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Der flämisch-wallonische "Sprachenstreit" in Belgien und der Föderalismus als Katalysator des ethnischen/ethnonationalen Konflikts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 37 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie entstehen ethnische Konflikte? Eine Auswahl von theoretischen Erklärungsansätzen
2.1 Ethnische Gruppen
In2.1.1 Objektivistischer Ansatz
In2.1.2 Konstruktivistischer Ansatz
2.2 Erweiterung um die ethnonationale Dimension
2.3 Die Ursachen von ethnischen Konflikten
In2.3.1 Der Zentrum – Peripherie Antagonismus
In2.3.2 Die Theorie des ethnischen Wettbewerbs

3. Der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen
3.1 Ausgangslage nach der Gründung Belgiens im 19. Jahrhundert
In3.1.1 Die belgische Unabhängigkeit 1830
In3.1.2 Das Erstarken der sprachlichen Autonomiebewegungen
3.2 Vom sprachlichen zum ethnonationalen Konflikt
In3.2.1 Entstehung einer ethnischen Identität
In3.2.2 Ursachen für den ethnonationalen Konflikt

4. Der belgische Föderalismus als Katalysator des Konflikts
4.1 Die Entwicklung der föderalen Struktur
4.2 Folgen des Föderalismus
In4.2.1 Der Föderalismus als Katalysator des ethnonationalen Konflikts
In4.2.2 Probleme der Entscheidungsfindung trotz föderaler Ordnung

5. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Tabelle 1: Administrative Ordnung Belgiens nach 1993 (vereinfacht)

Tabelle 2: Fraktionen in der Abgeordnetenkammer (Stand 31.01.2013)

1. Einleitung

„L'union fait la force - Eendracht maakt macht' (Einigkeit macht stark)“[1] ist der Wahlspruch des belgischen Königreiches. Wie schwer diese Einigkeit zu erringen ist, zeigen nicht nur die Regierungskrisen der letzten Jahre. Mit Brüssel assoziiert der nicht-belgische Europäer wohl eher den Sitz von wichtigen Entscheidungsgremien der Europäischen Union, als die Hauptstadt eines durch Sprache und Kultur gespaltenen Landes. Das Auswärtige Amt der BRD betitelt diesen Konflikt sehr nüchtern als einen „Sprachenstreit, der sich wie ein roter Faden durch die belgische Geschichte zieht“.[2] Dabei darf bezweifelt werden, dass eine Auseinandersetzung allein über Sprache den belgischen Staat zu seiner heutigen Form gebracht hat. Belgien befindet sich auf einer linguistischen Grenze in Europa zwischen dem Romanischen und Germanischen. Trotzdem wird dieser Divergenz nach der Unabhängigkeit 1830 vom Vereinigten Königreich der Niederlande noch kein großer Wert beigemessen. Erst die Entwicklungen des späten 19. und des 20. Jahrhunderts lassen Sprache zu einem fundamentalen Streitpunkt zwischen den Wallonen, bzw. Frankophonen und den Flamen heranwachsen, der die linguistische Dimension sehr schnell übersteigt.[3]

Die vorliegende Arbeit wird die sprachliche und ethnische Situation des Landes näher beleuchten. Fokus liegt dabei auf den flämischen und wallonischen Bevölkerungsgruppen. Die Deutschsprachige Gemeinschaft (ca. 70.000 Menschen) bleibt von dem Sprachenstreit zwischen Flamen und Frankophonen zwar nicht unberührt, spielt für deren Konfliktpotenzial und Lösung aber nur eine untergeordnete Rolle.[4] Die Bandbreite von wissenschaftlichen und trivialen Klassifikationen des belgischen Disputs reicht von sprachlichem, über kulturellem Streit bis hin zu ethnischen oder ethnonationalen Konflikten. Bevor daher eine wirkliche Konfliktanalyse möglich ist, muss zuerst die Frage beantwortet werden, um was für konkurrierende Gruppen es sich tatsächlich handelt. Dazu beschäftigt sich Kapitel 2 mit der Begriffsklärungen von Ethnie, ethnonationalen Gruppen und den Ursachen einer ethnisch motivierten Auseinandersetzung. Freilich wird dabei nur eine begrenzte Auswahl von Definitions- und Erklärungsansätzen dargestellt, die als Analysewerkzeuge für den Praxisbezug dienlich sind.

