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Die Intuition des Menschen. Mehr als nur ein Bauchgefühl?

Evolutionäre Betrachtung der Intuition des Menschen

Facharbeit (Schule) 2018 33 Seiten

Biologie - Evolution

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein genauer Blick auf Intuition
2.1. Was ist Intuition? Definition und Abgrenzung
2.2. Intuition als Distinktionsmerkmal zwischen Tier und Mensch
2.3. Wie funktioniert Intuition?
2.4. Intuition als Mehrwert und Risiko

3. Ein Experiment zum Risiko intuitiver Lösungsstrategien
3.1. Hypothese der Untersuchung
3.2. Untersuchungsdesign
3.3. Darstellung der Ergebnisse
3.3.1. Grunddaten der Auswertung
3.3.2. Prüfung der Hypothese
3.4. DISKUSSION DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE

4. Intuition und Schule: eine Kleine Anregung?

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Anhang

DANK

Ich danke allen Schülerinnen und Schülern der Klassen, die bereitwillig als Versuchspersonen an dem Experiment meiner Seminararbeit teilnahmen.

Ebenso danke ich den Lehrkräften, die, mit großem Verständnis für mein Anliegen, ihre Stunden für den Versuch zur Verfügung stellten.

Ich danke Miriam Cherkaoui und Simona Kabs, die als engagierte Versuchsleiterinnen mit mir das Experiment durchführten.

Mein Dank gilt auch Dr. Inge Schreyer vom Staatsinstitut für Frühpädagogik, die mir bei der Konzeption und Ausarbeitung meines Versuchs eine große Unterstützung war.

Und nicht zuletzt gilt mein Dank meiner Betreuungslehrerin Frau Primas, die mich bei meinem etwas ungewöhnlichen Thema der Seminararbeit immer motivierend unterstützte und für alle Fragen und Probleme ansprechbar war.

Mira Lorenz

1. Einleitung

„Mit Logik kann man Beweise führen, aber keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Dazu gehört Intuition.“, das sagte der bedeutende, französische Mathematiker und Physiker Henri Poincaré (Fröse 2015, S. 130). Die Aussage mag auf den ersten Blick überraschen, gilt doch die Logik nicht erst seit heute als das gemeinhin wertvollste Bewertungskriterium für Erkenntnisse und Entscheidungen.

Geht man jedoch zurück in die Zeit des Mittelalters, zeigt sich die Intuition nicht nur als ein anerkanntes, sondern als hoch geschätztes Prinzip der Gewinnung von Erkenntnis; so bewertete sie etwa der einflussreiche Philosoph Baruch von Spinoza als die höchste von drei Erkenntnisarten (Hager 2014). Erst ungefähr ab 1730 rückte das logische und eigenständige Denken, der Rationalismus, in den Vordergrund und begründete die Zeit der Aufklärung.

Dieses Rationalitätsprinzip hat bis heute Bestand. Fragestellungen oder Probleme gilt es genau zu recherchieren und Ergebnisse müssen nachvollziehbar, überprüfbar und belegbar sein. Verstärkt wurde dieser Anspruch durch die Vielzahl der digital zur Verfügung stehenden Informationen. Die Intuition als Erkenntnis- und Entscheidungsprinzip besitzt deshalb in unserer Gesellschaft keine große Akzeptanz; häufig wird sie belächelt und als inneres Gefühl abgewertet. Daher werden auch Experimente, die versuchen, einen Nachweis für die Bedeutung von Intuition zu erbringen, oft vorschnell und zu Unrecht nicht der Wissenschaft, sondern der Esoterik zugeordnet.

Ist die menschliche Intuition also tatsächlich nur ein Bauchgefühl und zu ungenau, um sich bei Entscheidungen darauf zu verlassen, oder schenkt man den Gegenstimmen einiger Wissenschaftler Glauben und bewertet die Intuition als eine Chance für unser tägliches Leben? Kann Intuition zu neuen Erkenntnissen führen, so wie es Henri Poincaré behauptet, oder lockt sie uns auf falsche Fährten? Und, mit Blick auf die Evolution, ist unsere Intuition vielleicht ein verbesserter Instinkt und damit ein Distinktionsmerkmal zum Tier?

