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Altersarmut und soziale Ausgrenzung. Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Sozialen Arbeit

Bachelorarbeit 2018 111 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Altersarmut als Begriff und Lebenslage
2.1 Definitionen
2.2 Entwicklung von Altersarmut in Deutschland
2.3 Strategien zur Vermeidung und Überwindung von Altersarmut

3 Soziale Ausgrenzung als Phänomen und Diskurs
3.1 Definition und Erscheinungsformen
3.2 Teilhabe als Zieldimension in der Vermeidung sozialer Ausgrenzung
3.3 Unterschied zwischen der sozialen Ausgrenzung und Armut
3.4 Mess- und Anasyseverfahren der sozialen Ausgrenzung
3.5 Bedeutung des Sozialraumes für die Vermeidung sozialer Ausgrenzung

4 Altersarmut und soziale Ausgrenzung als Herausforderungen in der Sozialer Arbeit
4.1 Aufgabenbereiche Sozialer Arbeit bei Armut und sozialer Ausgrenzung
4.2 Bestehende Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit
4.3 Neue Handlungsmodelle und -ansätze in der Sozialen Arbeit

5 Darstellung der Forschungsergebnisse
5.1 Forschungsfrage und Aufgabenstellung
5.2 Methodische Vorgehensweise
5.3 Bearbeitungsweise der erhobenen Daten
5.4 Thematische Zusammenfassung von Expertenbefragungen
5.5 Evaluation und Ergebniszusammenfassung von Expertenbefragungen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

“Wie müßte eine Gesellschaft geschaffen sein,

damit ein Mensch auch im Alter ein Mensch bleiben kann?

Die Antwort ist einfach:

Er muß schon immer als Mensch behandelt worden sein”

(Simone de Beauvior 1997, S. 466)

In der öffentlichen, aber auch in der wissenschaftlichen Diskussion gab es bis in die 80er Jahre anscheinend keine Altersarmut: Sie sei durch Sozialhilfe verhindert und wurde weitgehend als ein gesellschaftliches Randphänomen angesehen und auch als solches behandelt.[1]

In der Zwischenzeit hat sich in der modernen Gesellschaft manches verändert und das Risiko einer in Zukunft verbreiteten Altersarmut steht nach ihrer Bekämpfung in der Nachkriegsgeneration erneuert im Mittelpunkt des politischen Diskurses.

Wir leben in einer sich immer wandelnden Welt. Umfangreiche Veränderungen zeigen sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens: Technik, Umwelt, Weltraumforschung. Auch in der Bevölkerungsstruktur macht sich seit Jahrzehnten eine Entwicklung bemerkbar. Der sogenannte demographische Wandel, der vor allem durch den Anstieg der Lebenserwartung bei älteren Menschen allerdings auch durch die gleich bleibenden niedrigen Geburtenraten gekennzeichnet ist, konstituiert sich nicht nur im Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern und macht sich immer weiter breit.

„Die Lebenserwartung Neugeborener hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts mehr als verdoppelt“, teilt das Statistische Bundesamt mit.[2] So, wenn am Ende des 19 Jhd. lag die fernere Lebenserwartung[3] noch 12,1 Jahre bei Männern und 12,7 Jahren bei Frauen, betrug sie im Jahr 2014 bereits 21,5 und entsprechend 25,2 Jahre.

So eine Entwicklung in der Altersstruktur, die zunächst sehr positiv zu bewerten ist, kann allerdings an der Gesellschaft nicht spurlos vorübergehen. Ein derart tiefgreifender demographischer Wandel bringt auch neue Herausforderungen mit sich, besonders im Bereich der Alterssicherung.

Obwohl nach den aktuellsten Angaben der Alterssurveys Studien ältere Menschen im Vergleich zu anderen Altersgruppen nicht überdurchschnittlich von Armut gefährdet sind[4] sowie weisen relativ niedrige Armutsquote als z.B. armutsbetroffenen Kindern auf, scheint die gesetzliche Rente immer wenigen Menschen zum Leben zu reichen. Es zeigt sich darüber hinaus eine klare Entwicklung, jedes Jahr ein immer größer werdendes Ausmaß von Altersarmut einzunehmen. Nach einigen pessimistischen Schätzungen können in der Zukunft sogar diejenigen von Altersarmut betroffen sein, die damit überhaupt nicht rechnen, weil sie einen relativ gut bezahlten Arbeitsplatz haben. Viele Menschen nehmen diese Entwicklung deswegen als Bedrohung für ihre Sicherheit im Alter wahr, schauen besorgt in die Zukunft und fühlen sich nicht ausreichend für das Alter vorbereitet.

Eine verlässliche Prognose bezüglich der Frage, wie viele Menschen in der Zukunft davon betroffen werden, ist allerdings aufgrund einer Vielzahl immer wechselnder ökonomischer und sozial-struktureller Faktoren (wie z.B. Haushaltszusammensetzung, Wirtschafts- und Lohnentwicklung sowie die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt), die beim „Rutschen“ in die Armutsfalle sehr wichtige Rolle spielen, nicht möglich.

Trotz alledem warnen viele Soziologen und Armutsforscher davor, dass in den kommenden Jahrzehnten mit dem weiteren Anstieg der von Altersarmut betroffenen älteren Menschen zu rechnen ist.[5] In der Frage, wie diesem Problem entgegenzuwirken ist, sind sich die Politiker allerdings nicht einig.

Bei der Altersarmut sowie bei der Armut an sich geht es nicht nur um die Verfügung über die materiellen Güter, bzw. um deren Mangel. Altersarmut ist ein mehrdimensionales Phänomen und zeichnet sich durch die Benachteiligungen in verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens aus. So lässt sie sich auch als Ausgrenzung von gesellschaftlichen bedingten Chancen interpretieren und ist in der Regel mit verringerter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verbunden. Der Personenkreis der älteren Menschen stellt in diesem Zusammenhang aufgrund unterschiedlicher Formen von Einschränkungen und Beeinträchtigungen, die im Alter zunehmend auftreten, eine Herausforderung besonderer Art vor. Solche Einschränkungen und Beeinträchtigungen können insbesondere aus gesundheitlichen Problemen in Form von chronischer Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit oder aus dem Mangel an finanziellen Ressourcen sowie aus ethnisch-kulturellen Barrieren bei Menschen mit Migrationshintergrund resultieren.

Im Unterschied zu den anderen Randgruppen wie z.B. Drogensüchtige, Arbeitslose, Menschen mit Behinderungen, Obdachlose sieht Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BAMS) in seinem aktuellen Fünften Armuts- und Reichtumsbericht zu den „Lebenslagen in Deutschland“ soziale Ausgrenzung armer älteren Menschen nicht als akutes Problem an.[6] In Hinblick auf die Prozesse, die demographischer sowie auch sozialer Wandel in Gang setzten, bzw. Anstieg armutsgefährdeter sowie alleinlebender älterer Menschen wird jedoch aus dem Grund, dass „höhere materiellen Ressourcen […] eine bedeutende Voraussetzungen für die Erweiterung des Aktivitätsradius und Interessenspektrums [bilden]“,[7] auch davon ausgegangen, dass der Anteil der von sozialer Ausgrenzung Bedrohten unter den älteren Menschen ebenso zunehmen wird.[8]

Das Thema der Altersarmut prägt immer deutlicher die gesellschaftspolitische Diskussion und ist eins der wichtigsten in diesem Wahlkampf geworden. Darüber hinaus hat die Bundesregierung auch bereits in der in dem Jahr 2015 weiterentwickelten Demografiestrategie beschlossen, bei der Entwicklung künftiger politischen Maßnahmen einen besonderen Beitrag zur Bewahrung und zu Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch die soziale Teilhabe zu leisten und so gegen Ungleichheit und somit auch gegen Ausgrenzungsrisiken zu agieren.[9] Dies zeigt wieder die Bedeutung und Aktualität des in dem Titel dieser Arbeit angedeuteten Themas.

