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Der Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda auf den Aufstieg der NSDAP

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 27 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

INHALT

0. Einleitung

1. Zu den theoretischen Grundlagen der Propagandawirkung
1.1 Die Propagandatheorie Elluls
1.2 Das Hovlandsche Wirkungsmodell
1.3 Das rationalistische Modell
1.4 Der „Uses- and Gratifications- Approach“

2. Zur Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda
2.1 Die nationalsozialistische Auffassung
2.2 Die Verführungstheorie
2.3 Propagandawirkung als Mythos
2.4 Theorien der konditionalen Propagandawirkung

3. Zusammenfassung

4. Literaturangaben

5. Eidesstattliche Erklärung

0. Einleitung

Das Konzept der Propaganda erscheint uns heute fremd und wie ein Relikt aus alten Tagen. Früher noch ganz offen unter dem Terminus Propaganda praktiziert und ebenso erforscht, versteckt sich der gleiche Inhalt in den westlichen Ländern seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hinter wohlklingenderen Namen wie zum Beispiel Werbung oder Wahlkampf. Gleich geblieben ist jedoch sowohl die Hoffnung der Produzenten auf als auch die Furcht der Rezipienten vor einer Allmacht der Propaganda.

Übertragen auf den Nationalsozialismus stellt sich hierbei die Frage, wie groß die Wirkung der NS- Propaganda tatsächlich war und in welchem Maße sie der NSDAP zum Aufstieg verholfen hat. Bestand die Propaganda der Nationalsozialisten tatsächlich, wie Stanislaw Jerzy Lec es ausdrückt, aus Worten, „die so leer sind, dass man ganze Völker darin gefangen halten kann”, oder ist die Wirkung der NS- Propaganda eher dem „Legendenschatz der Geschichte” (Paul 1990: 261) zuzuordnen?

In dieser Arbeit werde ich die Propagandaleistungen der Nationalsozialisten vor ihrer Regierungsübernahme von verschiedenen theoretischen Blickwinkeln aus beleuchten und dabei untersuchen, welche Rolle die Propaganda bei den Wahlerfolgen der NSDAP spielte. Unter Propaganda möchte ich hierbei nach Gerhard Paul die „Gesamtheit der Mittel und Methoden der planmäßigen Verbreitung politischer Meinungen und Ideen mit dem Ziel der Gewinnung und Mobilisierung von Volksmassen” subsumieren (1990: 18), also prinzipiell alle direkten und indirekten Wahlkampfmethoden der NSDAP. Aus forschungsimmanenten Gründen liegt der Schwerpunkt sowohl meiner Arbeit als auch der ausgewählten Literatur auf öffentlich sichtbaren Manifestationen der Propaganda wie z.B. Großveranstaltungen und Wahlkampfplakaten.

In meiner Arbeit werde ich mich zuerst mit den theoretischen Grundlagen der Propagandaforschung auseinandersetzen. In der Forschung zur nationalsozialistischen Propaganda wird auf diese allgemeineren Theorien oftmals dirket oder indirekt zurückgegriffen. Ich bin deshalb der Ansicht, dass die Ausführungen zur NS- Propaganda nur bewertbar sind, wenn die theoretischen Grundbegriffe und -theorien bekannt sind. Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich somit die wichtigsten Grundströmungen der Propagandaforschung kurz darstellen und diskutieren. Dabei gehe ich in (soweit determinierbar) chronologischer Reihenfolge vor und beginne mit dem Konzept Jacques Elluls, um dann das Hovlandsche Wirkungsmodell, das rationalistische Modell und schließlich den neueren „Uses- and- Gratifications- Approach” zu behandeln.

Im zweiten Teil meiner Arbeit untersuche ich dann die verschiedenen Theorien über die Wirkung der nationalsozialistischen Propaganda. Auch hier gehe ich wieder chronologisch vor: Ich beginne mit der Auffassung der Nationalsozialisten selbst, da diese, wie später noch genauer erläutert, die Forschung der Nachkriegszeit in nicht zu unterschätzendem Maße beeinflusst hat. Danach behandele ich die sogenannte Verführungstheorie der traditionellen Forschung, um dann deren genaues Gegenstück, die Theorie vom Propagandamythos, zu untersuchen. Als letzte theoretische Strömung diskutiere ich schließlich die verschiedenen Ansätze der neueren Forschung, die ich unter dem Terminus „Theorien der konditionalen Propagandawirkung” zusammengefasst habe.

In einem letzten Kapitel fasse ich die wichtigsten Thesen der Arbeit zusammen und diskutiere sie abschließend.

1. Zu den theoretischen Grundlagen der Propagandawirkung

1.1 Die Propagandatheorie Elluls

In seinem Werk Propaganda: The Formation of Men´s Attitudes setzt sich Jacques Ellul mit der Wirkung von Propaganda auf der emotionalen, psychologischen und sozialen Ebene auseinander. Dabei hebt er die seiner Meinung nach allumfassende Wirkung von Propaganda hervor, die den Menschen zwangsläufig beeinflusse und verändere:

„A person subjected to propaganda does not remain intact or undamaged; not only will his opinions and attitudes be modified, but also his impulses and his mental and emotional structures. Propaganda’s effect is more than external; it produces profound changes” (Ellul 1972: 161).

