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Ein Vergleich des Unvergleichbaren? Der Populismus in Europa und Lateinamerika in komparativer Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 33 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Populismus – Annäherung an eine Definition
2.1 Populismus als Ideologie
2.2 Populismus als politische Strategie

3. Die Entwicklung des Populismus – ein Überblick
3.1 Die drei Wellen des Populismus in Lateinamerika
3.1.1 Der historische Populismus
3.1.2 Der Neo-Populismus
3.1.3 Die Neue Linke
3.2 Der (Rechts-) Populismus in Europa

4. Europas und Lateinamerikas Populismus im Vergleich
4.1 Zwei Pole des Populismus
4.1.1 Wirtschaft versus Identität
4.1.2 Inklusion versus Exklusion.
4.2 Gemeinsamkeiten der Populismen
4.2.1 Gemeinsamkeiten des populistischen Konzepts
4.2.2 Populismus und Medien

5. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Tab.1 Populisten in Lateinamerika nach Susanne Gratius (2007)

Tab.2 Rechtspopulisten in Europa nach Michael Jungwirth (2002)

Tab.3 Wahlergebnisse von Populisten in nationalen Wahlen 1990-2010 (Auswahl)

1. Einleitung

Der Titel der vorliegenden Arbeit zeugt von den Schwierigkeiten des Forschungsfeldes. Bei der Analyse des Populismus richtet sich der Blick auf zwei Kontinente, deren historischer, soziökonomischer, politischer und kultureller Kontext zum Teil weit auseinander klafft. Nicht nur deshalb unterliegt bereits die genaue Einordnung des Begriffs „Populismus“ einem ständigen Diskurs, der je nach zeitlicher Epoche divergente Erkenntnisse hervorbringt. Konstruiert sich der Begriff heuristisch lediglich aus der isolierten Betrachtung einer Region? Kann überhaupt eine globale Klärung des Populismus gefunden werden?

Eine sehr allgemeine Definition gibt Dieter Nohlen im Lexikon der Politikwissenschaft, indem er ihn als „mehrdeutig verwendeten Begriff extrem unterschiedlicher Bewertung“ charakterisiert.[1] Doch bereits im Kontext dieses einfach gehaltenen Lexikonbeitrags muss der Autor auf die regionalspezifische Konnotation des Phänomens verweisen, die selbiges in völlig unterschiedlichem Licht erscheinen lässt.[2] Paul Taggart deutet ihn deshalb treffend als „difficult, slippery concept.“[3] Blickt man weiter in die Literatur unter diesem Stichwort wird ersichtlich, dass der eine Populismus wohl keinesfalls kategorisierbar ist. Es verwundert nicht, wenn Karin Priester von der „Annäherung an ein Chamäleon“[4] spricht oder Nikolaus Werz selbst darauf verweist, dass ein global geltender Typus nicht existiert, bzw. immer national gefärbt ist.[5] Hans-Jürgen Puhle bemerkt die zeitlichen Umstände, die zur Analyse notwendig sind. So können „Populismen in unterschiedlichen Perioden inhaltlich sehr verschieden sein und unterschiedliche Schwerpunkte setzen.“[6] Derselbe Autor kommt jedoch zu einem weiteren Schluss, der für diese Arbeit essentiell ist: Trotz der diversen inhaltlichen Ausprägungen scheinen „populistische Techniken und Instrumente zu allen Zeiten durchaus ähnlich zu funktionieren.“[7] Genau auf dieser Basis muss die Frage gestellt werden, ob sich allgemeine Charakteristika in einer globalen Perspektive aufzeigen lassen und wenn ja, wie das Konzept des Populismus beschaffen ist.

Im zweiten Kapitel erfolgt dazu eine theoretische Verortung des Begriffs. Aus dem Sammelsurium sozialwissenschaftlicher Literatur konzentriert sich die Untersuchung auf jene Ansätze, welche für die hier aufgeworfenen Fragen am ergiebigsten erscheinen. Besonders die Analogie von politischer Strategie und dünner Ideologie werden näher beleuchtet.

Kapitel drei widmet sich der deskriptiv- analytischen Perspektive auf die regionalen Ausformungen der Populismen. Eine vollständige Darstellung aller Länderbeispiele sprengt freilich den Rahmen der Arbeit. An ihre Stelle tritt eine allgemeine Illustration gültiger Kriterien auf beiden Seiten des Atlantiks, vorerst mit regionalem Bezug.

