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Die Technische Aktienanalyse als Alternative zur Fundamentalen Aktienanalyse und ihre Anwendbarkeit in der Praxis

Diplomarbeit 2004 66 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Die Aktienanalyse im Überblick
2.1 Entstehung und geschichtlicher Hintergrund
2.2 Verfahren der Aktienanalyse
2.3 Gegenüberstellung der Technischen und Fundamentalen Aktienanalyse

3. Annahmen, Ausgangspunkt und Aufgaben/Ziele der Technischen Aktienanalyse
3.1 Ursprung und Annahmen der Technischen Aktienanalyse
3.1.1 Die Dow-Theorie
3.1.2 Der Kurstrend im Mittelpunkt der Analyse
3.2 Aufgaben und Ziele der Technischen Aktienanalyse
3.3 Der Kurschart als Ausgangspunkt und Handwerkszeug des Chartisten

4. Instrumente und theoretische Möglichkeiten 25 der Technischen Aktienanalyse
4.1 Charttechnik - die traditionelle Analysemethode
4.1.1 Unterstützungen und Widerstände
4.1.2 Trendbestätigungsformationen
4.1.3 Trendwendeformationen
4.2 Das Trendfolgemodell der gleitenden Durchschnitte als Vertreter der modernen Technischen Aktienanalyse

5. Prüfung der Anwendbarkeit technischer Instrumente in der Praxis
5.1 Formulierungen bestimmter Analysegesichtspunkte
5.2 Beurteilungen langfristiger Kursbilder verschiedener Aktien

6. Fazit der Untersuchung und der Ausblick

für die Technische Aktienanalyse

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang I - Siemens - Monats- und Wochenchart

Anhang II - Adidas - Monats- und Wochenchart

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

In dieser Arbeit soll die Technische Aktienanalyse als Alternative zur Fundamentalen Aktienanalyse vorgestellt und ihre Anwendbarkeit in der Praxis untersucht werden. Dabei werden beide Methoden anhand verschiedener Kriterien voneinander abzugrenzen, da beide zwar das gleiche Ziel verfolgen, jedoch auf grundlegend verschiedenen Ansätzen beruhen.

Während die Fundamentale Aktienanalyse bei der Bewertung von Aktien sowie auf unternehmensinterne als auch auf -externe Daten zurückgreift, bedient sich die Technische Aktienanalyse im Wesentlichen der Kursdaten der jeweiligen Aktie, deren Entwicklung sich anhand eines so genannten Charts grafisch darstellen lässt.

Bei der Herausarbeitung von Stärken und Schwächen der Analysemethoden wird ersichtlich, dass zwar beide Verfahren ihren Beitrag zur Aktienanalyse zu leisten im Stande sind, jedoch sowohl der Technischen als auch der Fundamentale Aktienanalyse einige Mängel vorzuwerfen sind. Die Technische Aktienanalyse geht davon aus, dass sich Aktien gerichtet in so genannten Trends bewegen und die Vorhersage zukünftiger Kursentwicklungen anhand der Deutung des Kursverlaufes möglich ist. Zur Kursprognose bzw. zur Erfassung dieses Trends hält die traditionelle Technische Aktienanalyse - die Chartanalyse - verschiedene Instrumente bereit.

Die moderne Technische Aktienanalyse, deren Instrumente auf stochastischen Ansätzen beruhen, wurde bis auf das Trendfolgemodell der gleitenden Durchschnitte weitestgehend außer Acht gelassen.

Bei der Anwendung der vorgestellten Instrumente auf praktischer Ebene wird deutlich, dass die Charttechnik durchaus eine hilfreiche Unterstützung bei der Bewertung von Aktien darstellt, jedoch aufgrund zahlreicher Schwächen keines-wegs das Allheilmittel für den sicheren Erfolg am Aktienmarkt darstellt. Aufgrund der Tatsache, dass die Technische Aktienanalyse das Betreiben der Fundamentalen Aktienanalyse voraussetzt, wäre eine Verdrängung der Fundamentalen Aktienanalyse durch die Technische Aktienanalyse nicht möglich.

1. Einleitung

Der Aktienmarkt bietet langfristig attraktive Investitionsmöglichkeiten.

