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Autonomie und Verbundenheit in jungen Paarbeziehungen

Magisterarbeit 2005 140 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einführung

2. Autonomie und Verbundenheit – theoretischer Rahmen
2.1 Die Partnerschaftsforschung
2.1.1 Junge Paarbeziehungen als Forschungsgegenstand
2.1.2 Einflussfaktoren auf Verläufe von Liebesbeziehungen
2.2 Bindung in Liebesbeziehungen
2.2.1 Grundzüge der Bindungstheorie
2.2.2 Bindung im Erwachsenenalter
2.2.3 Liebesbeziehungen als Bindungsbeziehungen
2.2.4 Auswirkung von Beziehungrepräsentationen auf Liebesbeziehungen
2.3 Autonomiebedürfnis und Autonomieentwicklung
2.3.1 Das Konzept der Autonomie und sein Bezug zur Bindung
2.3.3 Autonomieentwicklung im Jugendalter
2.3.4 Autonomie und Verbundenheit in Liebesbeziehungen
2.4 Zusammenfassung: Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen

3. Autonomie und Verbundenheit in der Interaktion
3.1 Kommunikation und Konflikt in der Partnerschaft
3.2 Die Beobachtung von Paarinteraktionen
3.2.1 Die Methode der Interaktionsbeobachtung
3.2.2 Befunde der Interaktionsbeobachtung von Paaren
3.3 Paarbeobachtung im Kontext von Autonomie und Bindung
3.3.1 Eine Theorie – viele Beobachtungsansätze
3.3.2 Beobachtung von nicht-bindungsspezifischen Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Bindungsrepräsentation
3.3.3 Beobachtung von bindungsspezifischen Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Bindungsrepräsentation
3.4 Zusammenfassung: Autonomie und Verbundenheit in der Paarinteraktion

4. Fragestellung und Methode
4.1 Konkretisierung der Fragestellung
4.2 Stichprobe und Datenerhebung
4.3 Erhebungsinstrumente
4.3.1 Skalen aus den Fragebögen der Intensivstudie
4.3.2 Beobachtungsdaten zu Autonomie und Verbundenheit in der Interaktion
4.4 Verfahren der Datenanalyse

5. Ergebnisse
5.1 Einführende Analysen
5.1.1 Statistische Kennwerte und Interkorrelationen der Beobachtungsskalen bei jeweils Männern und Frauen (Fragestellung 1)
5.1.2 Interkorrelationen der Beobachtungsskalen zwischen Männern und Frauen und geschlechtsspezifische Unterschiede (Fragestellung 2)
5.2 Beobachtetes Verhalten, Persönlichkeitsvariablen und Beziehungszufriedenheit (Fragestellung 3 und 4)
5.3 Beobachtetes Verhalten und Einschätzung der Konfliktstile (Fragestellung 5)
5.4 Beobachtetes Verhalten und Beziehungsrepräsentation
5.4.1 Zusammenhang zwischen Beziehungsrepräsentation und Verhalten (Fragestellung 6)
5.4.2 Zusammenhang zwischen Selbstwert, Beziehungsrepräsentation und Verhalten (Fragestellung 7)

6. Diskussion
6.1 Diskussion der Befunde zu den Beobachtungsdaten allgemein
6.2 Diskussion der Befunde zu den Persönlichkeitsvariablen, der Paarzufriedenheit und den Konfliktstilen
6.3 Diskussion der Befunde zur Beziehungsrepräsentation
6.4 Abschließende Evaluation

7. Ausblick

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Moderatorhypothese

Tabelle 1: Konfliktstile

Tabelle 2: Abgewandelte Skalen des Münchner Individuationstests für Jugendliche (MITA)

Tabelle 3: Die Skalen des „Autonomy and Relatedness Coding System“ (Allen, 1995), adaptiert nach Becker-Stoll et al. (1996)

Tabelle 4: Faktormatrix mit drei Faktoren: Aufteilung der Beobachtungsskalen

Tabelle 5: Zusammenfassung der Beobachtungsskalen

Tabelle 6: Vergleich der Mittelwerte der verwendeten Variablen zur Welle 4

Tabelle 7: Statistische Kennwerte für die Einzelskalen des Interaktionsverhaltens für Männer und Frauen im Konfliktgespräch

Tabelle 8: Statistische Kennwerte für die zusammengefassten Skalen des Interaktionsverhaltens für Männer und Frauen im Konfliktgespräch

Tabelle 9: Interkorrelationen für die Einzelskalen der Frauen im Konfliktgespräch

Tabelle 10: Interkorrelationen für die Einzelskalen der Männer im Konfliktgespräch

Tabelle 11: Interkorrelationen für die zusammengefassten Skalen der Frauen im Konfliktgespräch

Tabelle 12: Interkorrelationen für die zusammengefassten Skalen der Männer im Konfliktgespräch

Tabelle 13: Interkorrelationen der Einzelskalen von Männern und Frauen

Tabelle 14: Interkorrelationen zwischen den zusammengefassten Skalen von Männern und Frauen

Tabelle 15: Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsvariablen und der Beziehungszufriedenheit bei Männern und Frauen

Tabelle 16: Zusammenhang zwischen Konfliktstilen und Persönlichkeitsvariablen

Tabelle 17: Selbstbilder der Konfliktstile von Mann und Frau

Tabelle 18: Selbstbild – Fremdbild Vergleich bei den Konfliktstilen des Mannes

Tabelle 19: Selbstbild – Fremdbild Vergleich bei den Konfliktstilen der Frau

Tabelle 20: Korrelation beider Selbsteinschätzungen

Tabelle 21: Korrelation beider Fremdeinschätzungen

Tabelle 22: Zusammenhang zwischen Verhalten und Selbst- und Fremdbild des Mannes

Tabelle 23: Zusammenhang zwischen Verhalten und Selbst- und Fremdbild der Frau

Tabelle 24: Mittelwertsunterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich ihrer Beziehungsrepräsentation

Tabelle 25: Zusammenhang zwischen Beziehungsrepräsentation und allgemeinen Beziehungsvariablen für Männer

Tabelle 26: Zusammenhang zwischen Beziehungsrepräsentation und allgemeinen Beziehungsvariablen für Frauen

Tabelle 27: Zusammenhang zwischen beobachtetem Verhalten und der Beziehungsrepräsentation der Frau (MITA)

Tabelle 28: Zusammenhang zwischen beobachtetem Verhalten und der Beziehungsrepräsentation des Mannes (MITA)

Tabelle 29: Zusammenhang zwischen beobachtetem Verhalten und der Beziehungsrepräsentation des Mannes auf Einzelskalenebene

Tabelle 30: Korrelation zwischen Verhalten und Beziehungsrepräsentation bei Frauen mit niedrigem und mit hohem Selbstwert

Tabelle 31: Korrelation zwischen Verhalten und Beziehungsrepräsentation bei Männern mit niedrigem und mit hohem Selbstwert

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Balance von Autonomie und Verbundenheit in Liebesbeziehungen. Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit sind zu einem großen Teil durch die Beziehungserfahrungen eines Menschen im Lebensverlauf geprägt. Dies wird in dieser Arbeit vor dem Hintergrund der Bindungstheorie beleuchtet. In Liebesbeziehungen stehen Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit in einer dialektischen Beziehung zueinander und müssen daher immer wieder in eine Balance gebracht werden. Dies geschieht innerhalb der partnerschaftlichen Kommunikation und Interaktion. Es wird der aktuelle Forschungsstand zur partnerschaftlichen Interaktion dargestellt.

In Konfliktsituationen zeigt sich, ob die Partner ihre Autonomie wahren können, indem die eigene Meinung sowie Bedürfnisse und Wünsche klar geäußert werden, und gleichzeitig die Verbundenheit zum Partner aufrechterhalten können. Daher wird die Interaktion einer Stichprobe von 38 jungen Paaren im Rahmen eines Konfliktgesprächs beobachtet, und es werden Autonomie und Verbundenheit fördernde und verhindernde Verhaltensweisen identifiziert. Es wird untersucht, ob diese Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Persönlichkeitsvariablen wie Selbstwert und Depressivität, mit der Einschätzung des Konfliktstils beider Partner und mit der aktuellen Beziehungsrepräsentation und der Beziehungszufriedenheit stehen.

Insgesamt bewährte sich das „Autonomy and Relatedness Coding System“ (Allen, 1995), das in übersetzter und überarbeiteter Form (Becker-Stoll et al., 1996) erstmals auf Paarinteraktionen angewandt wurde. Durch die Verhaltensbeobachtung konnte aufgezeigt werden, an welchen Stellen die Selbstwahrnehmung der Probanden hinsichtlich ihres Konfliktstils hinter der Fremdbeurteilung durch den Partner zurück blieb. Frauen schätzten ihre verbale Aggressivität, Männer ihre Fähigkeit zu konstruktivem Problemlösen falsch ein. Weiterhin belegen die Ergebnisse den transaktionalen Charakter von Beziehungsrepräsentationen und Verhaltensweisen in der Interaktion, der sich in Bezug auf Frauen und Männer unterscheidet. Der Selbstwert der Probanden moderierte den Zusammenhang zwischen Beziehungsrepräsentation und Verhalten. Dies weist auf die Vielfältigkeit der Einflüsse von inneren Arbeitsmodellen und Kognitionen auf das Verhalten in der Interaktion hin.

1. Einführung

Autonomie und Verbundenheit sind von fundamentaler Bedeutung für menschliche Beziehungen. In der Verbundenheit mit anderen erleben wir Intimität, Freundschaft und Unterstützung. Gleichzeitig existiert in uns das Bedürfnis nach Autonomie, nach Entscheidungsfreiheit und eigener Identität (Goldsmith, 1990):

"An intimate relationship necessitates that the two parties forsake some of their autonomy in order to construct an interdependent bond; yet too much connection between partners paradoxically can jeopardize that bond because the parties have lost their individual identities. Thus, woven into the very construction of intimacy, is the Connection-Autonomy-contradiction" (Baxter, 1994a, S. 241, eigene Hervorhebung).

Auf dem Papier ist es ein Leichtes, diese beiden zentralen Beziehungsthemen durch ein schlichtes „und“ harmonisch miteinander zu vereinen – dagegen gestaltet sich das Finden dieser Balance in realen (Liebes-) Beziehungen alles andere als einfach. So sieht Schneider (1994, S. 88) es in seinem Buch über familiale Konflikte als erste Grundanforderung für Ehe und Familie an, ein "ausgewogenes Verhältnis von Getrenntheit und Verbundenheit für ihre Mitglieder" herzustellen.

