Lade Inhalt...

American Progressive History - Beispiele zweier Vertreter (Beard, Turner)

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Frontier-These Frederick Jackson Turners
2.1. Arten der frontier
2.2. Bedeutung der frontier für die amerikanische Geschichte

3. Charles A. Beard's ökonomische Interpretation der amerikanischen Verfassung
3.1. Arten des Eigentums und Eigentumsinteressen
3.2. Folgerungen

4. Die Gesamtkonzeption der Progressive History
4.1. 'Progressive History, Present and Reform'

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Die Art der Geschichtsschreibung wirft auch stets ein Bild auf die Gegenwart, ja sie ist gar eine Reflexion dieser. Wie etwa über die DDR-Geschichte geschrieben wird, spiegelt die Gegenwart des vereinten Deutschland wider. Die amerikanische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ist eine sehr unwissenschaftlich betriebene. Sie erzählt eher Geschichten als Geschichte, glorifiziert Einzelpersonen und Einzelereignisse, reißt Fakten aus den historisch-sozialen Zusammenhängen und ist damit also eher eine Geschichtsunwissenschaft als eine Geschichtswissenschaft.

Mit der Rationalisierung und 'Verwissenschaftlichung' der Welt im ausgehenden 19. Jahrhundert ändert sich dies. Es beginnt sich eine an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichtete amerikanische Historiographie herauszubilden, die Progressive History.

In dieser Hausarbeit soll diese neue Art der Geschichtsschreibung vorgestellt werden. Zu diesem Zwecke werden in den ersten beiden Teilen der Hausarbeit zwei bedeutende Historiker mit ihren jeweils wichtigsten Arbeiten vorgestellt werden. Zum einen Frederick Jackson Turners Frontier-These, zum anderen Charles A. Beards ökonomische Interpretation der amerikanischen Verfassung. Beide werden eng an den Originaltexten vorgestellt werden, um eine möglichst exakte Darstellung der Theorien bieten zu können.

Im dritten Teil der Hausarbeit werde ich dann generell auf das Wesen der Progressive History eingehen und hinterfragen, welches Geschichtsverständnis ihr zugrundeliegt.

2. Die Frontier-These Frederick Jackson Turners

Seit der 'Entdeckung' Amerikas durch Columbus (eine Entdeckung war es ja wohl nur aus zeitgenössisch-europäischer Sicht) im Jahr 1492 und dem Beginn der europäischen Besiedlung des amerikanischen Kontinentes seit dem 17. Jahrhundert war eine zentrale Frage diejenige nach Gebieten der Zivilisation und jenen der Wildnis. Die europäische Besiedlung des nordamerikanischen Kontinentes erfolgte aus dem Osten heraus. Dabei galten die bereits von Europäern besiedelten Gebiete als Zivilisation, die unbesiedelten als Wildnis, unabhängig davon, daß eine indianische Zivilisation in dieser Wildnis lebte. Die Grenze zwischen europäisch empfundener Zivilisation und Wildnis wurde und wird als frontier bezeichnet. Als Reaktion auf die offizielle Erklärung im Jahre 1890, es gebe keine frontier mehr, begann Frederick Jackson Turner, sich Anfang der 1890er Jahre mit der Bedeutung der frontier für die US-amerikanische Geschichte zu befassen. Ergebnis dieses Prozesses ist der 1893 erschienene Aufsatz "The Significance of the Frontier in American History"1. Dieser Aufsatz stellt den ersten ernst zu nehmenden Versuch in der amerikanischen Historiographie dar, die amerikanische Geschichte unter geopolitischen Gesichtspunkten zu untersuchen; eben zu fragen, welche Einflüsse die enorme Weite des Landes, der Drang zur Expansion, die Notwendigkeit des Abringens von Land aus den Fängen der Wildnis auf die Geschichte der USA, aber auch deren Psyche, hatte.

2.1. Arten der frontier

Zunächst liegt es nahe, bei einer geopolitischen und geosozialen Untersuchung geographische Kriterien festzulegen. Es ist zu überprüfen, welche geographischen Gegebenheiten vorzufinden sind und inwieweit solche Erscheinungsformen das Besiedlungsverhalten der europäischen Einwanderer begünstigten, erschwerten, bzw. generell beeinflußten.