Im vierten Kapitel können mit diesem Fundament Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt werden. Die Abstraktion des Begriffes erlaubt die komparative Analyse, trotz der regionalen Eigenarten des Populismus. Es zeigt sich, inwieweit gemeinsame Charakteristika existieren, ob ideologisch oder politisch-strategisch.

Der Vergleich zwischen den beiden Kontinenten offenbart die verschiedenen Herangehensweisen der Regionalforschung an die Erscheinung. Während auf der westlichen Seite des Atlantiks dem Populismus spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts große wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt wird, entwickelt er sich in Europa erst seit den 1990er Jahren zum Stichpunkt auf der Forschungsagenda. Die Wahlerfolge von „Rechtspopulisten“ in weiten Teilen Europas erwecken die wissenschaftliche Neugier nach dem Wesen des Populismus. In den letzten zwei Jahrzehnten egalisiert die Menge an Publikationen daher den „verspäteten“ Blick auf dieses Feld. Mudde und Kaltwasser verweisen ebenfalls auf Unterschiede des wissenschaftlichen Diskurses. Die Populismusforschung in Lateinamerika betrachtet ihn multiperspektivisch. Von einer Gegenüberstellung zum Faschismus zur politisch, ökonomischen Strategie bis hin zu einer historisch gewachsenen politischen Kultur reicht die Literatur. Unterdessen sehen ihn europäische Wissenschaftler vorrangig als rein politisches Phänomen, besonders als eines der „Postmoderne“.[8]

Es überrascht nicht, dass diverse Sozialwissenschaftler ihre theoretischen Argumente zumeist aus der Betrachtung einer Region gewinnen. Von besonderer Relevanz für diese Arbeit sind neben den Klassikern von Gino Germani (1978) Authoritarianism, Fascism, and National Populism oder Margaret Canovan (1981) Populism die Werke von Ernesto Laclau (2005) On Populist Reason und vor allem von Nikolaus Werz (z.B. 2003; Hrsg.), Populismus. Populisten in Übersee und Europa. Das Herausgeberwerk bietet eine theoretische und praktische Auseinandersetzung mit dem Populismus in Lateinamerika. Zudem gewähren weitere Aufsätze darin den Blick auf den Populismus als theoretisches Konstrukt (Hans Jürgen Puhle, Zwischen Protest und Politikstil: Populismus, Neo-Populismus und Demokratie) sowie auf seine geographischen Gesamtheit. Für die Theorie unausweichlich ist außerdem Paul Taggarts Arbeit Populism (2000) in dem mit historischem Bezug metaphysischer Elemente des Populismus klassifiziert werden.

Einen großen Beitrag für die Analyse des Neopopulismus und für das Verständnis desselben als politische Strategie leistet Kurt Weyland in einer Vielzahl von Aufsätzen (z.B. 1996), Neopopulism and Neoliberalism in Latin America: Unexpected Affinities. Die Konzentration auf die Ökonomie ermöglicht ihm schon Ende der 1990er eine vergleichende Perspektive zwischen den Kontinenten.[9] Susanne Gratius komplettiert die Sicht auf den amerikanischen Subkontinent mit ihrer Arbeitspapier The “Third Wave of Populism” in Latin America (2007) und konkretisiert den roten Faden der Historie des Populismus.

Auf europäischer Seite müssen, neben gerade Genannten, die Untersuchungen von Karin Priester (z.B. 2012) Rechter und linker Populismus. Annäherung an ein Chamäleon und primär zum Rechtspopulismus Frank Decker (z.B. 2004 in 2. Auflage.) Der neue Rechtspopulismus hervorgehoben werden. Wenngleich ein klarer regionaler Fokus bei beiden nicht übersehbar ist, gelten ihre Schlussfolgerungen in einer interkontinentalen Reichweite.

Hauptsächlich Cas Mudde und Christóbal Rovira Kaltwasser sind Initiatoren eines analytischen Vergleichs. Unmissverständlich beschäftigen sich bereits vorher erwähnte Autoren mit einer überregionalen Kategorisierung des Begriffs, aber vor allem mit dem Arbeitspapier Voices of the peoples: Populism in Europe and Latin America compared (2011) stoßen Mudde und Kaltwasser eine neue Forschungsagenda an. Genau in diese verhältnismäßig junge Debatte steigt die vorliegende Arbeit ein.

