor Storm und das Tabu: „ich respektierte dieses Schweigen nicht“. Würzburg 2017, zu John Riew ’ S. 25-42.).

9 Zuletzt etwa in der FAZ Tilman Spreckelsen, der Autor der ausgezeichneten Theodor Storm-Krimis (Tilman Spreckelsen: Es schaut dich fremd und furchtbar an. Wie modern er ist, mag man kaum glauben: Zum zweihundertsten Geburtstag von Theodor Storm. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. September 2017, S. 13.).

10 „Er [der Modernebegriff] ist privativ, von Anbeginn mehr Negation dessen, was nun nicht mehr sein soll, als positive Parole.“ (Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Hrsg. von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann. 19. Auflage. Frankfurt am Main 2012, S. 38.).

11 Den methodischen Anschlusspunkt hierfür bilden die Publikationen Rudolf Käsers, demzufolge die neuzeitliche Literatur mit ihren Inhalten auf die Leerstellen im Wissen der Medizin fokussiert. Käser behauptet - ich möchte sagen: dekonstruktivistisch - dieses inhaltliche Spezifikum als epochenübergreifende Konstante, die er an Texten ab der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert hinein überzeugend belegt; vgl. das programmatische Einleitungskapitel seiner Habilitationsschrift „Die kulturelle Bedeutung der Medizin in literarischen Texten. Motivation und Methode eines Lektüreversuchs“ (Rudolf Käser: Arzt, Tod und Text. Grenzen der Medizin im Spiegel deutschsprachiger Literatur. München 1998, S. 11-25.).

12 SW, I, 253.

13 vgl. Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Iserlohn 1866, S. 278-321. Ludwig Büchners materialistisches Grundargument in Kraft und Stoff, dass ein Gegenstand sich nur in seinen Eigenschaften zur Geltung bringe und nicht in einem substantiellen ὑποκείμενον, zielt in genau dieselbe Richtung (vgl. Ludwig Büchner: Kraft und Stoff. Frankfurt am Main 1855, S. 1-10.).

14 Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft, § 70.

15 So noch Bénédict Augustin Morel in seinem Trait é des d é g é n é rescences (1857), von dessen Degenerationslehre noch unter IV. 3 und IV. 4 die Rede sein wird (Bénédict Augustin Morel: Traité des dégénérescences physiques, intellectuelles, et morales de l'espèce humaine et des causes qui produisent ces variétés maladives. Paris 1857.)

16 Hasso Spode: Die Macht der Trunkenheit. Kultur- und Sozialgeschichte des Alkohols in Deutschland. Opladen 1993, S. 117.

17 Emil Abderhaldens Fachbibliographie zu Alkohol und Alkoholismus von 1904 nennt tausende medizinische Fachtexte ab etwa 1850, kennt aber dagegen kaum solche, die aus der ersten Jahrhunderthälfte stammen. (Emil Abderhalden: Bibliographie der gesamten wissenschaftlichen Literatur über den Alkohol und Alkoholismus. Berlin 1904.).

18 Mein Maßstab hier sind Die Gartenlaube, Westermanns Monatshefte und die Deutsche Rundschau.

19 Carl Ernst Bock: Die Wassersucht und die Trunksucht. In: Die Gartenlaube 1857, Heft 25, S. 344f.

20 ebd., 345.

21 SW, III, 350.

22 Hans Blumenberg: Lebenszeit und Weltzeit. Frankfurt am Main 1986, S. 76.

23 ebd., 80.

24 vgl. Ernst Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte. Gemeinverständliche Vorträge über die Entwickelungs- Lehre im Allgemeinen und diejenige von Goethe, Lamarck und Darwin im Besonderen. 8. Auflage. Berlin

25 vgl. Charles De Miramon: Aux origines de la noblesse et des princes du sang. France et Angleterre au XIVe siècle. In: L’hèrèditè entre Moyen Age et Epoque moderne. Perspectives historiques. Hrsg. von Maaike van der Lugt und Charles de Miramon. Florenz 2008, S. 157-210, S. 159-163.

