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Determinanten des Pluralismus als einer postmodernen Demokratietheorie

Hausarbeit 2005 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Determinanten des Pluralismus nach Wolf-Dieter Narr
2.1 Die Interessen
2.2 Die Gruppe
2.3 Der Konflikt
2.4 Die Konkurrenz
2.5 Der Kompromiss

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Wenn man von Pluralismustheorien oder Pluralismus im Allgemeinen spricht, muss man unterscheiden aus welchem Blickwinkel die Sache betrachtet wird. Zum einen gibt es die Sicht der Soziologie, die Pluralismus als Ausdruck für die Struktur moderner Gesellschaft sieht. Ihr geht es dabei um die Vielzahl von Lebensstilen, um soziale Konflikte und die Aushandlung der Bedingungen des gemeinsamen Zusammenlebens.[1] Diese Arbeit beschäftigt sich jedoch mit der politologischen Sicht auf den Pluralismus. Dieser hat in diesem Zusammenhang den pluralistischen Parteienstaat zum Gegenstand, welcher gekennzeichnet ist, durch die Existenz verschiedener organisations-, programm- und operationsautonomer Verbände und Parteien. Hauptgegenstand ist die Frage danach, ob diese Organisationen im Einklang mit der Verfassung und den rechtlichen Verfahrensvorschriften am politischen Willensbildungsprozess teilnehmen, sondern wie sie ihre Beziehungen untereinander im Sinne des Gemeinwohls gestalten und inwiefern sie bereit und in der Lage sind, dieses durch kooperative Konfliktregelung zu erreichen. Der politische Pluralismus stellt also nicht nur die Frage danach, ob es pluralistische Elemente im Willensbildungsprozess und in der Gesellschaft gibt, sondern er untersucht auch die Mittel und Möglichkeiten, die die Verbände und Interessensorganisationen nutzen (können), um ihre Ziele zu verwirklichen.

Diese Arbeit hat jedoch nicht zum Ziel die Vorgehensweisen einzelner Interessenvertretungen zu untersuchen oder deren Einklang mit der Verfassung zu prüfen. Vielmehr sollen Grundlagen des Pluralismus untersucht und an Beispielen verdeutlich werden. Anhand der von Wolf Dieter Narr aufgestellten fünf Eckpfeiler des Pluralismus (das Interesse, die Gruppe, der Konflikt, die Konkurrenz und der Kompromiss) werden die Grundlagen und Grundgedanken des Pluralismus als eine postmoderne Demokratietheorie aufgezeigt. Diese Determinanten werden einzeln analysiert und durch Beispiele anschaulich unterstützt. Ziel ist es, die grundlegenden Bestimmungsfaktoren des Pluralismus herauszufinden. Diese könnten später zur Analyse bestehender Verbands- und Pluralismusstrukturen in pluralistisch demokratischen Systemen dienen. Abschließend werden die herausgefundenen Merkmale zusammengefasst und kritisch kommentiert.

2. Determinanten des Pluralismus

Um eine gewinnbringende und sinnvolle Auseinandersetzug mit dem Thema Pluralismus/ Pluralismustheorie zu gewährleisten, ist es notwendig eindeutige Bestimmungsfaktoren für diesen herauszufinden. Sie ermöglichen eine strukturierte Analyse pluralistischer Systeme, da sie deren Kernelemente darstellen. Im Folgenden werden die fünf wichtigsten Determinanten (nach Wolf Dieter Narr) vorgestellt.

2.1 Die Interessen

In der Diskussion über den Pluralismus steht ein Begriff ganz am Anfang, der Begriff der Interessen. Doch warum nimmt dieser eine so zentrale und entscheidende Position ein? Diese Frage soll im Folgenden erörtert und soweit wie möglich auch beantwortet werden.