Ziel der eigenen Ausarbeitung ist die Antwort auf die Frage: Ist der Populismus zwischen den beiden Kontinenten überhaupt vergleichbar? Zudem richtet sich das Interesse auf den praktischen Vergleich der regionalen Ausformung des Phänomens. Gibt es neben all den Differenzen auch Parallelen, die bei der globalen Charakterisierung des Begriffs hilfreich sind? Die These reiht sich nahtlos an Puhles Meinung an: Trotz der nationalen Eigenarten, dem kontinentalen Kontext und den kulturell und sozioökonomisch divergenten Umständen weist der Populismus Merkmale auf, die in der alten und der neuen Welt gleichsam existieren.

2. Populismus – Annäherung an eine Definition

Diese Kapitel widmet sich dem Versuch allgemeine Muster des Populismus aufzuzeigen. Maßgeblich hängt es davon ab, welchen Typus man dem Populismus zuordnet. Es kann an dieser Stelle keine vollständige Auseinandersetzung mit dem theoretischen Diskurs dieses diffusen Begriffs erfolgen. Einen bibliographisch guten, wen auch nicht gänzlich vollständigen Überblick zu der „Chronologie der Populismus-Definitionen“ gibt Robert Nyenhuis. In seiner tabellarischen Übersicht nimmt er Bezug auf die unterschiedlichen Perioden des theoretischen Diskurses, besonders in einem europäisch- lateinamerikanischen Vergleich.[10] Vielmehr vertieft nachfolgender Abschnitt die von Christóbal Rovira Kaltwasser getroffene Gegenüberstellung von politischer Strategie und „dünner Ideologie.“[11]

2.1 Populismus als Ideologie

Wenngleich Ernesto Laclau den Populismus nicht genau zwischen Bewegung und Ideologie verorten möchte, sind seine Erkenntnisse hilfreich für die weitergehende Analyse. Der argentinische Schüler von Gino Germani[12] fordert eine Abkehr der bloßen Aneinanderreihung der Definitionen populistischer Einzelfälle, um zu einem universellen Ansatz zu gelangen. Er kritisiert beispielsweise die „Typologien“ der englischen Theoretikerin Margaret Canovan und beschreibt sie eher als: „a map of the linguistic dispersion that has governed the uses of the term 'populism'.“[13] Kaltwasser kategorisiert den Populismus unter anderem als ein politisches Laboratorium, für dessen Verständnis Laclaus „Logik der Differenz“ und Logik der Äquivalenz“ einen herausragenden Beitrag leistet.[14] Ein Kernelement in der Argumentation von Laclau ist die Herausbildung einer kollektiven bzw. populären Identität und darin inhärent die Berufung auf „das Volk“ und den Diskurs gegen die herrschende Elite.[15] In seiner Auseinandersetzung mit den Arbeiten vieler bekannter Populismusforscher kommt er ebenso zu dem Schluss, dass der Populismus selbst nicht in Gänze als Ideologie zu definieren sei. Wohl aber konstruiert er sich aus den sozialen und ideologischen Realitäten, bzw. ist Ausdruck der sozialen Realität oder aktuellen Situation.[16] Der Populismus ist deshalb kein starres Gebilde mit festgeschriebener ideologischer Determinante, sondern bildet mit der Integration des „Volkswillens“ ein metaphysisches Konzept, das seinerseits aufnahmefähig für ideologische und Identitäts- stiftende Strömungen ist. Mit Bezug auf Kenneth Minogue erklärt Laclau damit eine klare Grenzziehung zwischen der Rhetorik einer Bewegung und ihrer manifestierten Ideologie für nicht möglich.[17]

