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Grammatische Perspektiven. Konstruktionsgrammatik im Vergleich mit generativer Grammatik

Friedliche Koexistenz oder gelebte Abgrenzung?

Hausarbeit 2010 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grammatik – Überblick und Klassifikation

3 Generative Grammatik
3.1 Transformationsgrammatik
3.2 Universalgrammatik
3.3 Minimalistische Grammatik

4 Konstruktionsgrammatik
4.1 Die Berkeley-Schule
4.2 Lakoff & Goldberg
4.3 William Croft
4.4 Weitere Ansätze

5 Vergleich zwischen Konstruktions- und generativer Grammatik
5.1 Gemeinsamkeiten
5.2 Unterschiede und Folgerungen

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Zahn der Zeit hinterließ im 20. Jahrhundert deutliche Spuren in sprachwissenschaftlicher Hinsicht. Zwar befassten sich schon zu vorchristlichen Epochen Dichter, Denker und Philosophen mit Schrift und Sprache, doch entfaltete sich gerade in den Dekaden vor der Jahrtausendwende eine ganze Reihe systematischer Grundsätze zur Sprachbeschreibung. Brächte es von diesen zumindest eine Grammatik fertig, Sprachen ganzheitlich und lückenlos zu beschreiben, erübrigten sich die anderen dann demzufolge nicht?

Sich dieses Gedankens besinnend erscheint es lohnenswert zwei Grundgerüste von Grammatiken genauer in Augenschein zu nehmen, zum einen die Strömung der Generativen Grammatik und zum anderen die Familie der Konstruktionsgrammatik. Die dabei zu beachtenden Leitfragen konstituieren sich daraus, inwiefern beide Systeme einer konfrontierenden Gegenüberstellung Paroli bieten können. Sind die Sprachlehren in der Lage, künftig nebeneinander konfliktfrei zu bestehen oder ist bereits abzusehen, ob sich über kurz oder lang eine der beiden Konzeptionen inhaltlich durchsetzen wird?

Es bietet sich für den Vergleich eine chronologische Vorgehensweise an, welche die jeweiligen Leitmotive und Entwicklungen in einem historischen Rahmen verbildlichen soll. Folgendermaßen strukturiert sich der Aufbau zunächst in eine thematische Annäherung, gefolgt von dem Versuch, die einzelnen Phasen der Grammatiken getrennt voneinander zu charakterisieren und mündet schließlich im eigentlichen Vergleich. Sofern es die Ergebnisse der Überlegungen zulassen, soll der Vorstoß einer Prognose gewagt werden.

2 Grammatik – Überblick und Klassifikation

Den Wesenszügen der Generativen Grammatik (im Folgenden GG) sowie der Konstruktionsgrammatik (im Folgenden CxG) sei ein inhaltlich-historischer Abriss des diese einschließenden Oberbegriffs, der Grammatik, vorangestellt.

Aus dem altgriechischen grammatike techne herstammend bedeutete dort der Terminus Grammatik im ursprünglichen Sinne die ‚Lehre von den Buchstaben‘, später die Lehre der Regeln des Sprachbaus. Als ars recte dicendi steht sie seit jeher neben der Rhetorik-Lehre des zweckmäßigen, schönen Sprachbaus und –gebrauchs, der ars bene dicendi. Gemäß der mehrdeutigen Nutzung in Linguistik und Sprachforschung schließt Grammatik das spezifische menschliche Vermögen ein, sowohl Ausdrücke bezüglich einer Sprache zu bilden, als auch zu verstehen. Jegliche systematische Sprachbeschreibung beruft sich dabei zum einen auf die Morphologie, der Formenlehre des inneren formalen Aufbaus von Wörtern und Wortarten, zum anderen auf die Syntax, dem Lehrsatz der Zusammensetzung von Sätzen aus Wörtern. Zu der ehemals ausschließlich normativ-präskriptiv orientierten Verwendung von Grammatiken zum Zwecke der praxisbezogenen Unterweisung gesellte sich seit dem 19. Jahrhundert vermehrt eine deskriptive Absicht.[1] Um dieses Herzstück herum positioniert sich allerdings ein breites Spektrum an verschiedensten Auffassungen, in welcher Form Sprachen letztendlich zu analysieren, beschreiben und erklären sind. Eine jede Sprachlehre steht folglich unter kritischer Beobachtung und muss sich gegen rivalisierende Annahmen behaupten, sodass „das Bild der modernen Linguistik davon geprägt ist, dass es zu ein und derselben Sprache ganz verschiedene Grammatiken gibt“[2], demnach also nicht d i e richtige.