Von einem häufigen Misslingen dieser Aufgabe in Liebesbeziehungen zeugt die Forschung zu Trennungsberichten von Paaren: Das Misslingen von Verbundenheit äußert sich in Trennungsgründen wie zu wenig gemeinsam verbrachter Zeit, fehlender Loyalität und Zuwendung des Partners sowie stark unterschiedlichen Beziehungsbedürfnissen. Das Misslingen von Autonomie zeigt sich in Trennungsgründen wie dem Bedürfnis nach Freiheit und dem Gefühl, in der Beziehung gefangen zu sein (Baxter, 1994a). Offensichtlich ist eine gelungene Befriedigung der Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit in der Liebesbeziehung eine Ressource für die Zufriedenheit der Partner und den Erhalt der Partnerschaft.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Prozessen der Herstellung von Autonomie und Verbundenheit in jungen Paarbeziehungen in der Interaktion und ihrem Bezug zur Beziehungsrepräsentation der Partner. Der Theorieteil dieser Arbeit betrachtet die Thematik aus zwei Richtungen: In Kapitel 2 wird nach einem kurzen Überblick über ausgewählte Theorieansätze der Paarbeziehungsforschung der theoretische Rahmen für die Konzepte „Autonomie“ und „Verbundenheit“ bzw. „Bindung“ gesteckt. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der durch Bowlby (1969, 1973, 1980) begründeten Bindungstheorie und der Entwicklung von Autonomie und Bindung in der Adoleszenz. Es werden Beobachtungsstudien zur Balance zwischen Autonomie und Verbundenheit im Jugendalter dargestellt, die mit dem „Autonomy and Relatedness Coding System” (Allen, 1995) ausgewertet wurden. Eine übersetzte und überarbeitete Version dieses Kodiersystems wird in der hier vorliegenden Studie unseres Wissens erstmals auf Paarinteraktionen angewandt. In Kapitel 3 wechselt der Blick von der theoretischen Makroebene auf die Mikroebene der Paarinteraktion. Nach einer Einführung in die Bedeutung von Interaktion, Kommunikation und Konflikt für die Partnerschaft und deren Erforschung werden im weiteren Verlauf Befunde bisheriger Paarinteraktionsstudien – allgemein und im speziellen Kontext von Autonomie und Bindung – aufgezeigt.

Vor dem Hintergrund bisheriger Forschungsergebnisse wird in Kapitel 4 die Fragestellung konkretisiert und die vorliegende Untersuchung vorgestellt. Die Daten stammen aus dem Projekt „Familien in Entwicklung“, das 1994 initiiert wurde. In vier Erhebungswellen wurden Entwicklungsverläufe von Jugendlichen in unterschiedlichen Familienformen in Ost- und Westdeutschland untersucht. Im Rahmen einer Intensivstudie wurde 2003 ein Teil dieser Jugendlichen – inzwischen bereits junge Erwachsene – zusammen mit ihren Partnern interviewt und während einer Konfliktinteraktion beobachtet. Diese Interaktionssituation wurde im Hinblick auf Autonomie und Verbundenheit fördernde und verhindernde Verhaltensweisen ausgewertet und steht im Zentrum dieser Arbeit. Die Ergebnisse werden präsentiert (Kapitel 5) und diskutiert (Kapitel 6), abschließend erfolgt eine Fazit und ein Ausblick auf mögliche zukünftige Untersuchungen (Kapitel 7).

2. Autonomie und Verbundenheit – theoretischer Rahmen

2.1 Die Partnerschaftsforschung

2.1.1 Junge Paarbeziehungen als Forschungsgegenstand

Die Fähigkeit, befriedigende Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, steht im Zusammenhang mit einer Reihe von Indizes erfolgreicher sozialer Anpassung im Lebensverlauf (Allen, Hauser, O'Connor & Bell, 2002). Viele Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass in festen Partnerschaften lebende Männer und Frauen bis ins Alter zufriedener und gesünder sind als ledige, geschiedene oder verwitwete, was unter anderem auf eine zuträglichere Lebensweise, mehr soziale Unterstützung und Statusvorteile, sowie Netzwerkbeziehungen zurückgeführt wird (Kaiser, 2000). In romantischen Beziehungen können wesentliche menschliche Bedürfnisse nach Sicherheit, Verbundenheit und Liebe befriedigt werden (Burleson & Samter, 1994). Aus entwicklungs­psychologischer Sicht sind romantische Beziehungen eingebettet in die fundamentale menschliche Motivation, enge Bindungen einzugehen, und in eine bedeutsame Entwicklung menschlicher Beziehungsformen über die Lebensspanne (Collins & Sroufe, 1999). Erfahrungen in den Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und weiteren Verwandten, wie auch Beziehungen zu den Gleichaltrigen, legen das Fundament für die Beziehungskompetenz in späteren Liebesbeziehungen.

Die jungen Paare, die an der vorliegenden Studie teilgenommen haben, befinden sich im frühen Erwachsenenalter, das formal durch den Altersbereich von 18-29 Jahren definiert wird (Krampen & Reichle, 2002). Hinter ihnen liegt die Phase der Adoleszenz, in der Liebesbeziehungen zunächst stark durch die Entdeckung der eigenen Sexualität und durch eher kurzfristig orientierte sexuelle Strategien und – damit einhergehend – Liebesbeziehungen kürzerer Dauer geprägt sind. Andererseits äußern Jugendliche bereits eine klare Langzeitperspektive und betonen den Werte von Bindung, Intimität und Treue für feste Partnerschaften (Oerter & Dreher, 2002). Das frühe Erwachsenenalter wird als Zeit der Beziehungs- und Verantwortungsentwicklung betrachtet (Krampen & Reichle, 2002). Im Zuge der Ablösung vom Elternhaus und den damit einhergehenden, vielfältigen Rollenveränderungen, werden soziale Beziehungen, auch Liebesbeziehungen, im frühen Erwachsenenalter intensiviert. Dies geht oft mit einschneidenden Veränderungen der Beziehung zwischen den Generationen und daher mit tief greifenden individuellen Entwicklungen einher (Papastefanou, 2000). Diese Entwicklungen und die Lebensverläufe sind im frühen Erwachsenenalter besonders heterogen: Während manche früh in den Beruf eintreten, mit 22 schon vier Jahre berufstätig sind und bereits konkret über Familienplanung nachdenken, befinden sich andere gerade am Anfang ihres Studiums, was oft mit einer Verlängerung der ökonomischen Abhängigkeit bis weit in das frühe Erwachsenenalter verbunden ist. Daher sind junge Erwachsene nicht als psychologisch einheitliche Gruppe zu sehen, sondern entwickeln sich sehr unterschiedlich (Krampen & Reichle, 2002).

War das Kennen lernen des Partners in der Adoleszenz noch sehr stark durch erste Eindrücke und situative Rahmenbedingungen bestimmt, sind die Liebesbeziehungen junger Erwachsener stärker durch die aktive Exploration von Ähnlichkeiten und Unterschieden in Einstellungen, Interessen und Eigenschaften gekennzeichnet. Durch wechselseitige Selbstöffnung entsteht zunehmend mehr Intimität, andererseits werden auch Partnerschaftsprobleme und -konflikte stärker thematisiert (Krampen & Reichle, 2002). War die Adoleszenz stark durch die Herstellung emotionaler Autonomie gegenüber den Eltern gekennzeichnet, müssen junge Paare in ihren Liebesbeziehungen nun Verbundenheit herstellen, ohne ihre neu gewonnene Autonomie zu gefährden. Dieser Prozess der Ausbalancierung von Autonomie und Verbundenheit ist nach Collins und Sroufe (1999) ein wichtiges Fundament, auf dem stabile Beziehungen gebaut werden können. Erkenntnisse für das Misslingen und Gelingen dieses Prozesses bereits in dieser frühen Lebensphase zu gewinnen, ist für Prävention und Intervention im paartherapeutischen Kontext von großer Bedeutung.

Diese Bedeutung zeigt sich besonders in den dramatisch steigenden Trennungs- und Scheidungsraten im westlichen Kulturkreis (Petzold, 2001). Sie werden begleitet von einer Verringerung von Eheschließungen, einem deutlichen Geburtenrückgang, der Zunahme von Einpersonenhaushalten, Doppelverdienerhaushalten und nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften sowie weiteren Phänomenen des viel zitierten Kulturwandels (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2001). Diese Veränderungen sind für Liebesbeziehungen nicht ohne Folgen. Statt lebenslanger Ehegemeinschaft werden „Lebensabschnittspartner“ und „Patchwork-Biographien“ immer mehr zum gesellschaftlichen Alltag, womit ein Verlust der kulturellen Legitimität für die so genannte „Normalfamilie“ einhergeht (Peuckert, 1996). Für Menschen in Partnerschaften bedeutet dies eine erhöhte „Reversibilität der Entscheidungen“ (Bierhoff & Grau, 2003, S. 5), sprich: Partner haben nicht nur finanziell, sondern auch im Hinblick auf gesellschaftliche Akzeptanz immer mehr die Möglichkeit, Beziehungen zu beenden – und sie tun es auch, wie die eingangs beschriebenen Tendenzen zeigen. Eine mögliche Erklärung für diesen Trend ist, dass sich mit der nachweisbar gestiegenen subjektiven Wertschätzung der Paarbeziehung (Statistisches Bundesamt, 1999) sicherlich auch die Ansprüche an die Qualität dieser Beziehung erhöht haben, die dann umso häufiger an der Realität scheitern. „Das Wagnis und die Konflikte, die mit dem Versuch verbunden sind, den Anspruch an gegenseitige Achtung, Toleranz, Freiheit und Treue auch zu leben [...], erklären, weshalb viele eine Bindung hinausschieben, die Festlegung scheuen oder sich wieder trennen“ (Ostner, 1999, S. 34).

2.1.2 Einflussfaktoren auf Verläufe von Liebesbeziehungen

Die oben dargestellten Entwicklungen führen zu der Fragestellung, wovon Zufriedenheit und Stabilität in Partnerschaften abhängen und wie glückliche und unglückliche Verläufe von Partnerschaften erklärt werden können. Viele Forschungsansätze versuchen, unter jeweils anderen Gesichtspunkten, diese Frage zu beantworten und bieten unterschiedliche Zugänge zu den wesentlichen psychologischen Aspekten von Liebesbeziehungen: Vertrauen, Gemeinsamkeiten, Abhängigkeiten, Liebe und Macht (Bierhoff & Grau, 1999).

