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Importsubstitution und Exportförderung als divergierende Industrialisierungsstrategien

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Konzeption
2.1. Exportförderung
2.2. Importsubstitution
2.3. Zwischenbilanz

3. Praktische Umsetzung anhand zweier Beispiele
3.1. Importsubstitutionspolitik Brasiliens
3.2. Exportorientierte Industrialisierungspolitik Südkoreas

4. Zusammenfassung

5. Literatur

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit sollen die beiden Ansätze der Importsubstitution und der Exportförderung als zwei unterschiedliche Industrialisierungsstrategien vergleichend gegenübergestellt werden. Beide Konzepte stellen explizit wirtschaftspolitische Ansätze dar, weshalb sie in den Bereich der politökonomischen Theorieansätze fallen. Schließlich kommt in beiden Strategien der jeweiligen Regierung eine zentrale Rolle zu, da sie die Rahmenbedingungen zur Umsetzung der jeweiligen Strategie festzulegen hat.

Zunächst sollen im ersten Abschnitt die beiden Strategien aus theoretischer Sicht vorgestellt werden. Anschließend soll anhand zweier Beispiele die realpolitische Umsetzung der beiden wirtschaftspolitischen Theorien gegenübergestellt werden, um die Realisierbarkeit und die Erfolgsaussichten der jeweiligen Strategien beurteilen zu können. Nicht zuletzt aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Literatur habe ich mich für Brasilien als Vertreter der Umsetzung der Importsubstitutionspolitik und Südkorea als Vertreter einer praktizierten exportorientierten Industrialisierungsstrategie entschieden. Diese Auswahl ist jedoch nicht rein zufällig getroffen wurden. Brasilien soll als Vertreter der lateinamerikanischen Staaten betrachtet werden, die en gros bis zu dem Beginn der Verschuldungskrise im Jahr 1982 eine ähnliche, auf den Prinzipien der Importsubstitution basierende Industrialisierungspolitik betrieben. Dahingegen soll Südkorea stellvertretend für die vier ersten „Asiatischen Tigerstaaten“, neben Korea noch Hongkong, Singapur und Taiwan, untersucht werden, denen eine erfolgreiche Industrialisierung nicht zuletzt auf Basis einer exportorientierten Politik gelungen ist. Aus diesem Grund sei darauf hingewiesen, daß u.U. auch Teilbeispiele aus anderen Staaten, die der jeweiligen Gruppe angehören, zu Rate gezogen werden können.

Ziel dieses Vergleiches soll es sein, eine möglicherweise vorteilhaftere Strategie zur Industrialisierung herauszuarbeiten oder zumindest Faktoren festzustellen, die eine jeweilige Strategie begünstigen oder behindern, nicht zuletzt aber auch Wechselwirkungen zwischen beiden Strategien festzustellen.

2. Theoretische Konzeption

Grundvoraussetzung eines wie hier vorgenommenen Vergleiches müssen theoretische Überlegungen zu den jeweiligen Strategien zur Industrialisierung sein. Beiden Ansätzen ist gemein, daß sie die Schaffung eines nationalen, privatwirtschaftlichen Industriesektors zum Ziel haben. Grundverständnis einer solchen Strategie ist ein Verständnis von Entwicklung, welches mit nachholender Industrialisierung gleichgesetzt wird. Entwicklungsrückstand wird hier verstanden als (empirisch meßbarer) Abstand zu den ‚entwickelten‘, d.h. industrialisierten Nationen, den es aufzuholen gilt. Jene empirischen Indikatoren für Rückständigkeit sind diesem Verständnis von Unterentwicklung nach z.B. das Bruttosozialprodukt oder das Außenhandelsvolumen. Beide Strategien haben also das gleiche Ziel: über die Bildung eines nationalen, privatwirtschaftlichen Industriesektors die Wirtschaft des jeweiligen Landes an das wirtschaftliche Niveau der industrialisierten Staaten heranzuführen. Lediglich die Mittel, um dies zu erreichen, unterscheiden sich z.T. gravierend voneinander:

Zielt die importsubstituierende Strategie auf die Schaffung eines Industriesektors, der die Versorgung des Binnenmarktes des jeweiligen Landes mit Gütern übernimmt, die zuvor importiert werden mußten, so beabsichtigen die Vertreter der exportorientierten Strategie die Schaffung einer Industrie, die (logischerweise) für den Export, also den Weltmarkt produziert. Der Importsubstitution wird hierbei ein stärker protektionistischer Charakter zugewiesen, während die exportorientierte Strategie als offener, dem Freihandelsprinzip zugehörig dargestellt wird.[1]

Neben dem gemeinsamen Ziel der Industrialisierung verfolgen die beiden Strategien jedoch noch ein zweites gemeinsames Ziel, welches entwicklungspolitische Relevanz besitzt, nämlich die Devisenbilanz der jeweiligen Volkswirtschaft zu verbessern, um die dadurch frei gewordenen Mittel entwicklungsrelevant einzusetzen. Dabei zielt die exportorientierte Strategie auf die Erwirtschaftung von mehr Devisen auf dem Weltmarkt, während bei dem Importsubstitutionsansatz Devisen durch weniger Import (da dieser ja durch einheimische Produkte substituiert werden soll) eingespart werden sollen.[2]

Beide Ansätze sollen nun unter Betrachtung ihrer Zielsetzungen (Industrialisierung und Devisen), sowie der dazu angewandten Mittel genauer vorgestellt werden.

