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Konstantin und das “Neue Rom”. Zur Gründung Konstantinopels

Bachelorarbeit 2017 39 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Hauptquellen
2.1 De vita Constantini von Eusebius von Caesarea
2.2 Historia ecclesiastica von Sozomenos
2.3 Breviarium ab urbe condita von Eutropius
2.4 Historia nova von Zosimos
2.5 De rebus bellicis und Origo Constantini von anonymen Autoren

3 Politik als Faktor fur die Grundung Konstantinopels
3.1 Innenpolitik
3.2 AuBenpolitik, StrategieundMilitar

4 Religion als Faktor fur die Grundung Konstantinopels

5 Konstantinopel als das „Neue Rom“

6 Fazit

7 Quellen

8 Literatur

1 Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich als Abschlussarbeit eines ersten Geschichtsstudiums an der Universitat Hamburg zur Erlangung des akademischen Grades eines Bacherlor of Arts mit Kaiser Konstantin und seiner Stadt Konstantinopel, dem „Neuen Rom“, beschaftigen. Vor dem Hintergrund der unglaublich umfangreichen Konstantinforschung, mit der wohl, wenn uberhaupt, einzig die Zuwendung zum Kirchenvater Augustinus von Hippo im Zeitraum der Spatantike verglichen werden kann,[1] erscheint das folgendes Zitat als Einstieg in das Thema sehr passend:

„Konstantinforschung gleicht einem Kaleidoskop. Je nachdem, wie man es dreht, erscheinen immer neue bunte und uberraschende Muster. Das Spiel der Farben fasziniert, daher wird man des Drehens und Staunens nicht mude. Und doch sind die bunten Steinchen, an denen sich das Licht bricht, immer die gleichen. Es ist eine uberschaubare Zahl von Elementen, die eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Figuren hervorbringt.“[2]

Dieses Kaleidoskop wird mit der Zeit immer vielfaltiger, da seit der Jahrtausendwende im Durchschnitt mehr als eine Monografie pro Jahr zum „Vorreiter der Christenheit“ publiziert wurde.[3] Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Aufsatze und Ausstellungen, in deren Katalogen sich ebenfalls Essays zu Konstantin finden lassen. Die Vielfalt lasst allerdings eines vermissen: ein einheitliches Bild von Konstantin.[4] [5] Um bei einem Farbbild, passend zum Kaleidoskop zu bleiben:

„Auf einer Farbskala aufgetragen wurde seine Personlichkeit in alien Schattierungen schillem, von strahlend hell bis tiefschwarzU An dieser Stelle drangt sich naturlich die Frage auf, warum auch die vorliegende Arbeit Konstantin behandelt, also scheinbar lediglich eine Erweiterung des Kaleidoskops sein kann, „schon anzusehen“, aber nur bedingt relevant wegen der Vielfalt der bereits vorliegenden Untersuchungen. Sich genau auf diese Beliebtheit zu berufen genugt hier nicht. Vielmehr muss angemerkt werden, dass die Untersuchungen zu Konstantin oft ahnliche Ziele verfolgen, namlich Konstantins Einstellung zum Christentum zu ergrunden. Die Ergebnisse zeigen Konstantin einerseits als uberzeugten Christen von Anfang an, andererseits als bekehrten Heiden. In der Bestimmung des Zeitpunkts seiner Hinwendung zum Christentum finden sich jedoch unterschiedliche Fazite. Daruber hinaus wird Konstantin als Machtpolitiker, der den Glauben als Instrument nutzte, und Konstantin als privater Christ, aber als eher „klassischer“ romischer Kaiser dargestellt. Daneben gibt es sicher noch zahlreiche weitere Meinungen zu seiner Glaubenseinstellung.[6] Eine solche Intention liegt dieser Arbeit nicht zugrunde, denn neben Konstantin behandelt diese Arbeit auch Konstantinopel als Nova Roma. Somit ist das Ziel der Arbeit nicht, einen neuen oder alten Konstantin in Bezug auf seinen Glauben zu konstruieren, sondern ihn in Bezug auf die Grundung Konstantinopels zu untersuchen. Besonders im Bezug auf die Frage, warum Konstantin die Stadt am Bosporus grundete, werden Antwortvorschlage gegeben, denn diese Fragestellung findet in wissenschaftlichen Untersuchungen vergleichbar wenig Aufmerksamkeit. In Hinsicht auf Konstantinopel als das „Neue Rom“ drangen sich ebenfalls Fragen auf, beispielsweise ob Konstantinopel als Nova Roma geplant worden war. Aber auch diese Frage lasst sich unter dem „Warum“ zusammenfassen. Somit wird folgende Frage leitend durch diese Arbeit fuhren:

Warum grundete Konstantin Konstantinopel?