Forschungsansätze zum Partnerschaftserfolg

Evolutionspsychologische Ansätze untersuchen vor allem genetisch determinierte Verhaltensprogramme der Partnerwahl und der Aufzucht von Nachkommen (Asendorpf & Banse, 2000). Austauschtheoretische Ansätze betonen die intrapersonelle Bewertung der Beziehung im Sinne einer Kosten-Nutzen-Betrachtung (E. Walster, G. W. Walster & Berscheid, 1978) und der Erwägung möglicher Alternativen und Barrieren (Rusbult, Drigotas & Verette, 1994). Sie leiten daraus die Beziehungszufriedenheit der Partner und ihr Commitment, d.h. das „Verpflichtet-Fühlen“ gegenüber der Partnerschaft, ab. Ist das Commitment niedrig, die Alternativen jedoch gering und die Ausstiegsbarrieren hoch (z. B. kein eigenes Einkommen), wird die Beziehungszufriedenheit gering sein, die Stabilität jedoch möglicherweise trotzdem hoch (Rusbult, Wieselquist, Foster & Witcher, 1999). Sozialisationstheoretische Ansätze betonen die Bedeutung der Herkunftsfamilien der Partner, die als Entwicklungs- und Sozialisationsinstanzen Wertvorstellungen, Verhaltensmuster und Lebensstile prägen (Neyer, 2003). Sie stellen oft als lebenslanger Kontakt eine Ressource sozialer Unterstützung – oder einen potenziellen Konfliktherd – im Kontext des Partnerschaftssystems dar (Kaiser, 2003). Elder, Liker und Cross (1984) fanden, dass bevorzugt solche Erwachsene zu emotionaler Labilität und belasteten Paarbeziehungen neigten, die als Kinder in ihren Herkunftsfamilien wenig sensibel und eher feindselig-kontrollierend behandelt worden waren. Sie hatten mehr Eheprobleme und Verhaltensauffälligkeiten und waren auch zu ihren eigenen Kindern weniger einfühlsam. Bei Schneewind und Ruppert (1998) zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen der Ehequalität der Eltern und der Partnerschaftszufriedenheit der Kinder.

Auch die Auswirkung von Persönlichkeitseigenschaften wie den „Big Five“ auf die Beziehungsqualität wird schon lange untersucht. Allerdings sind die Ergebnisse bezüglich Introversion und Extraversion nicht eindeutig (s. zusammenfassend Schneewind & Gerhard, 2002), klarer ist die negative Auswirkung von Neurotizismus (Neyer & Asendorpf, 2001). Vertreter verhaltenstheoretischer Ansätze kritisieren die geringen Effektstärken für persönlichkeitsbedingte Auswirkungen auf Partnerschaften und richten ihre Aufmerksamkeit auf die Interaktions- und Kommunikationsmuster in der Beziehung (Schneewind & Gerhard, 2002). Sie vertreten die Auffassung, dass Menschen im alltäglichen Umgang miteinander Erfahrungen machen, wie ihr Partner sich – vor allem in Krisen- und Konfliktsituationen – ihnen gegenüber verhält, und dass dies die Zufriedenheit in der Partnerschaft bestimmt (Karney & Bradbury, 1995). Die verhaltenstheoretische Forschung hat aufgezeigt, dass glückliche und unglückliche Paare sich durch die Art ihrer Kommunikation und die dadurch beeinflussten Attributionen bezüglich ihrer Partner unterscheiden. Gottman (1994) hat durch intensive und jahrelange Beobachtung und Befragung von Paaren negative und positive Kommunikationsstrategien in Partnerschaften identifiziert. Eine Schlüsselrolle kam dabei der Beobachtung von Paaren in Konfliktinteraktionen zu, wie sie auch in dieser Arbeit durchgeführt wurden. Gottmans Befunde werden in Kapitel 3 dargestellt.

Die vorliegende Arbeit richtet das Augenmerk auf Verhaltensweisen, die Autonomie und Verbundenheit in Partnerschaften fördern oder verhindern können, und verknüpft somit verhaltenstheoretische Ansätze mit dem bindungstheoretischen Ansatz der Partnerschaftsforschung. Die Bindungstheorie konzentrierte sich zunächst vor allem auf die Betrachtung von Eltern-Kind-Beziehungen, obwohl Bowlby den Einfluss frühkindlicher Erfahrungen auf spätere Beziehungen voraussetzte (Bowlby, 1969, 1973, 1980). Seit einem wegweisenden Artikel von Hazan und Shaver (1987), der eine ganze Forschungstradition inspirierte, wird sie auch auf die Partnerschaftsforschung angewandt und hat sich für diese als sehr fruchtbar erwiesen (Asendorpf & Banse, 2000). Autonomie und Bindung bilden gewissermaßen das Herzstück der Bindungstheorie, die im nächsten Abschnitt ausführlicher dargestellt wird.

Partnerschaftserfolg – die abhängige Variable

Nicht nur die Einflussfaktoren auf Beziehungen wie Genetik, Sozialisation, Emotionen, Kognitionen und Verhalten werden in der Partnerschaftsforschung unterschiedlich gewichtet und konzeptualisiert, sondern auch die abhängigen Variablen, mit denen der Beziehungserfolg operationalisiert wird. Dies sind meist Konzepte wie „Zufriedenheit“, „Stabilität“ oder „Qualität der Beziehung“, die hierfür verwendeten Konstrukte und Instrumente sind jedoch nicht einheitlich. Beispielsweise wird Stabilität der Beziehung manchmal mit Beziehungsqualität gleichgesetzt, obwohl Beziehungen auch dann stabil sein können, wenn die Partner unzufrieden sind, und lediglich hohe Trennungsbarrieren existieren (Attridge, 1994). Daher sollen diese Konstrukte hier in folgender Weise voneinander abgegrenzt werden:

Unter „Stabilität“ sind oft lediglich die beiden Zustände „getrennt - zusammen“ erfasst worden. Allerdings existieren auch Instrumente, die Zwischenschritte zur Trennung in einer Beziehung erfassen. Ein Beispiel ist das Marital Status Inventory (MSI) von Weiss und Cerreto (1980), in dem z. B. Trennungsgedanken oder das Kontaktieren eines Anwalts als Zwischenschritte zur Trennung erfasst werden, was den Vorteil hat, dass die Stabilität auch dann gemessen werden kann, wenn sich in einer Stichprobe nur wenige Paare endgültig trennen. Unter „Zufriedenheit“ soll hier die subjektive Einschätzung der Beziehungsqualität durch die Partner verstanden werden. Sie hängt nicht zuletzt auch mit dem Bewertungsmaßstab der jeweiligen Person zusammen (Lösel & Bender, 2003). Möglicherweise legen Menschen, die z. B. in ihrer Kindheit sehr konfliktbehaftete Elternbeziehungen miterlebt haben, weniger hohe Maßstäbe an die Beziehung an. Zufriedenheit kann mit einer 1-Item-Frage gemessen werden („Wie zufrieden sind Sie in Ihrer Beziehung?“; Hahlweg, 1986), oder mit Skalen, die die Paarzufriedenheit global bewerten lassen, aber unterschiedliche Aspekte erfassen, z. B. die auch in der vorliegenden Studie verwendeten ZIP („Zufriedenheit in der Partnerschaft“)-Skala (Hassebrauck, 1991): „Wie gut erfüllt Ihr Partner Ihre Wünsche und Bedürfnisse? Wie zufrieden sind Sie im Großen und Ganzen mit Ihrer Beziehung? Wie gut ist Ihre Beziehung im Vergleich zu den Beziehungen der meisten anderen Paare? Wie oft wünschen Sie sich, dass Sie diese Beziehung lieber nicht hätten? Wie gut erfüllt Ihre Beziehung Ihre ursprünglichen Erwartungen? Wie sehr lieben Sie Ihren Partner? Wie viele Probleme gibt es in Ihrer Beziehung?“

Die „Qualität der Beziehung“ ist ein komplexes, mehrdimensionales Konstrukt, zu dem inzwischen mehr als 30 verschiedene Instrumente existieren (Bender & Lösel, 2003). Bei der Erfassung der Beziehungsqualität sollte darauf geachtet werden, dass keine inhaltliche Überschneidung zu den unabhängigen Variablen besteht, um triviale Zusammenhänge zu vermeiden (Banse, 2003). Johnson, Amozola und Booth (1992) erhoben z. B. Ehequalität mit fünf Dimensionen: Neigung zu Scheidung, Eheprobleme, Eheglück, Interaktion in der Ehe, Meinungsverschiedenheiten in der Ehe. Würde man Konflikthäufigkeit gesondert erheben und die Auswirkung auf die Ehequalität überprüfen, ergäbe sich ein Zusammenhang, da Konflikte Teil des Konstruktes sind. In so einem Fall wäre die schlichte Frage nach der Beziehungszufriedenheit oder der wahrgenommenen Beziehungsfähigkeit der bessere Weg. Hassebrauck (1995) untersuchte Laienkognitionen von Beziehungsqualität und fand zwölf Merkmalscluster, die als wichtige Faktoren für die Beziehungsqualität genannt wurden: Sexualität, Gemeinsamkeiten, Gleichberechtigung, Autonomie, Diskussionsbereitschaft/Offenheit, symbiotische Beziehung, Geborgenheit, Treue, Toleranz, Spaß/Humor, Orientierung zum anderen hin, Freundschaft. Hier lässt sich die Bedeutung von Autonomie und Verbundenheit in Partnerschaften klar erkennen.

In ihrer Meta-Analyse systematisieren Karney und Bradury (1995) die Ergebnisse von 115 Längsschnittstudien und ca. 45.000 Paaren, die den Verlauf partnerschaftlicher Zufriedenheit und Stabilität untersuchen. Sie stellen dabei fest, dass Variablen, die von der Allgemeinheit als positiv eingeschätzt werden – z. B. Bildung, feste Arbeit, gutes Einkommen, positive Verhaltensweisen – positive Verläufe von Partnerschaften vorhersagen, während solche, die generell als negativ gelten – z. B. Delinquenz, Arbeitslosigkeit, eine schwierige Kindheit – negative Verläufe und Trennungen vorhersagen (Karney & Bradbury, 1995). Bumpass, Martin und Sweet (1991) fanden in ihrer Studie mit Daten des National Survey of Families and Households, dass junges Heiratsalter, niedrige Bildung, Zusammenleben vor der Ehe, gemischte Religion und Arbeitslosigkeit in jungen Ehejahren Risikofaktoren für die Stabilität der Partnerschaft darstellen. Generell wirken sich die Einflüsse auf Zufriedenheit und Stabilität in die gleiche Richtung aus. Eine Ausnahme stellt hier die Dauer der Beziehung dar, da mit steigender Beziehungsdauer die Stabilität der Beziehung steigt, die Zufriedenheit im allgemeinen abnimmt. Andererseits wirkt sich Zufriedenheit, wie zu erwarten, in hohem Maße auf die Stabilität der Beziehung aus (Karney & Bradbury, 1995).

