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Sport in der Suchtbehandlung. Möglichkeiten und Grenzen sporttherapeutischer Massnahmen bei Alkoholabhängigen

Examensarbeit 2005 69 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Symptomatik von Alkoholkranken
II.1. Das allgemeine Suchtphänomen
II.1.1. Definition
II.1.2. Entstehung der Sucht
II.1.2.1. Soziale Entstehungsfaktoren
II.1.2.2. Personale Entstehungsfaktoren
II.1.2.3. Biologische Entstehungsfaktoren
II.2. Konflikte und Störungen bei Alkoholkranken
II.2.1. Anamnese des Alkoholkranken
II.2.1.1. Phasenmodell
Präalkoholische Phase
Prodomale Phase
Kritisches Stadium
II.2.1.2. Typologie
Alphatypus
Betatypus
Gammatypus
Deltatypus
Epsilontypus
II.2.2. Physiologische Folgen
II.2.2.1. Internistische Erkrankungen
II.2.2.2. Neurologische Erkrankungen
II.2.3. Soziale Folgen
II.2.4. Psychische Folgen
II.2.4.1. Störungen im affektiv-emotionalen Bereich
II.2.4.2. Beeinträchtigung kognitiver und psycho-motorischer Funktionen
II.2.4.3. Störungen durch Alkoholpsychosen

III.Sporttherapie mit Suchtkranken
III.1. Definition von Sporttherapie
III.2. Möglichkeiten der Sporttherapie bei Alkoholabhängigen
III.2.1. Der physiologische Bereich
III.2.2. Der soziale Bereich
III.2.3. Der psychische Bereich

IV. Zusammenfassung und Ergebnisse

V. Quellenangabe
V.1. Literatur
V.2. Elektronische Medien

I. Einleitung

Alkoholabhängigkeit besitzt eine hohe gesellschaftliche Brisanz unter gesundheitlichen und sozialpolitischen Gesichtspunkten. In der Bundesrepublik Deutschland sterben jährlich ca. 40.000 Menschen an den Folgen der Alkohol-Abhängigkeit, rund 2,5 Millionen gelten als alkoholabhängig und ca. eine Million Bundesbürger sind schwere Alkoholiker[1]. Alkohol ist damit nach Zigaretten und falscher Ernährung einhergehend mit Bewegungsmangel die dritthäufigste vermeidbare Todesursache in unserer Gesellschaft. Neben den individuellen Folgen für den Alkoholsüchtigen, sind es auch sozioökonomische Kosten in Milliardenhöhe (z.B. Arbeitsunfälle, Arbeitsausfall, Arbeitslosigkeit, Invalidität und Straffälligkeit), die in der Gesellschaft Handlungsdruck entstehen lassen. Der volkswirtschaftliche Verlust im Jahr 2001 betrug 20 Milliarden Euro. Dagegen sind die Ausgaben für die Rehabilitation Alkoholabhängiger mit 500 Millionen Euro eher gering[2].

Es hat sich in der Öffentlichkeit allmählich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Abhängigkeit nicht nur eine Gefahr für einige wenige Willensschwache[3], sondern eine Gefahrenpotential für den Menschen an sich dargestellt. Süchtige sind demnach nicht Menschen, die aus Charakterschwäche der Versuchung verfallen. Vorraussetzung einer adäquaten Hilfe für Suchtpatienten ist aus diesem Grund zuallererst, dass man ihre Sucht als Krankheit anerkennt, denn eine gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung wirkt von vorne herein kontraproduktiv auf den Behandlungsverlauf der Suchtkranken. Deshalb stehen Aufklärung, Prävention und Rehabilitation im Bereich der Drogenabhängigkeit im Mittelpunkt staatlicher Kampagnen.

Gerade in der Suchtprävention wird dem Sport eine große Rolle zugeschrieben. Sportvereine und -verbände haben sich in den vergangenen Jahren vermehrt für den Kampf gegen Drogen stark gemacht. Der Sport bietet sich deshalb als geeignetes Medium für Suchtprävention an, weil er neben dem gesundheitlichen Aspekt eine ausgeprägte gesellschaftliche Relevanz aufweist. Die uneingeschränkte Anerkennung des Sports als Bestandteil des Alltagslebens, die Zunahme der Freizeit, der Wunsch nach Erfüllung individueller Bedürfnisse und die große kommerzielle Bedeutung (als Wirtschaftszweig oder kommerzieller Profisport) haben zur Versportlichung der gesamten Gesellschaft geführt[4].