26 Darwins gemmules -Theorie läuft faktisch auf einen Lamarckismus in Vererbungsfragen hinaus (vgl. Charles Darwin: Das Variieren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestikation. Übers. von Julius Victor Carus. Stuttgart 1868, S. 374.).

27 vgl. Francis Galton: Hereditary Genius. An inquiry into its laws and consequences. London 1869, S. 104-129 bzw. 167-256 bzw. 312-315.

28 vgl. Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte, 161f.

29 vgl. Hans-Jörg Rheinberger / Steffan Müller-Wille: Vererbung. Geschichte und Kultur eines biologischen Konzepts. Frankfurt am Main 2009, S. 83.

30 Ludwig Büchner: Die Macht der Vererbung und ihr Einfluss auf den moralischen und geistigen Fortschritt der Menschheit. Leipzig 1882.

31 vgl. Fasold, Theodor Storms Verständnis von „Vererbung“, 54.

32 Georg Lukács: Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die großen Formen der Epik. Neuwied 1971 [unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1920], S. 32.

33 Die lamarckistische Position vertritt schon Baer (vgl. Abraham Baer: Der Alcoholismus. Seine Verbreitung und seine Wirkung auf den individuellen und socialen Organismus sowie die Mittel, ihn zu bekämpfen. Berlin 1878, S. 268ff.).

34 Weiterführende Literatur zum DVMG: Claudia Biss: Alkoholkonsum und Trunkenheitsdelikte in Russland mit vergleichenden Bezügen zu Deutschland. Hamburg 2006, S. 21-24. und Spode, Die Macht der Trunkenheit, 203-216.

35 August Lammers: Die neue Mäßigkeitsbewegung in Deutschland. In: Deutsche Rundschau 1883, Heft 36, S. 301-309.

36 Die einzige Ausnahme bildet das Problem des Kinderalkoholismus, der um 1880 zum Forschungsthema wird; vgl. III.2.

37 Der medizinische Fachmann in Heinrich Zschokkes Die Branntweinpest (1837) sorgt für eine klare Unterscheidung zwischen den altbekannten gegorenen Getränken einerseits und zerstörerischen, hochprozentigen Alkoholdestillaten andererseits. In Jeremias Gotthelfs Wie f ü nf M ä dchen im Branntwein j ä mmerlich umkommen (1838) lobt der Erzähler für sich die vernünftige Entscheidung einer Gruppe junger Frauen, im Wirtshaus Wein zu bestellen und ist umso bestürtzer, als er feststellen muss, dass sie tatsächlich Branntwein trinken.

38 Mittheilungen des DVMG. Hildesheim 1884, Nr. 2, S. 9.

39 vgl. ebd.

40 „Ich bin ein Fürst von Thoren / Zum Saufen auserkoren, / Ihr andern seid erschienen, / Mich fürstlich zu bedienen!“ (SW, III, 783.).

41 Zum Brüderschaftstrinken als studentische Praxis zur Zeit Storms siehe: Georg Objartel: Sprache und Lebensform deutscher Studenten im 18. und 19. Jahrhundert. Aufsätze und Dokumente. Berlin/Boston 2016, S. 97-102.

42 vgl. SW, III, 16.

43 SW, II, 348.

44 ebd.

45 ebd.

46 SW, III, 361.

47 Beispielhaft Auguste Forel, der 1891 den „Ausrottungskrieg“ gegen den Alkohol, den „wahre[n] Teufel des neunzehnten Jahrhunderts“, ausruft (Auguste Forel: Die Trinksitten. Ihre hygienische und sociale Bedeutung. Ihre Beziehungen zur akademischen Jugend. Stuttgart 1891, S. 22.).

48 vgl. SW, I, 447.

49 vgl. SW, III, 655 / 668.

50 vgl. Abderhalden, Bibiliographie, 230ff.