Im Anschluss daran widmet sich Kapitel 3 der Entwicklung des Ethnischen in Belgien und vor allem der Genese von einem sprachlichen zu einem ethnonationalen Konflikt, besonders mit Blick auf die in Kapitel 2 illustrierten theoretischen Überlegungen.

Danach können im vierten Abschnitt, nach einer kurzen Darstellung der Staatsreformen von 1970, 1980, 1988/89, 1993 und 2001 sowohl die Folgen des Föderalismus für die belgische Nation als auch seine generelle Funktion als Katalysator ethnonationaler Politik bewertet werden. Zuletzt resümiert der fünfte Teil dieser Untersuchung rückblickend die Chancen des belgischen Staates und seine zukünftige Perspektive.

Einen hervorragenden Überblick zu den sozialwissenschaftlichen Strömungen der Ethnizitäts- und Konfliktforschung bietet Stephan Ganters „Ethnizität und ethnische Konflikte. Konzepte und theoretische Ansätze für eine vergleichende Analyse “ (1995; Freiburg). Seine Schlussfolgerungen sind für diese Arbeit zum einen von substantieller Bedeutung, zum anderen erlauben seine Darstellungen einen einführenden Blick in bereits etablierte theoretische Überlegungen. In diesem Zusammenhang bauen die Ausführungen des zweiten Kapitels auf den Werken Michael Hechters „ Internal Colonialism: The Celtic Fringe in British National Development.“ (1999 [Original 1975]; New Jersey) und “Group Formation and the Cultural Division of Labor” (1978; Chicago), sowie den Veröffentlichungen Susan Olzaks “The dynamics of Ethnic Competition and Conflict” (1992; Stanford) und “Ethnic Mobilization in New and Old States: An Extension of the Competition Model” (1982; Kalifornien, mit Joane Nagel).

Basal für das theoretische Fundament sind ebenso die “Klassiker” von Max Weber, „ Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie“ (1980 [Original 1922]) und die vielzitierte Einführung von Fredrik Barth in seinem Herausgeberwerk „ Ethnic groups and boundaries. Social organization of culture difference“ (1982; Oslo).

Im Rahmen der praktischen Analyse leistet Claus Heckings Dissertation „ Flamen und Wallonen: Fremde Nachbarn im Hause Belgien? Die gegenseitige Perzeption im Spiegel der Tagespresse “ (2001; Münster) einen elementaren Beitrag. Speziell für die Klassifikation der ethnischen Gruppen in Belgien sind seine gesammelten Daten und Konklusionen außerordentlich relevant. Gleiche Beachtung gilt den Untersuchungen von Philipp Krämer „ Der innere Konflikt in Belgien: Sprache und Politik. Geschichte und Gegenwart der mehrsprachigen Gesellschaft “ (2010; Saarbrücken) und Frank Berges/Alexander Grasses „ Belgien – Zerfall oder föderales Zukunftsmodell? Der flämisch-wallonische Konflikt und die Deutschsprachige Gemeinschaft “ (2003; Opladen). Beide Werke enthalten viele deskriptive und analytische Elemente zur Entwicklung des ethnischen Konflikts und der Chance des Föderalismus, selbigen zu lösen.

Für die Definition von Ethnonationalismus im Allgemeinen und im spezifischen belgischen Fall sind die Aufsätze von Ulrich Schneckener „ Ethnonationale Konflikte und Modelle der Konfliktregulierung “ und Benoît Lechat/ Geneviève Warland „ Ethnonationalismus in Belgien: Ursprung, Geschichte und Risiken des belgischen Kompromisses“ im Herausgeberwerk der Heinrich Böll Stiftung besonders hilfreich. (2008; Berlin).

Ziel der nachfolgenden Arbeit ist die Beantwortung der Fragen: a) Handelt es sich in Belgien um zwei konkurrierende Ethnien und b) wie entwickelten bzw. begründen sich ethnonationale Tendenzen innerhalb des „Sprachenstreits“. Zuletzt wird die These des Titels untersucht, ob der Föderalismus nicht Lösung sondern Katalysator des ethnonationalen Konflikts sei.