Um sich moglichen Antworten zu der vorliegenden und weiteren daraus resultierenden Fragen nahem zu konnen, mussen Reize herausgearbeitet werden, die Konstantin zur Grundung veranlasst haben konnten. Zudem muss erortert werden, welcher Art seine Motivationen waren. Um das zu erreichen, wird die Leitfrage von unterschiedlichen Perspektiven aus betrachtet. Aspekte wie Religion und Politik, sowohl Innenpolitik als auch AuBenpolitik, scheinen dabei besonders vielversprechend, wobei AuBenpolitik hier vor allem im strategisch-militarischen Sinn verstanden werden muss. Kern dieser Arbeit ist es also, die gestellte Leitfrage aus den eben aufgefuhrten Blickwinkeln zu betrachten und zu erortern, ob und inwieweit diese mit der Errichtung Konstantinopels zusammenhangen konnten. Zudem bleibt die im Titel implizierte Frage zu klaren, ob Konstantinopel auch gegrundet wurde, um Rom durch das „Neue Rom“ abzulosen oder der Mutterstadt zumindest eine gleichwertige Schwester gegenuberzustellen. Um Antworten hierauf zu finden, bietet es sich naturlich an, auch das bereits erwahnte umfangreiche Material der Konstantinforschung zu nutzen. An dieser Stelle sind die bereits zitierten Werke von Klaus Rosen und Martin Wallraff zu erwahnen, die sich vor allem mit den eng verwobenen Themen der Machtpolitik Konstantins, seiner Religionspolitik und seinem allgemeinen Verhaltnis zu Religion beschaftigen. Mit Constantine the Emperor von David Potter (2013) und Constantine von Timothy Barnes (2011) haben aber auch Konstantinmonografien aus dem englischen Sprachraum Einfluss auf diese Arbeit. Daneben werden auch mehrere Aufsatze in englischer und deutscher Sprache, sowohl explizit Konstantin behandelnd als auch Konstantinopel und Rom, vergleichend Beachtung finden. Exemplarisch genannt werden konnen hier Konstantin der Grofie: Reformer der romischen Welt von Bruno Bleckmann (2007), Das Christentum im Denken und in der Politik Kaiser Konstantins d. Gr. von Klaus Martin Girardet (2007) und Old and New Rome Compared: The Rise of Constantinople von Bryan Ward-Perkins (2012). Wie letzterer Titel tragt auch das Werk Constantinopolis und Roma von Gudrun Buhl (1995) dazu bei, die offenen Fragen zu Konstantinopel als das „Neue Rom“ zu behandeln. Hier ist es zudem wichtig, neben schriftlichen Primarquellen auch die Numismatik in Ansatzen zu berucksichtigen. Zu klaren beibt nun noch, welche bunten Steinchen, an denen sich das Licht bricht“ aus der uberschaubaren Zahl von Elementen um hier erneut auf das erste Zitat von Wallraff zuruckzugreifen, zu wahlen sind, um das vorliegende Thema erfolgreich behandeln zu konnen. In Hinsicht auf die Unterschiede innerhalb der Primarquellen bei der Beurteilung des Wirkens von Konstantin scheint klar, dass hier eine Mehrzahl an Quellen genutzt werden sollte, um eine Balance zu erzeugen. Neben Auszugen aus der Vita Constantini von Eusebius von Caesarea und Sozomenos’ Historia ecclesiastica tragen auch Teile von Zosimos’ Historia nova, Eutropius’ Breviarium ab urbe condita sowie Ausschnitte der von anonymen Autoren verfassten Werke Origo Constantini und De rebus bellicis dazu bei, Licht auf das zu behandelnde Thema zu werfen. Bevor aber mit der Erorterung der Kernfrage dieser Arbeit begonnen werden kann, ist es sinnvoll, zunachst die Hauptquellen und - falls moglich - deren Autoren kurz zu betrachten, um einen Eindruck zu bekommen, wie die Texte einzuordnen sind. Weiterfuhrende Kritik an den Quellen erfolgt dann im Einzelfall punktuell. Unter Verwendung der aufgefuhrten Mittel wird am Ende dieser Arbeit ein Fazit betreffend Konstantins „Neues Rom“ und generell zur Grundung Konstantinopels gezogen.