51 Sondersammlung des DVMG in der Reichshauptstelle gegen Suchtgefahren der Senatsbibliothek Berlin. (zit. n. Spode, Kulturgeschichte des Alkohols, 209.)

52 Der erzählende Kapitän spricht ausdrücklich von einem „Gifttrank“ (SW, III, 354.).

53 SW, III, 375.

54 vgl. Gustav von Bunge: Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen ihre Kinder zu stillen. Die Ursachen dieser Unfähigkeit, die Mittel zur Verhütung. 5. Auflage. München 1907, S. 22-30.

55 ebd., 25.

56 vgl. Sigrid Stöckel: Säuglingsfürsorge zwischen sozialer Hygiene und Eugenik. Das Beispiel Berlins im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Berlin 1996, S. 114-135.

57 August Lammers: Englische Kaffeeschenken. Eine Waffe im Kampfe für die Mäßigkeitsbestrebungen. In: Die Gartenlaube 1882, Heft 17, S. 279-280.

58 ebd., 279.

59 vgl. Ursula Becker: Kaffee-Konzentration. Zur Entwicklung und Organisation des hanseatischen Kaffeehandels. Stuttgart 2002, S. 122-124.

60 SW, III, 44f. Vgl. auch John Riew ’ (SW, III, 375.).

61 SW, III, 367.

62 Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit. Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848. Übers. von Eduard Bernstein und Ulrich Kunzmann. Berlin 2013.

63 vgl. v.a. das vierte Kapitel von Lafargues Schrift (Lafargue, Das Recht auf Faulheit, 49-58.).

64 Büchner, Die Macht der Vererbung, 45 [Herv. Im Original].

65 SW, III, 377 [Herv. K.L.].

66 „Aber in der That befindet sich hier wie dort Alles in einer steten und unaufhörlichen Bewegung und Änderung, und das große Mittel der Übertragung und Fortpflanzung dieser Bewegung heißt in der organischen Welt Vererbung, indem durch dieselbe jede, auch die kleinste Einwirkung auf ein Lebewesen während dessen Daseins irgend einen Eindruck im Keim zulässt, der sich nun von da weiter zu verpflanzen im Stande ist.“ [Herv. K.L.] ( Büchner, Die Macht der Vererbung, 36.).

67 SW, III, 377.

68 Weismanns Pionierrang wird seine Würdigung erst ein gutes halbes Jahrhundert später, im Zeitalter der modernen Molekularbiologie, erfahren können (vgl. Stephan S.W. Müller: Theorien sozialer Evolution: Zur Plausibilität darwinistischer Erklärungen sozialen Wandels. Bielefeld 2010, S. 21.).

69 SW, III, 376.

70 ebd [Herv. K.L.].

71 vgl. SW, III, 715.

72 SW, III, 376.

73 Achim von Arnim / Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Darmstadt 1977, S. 163.

74 SW, III, 376.

75 SW, III, 377.

76 SW, III, 376.

77 SW, III, 341.

78 SW, III, 337.

79 vgl. Bénédict Augustin Morel: Traité des dégénérescences physiques, intellectuelles et morales de l’espèce humaine et des causes qui produisent ces varitétés maladives. Explication des planches. Paris 1857, S. 1-23.

80 vgl. Büchner, Die Macht der Vererbung, 46f.

81 vgl. Axel Groenemeyer / Marion Laging: Alkohol, Alkoholkonsum und Alkoholprobleme. In: Handbuch soziale Probleme. Hrsg. von Axel Groenemeyer und Günter Albrecht. 2. Auflage. Wiesbaden 2012, S. 219-278, S. 266.

82 SW, III, 336.

83 SW, III, 342.

84 Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte, Vortrag VII, 155.

85 ebd.

86 vgl. August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Zürich 1879, Kap. 16, Abschnitt 2.

87 vgl. Silviana Galassi: Kriminologie im Deutschen Kaiserreich. Geschichte einer gebrochenen Verwissenschaftlichung. Stuttgart 2004, S. 206.