Den hohen Wachstumschancen stehen jedoch entsprechende Risiken gegen-über. Um den Anlageerfolg nachhaltig beeinflussen zu können, stehen dem Kapitalanleger die Fundamentale und die Technische Aktienanalyse zur Verfügung. Die Fundamentale Aktienanalyse konnte sich bis heute als die am weitesten verbreitete Methode zur Aktienbewertung durchsetzen. Neben dieser Analysemethode konnte sich in den letzten Jahrzehnten die Technische Aktienanalyse zunehmender Beliebt- und Bekanntheit erfreuen. Während der Begriff Technische Analyse allgemein die Beurteilung aller Handelsgüter umfasst, deren Preise durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage gebildet werden, beschränkt sich die Technische Aktienanalyse auf die Analyse von Aktien.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Technischen Aktienanalyse als Alternative zur Fundamentalen Aktienanalyse und ihrer Anwendbarkeit in der Praxis. Ziel der Arbeit ist neben der Vorstellung der Technischen Aktienanalyse die Beantwortung der Frage, ob und inwieweit diese Analysemethode einerseits einen nützlichen Beitrag zur Aktienanalyse leisten kann und andererseits eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Fundamentalen Aktienanalyse darstellt. Die Arbeit umfasst einen theoretischen und einen praktischen Teil, wobei dem theoretischen Teil ein weitaus größerer Teil eingeräumt werden soll. Im folgenden Teil der Arbeit soll nach einem kurzen geschichtlichen Rückblick und einer Einführung in das System der Verfahren zur Aktienanalyse eine Gegenüberstellung von Fundamentaler und Technischer Aktienanalyse vorgenommen werden. Neben der begrifflichen Abgrenzung werden spezielle Wesenzüge und Stärken und Schwächen der jeweiligen Methoden heraus-gearbeitet.

Dann werden zum einen die Grundannahmen und Theorien beleuchtet, welche der Technischen Aktienanalyse zugrunde liegen. Zum anderen werden die Aufgaben und Ziele dieser Methoden besprochen.

Bevor im nächsten Abschnitt die wichtigsten Instrumente der Technischen Aktienanalyse vorgestellt werden, wird der Aufbau des Kurscharts einer Aktie als Ausgangspunkt der Analyse beschrieben, soweit dies für diese Arbeit notwendig ist.

Anschließend werden die Instrumente der klassischen Technischen Aktienanalyse - der Chartanalyse - besprochen, während die Instrumente der modernen Technischen Aktienanalyse aus Platzgründen zum größten Teil vernachlässigt werden sollen.

Da in der Literatur zu diesem Thema weitestgehend einheitliche Aussagen vor--zufinden sind, stützt sich diese Arbeit im Wesentlichen auf einige Standard-werke, wobei abweichende und ergänzende Aussagen aus anderen Quellen einflossen.

Im praktischen Teil der Arbeit sollen mit Hilfe der vorgestellten Instrumente die langfristigen Kursverläufe von zwei Aktienwerten analysiert werden, um die Anwendbarkeit der Chartanalyse beurteilen zu können.

Abschließenden wird neben der Auswertung der Untersuchung auch ein Blick auf die Zukunft der Technischen Aktienanalyse geworfen.

2. Die Aktienanalyse im Überblick

2.1 Entstehung und geschichtlicher Hintergrund

Die Geschichte der professionellen Aktienanalyse geht zurück bis in die zwanziger bzw. dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit herrschte an den US-amerikanischen Aktienmärkten eine bis dahin noch nie da gewesene Volatilität. Auf den Börsenkrach im Jahre 1929, welcher den seit 1921 andauernden Börsenboom beendete, folgten Börsenjahre, welche durch ausgeprägte Kurs-bewegungen in beide Richtungen gekennzeichnet waren.1In diesen Zeiten waren Entscheidungshilfen für die Anlage in Aktien gefragt, da man sich nun nicht mehr auf die stetigen Kurssteigerungen verlassen konnte, wie noch vor einigen Jahren.

Gesetzesverabschiedungen, die der breiten Öffentlichkeit Zugang zu den Finanzinformationen der Unternehmen verschafften, ermöglichten es den Marktteilnehmern, sich ernsthaft mit der Analyse von Aktien auseinander-zusetzen. Dies war bis dahin nur den Investmentbanken vorbehalten.2Das 1934 erschienene Buch 'Security Analysis' von Benjamin Graham und David Dodd enthielt den ersten Ansatz zur Ermittlung des Bilanzwertes, der Ertragskraft eines Unternehmens und Kriterien zur Aktienauswahl. Dieses Buch gilt heute als der Beginn der Fundamentalen Aktienanalyse.3Bereits einige Jahrzehnte früher befasste sich der Amerikaner Charles Dow mit den Kursbewegungen am Aktienmarkt. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen bilden die Grundlagen für die Technische Aktienanalyse. Ins Licht der Öffentlichkeit rückten seine Erkenntnisse dreißiger Jahren.