Eine mögliche Grundklassifikation von Grammatiken unter typologischen Gesichtspunkten nehmen Linke, Nussbaumer und Portmann in Studienbuch Linguistik vor. Darin ist zuallererst die Rede vom inneren Aufbau. Insofern kann Forschung aszendent, vom Einfachen zum Komplexen, aber auch umgekehrt deszendent vorgehen. Weiterhin variieren Sprachsysteme hinsichtlich ihres Vollständigkeitsanspruches und zielen auf exemplarische beziehungsweise umfassendere, annähernd vollständige Darstellungen ab. Ob eine Grammatik in erster Linie wissenschaftlich oder aber für den Laien ergebnisorientiert strukturiert ist, besagt die Typologie der Zweckbestimmtheit. Der Aspekt der Einstellung zum Gegenstand zeigt auf, inwiefern die Vorgehensweise eher beschreibend, deskriptiv oder jedoch wertend, präskriptiv angelegt worden ist. Letzter Vergleichspunkt dieser Reihung ist der Gegenstand selbst. Hierin wird die Unterscheidung zwischen vergleichenden, spezialisierten, auch allgemeinen und universalen Modellen ersichtlich.[3]

3 Generative Grammatik

Im Zuge des Aufstiegs der Kognitionswissenschaft schlug zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Generative Grammatik ihre ersten Wurzeltriebe. Ihr Begründer Noam Chomsky, studierter Linguist, Mathematiker und Philosoph, sah eine Notwendigkeit in der „Abkehr von der Modellvorstellung eines passiv reagierenden Menschen zu einem planenden, selbsttätig handelnden und wahrnehmenden Individuum“[4], was in Psychologie und Linguistik im Rahmen der sogenannten Kognitiven Wende für Aufsehen sorgte. Dem Ursprung der Namensgebung auf den Grund gehend, ist es der zentrale Kern der GG, dass beim Erwerb der Muttersprache die Anlagen zu dem Wissen, wie sprachliches Material zu grammatisch korrekten Sätzen geformt, wie Sprache erzeugt, generiert wird, bereits genetisch vordefiniert sind. Somit steht die GG in striktem Gegensatz zu der vom Behaviorismus vertretenen Theorie, welche von der Geburt des Menschen ohne jegliche Fähigkeit, der Tabula rasa, ausgeht. In diesem Sinne verankert sich gleichsam die Grundausrichtung Noam Chomskys Forschungen, denn die „generative Grammatik ist an der K o m p e t e n z [Hervorhebung, M.F.], dem unbewussten sprachlichen Wissen eines Muttersprachlers, interessiert“[5], folglich auch an der Saussureschen langue. Unter diesem Stern ließe sich zwar eine gewisse Nähe zum Strukturalismus vermuten, doch greift vielmehr Chomsky in seiner „Theorie die wichtigsten Gedanken von Saussure, Sapir, Trubetzkoj und Jakobson auf, verbindet sie aber mit Einsichten aus der jüngsten Entwicklung der mathematischen Logik und der Psychologie“[6] und entfernt sich sogar von klassisch-strukturalistischen Prinzipien.

„The distinction I am noting here is related to the langue-parole distinction of Saussure; but it is necessary to reject his concept of langue as merely a systematic inventory of items and to return rather to the Humboldtian conception of underlying competence as a system of generative processes.”[7]