Da die Soziale Arbeit als ein Teil des Systems in einem gesellschaftlichen Funktionszusammenhang mit sozialpolitischen Geschehen steht, kann sie sich aus den aktuellen politischen Diskussionen um die Armuts- und Ausgrenzungsproblematik nicht heraushalten. Wachsende Altersarmut sowie daraus resultierenden Ausgrenzungstendenzen in verschiedenen Bereichen gesellschaftlichen Lebens sind sozialpolitische Probleme, mit deren Folgen auch im sozialen Bereich Tätige zunehmend zu tun haben werden müssen. Um den künftigen wachsenden Bedarf gerecht zu werden, ist es deswegen von besonderem Interesse Sozialer Arbeit, sich mit den Herausforderungen beider Phänomene schon heute auseinanderzusetzen.

In diesem Zusammenhang richtet sich der Focus meiner Arbeit vorrangig auf die Frage, wie Soziale Arbeit zur Vermeidung der Armut und zum besseren Gelingen der gesellschaftlichen Teilhabe armer älterer Menschen beitragen kann, explizit gehe ich hier auf die Frage nach den Chancen und Grenzen sozialarbeiterischen Interventionen in der Vermeidung der Einkommensarmut sowie die Förderung der sozialen Teilhabe ein. Der Ausgangspunkt hierzu bildete die sozialräumliche Perspektive. Sie ist deshalb so wichtig, weil „[d]ie Lebensqualität des Ortes an dem ein Mensch altert, entscheidend dafür [ist] wie ein Mensch altert”.[10] So können sozialräumliche Bezüge im Sinne der gut organisierten lokalen Infrastruktur sowie auch der gut funktionierenden sozialen Netzwerke in der örtlichen Gemeinschaft viel dazu beitragen, individuelle Ressourcendefizite zu kompensieren und dadurch auch die Folgen der Altersarmut sowie das Gefühl „außen vor“ zu sein bedeutend abzumildern.[11]

Um oben aufgeworfene Frage angemessen und realitätsnah zu beantworten, wurden 4 Interviews mit den lokalen Expertinnen in der Stadt Hannover durchgeführt. Mein Anliegen war dabei, die bestehenden Handlungsansätze und -konzepte in Hinblick auf die Teilhabemöglichkeiten älterer Menschen zu erkunden, die in der Beschäftigung mit armen älteren Menschen vorhandenen Probleme rauszufinden und darzustellen sowie nach den besseren Möglichkeiten für die gesellschaftliche Teilhabe dieser Personengruppe zu suchen.

Die Forschungsergebnisse dieser Arbeit können somit einen Beitrag dazu leisten, der Armut und der daraus resultierenden sozialen Ausgrenzung unter den jeweiligen lokalen Bedingungen wirksamer begegnen zu können, oder auch als Vorbild für erfolgreiche Seniorenarbeit für andere Kommunen dienen. In der weiteren Perspektive können sie auch als Informationsgrundlage für die künftige Planung möglicher Initiativen und Projekte zur Verbesserung der Teilhabemöglichkeiten der Stadt Hannover genutzt werden.

Nicht zuletzt möchte ich auf diesem Wege mehr Aufmerksamkeit für die Armutsproblematik in der fachöffentlichen Diskussion schaffen sowie Menschen sensibilisieren, mehr Verständnis für die Zielgruppe, der von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen älteren Menschen zu zeigen.

Die Gliederung der Arbeit umfasst 4 große Themenkomplexe. So wird im ersten Teil der Arbeit der Begriff Armut zunächst definiert und dann mit Hilfe eines Problemaufrisses gezeigt, wie sich die Altersarmut in Deutschland entwickelt hat und eventuell weiterhin entwickeln wird, insbesondere welche Personengruppen dem künftigen Armutsrisiko besonders ausgesetzt werden. Danach erfolgt ein Überblick über das Ausmaß der von Altersarmut betroffenen Menschen, sowohl auf Bundesebene als auch explizit in der Landeshauptstadt Hannover, wobei einerseits auf die Armutsquote, gemessen nach den Transferleistungen und andererseits auf Basis des Durchschnittseinkommens Bezug genommen wird. Außerdem wird der Prozesscharakter hervorgehoben, bzw. die internen und externen Faktoren angesprochen, die zur Altersarmut führen. Im Anschluss daran wird die Komplexität der Situation von älteren Menschen mit wenig finanziellen Ressourcen verdeutlicht sowie die Dynamik von Armutsfolgen und deren Einflüsse auf die individuelle Lebenslage der von Armut Betroffenen dargestellt.

Der nächste Schritt widmet sich der Armutspolitik, bzw. dem sozialpolitischen Umgang bei der Frage von Möglichkeiten zur Bekämpfung und Vermeidung von Armut im Alter. Hierbei wird insbesondere auf die denkbaren Optionen der materiellen Verbesserung der Situation von betroffenen Menschen, auf die Prävention des möglichen Einstiegs in die Armutsfalle bei der jüngeren Generation sowie die Aktivierung von Ressourcen und Potenzialen in der Bevölkerungsgruppe der Betroffenen, darunter auch das Ansetzen auf das bürgerschaftliche Engagement bei nicht Betroffenen eingegangen.

In Kapitel Zwei gehe ich der Frage nach, wie Armutsprozesse sich in sozialen Ausgrenzungstendenzen wiederspiegeln. Die Erarbeitung dieses Themenkomplexes setzt eine intensive Auseinandersetzung mit allgemeinen theoretischen Überlegungen voraus im Hinblick darauf, was soziale Ausgrenzung eigentlich ist und welche Dimensionen für sie charakteristisch sind. Da die soziale Teilhabe das übergeordnete Handlungsziel bei der Vermeidung der Ausgrenzungsprozesse darstellt, wird auch darauf eingegangen, was unter diesem Begriff verstanden wird. Um das Phänomen sozialer Ausgrenzung möglichst voll vorzustellen, werden darüber hinaus zwei Verfahren zu deren Messung und Erfassung skizziert. Es wird außerdem gefragt, welchen Einfluss übt das Wohnquartier auf die Ausgrenzungsbedrohung bei den armutsbetroffenen Menschen aus, ebenfalls werden die Chancen und Grenzen des Wohnumfeldes für die Verbesserung der Lebenssituation der benachteiligten armen Bewohnerschaft aufgezeigt.

Im Mittelpunkt des weiteren Kapitels steht die Überlegung, welche Herausforderungen die angesprochene Problematik für die Praxis der im sozialen Bereich Tätigen stellt. Es werden die sozialarbeiterischen Aufgabenschwerpunkte bei der Arbeit mit armen Menschen repräsentiert, die bestehenden Ansätze im Arbeitsfeld präsentiert sowie neue Wege und Konzepte vorgestellt.

An letzter Stelle erfolgt die Darstellung der gewonnenen Forschungsergebnisse. Dabei beschreibe ich zunächst die vorhandenen bestehenden sozialarbeiterischen Handlungsansätze. Danach gehe ich von den verschiedenen fördernden und hemmenden Faktoren für die sozialen Teilhabechancen von armutsbetroffenen älteren Menschen hin zu den Schwierigkeiten und Barrieren bei der Umsetzung und Etablierung des Teilhabeziels bei dieser Zielgruppe ein. Darüber hinaus werden unterschiedliche Möglichkeiten angesprochen, die den Zugang zu der Personengruppe der Generation 60 plus ermöglichen sowie Faktoren, die nach der Meinung der Expertinnen ihren Erfolg ausmachen, vorgestellt. Auf der letzten Stelle berichte ich über die Empfehlungen für die weitere Verbesserung und Förderung konzeptioneller teilhabeorientierter Ansätze aus Sicht der von mir befragten Expertinnen.