Durch die Berücksichtigung der aktuellen sozialen Situation erlangt das „populistische Moment“ an Gewicht. Es tritt laut Puhle in den Zeiten „der drohenden Verkrustung des Systems, der Phantasielosigkeit der Etablierten und der notwendigen Erneuerung“ auf.[18] Karin Priester folgt diesem Argument und versteht das Moment als Reaktion auf die Tendenz „entideologisierter Volksparteien zu Kooperation, Konkordanz und Interessenausgleich.“[19] Als ideologisches Konstrukt des Populismus klassifiziert sie in einem vorrangig eurozentrierten Ansatz den Drang nach Freiheit, wobei nicht eindeutig ist, von wem oder was sich befreit werden muss.[20] Populismus lehnt den Status quo demnach ab, ausgelöst durch eben beschriebenes Moment, welches gleichzeitig die politische Richtung des „Protestes“ vorgibt. Angepriesen wird hierbei oftmals rückwärtsgewandt eine bessere Vergangenheit, die Taggart mit „Heartland“ betitelt. Ungeachtet des zeitlichen Kontextes beschreibt das „Heartland“ eine idealisierte Vorstellung des guten Lebens, bzw. eine Verkörperung der „positive aspects of everyday life.“[21] Speziell Taggart stellt deutlich heraus, dass jenes ideelle Fundament keineswegs rationaler Logik entspringen muss, sondern sich wahrscheinlicher aus emotionalen Befindlichkeiten heraus konstruiert.

Cas Mudde definiert den Populismus weiter als „ideology that consider society to be ultimately separated into two homogenous and antagonistic groups, ‘the pure people’ versus ‘the corrupt elite’, and which argues that politics should be an expression of the general will of the people.”[22] Mudde erläutert so drei ideologische Bausteine des Populismus in Ergänzung zu den bisherigen Erkenntnissen. Im Populismus richtet sich, wie schon Laclau es beschreibt, das reine Volk („the pure people“) gegen die herrschende Klasse. Die Pluralität einer offenen Gesellschaft wird dabei ignoriert. An ihre Stelle tritt das als homogen betrachtete und damit zwangsweise imaginierte „Volk“. Es besteht ein Antagonismus zwischen Volk und Elite, der die Gruppe spaltet und als Pole auf einem politisch- sozialen Kontinuum erscheinen lässt. Zuletzt sieht Mudde im Populismus entsprechend seiner Wortbedeutung die Ausübung des Volkswillens als höchstes Gut des politischen Prozesses. Darauf aufbauend kann dies mit der Forderung verbunden werden, repräsentative Elemente zu umgehen, damit in einem plebiszitären Verständnis dem Volk die politische Partizipation garantiert wird.

Der Populismus äußert sich als antipluralistische, diskursive und antagonistische Ideologie, die jedoch lediglich als Konzept funktioniert und für linke und rechte Färbungen zugänglich ist. Kern der Ideologie bleibt die Implementierung des gesprochenen Willens des Volkes.[23]

Diese Ausführungen folgen einer Beobachtung des Phänomens in Europa. Trotzdem sind z.B. Muddes Erläuterungen auch auf Lateinamerika anwendbar. Auf dem Subkontinent versteht sich der Populismus als moralischer Kampf zwischen dem Volk und der Oligarchie. Hierbei verkörpert er normative Kritik am politischen Establishment und kann als logische Antwort auf Legitimationskrisen der politischen Elite verstanden werden.[24] Daraus ersichtlich ist eine etwas neutralere Haltung lateinamerikanischer Forscher gegenüber dem Populismus. Ihm wird im Vergleich zur ausschließlich negativen Betrachtung der Europäer eine konsolidierte Entwicklung in der politischen Kultur und im Diskurs auf dem Subkontinent zugesprochen.[25]