Wie das Wort Pluralismus (>lat. Pluralis >> aus mehreren bestehend) schon impliziert, handelt es sich um eine Auffassung, dass der Staat aus vielen koexistierenden Interessengruppen besteht.[2] Was aber heißt Interessengruppe bzw. Interesse? Das Wort Interesse hat viele Bedeutungen. Es kann als Neugier, Wohlgefallen oder als Bestrebung aufgefasst werden.[3] Es umfasst die Gesinnung einer Person, ein bestimmtes Ziel zu einem bestimmten Zweck zu erreichen. Ebenso vielfältig wie die Definitionen des Wortes sind auch die Ausprägungen in der Gesellschaft. Jeder Mensch hat viele verschiedene Interessen und Ziele. Je nach persönlicher, beruflicher oder auch finanzieller Lage treten mal die einen und mal die anderen in den Vordergrund. Beispielsweise kann es für einen Arbeiter egal sein, ob er in der Gewerkschaft ist oder nicht. Das gilt jedoch nur solange, wie es nicht zu Streiks in der Firma kommt. Tritt dieser Fall ein, wandelt sich plötzlich das (Des)Interesse nicht in der Gewerkschaft zu sein dahingehend, dass die Aussicht darauf keine Lohnfortzahlung zu erhalten die Prioritäten des Arbeiters verschiebt. Er wird, um dem Problem des Lohnausfalls zu begegnen, wahrscheinlich in die Gewerkschaft eintreten. Dieses Beispiel zeigt, dass nicht nur eigene Interessen, sondern auch die anderer Gruppen und die daraus folgenden gesellschaftlichen Zwänge die Handlungen der Menschen beeinflussen. D.h. Interessen können handlungsleitend sein (Eintritt in die Gewerkschaft), sie können aber auch von anderen Gruppen oder Einzelpersonen aufgezwungen werden (Notwendigkeit des Eintritts, da Gewerkschafter den Streik gefordert haben).[4] Getrieben von ihrem persönlichen oder kollektiven Egoismus, versuchen die Menschen ihre eigenen Interessen zu verwirklichen bzw. sie gegenüber anderen durchzusetzen. Aus diesem Grund schließen sie sich zusammen und gründen Bürgerinitiativen, Vereine oder Parteien. Ausschlaggebend ist dafür zum einen, ob sie sich aufgrund eines Mangels an Chancen (ungleiche Aufstiegschancen im Betrieb zwischen Frauen und Männern) vereinigen, oder ob sie es tun, weil sie sich als große Masse begreifen, die ihre Ziele am Besten geschlossen durchsetzen kann. In diesem Zusammenhang spricht man auch von Interessenpolitik. D.h., dass es bestimmte Interessengruppen gibt, welche in die politische Entscheidungsfindung mit einbezogen werden müssen. In demokratischen Staaten spielt diese Interessenvertretung eine große Rolle. Sie gewährleistet die Mitbestimmung und das Mitspracherecht der Bevölkerung am politischen Prozess und dient der politischen Meinungsbildung.[5] Beispiele für diese Vertretungen sind Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände sowie NGO`s.

Ein wichtiger Punkt, der die Durchsetzung von Interessen beschneidet, ist die Forderung nach der Maxime, dass die eigene Freiheit nur soweit gehen darf, wie sie andere in ihrer Freiheit nicht beschränkt. Schon Kant erkannte dieses Problem, jedoch benannte er es anders. Er spricht von der ´geselligen Ungeselligkeit´[6] der Menschen. Gemeint ist damit, dass der Mensch zur Durchsetzung seiner egoistischen Interessen am Besten bedient wäre, wenn es andere Menschen nicht gäbe, die ihm in seiner Entfaltung hinderlich sind. Andererseits kann der Einzelne nicht ohne die Gruppe agieren, da sich nur in gesellschaftlichem Kontext eine Vielfalt von Interessen entwickeln kann und der Mensch, als ein soziales Wesen ist auf diesen Austausch angewiesen ist. Das heißt, wenn niemand da ist gegen den man sich durchsetzen muss, dann würden sich bestimmte Interessen gar nicht entwickeln und es entstünde eine ausgeprägte Form des Monismus. Dieses Paradoxon ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, bildet aber dennoch den Ausgangspunkt einiger bedeutender Pluralismusüberlegungen.

Anschließend an diese Überlegungen sollen nun einige Einschränkungen und Probleme des Interessenpluralismus genannt werden. Eine Gefahr, die durch die Formulierung verschiedener Interessen in der Gesellschaft entsteht, ist die des Interessenpartikularismus. D.h. es werden für jedes noch so kleine Problem oder Ärgernis Organisationen gegründet, die dann ihre Interessen durchsetzen wollen. Das führt dazu, dass Instanzen die über die Durchsetzung zu entscheiden haben (Gerichte und Parlamente) völlig überfordert sind und dass der politische Prozess stark beeinträchtigt wird. Wollte man jedes in der Gesellschaft artikulierte Interesse in den politischen Prozess einbeziehen, würde man sprichwörtlich „gegen Windmühlen kämpfen“, denn hat man das eine untergebracht, kommt das nächste (dem ersten vielleicht sogar entgegenstehende) und muss beachtet werden. Dieser Überkomplexität Herr zu werden ist jedoch nicht realisierbar. Welche Lösung bietet der Pluralismus für dieses Problem? Nun zum einen ist diese Vielfalt gewollt. Das Gemeinwohl gilt in den Pluralismustheorien nicht als vom Staat vorgegeben, sondern soll sich durch die Auseinandersetzung der gesellschaftlichen Gruppen bilden.[7] Problematisch ist allerdings die Frage danach, was als Allgemeinwohl angesehen wird. Es gibt dafür keine allgemeingültige Definition, doch soll es hier soviel bedeuten wie: die Gesamtheit aller gesellschaftlichen Interessen, gleichgültig ob diese artikuliert werden oder nicht.[8] Wird in dieser Arbeit von Gemeinwohl gesprochen, so sei die Mahnung Ernst Fraenkels beachtet: Wir bewegen uns nicht im Bereich des Seienden, sondern des Sein- Sollenden.“[9] Geht man von dieser Definition aus, dann bleibt immer ein gewisses Risiko, dass sich zu viele Partikularinteressen herausbilden. Der Pluralismus nimmt allerdings eine Akkumulation der Interessen an, d.h. Gruppen, die ähnliche, miteinander korrelierende oder gar gleiche Ziele haben, werden sich zusammenschließen, denn als große Gruppe haben sie mehr Durchsetzungskraft.[10]