Diese Tendenzen hin zu einer gesellschaftlichen Allgegenwart des Sports haben auch dazu beigetragen, den Sport als Therapiemöglichkeit bei psychogenen Erkrankungen einzusetzen. Allerdings blieb Sport als therapeutisches Mittel im Zusammenhang mit der Problembewältigung im Bereich der Sucht lange Zeit unberücksichtigt und führte ein Schattendasein in der Therapie von Suchterkrankungen[5]. Doch in den letzten Jahren hat die Sport- und Bewegungstherapie allgemein an Bedeutung gewonnen und ist als Therapieform mittlerweile fester Bestandteil der therapeutischen Praxis[6] der Suchtrehabilitation. Dennoch erfährt die Sporttherapie als Rehabilitationsmaßnahme größtenteils eine Beschränkung auf die stationäre Therapie der Drogenabhängigkeit[7]. Die Anerkennung als therapeutisches Mittel ist aus mehreren Gründen noch nicht so fortgeschritten, dass sich Sport in der Suchttherapie endgültig etabliert hätte. Sport- und Bewegungstherapie werden von Psychologen und Ärzten zwar sehr hoch eingeschätzt, doch fehlt es an systematischen Effektivitätsstudien, die eine komplexe Wirkungsweise von Sport auf psychische Prozesse nachweisen[8]. So werden in der klinischen Praxis sporttherapeutische Maßnahmen oftmals nicht mit dem Gesamttherapiekonzept abgestimmt[9]. Klar definierte Zielsetzungen und systematische Planung fehlen ebenso wie eine differenzierte Effektivitätskontrolle. Es existieren zwar verschiedene Erfahrungsberichte, theoretische und konzeptionelle Ansätze und einige empirische Studien zu spezifischen Aspekten der Sport- und Bewegungstherapie, doch die einseitig hervorgehobene physiologische Komponente des Sports und die fehlende Einbindung in ein therapeutisches Gesamtkonzept sind nicht restlos beseitigt[10]. Es hat sich nämlich in den ganzheitlichen Therapieansätzen der Trend durchgesetzt, generell jede Maßnahme am Patienten als therapeutisches Mittel anzusehen[11]. Das gilt in besonderem Maße für den Sport, der aus den Bereichen des Schulsports, der Fitnessbewegung und des Freizeitsports übernommen wurde, ohne auf seine wahren pädagogischen und rehabilitativen Möglichkeiten näher einzugehen. So sind es vor allem Laufsportarten, Gymnastik, Schwimmen und Sportspiele, die in den Rehabilitationseinrichtungen durchgeführt werden. Das Angebot entspricht also in erster Linie den Zielsetzungen der physiologischen Rehabilitation[12]. Die einseitige Funktionszuschreibung des Sports auf die Wiederherstellung und Verbesserung der körperlichen Belastungs- und Leistungsfähigkeit wird dem Potential des Sports aber nicht gerecht. Er bietet nämlich weit mehr, als nur eine kurzfristige Behandlung der physiologischen Symptome und Defekte der Patienten. Ein rein funktionaler und fitnessorientierter Ansatz unterschlägt die umfassende Beeinflussung personaler, sozialer und sportspezifischer Kompetenzen. Im Erlebnisfeld Sport können Lernprozesse initiiert werden, die eine dauerhafte Bewältigung der persönlichen Beeinträchtigung möglich machen[13]. Um dieses langfristige Ziel zu erreichen, müsste das Prinzip der Permanenz häufiger gewahrt bleiben, denn im Bereich der Nachsorge findet Sport kaum noch Beachtung, was zum Teil auch darin begründet liegt, dass die Nachsorge auch aus wissenschaftlicher Sicht vernachlässigt wird[14]. Bewegung, die ja auch immer Ausdruck der Persönlichkeit ist, bietet aber nicht nur die Möglichkeit therapeutisch zu intervenieren, sondern auch als diagnostisches Verfahren zu fungieren. Das Gesamtbild eines Patienten in der Sporttherapie kann Auskunft über Art und Grad der Störungen in der Persönlichkeit, im sozialen Verhalten und im physiologischen Gesundheitszustand geben[15].