Wenn neben diesen soziodemographischen Merkmalen vor allem unterschiedliche Kommunikationsmuster sowie die individuelle Art, zu „bewerten“ letztlich über Wohl und Wehe der Beziehung entscheiden, woher kommen diese Unterschiede, wenn nicht aus Persönlichkeitseigenschaften heraus? Eine mögliche Erklärung hierfür ist die individuelle Art eines Menschen, in der Paarbeziehung Autonomie und Verbundenheit herzustellen und zu bewerten, die durch seine früheren Beziehungserfahrungen geprägt ist. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass jeder Mensch innere Arbeitsmodelle von Bindung hat, die sein Interaktionsverhalten und das Formen beziehungsrelevanter Kognitionen in der Beziehung prägen, und kann somit möglicherweise Erklärungen für differentielle Verläufe von Partnerschaften liefern. Diese Theorie wird im nächsten Abschnitt genauer erläutert, wobei nach einem allgemeinen Überblick speziell auf Auswirkungen von inneren Arbeitsmodellen von Bindung auf Liebesbeziehungen im Erwachsenenalter eingegangen wird.

2.2 Bindung in Liebesbeziehungen

2.2.1 Grundzüge der Bindungstheorie

Ein Grund für die Popularität der Bindungstheorie in der entwicklungs- und sozialpsychologischen Forschung ist ihr umfassender Charakter: Nicht nur liefert sie einen Erklärungsrahmen zur Entwicklung, Aufrechterhaltung und Auflösung enger Beziehungen, sowie zu Persönlichkeitsentwicklung und Affektregulation, sie ist auch „intellectually rich, merging data and insights from disciplines as diverse as ethology, physiological psychology, control systems theory, developmental psychology, cognitive science and psychoanalysis“ (Fraley & Shaver, 2000, S. 132). Die Bindungstheorie, die durch John Bowlby (1969, 1973, 1980) begründet wurde, beschreibt und erklärt das Wesen der Bindung des Kindes an seine primäre Bezugsperson und die Konsequenzen frühkindlicher Bindungserfahrung für die emotionale Entwicklung über die gesamte Lebensspanne. Sie entstand aus Bowlbys Beobachtungen zu Trennungssituationen von Mutter und Kind. Er beschreibt eine klare Abfolge von emotionalen Phasen bei den Kindern nach einer Trennung, die sich auch bei Primatenkindern wieder finden: Zunächst erfolgt heftiger Protest, mit Weinen, Suchen, Trostverweigerung gegenüber anderen. Dieses Stadium geht über in Verzweiflung und Resignation, ein Stadium der Passivität und Trauer. Die letzte Phase, die nur bei Menschenkindern auftritt, ist Distanzierung, d. h. aktives, defensives Vermeiden und Ignorieren der zurückkehrenden Mutter.

Aus der Ähnlichkeit zwischen Primatenkindern und Menschenkindern schloss Bowlby (1999), dass es sich bei diesem Verhaltenssystem um ein evolutionär entwickeltes System beim Kind handelt, das eine grundlegende Überlebensfunktion wahrnimmt, nämlich die des Schutzes. Das Überleben menschlicher Kinder hängt viele Jahre von Schutz und Fürsorge ihrer Eltern ab. Im Laufe der Evolution haben sich bei Eltern und Kindern aufeinander bezogene Verhaltenssysteme entwickelt, die für den Schutz des Kindes sorgen und somit den Bestand der Nachkommen sichern. Auf das kindliche Rufen nach Fürsorge, z. B. mit Weinen, reagiert die Mutter komplementär, indem sie fürsorgendes Verhalten zeigt, so dass es zu einer Interaktion kommt, die auf „Fürsorge geben und nehmen“ beruht – es bildet sich eine Beziehung. Sowohl das Suchen von Unterstützung bei den primären Bezugspersonen wie auch das elterliche Fürsorgeverhalten sind somit aus ethologischer und bindungstheoretischer Sicht grundlegende menschliche Verhaltensweisen.

Dem Bedürfnis nach Nähe und Bindung des Menschen steht ein weiterer grundlegender Drang, nämlich die Erkundung der Umwelt, konträr gegenüber. Kinder entfernen sich von der „sicheren Basis“ ihrer Mutter, um zu explorieren, und kehren zu ihr zurück, wenn sie sich ängstlich oder unwohl fühlen. Sie besitzen ein inneres System, das dem Prinzip der Homöostase folgt und die Stabilität der Nähe zur Bezugsperson reguliert (Bowlby, 1999).

Bindungstypen

Ainsworth, die berühmte Schülerin Bowlbys, hat durch empirische Befunde ihrer Studien in Uganda und Baltimore wesentliche Aussagen Bowlbys empirisch untermauert und prägte den Begriff der „sicheren Basis“ (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978). Eine zentrale Rolle in der Bindungsforschung spielt nach wie vor der von Ainsworth et al. (1978) entwickelte „Strange Situation Test“, ein Beobachtungsverfahren, das es erlaubt, mit Hilfe einer standardisierten Laborsituation unterschiedliche Bindungstypen bei Kindern im Alter von 12 bis 18 Monaten zu diagnostizieren. Der Strange Situation Test umfasst acht Phasen, in denen das Kind von der Mutter getrennt wird, was in diesem Alter aufgrund der fremden Umgebung starken Stress auslöst, es werden typische Verhaltensmuster bei der Wiedervereinigung beobachtet. Auch die kindliche Reaktion auf die Anwesenheit einer fremden Person in An- und Abwesenheit der Mutter wird untersucht. Ainsworth et al. (1978) fanden drei charakteristische Bindungsstile, später fügte Main (1999) noch eine Zusatzklassifikation hinzu. International wird die Mehrzahl der Bindungsqualitäten als „sicher“ klassifiziert (50-80%), etwa 30-40% als „unsicher-vermeidend“ und drei – 15% als „unsicher-ambivalent“ (K. E. Grossmann & K. Grossmann, 2002). Die vier Klassifikationen können wie folgt charakterisiert werden:

1. Der sichere Bindungsstil

Bei einem sicheren Bindungstyp zeigt das Kind bei der Wiedervereinigung mit der Mutter keine Vermeidung des Kontaktes und der Nähe zur Mutter (Asendorpf & Banse, 2000). Es besitzt Vertrauen in die Verfügbarkeit der Bindungsfigur und kann ausgehend von dieser sicheren Basis seine Umwelt erkunden. Kehrt die Mutter nach einer Trennung zurück, sucht es bei ihr Trost, lässt sich schnell trösten und fährt mit der Erkundung der Umwelt fort. Allgemein gesprochen, werden bei sicher gebundenen Kindern negative Gefühle (z. B. Trennung) in eine übergreifende positive Erwartung über einen positiven Ausgang der Situation integriert (Fremmer-Bombik, 1999). Alltagspsychologisch würde man diese Haltung als „Urvertrauen“ bezeichnen.

2. Der unsicher-vermeidende Bindungsstil

Während der Trennung von der Mutter wirken unsicher-vermeidende Kinder nicht beunruhigt, bei Rückkehr ignorieren oder vermeiden sie die Mutter. Ihre Beziehungserfahrungen erlauben kein Vertrauen in die Verfügbarkeit der Bezugsperson, weil diese sich konstant abweisend verhält. Daher erwarten diese Kinder Zurückweisung, suchen keinen Trost bei der Bezugsperson und verbergen ihre Unsicherheit. Dieses Verhalten stellt also eine Strategie dar, die drohende Verletzung durch Zurückweisung zu umgehen, indem die Nähe gar nicht erst gesucht wird (Bowlby, 1999). Nichtsdestotrotz zeigt sich auch bei diesen Kindern ein hoher Grad an psychischen Stress, wie an der Menge des Hormons Cortisol festgestellt wurde. Dies wird auch an der eingeschränkten Fähigkeit zur Exploration der Kinder deutlich (Becker-Stoll & K. E. Grossmann, 2002).

3. Der unsicher-ambivalente Bindungsstil

Gegenüber der zurückkehrenden Mutter in der „Strange Situation“ legen Kinder mit einem unsicher-ambivalenten Bindungsstil ein uneindeutiges Verhalten an den Tag: Sie suchen ihre Nähe, sind aber auch ärgerlich und lassen sich nur schwer trösten. Dieses erhöhte Aktivierungsniveau zeigt, dass Kinder ihre Bezugsperson als nicht berechenbar erleben. Sie werden nicht konstant abgewiesen, wie bei vermeidenden Kindern, aber auch nicht immer getröstet und angenommen, wie bei sicheren Kindern. Als Strategie gegen die Befürchtung, abgewiesen zu werden, zeigen sie besonders „viel“ Bindungsverhalten, um die Chance der Zuwendung zu erhöhen, und ebenfalls eingeschränktes Explorationsverhalten. Wenn die Bindungsfigur den Raum verlässt, sehen sie ihre Befürchtungen bestätigt, dass diese nicht verfügbar ist. Daher löst die Trennung bei diesen Kindern besonders starken Stress aus (Pauli-Pott & Bade, 2002).

4. Die Zusatzklassifikation „desorganisiert“

Alle in den vorangegangenen Bindungsstilen beschriebenen Verhaltensweisen sind insofern „normal“, als sie sich bei allen Säuglingen und Primaten wieder finden lassen: Trostsuche, Protest, Verzweiflung und Distanzierung sind in den einzelnen Modellen lediglich unterschiedlich stark ausgeprägt. So zeigen unsicher-vermeidende Kinder verstärkt Distanzierung, während unsicher-ambivalente Kinder verstärkt Verzweiflung und Protest an den Tag legen. Es gibt jedoch Kinder, die in der Strange Situation jeweils über kurze Sequenzen einen Zusammenbruch der normalen Verhaltens- und Aufmerksamkeitsstrategien zeigen, den Main (1999, S. 128) als „look of fear with nowhere to go“ bezeichnet. Sie zeigen übermäßige Verzweiflung, wie in einem Alptraum, wenden sich aber nicht zur Bezugsperson. Man vermutet, dass sie Angst vor dieser haben und sich in Stresssituationen in dem Widerspruch befinden, bei der Person Trost zu suchen, vor der sie Angst haben. Zu dieser Vermutung würde der Befund passen, dass von misshandelten Kindern ungefähr 80% die Zusatzklassifikation „desorganisiert“ erhalten (Asendorpf & Banse, 2000). Sie kann zu jedem anderen Bindungstyp vergeben werden, allerdings besteht ein Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und Desorganisation: Van Ijzendoorn, Schuengel und Bakermans-Kranenburg (1999) fanden in ihrer Metaanalyse in 80% der Fälle Kombinationen der Desorganisation mit unsicheren Bindungsmustern.