2 Altersarmut als Begriff und Lebenslage

Deutschland war anscheinend noch nie so wohlhabend wie heute. Mit einem Durchschnittsentgelt von etwa 33.000 Euro im Jahr (Stand 2016)[12] zählt es zu einem der reichsten Länder der Welt. Eine der von dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführten Längsschnittstudie zeigt, dass die verfügbaren Einkommen der privaten deutschen Haushalte von 1991 bis 2014 um 12% gestiegen sind.[13] Aber mit dem wirtschaftlichen Anstieg und einem permanent steigenden Wohlstand wächst überraschenderweise parallel auch die Zahl der Personen, die ohne staatliche Hilfe ihr Auskommen nicht bestreiten können.[14] Dies legt wiederum eine Schlussfolgerung nahe, dass dieser Reichtum offensichtlich unter den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ungleich verteilt ist.[15]

In der wissenschaftlichen Diskussion wurde deswegen von einer „Armut im Wohlstand“ gesprochen,[16] in der die beiden Kategorien Armut auf einer Seite und Wohlstand auf der anderen als Paradox dargestellt wurden. Paradoxaler ist vielmehr „Armut trotz Erwerbsarbeit“[17] oder „In Work Poverty“,[18] zu Personengruppe derer die erwerbstätigen Menschen zählen, die so wenig verdienen, dass sie trotz ihrer Arbeit unter der Armutsgrenze leben müssen. Dieser Aspekt scheint heute auch der Fall zu sein.[19]

Auch das Risiko der Altersarmut wird in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion als sehr hoch wahrgenommen. “So sehen zwei von drei Personen ein hohes oder sehr hohes Risiko, zukünftig in der Ruhestandsphase von Armut betroffen zu sein“,[20] teilt der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und dies auch nicht ohne Grund. Denn im Hinblick auf die letzten Entwicklungen im Bereich gesetzlicher Altersversorgung, bzw. stetigen Abstieg des Renteniveaus gilt es für nachfolgende Generationen vor allem nur eins: Unsicherheit.[21] Wenn es in den nächsten Jahren keine wirksame sozialpolitische Gegensteuerung erfolgt, wird Altersarmut nicht zur Gefahr, sondern zur Realität vieler Menschen.

2.1 Definitionen

Armut ist ein Begriff, der schwierig zu fassen ist. Von Armut wird allgemein gesprochen, wenn Menschen die Möglichkeiten fehlen, ein Leben nach gewissen Mindeststandards führen zu können. Diese Mindeststandards sind jedoch nicht absolut bestimmt und können nach Zeit und Region sehr unterschiedlich und sehr komplex ausfallen. Armutsverständnis steht deshalb immer in Zusammenhang mit dem jeweiligen Wohlstand der Gesellschaft und kann nur in einem relativen Verhältnis zu den jeweiligen Bedingungen dieser Gesellschaft definiert und verstanden werden.[22] Arm sein in einer Wohlstandsgesellschaft z.B. wie Deutschland hat deswegen andere Erscheinungsformen, Ursachenkomplexe und individuelle Folgen, als in sogenannten Entwicklungsländern.

Obwohl Armut maßgebend das Leben der Gesellschaft in Deutschland widerspiegelt und prägt, gibt es allerdings bislang keine allgemeingültige und multidimensionale Definition davon. Und dies liegt in erster Linie an ihrer Vielseitigkeit und der Komplexität der gesellschaftlichen Zusammenhänge, die sie bestimmen.

Grundsätzlich lassen sich die Ansatzpunkte bei der Bestimmung der Armutsbetroffenheit auf die drei Paradigmen der absoluten, der relativen und der subjektiven Konzeption zurückführen.

So liegt „absolute“ oder auch „extreme“ Armut dann vor, wenn eine Person über die lebensnotwendigen Güter wie Unterkunft, Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung in geringem Maß oder überhaupt nicht verfügt, so dass sie ihre Grundbedürfnisse dadurch nicht sichern kann sowie ihr physisches Überleben gefährdet ist.[23] Diese Form von Armut ist in Deutschland jedoch selten und überwiegend bei Personengruppen wie Obdachlosen oder Suchtkranken zu finden. In besonderer Weise besteht hier die Gefahr der Armutsverfestigung im Lebenslauf von Betroffenen sowie einer unmittelbaren Lebensbedrohung, auf Grund ungünstiger Lebensverhältnisse an Hunger oder Kälte zu sterben.[24]

Öfter wird wiederum gerade in Hinblick auf das gestiegene Lebensstandardniveau von „relativer“ Armut gesprochen. In diesem Sinne wird Armut als Unterschreitung eines bestimmten Prozentsatzes der gesellschaftlich festgelegten Einkommensgrenze definiert. Nach 1987 von der Europäischen Kommission festgelegten Standard liegt relative Armutsgrenze bei 50% des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens oder Medianeinkommens aller Haushalte des jeweiligen Landes.[25]

Die Höhe dieses Durchschnittseinkommens betrug in Deutschland im Jahr 2015 20.668 Euro, 50% davon sind dementsprechend rund 860 Euro im Monat.[26] Wer über ein individuelles Haushaltseinkommen verfügt, das 60% des Durchschnittseinkommens unterschreitet, gilt dieser Definition zufolge als armutsgefährdet. Bei weniger als 40% spricht man von „strenger“ Armut.[27]

Nach einer anderen Sichtweise gilt es, dass es Armut auch dann vorherrscht, wenn man schon auf den staatlichen Transferzahlungen wie Grundsicherung im Alter angewiesen ist. Durch die Einführung von sozialstaatlichen Mindestsicherungen, die den hilfebedürftigen Menschen ermöglichen, ihr Leben auf gesellschaftlich akzeptiertem Niveau zu führen, soll Armutsrisiko schließlich gestrichen werden. Die staatlichen Leistungen sind allerdings von ihrer Philosophie her so ausgelegt, dass die Armutsgrenze nicht überschreiten. Diese Armut wird jedoch trotzdem als „bekämpfte Armut“ bezeichnet.[28]

Ein besonderes Problemfeld stellt in diesem Zusammenhang das Phänomen der „verdeckten“ Armut dar.[29] Betroffen sind davon diejenigen Personen, die über ein Einkommen unterhalb der Bedürftigkeitsgrenzen verfügen, die aber es aus Scham, Unwissenheit oder aus Furcht vor der Stigmatisierung als Almosenempfänger nicht kenntlich machen. Bei den älteren Menschen ist es besonders der Fall, extrem auffällig ist hierbei der Hochaltrigenbereich.[30] Einigen Studien zufolge ist die Zahl der Menschen, die Sozialhilfeleistungen nicht in Anspruch nehmen, etwa halb so groß wie die der von Sozialhilfebezieher.[31]

In allen oben genannten Definitionen lässt sich Armut als ein Zustand interpretieren, in dem man über kein oder wenig Einkommen verfügt. Es handelt sich also somit um ein eindimensionales Armutsverständnis. Armut ist jedoch nicht nur „geldliche“ Armut. Aufgrund der Tatsache, dass Armutszustand von Politikern, von Nichtbetroffenen wie auch von den Betroffenen selbst verschieden wahrgenommen und erlebt wird, lässt sie sich nicht nur über verfügbaren materiellen Ressourcen definieren, sondern auch als ein individuelles, subjektives Gefühl sich arm zu fühlen.[32]

„Dabei kann es zu bedeutsamen Abweichungen zwischen objektiv und subjektiv gemessener Armut kommen“, warnt die Studie vom Alterssurvey.[33] Denn für einen Menschen z.B., keine Möglichkeit zu haben, sich einmal in der Woche im Café mit Freunden zu treffen, kann schon als ein Zeichen von Armut definiert werden. Für den anderen bedeutet Armut erst, wenn man zwei Mal überlegen muss, worauf man bei wöchentlichen Einkauf verzichten muss, damit das Geld bis Ende des Monats ausreicht.

Aber nicht nur Einkommenssituation ist ausschlaggebend für die die subjektive Bewertung der eigenen Lebenslage als prekär. So geben ältere Menschen in Befragungen häufiger an,[34] dass ein niedriger sozialer Status sowie Statusverlust beim Wechsel von Erwerbsleben in den Ruhestand für sie mit Armut gleichgesetzt sei.[35] Dies kann manchmal sogar wichtiger sein als die Verfügung über die zu wenig materiellen Mittel an sich.

2.2 Entwicklung von Altersarmut in Deutschland

Altersarmut war lange Zeit aufgrund der niedrigen Durchschnittsquoten als kein dringendes Problem gesehen und dadurch kein lohnendes Thema für Politiker und Wissenschaftler. Seit einigen Jahren wird allerdings die Debatte über die Einkommenssituation von Senioren/innen wieder aufgehoben, bei der allerdings weniger die aktuelle Situation, sondern vielmehr ein in der Zukunft erwarteter Anstieg im Mittelpunkt steht.