Die vorliegende Arbeit entstand im Zusammenhang mit der Kooperation der Fachgruppe Sportwissenschaft der Universität Konstanz und der Station 51 für Forensik des Zentrums für Psychiatrie Reichenau (ZPR). Der Kontakt zum ZPR wurde durch Dr. Christiana Rosenberg-Ahlhaus hergestellt, auf deren Initiative hin im Sommersemester 2000 ein Seminar im Bereich Prävention/Rehabilitation zum Thema Sporttherapie mit Suchtkranken durchgeführt wurde. Im Verlauf dieser Veranstaltung wurde von Studenten der Sportwissenschaft einer Gruppe von Suchtpatienten verschiedene Sportarten vorgestellt und angeboten. Die Durchführung dieses Programms fand sowohl bei den Studenten, als auch bei den Patienten und deren Therapeutenteam großen Anklang, so dass von Seiten der Fachgruppe Sportwissenschaft weitere Projekte angeboten und durchgeführt wurden. So fanden im darauf folgenden Wintersemester zwei weitere Sportveranstaltungen statt. Im Herbst wurde Rudern von Beate Gitzelt veranstaltet und von Januar bis März 2001 Sportspiele mit Schwerpunkt Volleyball durch Juan Carlos Schwendemann und Sebastian Schmid. Die praktischen Erfahrungen dieses Projekts wurden im Zuge dieser Arbeit theoretisch reflektiert. Deshalb wird im weiteren Verlauf immer wieder Bezug auf die sporttherapeutische Arbeit mit der Patientengruppe des ZPR genommen. Da die Patientengruppe recht klein war, keine Kontrollstudien durchgeführt wurden und die Projektdauer zu kurz war, war eine empirische Erhebung und Patientenbefragung nicht möglich.

Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit werden Krankheitsverlauf, Symptome und Störungen des Alkoholismus erläutert. Um adäquate sporttherapeutische Konzepte in der Suchtbehandlung zu erstellen, ist es unabdingbar, die Ursachen, Entstehungsbedingungen, Krankheitsverläufe und Symptome zu untersuchen. Sie dienen als gedankliche Basis und als konkrete Ansatzpunkte für spezifische Formen der Bewegungsaktivitäten in der therapeutischen Arbeit[16]. Aus diesem Grund nehmen diese Bereiche in der vorliegenden Arbeit einen besonders großen Platz ein. Allerdings kann dieser Themenkomplex nicht erschöpfend dargelegt werden, da dies den Rahmen der Arbeit bei weitem überschreiten würde. Darüber hinaus sind einige Aspekte über die Ursachen und Entstehung von Sucht noch nicht vollständig geklärt und bewegen sich im hypothetischen Raum.

Der zweite Teil stellt die Möglichkeiten des Sports unter ganzheitlichen Aspekten in der Suchttherapie vor. Besonderes Augenmerk gilt deshalb jenen Krankheitssymptomen, die eine sporttherapeutische Relevanz aufweisen. Im letzten Abschnitt werden die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst, Problemfelder im Umgang mit abhängigen Personen in der Sporttherapie beleuchtet und ein Ausblick in die Zukunft der Sporttherapie im Rahmen der Suchtrehabilitation geworfen.

II. Symptomatik von Alkoholkranken

II.1. Das allgemeine Suchtphänomen

II.1.1. Definition

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung im Bereich der Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen gibt es eine ganze Reihe von verschiedenen Definitionen. Im Folgenden werden verschiedene dieser Definitionsansätze vorgestellt. Zur Klärung der Begrifflichkeit sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass im Folgenden die Begriffe Sucht und Abhängigkeit synonym verwendet werden.