2.2 Verfahren der Aktienanalyse

Bezüglich der Verfahren zur Aktienanalyse kann die Unterscheidung zwischen einzelwertorientierten und kapitalmarktorientierten Methoden vorgenommen werden. Unter einzelwertorientierten Methoden sind traditionelle Verfahren der Aktienanalyse zu verstehen, wo eine isolierte Bewertung der Aktien ohne Portefeuillebezug vorgenommen wird. Dazu zählen die Fundamentale und die Markttechnische Aktienanalyse. Zweitere teilt sich wiederum in die Technische Aktienanalyse (TAA) und die Random-Walk-Hypothese (RWH).

Kapitalmarkttheoretische Methoden hingegen sind moderne Ansätze, welche einerseits portefeuillebezogen sind und von der Gleichgewichtsannahme am Markt ausgehen und anderseits auf bestimmten Faktormodellen und der Annahme der Arbitragefreiheit aufbauen.4Die professionelle Anwendung dieser Methoden ist erst durch die rasante Entwicklung der Computertechnologie in den letzten Jahrzehnten möglich geworden. Somit konnten größere Datenmengen ohne großen Zeitaufwand verarbeitet werden.

Andererseits kann auch die Unterscheidung zwischen Preisbildungsmodellen, wozu unter anderem die RWH zählt, und Preisprognosemodellen, zu welchen die FAA und die TAA gehören, vorgenommen werden.5

In dieser Arbeit soll im Wesentlichen die Charttechnik als traditioneller Aspekt der Technischen Aktienanalyse behandelt werden. Von den Instrumenten der modernen TAA soll lediglich das Modell der gleitenden Durchschnitte als Vertreter der Trendfolgeindikatoren vorgestellt werden, da es durch die Anwendbarkeit auf den Kurschart in gewisser Weise Bestandteil der Chartanalyse ist.

Die Random-Walk -Hypothese stellt das Gegenstück zur Technischen Analyse auf der Ebene der Markttechnischen Aktienanalyse dar.

Sie geht von der Annahme effizienter Märkte und der zufälligen Schwankung der Aktienkurse um ihren inneren Wert aus. Danach bestehen keine Abhängigkeiten zwischen vergangenen und zukünftigen AktienkursEntwicklungen. Neben der TAA wird auch die FAA in Frage gestellt.6Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass mit der Geldanlage in Aktien lediglich durch Zufall ein besseres Anlageergebnis als das des Marktdurchschnitts zu erzielen ist.7Die so genannte 'buy-and-hold-Strategie’8ist demnach die beste Möglichkeit am Aktienmarkt Geld zu verdienen.

Auf Random-Walk-Hypothese soll jedoch nicht weiter eingegangen werden.

2.3 Gegenüberstellung der Technischen und Fundamentalen Aktienanalyse

Aufgrund der gegensätzlichen Auffassungen von Fundamentaler und Technischer Aktienanalyse soll an dieser Stelle eine Abgrenzung vorgenommen werden, um dem Leser die Wesenszüge der beiden Ansätze verdeutlichen zu können. In diesem Zusammenhang können vor allem auch die Stärken und Schwächen beider Verfahren beleuchtet werden.

Die Fundamentale Aktienanalyse kann zweifelsohne als das am weitesten verbreitete Konzept der einzelwertorientierten Aktienanalyse bezeichnet werden.9In der Grundannahme dieser Methode wird davon ausgegangen, dass der Börsenkurs einer Aktie im Laufe der Zeit um den realen bzw. inneren Wert des Unternehmensanteils schwankt. Folglich ist der Wert der Aktie an der Börse zeitweise unter-, über- bzw. angemessen bewertet. Der Kauf einer Aktie ist nach dieser Überlegung also nur dann sinnvoll, wenn der Börsenkurs unterbewertet ist, da eine Angleichung an den inneren Wert zu erwarten ist.10