2.2.1 Statistische Armutsgefährdung älterer Menschen in Deutschland und Hannover

„Als komplexes Phänomen entzieht sie [Armut] sich einer einfachen und eindeutigen Messung“.[36] So ist die Frage, wie viele Personen in Deutschland von Einkommensarmut betroffen sind, ebenfalls wie ihre Definition nicht ganz einfach zu beantworten. Je nach Armutsdefinition verwendeter Datenbasis und Art der Einkommensmessung ergeben sich auch unterschiedliche Stellenwerte, unterhalb derer von Armut gesprochen wird, und dementsprechend unterschiedliche Armutsquoten.

Wenn Ausmaß und Entwicklung von Armut in einem Land gemessen werden sollen, greift man in den Sozialwissenschaften jedoch meist auf den sogenannten Ressourcenansatz zurück, der sich auf der „gesamtgesellschaftlichen Einkommensverteilung“[37] von in diesem Land lebenden Personen bezieht und sich deshalb recht gut qualifizieren und zählen lässt. Die Armutsrisikogrenze wird dabei nach dem Konzept der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei 60%-Schwelle des durchschnittlichen Haushaltseinkommens festgelegt,[38] das auch für Deutschland angewendet wird. Das ist in etwa ein Wert von aktuell 1.030 Euro pro Monat für einen Einpersonenhaushalt.[39]

Aber selbst, wenn man verschiedene statistische Erhebungen vergleicht, die ihre Berechnungen auf den 60%-Schwelle basieren, kommt man trotzdem zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich des Umfangs von Altersarmut in Deutschland. Für das Jahr 2014 variieren die Daten von 13,7% nach Berechnungen des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) bis 18,4% bei Einkommens- und Verbrauchsstichprobe der Amtlichen Statistik (EVS), d.h. beim gleich verwendeten Messungsverfahren ergibt sich eine Differenz von fast 5 Prozentpunkten für das selbe Jahr.[40]

Nach den letzten Angaben vom Statistischen Bundesamt, die sich auf das Jahr 2015 beziehen, sind 16,5% der Senioren als armutsgefährdet einzustufen. Im Jahr 2010 lag dieser Wert allerdings bei 14,1%.[41] Es konstatiert sich also innerhalb von 5 Jahren bei der Altersgruppe von über 65-Jährigen eine leichte Zunahme von relativer Einkommensarmut. Dass ältere Menschen nicht überdurchschnittlich von Armut gefährdet sind, wird auch im letzten Armuts- und Reichtumsbericht behauptet.[42] “So betrachtet, sind die alten Menschen in Deutschland einem unterdurchschnittlichen Armutsrisiko ausgesetzt“, kommt Schönig bei seinen Recherchen zu dem gleichen Ergebnis.[43]

Das Statistische Bundesamt führt darüber hinaus eine Statistik an, die Zusammentreffen von Armutsgefährdung mit anderen Unterversorgungsdimensionen aufzeigt. Anhand dieser Statistik ist auch eine Entwicklung zu immer wieder steigenden Quoten ab dem Jahr 2010 festzustellen. Diese Quote liegt dem monetären Grenzwert von Altersarmut nicht weit über. So, wenn es 2010 14,8% älteren Menschen von Armut und anderen Benachteiligungen betroffen waren, sind es 2014 schon 17,2%.[44] Dies entspricht einer Zunahme von 2,4% innerhalb von 4 Jahren, gleiches gilt es auch nur für die Einkommensarmutsbetroffene (Anstieg von 2,4% innerhalb von 4 Jahren). Hieraus folgt, dass die Entwicklung der Ausgrenzungstendenzen gerade proportional den Armutserscheinungen erfolgt. Ein signifikanter Anstieg von Ausgrenzungsbedrohung unter den älteren Menschen ist dem Statistischem Bundesamt zufolge nicht zu beobachten.

Eine weitere Datengrundlage, die in der Diskussion über die Messung der Altersarmut herangezogen wird, ist die Angewiesenheit auf die sozialstaatlichen Hilfeleistungen im Alter, die auf der Basis der seit dem 1. Januar 2003 in Deutschland eingeführten Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung erfolgt. Demnach leistet der Staat für Personen in besonderen Notlagen die Sozialhilfe zur Abdeckung ihres Lebensunterhalts, wenn sie ihre prekäre Situation nicht überwinden sowie durch ihr Vermögen nicht bestreiten können.

Der Leistungshilfebezug gilt allerdings nicht von vornherein als ausreichenden Indikator für Einkommensarmut. Die Transferbedürftigket als Grundlage für das Armutsrisiko im Alter findet beispielweise bei der Sozialberichterstattung keine Berücksichtigung, denn es gilt, dass die hilfebedürftigen Menschen genug Geld erhalten, um ihr notwendigen Bedarf abzudecken, und damit sei die Armut verhindern.[45] Das Niveau der Grundsicherung liegt allerdings unterhalb der Armutsrisikoschwelle von 60% und sogar unterhalb der Schwelle von 50% des äquivalenzgewichteten Medianeinkommens aller Haushalte. „Aus dieser Perspektive stellt die Grundsicherung keinen Schutz vor Armut dar und ermöglicht keine ausreichende gesellschaftliche Teilhabe“, meint wiederum der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) veröffentlichte „Siebte Bericht zur Lage der älteren Generation“.[46]

Insofern die „Sozialhilfeschwelle“[47] die Armutsgrenze nicht überschreitet, wird diese Datengrundlage für das Erfassen von der Altersarmutsquote in dieser Arbeit ebenso berücksichtigt. So sind zurzeit (Stand Juni 2017) in Deutschland 535.540 Rentner von Grundsicherung im Alter abhängig, dies entspricht etwa 3% von 17,3 Millionen in Deutschland lebenden über 65-järiger Menschen.[48] Damit blieb die Armutsgefährdungsquote im Zeitraum von 2015 mit einem Wert rund 536.000 von bis 2017 relativ stabil.[49] Allerdings lag sie im Jahr 2003 noch bei 275.734, dann stieg sie auf über 409.000 im Jahr 2008 und dann weiter auf über 497.000 (2013). Dies entspricht einem Prozentsatz von 1,7% (2003), 2,5% (2008), 3% (2013) der über 65-järigen von Armut betroffenen Menschen. Das sind zwar keine akut dramatischen Werte. Die Steigerungstendenz ist jedoch unverkennbar, denn die Zahl der Hilfebedürftigen hat sich in der Altersgruppe 60 plus innerhalb letzten 13 Jahre fast verdoppelt (von 275.73 im Jahr 2003 auf 535.540 im Jahr 2017).[50]

Bei der niedersächsischen Altersarmutsquote ist seit 2010 auch ein kontinuierlicher Anstieg der armutsbetroffenen Menschen zu beobachten. Nach den aktuellsten Daten der Landeshauptstadt Hannover ist die Altersarmut von 2010 bis 2015 von 7,8% bis auf 9,6% kontinuierlich angestiegen.[51] „Damit folgt das Land einem bundesweiten Trend“,[52] meint Hannoversche Bezirksfrau Jessica Rothhardt, denn die Werte sind in diesem zeitlichen Raum in der Tendenz in allen Bundesländern angestiegen. Im Jahr 2016 blieben sie erstmal gleich, bei 9,6% aller Senioren/innen in Hannover.[53] Dafür gibt es 2 Gründe:[54] Erstmal, die am 1.1.2016 eingeführte Wohngeldnovellierung hat dazu geführt, dass viele Grundsicherungsberechtigte durch höhere Wohngeldbeträge aus der Statistik rausgefallen sind. „Das heißt, wahrscheinlich ist es so, dass wirklich nicht weniger Menschen arm sind – das sieht man in absoluter Zahl – sondern, dass sie, sozusagen, in einer anderen Leistungsstatistik, die hier aber nicht als arm definiert wird, abgebildet sind“, meint die Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle „Sozialplanung“ bei der Landeshauptstadt Hannover. Und zum anderen, auch die jährliche Rentenanpassung im Jahr 2016 hatte zur Folge, dass manche Leute plötzlich oberhalb der Grundsicherungsgrenze lagen und nicht mehr anspruchsberechtigt waren. „Also, faktisch ist das [...] nicht ein neuer Trend, sondern das ist eine zufällige Gleichzeitigkeit von 2 Ereignissen, die ausnahmsweise in einem Jahr diese Entwicklung gestoppt haben“, führt die Sozialplanerin weiter an und vermutet zudem den künftigen Anstieg von der Altersarmutsquote.