Alle Formen von Suchtverhalten haben die psychische Abhängigkeit gemeinsam. Nach den Autoren Stammer und Werle ist Abhängigkeit gekennzeichnet „ durch ein übermächtiges, gegenüber anderen Verhaltensweisen überwertiges Verlangen nach Einnahme des Suchtmittels, einhergehend mit einer Toleranzentwicklung, Kontrollverlust und körperlichen Entzugserscheinungen beim Versuch des Absetzens“[17]. Um psychisches Wohlbefinden zu erreichen, wird eine Droge dauerhaft und zwanghaft konsumiert[18]. Dieser zwanghafte Drang zur Herbeiführung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung eines subjektiv optimal empfundenen Befindlichkeitszustandes ist allen Formen der Abhängigkeit gemein[19]. Die Wirkung einer Droge ist ambivalent, denn sie dient zugleich der Herbeiführung von Lustzuständen, aber auch der Vermeidung von Unlustzuständen, die für den Betroffenen als ein ohne Droge nicht auszuhaltenden Zustand erscheint[20]. Demnach manifestiert sich das Suchtphänomen in allererster Linie auf der psychischen Ebene, hat allerdings zahlreiche körperliche und soziale Folgen[21]. Als Droge wirken aber nicht nur Rauschmittel wie Nikotin, Alkohol oder chemische Drogen, sondern auch Konsumsucht, Fernsehsucht, Spielsucht, Magersucht oder Fresssucht sind Arten von Abhängigkeit. Süchtiges Fehlverhalten muss also nicht zwangsläufig stoffgebundene Abhängigkeit sein. Die Suchtdroge ist allerdings notwendig für die Entstehung einer substanzinduzierten Suchterkrankung. Diese suchtstoffgebundene Form ist ein Zustand seelischer und körperlicher oder rein seelischer Abhängigkeit von einer Droge mit zentralnervöser Wirkung, die regelmäßig eingenommen wird[22]. Sie entwickelt sich durch die Verwendung psychotroper Substanzen, um die Bewusstseinslage und Erlebnisfähigkeit vor dem Hintergrund intrapsychischer oder psychosozialer Spannungs- und Konfliktzuständen zu verändern[23]. Die Merkmale des Abhängigkeitszustands variieren von der Art des Suchtstoffs. So kommt es zu uneinheitlichen Erscheinungsformen mit individuell stark variierenden Symptomen und Ausprägungen, die von der Spezifität der benutzten Droge abhängen[24]. Jedoch ist das Krankheitsbild der Drogenabhängigkeit nicht zwangsläufig auf die Wirkung der Droge zurückzuführen, sondern ebenso auf die Persönlichkeit des Betroffenen[25]. Sie verursacht beim Betroffenen eine Reihe von Beziehungsstörungen zur Umwelt und der eigenen Person und einer verzerrten Wahrnehmung derselben. In letzter Konsequenz werden die Befindlichkeit, die Erlebnis- und Handlungsfähigkeit des Suchtkranken stark eingeschränkt[26].

Abhängigkeit wird dann zum Problem, wenn die Einzelperson aufgrund der Folgestörungen der Sucht, zum Teil einhergehend mit Fremd- und Selbstzerstörungsstrategien, zum Störfaktor für die Gesellschaft wird. Wird ein Suchtkranker zur Belastung seiner persönlichen Umwelt und dort nicht mehr geduldet, so muss derjenige behandelt werden, damit seine persönlichen Destruktionstendenzen nicht das Kollektiv belasten[27]. Wird die Stabilität der kollektiven Organisation zerstört, ist eine Reorganisierung nicht mehr möglich[28]. Dieser Verfall des sozialen Systems zeigt sich auch beim Organismus des Suchtkranken. Sind Körper und Geist erst einmal zerfallen, ist eine Therapie nicht mehr möglich. Die Autoren Perl und Maturana definieren Sucht als eine Störung der Körper – Seele – Geist Homöstase, die beim Süchtigen zu einer erheblichen Beein-trächtigung der sozialen Kontakte bis hin zur völligen Isolation führt. Diese Definition hebt die Bedeutung der Persönlichkeit des Abhängigen noch stärker hervor, denn „Sucht ist ein starkes, hemmungsarmes, dominierendes Verlangen nach bestimmten Werten oder Scheinwerten, das aus der Persönlichkeit heraus, im wesentlichen entsprechend der Persönlichkeit, auch aktiv geformt ist, das gewöhnliche Maß überschreitet und daher zerstörerisch oder selbstzerstörerisch wirkt.“ Pongratz sieht Sucht als Befriedigung oraler, sexueller, aggressiver und auto-aggressiver Bedürfnisse und als Abwehrmechanismus gegen Depressionen und Angstzustände[29].

Anhand der verschiedenen Definitionen lässt sich folgern, dass die Symptomatik insgesamt äußerst komplex ist. Drogenabhängigkeit besteht also auf einer engen Verschränkung von psychosomatischen Vorgängen und sozialen Wechsel-wirkungen[30]. Von zentraler Bedeutung ist der Kontrollverlust über den Drogenkonsum bzw. der Verlust der Selbstkontrolle. Dieser Kontrollverlust drückt sich im zwanghaften Verlangen nach der Droge aus[31] und dem Verlust freier Handlungsfähigkeit[32]. Man geht davon aus, dass diesem Zwang Lernprozesse zu Grunde liegen, denn wann immer die subjektiv empfundenen Auslösungs-mechanismen auftreten, wird zum Suchtmittel gegriffen. Diese Automatismen und erlernten Verhaltensweisen werden durch den sozialen Hintergrund gefördert, da Alkohol gesellschaftlich weit verbreitet und akzeptiert ist. Die Besonderheit des Alkohols liegt also ebenso wie beim Nikotin darin, dass es sich um eine legale Droge handelt, die nicht nur von der Gesellschaft toleriert wird, sondern sogar als Geselligkeitsstimulans und Freizeitinhalt gefördert wird[33].