Die eigentliche Aufgabe der Fundamentalanalyse besteht nun darin, den inneren Wert eines Unternehmensanteils zu bestimmen.11Dazu muss zunächst der Wert des entsprechenden Unternehmens anhand bestimmter Kennzahlen berechnet und anschließend durch die Anzahl der Aktien dividiert werden.12Der Vergleich des errechneten inneren Wertes mit dem Börsenkurs gibt nun Aufschluss darüber, ob die Aktie an der Börse unter-, über- oder angemessen bewertet ist. Wie bereits erwähnt, kann die Aktie gekauft werden, wenn der Börsenkurs unter dem inneren Wert liegt. Im umgekehrten Falle sollte sie verkauft werden. Bei der Ermittlung des Unternehmenswertes wird zwischen der Substanz- und der Ertragswertmethode unterschieden, wobei nicht weiter auf diese Methoden eingegangen werden soll.13Zur Bestimmung des inneren Wertes werden neben Unternehmensdaten auch gesamtwirtschaftliche Einfluß-größen berücksichtigt.14

Die Technische Aktienanalyse hingegen beschränkt sich bei der Aktienbeurteilung lediglich auf die Betrachtung der historischen Kurs- und Umsatzentwicklung der entsprechenden Aktie, welche sich in Form eines so genannten Charts grafisch darstellen lässt.15Darin spiegelt sich nach Ansicht der technischen Analysten das Verhalten der Marktteilnehmer auf der Angebots- und Nachfrageseite wider.16Dabei ist nicht entscheidend, warum sich die Kurse in die eine oder andere Richtung entwickeln.17

Grundlegende Philosophie und eigentliche Berechtigung für die Anwendung der Technischen Analyse ist die Auffassung, dass sich Aktienkurse nicht richtungslos bewegen, sondern in so genannten Trends verlaufen und die Kurs-prognose aus der Beobachtung charakteristischer Kursverläufe, so genannter Kursformationen, möglich ist.18Der eigentliche Schwerpunkt liegt dabei jedoch nicht auf der Abgabe von Kursprognosen, sondern eher in der Ermittlung der aktuellen Trendsituation und auf dem Erkennen von Trendwendesignalen.19Für die Verfechter dieser Analysemethode "ist eine Aktie nur soviel wert, wie am Markt für sie bezahlt wird", wodurch die grundsätzliche Abgrenzung zur FAA deutlich wird.20

Generell kann bereits an dieser Stelle gesagt werden, dass sich beide Analyse-methoden darin unterscheiden, dass die FAA aktiver und die TAA passiver Natur ist. Durch das Analysieren und Erstellen von Kursprognosen auf fundamentaler Basis und den daraus resultierenden Handelsaktivitäten der Marktteilnehmer wird der Kursverlauf einer Aktie maßgeblich beeinflusst.21Die Möglichkeit der technischen Auswertung des Kursverlaufs basiert im Grunde also auf den durch die FAA geprägten Kursbewegungen. John J. Murphy drückte in seinem Buch "Technische Analyse" diesen Zusammenhang sehr treffend aus: "Der Fundamentalist studiert die Ursachen von Marktbewegungen, während der Techniker die Auswirkungen untersucht."22Die Technische Aktienanalyse bedingt somit förmlich das Betreiben der Fundamentalen Aktienanalyse.23

Dieser Einfluss fundamentaler Faktoren auf die Aktienkurse wird von den technischen Analysten also nicht geleugnet, jedoch die Möglichkeit, Aktienkurse auf dieser Basis prognostizieren zu können.24John Bollinger, Entwickler des bekannten Bollinger-Bands-Indikators25, meinte in einem Interview hierzu: "Die Fundamentale Analyse ist zwar gut geeignet, ein Unternehmen zu analysieren, aber nicht eine Aktie."26

Des Weiteren kann festgestellt werden, dass die Erwartungen der Anleger, welche sich in Form von Angst und Gier in den Aktienkursen niederschlagen, bei der technischen Analyse in vollem Umfang berücksichtigt werden, während die wirtschaftlichen Einflussgrößen völlig außer Acht gelassen werden. Bei der fundamentalen Analyse hingegen werden lediglich die wirtschaftlichen Zusammenhänge betrachtet, ohne jedoch dem psychologischen Einfluss einen Stellenwert einzuräumen. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die FAA zwar bestrebt ist, den wahren Wert einer Aktie zu berechnen, sich aber nicht mit dem Marktwert derselben beschäftigt, während die TAA den Marktwert kennt, ohne sich für den wahren Wert der Aktie zu beschäftigen.