88 SW, III, 335 [Herv. K.L.].

89 SW, III, 336.

90 ebd.

91 Offenbarung 20, 1.

92 SW, III, 385.

93 vgl. SW, II, 678.

94 „ein mächtiger Birnbaum […] eine Art Familienheiligtum“ (SW, II, 465.).

95 Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Tede Haiens prophetische Äußerung über den intellektuellen „Verschleiß[]“ in dritten Generation im Schimmelreiter (SW, III, 655.).

96 zu Morel vgl. auch Jean Gayon: Natural Selection, Regression and Heredity in Darwinian and Post-Darwinian Evolutionary Theory. In: Heredity Explored. Between Public Domain and Experimental Science, 1850 - 1930. Hrsg. von Staffan Müller-Wille und Christina Brandt. Cambridge 2016, S. 167-188, S. 168.

97 vgl. Jürgen Link: Versuch über den Normalismus: wie Normalität produziert wird. Göttingen 2009, S. 51-59.

98 In Anette von Droste-Hülshoffs Romanfragment Ledwina träumt die Titelheldin von einer Defloration durch ein Gerippe auf dem Friedhof.

99 Michel Foucault: Die Geburt der Klinik. Übers. von Walter Seitter. 10. Auflage. Frankfurt am Main 2016, S.

100 vgl. Frank Nager: Goethe - Der heilkundige Dichter. Frankfurt am Main/Leipzig 1994, S. 19.

101 vgl. SW, III, 342.

102 Und zwar sowohl das Unheimlich-Exotische in Gestalt des Chinesen aus Effi Briest, wie das Erotisch- Exotische in den Zauberfl ö te -Anspielungen in Stine.

103 vgl. v.a. das achte und neunte Kapitel von Spielhagens Sturmflut. 25

104 vgl. bereits Johann Christoph Greiling: Theorie der Popularität. Magdeburg 1805, S. 163: „so leuchtet ein, daß […] der wissenschaftliche Geist und Gang eben da aufhöre, wo die Popularität anfängt“.

105 Den Begriff des Verwisdispositivs übernehme ich von Philipp Sarasin (Philipp Sarasin: Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914. 4. Auflage. Frankfurt am Main 2016, S. 139.).

106 SW, III, S. 377.

107 vgl. schon SW, III, 351.

108 vgl. SW, II, 557.

109 SW, II, 555 [Herv. K.L.].

110 Büchner, Kraft und Stoff, Motto.

111 vgl. Ulf Eisele: Realismus und Ideologie. Zur Kritik der literarischen Theorie nach 1848 am Beispiel des Deutschen Museums. Stuttgart 1976, S. 86ff.

112 Brief an Emil Kuh vom 24.2.1873. (zit. n. SW, II, 767.)

113 Brief an Paul Heyse vom 15.11.1882. (zit. n. SW, I, 1006.)

114 Greiling, Theorie der Popularität, 151.

115 Büchner, Die Macht der Vererbung, 1.

116 SW, III, 376.

117 Rosemarie Zeller: Realismusprobleme in semiotischer Sicht. In: Begriffsbestimmungen des literarischen Realismus. Hrsg. von Richard Brinkmann. 3. Auflage. Darmstadt 1987, S. 561-587, S. 570ff.

118 vgl. Fasold, Theodor Storms Verständnis von „Vererbung“, 55.

119 Die Macht der Vererbung schließt Büchner mit dem Ausblick auf eine wissenschaftlich voll erfasste Welt (vgl. Büchner, Die Macht der Vererbung, S. 89.). Auch die Gegenposition von du Bois-Reymond, auf die sich Büchner ausdrücklich bezieht, opportuniert nicht gegen den naturwissenschaftlichen Reduktionismus, sondern macht ihn programmatisch unter Vorbehalt der zwei Erkenntnisschranken (1) Was ist Materie? und (2) Was ist Bewusstsein? (Emil du Bois-Reymond: Über die Grenzen des Naturerkennens. Leipzig 1872.).