Kontrollverlust und Konditionierung bewirken auf Dauer eine gestörte Beziehung zum eigenen Ich, zum Körper und zur Umwelt[34]. Diese zahlreichen Störungen bedürfen einer qualifizierten Behandlung. Wird die Suchterkrankung nicht behandelt, sinkt nicht nur die individuelle und kollektive Lebensqualität, sie führt auch häufig zur Invalidität, eingeschränkter persönlicher Freiheit, verkürzter Lebensdauer und zum Tod.

II.1.2. Entstehung der Sucht

Bei der Entstehung von Abhängigkeit kann man von einem multikausalen Entwicklungsprozess ausgehen[35], in dem die genetische Disposition, die Persönlichkeitsstruktur, die spezifischen Wirkungsweisen des Suchtstoffes und das soziale Umfeld bedeutende Einflussgrößen für die Entstehung und Ausprägung der Abhängigkeit sind. Die Droge und ihre spezifische Wirkungsweise werden dem Bereich der Umweltfaktoren zugeordnet[36]. Bei der Entstehung von Sucht handelt es sich nicht um ein singuläres Einzelmerkmal, das die Krankheit auslöst. Vielmehr ist ein umfassendes, tief strukturiertes und komplexes Persönlichkeits- und Verhaltensmuster zu beobachten[37]. Es enthält miteinander verschränkte seelisch-emotionale, soziale und körperliche Faktoren.

II.1.2.1. Soziale Entstehungsfaktoren

Suchtauslösend sind zumeist psychische Traumen und Stressfaktoren. Allerdings kommt jeder Mensch im Laufe seines Lebens in Stresssituationen, doch nicht jeder Mensch wird süchtig, wenn er suchterzeugende Stoffe konsumiert oder psychische Traumen durchlebt hat. Es gibt eine ganze Reihe von oberflächlich plausiblen sozialen Ursachen, die suchtauslösend wirken können: Arbeitslosigkeit, ökonomische Krisen, Zukunftsangst, Orientierungslosigkeit und Sinnkrisen sind Ausdruck der modernen, pluralistischen Gesellschaftsform. Doch nicht nur die negativen Folgeerscheinungen unserer Zeit bewirken eine gesellschaftliche Allgegenwart der Suchtproblematik, denn Überorganisation, institutionalisierte Lebensbereiche und materieller Überfluss reduzieren die individuellen Orientierungs- und Handlungsspielräume. Es sind also nicht ausschließlich schwierige Lebenslagen und persönliche Problemsituationen, die suchtauslösend wirken können, sondern auch Ohnmachtsgefühle, Langeweile, Monotonie und Perspektiv- und Orientierungs-losigkeit können vor allem bei jungen Menschen den Griff zur Droge auslösen[38]. Gerade die gesellschaftliche Hinwendung zum Hedonismus, zum Streben nach positiven Gefühlen und Glückszuständen durch äußere Reize, wenn nötig künstlich herbeigeführt, begünstigt die Entstehung von verschiedenen Abhängigkeitsformen. Die Individualisierungstendenzen der modernen Gesellschaft nehmen bisweilen grenzenlose Formen an und steigern sich bei manchen zu egozentrischem und dissozialen Verhalten. Diese Abspaltung von negativen Zuständen, die eigentlich Teil des Lebens sind, und Streben nach positiven Erlebnissen und Zuständen, ist deutlich im Sucht- und Abhängigkeitsverhalten wieder zu erkennen[39].

