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Der Liebesbrief des 18. Jahrhunderts

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Liebe und Liebesbrief im 18.Jahrhundert:
a) Kapitel 1. Rollenzuschreibungen: Mann und Frau;
b) Kapitel 2. Brautbriefe und Liebesbriefe:
Gemeinsamkeiten und Unterschiede;
c) Kapitel 3. Täuschung und
Selbsttäuschung in den Briefen:
- räumliche Distanz als Mittel zur Poesie und Täuschung
- fingierte Gefühle und Beziehungen
d) Kapitel 4. Kunstprodukt und Beziehung zugleich:
Briefe als Werkstatt der Poesie;
e) Kapitel 5. Erläuterungen zu Stil und Wortwahl.

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

„Nicht die Beziehung bestimmt den Briefwechsel, sondern umgekehrt entscheidet der Briefwechsel über die Beziehung, weil er die Beziehung ist.“1

Einleitung

Zur Einleitung muss erwähnt werden, dass der Liebesbrief im 18. Jahrhundert von der Form und dem Inhalt etwas anders ist als in den vorausgehenden und nachfolgenden Jahrhunderten und auch eine andere Funktion übernimmt. Die Geschichte des Liebesbriefes ist durch große Veränderungen gekennzeichnet. Im Jahr 789 ist den Nonnen vom Kapitular Karls des Großen verboten worden, Liebesbriefe zu verfassen. Im 12. Jahrhundert und im 13. Jahrhundert erlebt der deutsche höfische Liebesbrief, der oft auf Lateinisch geschrieben wird, seine Blütezeit; doch „seit dem Ende des 15. Jahrhunderts begegnen uns nur noch volkstümliche Liebesbriefe.“ 2 Im 18. Jahrhundert kommt es zu einer Art Lebensweise, wo die Literatur und das Leben, die Literatur und die Liebe nicht so klar unterschieden werden können: „[...]das tendenzielle Ineins zeichnet hier das Verhältnis von poetischer zu außerpoetischer Realität“3, was oft zu verkehrten Vorstellungen, seltsamen Lebenseinstellungen, aber auch auf manche Schicksale sehr positiv gewirkt hat, indem es zu imaginären Liebesgeschichten (die später in echte Lovestories und danach in Ehen übergingen) geführt hat. Auf dieses Verhältnis und die Tendenzen des 18. Jahrhunderts, wie Entwicklung und Stabilisierung der geschlechtsspezifischen Stereotypen und Rollenzuschreibungen, wird in dieser Arbeit näher eingegangen.

Das Ziel dieser Arbeit ist eine Zusammenschau von Forschungsstandpunkten zum Liebesbrief des 18. Jahrhunderts und deren Diskussion im Zusammenhang mit der exemplarischen Analyse ausgewählter Briefe. Die Aufmerksamkeit wird auf den Stil, die Wortwahl der Liebesbriefe gelenkt. Es wird auch berücksichtigt und darauf hingewiesen, dass die Briefe des 18. Jahrhunderts zugleich Beziehungen sind. Da, was im weiteren noch zu zeigen sein wird, Liebes- und Brautbrief voneinander zu unterscheiden sind, sollen die Briefe vom 19. und vom 20. Mai 1830 aus Owen an Luise Rau (von Eduard Mörike geschrieben)4 und die von 25.-26.August 1770, 25. August 1770, 1.Oktober 1770, 14.Juni 1771, 9.März 1772 aus dem Briefwechsel Karoline Flachsland - Johann Herder5 der Bezugspunkt sein. Es werden aber in dieser Arbeit auch die Briefe von Meta Moller an Friedrich Klopstock von 27.-28. Mai 1751, 11.06.1751 und die von Klopstock an Meta von 19.-21. Mai 1751 und 17. Juli 1751 6 auf Stil und Vokabular untersucht. Die Briefwechsel zwischen allen obengenannten Personen dienen dieser Arbeit als Grundlage für den Vergleichsversuch der Form, des Stils, der Bedeutung und der Funktion der Liebesbriefe im 18. Jahrhundert. Zugleich ist diese Arbeit ein Versuch, dem 18. Jahrhundert näher zu kommen und die Situation in der damaligen Gesellschaft in der Beziehung zwischen Mann und Frau zu sehen.

Kapitel 1.

