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Die Pförtnerszene in Shakespeares Macbeth (II, 3): Funktion, Aufbau und filmische Umsetzung

Seminararbeit 2005 21 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung: Die Pförtnerszene – „un-Shakespearean“?

2. Historischer Kontext

3. Die Komik des Szene
3.1. Der Auftritt des Pförtners bis zum Eintreten Macduffs (II, 3.1-17)
3.2. Entwicklung der Szene nach dem Auftreten Macduffs (II, 3.18-34)

4. Funktionen der Pförtnerszene
4.1. Grundcharakteristika und dramatische Funktionen
4.2. Bedeutung für die Figur des Macbeth
4.3. Die Szene und ihre Wirkung auf den Rezipienten
4.4. Aufgreifen zentraler Aspekte aus dem Gesamtdrama

5. Filmische Umsetzungen

6. Schluss: Die Pförtnerszene - Herausforderung für Film und Theater

7. Bibliographie

1. Einleitung: Die Pförtnerszene – „un-Shakespearean“?

„Not one syllable has the ever-present being of Shakespeare[1] “ – so kritisch äußerte sich einst der renommierte Literaturwissenschaftler Coleridge über den Auftritt des Pförtners in Shakespeares Macbeth. Selbst in neueren Werken wird diese kleine Szene (II, 3) oft als simpler Klamauk abgetan. Doch wird eine solch eindimensionale Beurteilung der Komplexität der Szene wirklich gerecht? Bei genauerer Auseinandersetzung mit dem Auftritt wird schnell klar, dass er nicht isoliert außerhalb der eigentlichen Handlung steht, sondern vielmehr eine wichtige Rolle in der Gesamtheit des Dramas einnimmt.

Im Folgenden soll genau diese Szene eingängiger betrachtet werden, wobei ich mich hierbei auf den eigentlichen Auftritt des Pförtners beschränke (Vers 1-34), da sich die restliche Szene inhaltlich in eine völlig andere Richtung entwickelt. Im Zentrum meiner Betrachtungen soll die Frage stehen, welche Funktion die Pförtnerszene auf den Rezipienten hat: Dient sie in erster Linie als humoristische Verschnaufpause oder geht es um die Charakterisierung des Protagonisten? Um sich der Thematik angemessen nähern zu können ist es zunächst einmal wichtig, den historischen Hintergrund dieser Passage zu betrachten und die Rolle solcher komischen Figuren im elisabethanischen Drama zu berücksichtigen. Im dritten Teil dieser Arbeit steht die Art und Weise, wie Shakespeare mit dem Auftreten des Pförtners Komik erzeugt im Mittelpunkt. Nachfolgend werden dann Funktions- und Wirkungsweise der Pförtnerszene eingehender betrachtet. Neben den dramatischen Funktionen ist vor allem die Bedeutung der Szene für die Figur des Macbeth, die Wirkung auf den Rezipienten, sowie das Aufgreifen zentraler Aspekte aus dem Gesamtdrama von Bedeutung. Der 5. Punkt beschäftigt sich dann mit der Umsetzung der Pförtnerfigur im Film anhand von vier Beispielen. Abschließend werde ich die wichtigsten Punkte zusammenfassen und ein Resümee ziehen.

In der Literatur wurde die Szene bis ins 20. Jahrhundert, auch aufgrund ihres Shakespeare-untypischen Stils, eher vernachlässigt. Die Obszönität des Pförtnerauftrittes war vielen Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern zuwider. Besonders drastisch wird die Szene bei Schillers Übersetzung verfälscht, bei der ein fromm singender Pförtner auftritt: „Den Pförtner lasst sein Morgenlied vollenden. Ein guter Tag fängt an mit Gottes Preis;

’s ist kein Geschäft so eilig, als das Beten“[2].

Die moderne Forschung hat den Auftritt wieder neu entdeckt, was sich an der Vielzahl der wissenschaftlichen Aufsätze ablesen lässt. Inwiefern die Szene Einfluss auf die Charakterisierung von Macbeth selbst hat, ist bis heute umstritten. So kommen etwa die Arbeiten von Frederic Tromly[3] und John Harcourt[4] zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen, wobei ich auf diesen Aspekt später noch genauer eingehen werde.

