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Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend (Hermann Hesse - Demian)

Parallelen zwischen dem Leben der Hauptperson und dem des Autors

Zwischenprüfungsarbeit 2003 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Entstehungsgeschichte des Romans Pseudonym—Emil Sinclair

2. Zwei Welten

3. Kain

4. Rollentheorie

5. Der Schächer

6. Beatrice

7. Der Vogel kämpft sich aus dem Ei

8. Jakobs Kampf

9. Frau Eva

10. Anfang vom Ende

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Um meine Geschichte zu erzählen,

muss ich weit vorn anfangen.

Ich müsste, wäre es möglich, noch viel weiter zurückgehen,

bis in die allerersten Jahre meiner Kindheit

und noch über sie hinaus

in die Ferne meiner Herkunft zurück.“[1]

Mit diesen Worten regt uns der Autor zum Nachdenken an. Hier liegt der tiefe Sinn des Romans zugrunde. Hesse versucht zu deuten, dass die Geschichte der Hauptfigur nicht in dem Moment des Schreibens beginnt. Er gibt dem Leser den ersten Einblick in die Geschichte der Hauptfigur des Textes, indem er den Rezipienten in die Chronologie seines eigenen Lebens involviert. Darüber hinaus verweist er auf die Einflüsse, die sowohl auf ihn als auch auf seinen Ahnen gewirkt haben.

Bei der Interpretation des vorliegenden Textes und zeitgleicher Auseinandersetzung mit Hesses Biographie wird deutlich, dass viele Parallelen zwischen der Romanfigur Emil Sinclair und dem Autor existieren.

Hesse versteht es, einen literarischen Text derart in autobiographischer Form darzustellen, dass der Leser den Eindruck bekommen kann, es handele sich selbst um eine Autobiographie. Eben diese Relationen zwischen Leben des Autors und seinem Werk „Demian“ werde ich in dieser Hausarbeit erörtern.

Beginnend mit dem Übergang von Kindheit zu Jugend stellt Hesse eine Person dar, die in einem Zwiespalt zwischen innerer und äußerer Welt befindet, was im zweiten Kapitel behandelt wird.

Die Geschichte von Emil Sinclair ist ein intimer literarischer Text, dessen Intention es ist, auf autobiographischer Ebene Hesses Kindheitsgefühle zum Ausdruck zu bringen. Dies ist auch die Meinung vieler Schriftsteller und Kritiker, die sich intensiv mit Hesses Werken beschäftigt haben.

Darüber hinaus werden in Teilen des Romans unwirkliche Erscheinungen und Episoden beschrieben. Für einige Teile des Romans verwendet Hesse unreale Beschreibung, die wiederum Parallelen zu Hesses Leben aufweist, denn er will sein reales Erleben verschleiern. Die autobiografische Natur des Werkes beweist uns der Autor, indem er schreibt:

„Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“[2]

Mit „Demian“ wendet sich Hesse seiner Kindheit zu, manifestiert in der Jugend der Romanfigur Emil Sinclair.

Die in diesem Zusammenhang dargestellten Personen gehören ausschließlich zur inneren Welt der Hauptfigur. Als primäre Hauptfigur der äußeren Welt wird Pistorius dargestellt, der wiederum, die Biographie Hesses berücksichtigend, mit einer Person aus Hesses Leben zu vergleichen ist, nämlich Hesses Psychotherapeut Dr.Lang. „ Alle anderen Figuren des Romans sind im Sinne von Jung nur Archetypen“[3], Symbole, die uns helfen, das Gesamte zu verstehen.

1. Entstehungsgeschichte des Romans

( Pseudonym—Emil Sinclair )

Im Herbst 1917 erhielt Samuel Fischer einen Brief von Hesse, in dem der Autor den Verleger bat, eine ungewöhnliche Geschichte von einem unbekannten und kranken Schweizer namens Emil Sinclair anzuschauen. Dieser Schweizer habe Hesse gebeten das Manuskript an einen Verlag zu vermitteln. Bald bekam Hesse eine Antwort von Fischer, dass sein Lektor Oskar Loerke das Manuskript gelesen „und sehr viel Gutes dazu gesagt habe“, so dass er das Buch drucken wolle. 1919 erschien im Fischer Verlag Hesses Roman ‚Demian‘ unter dem Pseudonym Emil Sinclair.[4]

Pseudonyme haben eigene Natur und Entstehungsgründe. Der Autor verheimlicht seinen Namen vor der Öffentlichkeit, damit seine Leser durch den gewählten Namen seine Persönlichkeit nicht erkennen. Vielleicht wird auch der eigene Name aus ganz persönlichen Gründen nicht genannt, oder aus dem Respekt zu dem Menschen, deren Name verwendet wird.