Wenn die Dichtung des Briefes im 13. Jahrhundert noch zur „feineren Erziehung und Bildung“ 7 bei Frauen wie bei Männern gehört, ist sie im 18.Jahrhundert aufgrund dessen bewertet, ob der Autor weiblich oder männlich ist. Die dichterischen Fähigkeiten, genauer gesagt, die Fähigkeit zu hoher Dichtung, wird im 18. Jahrhundert allein den Männern zugeschrieben. Die Frau hat nach Gellert einen anderen Stil als der Mann: die so genannte natürliche Schreibart. 8 Zur Charakteristik des weiblichen Briefs werden Adjektive wie aufgeweckt, naiv gebraucht. Es wird auch eine Inhaltslosigkeit der Briefe erwähnt. Eine „Abwertung der weiblichen Kreativität“9 ist auch in der Meinung enthalten, dass eine Frau nur einen „unorthographischen Liebesbrief“10 zu schreiben im Stande ist. Es wird „zwischen einem >weiblich-natürlichen Brief< und einem >männlich-poetischen Brief<“11 unterschieden, wie es bei Mörike der Fall ist. Als >weiblich-natürlich< wird ein empfindsamer Ton gedacht, da die Frau ja sehr empfindlich und gefühlsvoll bis verletzlich sei. Das ist das Idealbild einer Frau in jener Zeit und damit aber auch eine abwertende Vorstellung, da die Frau somit auf die Rolle eines Geschöpfs zurückgewiesen ist, das nur fühlen und leiden kann. Der Mann dagegen ist zwar empfindlich und leidenschaftlich, was aber eine höhere Form der Empfindung ist, als die der Frau, zunächst, weil der Mann von der Natur her zum Denken geschaffen worden sei. Wenn die Frau diesem Bild in ihrem Schreiben nicht entsprach oder etwa abwich, wurde sie sehr als unweiblich empfunden und als eine Amazone angesehen. Oder die Frau bekam eine Rolle, wo sie „sanft, zärtlich, wohltätig, stolz und tugendhaft. und betrogen “ 12 ist, so wie Karoline Flachsland ein „Ideal von einem Frauenzimmer“13 sah, welches sie der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Sophie de La Roche entnommen hatte.

Sehr wichtig ist auch die Tatsache, dass der Brief durch die Brieftheorie des 18. Jahrhunderts eine „Einstufung [...] als typisch weibliches Genre [erhielt], die seine Nichtbeachtung oder Abwertung durch die Literaturwissenschaft bewirkt hat“ 14. Bis heute noch erfreuen sich Briefe als literarische Objekte weniger Aufmerksamkeit als Texte anderer Gattungen.

So entwickeln sich im 18. Jahrhundert geschlechtspezifische Rollenzuschreibungen und Stereotypen, wobei paradoxerweise die Liebesbriefe eine wichtige Rolle gespielt haben. Auf die Frage, wie es dazu gekommen war, dass gerade die Briefe, die dem schönen Zweck der Annäherung, der Kommunikation und der Verständigung dienen müssten, die Geschlechter auseinander hielten, wird im nächsten Kapitel eingegangen.

Kapitel 2.

Frauen und Männer verstehen immer weniger voneinander, es wird durch die Brille von Stereotypen zueinander geschaut, was zu „einer sprachlich nicht zu überbrückenden Kluft zwischen den Geschlechtern“15 führt. So finden wir z.B. im Roman „Maler Nolte“ bei Mörike den Fall, wo eine Braut und ihr Freund zwar unter einem Dach wohnen, miteinander aber mit Hilfe von Briefen kommunizieren.16 Es kommt aber eher selten vor und wird nur als letztes Mittel erprobt: „Briefe zwischen Eheleuten sind eine Ausnahme [...] und nur äußere Notwendigkeit oder innere Störung haben sie so weit auseinandergebracht, dass sie nun einander schreiben müssen.“17

Anders ist es „[...] bei Freunden, Liebenden und Verlobten, deren Verhältnis sie noch notwendig auf räumlicher Distanz hält“.18 Es wird aus einer, für die europäische Gesellschaft des 18.Jahrhunderts charakteristischen Tradition verständlich, wie die Kluft zwischen den Geschlechtern zu entstehen und sich zu vergrößern vermag. In jenem Jahrhundert geschieht die Regelung der „Übergabe der Tochter aus der Hand des einen Mannes, des Vaters, in die des anderen, des künftigen Schwiegersohnes“19 durch die Verlobung und somit wird der Bräutigam zum „Erzieher seiner künftigen Frau“20 anstelle des Vaters. Es kommt zu den zahlreichen Brautbriefen, in denen die Frau belehrt wird, jetzt von ihrem zukünftigen Mann, der natürlich eigene Vorstellungen hat, was und wie eine Frau sein muss. Diese Vorstellungen unterscheiden sich aber nicht zu sehr von dem in der Gesellschaft herrschenden Idealbild der Frau. Die Liebesbriefe sind weniger zahlreich: „Bis in die Mitte des 18.Jahrhunderts gibt es nahezu keine Liebesbriefe, bis ins 19.Jahrhundert sind sie immer noch eine Seltenheit.“21 Und der Briefinhalt ist auch von anderer Sorte, mehr poetisch und empfindsam, wogegen die Brautbriefe eher von pragmatischem Charakter sind.22 Was aber den beiden Briefwechseltypen ähnelt, ist, dass sie einerseits monologischen Charakter haben und eine damit verbundene, für die beiden Briefsorten typische Distanz. Welche Rolle die Distanz für die Liebesbriefe gespielt und welche Funktionen die Entfernung für die Briefe gehabt hat, wird im nächsten Kapitel beschrieben. Allgemein gilt für dieses Jahrhundert, dass „[...] das Schreiben für die auf sich selbst zurückgeworfenen Korrespondierenden wichtiger ist als der Austausch mit einem Gegenüber, für den ohnehin eine gemeinsame Basis fehlt“23 (z.B. Eduard Mörike neigt dazu, in den Brautbriefen die „seelische[n] Abgründe zu thematisieren“24 und im Zusammenhang mit der Sehnsucht mündet dieses Motiv in eine Selbstbetrachtung.25). Charakteristisch für jenes Jahrhundert sind belehrende Brautbriefe an die zukünftige Frau, die heutzutage nicht mehr geschrieben werden.