Wie man sehen kann, es gibt große prozentuale Unterschiede in der Frage, wie viele ältere Menschen in Armut leben (16,5% auf der Basis des Äquivalenzhaushaltseinkommens und 3% auf Basis der Angewiesenheit auf die Grundsicherung im Alter). Diese Differenzen lassen sich aufgrund 3 Faktoren erklären: Erstens, die 60%-Armutsgrenze des Durchschnittseinkommens liegt unter dem Bedarfsniveau der Grundsicherung.[55] Zweitens, Grundsicherung im Alter ist eine bedarfsorientierte staatliche Leistung, d.h. damit man überhaupt den Anspruch auf die Grundsicherung bekommen kann, muss erstmal das vorhandene Vermögen eingesetzt werden. Bei der 60%-Armutsgrenze wird das Vermögen wiederum nicht beachtet. Und drittens, in der Grundsicherungsquote kommen nur diejenigen hilfebedürftigen Menschen vor, die einen Antrag stellen und ihn bewilligt bekommen. Die „Dunkelziffer“[56] derjenigen, die ihren Anspruch nicht geltend machen, bleibt dabei unberücksichtigt.

Unabhängig von der Betrachtungsweise – Armutsrisikoquoten nach der Einkommensmessung der EU-Konzeption oder Anteil der Bevölkerung mit Leistungen in der Grundsicherung im Alter – lässt sich nach den obengenannten Zahleneingaben trotzdem feststellen, dass Altersarmutsrisiko kontinuierlich steigende Tendenz aufweißt. Alles spricht heutzutage dafür, dass es auch künftig stärker in Erscheinung treten wird und dies vor allem bei alleinlebenden Personen und Frauen.[57]

2.2.2 Ursachen

Mit dem Beginn der Industrialisierung wurde bei der Betrachtung der Lebenssituationen von Menschen deutlich, dass große Teile der Arbeiterschaft neue Produktionsformen der Fabrikarbeit in die Armutslagen gedrängt haben, aus denen sie nur mit sehr geringen Chancen herauskommen konnten.[58] Armut wurde somit zum Massenphänomen. Und diese Tatsache führte zur weiteren Schlussfolgerung, dass Armut in europäischen Länder, wenngleich auch in anderen Industrieländern, kein Naturereignis oder individuelles Schicksal, „dass es der Einzelne ist, der in der individualisierten Gesellschaft versagt hat“,[59] sondern das Resultat politischer und ökonomischer Entscheidungen darstellt.

Der Trend setzt sich heutzutage weiter fort, allerdings schon mit anderen strukturellen Bedingungen. Globalisierung, Neoliberalismus, Prekarisierung, Digitalisierung und ihren vielfältigen globalen Auswirkungen auf das menschliche Leben haben längst ein Ausmaß erreicht, dass Menschen infolge der Veränderungen in der modernen Arbeitswelt, geringen Arbeitschancen und prekären Arbeitsbedingungen wieder in die materiellen Notlagen gedrängt werden.[60]

In Hinblick auf die einkommensgebundenen Armutsrisiken lässt sich insgesamt feststellen, dass die Ursachen von Altersarmut sowohl auf die externen als auch internen Faktoren zurückzuführen sind. Zu den externen Faktoren werden die nicht einflussbaren Erscheinungen in der Bevölkerungsentwicklung gezählt. Die internen Faktoren beziehen sich wiederum auf die absehbaren strukturellen Folgen der sozialpolitischen Entscheidungen.

Externe Faktoren

Betrachtet man die Entwicklungen in der Bevölkerungsstruktur der letzten 40-50 Jahre, kommt man zur Entscheidung des Statistischen Bundesamtes: Immer mehr „[ä]ltere Menschen werden unsere Gesellschaft zunehmend prägen“.[61]

Alleine innerhalb der letzten 25 Jahre (1990-2014) hat die Anzahl von älterer Generation um 43% angestiegen. Dies heißt wiederum, dass es heute jeder vierte Bürger zur Generation 60 plus zugerechnet ist. Die radikale Verschiebung in der Bevölkerungsstruktur letzter Jahrzehnten ist in erster Linie auf die kontinuierlich steigende Lebenserwartung älteren Menschen zurückzuführen. Diese hat sich dem Statistischen Bundesamt zufolge seit dem 19. Jahrhundert fast verdoppelt: So, wenn der durchschnittliche Lebensdauer Mitte der neunziger Jahre bei Männer 73 und bei Frauen 78,5 Jahre betrug, liegt er im Jahr 2014 schon bei fast 78 Jahren für Männer bzw. 83 für Frauen.[62] Die steigende Lebenserwartung führt zudem in Verbindung mit geringen Geburtenzahlen – im Schnitt nur 1,4 Kinder pro Frau – zu einer „Alterung der Gesellschaft“,[63] das heißt, dass der Großteil der deutschen Bevölkerung auf ältere Jahrgänge entfällt.

Diese Bevölkerungstendenz ist aufzuhalten und wird sich nächste 30 Jahre nur noch weitersetzen. So, wenn der Anteil von älteren Menschen gegenwärtig bei 22% liegt, wird er nach den vorliegenden Bevölkerungsprognosen im Jahr 2030 auf über 28% ansteigen und im Jahr 2050 sogar 32% der Gesamtbevölkerung betragen.[64]

Die „demographische Revolution“[65] bringt allerdings neue Herausforderungen für die Sozialpolitik mit sich, besonders für das System der Alterssicherung und Pflege. Da die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Prinzip der Umlagefinanzierung funktioniert, d.h. dass die heutige Rentnergeneration von den eingezahlten Rentenbeiträgen der jetzigen Erwerbstätigen bezahlt wird, bedeutet dies aufgrund der gegenwärtigen demographischen Entwicklungen, bzw. hoher Lebenserwartung und niedriger Geburtenzahlen, doppelte Belastung auf künftige erwerbstätige Generation, denn immer weiter steigende Anzahl von Rentnern werden letztendlich sie bezahlen müssen. Schwieriger wird zudem, wenn die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1969 ab dem Jahr 2020 nach und nach auch in die Rente gehen. So, wenn heute auf einen Rentner noch zwei Beitragszahler kommen, wird im Jahr 2030 nur noch rund ein Beitragszahler sein.[66]

Aus Sicht der heutigen Arbeitnehmer ist es noch kaum zu spüren, denn infolge der Rentenreform von 2001 dürfen die Rentenbeiträge kaum noch erhöht werden. So darf der aktuelle Rentenbeitragssatz 18,7% des Bruttoverdienstes bis zum Jahr 2020 nicht mehr als auf 20% und bis zum 2030 höchstens auf 22% steigen sowie im Jahr 2045 nicht mehr als 25% betragen.[67] Stabil ist das System deshalb keineswegs, denn wenn die Beitragssätze nicht steigen dürfen und relativ unverändert bleiben, dann muss das Rentenniveau sinken. Erhielt der durchschnittliche Rentner 1990 noch 55% des aktuellen Durchschnittseinkommens, bekommt er heute nur noch 47,7% davon. Bis 2030 sind knapp 45% vorhergesagt. Unter 43% soll es aber laut politischer Vorgabe nicht fallen.[68]

Da die gesetzliche Rente die dominierende Stellung in den Alterseinkünften einnimmt und für die meisten Menschen im Alter die einzige Einkommensquelle darstellt, bedeutet es für viele – besonders, wenn man „geknickte“ Erwerbsbiographien und nicht volle 45 Jahre durchgearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt hat – ein erhöhtes Armutsrisiko im Rentenalter.

