Lade Inhalt...

Naturlyrik. Eine Sachanalyse und Didaktikanalyse. "Mailied" von Goethe, "Nachtzauber" von Eichendorff, "Komm in den totgesagten park und schau" von George

Hausarbeit 2017 10 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Sachanalyse
1.1 Unterrichtssequenz: Gedichtanalysen
1.1.1 Mailied (Johann Wolfgang von Goethe)
1.1.2 Nachtzauber (Joseph von Eichendorff)
1.1.3 „Komm in den totgesagten park und schau:“ (Stefan George)
1.2 Gedichtvergleich

2 Legitimation und Didaktikanalyse

3 Bibliografie

1 Sachanalyse

1.1 Unterrichtssequenz: Gedichtanalysen

1.1.1 Mailied (Johann Wolfgang von Goethe)

Das 1771 entstandene Gedicht „Mailied“ gehört zur Erlebnislyrik des jungen Goethe. Diese Zeit ist stark von einer Gefühlsintensität geprägt, da Goethe auf der Suche nach dem Ursprünglichen beziehungsweise Volkstümlichen in der Dichtung war und Emotionen die Rationalität unterdrückt haben. Diese Emotionalität wird durch die vielen Ausrufezeichen verstärkt.

Bei der Analyse des „Mailieds“ stellt sich die Frage nach der formalen Einheit. Das Gedicht ist in zweihebigen Kurzzeilen geschrieben und wirkt auf den Leser deshalb etwas stürmisch und atemlos. Das lyrische Ich scheint hier voller Enthusiasmus zu stecken und gibt seine Freude dem Leser kund. Die Alternation von Hebung und Senkung bildet eine gewisse Kontinuität und Regelmäßigkeit. Der Parallelismus und die Anapher als Wiederholung des Versanfangs verstärken die Kontinuität und steigern zugleich ebenso den Augenblick. Durch den Daktylus – einem Hintereinander einer schweren und zwei leichten Silben – gewinnt das Gedicht jedoch auch wieder an Unregelmäßigkeit und ein subjektiver Eindruck wird erweckt. Es gibt eine Unausgewogenheit beziehungsweise Bewegung, aber zugleich auch eine Ordnung. Bei dem Ausruf „Mir die Natur!“ [1] ist alles immer betont und man kann diesen als einzigen Vers betrachten, der auftaktlos ist. Hier kommt das Gefühl des „In-der-Welt-Seins“ auf („die volle Welt“ [2] ) als aufklärerisches Denken und kalkulierte Unmittelbarkeit. Der zuweilen unregelmäßige Kreuzreim, der keine Kontinuität bildet, ist von Goethe bedacht und bewusst eingesetzt worden.

In diesem Gedicht der Emotion wird ein Kosmos aufgebaut, der sich organisch über die Strophen eins bis vier erstreckt. Das Wörtchen „dringen“ [3] erhält eine Sinnaufgabe für mehrere Strophen. Auch die Strophen sind keine fest gegeneinander abgegrenzten Einheiten; die meisten öffnen sich zur jeweils folgenden Zeile als sogenannten Zeilensprung oder Enjambement. Dies zeigt den Schaffensrausch des lyrischen Ichs, als ob es mündlich mitgeteilt werde. Der Grundrhythmus soll aufgehoben werden, da der Satz über das Versende hinaus in den nächsten Vers hinein läuft. Auch die Satzstruktur wird zerstört und die Sprache löst sich auf, wobei eine Grenze zu sehen ist. Die Volksliedstrophe des „Mailied“ ist holprig und nicht ganz regelmäßig.

Das Thema des Gefühls und der Empfindung der Liebe ist aus individualpsychologischer Sicht elementar und geht uns Lebewesen an. Man stellt sich beim Lesen die Frage, ob das „Mailied“ wohl im Kontext einer Liebesbeziehung Goethes entstanden ist. Wahrscheinlich muss man diese These kritisch betrachten – genauso wie die Ansicht, dass es sich hierbei um einen „Musenkuss“ handelt. Der Leser muss sich allerdings von dem biografischen Kreis wegbegeben und das Gedicht als autonomes Kunstwerk betrachten. Natürlich könnte man bei dem Vers „auf jenen Höhn“ [4] als Raum die Assoziation zum Olymp – jenem lichtüberfluteten Berg der Götter bei den Griechen – bekommen, da dies wie ein Schwebezustand auf den Leser wirkt. Goethe verunsichert jedoch den Leser. Man fragt sich: Auf was bezieht er sich denn? - Auf die „Morgenwolken“ [5] als Vergleiche mit der Liebe, die „So golden schön“ [6] sind und eine kosmische Kraft, das Unsichtbare, eine Entrealisierung und ungebrochene Einheit bilden.