[...]


1 Anton, Annette: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar: Metzler Verlag, 1995.

2 Meyer, Ernst: Der deutsche poetische Liebesbrief: Eine kultur- und literaturhistorische Studie. In: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 17. Leipzig: Teubner , 1903. S.402

3 Clauss, Elke: Liebeskunst. Der Liebesbrief im 18. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1993. S.21

4 Aus: Rheinwald, Kristin: Eduard Mörikes Briefe. Werkstatt der Poesie. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. S. 37-44

5 Aus: Anton, Annette: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar: Metzler Verlag, 1995. S. 144 f

6 Aus: Meta Klopstock geborene Moller Briefwechsel mit Klopstock ihren Verwandten und

Freunden. Hrsg. mit Erläut. Von H. Tiemann. 1. Band 1751 bis 1754. Hamburg: Maximilian – Gesellschaft, 1956

7 Vgl. Meyer, Ernst: Der deutsche poetische Liebesbrief: Eine kultur- und literaturhistorische Studie. In: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 17. Leipzig: Teubner , 1903.

8 Sieh: Die Frau im Dialog. Studien zu Theorie und Geschichte des Briefes. Hrsg. von A. Runge u.a. Stuttgart: Metzler, 1991. S.21ff.

9 Runge, Anita: Literarische Praxis von Frauen um 1800. Briefroman, Autobiographie, Märchen. Germanistische Texte und Studien, Band 55. Hildesheim,Zürich, New York: Olms-Weidmann, 1997. S.21

10 Runge, Anita: Literarische Praxis von Frauen um 1800. Briefroman, Autobiographie, Märchen. Germanistische Texte und Studien, Band 55. Hildesheim,Zürich, New York: Olms-Weidmann, 1997. S.20

11 Rheinwald, Kristin: Eduard Mörikes Briefe. Werkstatt der Poesie. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. S.135

12 Anton, Annette: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar: Metzler Verlag, 1995. S.49

13 Anton, Annette: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar: Metzler Verlag, 1995. S.49

14 Die Frau im Dialog. Studien zu Theorie und Geschichte des Briefes. Hrsg. von A. Runge u.a. Stuttgart: Metzler, 1991.

15 Runge, Anita: Literarische Praxis von Frauen um 1800. Briefroman, Autobiographie, Märchen. Germanistische Texte und Studien, Band 55. Hildesheim,Zürich, New York: Olms-Weidmann, 1997. S.112

16 Sieh: Rheinwald, Kristin: Eduard Mörikes Briefe. Werkstatt der Poesie. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. S.138

17 Deutsche Briefe 1750-1950. Hrsg. Von G. Mattenklott u.a. Frankfurt/Main: Fischer, 1988.

18 Deutsche Briefe 1750-1950. Hrsg. Von G. Mattenklott u.a. Frankfurt/Main: Fischer, 1988.

19 Deutsche Briefe 1750-1950. Hrsg. Von G. Mattenklott u.a. Frankfurt/Main: Fischer, 1988.

20 Deutsche Briefe 1750-1950. Hrsg. Von G. Mattenklott u.a. Frankfurt/Main: Fischer, 1988.

21 Deutsche Briefe 1750-1950. Hrsg. Von G. Mattenklott u.a. Frankfurt/Main: Fischer, 1988.

22 Vgl. Deutsche Briefe 1750-1950. Hrsg. Von G. Mattenklott u.a. Frankfurt/Main: Fischer, 1988. S.275

23 Runge, Anita: Literarische Praxis von Frauen um 1800. Briefroman, Autobiographie, Märchen. Germanistische Texte und Studien, Band 55. Hildesheim,Zürich, New York: Olms-Weidmann, 1997. S.112

24 Rheinwald, Kristin: Eduard Mörikes Briefe. Werkstatt der Poesie. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. S.130

25 Vgl. Rheinwald, Kristin: Eduard Mörikes Briefe. Werkstatt der Poesie. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. S.130

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638125284
ISBN (Buch)
9783638770804
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4083
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Liebesbrief im 18. Jahrhundert

Autor

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Titel: Der Liebesbrief des 18. Jahrhunderts