Der Pluralismus betont zu dem die Vorteile der organisierten Interessen, wie beispielsweise, die Stärkung der Legitimation politischer Entscheidungen, die Komplexitätsreduktion und die Gewährleistung der Umsetzung politische Entscheidungen.[11] Ein wichtiger Punkt, der einer genaueren Betrachtung bedarf, ist die Tatsache, dass es verschiedene Formen von Interessen gibt. Dahrendorf z.B. unterscheidet zwischen manifesten und latenten Interessen. Manifeste Interessen sind solche die in der Gesellschaft offenbar sind und in dieser auch artikuliert werden. Sie finden meist viele Vertreter und können so in politische und gesellschaftliche Prozesse eingebunden werden. Als Beispiel sei hier das Interesse der Fahrzeugbesitzer an der Abschaffung von Tempolimits auf Autobahnen, genannt. Dieses wird durch den ADAC vertreten. Anders ist das jedoch bei latenten Interessen. Diese können durch die Betroffenen in den seltensten Fällen artikuliert werden und finden so auch in wichtigen Entscheidungsprozessen kein Gehör. Ein Beispiel hierfür sind die Interessen geistig und/oder körperlich behinderter Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkungen keine Möglichkeit haben sich zu organisieren. Eine Lösung dieses Problems stellen die karitativen Einrichtungen von Sozialämtern und Kirchen dar und auch der Staat greift hier regulierend ein. Doch nicht immer finden diese Gruppen das nötige Gehör, da ihnen zum Teil die Mitglieder aber auch die Sanktionsmöglichkeiten fehlen. Ein weiteres Problem sind latente Interessen, die gar nicht erst artikuliert werden. Dieses Phänomen tritt z.B. auf bei fehlenden Ärztegewerkschaften. Dieses „Nicht-organisiert-sein“ schadet zum einen den Betroffenen selbst, da ihre Interessen und Bedürfnisse unberücksichtigt bleiben, zum anderen aber auch Personen, die nur indirekt betroffen sind. So zum Beispiel die Patienten, die darunter leiden, dass Ärzte 24h Schichten arbeiten müssen.

[...]


[1] Vgl. Schmidt, M. G., Demokratietheorien. Eine Einführung, 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, Opladen 2000,S. 227.

[2] Vgl. Wahrig- Burfeind, R., Fremdwörterlexikon, Gütersloh 1991, S. 588.

[3] Vgl. Langenscheidt Redaktion (Hrsg.), Langenscheidts Fremdwörterbuch, Berlin u. a. 1991, S.320.

[4] Vgl. Kremendahl, H., Pluralismustheorie in Deutschland. Entstehung, Kritik, Perspektiven, Leverkusen 1977, S.73ff.

[5] In Anlehnung an die Festschreibung der Aufgaben der Parteien durch das Grundgesetz.

[6] Kremendahl, H., a. a. O., S. 73.

[7] Vgl. Rudzio, W., Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, 6. überarb. Auflage, Opladen 2003, S. 67 Aufl. 2

[8] Diese Definition erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit, sie dient lediglich der Orientierung.

[9] Fraenkel, E., Deutschland und die westlichen Demokratien (Politische Paperbacks bei Kohlhammer), Erstausgabe, Stuttgart 1964, S. 42.

[10] Dem entgegen steht die Kritik Mancur Olsons an den Pluralismustheorien in: Die Logik des kollektiven Handelns, in: Steinberg, R., Staat und Verbände. Zur Theorie der Interessenverbände in der Industriegesellschaft, Darmstadt 1985, S. 165- 179.

[11] Vgl. Rudzio, W., a. a. O., S.68 69.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638393454
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40966
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,5
Schlagworte
Determinanten Pluralismus Demokratietheorie

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