Zunächst scheint Coleridges These durchaus plausibel zu sein: Auf die Mordszene in II, 2 folgt abrupt und völlig unvermittelt eine Komödienszene, in der der Pförtner von Macbeths Burg im Mittelpunkt steht, während die Haupthandlung inne hält. Die Spannung, die mit der vorherigen Szene einen Höhepunkt erreichte, wird kurzeitig aufgelöst, es wird nun ordinär gealbert, geblödelt und gewitzelt. Im Mittelpunkt steht der offensichtlich betrunkene Pförtner, welcher von Macduff, der lautstark klopfend um Einlass bittet, in seiner Nachtruhe gestört wurde. Der Auftritt des Pförtners, der selbst vom Mord noch nichts weiß, ist völlig vom Grauen, das auf der Burg vor sich geht umschlossen: Er beginnt abrupt mit einem Klopfen, vorher noch gespenstische Begleitmusik der Mordszene, und versetzt den Zuschauer am Ende urplötzlich wieder in die albtraumhaften Geschehnisse auf der Burg zurück. Trotz seiner humoristischen Einlage lässt der Pförtner den Zuschauer der grausamen Welt nicht entkommen.

2. Historischer Kontext

In der Entstehungszeit von Macbeth spielten solche komischen Auftritte eine wichtige Rolle in Theaterstücken. Die Figur des Pförtners war dem zeitgenössischen Publikum schon aus vielen anderen Stücken in ähnlicher Art und Weise bekannt. Macbeths Pförtner sieht sich selbst als „[…] porter of hell-gate […][5] “ – angesichts dessen was gerade in Macbeths Burg geschehen ist, ist das eine durchaus zutreffende Aussage. Der Torhüter des Höllentores als Gegenspieler zu Petrus war eine populäre Figur im mittelalterlichen Drama[6]. Auch Shakespeare griff auf diese alte Traditionen zurück, indem er eine Verbindung zwischen dem Pförtner von Macbeths Schloss und dem Pförtner des Höllentores zieht: Im Theater des späten Mittelalters wurde die Hölle nämlich häufig als Schloss dargestellt, normalerweise mit einem Tor in der Form eines monströsen Schlundes[7].

Macbeths Pförtner geht möglicherweise auf das mittelalterliche Miracle-Play zurück. Bei dieser Theaterform wurden Geschichten und Figuren aus der Bibel aufgegriffen und dramatisiert[8]. Hierbei stellte man „böse“ Charaktere oft lächerlich dar, wodurch der ernste Hintergrund solcher Figuren bewusst kontrastiert wurde. Konkret bezieht sich die Figur bei Macbeth auf das Theaterstück The Harrowing of Hell [9]. Christus steigt bei diesem Stück nach seiner Kreuzigung in die Hölle hinab, klopft an der Höllentür und verlangt, dass die Seelen der Märtyrer und Propheten freigelassen werden. Bezeichnenderweise nennt sich der Pförtner an der Tür Rybald [10]. Hieraus lässt sich das Wort ribald ableiten, was soviel wie ungehobelt oder vulgär bedeutet. Die Verbindung zu Shakespeares Stück wird klar, wenn man sich den ordinären Sprachschatz des Türhüters in Macbeth vor Augen hält. Beim Vergleich mit The Harrowing of Hell fällt zudem auf, dass es Macduff ist, der wie Christus an die Tür klopft, was ihm einen besonderen christlichen Glanz verleiht.

Durch die Anspielungen des Pförtners wird sein Auftrittsmonolog zu einer Variation der damals sehr beliebten Stände-Satiren, bei denen Berufsstände und gesellschaftliche Schichten karikiert wurden.

Die Rolle des Türhüters wurde zu Shakespeares Zeiten häufig von bekannten Komikern gespielt. Diese Aufgabe übernahm wahrscheinlich Robert Armin, der als Mitglied der Chamberlain's Men, der Schauspieltruppe Shakespeares, zum gefeierten Star aufstieg[11]. Er sprach das Publikum direkt an und münzte einige Witze auf die aktuelle Tagespolitik um. Deutlicher Hinweis auf dieses Zusammenspiel mit den Zuschauern ist der Ausspruch „[…] remember the porter.“ („Macbeth“ II, 3.16f.), in dem der Narrenschauspieler um Trinkgeld für seine humoristische Einlage bettelte[12]. Die Szene fand aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem geschlossenen Vorhang statt, während sich die übrigen Schauspieler auf den nächsten Auftritt vorbereiteten[13]. Die Interaktion dieses Auftrittes weist auf eine weitere Eigenheit des volkstümlichen Renaissance-Theaters hin, nämlich die große Bedeutung einer zweiten Dimension zwischen Fiktion und zeitgenössischer Theaterwirklichkeit, welche variable Stufen der Annäherung und Spannung zuließ[14]. Mit der Integration einer solchen Clownsfigur stellte Shakespeare neben die ausgelassene, zeitgenössische Welt der Narren die der historischen Rosenkriege.