Bei der nun folgenden Gegenüberstellung beider Methoden ist es notwendig, um diese unterschiedlichen Philosophien zu wissen.27 Außerdem ist zu beachten, dass die FAA zwar die Richtung des Aktienkurses aufgrund eines bestimmten Ereignisses, wie etwa der Bekanntgabe des Jahresergebnisses, vorauszusagen vermag, jedoch nicht das Ausmaß der entsprechenden Bewegung. Die TAA hingegen vermag beispielsweise durch die Lokalisierung von Unterstützungs- und Widerstandsbereichen potentielle Kursziele zu bestimmen, beschäftigt sich jedoch nicht vordergründig mit der möglichen Richtung, welche der Kurs einschlagen sollte. Das Sprichwort "Der Markt hat immer recht" verdeutlicht diese Haltung.

Anhand einzelner Kriterien und Aspekte entscheidende Stärken und Schwächen der Technischen und Fundamentalen Analyse herausarbeiten. Zunächst soll das Thema der Fristigkeit besprochen werden. Bei der Fundamentalen Aktienanalyse werden die zur Berechnung der Kennzahlen benötigten volks- und betriebswirtschaftlichen Daten allenfalls monatlich, in der Regel jedoch nur Quartalsweise und zudem mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung veröffentlicht.28 Allein daraus kann geschlussfolgert werden, dass die Fundamentalanalyse weniger zur kurzfristigen als eher zur mittel- bzw. längerfristigen Kursprognose geeignet ist.29Die strategische Auswahlentscheidung von Aktien steht also im Vorder-grund.30

Der Anwender der Technischen Aktienanalyse hingegen hat durch den ständigen Zugang zu aktuellen aber auch historischen Kursdaten die Möglich-keit, sowohl die langfristige als auch die kurzfristige Analyse einer Aktie vornehmen zu können.31Bei kombinierter Anwendung beider Methoden kann durch die langfristige Beurteilung auf Basis beider Methoden festgestellt werden, inwieweit sich die entsprechenden Analyseergebnisse bestätigen. Sollten beide Methoden zu einem positiven Ergebnis führen, kann die TAA für das Timing32eingesetzt werden.33Vor allem in extremen Marktphasen, in denen die Anlageentscheidungen der Marktteilnehmer zum großen Teil durch psychologische Einflüsse gelenkt werden, ist die parallele Anwendung beider Methoden zu empfehlen. Während mithilfe der fundamentalen Betrachtung die Unter- bzw. Überbewertung einer Aktie festgestellt werden kann, jedoch nicht der Zeitpunkt zum eigentlichen Handeln, vermag der Analyst auf technischem Wege den Reaktionspunkt ausfindig zu machen.34

In diesem Zusammenhang möchte ich die sehr verbreitete Ansicht aufgreifen, daß die Börse ein Vorläufer für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Danach wäre das technische Analyseergebnis dem fundamentalen stets einen Schritt voraus.35

Für die langfristige Analyse auf technischer Ebene werden jedoch entsprechend historische Kursdaten benötigt, um das langfristige Trendverhalten bzw. langfristiger Unterstützungs- oder Widerstandszonen ausfindig machen zu können. Sehr deutlich wird der Bedarf an historischen Daten bei gleitenden Durchschnitten, auf welche an späterer Stelle noch genauer eingegangen wird. So werden beispielsweise für die Berechnung der 200-Tage-Durchschnittslinie nahezu die Kursdaten eines ganzen Börsenjahres benötigt, bevor der erste Wert berechnet werden kann. Vor allem aber wird die Einschränkung der technischen Betrachtung bei neu emittierten bzw. erst seit kurzer Zeit gehandelten Aktien deutlich.

In der Literatur wird oft bemängelt, dass Handelssignale auf Basis der TAA erst recht spät generiert werden, wodurch nicht der maximale Erfolg für den Anleger erzielbar ist.36 Dies hängt damit zusammen, dass für den Vollzug einer Trendwende zunächst eine Mindestbewegung des Kurses in die neue Trendrichtung erforderlich ist.

Ein weiteres Kriterium sind die Spielräume des Analysten, also die Möglichkeiten bei der Analyse zwischen verschiedenen Instrumenten bzw. Bewertungsmethoden wählen zu können.