Man kann jedoch feststellen, dass Alkoholkonsum in seiner gesellschaftlichen Ausprägung bei der Mehrheit nicht zu süchtigem Verhalten führt[40]. Allerdings haben Untersuchungen (v.a. in der Zwillingsforschung) ergeben, dass der Missbrauch von Drogen in manchen Familien unabhängig von der biologischen Disposition gehäuft vorkommt. Die Entstehung einer Suchterkrankung wird durch einen von Drogenmissbrauch gekennzeichneten sozialen Nahraum gefördert. Im nahen Umfeld des Süchtigen, kann dieses Verhalten erlernt und erworben werden[41]. Man geht deshalb davon aus, dass Abhängigkeit ein erlerntes Verhalten ist, das als Reaktion auf bestimmte Person-Umwelt-Bedingungen erfolgt[42]. Da aber Süchtige auch aus ganz normalen und stabilen Lebensverhältnissen kommen, ist der Ausbruch der Suchterkrankung offenbar auch stark vom Individuum abhängig[43]. Die persönlichen Fähigkeiten zur Auseinandersetzung mit alltäglichen Konfliktsituationen und Belastungen ist offenbar von größerer Bedeutung, als die Umweltfaktoren, denen alle Menschen mehr oder weniger ausgesetzt sind. Es stellt sich also die Frage nach den Persönlichkeitsmerkmalen und biologischen Determinierungen, die unabhängig von Umweltfaktoren (soziales Umfeld, Verfügbarkeit und traumatischen Erlebnissen) einer Sucht zu Grunde liegen können.

II.1.2.2. Personale Entstehungsfaktoren

Die Persönlichkeitsstruktur des Suchtkranken setzt sich aus seiner Grundpersönlichkeit, aber auch aus den abhängigkeitsbedingten Veränderungen der Psyche zusammen. Diese Differenzierung zwischen Anlage und pathologischen Folgeerscheinungen ist nicht immer klar abzugrenzen. Allerdings haben Studien ergeben, dass häufig mangelnde Selbstkontrolle und geringes Selbstwertgefühl, ungewöhnliche Verhaltensmuster und überhöhte Aggressivität und Impulsivität in der prämorbiden Persönlichkeitsstruktur auffällig waren[44].

Den psychischen bzw. personalen Faktoren kommt deshalb ein besonderes Gewicht zu, da eine vollkommen nicht substanzinduzierte Abhängigkeit, wie Spielsucht, keine biochemischen Mechanismen verursacht. Allerdings wird die Persönlichkeit auch durch Anlagefaktoren bestimmt[45]. Da aber eine Anlage zu Depressionen, asozialem Verhalten und Hyperaktivität im Kindesalter auf der phänotypischen, genfernen Ebene liegen[46], ist auch der genetische Faktor auf den psychischen Zustand nicht eindeutig zu klären. Man geht in der Suchtforschung deshalb davon aus, dass Abhängigkeit auf der personalen Ebene eine gestörte Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung ist[47].

Für die Entstehung von Suchtverhalten ist grundsätzlich von einem wenig ausgeprägten Selbstwertgefühl auszugehen. Dieser Mangel drückt sich oftmals in einer fehlenden Autonomie in der Auseinandersetzung mit der Umwelt aus. Konfliktsituationen wird möglichst ausgewichen oder man versucht diese zu vermeiden[48]. Das Meiden der Auseinandersetzung mit Problemsituationen, besonders in Bezug auf die Mitmenschen, führt zur Isolation – hier wird die Verschränkung mit der sozialen Entstehungsebene deutlich – und Stagnation. Dieses unterschwellig vorhandene Verhalten des Ausweichens kann in einer konkreten Konfliktsituation oder Krise in Suchtverhalten umschlagen. Auch hier handelt es sich um einen Lernprozess. Nachdem sich der Betroffene daran gewöhnt hat, Problemen auszuweichen, anstatt sie zu lösen, wird die Droge zum Ersatz für das permanente Fluchtverhalten[49]. Konflikte lassen sich aber auf Dauer nicht verdrängen, da einen die Realität früher oder später wieder einholt. Erst die Droge ermöglicht es dann die Realität dauerhaft zu verschleiern.