Aber nicht alleine demografischer Wandel wird für ein großes Armutsrisiko bei den älteren Menschen verantwortlich gemacht. „Sie [Veränderungen der Bevölkerungsstruktur] sind Ausdruck von Veränderungen des Wertesystems und damit verbundenen veränderten Präferenzen und Möglichkeiten“, meinen Forscher vom Alterssurvey.[69] Dies betrifft vor allem Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen in Bezug auf Ehe und Elternschaft. Zum einen geht es dabei um die Veränderung von traditionellen Rollen und Identitäten in der Familie. Zum anderen ist damit die freie Wahl von Bindungen und Beziehungen gemeint, die mit Individualisierung von Lebensweisen einhergeht und schließlich sich in veränderten Haushaltsstrukturen mündet bzw. in der Zunahme verschiedener Formen der Lebensgemeinschaften sowie insbesondere Einpersonenhaushalten. „Lebensverläufe sind […] ebenso diskontinuierlich wie Erwerbsverläufe geworden“,[70] sagt Mutz, was auch einen wesentlichen Einfluss auf die Armuts- und Ausgrenzungstendenzen ausübt. Diese Entwicklung wird sich bei künftiger Altersgeneration noch erheblich verstärken. „Während heute etwa jeder zehnte kinderlos ist, trifft das in 20 Jahren auf ein Viertel und in 30 Jahren auf ein Drittel der Frauen zu, die ins Rentenalter eingehen“.[71] Da „die unmittelbare Unterstützung innerhalb familiärer Strukturen noch immer eine zentrale Säule sozialer Sicherungssysteme im Alter [ist]“,[72] fällt das Risiko von Armut betroffen zu sein, den alleinlebenden Menschen, besonders wenn sie alt und krank sind, größer aus,[73] den diesen Personen ist dann der Weg zur materillen Absicherung und emotionalen Unterstützung über Familienmitglieder häufig verschlossen. Somit wird die Altersarmut auch auf einen umfassenden sozialen Wandel zurückgeführt.

Interne Faktoren

Armut in Deutschland ist „gemacht“, meinen viele fachkündige Menschen:[74] Erstens, durch die kapitalistisch organisierten ökonomischen Prozesse und zweitens, durch die Rentenreformen der letzten Jahre.

In den letzten Jahrzehnten ist Globalisierung zum Zauberwort moderner Gesellschaften worden. Die allerseits versprechende “Generalisierung des Wohlstandes”[75] hat jedoch nicht überall so funktioniert, wie es erwartet wurde und heute können wir die Ergebnisse dieser Entwicklung ziehen.

Mit Zuge von grundsätzlich nur auf das Kapital ausgerichteten Wirtschaftsinteressen haben sich Bedingungen und -belastungen in der modernen Arbeitswelt maßgeblich verändert, was wiederum zur ungleichen Einkommensverteilung unter den Bevölkerungsgruppen geführt hat.[76] „Von der Kapitalseite unter den Stichworten „Deregulierung“ und „Flexibilisierung“ vorangetriebene“[77] Modernisierung von Arbeitswelt hat vor dem Hintergrund des technologischen Fortschritts, des Wandels zur Dienstleistungsgesellschaft und des weitreichenden Wettbewerbs zur Folge, dass die Normalarbeitsbiographien mit Vollbeschäftigung heute eher ein Privileg zu sein scheinen. So ist die Aussicht, sich mit präkeren Arbeitsplätzen arrangieren zu müssen, heutzutage besonders hoch. Mit der Einführung des Niedriglohnsektors ersetzten viele Unternehmen die regulären, sozialversicherten Beschäftigungstellen durch unsichere und niedrig bezahlte Jobs. Darüber hinaus nehmen Beschäftigungsverhältnisse, die nicht der Rentenversicherungspflicht unterliegen, wie z.B. Selbstständigkeit an Bedeutung zu, die wiederum mit vielen unberechenbaren Risiken verbunden sind.[78]

So sind infolge des flexibilisierten Arbeitsmarkts sowie infolge einer Ausweitung des Niedriglohnsektors die Erwerbsverläufe insgesamt diskontinuierlicher geworden. Da der gesetzliche Rentenanspruch nach dem Äquivalenzprinzip berechnet wird – je höher und länger die Beiträge gezahlt wurden, desto höher fällt die spätere Rente aus – laufen viele Menschen deswegen besonders der Gefahr, keine ausreichende Alterssicherung aufbauen zu können. Dadurch wird die Chance, im Alter von Armut betroffen zu werden, ebenfalls hoch.[79]

Niedrige Alterseinkommen sind demzufolge bei den Personengruppen absehbar, deren Erwerbsbiographien längere Phasen schlecht bezahlten selbstständiger Tätigkeit, geringfügiger Beschäftigung und Arbeitslosigkeit aufweisen. Gerade für gering qualifizierte Menschen und Bürger mit Migrationshintergrund oder mit ausländischem Pass ist dies in den letzten Jahrzehnten immer schwieriger geworden, sich einen Arbeitsplatz mit dem Arbeitslohn über 450 Euro zu finden. Für all diese Gesellschaftsgruppen gilt deshalb ein besonders hohes Armutsrisiko im Rentenalter.[80]

Darüber hinaus wird bei der Betrachtung von Altersarmut in Bezug auf Erwerbsbiographien auch der Vergleich zwischen Geschlechtern besonders wichtig. Frauen sind überdurchschnittlich häufiger als Männer von unterbrochenen Erwerbsbiographien, hohen Teilzeitarbeitsquoten und niedrigen Löhnen betroffen, z.B. wegen „Sorgearbeit“[81] (bspw. wegen Kindererziehung und/oder Pflege von Angehörigen), was bei ihnen die Wahrscheinlichkeit für Versicherungslücken und somit auch späterer niedriger Renten und Altersarmut dementsprechend erhöht.[82] Und dies macht deutlich, dass es im deutschen Sozialsystem nach wie vor eine mangelnde finanzielle Absicherung der privaten Betreuungsarbeit gibt, die vorwiegend von Frauen geleistet wird.[83]

Darüber hinaus, selbst bei vergleichbaren Tätigkeiten werden Frauen schlechter als Männer bezahlt, was immer noch auf Hierarchien und Ungleichbehandlungen im beruflichen Alltag aufweist.[84]

Was Sozialstaat angeht, der eingeitlich versuchen soll, diese Brüche in der Erwerbsbiographien von Betroffenen auszugleichen, handelt es sich hierbei allerdings, bzw. was die neuen Arbeitsmarktverhältnisse anbetrifft, tatsächlich um ein Resultat sozialstaatlicher Politik, die im Rahmen der Globalisierung diesen beschäftigungsstrukturellen Wandel ganz bewusst gefördert hat.

Der zweite Faktor, der für eine Zunahme der Altersarmut spricht, sind also die Rentenreformen der letzten zwanzig Jahre.[85] „So lassen die Rentenreformen der jüngeren Vergangenheit mit dem Paradigmenwechsel hin zu einem Mehrsäulensystem und einer einnahmeorientierten Ausgabenpolitik das gesetzliche Sicherungsniveau deutlich sinken“, behauptet Brosig.[86] Mit wenigen Ausnahmen – z.B. bei den Leistungen für Kindererziehungszeiten – haben sie dazu beigetragen, dass das Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente immer weiter abgesunken ist.