2.1. Exportförderung

Die Frage, ob bei einer Umsetzung der exportorientierten Strategie der die Industrialisierung induzierende Effekt gegenüber dem Deviseneffekt überwiegt, ist an diverse Faktoren geknüpft. Grundsätzlich ist es notwendig, daß die jeweilige Industrie mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist. Existiert zum einen ein schnelles Wachstum der internationalen Nachfrage nach diesem Produkt, die eine Expansion der Industrie ermöglicht und zum anderen eine intersektorale Verflechtung der Industrien, die eine Expansion der Exportindustrie zugunsten der einheimischen, d.h. für den Binnenmarkt produzierenden Industrie (z.B. Zulieferer, Rohstoffe) ermöglicht, dann überwiegt der Industrialisierungseffekt. Denn die zur Expansion der Exportindustrie notwendigen Ressourcen werden von der einheimischen Industrie und nicht durch Importe gedeckt. Sind diese Bedingungen (Nachfragewachstum und Produktionsinterdependenz) nicht erfüllt, muß sich die Exportindustrie darauf beschränken, Devisen bereitzustellen, um Güter importieren zu können, welche die einheimische Industrie nicht liefern kann. Es überwiegt also der Deviseneffekt.[3] Im Idealfall treten also Industrialisierungseffekt und Deviseneffekt gemeinsam auf, ansonsten dominiert der Deviseneffekt allein.

Aufgrund dieses Zusammenhanges ist es ratsam, Überlegungen anzustellen, welcher Industriesektor gefördert werden sollte, um den Idealeffekt von Industrialisierung und Deviseneinnahmen zu erreichen. Zu unterscheiden ist hierbei zwischen Primär- (Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte) und Sekundärgüterindustrie (industrielle Erzeugnisse).

Zieht man in Betracht, daß zahlreiche der heutigen industrialisierten Nationen zunächst in erster Linie Exporteure von Primärgütern waren (USA, Kanada, Australien, Neuseeland), liegt der Schluß nahe, der Primärgütersektor könne eine zentrale Rolle im Entwicklungsprozeß eines Landes übernehmen. Besonders bezüglich Waren, bei denen ein Land (oder eine Ländergruppe) über ein Verfügbarkeitsmonopol verfügt (Rohöl, Kaffee, Kakao etc.) bietet sich eine solche Strategie an. Andererseits ist festzuhalten, daß die Förderung einer Primärsektorindustrie im seltensten Fall die Etablierung eines Industrialisierung induzierenden Sektors darstellen kann. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen existiert auf dem Weltmarkt bei Produkten des Primärsektors eine geringe Angebots- und Preiselastizität,[4] die eine langfristige Expansion der Primärsektorindustrie verhindert. Zum anderen ist die niedrige technische Innovationsfähigkeit und die geringe Produktionsinterdependenz in der Primärgüterindustrie dafür verantwortlich, daß Verkettungseffekte und damit Entwicklungsimpulse ausbleiben.[5] Nichtsdestotrotz kann die Primärsektorindustrie die Rolle eines Devisenausgleichssektors übernehmen und zu relativ konstanten Deviseneinnahmen beitragen.[6]

Demzufolge kann ein Industrialisierung induzierender Effekt nur über die Förderung der Produktion industrieller Güter, d.h. des Sekundärsektors, erzielt werden. Doch auch hier sind Überlegungen anzustellen, welche Industrien in den Genuß staatlicher Unterstützung kommen sollten. Leitender Gedanke dabei ist, daß jene Industrien gefördert werden sollen, die einen relativen Kostenvorteil gegenüber Konkurrenzprodukten auf dem Weltmarkt aufweisen.