Auch aufgrund ihres als „un-Shakespearean[15] “ bezeichneten Charakters wurde die Pförtnerszene bis ins späte 19. Jhrdt eher vernachlässigt und auf der Bühne meist ganz ausgelassen. In modernen Aufführungen änderte sich dies jedoch glücklicherweise[16]. Die Szene wird nun wieder häufiger in aktuelle Umsetzungen integriert, wobei oft versucht wird die satirische Wirkung des Pförtnerauftritts auf die heutige Zeit zu übertragen.

3. Die Komik der Szene

3.1. Der Auftritt des Pförtners bis zum Eintreten Macduffs (II, 3.1-17)

Narrenfiguren waren schon immer Quelle von Komik, da sie kein herrschendes Moral- und Ehrgebot akzeptierten und ein besonders respektloses Verhalten gegenüber der Obrigkeit an den Tag legten[17] - so auch der Pförtner in Macbeth. Darüber hinaus erinnert die Szene, vor allem bis zum Eintreten Macduffs, an ein Morality-Play: Transzendente Aspekte und der Konflikt zwischen Gut und Böse stehen im Vordergrund, wobei aber die christlichen Tugenden parodiert werden.

Die Komik des Pförtner-Auftrittes entsteht schon allein durch die Situation an sich: Auf der einen Seite der Tür steht der ungeduldige Macduff, die Dringlichkeit seiner Mission und die sich zum Höhepunkt aufschaukelnde Handlung, auf der anderen Seite steht der Pförtner, dem dies alles egal ist und der mit seiner stoischen Ruhe diese groteske Wirkung erzielt[18]. Verstärkt wird dies, indem er, immer dann wenn er sich gerade auf den Weg zum Tor gemacht hat, erneut für einen Plausch mit dem Publikum inne hält. Schon in den ersten Zeilen wird in einem Seitenhieb das Publikum direkt angesprochen und auf die Verdorbenheit der Welt angespielt. Es wird so häufig geklopft, weil es so viele Sünder auf dieser Welt gibt: “If a man were Porter of Hell gate, he should have old turning the key.[19] “ („Macbeth“ II, 3.1f.).

[...]


[1] Zitiert nach John B. Harcourt. „‚I Pray You, Remember the Porter’“Shakespeare Quarterly 12 (1961): 393-402, hier 393.

[2] „Friedrich Schiller. Macbeth. Ein Trauerspiel von Shakespeare“

<http://www.wissen-im-netz.info/literatur/schiller/macbeth/index.htm> (15.03.2005).

[3] Vgl. Frederic B. Tromly. “Macbeth and His Porter.” Shakespeare Quarterly 26 (1975): 151-156.

[4] Vgl. Harcourt.

[5] William Shakespeare. Macbeth. Ed. A. R. Braunmuller. Cambridge, Los Angeles, New York u.a.: Cambridge University Press, 1997, II, 3.1f.

[6] Vgl. William Shakespeare. Macbeth. Zweisprachige Ausgabe mit Anmerkungen versehen von Frank Günther. München: dtv, 1975, 224.

[7] Vgl. Gordon Williams. ‘ Macbeth’. Text and Performance. London: Palgrave Macmillan, 1985, 30.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Vgl. Harcourt, 399-402.

[10] Vgl. Ebd. 399 f.

[11] Vgl. „Biography of Robert Armin (1568-1612)“

<http://www.clown-ministry.com/History/robert-armin.html> (13.03.2005).

[12] Vgl. Günther 255.

[13] Vgl. Williams 33.

[14] Vgl. Robert Weimann. Shakespeare und die Tradition des Volkstheaters. Berlin: Henschel, 1967, 414.

[15] Vgl. Jan H. Blits. The Insufficency of Virtue. Macbeth and the Natural Order. Lanham: Rowman & Littlefield Publishers, 1996, 79.

[16] Vgl. Williams 30f.

[17] Vgl. Weimann 414.

[18] Vgl. Williams 34.

[19] Old kann als umgangssprachliche Verstärkung für “massenhaft” aufgefasst werden. Vgl. Günther 63.

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638389631
ISBN (Buch)
9783640902804
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40453
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Department für Anglistik und Amerikanistik
Note
1,3
Schlagworte
Pförtnerszene Shakespeares Macbeth Funktion Aufbau Umsetzung Shakespeare’s Richard

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Titel: Die Pförtnerszene in Shakespeares Macbeth (II, 3): Funktion, Aufbau und filmische Umsetzung