Das Verhaltenssystem „Bindung“ selbst ist umweltstabil, die dyadische Bindungsqualität, ebenso wie die Qualität des Fürsorgeverhaltens dagegen sind individuell verschieden und hängen vom Verhalten innerhalb der Dyade ab (Winter & K. E. Grossmann, 2002). Die Feinfühligkeit der Bezugsperson führt zu einer adäquaten Reaktion auf das kindliche Schreien und Weinen und somit zu einer sicheren Bindung. Ainsworth et al. (1978) konnten starke Korrelationen zwischen mütterlicher Feinfühligkeit und Bindungssicherheit der Kinder zeigen. Neuere Studien fanden hier ebenfalls einen signifikanten Zusammenhang, jedoch erheblich geringere Effektgrößen (siehe zusammenfassend Asendorpf & Banse, 2000). Ähnlich gut wie durch die Feinfühligkeit der Mutter scheint der Bindungsstil des Kindes auch durch das Temperament des Kindes vorhergesagt werden zu können. Es ist ein Interaktionseffekt zwischen dem Temperament des Kindes und der Feinfühligkeit der Bezugsperson anzunehmen, so kann z. B. ein „schwieriges Kind“ die Geduld jeder Mutter auf eine harte Probe stellen. Somit könnten sich die Risiko- bzw. Schutzfaktoren „Temperament“ und „Sensitivität“ für die Entwicklung eines persönlichen Stils der Organisation der Gefühle auf Basis früherer Beziehungserfahrungen (Winter & K. E. Grossmann, 2002), sprich: eines Bindungsstils, potenzieren (Asendorpf & Banse, 2000).

Altersgemäße Abwandlungen der „Strange Situation“ erlauben die Messung kindlicher Bindungsstile bis zu einem Alter von ca. acht Jahren. Im späteren Kindesalter, während der Adoleszenz und im Erwachsenenalter werden Bindungsmuster vor allem über sprachliche Repräsentationen von Bindung, z. B. mit Hilfe des „Adult Attachment Interview“ (AAI; Main & Goldwyn, 1985-1996), gemessen. Untersuchungen der Bindungsstile zeigen vielfältige Auswirkungen im Kindes- und Jugendalter auf. Unter den positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung von Zehnjährigen befinden sich u. a. „ein besseres Selbstwertgefühl, häufiger gute Freunde, [sie] waren seltener schlecht gelaunt und weniger feindselig aggressiv [...], selbständiger, neugieriger, flexibler.“ (K. Grossmann, 1999, S. 198). Insgesamt zeigt sich, dass die Bindungsentwicklung großen Einfluss auf die affektive Entwicklung hat, die kognitive Entwicklung eher unabhängig verläuft (K. Grossmann, 1999).

2.2.2 Bindung im Erwachsenenalter

Innere Arbeitsmodelle von Bindung

Frühe Bindungserfahrungen wirken sich aus bindungstheoretischer Sicht in Form von „inneren Arbeitsmodellen“ auf das ganze Leben aus. Nur durch innere Modelle von sich und ihrer Umwelt können Menschen sich in der Welt zurechtfinden, indem sie Ereignisse innerlich vorwegnehmen, um ihr Verhalten zu planen (Fremmer-Bombik, 1999). Diese Planung wiederum ist notwendig, da das menschliche Verhalten, nicht streng durch Triebe prädeterminiert ist, sondern vielmehr ein flexibles „zielkorrigiertes“ System darstellt, was erfolgreiches Handeln besonders unter komplexen Umweltbedingungen ermöglicht. Eines der wichtigsten „zielkorrigierten“ Systeme ist das Bindungsverhalten. Das Ziel dieses Verhaltens ist es, die optimale Nähe zur Bezugsperson aufrechtzuerhalten, die Sicherheit bietet und gleichzeitig eine Erkundung der Umwelt zulässt.

Innere Arbeitsmodelle von Bindung entwickeln sich aus wiederholten Interaktionsmustern, die zunächst mit den primären Bezugspersonen, später mit weiteren Bindungsfiguren ablaufen, d. h. aufgrund von Handlungen und Handlungsergebnissen. Innere Arbeitsmodelle des Kindes stellen also kein objektives Bild der Bindungsperson dar, sondern repräsentieren generalisierte Interaktionserfahrungen mit den Bindungsfiguren und sind innere Organisationsstrukturen, die Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungen und Sprache beeinflussen (Buchheim, 2002). Sie enthalten Vorstellungen über das Selbst (z. B. „ich bin liebenswert“) und über andere (z. B. „anderen kann man nicht trauen“). Sie bestehen zu großen Teilen außerhalb des Bewusstseins und sind tendenziell stabil (Fremmer-Bombik, 1999), auch wenn Bowlby (1969) bewusst den Begriff des Arbeitsmodells im Gegensatz zu statischen Metaphern wie „Landkarte“ oder „Bild“ wählte, um zu zeigen, dass Arbeitsmodelle durch neue Erfahrungen modifiziert werden können.

Auch kognitive Reflexionen der eigenen Erfahrungen und Urteile können Bindungsrepräsentationen verändern. Andererseits sind diese oft selbsterfüllend: „Actions based on these models produce consequences that reinforce them“ (Feeney & Noller, 1996, S. 94). Wer andere Leute als distanziert empfindet und deshalb besonders „klammert“, wird entsprechende Reaktionen hervorrufen und seine Vorstellung oft bestätigt finden. Arbeitsmodelle von Bindung neigen auch daher zur Selbstbestätigung, weil Individuen die Tendenz zeigen, sich Umwelten zu suchen, die konsistent mit ihren Vorstellungen über sich selbst und ihre Umwelt sind. Außerdem wirkt ein generalisiertes Schema als „Filter“, der selektiert, was wahrgenommen wird, was in Erinnerung bleibt und wie Ereignisse erklärt werden. Nach Buchheim (2002) verhindern unsichere Arbeitsmodelle demnach realitätsangemessene Situationseinschätzungen und führen zu eingeschränkter Wahrnehmung und Integration verschiedener Gefühle.

Um innere Arbeitsmodelle von Bindung im Erwachsenenalter zu testen, wurde das Adult Attachment Interview (AAI; Main & Goldwyn, 1985-1996) entwickelt. Es untersucht die Fähigkeit von Erwachsenen, ihre spezifischen Beziehungserinnerungen in ein allgemeineres Verständnis der Eltern-Kind-Bindung zu integrieren (Kobak & Sceery, 1988). Das AAI wird anhand zweier Hauptaspekte ausgewertet: Zum einen werden die bindungsrelevanten Erfahrungen der Probanden klassifiziert, beispielsweise das Ausmaß, in dem sie sich geliebt oder zurückgewiesen fühlten. Zum anderen wird auf die aktuelle Repräsentation geachtet, d. h. ob die Interviewten ihre Eltern idealisieren oder ein realistisches Bild haben, ob sie immer noch im Ärger gegenüber ihren Eltern verwickelt zu sein scheinen oder angeben, sich nicht an Konkretes erinnern zu können. Im Vordergrund der Klassifikation steht die Frage, ob die Antworten der Befragten den Prinzipien eines kohärenten Gesprächs (Kooperation, angemessene Qualität und Quantität, Relevanz und Verständlichkeit) entsprechen (Kobak & Dümmler, 1994). Daher werden Interviewte, die angemessen und offen auch über negative Beziehungserfahrungen in der Kindheit sprechen können, als sicher eingestuft, während eine ausschließlich positive Schilderung der Eltern, die nicht durch konkrete Erlebnisse belegt werden kann, als unsicher-distanziert eingestuft wird (Main, 1999).

George, Kaplan und Main (1985) identifizierten in ihrer ersten Studie mit dem AAI drei Bindungsklassifikationen und eine Zusatzklassifikation. Diese entsprechen konzeptionell und empirisch den eben dargestellten Bindungsstilen in der Kindheit:

1. Der sicher-autonome Bindungsstil ist durch eine kohärente und objektive Darstellung der Beziehungen im AAI gekennzeichnet. Beziehungen werden wertgeschätzt, der sicher-autonom Gebundene kann jedoch auch deren negative Aspekte realistisch evaluieren (Kobak & Sceery, 1988).
2. Der unsicher-distanzierte Bindungsstil zeichnet sich durch eine Abwertung von Beziehungen bzw. ein Bestreiten der Auswirkungen von Beziehungen aus. Die Elternbeziehung wird idealisiert, jedoch ohne konkrete Erinnerungen an „schöne“ Ereignisse (Asendorpf & Banse, 2000).
3. Der unsicher-verwickelte bzw. unsicher-präokkupierte Bindungsstil ist durch eine emotionale Verstrickung mit vergangenen Beziehungen und eine Verwirrung bezüglich der negativen Aspekte dieser Beziehungen charakterisiert. Den Eltern werden z. B. starke Ärgergefühle entgegengebracht, andererseits werden immer noch starke Anstrengungen unternommen, diesen zu gefallen (Kobak & Sceery, 1988).
4. Die Zusatzklassifikation „ unverarbeitet-traumatisiert“ bezeichnet eine gedankliche Desorganisation bei der Schilderung potentiell traumatischer Ereignisse. Ein plötzlicher Wechsel des Sprachstils ist z. B. ein Anzeichen für ein unverarbeitetes traumatisches Ereignis (Main, 1999).

In der Studie von George et al. (1985) konnte ein starker Zusammenhang der Bindungsstile Erwachsener zu den dazugehörigen Bindungsstile ihrer Kinder, die mit der Strange Situation erfasst wurden, nachgewiesen werden: 73% der Interviewklassifikationen stimmten mit den Klassifikationen der Kinder der Interviewten überein (Kobak & Sceery, 1988). Dieser Befund wurde mehrfach repliziert, so wies van Ijzendoorn (1995) in seiner Metaanalyse für insgesamt 661 Kinder und deren Eltern einen starken Zusammenhang zwischen Strange Situation Test und AAI nach. Dieser Zusammenhang bestand auch dann, wenn das Kind noch nicht geboren war und sein Bindungsstil zwei Jahre später im Strange Situation Test erfasst wurde. Diese Kongruenz zwischen der Art und Weise, wie Erwachsene ihre Gedanken und Beziehungserinnerungen repräsentieren und der Art, wie deren Kinder ihr Verhalten in der Strange Situation organisieren legt nahe, dass es eine transgenerationale Weitergabe innerer Arbeitsmodelle zu geben scheint.