Im vorliegenden Gedicht findet eine religiöse Überhöhung der Liebe statt: „Du segnest herrlich“ [7] und jeder Zustand, ja, jeder Augenblick ist von einem unendlichen Wert, denn er ist Repräsentant einer ganzen heiligen Ewigkeit eines Naturerlebnisses beziehungsweise einer Erfahrung des lyrischen Ich. Es ist von der Liebe im Allgemeinen die Rede – also kein traditionelles Liebesgedicht im engeren Sinne, da keine konkrete Frau angesprochen – genauer gesagt – ein Mädchen ohne Namen genannt wird, der die Liebe gelten soll („O Lieb‘, o Liebe!“ [8] ). Dieser Ausruf ist eine Anapher oder Aufzählung.

„Wie blinkt dein Auge“ [9] heißt es daraufhin: Voll innerer Kraft sind die Augen als Medien, die den Gegenstand fassen, ihn ergreifen, nicht bloß beleuchten. Augen sind voller Schöpfungskraft und zentraler Gegenstand Goethes Naturforschung. Manchmal bestehen bei Goethe auch Bezüge zu dem „Auge Gottes“ und dem Auge als „Spiegel der Seele“.

Nachdem das Mädchen, das im Prinzip das Ewig-Weibliche als Idee oder Urbild symbolisiert, angesprochen wurde, ist die Rede von einem Tier: „So liebt die Lerche“ [10] , was wiederum allgemein gehalten ist. Dann kommt wieder die Feststellung des lyrischen Ich - „Wie ich dich liebe“ [11] . Es handelt sich also um eine Wechselwirkung. Der Leser ist verwirrt und fragt sich, ob es nun die Liebe zu Natur, einem Mädchen oder dem Weiblichen allgemein ist. Es ist die göttliche Liebe in der Natur. Es geht demnach nicht um ein „Du“. Am Ende scheint die Sprache in das Anakreontische abzufallen („Zu neuen Liedern und Tänzen gibst!“ [12] ).

Man muss jedoch bemerken, dass die Liebe nicht unbedingt erwidert und die sexuelle Konnotation („dringen“ [13] ) der Libido nicht unbedingt ausgelebt werden muss. Dies wäre bei einer platonischen Liebe der Fall. Dabei besteht das Bestreben des Liebenden vom Besonderen zum Allgemeinen.

Die Natur leuchtet im „Mailied“ für den Menschen und zeugt von einem aufklärerischen Antrieb: „Wie herrlich leuchtet mir die Natur!“ [14] . Die Wahrnehmung der Natur erfolgt durch das selbstständige Subjekt. Die Sonne („Wie glänzt die Sonne“ [15] ) als Symbol des Göttlichen wird bei Goethe etwas anders betrachtet. Er selbst wehrte sich gegen die Annahme eines Gottes, der von außen, wie ein „Uhrmacher“ über allem stehen würde. Wichtig war für ihn die göttliche Kraft, die von innen aus dem Menschen herausströmt. Es kommt zu einer Sensation bei dem Anblick der Sonne. Der Begriff „Flur“ hat beinahe schon die Bedeutung des Anorganischen, denn selbst eine Landschaft in ihrer Gesamtheit mit Gesteinen, Bergen etc. kann lachen („Wie lacht die Flur!“ [16] ). Natur, Sonne, Pflanzen („Es dringen Blüten aus jedem Zweig“ [17] ), Stimmen („Und tausend Stimmen aus dem Gesträuch“ [18] ) und der Mensch am Ende bilden eine klimaxartige Steigerung in diesem Gedicht. Die Natur entfaltet sich und es kommt zu einem Übergang von der „Flur“ und dem „Blütendampfe“ [19] als lexikalischer Neologismus beziehungsweise Wortneuschöpfung über den des Animalischen („Stimmen“) zu dem vielleicht auch Menschlichen („Und Freud und Wonne aus jeder Brust“ [20] ). Man kann diese Entwicklung auch als Prozess einer Metamorphose als Grundgesetz des Werdens und Seins oder der Verwandlung ansehen. Die Erde atmet ein und aus, wie ein eigener Körper.

Es kommt zu einer Kombination aus Farben und Klang, das heißt Onomatopoesie als Laut-/Klangmalerei, die wie eine synästhetische Droge wirkt („Gesang und Luft und Morgenblumen den Himmelsduft“ [21] ).

Insgesamt kann man feststellen, dass gerade der spinozistische Pantheismus sich im 18. Jahrhundert zu einer machtvollen Geistesströmung entwickelte, die dem säkularen Wirklichkeitsverständnis Goethes und seiner Zeitgenossen entgegenkam. Sehr deutlich werden in diesem Frühwerk Goethes die Elemente pantheistischen Denkens, die sich in Form einer gefühls- und stimmungsbetonten Selbsterfahrung des Individuums, den Menschen in seiner leib-seelischen Ganzheit ergreifenden Natur- und Weltfrömmigkeit oder eines Erkenntnisstrebens manifestieren. Die ewige Glückseligkeit bildet das Ziel des Menschen auf Erden: „Sei ewig glücklich“.[22]

1.1.2 Nachtzauber (Joseph von Eichendorff)

Das vorliegende Gedicht ist 1853 entstanden und thematisiert die romantische „Unendlichkeit“ der Natur, die in „Träumen und Phantasien“[23] erfahren wird.