Das Pseudonym Emil Sinclair, wie alle Episoden und Figuren des Romans, hat seine eigene Bedeutung. Hesse hatte das Pseudonym Emil Sinclair (nach Isaac von Sinclair, einem Freund Hölderlins) schon in seinen politischen Aufsätzen verwendet.

Die Wahl des neuen Namens lag auch an der zeitlichen Situation. Mit der Novemberrevolution trat die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen in den Vordergrund. Für sie galt die Vorkriegsgeneration als überlebt und konservativ. Der Krieg war verloren, die vorherigen Autoritäten haben ihren Wert verloren. Die Jugend brauchte eine Neuorientierung und Hesse sprach mit „Demian“ das Innenleben der Jugend in der Nachkriegszeit an. Er wollte von den jungen Leuten der Zeit beachtet und gelesen werden, deswegen versuchte er „die Jugend durch den bekannten Namen des alten Onkels nicht abzuschrecken“. Im Roman wurde eine Jugendwelt gezeichnet, es ging um Interessen und Verwirrungen der neuen Generation, um ihre Ängste und Sehnsüchte. Die Jugend fand die Erzählung faszinierend.

Emil Sinclair erhielt den Theodor-Fontane Preis für die jungen begabten Debütanten. Mitte 1920 gab Hesse seine List zu und den Preis zurück.

Für Hesse war diese Arbeit ein neuer Anfang, eine neue Erfahrung. Er wählte das Pseudonym um seine Gedanken, Phantasien und Erlebnisse auszusprechen. Unglückliches Familienleben verfolgte den Autor zu dem Zeitpunkt. Schwere Erkrankungen seiner Frau Maria Bernoulli und seines Sohnes Martin belasteten das Familienleben, was am Ende zum Zerbrechen der Familie führte. Der Tod des Vaters stürzte Hesse in eine Nervenkrise, in der er in therapeutischen Gesprächen mit dem Arzt Dr. Josef Bernhard Lang Hilfe suchte. Gleichzeitig beschäftigte sich Hesse viel mit den Werken von Freud und Jung, in den er viele Antworten auf die Fragen aus seiner Kindheit fand.

„Demian“ war für Hesse der Ausdruck einer persönlichen Neuorientierung nach der depressiven Zeit. Der neue Name bedeutete für Hesse ein Symbol für den neuen Menschen, der er später geworden war. Dr. Lang hinterließ bedeutende Spuren in Hesses Werken. Er machte den Autor auf seine Kindheit, die als Ausgangspunkt aller seinen Lebensproblemen galt, aufmerksam. Nach der Analyse der Kindheitsjahre ist für Hesse sein ganzes Leben klar geworden. Er wollte sich aussprechen, seine Geschichte den anderen mitteilen. Dabei wollte Hesse unerkannt bleiben, deswegen erschien das Buch unter dem Pseudonym — Emil Sinclair.

2. Zwei Welten

Die Hauptfigur des Romans ist der zehnjährige Emil Sinclair, welcher wie Hesse einst eine Lateinschule besucht. Das Leben Sinclairs spielt sich in einer kleinen, nicht namentlich erwähnten Stadt ab. Die Beschreibung von dieser Stadt ähnelt sich sehr Calw, wo Hesse geboren wurde und gelebt hat.

Zu Beginn des Romans beschreibt der Autor zwei verschiedene Welten, die auf Sinclair wirken.

„Die Welt war wohl bekannt, sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild und Schule... Hier wurde Morgenchoral gesungen, hier wurde Weihnacht gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die sich in die Zukunft führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte, Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort und Weisheit.“[5]

So beschreibt der Autor die eine, helle Welt. Sie ist geprägt von Erziehung und Geborgenheit, ein ruhiges, sorgloses Leben, angepasst an religiöse Sitten und Gebräuche. In diese Welt der Familie hat der Vater Sinclairs durch seine Strenge die Vorbildfunktion inne, die Rolle des Autoritären, dem Sinclair nicht zu widersprechen wagte, wohingegen die Mutter eine andere Wirkung auf ihn hat. Die Tatsache, dass sich Sinclair eher zu seiner Mutter hingezogen fühlt, resultiert daraus, dass diese nachgiebiger und verständnisvoller ist, wobei auch sie ein Sinnbild für die helle Welt der Ordnung darstellt. Es gibt in dieser Welt Pflichten, wie den Schulbesuch, oder Freuden, wie das Weihnachtsfest oder gesellschaftliches Beisammensein ( z.B. Spiele ) mit den Geschwistern.