Stabilität von Bindungsmustern

Die empirische Befundlage zur Kontinuität von Bindungsstilen über die Lebensspanne ist hingegen uneinheitlich. Waters, Treboux, Crowell, Merrick und Albersheim (2000) wiesen eine Stabilität von 72% zwischen „Strange Situation Test“ und AAI nach zwanzig Jahren nach, was für eine große Kontinuität von Bindungsstilen sprechen würde. Im Gegensatz dazu fanden weder die Regensburger noch die Bielefelder Längsschnittstudie signifikante Übereinstimmungen zwischen der Bindungsqualität in der Fremden Situation zu beiden Eltern und der Bindungsrepräsentation (im AAI) mit 16 Jahren (Winter & K. E. Grossmann, 2002). Es zeigten sich allerdings Zusammenhänge auf der Ebene der Bindungsrepräsentation von zehn nach 16 Jahren, eine Stabilität der Bindung auf der Verhaltensebene von 12 Monaten bis zu zehn Jahren, sowie eine Auswirkung von anderen Interaktionserfahrungen mit den Eltern auf die Bindungsrepräsentation im Jugendalter. Darüber hinaus konnte auch eine Tradierung der Bindungsrepräsentation von den Müttern zu den Jugendlichen festgestellt werden. Kontinuität zeigt sich somit jeweils auf der Verhaltens- und Repräsentationsebene, nicht beim Wechsel zwischen den Ebenen. Bei der Erfassung von Verhalten und Repräsentation zum gleichen Zeitpunkt zeigten sich Zusammenhänge (Zimmermann, Becker-Stoll, K. Grossmann, K. E. Grossmann, Scheuerer-Englisch & Wartner, 2000).

Ob die sichere oder unsichere Bindung eines Menschen bestehen bleibt oder nicht, ist vermutlich stark davon abhängig, ob sich sein Umfeld und seine familiäre Situation verändert oder konstant bleibt (Rothbard & Shaver, 1994). Eine plötzliche Veränderung in der Zuwendung der Mutter oder ein Wechsel der Bezugsperson kann beispielsweise auch zur Veränderung des Bindungstyps führen. Beckwith, Cohen und Hamilton (1999) zeigten, dass mütterliche Sensitivität im Alter von 12 Jahren vor allem dann zu einer sicheren Bindungsrepräsentation führte, wenn keine gravierenden negativen Lebensereignisse wie schwere Krankheit oder Trennung berichtet wurden. Im späteren Alter werden neue Bindungserfahrungen mit anderen Bezugspersonen gemacht, die den Bindungstyp ebenfalls verändern können. Fraley (2002) konnte jedoch zeigen, dass die frühkindlichen „Prototypen“ einer Bindungsbeziehung auch später einen Einfluss auf nachfolgende Beziehungen ausüben – daher ergibt sich in Summe eine immerhin moderate Stabilität der Bindungsmuster. Es ist also nicht angebracht, von einem Determinismus frühkindlicher Erfahrungen zu sprechen, trotzdem können sie in späteren Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Mit den Auswirkungen von Bindungsmustern auf Liebesbeziehungen befasst sich der nachfolgende Abschnitt.

2.2.3 Liebesbeziehungen als Bindungsbeziehungen

Die Bindungstheorie sieht romantische Liebe als einen Bindungsprozess, der von unterschiedlichen Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen mit früheren Bezugspersonen individuell erlebt wird (Hazan & Shaver, 1987). Paarbeziehungen werden als Weiterentwicklung kindlicher Bindungsbeziehungen begriffen, weil sie wesentliche Merkmale gemeinsam haben: Suchen von Nähe, Betrachten einer spezifischen, unersetzbaren Person als emotionale Basis für die Lebensbewältigung, Protest und heftige Gefühle bei Trennung oder Verlust, Hervorrufen von Bindungsverhalten bei Bedrohung, keine kognitive Affektkontrolle, lange Dauer, Überdauern der Bindung selbst bei negativem oder abweisendem Verhalten der Bindungsfigur (Weiss, 1991).

Allerdings haben sich im Vergleich zur Mutter-Kind-Beziehung wesentliche Veränderungen vollzogen: Anstatt der asymmetrischen (komplementären) Bindungsbeziehung des Fürsorge-Gebers und Fürsorge-Nehmers wird die Liebesbeziehung als symmetrische (reziproke) Beziehung aufgefasst, in der beide Partner beide Rollen wahrnehmen: „Thus, in the course of normative development, the sexual mating, caregiving (parenting) and attachment systems become integrated (Hazan & Zeifman, 1999, S. 337). Die Bindungsfigur in Paarbeziehungen stellt also nicht notwendigerweise eine „weisere und stärkere“ Person dar, die Schutz in Gefahrensituationen bieten kann, physischer Kontakt nicht unbedingt existenziell, um sich sicher zu fühlen, und auch die Art der Situationen, die Bindungsverhalten hervorruft, ist im Erwachsenenalter anders.

Unverändert ist allerdings das Ziel des Bindungsverhalten: eine sichere Basis, die Quelle von Sicherheit und Schutz ist (Winter & K. E. Grossmann, 2002): "Adults too need someone to look out for them and keep track of them - someone to initiate a search if they fail to show up at the expected time, to care for them when they are sick, dress their wounds, help defend them against external threats, reassure them, and keep them warm at night." (Hazan & Zeifman, 1999, S. 348). Somit ist nicht jede Liebesbeziehung eine Bindungsbeziehung, sondern die Bindung muss sich über die Zeit formieren. Eine Beziehung, in der

- tendenziell die Nähe zum Partner gesucht und Trennung vermieden wird,
- der Partner einen „sicheren Hafen“ in Zeiten von Krankheit, Gefahr oder Bedrohung darstellt und
- der Partner als „sichere Basis“ zur Exploration gesehen wird,

gilt als Bindungsbeziehung (Fraley und Shaver, 2000).

Die Forschung zur Partnerschaftsbindung orientierte sich ursprünglich an den beiden ersten empirischen Verfahren zur Erfassung innerer Arbeitsmodelle von Bindung: dem Strange Situation Test (Ainsworth et al., 1978) und dem AAI (Main & Goldwyn, 1985-1996). Um Bindungsstile in Partnerschaften zu erfassen, übertrugen Hazan und Shaver (1987) die AAI - Kategorien „sicher“, „unsicher-ambivalent“ und „unsicher-vermeidend“ in einen Selbsteinschätzungs-Fragebogen, in dem sich Probanden „Bindungsprototypen“ zuordnen müssen. Diese Ein-Item-Messung wurde vielfach kritisiert, unter anderem, weil es nicht rekonstruierbar ist, wegen welcher Teilaussage Menschen sich einem Bindungsstil zuordnen, und weil die Möglichkeiten der statistischen Analyse begrenzt sind (Höger, 2002). Trotz dieser und weiterer Kritik blieb dieser Fragebogen bis heute beliebt und ist häufig in Studien zur Partnerschaftsbindung eingesetzt worden (v. Sydow, 2001).

Bartholomew (1990) wies darauf hin, dass das AAI nur „Fremdeinschätzung“ und „Eltern-Beziehungen“ beinhaltet, während der Fragebogen von Hazan und Shaver nur „Selbsteinschätzung“ und „Liebesbeziehungen“ untersucht. Sie entwickelte ein Vier-Kategorien-Modell, das sich durch die Dimensionen Selbstbild (gut/schlecht) und Fremdbild (gut/schlecht) ergibt, und ebenfalls großen Einfluss auf die weitere Forschung ausübte (Höger, 2002). Seither wurde eine Fülle von Fragebögen entwickelt, die Bindung im Erwachsenenalter messen (s. zusammenfassend Bierhoff & Grau, 1999). Viele davon lassen sich auf zwei orthogonale Faktoren reduzieren, nämlich die Dimensionen „Angst“ (vor Distanz und Trennung) und „Vermeidung“ (von Nähe und Intimität). Brennan, Clark und Shaver (1998) entwickelten faktorenanalytisch aus Hunderten Items vieler Bindungs-Fragebögen einen reliablen Fragebogen (Experiences in Close Relationships / ECR), den v. Sydow (2001) als das derzeitige Optimum der Fragebogenforschung einschätzt.

Ein etabliertes Interview-Instrument zur Erfassung von Bindung in Partnerschaften ist das Current Relationship Interview (CRI; Owens et al., 1995). Es wurde in enger Analogie zum AAI entwickelt. So wie das AAI den „state of mind“ in Bezug auf Beziehungen im Allgemeinen misst, soll das CRI die Bindung in der aktuellen Beziehung erfassen. Ebenso wie im AAI werden zum einen Aussagen des Probanden über seine Beziehung erfasst (z B. der Grad an Liebe, Abhängigkeit, Kommunikation, Fürsorgeverhalten) zum anderen wird das Interview nach Kohärenz ausgewertet (z. B. ob Idealisierung des Partners vorkommt, inwieweit Unabhängigkeit und Intimität wertgeschätzt werden, ob der Proband Verlustangst zeigt). Die Retest-Reliabilität ist beim CRI über 18 Monate gering (Männer: kappa = .28, Frauen: kappa = .49), jedoch ist die Interrater-Reliabilität hoch (v. Sydow, 2001). Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zum ECR (69% Übereinstimmung, a.a.O.), und eine geringere Übereinstimmung mit dem AAI (58% Übereinstimmung; Treboux, Crowell & Waters, 2004). Somit misst das CRI offensichtlich etwas anderes als das AAI. Treboux et al. (2004) erhielten jedoch in ihrer Studie Befunde, die darauf hindeuten, dass CRI und AAI nicht unabhängig voneinander sind, sondern sowohl die generelle Beziehungsrepräsentation als auch die aktuelle Beziehungsrepräsentation und deren Kombination auf die Beziehung einwirken (vgl. Abschnitt 3.3.3).