Es wird letzte Zeit die Reduktion des Rentenniveaus durch den Nachhaltigkeitsfaktor besonders diskutiert. So, um die Beitragssätze stabil zu halten, wurde in die jährliche Rentenanpassung aufgrund der Lohnentwicklungen ein Beitragsfaktor eingeführt, der jährlich Schritt für Schritt das Niveau der gesetzlichen Rente weiter sinken lässt.[87] Um wiederum das immer sinkende Rentenniveau auszugleichen, wurde vermeintlich renditenträchtige und durch die staatlichen Zuschüsse geförderte Riester-Rente vorgeschlagen. Diese wurde letzte Jahre genauso heftig kritisiert, denn wie es später herausgestellt hat, die Großzügigkeit des Staates ist an viele Bedingungen geknüpft. So, wenn man im Laufe des Erwerbslebens zu wenig verdient hat und im Alter auf Grundsicherung trotzdem angewiesen ist, bekommt man den angesparten Beitrag zu 100% von der Grundsicherung abgezogen, das man auch ohne riestern bekommen würde.[88] Darüber hinaus wurden nach der Riester-Rente diejenige nicht befördert, die das am meisten gebraucht haben und zwar die Harz-IV-Empfänger, weil sie dazu erforderliches Geld schlicht nicht aufbringen können. Für die diejenige, die Riester-Verträge abgeschlossen haben und sogar einige Jahre das Geld eingezahlt haben, hat es trotzdem aufgrund der Finanz- und Eurokrise 2007 weniger gelohnt. Die Verzinsung, die die Versicherer ihren Kunden garantiert haben (9%), ist mittlerweile nicht mehr profitabel und liegt aktuell bei 1,75% auf den gesamten Sparanteil. Dass das eingezahlte Geld infolge der Inflation mit der Zeit weit weniger wert ist, kommt auch noch dazu.[89]

Aus all diesen Ausführungen kommt man zum Ergebnis, dass der Sozialstaat nicht immer und nicht nur als “Armutsbekämpfer”, sondern manchmal auch als “Armutsverstärker“ auf der sozialgesellschaftlichen Bühne auftritt sowie auch selber seine gesellschaftlichen Mitglieder in die Notsituationen treibt.

2.2.3 Prognosen

Selbst wenn man in der Bevölkerung das Risiko von Altersarmut sehr hoch einschätzt, wird es auf der politischen Ebene allerdings bestritten.[90] So stellt Altersarmut nach Auffassung des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium überhaupt „kein drängendes Problem“ dar.[91] Einen wachsenden Handlungsbedarf sehen sie eher bei den jungen Menschen. Ähnliches gilt z.B. auch für den Fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, in dem zwar den Bezug von Grundsicherungsleistungen im Alter skizziert, gleichzeitig jedoch darauf hinweist, dass Altersarmut kein akutes Problem darstelle und den Grundsicherungsbezug eben nicht mit Altersarmut gleichzusetzen sei.[92]

Die aktuellsten Studien[93] kommen dennoch zu dem Ergebnis: Selbst wenn ältere Menschen heute im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen noch nicht überdurchschnittlich von Armut gefährdet sind,[94] ist es mit einem künftigen Anstieg der Armutsgefährdung für Personen im Rentenalter zu rechnen.

Bei allen Unterschieden im Detail prognostizieren die beiden Studien in der Tendenz einen Anstieg der durchschnittlichen Armutsrisikoquote bis in die 2030er Jahre von gegenwärtigen 16,5% auf etwa 20 bis 25%. Prozentual ist es nicht dramatische Erhöhung, aber, wenn man auch berücksichtigt, dass im Jahr 2030 der Anteil älteren Menschen insgesamt größer wird, dann werden auf diese 20% noch mehr Menschen kommen als heute. So wie die Studie der Wirtschaftsforschungsinstitute Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung vermutet, wird jeder fünfte 67-Jährige 2036 von Altersarmut bedroht sein.[95]

Die Armutsgefährdungsquote der Rentner, die von der „bekämpften“ Armut betroffen sind, bzw. die Grundsicherung beziehen werden, wird beiden Studien zufolge ebenso steigen, insgesamt von 3,7% auf 5,0% der über 65-Jährigen.

Die Ergebnisse dieser Studien sowie einer anderen Studie letzter Jahre,[96] in der die Lebenswege heutiger Leistungsberechtigter analysiert werden, deuten allerdings darauf hin, dass es ganz konkrete Menschengruppen gibt, die in der Zukunft einer stark erhöhten Armut im Alter ausgesetzt werden. Dazu gehören „familienorientierte Frauen“, „nicht obligatorisch gesicherte Selbstständige“, „Personen mit Zuwanderungshintergrund“, „umbruchsgeprägte Ostdeutsche“ und „komplex Diskontinuierliche“ (Alkoholiker, Kriminelle, Suchtkranke).[97] In einer weiteren Perspektive können darüber hinaus langjährig Beschäftigte wie Mini-Jobber und Geringverdiener davon betroffen werden.

Problemanzeigen sind also laut all der obengenannten Prognosen gleich, genauso wie Risikogruppen. Diese Zahlen machen anschaulich: Wenn es keine Verhaltensveränderungen angesichts des Umgangs mit Armutsproblematik im Alter noch heute stattfinden, dann wird man sich in der Zukunft mit einem noch mehr beträchtlichen Ausmaß von armmutsbetroffenen Menschen sowie durch die Altersarmut hervorgerufenen gesellschaftlichen Folgen arrangieren müssen. Um die sozialpsychologischen Auswirkungen der Armutsprozesse geht es nämlich im nächsten Punkt.

2.2.4 Folgen

Selbst, wenn insgesamt gesehen, das Armutsrisiko im Alter nur noch unterdurchschnittlich besteht und auf bestimmte Gruppen begrenzt ist, bleibt es nach wie vor aus sozialer und individueller Sicht ein schwerwiegendes Problem. Prekäre Einkommenslage der verarmten älteren Menschen bestimmt ihre Lebenssituation erheblich, indem sie viele Lebensbereiche wie Gesundheit, Mobilität, Wohnverhältnisse, Haushaltsausstattung, schließlich geringere Lebensqualität und verringerte gesellschaftliche Teilhabechancen beeinträchtigt.[98]

Vor dem Hintergrund der sich verändernden materiellen Lebenssituation im Alter bekommt auch das Thema der Erwerbstätigkeit nach dem Ruhestandseintritt eine neue Bedeutung.[99] Der Wunsch der älteren Menschen, selber ihre finanzielle Situation zu verbessern, hat letzte Zeit dazu geführt, dass immer mehr Ruheständler einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen wollen oder sogar müssen,[100] worauf auch die Daten vom Statistischen Bundesamt deuten.[101] Der Anteil der Personen, die im Ruhestand erwerbstätig sind, ist von 5,1% im Jahr 1996 auf 11,6% im Jahr 2014 deutlich angestiegen.[102] Diese Entwicklung ist von Seiten der Regierung gewünscht und wird durch verschiedene Maßnahmen gefördert wie z.B. durch Flexi-Rente, die auf eine stärkere Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer sowie auf eine Verlängerung des Erwerbslebens zielt.

Aus dem Grund, dass viele Betroffenen allerdings wegen ihrer gesundheitlichen Problemen nur eingeschränkte oder gar keine Möglichkeiten haben, ihre Lebenssituation durch zusätzliche Erwerbstätigkeit zu verbessern, führt prekäre materille Situation zu den beträchtlichen Einschränkungen in der Lebensweise und im Lebensstandard.

Insgesamt betrachtet schränkt materielle Notlage als erstes den Zugang zu Gütern des täglichen Bedarfs ein. Für den Konsum bestimmter Dinge im Einzelhandel oder Reisen und kulturelle Aktivitäten steht also nur wenig, wenn überhaupt Geld zur Verfügung.[103]

Relative Einkommensarmut ist häufig auch mit unzureichenden Wohnbedingungen verbunden. So wohnen ältere Menschen, die sich in existenziellen Notlagen befinden, oft in beengten Wohnverhältnissen,[104] die zudem auch öfter nicht barrierefrei ausgestattet sind, was ihre Handlungsspielräume weiter einschränkt, denn dies verstärkt „die Auswirkungen von Leistungseinschränkungen, Behinderungen und Mobilitätseinbußen im Alter“, sagen Backes und Clemens.[105]

[...]


[1] vgl. Alisch 2008, S. 85; Vogel/Motel-Klingebiel 2013; S. 13.

[2] Statistisches Bundesamt 2016, S. 44.

[3] Die ferne Lebenserwartung beschreibt, wie viele Lebensjahre eine 60-jährige Person vor sich hat, also noch zu erwartende Lebensjahre eines/einer Rentners/in.

[4] vgl. Mahne u.a. 2017, S. 105.