2. Wie entstehen ethnische Konflikte? Eine Auswahl von theoretischen Erklärungsansätzen

In diesem Abschnitt werden die Begriffe ethnische/ ethnonationale Gruppen und Konflikte näher beleuchtet. Dabei muss auf eine allumfassende Illustration jeglicher sozialwissenschaftlicher Strömungen verzichtet werden, da es den Rahmen dieser Arbeit übersteigt. Keinesfalls hegt dieser Teil daher den Anspruch, den gesamten Diskurs der Ethnizitätsforschung zu erörtern. Die Definition der genannten Termini ist jedoch basales Element der Analyse des Konflikts in Belgien, weshalb sich dieses Kapitel einigen Erklärungsansätzen widmet, die für das Untersuchungsobjekt als besonders relevant erachtet werden. Im Anschluss an die Entstehung von ethnischen Gruppen wird der Begriff um die ethnonationale Komponente erweitert, um danach generelle Ursachen eines ethnisch motivierten Konfliktes zu verdeutlichen.[5]

2.1 Ethnische Gruppen

2.1.1 Objektivistischer Ansatz

Zweifellos handelt es sich bei Ethnien um einen mehrdimensionalen, komplexen Begriff, der Eigenschaften wie Staatszugehörigkeit, Sprache, Hautfarbe und ähnliches übersteigt, wenngleich sie durchaus wichtige Faktoren für die Charakteristika einer ethnischen Gruppe darstellen. Ethnien sind nach Georg Elwert „familienübergreifende und familienerfassende Gruppen, die sich selbst eine unter Umständen auch exklusive, kollektive Identität zusprechen“.[6] Elwert fügt allerdings hinzu, dass die Außengrenzen der Selbstzuschreibung flexibel sind. Grundsätzlich stellt sich bei der Entstehung von Ethnien die Frage, ob sie auf natürlich gegebene Gemeinsamkeiten beruhen, oder sich durch subjektive Konstruktion von Gleichheit erbauen. In jedem Fall muss untersucht werden, ob bei den vielfältigen Unterschieden der einzelnen Individuen innerhalb der Gruppe ein Kern gemeinsamer Vorstellungen und Überzeugungen vorhanden ist.[7]

Der objektivistische Ansatz beruft sich bei der Untersuchung der Entwicklung von Ethnien auf primordiale Bedingungen. Sie gelten als im Wesentlichen reale, von Geburt an existente Gemeinschaftsmerkmale, welche essentiell unabhängig von sozialen Interaktionsprozessen sind.[8] Bernhard Giesen definiert dabei primordiale Grenzen in seiner Arbeit zu Codes kollektiver Identitätsbildung als „ursprüngliche, scheinbar unveränderliche Unterscheidung zwischen uns und den anderen, die an jene Strukturen der Welt gebunden sind, die wir als gegeben betrachten und von der Veränderung durch Diskurs, Tausch und Wahl ausnehmen“.[9] Er bezieht sich unter anderem auf die Untersuchung von Clifford Geertz, welche für die Darstellung objektivistischer Faktoren hier am ergiebigsten ist.[10]

Geertz differenziert sechs „primordial sentiments“: erweiterte, imaginierte Blutsverwandtschaft, Rasse im Sinne von phänotypischen Körpermerkmalen, Sprache, regionale Verbundenheit, Religion und Brauchtum.[11] Diese Kriterien seien bei seinem Untersuchungsfeld zumeist gegeben. Allerdings macht Geertz an unterschiedlichen Beispielen den Grad der Relevanz eines Teils dieser Eigenschaften deutlich.[12] Der Sprache wird im belgischen Fall die größte Bedeutung zukommen. Eine ebenfalls bedeutende Erkenntnis liegt in dem Zusammenspiel von primordialen Bindungen und Staatsbürgertum. Erstere seien nach Ansicht des Autors selbst durch einen politisch neutralen Willensbildungs- und Entscheidungs- findungsprozess in ihrer Prägnanz nicht zu überbrücken. Ausgangsbedingung hierbei ist die Existenz mehrerer primordial definierter Ethnien innerhalb eines Staates. Repräsentative und uneingeschränkte Beteiligungen an gesamtstaatlichen Institutionen führen nicht automatisch zu einem Nation-Building. Primordiale Selbstzuschreibung steigert sich bei politischer, staatlicher Interaktion hingegen über die eigene Region hinaus und führt zu einem „nationsweiten Aufkeimen ethnischer Blöcke“, die an ihrer Einzigartigkeit bzw. Verschiedenartigkeit auf staatlicher Ebene festhalten.[13] Speziell in Bezug auf die Föderalisierung Belgiens wird dieses Argument nochmals in Kapitel 4 herangezogen. Stephan Ganter resümiert Geertz Argumentation wie folgt: primordiale Bindungen (quasi- ethnische Gruppen) seien durch objektive Gegebenheiten fundiert, denen wegen ihrer langwährigen Entwicklung ein ursprünglicher Charakter zukommt.[14] Da Geertz selbst die subjektive Vorstellung dieser objektiven Gegebenheiten einräumt, lässt sich bereits bei ihm ein konstruktivistischer Einwand feststellen.[15]