2. Ein genauer Blick auf Intuition

2.1. Was ist Intuition? Definition und Abgrenzung

„Intuition“ ist nicht eindeutig definiert, weder begrifflich noch inhaltlich. Je nach Wissenschaftsbereich und Erklärungsinteresse unterscheiden sich sowohl die Termini als auch die Definitionen. In der Literatur wird mit einem ähnlichen Verständnis auch von „Unterbewusstsein“, „System 1“, oder auch „Sechstem Sinn“ gesprochen (Dijksterhuis 2010; Kahneman 2012). Auch im Rahmen dieser Arbeit werden die Begriffe weitgehend gleichbedeutend verwendet. Doch was bezeichnen sie konkret und von welchem genauen Verständnis von Intuition geht die vorliegende Arbeit aus?

Eine hilfreiche Definition von Intuition findet sich bei Tobias C. Haupt: „Intuition ist [somit] die zentrale Fähigkeit zur Informationsverarbeitung und zur angemessenen Reaktion bei großer Komplexität der zu verarbeitenden Daten. Sie führt sehr oft zu optimalen Ergebnissen“ (Haupt 2009, S. 520-521).

Mit einem solchen Verständnis von Intuition beschäftigt sich die Wissenschaft in sehr unterschiedlichen Bereichen, unter anderem in Bezug auf Wirtschaftsorganisationen (Weibler & Küpers 2012, S. 457-478), im Kontext von Informatik (Weigend 2007), oder auch als Strategieansatz für Verkaufsoptimierungsmodelle (Tusche 2010), um nur einige Themenfelder zu nennen.

Der zentrale Rahmen dieser Arbeit ist der Blick auf die Intuition im Rahmen von alltäglichen Entscheidungen; sie nähert sich ihm über die grundlegende evolutionsbezogene Frage, in wie weit Intuition den Menschen einzigartig macht.

Im Anschluss an eine theoretische Betrachtung der Intuition, wird dann auf einen neueren Bereich der bisherigen Forschung fokussiert, bei dem die Intuition als Lösungsstrategie im Mittelpunkt steht. Dieser Bereich wird auch durch eine eigene empirische Untersuchung ergänzt, bei der gezeigt wird, unter welchen Bedingungen Intuition in die Irre führen kann.

Abschließend wird noch kurz auf den Aspekt „Schule und Intuition“ eingegangen.

2.2. Intuition als Distinktionsmerkmal zwischen Tier und Mensch

Warum werden nur Tiere mit einem Instinkt geboren und wir Menschen nicht? Bei Tieren sichern die Instinkte das Überleben. Beim Menschen, der ja nach Nikolaas Tinbergen ein instinktreduziertes Wesen ist (Unger 2013), muss es andere Mechanismen geben. An diesem Punkt kommt die Intuition ins Spiel; sie übernimmt bei Menschen weitestgehend die Aufgaben der Instinkte, ist aber nicht mit diesen gleichzusetzen, und lässt ihn einzigartig gegenüber der Tierwelt werden. Um zu zeigen, worin diese Einzigartigkeit besteht, braucht es zuerst einen genaueren Blick auf den Instinkt.

Früher wurden Instinkte – man bezeichnet sie in der Literatur etwa auch als „Reiz-Reaktionsschema - als eine Art Antrieb zur Handlung verstanden. Heute weiß man, dass sie ererbte Handlungsabfolgen sind, die durch bestimmte Schlüsselreize ausgelöst werden. Diese Schlüsselreize können äußerlich sein, wie zum Beispiel gewisse Temperaturveränderungen oder die Abfolgen der Jahreszeiten. Sie können aber auch von innen heraus entstehen, verursacht etwa durch Hormone oder durch einen Mangel an Glucose. Ist dieser Schlüsselreiz beziehungsweise die Kombination aus mehreren solcher Reize gegeben sowie eine zwingend notwendige „innere Bereitschaft“ vorhanden, wird ein passender, genetisch programmierter (Beller 2010), angeborener „auslösender Mechanismus“ (AAM) freigesetzt. Dieser Mechanismus wiederum untergliedert sich in mehrere Teile, die jeweils einzeln, durch spezifische Schlüsselreize, aktiviert werden müssen. Der Mechanismus endet mit einer Instinkthandlung. Die Intensität des ausgeführten Instinkts hängt ausschließlich von dem Schlüsselreiz und der inneren Bereitschaft ab.