Propaganda verschärft dabei laut Ellul bereits vorhandene Triebe:

„Under the influence of propaganda certain latent drives that are vague, unclear, and often without any particular objective suddenly become powerful, direct, and precise. Propaganda furnishes objectives, organises the traits of an individual’s personality into a system, and freezes them into a mold” (Ellul 1972: 162).

In diesem Prozess werden im Individuum vorhandene Zweifel entfernt und durch ideologische Gewissheiten ersetzt. Dem einzelnen Menschen werden so grundlegende Entscheidungen erleichtert. Dies stellt prinzipiell auch den Grund dafür da, dass er sich überhaupt erst auf die Propaganda einlässt (vgl. Ellul 1972: 163). Die kollektive Moral und die damit verbundenen Normen werden vom Individuum angenommen und schließlich als die eigenen interpretiert. (vgl. Ellul 1972: 164). Im weiteren Verlauf werden die propagierten Muster übermächtig und bestimmen daraufhin alle individuellen Entscheidungen:

„All truly personal activity on the part of the individual is diminished, and man finally is filled with nothing but these prejudices and beliefs around which all else revolves. In his personal life, man will eventually judge everything by such crystallized standards” (Ellul 1972: 165).

Das Individuum wird so von der Verantwortung für sein eigenes Leben und Handeln befreit. Ellul meint hierzu: The individual „can throw off all sense of guilt; he looses all feeling for the harm he might do, all sense of responsibility other than the responsibility propaganda instills in him” (Ellul 1972: 165). Auch das kritische Urteilsvermögen verschwindet demnach durch die Propaganda (vgl. Ellul 1972: 170). Die propagierte Ideologie lässt keinen Raum mehr für Kritik, weil sie vom Individuum so weit übernommen wurde, dass Kritik daran sein gesamtes Weltbild zum Wanken brächte. Sie nimmt damit religiösen Charakter an (vgl. Ellul 1972: 166).

Elluls theoretisches Konstrukt kann als Basis für die sogenannten Verführungstheorien gelten, auf die ich in 4.2 näher eingehen werde: Das Individuum steht der Propaganda relativ hilflos gegenüber und nimmt diese unverändert auf. Einmal in der Propaganda gefangen, ist es für seine Handlungen nicht mehr in eigentlichen Sinne des Wortes selbst verantwortlich, weil sein Urteils- und Kritikvermögen durch die propagandistische „Gehirnwäsche“ so stark herabgesetzt wurden, dass sie de facto nicht mehr existent sind.

1.2 Das Hovlandsche Wirkungsmodell

Das Wirkungsmodell von Hovland et al befasst sich mit der Interrelation von (1) der Quelle der Kommunikation, (2) dem Inhalt der Kommunikation und (3) den Eigenschaften des Publikums in Bezug auf eine Änderung der politischen Einstellungen. Die Wirkung von Kommunikation und somit auch Propaganda wird also hinsichtlich ihrer Fähigkeit, einstellungsändernd zu wirken, untersucht.

Hovland et al gehen davon aus, dass Veränderungen von Einstellungen durch Anreize[1] in Gang gesetzt werden. Nach Hovland et al ist es die wichtigste Eigenschaft von Kommunikation, Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Je glaubwürdiger der Parteikandidat beziehungsweise die Partei wirken, desto höher stehen die Chancen auf eine Einstellungsveränderung von Seiten des Publikums. Dahinter steckt laut Ohr „das Bild des Rezipienten als problemlösendes Wesen, das seine Überzeugungen über die politische Realität so gut wie möglich absichern will" (Ohr 1997: 38). Hovland et al unterscheiden zwei Aspekte von Glaubwürdigkeit: Als „Expertness“ auf der einen Seite wird die Kompetenz einer Kommunikationsquelle bezeichnet, die z.B. mit der Position und dem gesellschaftlichen Ansehen der Person verbunden sein kann (vgl. Ohr 1997: 38). „Trustworthiness“ auf der anderen Seite bezeichnet die Objektivität der Person, das Vertrauen in ihre Aufrichtigkeit. Dieses Vertrauen ist üblicherweise gering, wenn das Publikum dem Akteur eine persuasive Absicht unterstellt, also in den meisten Fällen von politischer Propaganda. Parteien können auf verschiedene Arten versuchen, ihre Glaubwürdigkeit zu steigern. Nehmen die Propagandisten große Anstrengungen für die Propaganda auf sich, dann tendiert die öffentliche Meinung meist dahin, sie als uneigennützig handelnd einzustufen und folglich persönlich von den Propagandainhalten sehr überzeugt zu sein (vgl. Ohr 1997: 39). Außerdem führt eine hohe Propagandaleistung zu einem positiveren Bild der Propagandisten hinsichtlich ihrer Organisationskompetenz, das sich wiederum positiv auf die wahrgenommene allgemeine Kompetenz niederschlägt.