II.1.2.3. Biologische Entstehungsfaktoren

Bei der Frage nach der genetischen Disposition greift man auf Ergebnisse von Adoptivstudien zurück. Dabei konnte man feststellen, dass die Sensibilität der Zielorgane genetisch bedingt ist. Dies würde erklären, warum Alkoholismus familiär gehäuft auftritt. Jedoch muss dieses Phänomen nicht zwangsläufig auf Vererbung beruhen, denn soziale Aspekte wie familiäre Tradition oder Milieufaktoren, können ebenfalls, wie gezeigt, wirksam sein[50]. Adoptivstudien belegen allerdings, dass Nachkommen von Alkoholikern in nicht trinkenden Adoptivfamilien eine um das Vierfache erhöhte Wahrscheinlichkeit zur Alkoholsucht aufweisen. Dieser Wert entspricht den Nachkommen von Alkoholikern, die bei ihrer Familie bleiben. Zwillingsstudien widersprechen dieser Beobachtung allerdings teilweise, so dass auch den Milieufaktoren eine entscheidende Rolle beim Ausbruch einer Suchterkrankung zukommt[51]. Trotz nachgewiesener genetischer Faktoren sind die Kenntnisse über die Entstehung der Sucht also noch lückenhaft[52] und nicht klar von den Milieufaktoren abzugrenzen. Nachweisbar ist jedoch, dass genetische Faktoren die Entstehung einer Sucht beschleunigen können. Dem Alkoholstoffwechsel bzw. den Enzymen, die für den Alkoholabbau zuständig sind, v.a. im Bezug auf das Zwischenprodukt Azetyldehyd, kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Dabei war nachzuweisen, dass der biochemische Abbau des Alkohols und seiner Zwischenprodukte auf dem Enzymhaushalt beruht. Dieser ist nicht nur individuell verschieden, sondern auch genetisch erblich[53]. Die Vererblichkeit von Alkoholabsorption und Eliminierung des Äthanols und Azetyldehyds wird auch daran deutlich, dass es signifikante Rassenunterschiede gibt[54]. In den genetisch bedingten physiologischen Dispositionsmerkmalen liegt auch eine der inhibitorischen Faktoren für die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit. Eine physische Überempfindlichkeit gegenüber den Symptomen des Äthanols und seiner Metaboliten wirkt als Hemmschwelle gegenüber dem Fortschreiten der Suchterkrankung[55]. Auch wenn der psychosoziale Wirkungskomplex des Suchtgefährdeten für den Übergang von mäßigem zu exzessivem Trinken spricht, kann eine biochemische Unverträglichkeit gegenüber Alkohol diesen Prozess unterbinden.

In der Ursachenforschung von Suchterkrankungen hat man sich auf verschiedenen wissenschaftlichen Gebieten (z.B. Medizin, Soziologie und Psychologie) damit auseinandergesetzt, ohne jedoch den Mechanismus des Kontrollverlusts vollständig erklären zu können. Trotz großer Fortschritte in der biologischen Suchtforschung, bleiben die Milieufaktoren ebenso bedeutsam bei der Entstehung einer substanzinduzierten Abhängigkeit wie die Persönlichkeitsstruktur der Betroffenen[56]. Es hat sich deshalb ein multifaktorielles Erklärungsmodell durchgesetzt. Folglich ist eine einheitliche Persönlichkeitsstruktur des Suchtkranken nicht festzustellen, da das Krankheitsbild zu komplex und individuell zu verschieden ist. Eine singuläre Ursache bzw. ein Gen zur Sucht ist bisher nicht nachweisbar. Verschiedene Faktorenbündel und Kombinationen und wechselseitige Beziehungen von genetischer Anlage, Persönlichkeitsstörungen und Umwelteinflüssen können zu einer Suchterkrankung führen. Für die Rehabilitation Alkoholkranker bedeutet dies, dass die individuell relevanten Einzelfaktoren isoliert untersucht werden müssen, um Angriffspunkte für eine erfolgreiche Therapie zu bieten[57].

[...]


[1] www.lebensgeschichten.org/alkohol/indexa.php

[2] www.alkoholsucht.btonline.de

[3] Wanke, K., Zur Psychologie der Sucht, in: Kisker, Laufer, Meyer, Müller, Strömgren, Psychiatrie der Gegenwart – Abhängigkeit und Sucht, Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo, 1987, S. 24.

[4] Schröder, J., Körpererfahrungen, Sinneserfahrungen – Erweiterte Bewegungskultur für den Strafvollzug, in: Zeitung für Strafvollzug (1996), S. 205.

[5] Ahle, H.-D., Aeroga als Sporttherapie – Über die Möglichkeiten des Sports innerhalb einer integrativen Bewegungstherapie für alkoholgefährdete Jugendliche, Berlin, 1987, S. 50.

[6] Scheid, V., Simen, J., Discher, J., Sport in der Suchtbehandlung, in: Motorik 19 (1996), 2, S. 66.

[7] ebenda

[8] Deimel, H., Sport und Bewegung in der klinischen Therapie von Erwachsenen, in: Hölter, Bewegung und Therapie – interdisziplinär betrachtet, Dortmund, 1988, S. 96.