Bei der FAA bestehen weniger in der Bewertung der materiellen als vielmehr bei den immateriellen Vermögensgegenständen große Spielräume, was vor allem bei größeren Unternehmen zu erheblichen Wertabweichungen bei der Ermittlung des Unternehmenswertes führen kann. Vor allem aber bei der Schätzung ungewisser Erwartungsgrößen für die Zukunft, wie z.B. dem Gewinn, der Dividende oder dem Zins besteht die Gefahr der Fehlprognose.37Weiter muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass es keine einheitliche Definition für die Ermittlung des 'realen' Aktienwertes gibt.38

Dennoch ist der Spielraum durch gesetzliche Vorschriften eingeschränkt, was bei der Technischen Aktienanalyse nicht der Fall ist. Hier ist einerseits durch das enorme Angebot an verschiedenen Instrumenten und der unzähligen Kombinationsmöglichkeiten und andererseits durch die willkürliche Definierbarkeit der Handelsregeln und entsprechender Parameter keine objektive Nachprüfbarkeit bzw. Kontrolle möglich. Vor allem bei der Erkennung bestimmter Kursmuster sind der Fantasie fast keine Grenzen gesetzt und die Wahrscheinlichkeit der Fehlinterpretation und Willkür sehr hoch.39

Die in der Literatur angeführten Beispiele für bestimmte Kursverläufe, welche einerseits der Illustration und andererseits als Beweis für das Funktionieren der TAA dienen, sollten sehr kritisch betrachtet werden. Der Leser sollte sich darüber im Klaren sein, dass solche lehrbuchhaften und mustergültigen Kursverläufe in der Praxis eher selten vorkommen.40Vor allem besteht die Gefahr, dass diese einfachen Darstellungen bei Lesern, welche sich erst seit kurzem mit dieser Analysemethode beschäftigen, den Eindruck erwecken, dass die Analyse auf technischer Basis sehr einfach ist.

Darüber hinaus besteht bei der Anwendung charttechnischer Instrumente vor allem bei Laien das Problem, bestimmte Kursformationen erkennen zu wollen. Zu verheerenden Auswirkungen kann dieses 'Wunschdenken' führen, wenn beispielsweise vorzeitig auf eine potentielle Kursformation reagiert wird, um frühzeitig von der erwarteten Kursbewegung profitieren zu können.

Bezüglich des Umfanges an zu erhebende Daten und des Zeitaufwandes, welcher für die Erstellung einer Analyse bzw. zur Bewertung einer Aktie benötigt wird, hat der technische Analyst einen enormen Vorteil gegenüber seinem fundamental orientierten Kollegen: Während für die fundamentale Analyse unzählige unternehmensinterne und -externe Daten benötigt werden und die Berechnung mehrere Stunden in Anspruch nimmt, benötigt ein geübter Markttechniker lediglich den Aktienchart auf dem Papier, Bleistift und Lineal bzw. einen Computer mit der entsprechenden Software zur Berechnung diverser Indikatoren, um in weniger als einer halben Stunde die Analyse eines Aktiencharts durchführen zu können.41Dieser Vorteil wird vor allem dann deutlich, wenn die Aktien mehrerer Unternehmen beurteilt werden sollen.42

In der Regel greifen die fundamental orientierten Marktteilnehmer auf die Analyseergebnisse professioneller Analysten zurück, welche jedoch bezüglich Kauf- bzw. Verkaufs-Empfehlungen eher zurückhaltend eingestellt sind.43Ein weiteres Problem bei der Fundamentalen Aktienanalyse ist die fehlende Vergleichbarkeit fundamentaler Analyseergebnisse mit Ergebnissen früherer Geschäftsjahre im Falle von Änderungen der Bilanzierungsvorschriften oder bei veränderten unternehmensexternen Einflussgrößen.

Auch der Vergleich von Analyseergebnissen von Unternehmen verschiedener Länder ist durch die unterschiedlichen Bilanzierungsvorschriften nur bedingt möglich und wird zudem durch den Einfluss verschiedener Unternehmensumwelten zusätzlich erschwert.

Demgegenüber ist der Vergleich von beispielsweise amerikanischen und deutschen Aktiencharts in der Regel unproblematisch.44

Nachdem die bedeutendsten Stärken und Schwächen der beiden Analysemethoden betrachtet wurden, sollen nun noch einige wichtige Punkte angesprochen werden.