2.2 Populismus als politische Strategie

Im Unterschied zu einer ideologischen, diskursiven Kategorisierung des Begriffs zeigt sich bei Kurt Weyland eine andere Minimaldefinition des Populismus. Weil sich Weyland hauptsächlich auf Lateinamerika bezieht und bereits dort eine Vielzahl unterschiedlicher Strategien in verschiedenen nationalen oder historischen Kontexten Erfolg haben, muss erneut Nikolaus Werz bestätigt werden, der den „einen“ Populismus für nicht klassifizierbar hält.[26] Das Konzept der populistischen Strategie soll daher sehr abstrakt behandelt werden um nicht nur intra- sondern auch interregional anwendbar zu sein. Weyland erörtert in diversen Aufsätzen die Kombination des Neoliberalismus und des Populismus im Lateinamerika der 1990er – zwei für den Subkontinent eigentlich konträre Prinzipien.[27] Im Rahmen dieses „reformierten“ Populismus charakterisiert er selbigen im Sinne einer politischen Strategie bzw. Regierungsstils. Die politische Strategie besteht hierbei aus Methoden und Instrumenten zur Machterlangung und Ausübung.[28] In seinem top-down Ansatz sieht er den Populisten im Vordergrund. „Under populism an individual leader seeks or exercises government power based on support from large numbers of followers.”[29] Bei seiner Analyse der neoliberalen Populisten speziell in Argentinien, Brasilien und Peru versteht er den Populismus eben nicht als eigenständiges ideologisches Konzept, sondern begreift ihn in Form einer Massen- gewinnenden Strategie. Die Zusammensetzung jener heterogenen Masse variiert je nach Kalkül des Populisten.[30] Gleichsam buhlen alle Populisten um die Gunst von den Bürgern, die sich objektiv oder subjektiv nicht im politischen Prozess vertreten oder an wirtschaftlicher Prosperität beteiligt sehen. Diese Gruppe ist besonders empfänglich für eine soziale oder politische Mobilisierung.[31] Der Populist nutzt soziale Missstände bewusst und propagiert deren Ursache bei der bestehenden Elite. Er selbst positioniert sich stets außerhalb des Establishments und nimmt seinerseits die Stellung des ersten Anklägers des Status Quo ein. Das Postulat des politischen „Outsiders“ ist vor allem seit den 1980er Jahren Kernelement populistischer Rhetorik.[32]

Obgleich der Organisationsgrad intermediärer Strukturen in der Gesellschaft oder im speziellen in der populistischen Bewegung (oder Partei) sehr hoch ausfallen kann, forciert der Populist eine persönliche Beziehung zu seinen Unterstützern. Die Übermittlung der politischen Botschaft durch Parteien wird entkräftet. An ihrer Stelle tritt eine charismatische, zumeist telegene Führerperson die Fundament und Spitze des Populismus bildet. Die allgemeine Skepsis gegenüber Parteien und etablierten Politikern ist jedoch nicht per se antidemokratisch. Vielmehr preist der Populismus hier die Notwendigkeit plebiszitären Handelns an – als Resultat der vorangegangen Diskreditierung der Herrschenden.[33]

Es zeigt sich Laufe dieser Arbeit, wie stark der Erfolg der populistischen Strategie von der Region, bzw. dem Land abhängt, indem sie angewandt wird. Zudem ist außerordentlich verschieden, ob die leidenschaftliche Rhetorik des Populismus, die unmissverständlich auf Emotionen und Wahlversprechen basiert, dem Populisten eine langlebige Unterstützung zusichert.[34]

Die Rolle des Populismus als politische Strategie ist für den lateinamerikanischen Fall durchaus überprüfbar. Allerdings ist es schwierig zu bewerten, inwiefern diese Klassifikation in Europa Geltung findet. Trotzdem fungiert Weylands regionalspezifische Argumentation als Fundament für eine vergleichende Analyse, da ihr besonders für den „europäischen Populismus“ und dem Drang nach Vereinfachung in der nationalen politischen Rhetorik hohe Plausibilität zukommt.[35]

3. Die Entwicklung des Populismus – ein Überblick

An die theoretische Auseinandersetzung reiht sich in diesem Kapitel ein deskriptiv-analytischer Blick auf die Populismen in Europa und Lateinamerika an. Die „klassischen“ populistischen Bewegungen in Nordamerika, Europa und Russland werden hierbei ausgeklammert. Bereits die im 19. Jahrhundert auftretenden Aufmärsche und Proteste seitens der nordamerikanischen Farmer gegen die politische Übermacht der Großstädte und deren Monopole in fast allen wichtigen Wirtschaftssektoren definiert die Wissenschaft als populistisch. Etwa zeitgleich sprechen sich die städtisch-intellektuellen Narodniki („Volkstümler“) im russischen Zarenreich gegen das Eindringen des Industriekapitalismus aus und romantisieren das traditionelle agrarische Leben der Russen. Beeinflusst von den Narodniki formieren sich um die Jahrhundertwende in ganz Europa Bewegungen der Bauern mit nationalistischer, konservativ-agrarisch geprägter Politik.[36]

Diese Untersuchung fokussiert auf den Vergleich zwischen den Populismen ab den 1940er Jahren in Lateinamerika bis heute und die neueren rechtspopulistischen Strömungen in Europa ab den 1980ern. Auf eine detaillierte Illustration von Länderbeispielen wird verzichtet. Vielmehr werden allgemeine Charakteristika beider Fälle aufgezeigt, um in Anschluss deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erörtern.