Das Charakteristische an Instinkthandlungen ist, dass sie zwingend und in streng koordinierten, unveränderlichen Abläufen bis zum Ende ausgeführt werden und zwar unabhängig davon, ob das eigentliche Ziel des Instinktauslösers erfüllt ist. Die Abfolge kann zu keinem Zeitpunkt bewusst gesteuert oder beendet werden. Einmal ausgelöst kann auf den Ablauf kein Einfluss mehr genommen werden. Im Leben von Tieren sind Instinkte überlebenswichtig und ihr Leben kann durch die Abfolge verschiedener Reiz-Reaktionsmuster vollständig beschrieben werden. Varianten ergeben sich nur, wenn sich die Ziele der AAM´s, also die jeweiligen Instinkthandlungen, nicht unmittelbar erfüllen. Dann sinkt die, für die Instinkthandlung notwendige innere Bereitschaft kurzfristig ab, steigt aber relativ schnell wieder an und der Instinkt wird erneut ausgelöst. Eine dauerhafte Unterdrückung führt zu einer enormen Triebsteigerung und kann letztendlich sogenannte „Leerlaufhandlungen“ (Instinkthandlungen ohne Ziel) produzieren, die keinen Anreiz mehr benötigen. Zum Beispiel würde der Frosch eine imaginäre Fliege verfolgen und bis zur Schluckbewegung fortfahren, ohne jemals zuvor eine Fliege anvisiert zu haben. (vgl. Horst Bayrhuber 1989, S. 273-282).

Anhand dieser Beschreibung von Instinkt scheint er wenig mit der menschlichen Intuition zu tun zu haben und erst recht lässt sich keine Einzigartigkeit des Menschen ableiten. Unter dem Aspekt der Überlebensfähigkeit wird der Zusammenhang aber schnell klar. Wenn ein Mensch geboren wird, weist er zwar, ähnlich den Tieren, einige angeborene Mechanismen wie beispielsweise den Saugreflex oder die Klammerbewegung auf, diese verschwinden allerdings nach ein paar Monaten wieder (Beller 2010). Er braucht deshalb etwas anderes, was sein Überleben sichert. Es ist sein Bewusstsein. Doch dieses ist nicht in allen Situationen hilfreich, da es vergleichsweise langsam arbeitet. Und so besitzt der Mensch noch ein zweites „System“, das ähnlich schnell wie Instinkte, aber dennoch beeinflussbar funktioniert; es ist die Intuition. Sie hilft etwa in Gefahrensituationen schnell eine Entscheidung zu treffen oder dann, wenn es unserem Bewusstsein nicht möglich ist, eine Vielzahl zur Verfügung stehender Informationen für eine Entscheidung auszuwerten. Intuition macht deshalb den Menschen, in Kombination mit dem Bewusstsein, einzigartig (vgl. Abb. 1). Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Unterschiede in den Bewusstseinsstufen bei Tier und Mensch

Die Intuition ist also eine Art „bewusster Instinkt“, die im Verlauf der Evolution zunehmend ausgereift ist. Das Hauptaugenmerk der Intuition ist somit unser Überleben, indem sie Gefahren schnell – oft in Sekundenbruchteilen – erkennt, bevor diese von unserem Bewusstsein realisiert werden (Kahneman 2012, S. 50; Schultz 2011).

Der große Unterschied zum Instinkt des Tieres ist allerdings, dass der Mensch bewusst entscheiden kann, ob er seiner Intuition, also den instinktähnlichen Handlungen, folgt. Und er kann diese Handlungen auch erneut dem Bewusstsein unterwerfen und eine wohlüberlegte und bewusste Entscheidung treffen. Dabei, so stellen Forscher klar, ist die bewusste Variante nicht in jedem Fall die bessere, vor allem dann nicht, wenn die Situation komplex und gegebenenfalls gefährlich ist (Gigerenzer 2013, S. 147&167). Eine zweite Besonderheit beim Menschen besteht darin, dass Verhaltensmuster und motorische Bewegungen, die beim Tier gänzlich vererbt sind, nur in sehr rudimentären Teilen angeboren sind. Sie müssen somit erst mühsam erlernt werden (Beller 2010). Die Einzigartigkeit des Menschen liegt darin, dass er nicht „instinktiv“ jeder Intuition folgen muss, allerdings mit dem „Preis der Evolution“, dass Neugeborene erst alle Handlungsmuster erlernen müssen. Dies eröffnet Menschen die Möglichkeit, neue motorische, intellektuelle und kulturelle Fähigkeiten zu erlernen (Dijksterhuis 2010, S. 23). Tiere dagegen sind in ihrer Welt „gefangen“.