2.1.2 Konstruktivistischer Ansatz

Der konstruktivistische Ansatz bezieht sich bei der Konstitution von Ethnien auf die subjektive Vorstellung einer Gemeinsamkeit. Max Weber leistete bereits 1922 für das heutige konstruktivistische Ethnizitätsverständnis einen wichtigen Beitrag. Selbst falls dem „äußeren Habitus“ entsprechend eine Ähnlichkeit und Unterschied zu anderen besteht, existiert nicht automatisch eine Gemeinschaft. Diese konstruiert sich erst dann, wenn die äußerlichen oder sittlichen Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede subjektiv als solche empfunden werden.[16] Weber sieht demnach in einer physischen oder traditionellen Gemeinsamkeit nicht automatisch eine Klassifikation einer ethnischen Gruppe, „sondern nur ein die [u.a. politische] Vergemeinschaftung erleichterndes Moment.“[17] Umgekehrt fügt er hinzu, dass speziell eine politische Gemeinschaft, so imaginiert sie sei, dazu neigt einen „ethnischen Gemeinsamkeitsglauben zu wecken und auch nach ihrem Zerfall zu hinterlassen, es sei denn, daß dem drastische Unterschiede der Sitte und des Habitus oder, und namentlich, der Sprache im Wege stehen“.[18] Ohne den gesamten Diskurs Webers hier aufzeigen zu können, bleibt eines seiner Argumente essentiell. Der subjektive Gemeinschaftsglaube ist im Gegensatz zur primordialen Betrachtung von fiktiver Blutsverwandtschaft, phänotypischen Merkmalen etc. losgelöst. Da er künstlich erzeugt wird, mitunter aus politischen Interessen, spielt es bei der konstruierten Gemeinschaft keine Rolle, ob tatsächlich eine gemeinsame Anlage oder Erbgut existiert.[19]

Fredrik Barth betont bei seiner Klassifikation von ethnischen Gruppen noch stärker die Aspekte Selbst-/Fremdzuschreibung als konstitutive Faktoren und die Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Ähnlich wie bei Weber haben „objektiv“ vorhandene Unterschiede keine direkte Gruppenzugehörigkeit als Konsequenz. Das Individuum entscheidet, welche Merkmale es für seine ethnische Identitätsbildung als tragend erachtet.[20] Der Handelnde nutzt (kulturelle) Eigenschaften, die ihm situationsabhängig sinnvoll erscheinen, um aktive Identitätsbildung zu betreiben und seine ethnische Zugehörigkeit zu vermitteln.[21] Daraus resultiert die von Barth als fundamental erachtete zeitliche ungebundene Grenzziehung zwischen dem Wir und den anderen. Es sind demnach die ethnischen Trennlinien, die eine Gruppe definieren und nicht die kulturelle Gemeinsamkeit per se, welche sie einschließt.[22] Für die Untersuchung des Konflikts in Belgien gewinnt dieses Argument deshalb an Relevanz, weil es mit der Grenzziehung die Interaktion zwischen zwei ethnischen Gruppen in den Vordergrund stellt. „If a group maintains its identity when members interact with others, this entails criteria for determining membership and ways of signalling membership and exclusion.”[23]

Die beiden in den Unterpunkten 2.1.1 und 2.1.2 aufgeführten Ansätze sich der Begriffsklärung von Ethnie zu nähern, stellen wie angesprochen keine ganzheitliche Definition dar, die ihrerseits wissenschaftlichen Strömungen unterliegt. Trotzdem sollen die hier gewonnnen Erkenntnisse als Grundlage für die nachfolgende Untersuchung ausreichend sein.

2.2 Erweiterung um die ethnonationale Dimension

Im Kontext des Untersuchungsgegenstandes Belgien, eröffnet sich die Frage, wie sich Ethnonationalismus definieren lässt und was ethnonationale Gruppen charakterisiert. Warum diese Komponente im flämisch-frankophonen Konflikt relevant ist, zeigt sich in Kapitel 3 und 4. Auf einen Rückblick auf die Entwicklung des Nationalismus, bzw. der Nationalismusforschung muss hier verzichtet werden, da ein solcher Exkurs den Fokus dieser Arbeit überragt. Deshalb sollen lediglich grundsätzliche Positionen dieses Aspekts Berücksichtigung finden.