2 Die Hauptquellen

An dieser Stelle werden zunachst, wie angekundigt, die benutzten Quellen und gegebenenfalls deren Verfasser grob vorgestellt, um sie so richtig einordnen zu konnen und ihre Aussagekraft fur das zu behandelnde Thema zu bestimmen. Dies scheint besonders wichtig, da es sich bei den benutzten Texten um Ausschnitte aus verschiedenen Werken, geschrieben von unterschiedlichen Autoren handelt, die sich in ihren Hintergrunden und Intentionen teilweise sehr voneinander abheben.

2.1 De vita Constantini von Eusebius von Caesarea

Eusebius’ De vita Constantini ist die ausfuhrlichste zeitgenossische Quelle zu Konstantins Regierungszeit und darf daher in einer Arbeit zum Grunder des Konstantinopels nicht unbeachtet bleiben.[7] Eusebius, etwas vor 264 geboren und um 339/340 gestorben, war spatestens ab 315 Bischof von Caesarea und gilt als „Vater der Kirchengeschichte“. Neben seiner Tatigkeit als Schriftsteller trat Eusebius auch als kirchenpolitischer Akteur auf und hielt als Zeitgenosse Konstantins und als geachtetes Mitglied der neuen bischoflichen Elite zur DreiBigjahresfeier des Kaisers eine Ansprache. Er gehorte also zu den zentralen Figuren des reichskirchlichen Verbandes.[8] So erstaunt es auch nicht, dass die Vita Constantini eine recht asymmetrische Ubersicht uber die Regierungszeit Konstantins gibt.[9] Eusebius begrundet das wie folgt:

,, [...] da das Ziel meines vor mir liegendes Werkes nahelegt, allein das, was sich auf das Gott wohlgefallige Leben bezieht, zu erzahlen und aufzuschreiben. 2.Daes sich auch dabei um unzahlige Dinge handelt, habe ich nur das Wichtigste und das, was fur die Menschen, die nach uns kommen, erwahnenswert ist, ausgewahlt.“[10]

Hier prasentiert sich bereits die groBe Schwierigkeit, wenn dieses Werk als Quelle dienen soil. Denn die 'Vita Constantini ist eindeutig eine kirchliche Idealisierung Konstantins des GroBen, auch wenn sie Aspekte einer Biografie und eines Panegyricus aufweist.[11] [12] Jacob Burckhardt verurteilte seinerzeit Eusebius als Inbild „des widerlichsten aller Lobredner“ und „andachtigen Frommlers“.u Auch wenn diese AuBerung sehr personlich und urteilend anmuten muss und damit nicht mehr zeitgemaB ist, zeigt sie doch ganz deutlich die Problematik, die der Vita Constantini aufgrund ihres Verfassers innewohnt. Eusebius’ Texte zu Konstantin durfen also nur mit dem notigen Bewusstsein zu ihrer Entstehung als Quellen dienen und mussen entsprechend mit Vorsicht und gesundem Vorbehalt behandelt werden.

2.2 Historia ecclesiastica von Sozomenos

Salamanes Hermeias Sozomenos stammte aus dem zum Bezirk von Gaza gehorenden Dorf Bethele(h)a, wo er von Monchen „bekehrt“ und unterrichtet wurde.[13] Nach der Ausbildung durch die Monche absolvierte er ein juristisches und rhetorisches Studium, zudem war er 440 als aktiver Rechtsanwalt tatig, womit er Ruckschlussen zu urteilen nach kurz vor 380 geboren worden sein muss.[14] Seine Kirchengeschichte ist, wie der Name schon verrat, ebenfalls eine vom christlichen Glauben beeinflusste Quelle und dem Kaiser Theodosius II. gewidmet. Mit diesem Werk folgt Sozomenos dem Vorbild des Eusebius und orientiert sich oft an seinen Vorgangem, vor allem an der Kirchengeschichte des Sokrates.[15] Grundthema von Sozomenos ist die Bekehrung vom hellenistischen Glauben zum Christentum, womit sich das Werk sowohl an Christen als auch an nichtchristliche Leser wendet, dabei aber eine gewisse klassische antike Bildung voraussetzt. Aufgeteilt in neun Bucher, interessieren fur diese Arbeit allerdings lediglich die ersten beiden Teile der Historia ecclesiastica, die Konstantin behandeln. Sozomenos betont im Zusammenhang mit von ihm genutzten „haretischen“ Schriften die Wichtigkeit der Wahrheit in der historia wie folgt:

,,Da es jedoch im Sinne der unverfalschten Geschichte vor allem der Wahrheit nachzuspuren gilt, habe ich es fur unumganglich gehalten, soweit als moglich auch derartige Schriftstucke zu studieren.“[16]

Diese Schriftstucke waren aber keineswegs neutral selektierte archivierte Uberbleibsel,[17] und so ist Sozomenos’ Kirchengeschichte genau wie die 'Vita Constantini, wenn auch nicht in einem solchem MaB, als das zu sehen, was sie ist, namlich eine christliche Quelle, mit all den Interessen einer solchen verfasst und mit den entsprechenden Vor- und Nachteilen hier zu benutzen.

2.3 Breviarium ab urbe condita von Eutropius

Eutropius’ Werk Breviarium ab urbe condita richtet sich an Kaiser Valens und besteht aus zehn knapp gehaltenen Buchern. Uber Eutropius’ Leben ist relativ wenig bekannt, zumindest lasst der Autor selbst lediglich durchblicken, dass er am Perserfeldzug im Jahr 363 unter Kaiser Julian teilnahm. Trotzdem wird vermutet, dass Eutropius nach seiner Geburt um 324 irgendwann im ostlichen Teil des Reiches eine Burokratenlaufbahn als Schreiber im kaiserlichen Sekretariat begann und es bis zum proximus, dem hochsten Rang brachte.[18] Ammianus informiert daruber hinaus, dass ein Eutropius im Jahr 371 Statthalter in Asia war.[19] Ziel des Werks durfte es gewesen sein, in ubersichtlicher Form einen Geschichtsuberblick zu geben, gepaart mit der Intention, den Lesern, entgegen der verbreiteten Meinung von einem Niedergang des Reiches, ein starkes Imperium zu prasentieren. Ahnlich wie zu seinem Lebenslauf lasst sich auch in Bezug auf seine religiose Gesinnung kein eindeutiges Urteil fallen, denn einzig das >Fehlen christlicher Themen lasst vermuten, dass Eutropius Anhanger des alten Glaubens war, wenigstens scheinen religiose Aspekte sein Werk nicht auffallend beeinflusst zu haben.[20]

2.4 Historia nova von Zosimos

Zosimos (Historicus) gilt als der „letzte heidnische Geschichtsschreiber“, womit seine Neue Geschichte das notige Gegengewicht zu den beiden christlichen Quellen bilden soil. Chronologisch einzuordnen ist sein Werk spater als die Vita Constantini und Historia ecclesiastica, da er im spaten 5. Jahrhundert und uber die Wende zum 6. Jahrhundert gelebt haben muss. Als seine Heimat wird der syrisch-palastinensische Raum angesehen und er bekleidete spater das Amt des advocatus fisci, was ein abgeschlossenes juristisches Studium voraussetzte.[21] Mit seiner um 500 n. Chr. angesiedelten Lebenszeit gelten andere Gegebenheiten als beispielsweise noch fur Eusebius, denn das Christentum hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon fast vollstandig gegen das „Heidentum“ durchgesetzt. Entsprechend konnte erwartet werden, dass Zosimos als Anhanger des alten Glaubens in seiner Schrift unerbittlich gegen das Christentum vorgeht. Vielmehr scheint er sich aber dem Zeitgeist anzupassen und spricht sich nach Otto Veh nur an einer einzigen Stellen explizit gegen die christliche Lehre als solche aus und das in Verbindung mit Konstantin dem GroBen.[22]

„Und da sich der Kaiser dieser Verbrechen und dazu derartiger Eidbruche bewuBt war, wandte er sich an die Priester und verlangte Suhneopfer fur seine Untaten. Als dieser aber antwortete, es gebe keine Suhnungsart, welche solch riesige Gottlosigkeiten ungeschehen machen konne, siehe, da kam ein Agypter aus Spanien [...]. Dabei versicherte er dem Kaiser, der Christenglaube reinige von jeder Sunde und trage die VerheiBung in sich, daB die Gottlosen, sofem sie ihn annahmen, auf der Stelle vonjeder Schuld befreit wurden.‘ [23]