Einige Studien haben gezeigt, dass Fragebogen-Messung und Interview-Messung von Bindung nicht konvergieren (s. zusammenfassend Bouthillier, Julien, Dube, Belanger & Hamelin, 2002). Bouthillier et al. (2002) führen dies darauf zurück, dass Selbstberichte lediglich die bewussten Erfahrungen mit Bindungsfiguren und die Emotionen ihnen gegenüber widerspiegeln und somit durch soziale Erwünschtheit verzerrt sein können, während im AAI auch die Fähigkeit der Kommunikation über Bindung und somit auch die Fähigkeit der Emotionsregulation durch Kommunikation erfasst wird. So fanden sie einen Zusammenhang zwischen Bindungsklassifikation durch das AAI und Verhalten, jedoch keinen Zusammenhang zwischen Bindungsklassifikation durch Fragebögen und Verhalten. Daher ist eine begriffliche Differenzierung nach Methode angebracht (in dieser Arbeit wird überall dort, wo nicht das AAI durchgeführt wurde, nicht von Bindungs mustern oder -typen, sondern von Bindungs stilen gesprochen). Andererseits haben viele Studien auch signifikante Befunde mit Hilfe von Selbstberichten zum Bindungsstil erbracht (vgl. Abschnitt 2.2.4). Angesichts dieser Tatsache plädiert von Sydow (2001) für einen Methodenpluralismus, um sowohl die bewussten als auch die unbewussten Anteile der Auswirkung von Bindungsmustern auf das Verhalten und Erleben von Menschen zu erfassen.

2.2.4 Auswirkung von Beziehungrepräsentationen auf Liebesbeziehungen

Obwohl sich oft Zusammenhänge zwischen widrigen Fürsorge-Erlebnissen in der Kindheit und Eheschwierigkeiten zeigen, gibt es genauso Personen, die trotz widriger Erlebnisse stabile und unterstützende Ehen führen. Welche Mechanismen sind für diese Kontinuitäten und Diskontinuitäten verantwortlich? Die Bindungstheorie postuliert, dass die Art des inneren Arbeitsmodells von Bindung sich auf die Emotionsregulation eines Individuums und somit auch auf dessen Verhalten in Liebesbeziehungen auswirkt. (Paley, Cox, Burchinal, & Payne, 1999). Eine sichere Bindungsrepräsentation zeigt sich in realistischer Situationsbewertung sowie dem offenen Zugang zu und der funktionalen Regulierung von Gefühlen und Impulsen. Personen mit einer unsicheren Beziehungsrepräsentation zeigen eher übertriebene oder vermeidende Reaktionen, die in ihrer Intensität nicht zur Situation passen, wie z. B. nicht adäquate Ängstlichkeit und Feindseligkeit (Buchheim, 2002). Die Befunde vieler Studien weisen darauf hin, dass eine sichere Beziehungsrepräsentation in Bezug auf Bindung konstruktives Beziehungsverhalten fördert und somit eine Ressource für die Partnerschaft darstellt (Lösel & Bender, 2003).

Menschen mit sicherer Beziehungsrepräsentation zeigten mehr Fürsorgeverhalten (Carnelley, Pietromonaco & Jaffe, 1996; Feeney & Collins, 2001) und konstruktiveres Konfliktlösungsverhalten (Pistole, 1989). Ihre Konfliktregulation wird durch die klare kognitive Auseinandersetzung mit dem Konflikt erleichtert (Winter & K. E. Grossmann, 2002). Sie können ihre Gefühle in herausfordernden Situationen besser äußern und sich beim Partner Schutz holen, haben keine Angst vor Verbundenheit (Feeney & Noller, 1996; Fraley, & Shaver, 1998), haben ein positiveres Selbstbild (Collins & Read, 1996) und ein größeres Wohlbefinden (Feeney & Noller, 1996).

Menschen mit unsicher-vermeidender Beziehungsrepräsentation ist eine zu große Nähe unangenehm. Im AAI wirken sie gegenüber Beziehungsthemen sehr distanziert und spielen die Bedeutung von Beziehungen herunter. Ihnen ist es besonders wichtig, stark und unabhängig von anderen zu sein (Fremmer-Bombik, 1999). Es fällt ihnen schwer, anderen zu vertrauen (Hazan & Shaver, 1987) und verletztliche Gefühle zu zeigen (Winter & K. E. Grossmann, 2002). Ihre Beziehungsqualität, gekennzeichnet u. a. durch das herrschende Maß an Vertrauen, Zufriedenheit und Interdependenz, ist niedriger als bei Menschen mit sicherer Beziehungsrepräsentation (Rholes, Simpson & Stevens, 1998).

Menschen mit unsicher-verstrickter Beziehungsrepräsentation fühlen sich selbst oft missverstanden und nicht hinreichend gewürdigt. Sie empfinden das Bedürfnis, mit ihrem Partner zu verschmelzen, erleben ihn aber häufig als unzuverlässig und distanziert. Gleichzeitig idealisieren sie den Partner (Collins & Read, 1990). Dementsprechend treten häufiger negative Gefühle auf, dagegen weniger Vertrauen und Zufriedenheit (Collins & Read, 1990), und verwickelte, eifersüchtige Formen von Liebe (Rholes, Simpson & Stevens, 1998). Sie haben eher Angst, verlassen zu werden, und verbleiben deshalb auch in unglücklichen Beziehungen (Davila & Bradbury, 2001).

Ein interessanter Befund der Bindungsforschung im Zusammenhang mit Konfliktsituationen, die in dieser Arbeit im Fokus stehen, ist, dass Ärger sowohl bei unsicher-vermeidenden als auch bei unsicher-verstrickten Bindungsstilen eine besondere Rolle spielt. Die beiden Bindungsstile haben spezifische und sehr unterschiedliche Reaktionstendenzen auf Ärger. Schon unsicher-vermeidende Kinder neigen im Zuge ihrer deaktivierenden Strategien zur Verdrängung von Ärger, während unsicher-ambivalente gegenüber sicher gebundenen Kindern ein erhöhtes Ausmaß von Ärger zeigen (Magai, 1999). Dies wirkt sich zum einen auf die Bewältigung emotional schwieriger Situationen und Stress aus, zum anderen aber auch auf die Entwicklung von typischen Kommunikationsmustern. Weitere Untersuchungen zeigen, dass sicher gebundene Personenen und unsicher-ambivalente Personen sich leichter selbst offenbaren können als unsicher-vermeidende Personen, was ebenfalls Auswirkungen auf die Qualität der Kommunikation hat (Wampler, Shi, Nelson & Kimball, 2003). Möglicherweise sind Beziehungen zwischen vermeidenden und ambivalenten Partnern deshalb so stabil, weil sie den Partner jeweils als Hilfe für die eigene Affektregulation nutzen: Der vermeidende Partner kann an den intensiven Gefühlen des Ambivalenten teilhaben, die er selbst nicht spüren kann, während der Ambivalente bei seinem vermeidenden Partner das sieht, was ihm selbst nicht gelingt: die Begrenzung und Kontrolle negativer Gefühle (von Sydow, 2002).

Bindung als dyadische Eigenschaft einer Beziehung

Die bisher dargestellte Forschung hat den Bindungsstil und seine Auswirkung als personenbezogene Eigenschaft, als „state of mind“ (Allen et al., 2003), behandelt und untersucht. Neyer (2002) setzt einen etwas anderen Schwerpunkt, indem er für eine stärker dyadische Auffassung plädiert: „The fact however, that an adult attachment relationship basically consists of two persons has scarcely been acknowledged, and until now research has paid little attention to within and between-dyad variations in adult attachment“ (Neyer, 2002, S. 484). Schon im Kindesalter variiert der Bindungsstil eines Kindes zwischen Mutter und Vater (Main & Weston, 1982), daher kann dies auch zwischen unterschiedlichen Beziehungen einer Person möglich sein. Es sollten sich pro Paar Beziehungsmuster bilden, „that emerge from the two partners' separate approaches to attachment" (Owens, Crowell, Pan, Treboux, O'Connor & Waters, 1995, S. 231). Diese Muster werden wiederum über die Kommunikation in der Beziehung hergestellt.

Die Fragestellung, ob bestimmte Beziehungsmuster sich besonders häufig zusammenfinden, wurde in einigen Studien untersucht. Während z. B. Kirkpatrick und Davis (1994), sowie Collins und Read (1990) fanden, dass die Kombinationen „ sicher – sicher“ und „vermeidend (Mann) – ängstlich (Frau)“ besonders häufig vorkamen, zeigten andere Studien keine typischen Paarungen (z. B. Owens et al., 1995; s. zusammenfassend Asendorpf & Banse, 2000). Die Frage nach dyadischen Effekten in Beziehungen wurde mit Hilfe des CRI (Owens et al., 1995) erforscht. Hierbei fanden sich moderate Korrelationen zwischen AAI und CRI, aber hohe Korrelationen der CRI-Werte der Partner. 78% aller Paare hatten entweder beide einen sicheren, oder beide einen unsicheren Bindungsstil im CRI. Partner, die im AAI sicher waren, und einen unsicheren Partner hatten, erhielten doppelt so häufig die CRI-Klassifikation „unsicher“, als in die umgekehrte Richtung.

Die Autoren schließen daraus, dass Bindungsmuster in Partnerschaften offensichtlich „co-konstruiert“ werden. Dieser Befund konnte zwar in einer Längsschnittstudie von Crowell, Treboux und Waters (2002) nicht repliziert werden, weist aber darauf hin, dass nicht nur frühe Bindungserfahrungen, sondern auch spätere Erfahrungen in Partnerschaften die eigene Bindungssicherheit und Beziehungsgestaltung prägen können (Schindler, Hahlweg & Revenstorf, 1998). Karney und Bradbury (1995) kritisieren dagegen an der Bindungstheorie, dass sie mit ihrem Fokus auf Kontinuität zu wenig auf Veränderungen und Verläufe innerhalb der Beziehung achtet und sich zwar als entwicklungspsychologische Richtung bezeichnet, der Entwicklung innerhalb einer Partnerschaft jedoch zu wenig Rechnung trägt. Auch Owens et al. (1995) sowie Waters und Cummings (2000) fordern weitere Untersuchungen, insbesondere Interaktionsbeobachtungen, um die Wirkmechanismen von Bindungsmustern in Beziehungen genauer beleuchten zu können. Eine wichtige Ergänzung hierzu stellt das Konzept der Autonomie dar. Dieses und sein Zusammenhang mit den bisher dargestellten Mechanismen von Bindung und Verbundenheit werden im nächsten Abschnitt erörtert.