Georg Elwert spricht von Nation als eine soziale Organisation mit überzeitlichem Anspruch, die von der Mehrheit ihrer Angehörigen als Gemeinschaft gesehen wird und sich auf einen gemeinsamen Staatsapparat bezieht. Er räumt dabei ein, dass dieses Konstrukt imaginiert ist und einen lockeren oder festgefügten Charakter haben kann.[24] Nation bezeichnet ebenso eine Gruppe von Menschen, die daran glaubt, historisch legitimiert, in irgendeiner Form miteinander in Beziehung zu stehen. Nationalismus beschreibt darauf aufbauend die Identifikation mit selbiger Nation. Das impliziert jedoch keinesfalls eine loyale Bindung an den Staat.[25] In Anlehnung an Ernest Gellner teilen die meisten Staaten des modernen Europas das Prinzip des Nationalstaates.[26] Diesem Standpunkt folgend beziehen sich Nationen auf ein staatliches System als formellen politischen Ausdruck und Autonomie ihrer nationalen Identität.[27] Es existieren demnach Nation/Nationalismus und Staat als zwei nicht automatisch verbundene Termini.

Wie sich ein Nationalstaat begründet, hängt mit der zeitlichen Abfolge des Nationen-/Staatenbildungsprozesses zusammen und der Wechselbeziehung zwischen Demos und Ethnos.[28] Der Staat bzw. staatliche Eliten können versuchen eine heterogene Bevölkerung durch gemeinsame politische Institutionen, Wirtschaftsraum, Öffentlichkeit, Symbole etc. zu „nationalisieren“. Dabei entscheidend ist die Freiwilligkeit der beteiligten Akteure zur Assimilation und Integration, besonders weil eine ethnische Gruppe numerisch oder wegen sozioökonomischen Ressourcen in der Überzahl sein wird.[29] Ebenso möglich ist die Konstruktion eines institutionalisierten Staates aufbauend auf einer (imaginierten) homogenen, ethnischen Basis. Ethnonationale Gruppen entwickeln staatsbildende Mehrheitsgesellschaften, die mitunter existierende Staaten erodieren.[30]

Aufgrund dieses begrifflichen Dualismus gibt es Staaten in denen auf substaatlicher Ebene mehrere ethnisch begründete Nationalitäten vorherrschen. Will Kymlicka beschreibt solche als multinationale bzw. polyethnische Staaten.[31] Das bedeutet unter einem gemeinsamen Staats- oder Nationenkonstrukts befinden sich auf ethnische Klassifikation fußende nationale Minderheiten, die ihre Eigenständigkeit entweder gegenüber der Titularnation (Mehrheitsgesellschaft) betonen oder im Vergleich zu anderen Minoritäten proklamieren.[32] Wichtig ist hierbei die Unterscheidung von nationalen Minderheiten als ethnonationale Gruppen gegenüber Immigranten. Während Einwanderer als Zugereiste für ethnische oder kulturelle Vielfalt sorgen, ist die erste Gruppe bereits Teil der Gründung des Nationalstaates gewesen, und besitzt im Normalfall z.B. die Staatsbürgerschaft.[33] Ethnonationale Gruppen (nationale Minderheiten) entstanden in diesem Fall als Folge von politischen, ökonomischen oder militärischen Auseinandersetzungen oder Kompromissen. Neben unfreiwilliger Annexion bzw. kriegerischer Grenzverschiebung, bilden sich beispielsweise Föderationen aus vielen Nationen auf freiwilliger Basis, um einen höheren Wohlstand zu erzielen.[34]

Immigranten streben primär die Integration in die Aufnahmegesellschaft an, bei Gewährung ihrer kulturellen Identität. Ethnonationale Gruppen fordern hingegen viel stärker Autonomierechte und Selbstregierungsmechanismen, um ihre politischen und sozioökonomischen Angelegenheiten selbst zu bestimmen.[35]

2.3 Die Ursachen von ethnischen Konflikten

Die Frage, wie ethnische Konflikte entstehen, unterliegt wie die Definition von Ethnien wissenschaftlichen Herangehensweisen. Während Primordialisten allein mit der Existenz mehrerer ethnischen Gruppen einen Konflikt für unausweichlich halten, sehen Vertreter des konstruktivistischen Ansatzes in sozioökonomischen Ungleichgewichten und ethnischer Identifikation die Kernursachen solcher Auseinandersetzungen.[36] Schlussendlich basieren ethnische Konflikte auf einem „multifaktoriellen Ursachenkomplex“, dessen Elemente in „spezifischer Wirksamkeit“ Beachtung finden.[37] Die nachfolgenden Konzepte sind für die Analyse des belgischen Falles am ergiebigsten und werden deshalb kurz illustriert.