Dennoch klingt aus der Neuen Geschichte klar heraus, dass der Verfasser die negative Entwicklung des Romischen Reiches hauptsachlich auf religiose Ursachen zuruckfuhrt, zudem soil sein Werk den wenigen verbliebenen Anhangem Trost spenden und Mut machen, um sie der lahmenden Hoffnungslosigkeit zu entreiBen. Daneben lasst sich zudem ein Appell an den Staat nach mehr Toleranz erkennen, die dem Reich mehr inneren Frieden bringen soil.[24] Da diese Quelle aber auch in Hinsicht auf ihre Aussagekraft fur die vorliegende Arbeit vorgestellt wird, bleibt noch zu klaren, warum Zosimos sich ausgerechnet in Bezug auf Konstantin zu einem so ungewohnlich scharfen Urteil uber das Christentum hinreiBen lasst. Die zitierte Passage beschreibt Konstantins Hinwendung zum Christentum. Als Grund dafur werden die von ihm angeordnete vorangegangene Ermordung seines Sohnes Crispus und seiner Frau Fausta aufgefuhrt und der daraus resultierende Wunsch nach Vergebung, die ihm von den traditionellen Gottern verwehrt blieb. Zosimos scheint hier so unverhohlen wertend zu schreiben, da dieser Szene die Wurzel des „Ubels“ zugrunde liegt. Denn mit der unmoralisch motivierten Hinwendung Konstantins zum Christentum nehmen der Untergang des alten Glaubens und damit die negative Entwicklung der Geschichte ihren Lauf. Auch wenn danach kein direkter Angriff mehr auf das Christentum folgt, so hat Zosimos doch mit der Verwerflichkeit dieser Szene der christlichen Lehre eine bestandige, wenn auch subtile, negative Note beigefugt. Anhand weiterer Zitate im Rahmen der Leitfrage wird sich im Verlauf der Arbeit noch herausstellen, ob Zosimos Konstantin als „Begrunder des Christentums“ zu einer Art Blitzableiter seiner negativen Gefuhlen fur das Christentum umfunktioniert oder ob er dessen Wirken auch positive Seiten abgewinnen kann. An dieser Stelle kann aber zumindest festgehalten werden, dass Zosimos’ Historia nova als Gegengewicht zu Eusebius’ 'Vita Constantini geeignet scheint.

2.5 De rebus bellicis und Origo Constantini von anonymen Autoren

Die Datierung und den Entstehungszeitraum von Werken anonymer Verfasser zu bestimmen ist seiten einfach. Gerade aus diesem Grund finden sich oft mehrere Vorschlage, so auch beim genannten Werk De rebus bellicis, welches z. T. in die Regierungszeit Valentinians I. und Valens’, z. T. in die des Constantius II. datiert wird.[25]

Die Origo Constantini wird zeitnah in das spate 4. Jahrhundert eingeordnet.[26] Wahrend aus den einleitenden Bemerkungen im De rebus bellicis zumindest noch hervorgeht, dass der Autor zum Verfassungszeitpunkt privatus war, also kein offentliches Amt bekleidete,[27] lassen sich beim Verfasser der Origo Constantini weder Hinweise auf politische, militarische oder ahnliche Laufbahnen finden noch werden besondere Interessen oder Neigungen erkennbar.[28] Auch uber die geografische Zuordnung lasst sich in beiden Fallen keine sichere Antwort geben, stattdessen herrschen sich widersprechende Theorien vor.[29] Angesichts der unbefriedigenden Antworten drangt sich naturlich die Frage auf, wodurch sich diese Werke fur die vorliegende Arbeit als brauchbare Quellen qualifizieren. Der Schlussel zu dieser Frage liegt in der fehlenden religiosen Intention hinter dem Verfassen dieser Werke. Durch das Fehlen dieses Motives heben sich diese beiden Quellen von den vorangegangenen ab und erreichen einen weit hoheren Grad an Neutralist Konstantin gegenuber. De rebus bellicis ist vielmehr ein Werk, das sich mit waffentechnischen Fragen und Reformvorschlagen beschaftigt, um der zunehmenden Bedrangung und dem sich anbahnenden Niedergang des Romischen Reiches entgegenzuwirken.[30] Etwas undurchsichtiger scheint das Ziel der Origo Constantini, denn eine Biografie durfte nicht mit einem Satz uber die Regierungsdauer Diokletians und Maximians beginnen, wie es hier der Fall ist. Wahrscheinlicher scheint, dass die Origo Teil einer groBeren, biografisch angelegten Kaisergeschichte war.[31]

,,Diocletianus cum Herculio Maximiano imperavit annos XX.‘[32]

Das Werk zeichnet sich aber besonders durch Detailreichtum, historische Zuverlassigkeit, eine knappe Form und eine ungewohnliche Sachlichkeit gegenuber der Figur Konstantin aus. Zudem versucht der Verfasser, auf politische Zusammenhange zu verweisen, und lasst keine erkennbaren Sympathien fur Heiden oder Christen erkennen.[33] Alles in allem bilden Origo Constantini und De rebus bellicis also eine

[...]


