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Vernunftantinomie und 'Revolution der Denkart' in Immanuel Kants 'Kritik der reinen Vernunft' - eine Skizze ihres Zusammenhanges

Seminararbeit 2005 21 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Vernunftantinomie bei Immanuel Kant
2.1 Der Antinomie-Begriff Immanuel Kants – eine Skizze
2.2 Die begriffstheoretische Verortung der Antinomie und die Darlegung ihres Entstehungszusammenhanges
2.3 Die Ursache und die Behebung der Vernunftantinomie – das regulative Prinzip der reinen Vernunft

3 Die „Revolution der Denkart“ als „doppeltes Standnehmen“

4 Das „doppelte Standnehmen“ als Grundvoraussetzung der Behebung der Vernunftantinomie

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft. [...] (Versucht die menschliche Vernunft dennoch diese sich ihr mit natürlicher Notwendigkeit aufdrängenden Fragen zu beantworten, so) stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche“[1]. Dieses von Immanuel Kant zu Beginn der ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“[2] angedeutete Problem der Vernunftantinomie manifestiert sich in seiner engsten begriffstheoretischen Fassung (siehe hierzu Kapitel 2.1 der vorliegenden Untersuchung) als „eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die Vernunft von selbst und zwar unvermeidlich gerät“[3]. Diese natürliche Antithetik der reinen menschlichen Vernunft tritt in der Form vierer Widerstreite der kosmologisch-transzendentalen Ideen (siehe hierzu Kapitel 2.2 der vorliegenden Untersuchung) auf. Diese vier Widerstreite der kosmologisch-transzendentalen Ideen weisen unter anderem zwei grundlegende Gemeinsamkeiten auf. Zum einen behandeln sie jeweils eine spezifische Ausformung des Problems der „Totalität in der Reihe der Prämissen“[4] in Bezug auf ein bestimmtes Bedingtes in der Welt der Erscheinungen und zum anderen ist in ihrem Kontext eine transzendentale Dialektik – mit Kant verstanden als eine transzendentale Scheinlogik[5] – zu erkennen, welche es der reinen menschlichen Vernunft – sofern sie im Stadium des Nicht-Selbstkritisierens verharrt – verunmöglicht, in Bezug auf ihre hervorragendsten, sich ihr natürlich aufdrängenden Fragestellungen Antworten im Sinne wissenschaftlicher Aussagen zu erarbeiten. Auch nach vollzogener Selbstkritik der reinen menschlichen Vernunft bleibt dieses Antinomie-Problem (siehe hierzu Kapitel 2.1 bis 2.3 der vorliegenden Untersuchung) als eine der drei möglichen Manifestierungen eines transzendentalen Scheines bestehen. Es ist jedoch nach Kant möglich, diesen Schein durch die Identifikation seiner Ursache insofern zu beheben, als daß er nicht länger Ausgangspunkt bloß „dialektische[...](r) Vernunftschlüsse“[6] ist.

Die Identifikation des transzendentalen Scheines durch Selbstkritik der reinen menschlichen Vernunft als bloßen Schein und die damit verbundene Behebung des Problems der Vernunftantinomie sind lediglich in Verbindung mit der „Revolution der Denkart“[7] in der Philosophie hinreichend zu verstehen. Erst das Konzept der „Revolution der Denkart“ ermöglicht es dem Menschen, wissenschaftliche Aussagen im Bereich der kosmologisch-transzendentalen Ideen im besonderen und der Metaphysik im allgemeinen zu erarbeiten – es ist gewissermaßen der kantische „Schlüssel“ zum Problem der Vernunftantinomie.

Diese Hypothese und die skizzierte ihr zugrundeliegende Problematik der Vernunftantinomie wird nachfolgend anhand der leitenden Fragestellung „Inwieweit wird die Behebung der Vernunftantinomie durch den Vollzug der ´Revolution der Denkart´ in der Philosophie überhaupt erst ermöglicht?“ eingehender analysiert werden.

2 Die Vernunftantinomie bei Immanuel Kant

Für die Bearbeitung der zugrundeliegenden Fragestellung ist es sinnvoll, zuerst separat die Vernunftantinomie hinreichend zu skizzieren. In diesem Zusammenhang werden nachfolgend der kantische Antinomie-Begriff, die begriffstheoretische Verortung und der begriffstheoretische Entstehungszusammenhang des Antinomie-Problems sowie dessen Ursache und Behebung näher analysiert werden, um auf der Grundlage dieser Kenntnisse die Zusammenhänge der Vernunftantinomie und des Konzeptes der „Revolution der Denkart“ (siehe hierzu Kapitel 3 der vorliegenden Untersuchung) herausarbeiten zu können.

2.1 Der Antinomie-Begriff Immanuel Kants – eine Skizze

Definiert man den Antinomie-Begriff als „inneren Widerspruch der reinen (menschlichen; Anm. d. Verf.) Vernunft, wenn sie die Grundfragen nach dem Anfang und nach dem Ganzen der Welt“[8] untersucht, so entspricht man den begriffstheoretischen Bestimmungen Immanuel Kants sowohl bezüglich ihres Präzisions- als auch ihres Komplexitätsgrades lediglich unzureichend. Zwar ermöglicht diese Definition des Antinomie-Begriffes eine erste Annäherung an dessen Inhalt, jedoch verwendet Kant selbst den Antinomie-Begriff in drei miteinander zwar in Beziehung stehenden jedoch voneinander streng zu unterscheidenden Bedeutungen. Eine Rekonstruktion dieser drei begriffstheoretischen Fassungen des kantischen Antinomie-Begriffes ist sinnvoll, sofern eine Analyse der Vernunftantinomie für die Zwecke der vorliegenden Untersuchung hinreichend durchgeführt werden soll.