Johannes Welcker führt in seinem Buch "Technische Analyse" an, dass generell kaum die Möglichkeit eines Informationsvorsprungs eines einzelnen Marktteilnehmers auf fundamentaler Ebene besteht, also in der Regel auch keine bessere Markteinschätzung gegenüber der Mehrheit der Marktteilnehmer möglich ist. Insider sind bekanntlich besser informiert als die Mehrheit der Anleger. Außerdem ist er der Meinung, dass die zukünftige Entwicklung der Kurse nicht durch eine 'richtige' Prognose zu ermitteln ist, sondern davon abhängt, was die Mehrheit der Marktteilnehmer glaubt.45

Mit der Überlegung, dass z.B. Aktienkäufe mit beispielsweise der Absicht der Mehrheitsbeteiligung bzw. Aktienverkäufe aus dem Bedarf liquider finanzieller Mittel trotz gegensätzlicher Markteinschätzung vorgenommen werden und somit ein unberechenbarer Einfluss auf den Aktienmarkt besteht, beleuchten Welcker und Perk einen weiteren wichtigen Aspekt.46 Neben Gier und Angst als psychologische Einflüsse, wird der Aktienmarkt zusätzlich durch scheinbar unlogische Handelsentscheidungen in der Weise beeinflusst, dass eine fundamentale Einschätzung sehr schwierig wird.47

Diese Überlegungen können jedoch teilweise entkräftet werden, da die entsprechenden Einflüsse den Aktienmarkt zumeist nur kurz- bzw. mittelfristig beeinflussen, während die FAA wie bereits erwähnt eher langfristig orientiert ist.

Gerald Cesar sieht "in der unbestimmbaren Beziehung zwischen ökonomischen Tatsachen und der Erwartungshaltung der Marktteilnehmer einen wesentlichen Grund für das Betreiben Technischer Analyse“.48

Sehr oft wird der Technischen Analyse vorgeworfen wird, dass die Publizierung technisch bewerteter Marktsituationen bzw. die daraus resultierenden Handelssignale eine 'sich selbst erfüllende Prophezeiung' zur Folge haben, da sehr viele, in gleicher Weise handelnde Marktteilnehmer eine bestimmte Kursentwicklung 'heraufbeschwören'.

John J. Murphy weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass diese Kritik wohl eher gegenüber der Fundamentalen Aktienanalyse zu äußern wäre, welche durch ihre große Anhängerzahl und die weit verbreiteten Analystenempfehlungen einen wesentlich größeren Einfluss auf den Aktienmarkt ausübt. Außerdem widerspricht dieser Kritikpunkt dem allgemein subjektiven Charakter, welcher der TAA vorgehalten wird.49

Trotz der anhaltenden Diskussionen über die Vorteilhaftigkeit der ein oder anderen Methode kommen einige Autoren, welche sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben, zu dem Ergebnis, dass die zunehmende Komplexität der Aktienmärkte die Anwendung beider Analysemethoden sinnvoll erscheinen lässt, da sich anhand beider Verfahren Erkenntnisse über die zukünftige Kursentwicklung gewinnen lassen.50

Zum Ende dieser Gegenüberstellung kann bezüglich der Qualität einer Aktienanalyse generell festgehalten werden, dass sowohl bei der einen als auch bei der anderen Methode entscheidend ist, inwieweit der Anwender über die nötige Erfahrung und das nicht selten über Erfolg oder Misserfolg entscheidende Fingerspitzengefühl verfügt.51

Vor allem bei der TAA ist abhängig vom Anlagehorizont und der Risiko-bereitschaft des Anwenders sehr entscheidend, mit welchen Instrumenten bzw.

[...]


1Vgl. Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.1

2Vgl. Dornbusch: Untersuchung von Modellen der Fundamentalen und Technischen Aktienanalyse, 1999, S.25

3 Vgl. Dornbusch: Untersuchung von Modellen der Fundamentalen und Technischen Aktienanalyse, 1999, S.25

4Vgl. Dissertation zum Thema „Anwendung abhängigkeitsanalytischer Verfahren auf den deutschen Aktienmarkt - Eine empirische Untersuchung“ Friedel, 2001

5 Vgl. Kasparzak, R.: Aktienkursbildung, 1997, S.23

6 Vgl. Perk "Professionelle Aktienanalyse, 1990, S.8

7 Vgl. Buchner, Grundzüge der Finanzanalyse, 1981, S.251

8 Die ‚buy-and-hold-Strategie’ bedeutet in diesem Zusammenhang den langfristigen Kauf von Aktien ohne zwischenzeitliches Handeln.