[1] Vgl. Wallraff, M.: Sonnenkonig der Spatantike. Die Religionspolitik Konstantins des Grofien. Freibuig u. a. 2013, S. 7 f.

[2] Ebd., S. 7.

[3] Vgl. ebd., S. 185.

[4] Vgl. Rosen, K.: Konstantin der Grofie. Kaiser zwischen Machtpolitik und Religion. Stuttgart 2013, S. 10.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Wallraff2013,S. 7f.

[7] Vgl. Bleckmann, B. (Einl.); Schneider, H. (Ubers. und Komm.): Eusebius von Caesarea: De vita Constantini. Uberdas LebenKonstantins. (Fontes Christiani, Bd. 83). Tumhout2007, S. 9.

[8] Vgl. ebd., S. 12 ff.

[9] Vgl. ebd., S. 15.

[10] Eus. vita Const. 1, 11, 1-1, 11, 2; vgl. ebd., S. 27.

[11] Vgl. Bleckmann (Einl.); Schneider (Ubers und Komm.) 2007, S. 27.

[12] Stahelin, F. (Hrsg.): Burckhardt, J.: Die Zeit Constantins des Grofien. Berlin 1929, S. 253, zit. n. Heinze, T.: Konstantin der Grohe und das konstantinische Zeitalter in den Urteilen und Wegen der deutsch-italienischen Forschungsdiskussion. (Quellen und Forschungen zur antiken Welt, Bd 45). Munchen 2005, S. 85.

[13] Vgl. Hansen, G. C. (Ubers. und Einl.): Sozomenos: Historia ecclesiastica. Kirchengeschichte. (Fontes Chistiani, Bd. 73/1). Tumhout 2005, S. 11.

[14] Vgl. ebd., S. 17 ff.

[15] Vgl.ebd.,S.63f.

[16] Soz. hist. eccl. Widmung 16.

[17] Vgl. Hansen (Ubers. und Einl.) 2005, S. 29.

[18] Vgl. Bird, H. W. (Intr. and Comm.): Eutropius. The breviarium ab urbe condita. Liverpool 1993, S.7ff.

[19] Vgl. ebd., S. 14.

[20] Vgl. Bird 1993, S. 18-57.

[21] Vgl. Veh, O. (Ubers. und Einl.); Rebenich, S. (Erl.): Zosimos: Neue Geschichte. (Bibliothek der griechischenLiteratur, AbteilungklassischePhilologie,Bd. 31). Stuttgart 1990, S. 1 f.

[22] Vgl. ebd., S. 19.

[23] Zos. hist. 2, 29, 3.

[24] Vgl. Veh (Ubers. und Einl.); Rebenich (Erl.) 1990, S. 21f.

[25] Vgl. Brandt, H.: Zeitkritik in der Spatantike. Untersuchungen zu den Reformvorschlagen des Anonymus De rebusbellicis. (Vestigia, Bd. 40). Munchen 1988, S. 3 f.

[26] Vgl. Konig, I. (Text und Komm.): Anonymus Valesianus: Origo Constantini. (Trierer historische Forschungen, Bd. 11). Trier 1987, S. 26 f.

[27] Vgl. Brandt 1988, S. 8 f.

[28] Vgl. Konig (Text und Komm.) 1987, S. 5.

[29] Vgl. ebd., S. 5, S. 27, und Brandt 1988, S. 9.

[30] Vgl. Brandt 1988, S. 1.

[31] Vgl. Konig (Text und Komm.) 1987, S. 29.

[32] Anon, origo Const. 1,1.

[33] Vgl. Konig (TextundKomm.) 1987, S. 5, S. 19.

Details

Seiten
39
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668639478
ISBN (Buch)
9783668639485
Dateigröße
677 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412890
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
konstantin neue rom” gründung konstantinopels
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Titel: Konstantin und das “Neue Rom”. Zur Gründung Konstantinopels