2.3.1 Der Zentrum – Peripherie Antagonismus

Basis dieses Ansatzes ist die Existenz von Zentrum und Peripherie, deren Disparität in unterschiedlich ausgeprägten Modernisierungsprozessen zu finden ist. Michael Hechter erörtert diesen Erklärungsansatz des „internal colonianism“[38] am Fallbeispiel England sowie Wales, Irland und Schottland. Seine Untersuchungen als theoretisches Konstrukt sind hier ungeachtet seines regionalen Bezugs relevant.

Innerhalb eines Staates bestehen kulturell, ethnisch oder sprachlich divergente Gebiete. Bereits sehr früh im Modernisierungsprozess kristallisieren sich eine prosperierende und rückständige Gruppe in unterschiedlichen Regionen heraus. Aus dieser diskontinuierlichen Entwicklung resultiert ein asymmetrisches Ressourcen- und Machtverhältnis zwischen der sozioökonomisch fortschrittlicheren (Zentrum) und der rückständigen Gruppe (Peripherie).[39] Die Gruppe im Zentrum wird ferner ihre ökonomische Vormachtstellung dazu nutzen, ihren politischen Einfluss und Vorteil zu institutionalisieren, bzw. Zugangsbarrieren (z.B. sprachlich) für administrative Ämter zu schaffen.[40]

Im weiteren Verlauf dieses Prozesses, bei dem die Peripherie in ein Assimilations-, Spezialisierungs- und Abhängigkeitsverhältnis kommt, bilden sich in Zentrum und Peripherie unterschiedliche Sozialisationsmechanismen heraus. Die jeweilige Gruppe bezieht sich dabei auf ihre eigene Sprache, Werktätigkeit, Kultur, Religion oder Lebensstil.[41] Hechter betitelt diese Arbeits- und Rollenprojektion als „cultural division of labor“, welche per se unberührt von zukünftiger Industrialisierung verbleiben kann.[42] Sofern das Missverhältnis zwischen den beiden Polen konsistent ist, erhöht sich der Wille zur Identifikation und Klassifikation mit der eigenen ethnischen Gruppe. „Für Angehörige der ‚peripheren’ Gruppe erhält die [selbst] zugeschriebene ethnische Identität somit leicht den Charakter eines Stigmas“.[43] Aufeinander aufbauend muss ein ökonomisches Ungleichgewicht wahrgenommen und, noch wichtiger, als ungerechte Behandlung erkannt werden.[44]

Für Hechter ergeben sich aus dieser Situation zwei Katalysatoren für „intragroup interaction“[45], die eine Verhärtung der ethnischen Fronten in einem Staat potenzieren. Im ersten Fall dominiert oder monopolisiert eine Gruppe einen bestimmten Beschäftigungssektor. Die gemeinsame Tätigkeit in diesem Arbeitsfeld sorgt für eine beständige Kommunikation unter „Gleichgesinnten“; eine Identifikation mit der Arbeit als Teil der ethnischen Identität und der Herausbildung gemeinsamer, vorrangig ökonomischer, Interessen.[46]

Im zweiten Fall führt allein das Dasein als periphere Region zu einer „reaktiven Gruppenbildung“. Die gemeinsame Betroffenheit von Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit der peripheren Gruppe maximiert ein Solidaritätsgefühl für die selbige.[47] Zusammenfassend betrachtet ist eine starke Solidarisierung mit der eigenen Ethnie dann zu erwarten, wenn zwischen den ethnisch differenzierten Populationen oder Regionen eine ausgeprägte Ungleichheit in Bezug auf individuelle Lebenschancen vorherrscht und Kommunikations- und Interaktionsprozesse sich primär innerhalb der eigenen Gruppe abspielen.[48] Sofern diese angesprochenen ethnischen Faktoren größer sind, als ideologische, klassenähnliche Unterschiede innerhalb der gesamten Bevölkerung, so wird die Trennlinie zwischen den ethnischem Eigenen und Fremden immer Vorrang vor beispielsweise parteipolitischen Auseinandersetzungen haben.[49]