[...]


[1] Nohlen, Dieter (2010 ), S.832.

[2] Vgl. ebd.

[3] Taggart, Paul (2000), S.2.

[4] Priester, Karin (2012), Untertitel.

[5] Vgl. Werz, Nikolaus (2003), S.9ff.

[6] Puhle, Hans-Jürgen (2003), S.17.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira; Mudde, Cas (2011), S.2.

[9] Vgl. Weyland, Kurt (1999).

[10] Siehe dazu weiter: Nyenhuis Robert (2013), Tabelle 1 Chronology of Definitions of Populism.

[11] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira (2011), S.6/7. Der Autor bezieht sich dabei auf die Ansätze von Cas Mudde und Kurt Weyland.

[12] Der italienische, 1934 nach Argentinien auswandernde Wissenschaftler Gino Germani ist u.a. durch seinen Vergleich von klassischem Faschismus und Nationalpopulismus bekannt. In einem seiner vielzitierten Werke beschäftigt er sich intensiv mit der sozialen Basis des Populismus und bezieht sich in seiner Gegenüberstellung auf das faschistische Italien unter Mussolini und den Peronismus in Argentinien. Siehe dazu weiter: Germani, Gino (1978), Authoritarianism, Fascism, and National Populism, Transaction Books, New Brunswick, New Jersey.

[13] Laclau, Ernesto (2005), S.7 und ferner: Canovan, Margaret (1981), Populism, Junction Books, London.

[14] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira (2009), S.71. Zu den beiden „Logiken“ siehe weiter: Laclau, Ernesto (2005), speziell Kapitel 4.

[15] Vgl. Laclau, Ernesto (2005), S.8.

[16] Vgl. ebd. S.17.

[17] Vgl. ebd. S.13 und ferner: Minogue, Kenneth (1969), Populism as a Political Movement, in: Ionescu, Ghita; Gellner, Ernest (Hrsg.) Populism: Its Meaning and National Characteristics, Macmillan, London. S.197-211.

[18] Puhle, Hans-Jürgen (1986), S.32.

[19] Priester, Karin (2012), S.16.

[20] Vgl. Priester, Karin (2007), S.13.

[21] Taggart, Paul (2000), S.95.

[22] Vgl. Mudde, Cas (2004), S.543. Im Original verwendet der Autor in Anlehnung an Rousseu den Begriff “volonte general”.

[23] Vgl. Mudde, Cas (2010), S.1175.

[24] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira (2011), S.7. In Anlehnung an: de la Torre, Carlos (2000): Populist Seduction in Latin America. The Ecuadorian Experience, Athens, Ohio University Press.

[25] Vgl. Werz, Nikolaus (2011), S.66 in Anlehnung an: Hermet, Guy (2001), Les populismes dans le monde. Une historie sociologique XIXe-XXe siècle, Paris. S.207-247.

[26] Vgl. Werz, Nikolaus (2011), S.68. Selbst Weyland beschreibt in seinem Aufsatz die „Subtypen“ des Populismus.

[27] Siehe dazu gesondert: Weyland, Kurt (1996).

[28] Vgl. Weyland, Kurt (2001), S.12.

[29] Ebd.

[30] Weyland, Kurt (2003), S.11. Am Beispiel Argentinien wird dieses „Kalkül“ besonders deutlich. Juan Domingo Peron gewann die Unterstützung vorrangig aus der Arbeiterschaft, den „descamisados“ und der städtischen Mittelschicht. Carlos Menem hingegen fokussiert die verarmte Landbevölkerung und die Arbeiter des informellen Sektors.

[31] Vgl. Weyland, Kurt (1996), S.5.

[32] Vgl. Weyland, Kurt (2001), S.15.

[33] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira (2011), S.6.

[34] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira (2009), S.73.

[35] Vgl. Kaltwasser, Christóbal Rovira (2011), S.6.

[36] Vgl. Puhle, Hans-Jürgen (2003), S.19-25.

Details

Seiten
33
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668641976
ISBN (Buch)
9783668641983
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412178
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Schlagworte
Populismus Lateinamerika Europa

Autor

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