Nichtsdestotrotz bemerkt der amerikanische Generativist Chomsky, „that much of what is coming to light in this work was foreshadowed or even explicitly formulated in earlier and now largely forgotten studies”[8]. Insofern setzen sich die Stützpfeiler der GG aus den Ideen und Theorien philosophischer und psychologischer Wissenschaften früherer Jahrhunderte zusammen. In diesem Zusammenhang fallen die Namen Descartes, Locke oder Leibniz, vor allem jedoch der des deutschen Universalgelehrten Wilhelm von Humboldt, dem eine Vorreiterstellung seitens generativistischer Sprachforschung durch Noam Chomsky eingeräumt worden ist. Die entsprechende Vorlage der Übersetzung von generate gründet so auf dem von Humboldt geprägten Terminus erzeugen.[9] Novum und entscheidende Voraussetzung für das Beschreiben einer Sprache liegt bei Chomsky in bereits erwähnter Kopplung, worin „die linguistischen Theorien zu den Resultaten der modernen mathematischen Grundlagenforschung in Verbindung gesetzt wurden“[10]. Entwicklungsprägend wie kaum ein anderes sprachwissenschaftliches Modell in den 1950er und 1960er Jahren musste sich die GG zugleich immenser Kritik erwehren. Auch aus diesem Grund durchlief Chomskys theorieorientierte Grammatik im Laufe der Jahrzehnte eine inhaltliche Wandlung und modifizierte ihre Thesen dementsprechend. Inwiefern Schwerpunkte gesetzt wurden, soll in folgenden Kapiteln veranschaulicht werden.

3.1 Transformationsgrammatik

Die Geburtsstunde der GG ist auf das Publikationsjahr des Buches Syntactic Structures von Noam Chomsky – 1957 – zu datieren. In den 50er und 60er Jahren als Transformationsgrammatik bekannt geworden, beanspruchte diese für sich, eine beschreibungsadäquate Grammatik zu sein, mit deren Richtlinien die Sätze einer Sprache charakterisiert werden können. Das grundlegende Ziel bestand darin, eine Unterscheidung zwischen grammatisch korrekten und ungrammatischen, fehlerbehafteten Sätzen vorzunehmen. Als Instrumentarium für das Herausfiltern dieser Differenzierung führte unter anderem Chomsky sowohl Erzeugungs -, also Phrasenstrukturregeln, als auch Umstellungsregeln, sogenannte Transformationen, ein. Gesondertes Interesse lag auf dem kreativen Aspekt der Sprache. Anhand einer endlichen Zahl von Lexemen, beziehungsweise einer endlichen Zahl von Regeln, kann eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen erzeugt werden. Die GG spricht dabei von Rekursivität, worunter „man die Definition eines Verfahrens, einer Struktur oder einer Funktion aus sich selbst“[11] versteht. Beispielsweise ist es möglich, einem Substantiv unendlich viele Adjektive voranzustellen.[12] Neben der Ebene der Sprachproduktion umfasst Chomskys Modell gleichermaßen die Ebene der Sprachrezeption, welche den Verstehensprozess eines Hörers umschreibt, der potenziell Sätze nachvollziehen und interpretieren kann, die er nie zuvor gehört hat.

„Bei Chomsky dient die Analyse der Sprache letztlich dazu, Aufbau und Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu erforschen, für ihn wird die Linguistik etwas wie die Teildisziplin der Kognitiven Psychologie.“[13]

Hierbei soll nochmals unterstrichen werden, dass sich die GG vorwiegend auf die Kompetenz, dem unbewussten sprachlichen Wissen eines Muttersprachlers, konzentriert. Diesbezüglich schildert der Linguist und Kognitionswissenschaftler Chomsky: „Any interesting generative grammar will be dealing for the most part, with mental processes that are far beyond the level of actual or even potential consciousness“[14]. Aufgrund der lediglich peripher betrachteten Performanz, dem eigentlichen Sprachgebrauch, wird die theorieorientierte Ausrichtung wiederum verdeutlicht.