[5] vgl. Haan/Stichnoth u.a. 2017; Braun/Thomschke 2017.

[6] vgl. BAMS 2017.

[7] Deutscher Bundestag 2001, S. 53, zit. n. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 463.

[8] vgl. Hanesch 2011, S. 244.

[9] vgl. Mahne u.a. 2017, S. 12.

[10] Knopp u.a. 2015, zit. n. van Rießen/Bleck/Knopp 2015, S. 107.

[11] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 93.

[12] siehe Anhang 1; vgl. Wicher 2017, S. 62-64.

[13] vgl. Grabka/Goebel 2017, S. 71, 82.

[14] siehe Kapitel 1.2. dieser Arbeit.

[15] vgl. Wicher 2017, S. 65-66.

[16] vgl. Hanesch/Koch/Segbers u.a. 2004.

[17] Alisch 2008, S. 97.

[18] BAMS 2017, S. 560.

[19] vgl. Huster/Boeckh/Mogge-Grotjahn 2008, S. 265f.

[20] BAMS 2017, S. 440.

[21] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 389.

[22] vgl. Reinecke 2012, S. 35.

[23] vgl. Thomas 2010, S. 19; Generali Deutschland AG 2017, S. 58.

[24] vgl. Huster/Boeckh/Mogge-Grotjahn 2008, S. 96.

[25] vgl. Reinecke 2012, S. 15.

[26] siehe Anhang 2.

[27] vgl. Reinecke 2012, S. 35; Huster/Boeckh/Mogge-Grotjahn 2008, S. 104. Bis 1998 hat sich die Bundesregierung gegen diese Definition in Höhe der EU-Empfehlungen gewehrt und gemäß dem Konzept der absoluten Armut die Existenz von Armut in Deutschland bestritten, denn sie sei in diesem Fall durch Sozialhilfe verhindern. Mit den Auflagen des Ersten Armuts- und Reichtumsberichts im April 2001 hat sich die Bundesregierung allerdings dieser Armutsdefinition angeschlossen.

[28] vgl. Huster/Boeckh/Mogge-Grotjahn 2008, S. 289.

[29] vgl. Becker/Hauser 2005; Wicher 2017, S. 39.

[30] vgl. Forschungsergebnisse, Kapitel 4.

[31] vgl. Becker/Hauser 2005, S. 221.

[32] vgl. Reinecke 2012, S. 37.

[33] Mahne u.a. 2017, S. 99.

[34] vgl. BAMS 2017, S. 425.

[35] vgl. Reinecke 2012, S. 37.

[36] BAMS 2017, S. 549.

[37] BAMS 2017, S. 549.

[38] vgl. Vogel/Montel-Klingebiel 2013, S. 114.

[39] siehe durchschnittliches Äquivalenzhaushaltseinkommen im Jahr 2015, Anhang 2.

[40] vgl. BAMS 2017, S. 551-554.

[41] siehe Anhang 3.

[42] vgl. BAMS 2017, S. XXIX; Generali Deutschland AG 2017, S. 57.

[43] Schönig 2017, zit. n. Schirra-Weirich/Wiegelmann 2017, S. 27.

[44] siehe Anhang 4.

[45] vgl. BAMS 2017.

[46] BMFSFJ 2016, S. 57.

[47] Alisch 2008, S. 87.

[48] siehe Anhang 5.

[49] siehe Anhang 6.

[50] siehe Anhang 7.

[51] vgl. Landeshauptstadt Hannover, Sozial- und Sportdezernat 2017, S. 9; Rothhardt 2013, S. 605.

[52] vgl. Rothhardt 2013, S. 600.

[53] vgl. Landeshauptstadt Hannover, Sozial- und Sportdezernat 2017, S. 9. Das hannoversche Verständnis von Altersarmut basiert sich auf der Basis des Sozialleitungsbezugs. Auf Basis der 60%-Durchschnittseinkommensgrenze liefert die Stadt Hannover kein Zahlenmaterial.

[54] vgl. Landeshauptstadt Hannover, Sozial- und Sportdezernat 2017, S. 10

[55] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 32.

[56] Landeshauptstadt Hannover, Sozial und Sportdezernat 2017, S. 3.

[57] vgl. dieses Kapitel Punkt 1.2.3 Prognosen.

[58] vgl. Maier 2009, S. 71.

[59] Thomas 2010, S. 18.

[60] vgl. Maier 2009, S. 73.

[61] Statistisches Bundesamt 2016, S. 6.

[62] vgl. Statistisches Bundesamt 2016, S. 44; Flüter-Hoffmann/Pimpertz 2014, S. 4.

[63] vgl. Backes/Clemens 2013, S. 31.

[64] siehe Anhang 8.1, 8.2, 8.3.

[65] Backes/Clemens 2013, S. 31.

[66] vgl. Flüter-Hoffmann/Pimpertz 2014, S. 5.

[67] vgl. Wicher 2017, S. 52-54.

[68] vgl. Bosig 2014, S. 59; Schirra-Weirich/Wiegelmann 2017, S. 28; Wicher 2017, S. 33.

[69] Mahne u.a 2017, S. 15.

[70] Mutz 2009, zit. n. Maier 2009, S. 80.

[71] Kremer-Preiß/Stolarz 2003, S. 7, zit. n. van Rießen/Bleck/Knopp 2015, S. 16.

[72] van Rießen/Bleck/Knopp 2015, S. 17.

[73] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 38; Götz/Lehnert 2016, S. 88.

[74] vgl. Butterwegge 2011; Brosig 2014.

[75] Butterwegge 2002, zit. n. Sell 2002, S. 343.

[76] vgl. Brosig 2014, S. 75.

[77] Butterwegge 2011, S. 77.

[78] vgl. Sell 2002, S. 346.

[79] vgl. Wicher 2017, S. 84-86, 187.

[80] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 74.

[81] vgl. BMFSFJ 2016, S. XI.

[82] vgl. Statistisches Bundesamt 2016, S. 38; Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 70; Alisch 2008, S. 99; Götz/Lehnert 2016, S. 86; Wicher 2017, S. 70-78; Butterwegge/Bosbach/Birkwald 2012, S. 111f.

[83] vgl. Alisch 2008, S. 94.

[84] vgl. Reinecke 2012, S. 48-49.

[85] vgl. Butterwegge/Bosbach/Birkwald 2012, S. 19; Mahne u.a 2017, S. 18; Wicher 2017, S. 43, 187.

[86] Brosig 2014, S. 9.

[87] vgl. BMFSFJ 2016, S. 58.

[88] vgl. Butterwegge/Bosbach/Birkwald 2012, S. 22.

[89] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013, S. 168.

[90] vgl. Brosig 2014, S. 8.

[91] Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie 2012, S. 19

[92] vgl. BAMS 2017, S. 437.

[93] vgl. Haan/Stichnoth u.a. 2017; Braun/Thomschke 2017.

[94] vgl. dieses Kapitel Punk 1.2.1.

[95] vgl. Haan/Stichnoth u.a. 2017, S. 68f.

[96] vgl. Brettschneider/Klammer 2016.

[97] Brettschneider/Klammer 2016, S. 322, 331, 334, 338, 341-346.

[98] vgl. Vogel/Motel-Klingebiel 2013; Generali Deutschland AG 2017, S. 59.

[99] vgl. Mahne u.a 2017, S. 47.

[100] vgl. Wicher 2017, S. 157-159.

[101] vgl. Statistisches Bundesamt 2016, S. 22.

[102] vgl. Mahne u.a. 2017, S. 59.

[103] vgl. Wicher 2017, S. 115-116.

[104] vgl. Wicher 2017, S. 38-39, 116.

[105] Backes/Clemens 2013, S. 214.

Details

Seiten
111
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783956873553
ISBN (Buch)
9783956873577
Dateigröße
9.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412120
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,1
Schlagworte
Soziale Arbeit Altersarmut Sozialraumorientierung soziale Teilhabe soziale Ausgrenzung Alterssicherung Demographiewandel Seniorenarbeit
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Titel: Altersarmut und soziale Ausgrenzung. Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Sozialen Arbeit