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Wolfram von Eschenbach: 'Den morgenblic' und 'Sîne klâwen' - Übersetzung und Interpretation -

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Lied 1: „Den morgenblic“
1.1 Übersetzung
1.2 Interpretation

2 Lied 3: „Sîne klâwen“
2.1 Übersetzung
2.2 Interpretation

3 Vergleichende Betrachtung

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Lied 1: „Den morgenblic“

1.1 Übersetzung

I Den Morgenstrahl beim Gesang des Wächters nahm wahr[1]

eine Herrin, die dort heimlich

in ihres werten Geliebten Arme lag.

Da hat sie von der Freude viel verloren.

Deshalb mussten sich heitere Augen

abermals mit Tränen füllen.

Sie sprach: „Ach Tag!

Alles, was lebt, freut sich deiner

und verlangt, dich zu sehen – nur ich allein nicht. Wie soll es mir ergehen!

Nun kann nicht länger hier bei mir bleiben

mein Geliebter: den jagt von mir dein Licht.“

II Der Tag mit Kraft ganz durch die Fenster drang.

Alle Riegel sie verschlossen.

Das half nicht: ihnen war der Kummer bekannt.

Die Geliebte den Geliebten fest an sich drückte.

Ihre Augen benetzten

ihrer beiden Wangen. So sprach sie zu ihm:

„Zwei Herzen und einen Leib haben wir.

Gar ungetrennt die Treue des einen den anderen begleitet.

Der großen Lust bin ich ganz ergeben,

außer du kommst zu mir und ich zu dir.“

III Der traurige Mann nahm bald Abschied auf diese Weise.

Ihre hellen glatten Körper

kamen ineinander. So erschien der Tag.

Weinende Augen – süßer Frauen Kuss!

So konnten sie doch

Ihre Münder, ihre Brüste, ihre Arme, ihre weißen Beine ineinander verflechten.

Welch Maler entwerfe das,

verbunden wie sie lagen – das wäre auch dem zu viel.

Ihr beider Liebe doch viel Sorge trug,

sie pflegten Liebe gegen allen Hass.

1.2 Interpretation

Bei „Den morgenblic“, einem dreistrophigen Tagelied mit dem Reimschema ABC-ABC-DEED, fallen sofort die Substantiva zu Beginn einer jeden Strophe auf: „morgenblic“ – „tac“ – „man“. Drei Substantive, die den Inhalt des Wolframschen Tagelieds wiedergeben: Den nahenden Tag, der die Geliebten voneinander trennt.

Den morgenblic nun mit „Morgenstrahl“ zu übersetzen, macht aus der Sanftheit der aufgehenden Sonne einen aggressiven, negativ besetzten Ausgangspunkt. Im Gegensatz dazu wäre der „Morgenglanz“ ein geradezu barmherziger Tagesanfang, der aber so gar nicht in die Situation zweier sich bald trennen müssender Geliebter passt. Der Strahl an sich, der mit Gewalt, vor allem aber konzentriert einbricht, hat überhaupt nichts mit dem sanftmütigen, fast edlen Glanz gemein, der seine beschienenen Objekte eher in romantischer Sicherheit wiegt als das er eine Bedrohung wäre.

Die Bedrohung wird allerdings schon in Zeile drei deutlich: „heimlich“ liegt der Mann bei der „Herrin“. Der Erzähler der ersten Strophe zeigt hier mit der näheren Bestimmung des neutralen „Geliebten“ mittels des „werten“ die gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung des Mannes an, der bei einer Dame von hohem Stand, einer vrouwe, liegt.

Natürlich macht eine nahende Trennung traurig, erleidet die Dame einen „Verlust der Freude“, wenn sie den Tag kommen sieht. Sie weint „abermals“, ein Anzeichen dafür, dass diese Liaison schon länger anhält, sie die Trennungen kennt, also genau weiß, wie schmerzhaft der Abschied gleich sein wird. Ihre vorher „heiteren Augen“ füllen sich mit Tränen. Liehtiu könnte aber auch „klare Augen“ meinen, die sich aufgrund der Tränen quasi verschleiern und ihre Reinheit verlieren. Etwas, was rein ist, besitzt aber auch die Konnotation der Unschuld. Kann diese vrouwe aber unschuldig sein? Die heiteren Augen hingegen sprächen für eine freudige Nacht, vielleicht eine kleine Neckerei am Morgen. Der „Morgenstrahl“, der plötzlich wahrgenommen wird, könnte eine solch fröhliche Situation augenblicklich in Traurigkeit verwandeln, so dass die „heiteren Augen“ eben nass werden.