Die Beschreibung dieser Welt ähnelt eindeutig der von Hesses Kindheit. Hesses Kindheitsparadies war mit dem Besuch der Lateinschule zu Ende, da „es in der Schule Abneigung, Furcht und Ekel gab“[6]. Er wurde verschlossen, nervös und deprimiert. Hesses Eltern wussten zu dem Zeitpunkt nicht den Grund seines Verhaltens. Dies wird bestätigt durch eine Aussage seiner Mutter, die schrieb, dass er ein besonderes Leben führte. Da in der Sekundärliteratur nicht viel über Hesses Schulzeit zu finden ist, läßt sich nur vermuten, dass er sich durch Konflikte mit seinen Schulkameraden anders und nicht erkannt bzw. verstanden fühlte.

Im Roman wird noch eine zweite Welt beschrieben. Diese Welt hingegen ist dunkel, böse und ungerecht.

„Die andere Welt begann schon mitten in unserem eigenen Haus und war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte anders. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und Handwerksburschen, Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da eine bunt Flut von ungeheueren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften Dingen, Sachen wie Schlachthaus und Gefängnis, betrunkene und keifende Weiber... Betrunkene schlugen ihre Kinder, Knäuel von jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte Frauen konnten bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im Wald, Brandstifter wurden von Landjägern gefangen... überall quoll und duftete diese zweite, heftige Welt, überall...“[7]

Hesse versucht an dieser Stelle den Leser derart in das Geschehen zu involvieren, dass dieser eine genaue Vorstellung der dargestellten abstoßenden und chaotischen Atmosphäre hat, um diese besser erleben zu können. Es wird deutlich, in welchem inneren Zwiespalt sich Sinclair befindet, da beide Welten, nicht nur die helle Welt, ihn magisch anziehen.

Eben dieser Zwiespalt bestätigt sich durch die Begegnung Sinclairs mit Franz Kromer, deren Resultat Sinclair bisher ungeahnte Gefahren und Ängste offenbart. Sinclairs Peiniger Kromer ist offenbar einem von Hesses brutalen Bekannten aus Calw[8] nachempfunden. Die vom Emil gelogene Geschichte über den Apfeldiebstahl wurde in den Roman nicht spontan integriert. Hesse, als zehnjähriges Kind, hat im Zimmer seines Vaters gezuckerte Feigen gestohlen.[9] Er hatte ein starkes Schuldgefühl, wie auch Sinclair, nachdem er gelogen hatte. Darüber hinaus läßt sich wieder die autobiographische Natur des Romans entdecken.

Mit der Begegnung von Sinclair und Kromer wird das zentrale Problem des Romans dargestellt. Über den ihn unterdrückenden Kromer wird gesagt: „Sein Vater war ein Trinker und die ganze Familie stand in einem schlechten Ruf.“[10] Weiterhin stellt Hesse Kromer in einer sehr negativen Art und Weise dar, um die Angst, die Sinclair vor ihm hatte, zu rechtfertigen. Er, Kromer, wird als Kind mit männlichen Gesichts- und Körperzügen beschrieben, als eine starke Person, sich von Sinclair in Sprache und Benehmen stark unterscheidend, was seine Gesellschaft für Sinclair nahezu unerträglich machte .

[...]


[1] Hermann Hesse: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend. Shurkamp Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, 2002, S. 7

[2] Hermann Hesse: Demian. S.8

[3] Gunnar Decker: Hesse — ABC. Reclam; Leipzig, 2002, S.57

[4] Vgl. Hermann Hesse, hg.v. Klaus Walther. Deutscher Taschenbuch Verlag; München, 2002, S.71

[5] Hermann Hesse: Demian, S.9

[6] Vgl. Hermann Hesse, hg.v. Klaus Walther. Deutscher Taschenbuch Verlag; München, 2002, S.29

[7] Hesse, Demian, S.9

[8] Vgl. Joseph Mileck: Hermann Hesse. Dichter, Sucher, Bekenner. Biographie; C. Bertelsmann Verlag, München, 1979, S. 86

[9] Vgl. www.hhesse.de

[10] Hesse, Demian, S.13

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638386890
ISBN (Buch)
9783638642941
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40088
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
Geschichte Emil Sinclairs Jugend Hesse Weltkriegen Hermann Hesse Biografie Theorie Literatur Demian Emil Sinclair

Autor

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Titel: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend  (Hermann Hesse - Demian)