Dies kann dadurch zustande kommen, daß die Weiterverarbeitung von Rohstoffen (besonders von Agrarprodukten und Metallen) eine solche Reduktion der Transportkosten mit sich bringt, daß der Export des jeweiligen Rohstoffes und seine Weiterverarbeitung in einem Industrieland, verglichen mit dem Transport des verarbeiteten Produktes, zu teuer wäre.[7]

Zum zweiten, und dies ist das wesentlich bedeutendere Argument, kann sich ein Produkt dann auf dem Weltmarkt behaupten, wenn dessen Produktion komparative Kostenvorteile gegenüber anderen Ländern aufweist. Zugrunde liegt hierbei das sogenannte ‚Faktorproportionstheorem‘, welches aussagt, daß „einzelne Länder bei jenen Erzeugnissen einen Kostenvorteil aufweisen, die den im betreffenden Land relativ (d.h. verglichen mit den anderen Ländern) häufig vorkommenden und daher relativ billigen Faktor besonders intensiv einsetzen“[8]

Derartige Faktoren können beispielsweise Rohstoffe sein, besonders aber sind es einerseits Kapital und andererseits Arbeitskraft. Unterschieden wird allgemein in arbeitsintensive und kapitalintensive Produktion. Da nun Entwicklungsländer in der Regel über sehr wenig Kapital verfügen, dafür aber über viel Arbeitskraft,[9] wird dem Faktorproportionstheorem entsprechend empfohlen, sich auf arbeitsintensive Produktionszweige zu spezialisieren. Dies deckt sich mit der Tatsache, daß kapitalintensive Produktion in der Regel gleichzeitig technologieintensiv ist und somit der komparative Kostenvorteil eindeutig auf Seiten der Industrieländer liegt.[10] Zwar existieren theoretische Ausnahmen, bei denen eine Befolgung des Faktorproportionstheorems widersinnig ist, jedoch soll darauf aus Platzgründen im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden.

Nachdem bis jetzt lediglich die Bedingungen exportorientierter Industrialisierungsstrategien sowie Überlegungen zur sektoralen Differenzierung angeführt wurden, sollen nun auch die Mittel einer solchen Strategie dargelegt werden. Der politischen Führung eines Landes, welches sich für die Exportförderung entscheidet, stehen eine breite Palette von Maßnahmen zu deren Umsetzung zur Verfügung, auf deren Wesen, Wirkungsweisen und Einschränkungen hier aber nur bedingt eingegangen werden kann. Hierzu zählen: Wechselkursänderungen (Abwertung), Steuer- und Zollvergünstigungen für die jeweiligen Exportindustrien (bzw. für die Exportindustrien versorgende Importwaren), Krediterleichterungen, Vermarktungshilfen (Exportorganisationen, Exportkartelle, Messen usw.) und die Vergünstigung ausländischer Direktinvestitionen, etwa durch die Schaffung von Freihandelszonen.[11]

[...]


[1] Vgl. Bruton, Henry J.: A Reconsideration of Import Substitution. In: Journal of Economic Literature, Bd.36 (1998), 2, S.903-936; S.904.

[2] Vgl. Hemmer, Hans-Rimbert: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer: eine Einführung. 2., neubearb. u. erw. Aufl., München 1988, S.509f.

[3] Vgl. ebd. S.510, wobei dieser Überlegung Hemmers hinzuzufügen ist, daß im ersten Fall (Industrialisierungseffekt durch Nachfragewachstum und Produktionsinterdependenz) der Deviseneffekt de facto höher ist als im zweitem Fall (Bereitstellung von Devisen für Import), da durch den Nicht-Import von Gütern (die ja von der einheimischen Industrie hergestellt werden) Devisen gespart werden und durch den zunehmenden Absatz der Waren auf dem Weltmarkt die Deviseneinnahmen erhöht werden, die dann wiederum entwicklungsrelevant eingesetzt werden können. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß sich im zweiten Fall der Effekt lediglich auf die Devisen selbst beschränkt, ohne daß jedoch der Deviseneffekt höher wäre.

[4] Vgl. Bruton: Import Substitution, S.905.

[5] Am deutlichsten wird dies wohl angesichts der Rentier-Staaten der erdölexportierenden Golfstaaten, die aufgrund ihres (relativen) Verfügbarkeitsmonopols für Erdöl jegliche Industrialisierungseffekte vermissen lassen, ja der Deviseneffekt so hoch ist, daß der Staat nahezu allein davon leben kann.

[6] Vgl. Hemmer: Wirtschaftsprobleme der EL S.511f.

[7] Beispielsweise Import indischen Stahls anstatt der zu dessen Herstellung nötigen Rohstoffe, deren Transport aufgrund des Gewichtes zu teuer wäre.

[8] ebd. S.513.

[9] Vgl. Bruton: Import Substitution. S.907.

[10] Vgl. Hemmer: Wirtschaftsprobleme der EL. S.513-519, sowie: Geier, Markus: Integration in die Weltwirtschaft. S.40.

[11] Vgl. Hemmer: Wirtschaftsprobleme der EL S.521.

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638387309
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40149
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
Importsubstitution Exportförderung Industrialisierungsstrategien Politik

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