Nun beginnt die Dame zu klagen. „Ach Tag!“ ruft sie aus und setzt das aufstrebende Tageslicht in einen negativen Gegensatz zur Nacht, in der das Beisammensein mit dem Geliebten in relativer Sicherheit gewährleistet ist. Der Tag, eigentlich ein sicherer Ort, hell, freundlich, nicht wie die Nacht, dunkel, bedrohlich und geheimnisvoll, wird von ihr nicht herbeigesehnt. Nein, sie allein – schließt sie dabei nicht auch ihren Geliebten aus? – erfreut sich nicht am Licht. Verzweifelt fragt sie: „Wie soll es mir ergehen!“. Im Gegensatz zu Wapnewski sehe ich dies als eine rhetorische Frage an, die keines Fragezeichens bedarf. Niemand wird antworten, denn im Grunde steht für sie schon fest, wie es ihr ergehen wird: Sie wird leiden, unter dem Abschied genauso wie unter der Zeit, die sie allein ist und sich wahrscheinlich gemäß ihres Standes anpassen muss, bis zu dem Moment, in dem ihr Geliebter wieder bei ihr sein wird. Diesen Standpunkt untermauern die folgenden zwei Zeilen, in denen die Dame wiederum das „Böse“ darstellt. Der personifizierte Tag „verjagt“ den Geliebten mit seinem Licht, das unaufhaltsam eindringt. Sie verurteilt also nicht die Umstände, unter denen sie ihren Liebhaber heimlich treffen muss, sondern gibt dem Tag die Schuld an ihrem Leid. So sind der Tag und auch der Geliebte nur Figuren in ihrem Monolog, die sich selbst nicht zu Wort melden.

Auch zu Beginn der zweiten Strophe ist der Tag zum wiederholten Male Ausgangspunkt allen Übels. Er „dringt ein“, wie Wasser in ein leckgeschlagenes Schiff eindringt: unerwünscht, unaufhaltsam, vor allem aber zerstörerisch. „Mit aller Kraft“ zeigt die verzweifelte Situation. Der Tag hat einfach kein Mitleid mit zwei sich Liebenden, fast scheint es, dass „er“ es sogar absichtlich macht. Deshalb könnten die Verliebten auch die Riegel vorschieben. Vielleicht die Fensterriegel, damit das Tageslicht quasi ausgesperrt wird und sie so der Realität entfliehen können. Oder die Türriegel, so dass niemand in die Kemenate eindringen kann. Oder aber slôze bezeichnet eine imaginäre Bande zwischen Mann und Frau, mit der sie sich vor der Außenwelt schützen, die sie abschirmt und aneinander bindet – ein Versprechen vielleicht, vielleicht eine Umarmung. Oder eine Fessel im Sinne des nachfolgenden Liebesaktes, nicht materiell, sondern als Vereinigung. Am wahrscheinlichsten aber ist die erste Vermutung, dringt doch das Tageslicht durh diu venster und überwindet damit die Außensicht. Während sie in Strophe eins sie des Lichtes nur durch den Gesang des Wächters gewahr wird, ist es nun schon im Raum, man kann ihm nicht mehr ausweichen.

Wiederum weint die Dame vor Kummer und Trennungsschmerz. Auffällig: sie weint, aber beider wangel werden nass. Doch nun klagt sie nicht, sondern beschwört ihren Geliebten um Treue und (geistiger) Vereinigung.

Zeile sieben in Strophe zwei enthält eine Symbolik, wie sie schon in der Bibel zu finden ist. Zwei herze und einen lîp hân wir schreibt Wolfram, und in Genesis 2,24 heißt es: „[…] und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch“. Ein Fleisch wird man natürlich nicht nur in sexueller Hinsicht, der körperlichen Vereinigung. Vielmehr, und so kann es auch bei Wolfram verstanden werden, handelt es sich hier um eine geistige, spirituelle Vereinung. Vielleicht kann es als Ironie angesehen werden, dass Wolfram diese Art von Treuebruch mit dem biblischen Motiv zwischen Adam und Eva in Verbindung setzt, gilt doch diese Stelle unter gläubigen Christen als Schlüsselstelle des christlichen Eheverständnisses.

Die „Treue“, in der folgenden Zeile von der Frau beschworen, steht so nämlich ebenfalls in einem zweischneidigen Licht. So soll diese triuwe jeweils mit dem anderen sein. Außen vor bleibt aber der Aspekt, dass selbst dieser Vereinigung einen Treuebruch vorausgeht, vielleicht sogar ein Ehebruch, der zwar keine Voraussetzung, dennoch ein Motiv für eine heimliche Liebe ist.

Spannend erscheint eine Diskussion um die neunte Zeile der zweiten Strophe. Die grôze liebe kann zwar zweifelsohne „all das Glück“ bedeuten, würde in diesem Zusammenhang wunderbar zur vorangegangenen Verschmelzung und der geschworenen Treue passen. Allerdings wäre auch eine Übersetzung als „große Lust“ möglich. Immerhin gipfelt der Abschied schlussendlich in die körperliche Vereinigung, so wie diese Treffen stets von sexueller Hingezogenheit bestimmt waren.

Die dritte Strophe beginnt dahingehend auch mit den beiden Körpern, die „ineinander“ – oder „zueinander“? – kamen, gemeint als liebevolle Geste, aber auch durchaus als ein Akt sexueller Begierde, der die beiden Liebenden beim Übergang von Nacht zu Tag begleitet. Diese Darstellung steht wiederum im Kontrast zum vorher genannten urloup – Abschied – nehmen.

Im Rückgriff auf die vorangegangenen Strophen erscheint zum wiederholten Male die Symbolik des Weinens für den unendlichen Schmerz der Dame, was den Erzähler darauf schließen lässt, dass der Kuss dadurch umso „süßer“ sei. Doch auch der Geliebte ist „traurig“, wie es in Zeile eins, Strophe drei gezeigt wird.

[...]


[1] Die Übersetzung erfolgte nach dem hergestellten Text von Peter Wapnewski.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638392365
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40809
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2
Schlagworte
Wolfram Eschenbach Sîne Interpretation

Autor

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