Auf formaler Ebene ist zu bemerken, dass Dichtung, Malerei und Musik in der Romantik ein „Ganzes“[24] beziehungsweise Gesamtkunstwerk bilden. Eine eindeutige Klarheit mit Regeln (Kreuzreim oder Paarreim) wird hier vermieden.

Einerseits besteht die „(Todes-)sehnsucht“, sich in der Natur aufzulösen (Eros und Thanatos), andererseits im eigenen „Inneren“[25] aufzugehen. Gerade die Nacht ist die Zeitspanne, in der der Tod oftmals den Menschen heimsucht.

Gleich zu Beginn des Gedichts kommt es zu einem synästhetischen Feuerwerk aus Akustischem und Räumlichen: „Hörst du nicht die Quellen gehen“ [26] . Ist in der Beschreibung dieses „locus amoenus“ [27] ein Widerspruch vorhanden? Quellen fließen eigentlich nicht wie ein Fluss und bewegen sich auch nicht fort am Boden. Es handelt sich um keinen Fluss, der sich „zwischen“ zwei Enden schlängelt (Quelle und See). Im darauffolgenden Vers „Zwischen Stein und Blumen weit“ [28] , der ebenfalls wie der erste ein Enjambement (Pausen vor „gehen“ und „weit“) aufweist, ist die oppositionelle Rede von Organischem (Blume als wachsendes Lebewesen) und Anorganischem (fester Stein). Das lyrische Ich scheint im Leser die Neugier zu wecken und treibt unermüdlich die Beschreibung voran. Wohin soll der Weg gehen? Die „Waldseen“ [29] deuten auf eine Reise ins Unbewusste und zwar in eine künstliche, parkähnliche beziehungsweise artifizielle Welt, „wo die Marmorstatuen stehen“ [30] . „Gehen“ und „stehen“ können somit wieder als Gegensatz betrachtet werden. Zweiteres ist in der Satzstellung in den vorletzten Vers vorweggenommen. Wer „steigt von den Bergen sacht hernieder“ [31] ? Es ist „die wunderbare Nacht“[32], die das lyrische Ich auf eine Art „Metaebene“ bringt und Erinnerungen weckt. Durch das Partizip Präsens wird die Unmittelbarkeit dieses Vorgangs noch verdeutlicht. Der Leser nimmt wahrlich schon daran teil. Eichendorff arbeitet hier dezidiert mit Personifikationen und Oppositionen. Jetzt wird klar, dass alles eine mentale Repräsentation oder ein Traum ist: „Wie du‘s oft im Traum gedacht“ [33] . Die Realität sieht im Traum jedoch anders aus: glänzend und nicht matt.

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Goethes Sämtliche Werke. Gedichte. Erster Band. Jubiläumsausgabe. Mit Einleitung und Anmerkungen von Eduard von der Hellen. J. G. Cotta‘sche Buchhandlung Nachfolger. Stuttgart und Berlin, S. 46, V. 2.

[2] Goethe, S. 47, V. 20.

[3] S. 47, V. 5.

[4] Ebd., V. 16.

[5] V. 15.

[6] V. 14.

[7] V. 17.

[8] V. 13.

[9] V. 23.

[10] V. 25.

[11] V. 29.

[12] S. 48, V. 33f.

[13] S.o.

[14] S. 46, V. 1f.

[15] Ebd., V. 3.

[16] V. 4.

[17] S. 47, V. 5f.

[18] Ebd., V. 7f.

[19] V. 19.

[20] V. 9f.

[21] V. 26f.

[22] S. 48, V. 35.

[23] Wucherpfennig, Wolf: Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ernst Klett Schulbuchverlag. Leipzig 2009, S. 132f.

[24] Wucherpfennig 2009, S. 133.

[25] Ebd., S. 133.

[26] Eichendorff, Josef von: Gesammelte Werke. Der Gedichte erster Band, hrsg. v. Paul Ernst. Georg Müller. München und Leipzig 1909, S. 303, V. 1.

[27] Topos der Ideallandschaft oder „Lustort“. Durch die Jahrhunderte hindurch wurde dasselbe Ensemble von Baum, Wiese, Quell, Vogelsang u. ä. formelhaft reproduziert, und die noch oft stereotypen Landschaftsschilderungen in den Gedichten Eichendorffs und Brentanos können als Nachklang dieser Tradition angesehen werden. (Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. Verlag J. B. Metzler. Stuttgart/ Weimar 1997., S. 142).

[28] Eichendorff 1909, S. 303, V. 2.

[29] Ebd., V. 3.

[30] Ebd., V4.

[31] Ebd., V. 6ff.

[32] Ebd., V. 8.

[33] Ebd., V. 10.

Details

Seiten
10
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668639706
ISBN (Buch)
9783668639713
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412951
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Schlagworte
naturlyrik eine sachanalyse didaktikanalyse mailied goethe nachtzauber eichendorff komm george

Autor

Zurück

Titel: Naturlyrik. Eine Sachanalyse und Didaktikanalyse. "Mailied" von Goethe, "Nachtzauber" von Eichendorff, "Komm in den totgesagten park und schau" von George