[9] Deimel, H., Sporttherapeutische Gesichtspunkte in der Behandlung von Alkoholabhängigen, in: Appell, Mauritz, Sport in der Rehabilitation, 1988, S. 46.

[10] Stammer, A., Werle, J., Bewegungstherapie in der Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbehandlung, in: Rieder/Huber/Werle, Sport mit Sondergruppen – Ein Handbuch, Schorndorf, 1996, S. 422.

[11] Tschöpe, B., Sport mit jugendlichen Rauschmittelkonsumenten – einführende theoretische und praktische Grundlagen, in: Suchtgefahren 28 (1982), 1, S. 103.

[12] ebenda

[13] Scheid, Simen, Discher, 1996, S. 68

[14] ebenda, S. 66

[15] Hoffmann, H.-D., Sporttherapie nach sportpsychologischen, sportmedizinischen und sportmethodischen Erkenntnissen in der ambulanten Behandlung von Suchtkranken, in: Sucht 39 (1993), 3, S. 186.

[16] Klein, M., Sport- und Bewegungstherapie als integrative Arbeit in der Suchtbehandlung, in: Mototherapie mit Erwachsenen, Motorik 13, Schorndorf, 1993, S. 81.

[17] Stammer, Werle, in: Rieder et al., 1996, S. 419

[18] Ahle, 1987, S. 47

[19] Klein, in: Hölter, 1993, S. 81

[20] ebenda

[21] Täschner, S. 174

[22] Wanke, in: Kisker et al., 1987, S. 21

[23] Stammer, Werle, in: Rieder et al., 1996, S. 418

[24] ebenda, S. 419

[25] Wanke, in: Kisker et al., 1987, S. 22

[26] Deimel, in: Appell et al., 1988, S. 43

[27] Ahle, 1987, S. 47f

[28] ebenda, S. 49

[29] Pongratz, L.J., Über den Krankheitsgewinn des süchtigen Verhaltens. Ein tiefenpsychologischer Beitrag zum Suchtproblem, in: Feuerlein, Theorie der Sucht, Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo, 1986, S. 95.

[30] Wanke, in: Kisker et al., 1987, S. 19

[31] Klein , in: Hölter, 1993, S. 81

[32] Täschner, S. 174

[33] Ahle, 1987, S. 54

[34] Scheid, Simen, Discher, 1996, S. 67

[35] Stammer, Werle, in: Rieder et al., 1996, S. 419

[36] Zerbin-Rüdin, E., Allgemeine humangenetische Gesichtspunkte der Sucht – Adoptivstudien, in: Keup, Biologie der Sucht, Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo, 1985, S. 1.

[37] Klein, in: Hölter, 1993, S. 83

[38] ebenda, S. 82

[39] Klein, in: Hölter, 1993, S. 82f

[40] Zerbin-Rüdin, in: Keup, 1985, S. 1

[41] Klein, in: Hölter, 1993, S. 83

[42] Deimel, in: Appell et al., 1988, S. 47

[43] Täschner, K.-L., Suchterkrankungen – Diagnose und Therapie, in: Weiß/Liesen, Rehabilitation durch Sport, Marburg, 1997, S. 176.

[44] Feuerlein, W., Individuelle, soziale und epidemiologische Aspekte des Alkoholkonsums, in: Singer, M.V., Teyssen, S. (Hrsg), Kompendium Alkohol , Berlin, Heidelberg, New York, Barcelona, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, 2002, S. 22

[45] Zerbin-Rüdin, in: Keup, 1985, S. 2

[46] Zerbin-Rüdin, in: Keup, 1985, S. 10

[47] Klein, in: Hölter, 1993, S. 84

[48] ebenda

[49] ebenda

[50] Zerbin-Rüdin, in: Keup, 1985, S. 3

[51] Zerbin-Rüdin, in: Keup, 1985, S. 9

[52] von Wartburg, J.P., Genetische Suchtdisposition: Mögliche biochemische Mechanismen, in: Keup, Biologie der Sucht, Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo, 1985, S. 15

[53] ebenda, S. 16

[54] ebenda, S. 18

[55] ebenda, S. 21

[56] Tretter, F., Ökologie der Sucht, Göttingen, Bern, Toronto, Seattle, 1998.

[57] Zerbin-Rüdin, in: Keup, 1985, S. 10

Details

Seiten
69
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638392242
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40797
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Sportwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
Sport Suchtbehandlung Möglichkeiten Grenzen Massnahmen Alkoholabhängigen

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