Verglichen mit den Heimatländern der europäischen Immigranten fällt in Bezug auf Nordamerika natürlich zunächst die enorme Weite des Landes auf. Noch heute empfinden es die Europäer als weite Distanz, wenn man von Boston nach Florida reist. In vorindustrieller Zeit müssen viele Reise- und Kommunikationswege geradezu als unüberbrückbar empfunden worden sein. 1789 fanden sich also 13 Staaten in einer Konföderation wieder, deren geographisches Ausmaß die damalige europäische Karte nicht kannte.

Nach der Besiedlung des Ostküstengebietes stellte sich den Europäern die erste physische Herausforderung entgegen, das Mittelgebirge der Appalachen. Diente es womöglich eine zeitlang als teilweiser Schutz vor den Ureinwohnern, war es doch stets auch Hindernis bei der Eroberung des Landes. Waren die Appalachen erst einmal überwunden, standen die Weiten der amerikanischen Steppenzone zur Besiedlung offen. Hier existierten nur die großen Ströme als natürlich Barrieren, besonders der Mississippi als Nord-Süd-Barriere und der Missouri als Ost-West-Barriere. Als letzte, aber wahrscheinlich im wahrsten Sinne des Wortes höchste Hürde stellten sich die Rocky Mountains den Siedlern in den Weg. Waren sie erst überwunden, lag den Siedlern der Pazifik zu Füßen und die Besiedlung von Ost- zu West-Küste war erreicht. Zweifelsohne kann aber angenommen werden, daß später zunächst eine intensivere Besiedlung der Westküste stattfand und erst dann eine 'Zivilisierung' des westlichen Binnenlandes erfolgte.

Neben geographischen Faktoren, die eine Grenze bildeten, gab es auch soziale Faktoren, nach denen man eine frontier beschreiben kann. Denn immer dann, wenn ein bestimmtes Gebiet von einer bestimmten sozialen Gruppe besiedelt war, kann man von einer sozialen frontier sprechen.

Die Besiedlung freien Landes, oder zumindest als frei empfundenen Landes, folgte einem bestimmten Schema, das hier im folgenden erläutert werden soll: Die Besiedlung von Land durch Angehöriger bestimmter Wirtschaftszweige wie Farmer, Jäger, Pelzhändler etc. richtete sich verständlicherweise nach natürlichen Gegebenheiten. Die Farmer suchten fruchtbares Land und die Jäger ergiebige Jagdgründe. Außerdem folgte die Besiedlung des Westens einem sozialem Muster nach Einkommensklassen.

Als erstes kamen Abenteurer, denen nicht viel an einem geregelten Leben in der 'Zivilisation' lag. Sie waren die Ersten, die das Land erkundeten und in Anspruch nahmen. Dann kam die Gruppe der 'pioneers'. Sie begannen, das Land im eigentlichen Sinne zu besiedeln. Dabei war es "quite immaterial whether he ever becomes the owner of the soil. He is the occupant for the time being, pays no rent, and feels as independant as the 'lord of the manor'."2 Er baut sich eine Hütte, bestellt das Land, sammelt um sich andere, möglicherweise ähnlich gesinnte und wird somit vielleicht zum Zentrum einer neuen Stadt. Er behält immer seinen Planwagen. Denn wird es ihm zu eng, oder bietet ihm jemand Geld für das von ihm Geschaffene, so zieht er einfach weiter und beginnt die Westbesiedlung von neuem.

Es folgen diesen 'pioneers' also kapitalbesitzende Personen oder Menschen, die sich eine neue Zukunft schaffen wollen und sich dafür verschulden. In Turners Essay wird sie folgendermaßen dargestellt:

"The next class of emigrants purchases the lands, add field to field, clear out the roads, throw rough bridges over the streams, put up hewn log houses with glass windows and brick or stone chimneys, occasionally plant orchards, build mills, schoolhaouses, court-houses, etc., and exhibit the picture and forms of plain, frugal, civilized life."3

Dieser Welle folgt eine weitere von kapitalkräftigen Geschäftsmännern. Beide Geschäftspartner haben vom Verkauf des Landes einen Vorteil. Der Verkäufer kann seinen Grund und Boden, sowie das Ergebnis seiner Arbeit und Investition an den Verkäufer zu einem höheren Preis verkaufen, als er investiert hat, da durch die Investitionen, etwa in die Infrastruktur, der Wert des Grundes gestiegen ist. Dabei hat der Verkäufer selbst den Vorteil, zu einer kapitalkräftigen Person zu werden und weiter westwärts als solche aufzutreten, was de facto einen sozialen Aufstieg darstellt oder zumindest ermöglicht.