Basierend auf dieser Erkenntnis lässt sich das Konfliktpotenzial deutlich nachvollziehen. Einerseits vermag das ethnische Zentrum die kulturelle (ethnische) Arbeitsteilung durch staatliche Sanktionsmechanismen aufrecht zu erhalten, um der dominierten Gruppe den Zugang zu wichtigen Institutionen zu versperren.[50] Die „stigmatisierte periphere“ Bevölkerung könnte andererseits ihre eigene Ethnie, wegen der starken Solidarisierung, losgelöst vom tatsächlichen (sozio-)ökonomischen Rückstand, als dem Zentrum überlegen betrachten. Diese Einstellung bietet einen hervorragenden Nährboden für (ethno-) nationalistische Tendenzen und dem Streben nach Unabhängigkeit vom Zentrum.[51] Obwohl Hechter den Begriff nicht benutzt, greift in einem solchen Konflikt die Klassifikation von ethnonationalen Gruppen, die eben jene Autonomieforderungen mit einschließen.

2.3.2 Die Theorie des ethnischen Wettbewerbs

Der prägnanteste Unterschied dieses Modells im Vergleich zu Hechters Thesen besteht nicht in der völligen Negation der Existenz eines Zentrum-Peripherie-Gegensatzes. Die Ursache eines ethnischen Konflikts wird jedoch nicht allein in dem Dasein von Zentrum und Peripherie gesehen, sondern in der Erosion jener „cultural division of labor“.[52] Wie bereits Fredrik Barth in einer „ecologic perspective“ erläutert, bestehen drei Formen der Interdependenz ethnischer Gruppen.[53] Erstens besetzen sie voneinander abgetrennte „Nischen“ (natürliche Umgebungen) mit einer minimalen Konkurrenz um Ressourcen. Es herrscht ein Status Quo der Koexistenz, in dem Austausch höchstens im Handel zu finden ist.

[...]


[1] Belgischer föderaler öffentlicher Dienst, Internetpräsenz: http://www.belgium.be/de/ueber_belgien/land/belgien_auf_einen_nenner_gebracht/symbolen/wappenschild/ (Stand: 06.03.2013).

[2] Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland, Internetpräsenz, Länderinformationen Belgien http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Belgien/Kultur-UndBildungspolitik_node.html#doc333894bodyText1 (Stand 06.03.2013).

[3] An dieser Stelle muss kurz eine Erläuterung zu den Sprachgruppen erfolgen. Frankophone bezeichnet die zu größten Teilen in Wallonien und in Brüssel beheimateten französischsprachigen Bürger. Flämisch hingegen ist ein Dialekt des Niederländischen, gesprochen in der Region Flandern. Der niederländische Standard (Sprachnorm) setzte sich geschrieben und gesprochen erst im 20. Jahrhundert in Belgien durch. „Flamen“ ist deshalb ab diesem Zeitpunkt ein Sammelbegriff für die niederländischsprachige belgische Bevölkerung. Vgl. Krämer, Philipp (2010), S.25.

[4] Zum Teil profitiert die Deutschsprachige Gemeinschaft von dem Streit zwischen Flamen und Wallonen, beispielsweise durch die Sprachgesetzgebung und den Föderalisierungsprozess, der ihr gewisse autonome Rechte zugesteht.

[5] Die Bezeichnungen „objektivistisch“ und „konstruktivistisch“ gehen zurück auf die von Stephan Ganter gewählten Formulierungen als Sammelbegriffe für diverse Strömungen in der Ethnizitätsforschung. Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.18ff.

[6] Elwert, Georg (1989), S.447.

[7] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.17.

[8] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.32.

[9] Giesen, Bernhard (1999), S.32.

[10] Geertz behandelt in seinem Beitrag primär die Entwicklung von Gesellschaften/Gemeinschaften in den mitunter neu entstandenen Staaten Südasiens und Afrikas. Seine Klassifikation von „primordial sentiments“ bildet trotzdem ein gutes Fundament für das objektivistische Ethnizitätsverständnis unabhängig des geographischen Bezugs.

[11] Geertz, Clifford (1963), S.108/109. Im Original: Assumed Blood Ties, Race, Language, Region, Religion, Custom.

[12] Vgl. ebd. S.108-115.

[13] Vgl. ebd. S.154.

[14] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.24.

[15] Vgl. ebd. Eine notwendige Kritik dieses Ansatzes erfolgt bei Ganter von S.32-38. Da für diese Arbeit vorrangig Elemente einer ethnischen Gruppe aufgezeigt werden sollen, wird an dieser Stelle bewusst auf eine reflexive Analyse des objektivistischen Ansatzes und seiner methodischen Grenzen verzichtet.