Themengebundene Persönlichkeitsfaktoren spielen eine entscheidende Rolle bei der Frage nach der Wirkung von Propaganda. Hovland et al gehen bei den themengebundenen Persönlichkeitsfaktoren von drei Unterscheidungen aus. An erster Stelle nennen sie eine breite Palette von persönlichen Prädispositionen[2]. Von starker Bedeutung sind zweitens auch die Normen der Gruppe, der das Individuum angehört, und drittens eine eventuelle langfristige Bindung an eine Partei (vgl. Ohr 1997: 41). Einstellungsveränderungen werden umso wahrscheinlicher, wenn die Inhalte der Kommunikation mit den persönlichen Prädispositionen übereinstimmen und wenn sie den Normen der Bezugsgruppe nicht widersprechen (counternorm communication). Zusammenfassend stellt Ohr fest, dass die Glaubwürdigkeit einer Partei

„eine wichtige Determinante von Einstellungsveränderungen durch Propaganda (ist). Sie stellt keine unveränderliche Größe dar, sondern kann durch die Art und Weise der Wahlkampfführung politischer Parteien beeinflusst werden“ (Ohr 1997: 42).

Im Unterschied zu den Überlegungen Elluls wird im Hovlandschen Modell durchaus auch die Eigenständigkeit des Rezipienten anerkannt. Der Propagandarezipient ist somit nicht losgelöst von seinen persönlichen Prädispositionen sowie den Einschränkungen und Regeln der Gruppe, der er angehört, zu betrachten. Er steht der Propaganda nicht hilf- und willenlos gegenüber, sondern kann vielmehr bis zu einem gewissen Grad und abhängig von seiner sozialen Position selbst entscheiden, ob er sich auf die propagierten Inhalte einlässt oder nicht.

1.3 Das rationalistische Modell

Das rationalistische Modell setzt vor dem Hovlandschen Modell an und nennt als Vorbedingung für die Wirkung von Propaganda die Erschließung eines Adressatenkreises[3]. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist, unter welchen Bedingungen sich Wähler für politische Informationen interessieren, und wenn sie es denn tun, welche Informationen für sie von Interesse sind. Da die Menschen in der Realität nicht dem Idealmodell des umfassend informierten Wählers entsprechen und im Gegenteil nur über „eher bruchstückhaftes und diffuses Wissen über die politische Sphäre“ verfügen (Ohr 1997: 44), können Parteien Wähler beeinflussen, indem sie „ihre Positionen darlegen, bestimmte Issues thematisieren, andere Sachfragen ausklammern oder versuchen, ihre Problemlösungskompetenz in ausgewählten Gebieten zu betonen (Jagodzinski/ Ohr, zitiert nach Ohr 1997: 45). Der Nutzen zusätzlicher Informationen ist dabei jedoch zumeist als eher gering anzusehen: Entweder liegen zwei Parteien soweit auseinander, dass der Wähler sich nicht von den Argumenten der Gegenseite überzeugen lässt, oder sie sind sich in ihren Positionen so ähnlich, dass es für den Wähler egal ist, welche Partei gewinnt (vgl. Ohr 1997: 44). Da die Politik für den Wähler bestenfalls Nebenbeschäftigung ist, ist seine Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit gering. Dementsprechend wird er sich vorrangig mit Hilfe von sogenannten „freien Informationen“ informieren, d.h. Informationen, die er kostenlos und ohne größere Mühen erhalten kann (vgl. Ohr 1997: 45). Da Propaganda zu den freien Informationen gehört, hat sie prinzipiell eine bessere Chance, wahrgenommen zu werden. Die Chance, eine Wirkung zu erzielen, vergrößert sich, wenn die Propaganda zufällig wahrgenommen wird. Eine Einstellungsänderung ist jedoch nur wahrscheinlich, wenn der kommunizierte Inhalt den individuellen Präferenzen nicht widerspricht (vgl. Ohr 1997: 49).

[...]


[1] Von Anreizen spricht man dann, wenn die kommunizierten Argumente einsichtig erscheinen und/oder wenn das Individuum einer Bezugsgruppe angehört, die ihn bei Nichtbeachtung des kommunizierten Inhaltes sanktionieren würde (vgl. Ohr 1997: 36).

[2] Diese Prädispositionen können spezieller Natur (z.B. antimarxistisch) ebenso wie allgemeiner Natur (z.B. pessimistisch) sein (vgl. Ohr 1997: 40).

[3] Ohr meint hierzu: „Politische Parteien in demokratischen politischen Systemen stehen deshalb vor der Aufgabe, Anreize zu schaffen, damit Individuen sich ihren Propagandainhalten zuwenden. Nur wenn dies gelingt, stellt sich erst das Problem, die Adressaten der Propaganda erfolgreich zu beeinflussen“ (Ohr 1997: 42).

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638394000
ISBN (Buch)
9783638687508
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41048
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Einfluss Propaganda Aufstieg NSDAP Wahlen Wählerverhalten Deutschen Reich

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Titel: Der Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda auf den Aufstieg der NSDAP