Unter dem Kapitalimport der dritten Gruppe wandelt sich die Siedlung zu einer Stadt mit soliden Steinhäusern und erweiterter Infrastruktur. Die Luxusgüter des Ostens halten Einzug.

Diese drei Wellen bewegen sich also westwärts, überlagern sich von Zeit zu Zeit und sorgen für den sozialen Aufstieg derer, die diese Wellenbewegung geschickt zu nutzen wissen.4

2.2. Bedeutung der frontier für die amerikanische Geschichte

Die Hauptthese Turners besagt, daß die frontier und ihre Westwärtsbewegung hauptverantwortlich für die demokratische Entwicklung der USA sind. Ohne die Offenheit des Kolonial- und späteren Staatsgebietes wäre eine Demokratisierung in jenem Rahmen wie sie tatsächlich geschah nicht denkbar gewesen. Zunächst förderte das Leben an der frontier die Amerikanisierung der aus Europa kommenden Immigranten:

"In the crucible of the frontier the immegrants were Americanized, liberated and fused into a mixed race, English in neither nationality nor characteristics. [...] Such examples teach us to beware of misinterpreting the fact that there is a common English speech in American into a belief that the stock is also English"5

Eine gemeinsame amerikanische Identität der aus verschiedenen europäischen Ländern stammenden Immigranten war also die Folge der ständigen Bewegung und Durchmischung der Immigranten und deren gleiche Sozialisation in gleicher Umgebung unter gleichen Bedingungen. Gemeinsam das Land zu erschließen machte die Menschen zu Amerikanern. Durch den hohen Grad der Mobilität weiter Bevölkerungsteile wurde damit dem Partikularismus Einhalt geboten. Eine nationale Identität war die Folge.6

Zudem förderte der frontier-individualism direkt die Demokratisierung, führte also zu einer der individualistischsten Wirtschafts- und Gesellschaftsformen: "The frontier individualism has from the beginning promoted democracy."7 Dies geschah dadurch, daß die Menschen, die jenseits der fest strukturierten politischen Institutionen des Ostens lebten wenig auf deren Autorität gaben. Im Gegenteil, sie schufen sich in den neu entstandenen Siedlungen, die im politisch leeren Raum entstanden, zunächst ihre eigenen Ordnungen und Institutionen, die meist basisdemokratisch organisiert waren. Eine staatliche Autorität war nicht nötig. So läßt auch Turner jene Siedler sprechen:

"Self-government was their ideal. Said one of their rude, but energetic petitions for statehood: "Some of our fellow-citizens may think we are not able to conduct our affairs and consult our interests; but if our society is rude, much wisdom is not neccessary to supply our wants, and a fool can put on his clothes better than a wise man can do it for him." This forest philosophy is the philosophy of American democracy."8

Es waren eben immer die westlichen Gebiete, die für einen Demokratisierungsschub in den USA sorgten, sei es die Jacksonian Democracy als idealisierte Demokratie des einfachen Mannes gegen die Bürokratie der Ostküste oder die Bewegung des Populismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts oder die Progressive Era in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es waren immer Bewegungen gegen das Ostküstenestablishment, die sich eben logischerweise besonders durch Demokratisierungsforderungen hervortaten.

[...]


1 Turner, Frederick Jackson: The Significance of the Frontier in American History. In: Turner, Frederick Jackson, 1861-1932: rereading Frederick Jackson Turner: "The Significance of the frontier in American History", and other essays. with commentary by John Mack Faragher. New York 1994. S.31-60.

2 Turner: Frontier. S.45.

3 Ebd.

4 Vgl. ebd. S. 44-46.

5 Ebd. S.51.

6 Vgl. ebd. S.51f. und S.56f.

7 Ebd. S.57.

8 Turner: The Problem of the West. S.64/65.

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638387354
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40155
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
American Progressive History Beispiele Vertreter Turner) Puritanern Pragmatismus Politisches Denken Amerika

Autor

Zurück

Titel: American Progressive History - Beispiele zweier Vertreter (Beard, Turner)