120 SW, III, 377.

121 SW, III, 376.

122 Philipp Ajouri: Erzählen nach Darwin. Die Krise der Teleologie im literarischen Realismus: Friedrich Theodor Vischer und Gottfried Keller. Berlin/New York 2007.

123 vgl. Albrecht Koschorke / Andreas Ammer: Der Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angst. Zu Stifters letzter Erzählung Der fromme Spruch. In: DVJS 61 (1987), S. 676-719.

124 SW, III, 335.

125 SW, III, 336.

126 SW, III, 354.

127 SW, III, 358.

128 SW, III, 331.

129 SW, III, 340.

130 vgl. neben John Riew ’ (SW, III, 353ff.) auch Renate (SW, II, 541.) und Carsten Curator (SW, II, 463.).

131 Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Berlin/Boston 2014, S. 19.

132 SW, III, 354.

133 SW, III, 345 [Herv. K.L.].

134 SW, III, 349 [Herv. K.L.].

135 SW, III, 549.

136 Auch Junker Wulf in Aquis submersus zeigt betrunken ein „aufgedunsen […] Antlitz“ (SW, II, 396.).

137 SW, III, 377.

138 SW, III, 333.

139 SW, III, 343.

140 SW, III, 333.

141 Zum theoretischen Schema vgl. Slavoj Žižek: Liebe dein Symptom wie dich selbst! Jaques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin 1991, S. 70.

142 vgl. SW, III, 613.

143 „Ich stand noch eine kurze Weile und blickte auf ihr jetzt so blasses Angesicht, in welchem die Augen schon geschlossen waren.“ (SW, III, 380.). Schon zuvor heißt es über Anna: „schier wie eine Leiche sieht sie aus!“ (SW, III, 368.).

144 SW, III, 364.

145 SW, III, 345.

146 SW, III, 364.

147 SW, III, 338.

148 ebd.

149 vgl. Carl Vogt: Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände. 2. Auflage. Gießen 1854, S. 17.

150 SW, I, 253 [Herv. K.L.].

151 SW, II, 406.

152 SW, II, 455.

153 ebd.

154 SW, III, 378.

155 vgl. SW, III, 358f.

156 „sie hatte […] zuletzt gesagt, wenn sie groß wäre, wolle sie auch Komödiantin werden und solche Kleider tragen“ (SW, III, 338.).

157 SW, III, 361.

158 SW, III, 362.

159 SW, III, 368.

160 vgl. Louis Gerrekens: Theodor Storms Novelle Renate zwischen Aufklärungsoptimismus und Kampf aller gegen alle. In: Nur Narr? Nur Dichter? Über die Beziehungen zwischen Literatur und Philosophie. Hrsg. von Roland Duhamel und Guillaume van Gemert. Würzburg 2008, S. 265-284, S. 266.

161 SW, III, 376.

162 SW, III, 341.

163 ebd.

164 ebd.

165 ebd.

166 Georg Klatt: Psychologie des Alcoholismus. Ein Versuch. Detmold 1932, S. 24.

167 Link, Versuch über den Normalismus, 51.

168 Brief an Heinrich Schleiden vom 9.11.1881. (zit. n. SW, III, 762.)

169 ebd [Herv. im Original].

170 Brief an Johann Casimir Storm vom 15.5.1862. (Theodor Storms Briefe in die Heimat aus den Jahren 1853- 1864. Hrsg von Gertrud Storm. Bremen 2011 [unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1907], S. 184.)

Details

Seiten
42
Jahr
2018
ISBN (Buch)
9783668640078
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412985
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Literatur und Wissen Darwin Darwinismus Alkoholismus Degeneration

Autor

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Titel: Theodor Storms Spätnovelle "John Riew" im Darwinismus- und Alkoholismusdiskurs der 1880er-Jahre