9 Vgl. Priermeier: Geld verdienen mit Fundamentalanalyse, 2002, S.12

10 Vgl. Buchner, Robert: Grundzüge der Finanzanalyse, 1981, S.221

11Vgl. Perk: Professionelle Aktienanalyse, 1990, S.3

12Quelle: Technische vs. Fundamental-Analyse, Traders, 01/2004, S.62f,

13siehe hierzu Priermeier: Geld verdienen mit Fundamentalanalyse

14Vgl. Peters: Kapitalmarkttheorie & Aktienmarktanalyse, 1987

15Vgl. Priermeier: Geld verdienen mit Technischer Aktienanalyse, 1998, S.11

16Vgl. Perk: Professionelle Aktienanalyse, 1990, S.10

17Vgl. Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.5

18 Vgl. Buchner: Grundzüge der Finanzanalyse, 1981, S.240

19Vgl. Herrling/Krapf: Der Wertpapier- und Anlage-Ratgeber, 1990, S.135

20Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.5

21Vgl. Stöttner: Finanzanalyse, 1989, S.10

22Murphy: Technische Analyse der Finanzmärkte, 1999, S.24

23Vgl. Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.79f.

24Vgl. Dornbusch: Untersuchung von Modellen der Fundamentalen und Technischen Aktienanalyse, 1999, S.38

25Die ‚Bollinger Bands’ sind Trendfolgeindikatoren - mehr dazu in Abschnitt 4.2

26 Etzkorn: John Bollinger - Fokus auf die Märkte, Der aktive Trader 09/2002, S.90

27Vgl. Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S. 79

28Vgl. Welcker: Technische Aktienanalyse, 1994, S.19

29Vgl. Priermeier: Geld verdienen mit Fundamentalanalyse, 2002, S.12

30 Vgl. Artikel: Technische vs. Fundamental-Analyse, Traders 01/2004, S.62f.

31Vgl. Priermeier: Geld verdienen mit Fundamentalanalyse, 2002, S.13

32Unter dem Begriff ‚Timing’ ist die Abstimmung des Kauf- bzw. Verkaufszeitpunktes zu verstehen.

33Vgl. Priermeier: Geld verdienen mit Fundamentalanalyse, 2002, S.13

34Vgl. Dornbusch: Untersuchung von Modellen der Fundamentalen und Technischen Aktienanalyse, 1999, S.37

35 Vgl. Murphy: Technische Analyse der Finanzmärkte, 1999, S.25

36Vgl. Friedel: Dissertation zum Thema „Anwendung abhängigkeitsanalytischer Verfahren auf den deutschen Aktienmarkt - Eine empirische Untersuchung“, 2001

37Vgl. Dornbusch: Untersuchung von Modellen der Fundamentalen und Technischen Aktienanalyse, 1999, S.45

38Vgl. Welcker: Technische Aktienanalyse, 1994, S.19

39 Vgl. Murphy,: Technische Analyse der Finanzmärkte, 1999, S.34

40Vgl. Uhlig: Finanzmarktanalyse,

41Vgl. Abel/Reich: Qualitative Wertpapieranalyse auf dem IBM PC, 1987, S.35

42Vgl. Murphy: Technische Analyse der Finanzmärkte, 1999, S.26f.

43 Vgl. Welcker: Technische Aktienanalyse, 1994, S.19

44Vgl. Perk, Reinhold "Professionelle Aktienanalyse" München 1990, S.21

45Vgl. Welcker: Technische Aktienanalyse, 1994, S.21f.

46Vgl. Welcker: Technische Aktienanalyse, 1994, S.23; Perk: Professionelle Aktienanalyse, 1990, S.11

47 Vgl. Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.80

48Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.80

49Vgl. Murphy: Technische Analyse der Finanzmärkte, 1999, S.34ff.

50Vgl. hierzu beispielsweise Cesar: Aktienanalyse heute, 1996, S.6; Priermeier: Geld verdienen mit Fundamentalanalyse, 2002, S.13; Dette: Kursbildung am Aktienmarkt, 1998, S.53

51 Vgl. Herrling/Krapf: Der Wertpapier- und Anlage-Ratgeber, 1990, S.135

Details

Seiten
66
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638394703
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41142
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena – BWL - Finanzwirtschaft
Note
2,3
Schlagworte
Technische Aktienanalyse Alternative Fundamentalen Anwendbarkeit Praxis

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