Neben intellektuellen, kulturellen und den hauptsächlich biologischen Vorteilen unserer menschlichen Intuition im Vergleich zum tierischen Instinkt, gibt es weitere spezifische verhaltensbiologische Vorzüge.

Wir Menschen müssen uns einem weitaus komplexeren Lebensraum in unserem Verhalten anpassen, als es den Tieren, mit ihrer „Nische“ in ihrem relativ konstanten Lebensraum gegeben ist. Der Klimawechsel und die Zerstörung der Lebensräume der Tiere sind zwar nicht zu vernachlässigen, aber im Vergleich zu unserer menschlichen Welt, bleibt die Tierwelt, aus Sicht der Verhaltensdeterminanten, weitestgehend statisch. Deshalb können Tiere ihre seit Jahrtausenden bestehenden Instinkte grundlegend beibehalten und sich trotzdem immer zurechtfinden. Der Lebensraum von Menschen aber ist von immensen Fortschritten und Veränderungen geprägt. Unsere Umwelt verändert sich fortlaufend, jede Sekunde müssen wir neue, wichtige und oft auch lebensbestimmende Informationen aufnehmen. Diese Informationsflut muss permanent gefiltert und bewertet werden, um situationsangepasst reagieren zu können. Auch auf diese, nie abgeschlossene Anpassungsleistung richtet sich Intuition. Denn hätte der Mensch seit Jahrtausenden nur (die gleichen) Instinkte, wäre Fortschritt, so wie wir ihn kennen, nicht möglich, denn wir könnten nicht flexibel auf neue, veränderte Lebensumstände reagieren. Genau deshalb ist unser „Instinktersatz“, unsere Intuition, ebenfalls lebensnotwenig.

Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass Tiere durch ihre vererbten Instinkte unabdingbare Vorteile in ihrer Lebenswelt haben, da sie Verhaltensmuster nicht erst erlernen müssen. Für den Menschen ergeben sich aber ungleich höhere Überlebenschancen, da er seine Verhaltensmuster sowohl an seine Lebensbedingungen aktiv anpassen kann, als auch seine intuitiv, aus der Situation heraus getroffenen Entscheidungen, bewusst überdenken und gegebenenfalls ändern kann. Er besitzt also eine Mischung aus einer hervorragenden Intuition und einem Bewusstsein, das diese Intuition überwacht und tatkräftig unterstützt. Dies ist eine unschlagbare Kombination, die beim Menschen in dieser Form einzigartig ist und die eine Welt geschaffen hat, in der wir heute leben können.

2.3. Wie funktioniert Intuition?

Intuition ist keineswegs nur ein diffuses Bauchgefühl, sondern, so zeigen aktuelle Forschungsdaten im Rahmen der Analyse von Gehirnverletzungen (Dijksterhuis 2010, S. 10), neurobiologisch genau verortbar, da ihr ein bestimmtes Areal im Gehirn zugeordnet werden kann. Interessant ist dabei, dass nahezu alle Bereiche unseres Gehirns, bis auf wenige Teile der Großhirnrinde, von unserem Unterbewusstsein, assoziativ beeinflusst werden. Die Forschung geht derzeit davon aus, dass Intuition vor allem im „Orbitofrontalen Cortex“ lokalisiert ist (Lenzen 2015). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass ein Großteil der Vorgänge im Gehirn zu jeder Zeit unbewusst abläuft (Dijksterhuis 2010, S. 13). Allerdings können intuitive „Handlungsvorschläge“ ins Bewusstsein gelangen und können situationsbedingt, wenn notwendig, bewusstem Denken unterworfen werden (Gigerenzer 2008, S. 54).

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Details

Seiten
33
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668689596
ISBN (Buch)
9783668689602
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v412028
Note
15
Schlagworte
Intuition Evolutionäre Betrachtung empirische und theoretische Betrachtung

Autor

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