[16] Vgl. Weber, Max (1980 [Original 1922]), S.234. Von außerordentlicher Relevanz ist seine, wenn nur beiläufig erwähnte Berücksichtigung von Inklusion und Exklusion ethnischer Gruppen, d.h. Konstruktion eines Gemeinschaftsglaubens wegen tatsächlicher Gemeinsamkeit oder dem Unterschied zu anderen.

[17] Ebd. S.237.

[18] Ebd.

[19] Vgl. ebd. S.235.

[20] Vgl. Barth, Fredrik (1982), S.14. In seinem Beitrag beschäftigt sich Barth vor allem mit der Verbindung von kulturellen Unterschieden und der Konstruktion von ethnischen Gruppen. Ferner greift er ökologische Umstände als differenzierendes Element innerhalb einer ethnisch/kulturellen Gruppe mit auf. Hauptaugenmerk liegt auf der ethnischen Grenzziehung und dem Erhalt jener Abgrenzungen („ethnic boundaries“). Siehe dazu weiter: Barth, Fredrik (1982), Introduction. Hier speziell: S.9-17.

[21] Vgl. ebd. S.14.

[22] Vgl. ebd. S.15.

[23] Ebd. S.15.

[24] Vgl. Elwert, Georg (1989), S.446.

[25] Vgl. Connor, Walker (1994), Introduction.

[26] Ernest Gellner vergleichend zitiert in: Fenton, Steve (1999), S.171.

[27] Vgl. Fenton, Steve (1999), S.172.

[28] Vgl. Schneckener, Ulrich (2008), S.16. Weiterführend zu den Begriffen Demos und Ethnos in diesem Kontext siehe: Francis, Emerich (1965), Ethnos und Demos. Soziologische Beiträge zur Volkstheorie, Berlin.

[29] Vgl. Schneckener, Ulrich (2008), S.17.

[30] Vgl. ebd. Der Autor verkürzt die beiden Optionen treffend: Entweder aus dem Staat wird eine Nation, oder aus der Nation wird ein Staat.

[31] Vgl. Kymlicka, Will (1995), S.15.

[32] Vgl. Schneckener, Ulrich (2008), S.17/18.

[33] Will Kymlicka greift den Begriff „ethnonational“ kaum auf. Die Gegenüberstellung von nationalen Minderheiten und Immigranten als Ursache für multinationale, polyethnische Staaten greift jedoch bei der hier vorgestellten Analyse. Siehe dazu weiter: Kymlicka, Will (1995) S.14-37.

[34] Vgl. ebd. S.16.

[35] Vgl. Schneckener, Ulrich (2008), S.18.

[36] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.69.

[37] Ebd. S.71.

[38] Siehe dazu allgemein: Hechter, Michael (1999[Original 1975]).

[39] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.78.

[40] Vgl. Hechter, Michael (1999 [Original 1975]), S.5. Wenngleich Hechter in seinem Werk die betroffenen Gruppen als Kulturen charakterisiert, ist die Übertragung auf ethnische Konflikte anhand der in dieser Arbeit vollzogenen Klassifikationen gültig.

[41] Vgl. ebd. S.7.

[42] Vgl. ebd. Introduction to the transaction edition. S. XV.

[43] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.79. Eigene Ergänzung in eckigen Klammern.

[44] Vgl. ebd. S.78.

[45] Hechter, Michael (1978), S.300. In seinem Beitrag im American Journal of Sociology thematisiert Hechter neben generellen Thesen zur Gruppenbildung hauptsächlich die ethnische Solidarisierung und Grenzziehung am Beispiel der Vereinigten Staaten.

[46] Vgl. ebd. S.301.

[47] Vgl. ebd. S.301/302.

[48] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.83/84.

[49] Vgl. Hechter, Michael (1978), S.312.

[50] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.79.

[51] Vgl. Hechter, Michael (1999 [Original 1975]), S.10.

[52] Vgl. Nagel, Joane; Olzak, Susan (1982), S.128.

[53] Die nachfolgende Aufzählung bezieht sich auf: Barth, Fredrik (1982), S.19.

Details

Seiten
37
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668633933
ISBN (Buch)
9783668633940
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412176
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Schlagworte
Belgien Wallonie Flamen Sprachenstreit

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Titel: Der flämisch-wallonische "Sprachenstreit" in Belgien und der Föderalismus als Katalysator des ethnischen/ethnonationalen Konflikts