2.3 Autonomiebedürfnis und Autonomieentwicklung

2.3.1 Das Konzept der Autonomie und sein Bezug zur Bindung

Was ist Autonomie? Ryan, Kuhl und Deci (1997, S.702; eigene Hervorhebung) schlagen im Rahmen ihrer „Self Determination Theory“ folgende Definition vor:

"In human personality, the construct of autonomy concerns the processes through which action and experience are initiated and governed by ‘the self’. The greater one's autonomy, the more one acts in accord with self-endorsed values, needs, and intentions rather than in response to controlling forces external to the self, whether these forces are within the individual (e.g., drives or ego involvements) or from outside (e.g., social pressures): Autonomy can thus be understood as critical development trajectory that concerns not only competence and control, but also the movement away from heteronomous regulation toward self-regulation."

Eine Person ist demnach dann autonom, wenn sie ihr Verhalten als willentlich und kongruent mit ihrer Identität erlebt, und nicht autonom, wenn sie sich durch externe Einflüsse und Kräfte kontrolliert fühlt (Chirkov, Ryan, Kim & Kaplan, 2003). Daher ist Autonomie nicht als Gegensatz von Abhängigkeit aufzufassen, denn wer sich freiwillig entscheidet, sich in Abhängigkeit zu begeben (zum Beispiel eine Frau, die aufhört zu arbeiten, weil sie ein Kind erwartet, und sich somit in finanzielle Abhängigkeit von ihrem Mann begibt) kann sich hierbei durchaus als autonom erleben.

Nach der „Self Determination Theory“ (Ryan et al., 1997; Ryan & Deci, 2000) gehören

- Autonomie (die eigenen Handlungen als kongruent mit der eigenen Identität wahrnehmen)
- Kompetenz (die Erfahrung, dass man selbst wirksam in der Welt handeln und gewünschte Effekte erzeugen kann) und
- Verbundenheit (das Gefühl, mit signifikanten Anderen verbunden zu sein, ihnen nahe zu sein)

zu den Grundbedürfnissen des Menschen und wirken sich direkt auf das Wohlbefinden aus. Menschen, die aus authentischer, innerer Motivation handeln, zeigen mehr Leistungsfähigkeit und Persistenz und neigen zu einem besseren Selbstwertgefühl und allgemeinem Wohlbefinden (Ryan & Deci, 2000; Sheldon, Ryan & Reis, 1996). Diese Befunde ließen sich auch über mehrere Kulturkreise hinweg replizieren (Chirkov et al., 2003), obwohl kollektivistische Gesellschaften in der Forschung allgemein als Autonomie einschränkend und Verbundenheit des Einzelnen in der Gruppe fördernd dargestellt werden, während individualistische Gesellschaften Selbständigkeit und Autonomie betonen (Trommsdorff, 1999). Dieser scheinbare Widerspruch lässt sich aber auflösen, wenn man erkennt, dass in der Gegenüberstellung von Autonomie und Verbundenheit oft zwei Konzepte vermischt werden: Einerseits beinhaltet Autonomie oft die Dimension der interpersonalen Distanz mit den Polen Separatheit und Verbundenheit, die vor allem die Abgrenzung des Individuums gegenüber anderen Personen darstellt und in der sich individualistische und kollektivistische Gesellschaften tatsächlich unterscheiden dürften. Andererseits wird unter Autonomie das Konzept der eigenständigen Handlung („agency“) gefasst, wie z. B. in der Definition nach Ryan et al. (1997). Hier liegt kein direkter Bezug zum Konzept der Verbundenheit vor (Trommsdorff, 1999).

Andererseits gibt es zwischen der Autonomie- und der Bindungsforschung wesentliche Parallelen, was eher für eine Verbindung zwischen Autonomie und Bindung spricht: Beide Forschungsrichtungen untersuchen die psychosoziale Anpassung über den Lebenslauf (Becker-Stoll & K. E. Grossmann, 2000). Autonomie förderndes Verhalten ist ebenso mit wichtigen Determinanten sozialer Anpassung (Kompetenz, Selbstvertrauen, psychisches Wohlbefinden) verbunden (Reis, Sheldon, Gable, Roscoe & Ryan, 2000) wie ein sicherer Bindungsstil (Bierhoff & Grau, 1999). Über die Beziehung zwischen Autonomie und Verbundenheit herrschen im wissenschaftlichen Diskurs durchaus unterschiedliche Meinungen, von der Auffassung, dieses Verhältnis sei als Widerspruch (Feeney, 1999b), ja geradezu als Dilemma zu sehen (Wynne, 1985), bis hin zu der Ansicht, dass Autonomie und Verbundenheit sich gegenseitig fördern (Waldinger, Schulz, Hauser & Allen, 2004) oder sogar bedingen (Holmes, 1996, S. 19):

"Autonomy is possible on the basis of a secure inner world - we can go out, stand our ground, make our own choices, and tolerate aloneness if we can be sure that attachment and intimacy are available when needed. Conversely, intimacy is possible if the loved one can be allowed to be separate; we can allow ourselves to get close if we feel autonomous enough not to fear engulfment or attack, and also know that separation does not mean that our loved one will be lost forever."

Aus der Perspektive der Bindungstheorie stellt eine sichere Bindung die Basis für autonomes Verhalten dar. Sie vergleicht Autonomiebestrebungen konzeptuell mit dem Tüchtigkeitsstreben und Explorationsverhalten, das schon kleine Kinder zeigen (K. E. Grossmann & K. Grossmann, 2004). Eine sichere Bindung in der frühen Kindheit geht aus bindungstheoretischer Sicht mit einem positiven Fremd- und Selbstbild einher und fördert damit ein höheres Maß an vertrauensvollem Explorationsverhalten und an Erfahrungen über die eigene Handlungswirksamkeit (Trommsdorff, 1999). Verstehen Ryan und Deci (2000) also Autonomie eher als Freiheit von normativen, externen Zwängen, wird Autonomie in der Bindungstheorie eher als Freiheit zum Explorieren und Erkunden der Umwelt, vor allem aber der eigenen Gefühle und Impulse gesehen, als eine Art emotionaler Autonomie.

Feinfühlige Bindungspersonen akzeptieren und unterstützen das Streben ihrer Kinder nach Eigenständigkeit und Autonomie, daher ist elterliche Feinfühligkeit nicht mit „Überbehütung“ gleichzusetzen: „Die feinfühlige Bindungsperson nimmt dem Kind nichts ab, was es selbst tun könnte. Sie macht Angebote, aber gibt nichts, wonach es nicht verlangt. Dadurch wird die kindliche Autonomie geachtet und ihre Entwicklung gefördert“ (K. E. Grossmann & K. Grossmann, 2002, S. 299). Aus der längsschnittlichen Forschung zum Einfluss von Vätern auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder entwickeln sich hierzu neue Erkenntnisse. Es finden sich deutliche Einflüsse väterlicher Spielfeinfühligkeit, die als Exploration fördernde Verhaltensweisen gewertet werden, zur psychischen Sicherheit der Kinder bis zum Alter von 16 und sogar 22 Jahren (K. E. Grossmann & K. Grossmann, 2004). Bemerkenswert ist hierbei, dass die Güte des gemeinsamen Spiels wesentlich besser geeignet ist, die Kind-Vater-Bindung zu klassifizieren als der Strange Situation Test mit seinem Fokus auf Trennungsbewältigung. In seinem neuesten Werk spricht das Forscherehepaar Grossmann daher weniger von „Bindungssicherheit“ und mehr von „psychischer Sicherheit“, um der Angstfreiheit in beide Richtungen – Verfügbarkeit der Bezugsperson und Exploration – Rechnung zu tragen (a.a.O.).

Über die Lebensspanne wirken Bindung und Exploration beide für die unbelastete Anpassung an die Lebensumstände zusammen. Dies zeigt sich im Erwachsenenalter in der Freiheit zu mentaler Exploration (a.a.O.), wie es in der AAI-Klassifikation „autonomous-secure“ zum Ausdruck kommt: „Der Gegenpol zu Unklarheit und Verstrickung ist […] Klarheit und Autonomie“ (K. E. Grossmann & K. Grossmann, 2004, S. 563). Während jedoch sicheres Explorationsverhalten im Kindesalter ein wichtiger Indikator für eine sichere Bindung ist (Winter & K. E. Grossmann, 2002), wird Autonomie im Erwachsenenalter von der Bindungsforschung kaum einbezogen (Hauser, Gerber & Allen, 1998; Waldinger et al., 2004). Eine Ausnahme stellt die Studie von Waldinger et al. (2003) dar, die Verknüpfungen zwischen Autonomiebedürfnis und Bindungsmuster mit Hilfe des AAI und narrativen Interviews untersucht. Das Ausmaß an geäußertem Autonomiebedürfnis hing mit dem Bindungsstil zusammen. Personen mit vermeidendem Bindungsstil äußerten signifikant mehr Autonomie-Wünsche als Personen mit präokkupiertem Bindungsstil, während Personen mit sicherem Bindungsstil in der Mitte angesiedelt waren. Das Ausmaß geäußerten Nähebedürfnisses hing hingegen nicht mit dem Bindungsmuster zusammen.

Die im folgenden Abschnitt dargestellten Forschungsbefunde von Allen et al. (2003) zeigen, dass die Beobachtung einer Interaktion, in der beides, Autonomie und Verbundenheit, erfasst wird, deshalb so relevante Ergebnisse bringt, weil hier das Phänomen der sicheren Basis in Aktion tritt: „Similar to the infant secure base, the secure base in adolescence requires both parties in a relationship working in a goal corrected partnership to maintain the relationship as the adolescent explores his or her autonomy" (Allen et al., 2003, S. 294).

2.3.3 Autonomieentwicklung im Jugendalter

Im Gegensatz zum Forschungsfeld der Paarbeziehungen, die bislang wenig mit Autonomie in Verbindung gebracht wurden, hat die Entwicklung von Identität und Autonomie besonders im Jugendalter viel Beachtung in der Literatur gefunden. Dies liegt daran, dass die emotionale Loslösung von den Eltern lange als Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung eines Jugendlichen und seiner Identität erachtet wurde (Blos, 1977) und dies somit zu den wichtigsten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter zählte (Havighurst, 1972; Dreher & Dreher, 1985). Umgekehrt ist es so, dass die Bindungstheorie lange nicht auf diese Altersphase angewandt wurde und erst seit neuerer Zeit darauf übertragen wird, vermutlich weil der Fokus im Jugendalter stark auf Autonomiefindung gegenüber den Eltern liegt, ohne dass die Liebesbeziehungen Jugendlicher bereits als Bindungsbeziehungen gelten können (Allen & Land, 1999).

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Details

Seiten
140
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638391368
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40680
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Autonomie Verbundenheit Paarbeziehungen

Autor

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Titel: Autonomie und Verbundenheit in jungen Paarbeziehungen