3.2 Universalgrammatik

Hinsichtlich der 70er und 80er Jahre formte sich die GG in eine Universalgrammatik, primär nicht mehr gekennzeichnet als beschreibungs-, sondern als erklärungsadäquates Sprachsystem. Wesentlichen Erfolg an der Verbreitung generativer Thesen sowie weit gefächerte Resonanz erfuhr die GG durch Chomskys zweiten Meilenstein syntaktischer Theorien, seinem 1965 veröffentlichten Buch Aspects of the Theory of Syntax. Innerhalb dieses Abschnitts der Grammatikhistorie bestand das nun höher gesteckte Ziel der GG daraus, zu artikulieren, dass und in welcher Art und Weise sich Sprachbenutzer Wissen über Wohlgeformtheit sprachlicher Ausdrücke aneignen können. Der Grundstein dieser Überlegungen existierte in der Annahme, sämtlichen Sprachen läge eine Menge universeller, allgemeiner Prinzipien und deren Parametern zugrunde. Diese galt es zu kristallisieren. Infolgedessen wurde ein Satz als ungrammatisch angesehen, sobald er Prinzipien der Universalgrammatik verletzte und im Umkehrschluss als grammatisch korrekt, wenn er die Regeln einhielt. Über diesen Aspekt hinaus ist Chomskys Modell aus der Absicht heraus konstituiert, zu veranschaulichen, inwiefern Kinder in kurzem Zeitraum ihre jeweilige Muttersprache erwerben, obgleich den Kindern diese fehlerbehaftet präsentiert wird.[15] Generative Linguisten sehen einen eindeutigen Beweis für die Existenz vordefinierten Sprachwissens im Phänomen der Pidgin- und Kreolsprachen. Beispielsweise zur Kolonialzeit entstanden, fungierten diese stark vereinfachten Sprachen als Hilfsmittel zur Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Herkunft. Fremder Wortschatz der Kolonialherren wurde mit Regeln eigener Grammatik adaptiert. Generationsübergreifend verfestigten sich jene Pidgin-Sprachen zu sogenannten Kreolsprachen mit eigenem Regelwerk. Folgenreich sind zwei entscheidende Faktoren. Erstens fanden sich grammatische Strukturen an, die in keiner der Kontaktsprachen vorzufinden waren, zweitens ergaben sich Übereinstimmungen zwischen Grammatiken unabhängig entstandener Kreolsprachen. Der existenzielle Beweis für universale, genetisch vordefinierte Syntax war fortan im Mosaik der Generativisten fest verankert.[16]

[...]


[1] Vgl. Linke, Angelika/ Nussbaumer, Markus/ Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. 5., erweiterte Aufl. Tübingen 2004, S. 50f.

[2] Ebd., S. 51.

[3] Vgl. ebd., S. 58f.

[4] Lück, Helmut E.: Geschichte der Psychologie. Strömungen, Schulen, Entwicklungen. Bd. 1. 4. überarbeitete und erweiterte Aufl. Stuttgart 2009, S. 177.

[5] Philippi, Jule: Einführung in die generative Grammatik. Bd. 12. Göttingen 2008, S. 10.

[6] Bierwisch, Manfred: Strukturalismus. Geschichte, Probleme und Methoden. In: Kursbuch 5. Hg. Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt 1966, S. 77-153, S. 104.

[7] Chomsky, Noam: Aspects of the Theory of Syntax. 4. Aufl. Cambridge 1967, S. 4.

[8] Chomsky, Noam: Cartesian Linguistics. A Chapter in the History of Rationalist Thought. New York 1966, S. 72f.

[9] Vgl. Chomsky: Aspects of the Theory of Syntax, S. 9.

[10] Weydt, Harald: Noam Chomskys Werk. Kritik, Kommentar, Bibliographie. Tübingen 1976, S. 5.

[11] Ernst, Hartmut: Grundkurs Informatik. Grundlagen und Konzepte für die erfolgreiche IT-Praxis – Eine umfassende, praxisorientierte Einführung. 4. Aufl. Wiesbaden 2008, S. 523.

[12] Vgl. Philippi: Einführung in die generative Grammatik, S. 10.

[13] Pelz, Heidrun: Linguistik. Eine Einführung. 2. Aufl. Hamburg 1996, S. 172.

[14] Chomsky: Aspects of the Theory of Syntax, S. 8.

[15] Vgl. Philippi: Einführung in die generative Grammatik, S. 10f.

[16] Vgl. ebd., S. 16f.

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668632936
ISBN (Buch)
9783668632943
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v411962
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
Grammatik Konstruktionsgrammatik Generative Grammatik Universalgrammatik Transformationsgrammatik Berkeley Lakoff Goldberg William Croft

Autor

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Titel: Grammatische Perspektiven. Konstruktionsgrammatik im Vergleich mit generativer Grammatik