In einer ersten allgemeinen und grundlegenden Fassung bedeutet „Antinomie“ bei Kant „den Widerstreit gegenläufiger Gesetze“[9] der reinen menschlichen Vernunft. Dieser allgemeine Gesetzeswiderstreit innerhalb der reinen menschlichen Vernunft ist von einem aus diesem abzuleitenden Aussagenwiderstreit – einer Antithetik der reinen menschlichen Vernunft – zu unterscheiden. Die Vernunftantinomie als Widerstreit konkreter Behauptungen, welche jeweils für sich genommen mit Notwendigkeit bewiesen werden können, jedoch ihren jeweiligen Widerpart ebenso notwendig und mit einander identischer Evidenz ausschließen, stellt eine zweite Fassung des Antinomie-Begriffes bei Kant dar.[10] Die begriffstheoretische Fassung der Vernunftantinomie als Antithetik ist gegenüber derjenigen des Gesetzeswiderstreites als sowohl theoretisch als auch thematisch enger gefaßt zu beschreiben, da sie einen konkreten aus dem allgemeinen Gesetzeswiderstreit abgeleiteten Aussagenwiderstreit beinhaltet, welcher lediglich einen Teil der Thematik des allgemeinen Gesetzeswiderstreites aufgreift beziehungsweise diese bestimmte Thematik in einen relativ engeren Fokus rückt. Als diese beiden begriffstheoretischen Fassungen der Vernunftantinomie „umgreifend“ läßt sich die dritte kantische Fassung dieses Begriffes charakterisieren. Dieser begriffstheoretischen Fassung zur Folge beschreibt der Begriff der Vernunftantinomie den „Zustand der (reinen menschlichen; Anm. d. Verf.) Vernunft bei diesen dialektischen Schlüssen (gemeint sind hier diejenigen dialektischen Schlüsse, welche die reine menschliche Vernunft im Zuge ihrer Bearbeitung des ´Welt-Themas´ und des in diesem implizit vorliegenden Problems der Totalität der Reihe der Bedingungen in Bezug auf ein bestimmtes Bedingtes in der Welt der Erscheinungen hervorbringt; Anm. d. Verf.)“[11]. Der „umgreifende“ Charakter dieser dritten begriffstheoretischen Fassung der Vernunftantinomie im Verhältnis zu den beiden erstgenannten resultiert aus ihrer Allgemeinheit – Vernunftantinomie verstanden als Zustand der reinen menschlichen Vernunft bei bestimmten dialektischen Schlüssen kann sich sowohl in der Form eines grundlegenden Gesetzeswiderstreites als auch in derjenigen eines Aussagenwiderstreites manifestieren, wobei die zuerst aufgeführte begriffstheoretische Fassung der letztgenannten im Zuge ihrer theoretischen Herleitung vorangeht.

Auf der Grundlage der bis zu diesem Punkt der vorliegenden Untersuchung herausgearbeiteten Kenntnisse läßt sich der Antinomie-Begriff Kants als „mehrgliedrig“ beziehungsweise „mehrstufig“ und bezogen auf die drei voneinander zu unterscheidenden begriffstheoretischen Fassungen der Vernunftantinomie als „Grundsituation“[12], als allgemeiner Gesetzeswiderstreit und als Antithetik als „mehrdimensional“ beziehungsweise „dreidimensional“ beschreiben. Diese begriffstheoretische „Drei-Stufigkeit“ beziehungsweise „Drei-Dimensionalität“ wird nachfolgend zum Ausgangspunkt differenzierender Betrachtungen innerhalb der Vernunftantinomie-Problematik genommen werden.

[...]


[1] Die Kritik der reinen Vernunft wird nach den Originalpaginierungen der Auflagen von 1781 (A) und 1787 (B) zitiert. Alle übrigen Schriften Immanuel Kants werden nachfolgend nach der Paginierung der Ausgabe der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften (AA; Berlin 1900 ff.) zitiert.

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Nach der ersten und zweiten Originalausgabe. Herausgegeben von Jens Timmermann. Mit einer Bibliographie von Heiner Klemme. Hamburg, 2003. A VII-VIII.

[2] Im weiteren Verlaufe der vorliegenden Untersuchung als „Kritik“ bezeichnet.

[3] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Nach der ersten und zweiten Originalausgabe. Herausgegeben von Jens Timmermann. Mit einer Bibliographie von Heiner Klemme. Hamburg, 2003. B 433-434.

[4] Ebd. B 388.

[5] Vgl. Ebd. B. 349.

[6] Ebd. B 397.

[7] Ebd. B XII.

[8] Regenbogen, Arnim u. Meyer, Uwe (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg, 1998. S. 51.

[9] Hinske, Norbert: Kants Begriff der Antinomie und die Etappen seiner Ausarbeitung, in: Kant-Studien, Jg. 56, 1965. S. 488.

Vgl. auch Heimsoeth, Heinz: Transzendentale Dialektik. Ein Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Zweiter Teil: Vierfache Vernunftantinomie; Natur und Freiheit; intelligibler und empirischer Charakter. Berlin, 1967. S. 199.

[10] Vgl. Ebd. S. 489-490.

[11] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Nach der ersten und zweiten Originalausgabe. Herausgegeben von Jens Timmermann. Mit einer Bibliographie von Heiner Klemme. Hamburg, 2003. B 398.

[12] Heimsoeth, Heinz: Transzendentale Dialektik. Ein Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Zweiter Teil: Vierfache Vernunftantinomie; Natur und Freiheit; intelligibler und empirischer Charakter. Berlin, 1967. S. 199.

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638392877
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40885
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Vernunftantinomie Revolution Denkart Immanuel Kants Kritik Vernunft Skizze Zusammenhanges Proseminar Metaphysik Metaphysikkritik

Autor

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