Lade Inhalt...

Der Zerfall des jugoslawischen Staates und die Politik der "ethnischen Säuberung"

Hausarbeit 2005 24 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entwicklung des Vielvölkerstaates Jugoslawien
2.1 Jugoslawien 1918-1945
2.2 Jugoslawien 1945-1980
2.3 Jugoslawien 1980-2003

3 Das Ende Jugoslawiens

4 Die Politik der ethnischen Säuberungen
4.1 Nationalismus und Nationalisierung
4.1.1 Der Nationalismus im zweiten Weltkrieg
4.1.2 Der Nationalismus unter Tito und der „neue“ Nationalismus
4.1.3 Nationalismus und Feindbilder
4.2 Die Rolle der Medien
4.3 Fallbeispiele
4.3.1 Der Hufeisenplan
4.3.2 Srebrenica

5 Zusammenfassung

6 Quellenangabe

1 Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit betrachtet den Zerfall Jugoslawiens unter der Berücksichtigung der ethnischen Säuberungspolitik. Der erste Teil der Hausarbeit befasst sich mit dem geschichtlichen Verlauf und der Entwicklung des Staates Jugoslawien seit 1918. Hierbei werden einige wichtige geschichtliche Verläufe sowie Zusammenhänge erläutert, die für die Ereignisse des letzten Jahrzehnts von Bedeutung sind. Der erste Teil befasst sich mit der Geschichte des Staates „Jugoslawien“ von 1918 bis 2003.

Im Kapitel 2.1 wird die Zeit der jugoslawischen Königsdiktatur bis zum Erscheinen von Josip Broz Tito im Zweiten Weltkrieg dargestellt. Im Kapitel 2.2 wird die Zusammensetzung des Staates unter Tito beschrieben. Das Kapitel 2.3 befasst sich mit der Zeit nach dem Tode Titos bis zu den Republikwahlen 1990. In einer Zusammenfassung (Kapitel 3) wird dann schließlich der Zerfall Jugoslawiens beschrieben, einschließlich des Zerfalls des Milosevic-Regimes und dessen Sturz im Jahr 2000.

Der zweite Teil behandelt die Politik der Säuberungen und nutzt als Grundlage die Vorgeschichte Jugoslawiens.

Das Kapitel 4.1 beschreibt die vorherrschenden Formen des Nationalismus und dessen Bestandteile. Dabei werden die Arten des Nationalismus, dessen Entwicklung und Folgen näher erläutert. Hierbei wird verdeutlicht, dass der Nationalismus als ein grundlegendes Element zu politisch bedingten Säuberungen gesehen werden muss. Zusätzlich wird im Kapitel 4.2 die Entwicklung des Nationalismus unter dem Aspekt der Instrumentali­sierung von Medien behandelt.

Als Beispiele für Genozide erscheinen im Kapitel 4.3 die Fallbeispiele des Hufeisenplans und des „Massakers von Srebrenica“. Die beiden Beispiele werden angeführt, um zu verdeutlichen, wie erschwerend eine Arbeit im Sinne völliger Aufklärung sein kann, wenn voreilige - von Medien ungeprüfte - Informationen verbreitet werden bzw. Berichti­gungen für die Öffentlichkeit nicht stattfinden. Die Beispiele zeigen auch den allzu leichtsinnigen Umgang mit Opferzahlen auf. Daher wird in dieser Arbeit auf die ausführlichen Angaben von Opferzahlen weitgehend verzichtet. In der Zusammenfassung werden anschließend die Gründe für die zwingende Notwendigkeit einer Aufklärung aller Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien dargestellt.

2 Die Entwicklung des Vielvölkerstaates Jugoslawien

Der Vielvölkerstaat „Jugoslawien“ kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Das Gebiet der Balkanvölker war schon seit Jahrhunderten von geopolitischen Wandlungen sowie von Gegensätzen und Konflikten einzelner Völkergruppen geprägt.

Die Bevölkerung auf dem Gebiet Jugoslawiens war schon immer in zwei Gruppen unterteilt. Die „ narodi “, die staatstragenden Völker, bestanden aus Serben, Montenegrinern, Mazedonier, Kroaten, Slowenen und Moslems. Der Teil der „ narodnosti “, der übrigen Völkerschaften oder Nationalitäten, beinhaltete Deutsche, Ungarn, Albaner, Rumänen, Türken, Tschechen, Slowaken, Russen und Polen. Die Idee eines einheitlichen Staates aller Südslawen stammt bereits aus dem 19. Jahrhundert. Diese Vereinigungsidee wechselte immer wieder zwischen zwei Modellen. Einerseits existierte die Idee eines freien Zusammen­schlusses von durchaus verschiedenen Völkern. Andererseits war da die Idee einer nationalen Vereinigung rund um das serbische Fürstentum. [1]

2.1 Jugoslawien 1918-1945

Nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie bildeten Slowenien, Kroatien, Bosnien, Montenegro und Serbien im Dezember 1918 das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (serb.: „Kraljevina S rba, H rvata i S lovena“ - SHS ). Was zunächst auf eine ungleichmäßige Behandlung gegenüber den anderen Völkern in der Namensgebung aussah, lässt sich damit erklären, dass die Mazedonier zu damaliger Zeit als Südserben kategorisiert wurden und die muslimischen Bosnier lediglich als Religionsgemeinschaft [2] begriffen wurden. Nach Streitigkeiten um die innere Ordnung wurde am 28 Juni 1921 die zentralistische Verfassung eingesetzt, welche die Serben begünstigte.

Es entstand der Vielvölkerstaat Jugoslawien unter der Vorherrschaft der Serben. Die damalige Verfassung bildete zugleich eine schlechte Basis für den neu gegründeten Staat, da sie den verschiedenen Völkern keine Gleichberechtigung gewährleistete. Die Serben waren als Bevölkerungs­gruppe den anderen Völkern zahlenmäßig überlegen und dominierten die Verwaltung der Regierung und der Armee. Das Gefühl der Ungleichbehandlung rief bald die Opposition aller Nicht-Serben hervor. Insbesondere die Kroaten, deren Kultur auf ihrer langen - von der österreichisch-ungarischen Beziehung beeinflussten - Geschichte basierte, fühlten sich in ihrem politischen und kulturellen Betätigungsfeld eingeschränkt und ungerecht behandelt. Eine führende Rolle in den politischen und sozialen Auseinadersetzungen dieser Zeit spielte die kroatische Arbeiterpartei unter Führung von Stjepan Radic, der 1928 im Parlament von einem montenegrinischen Abgeordneten erschossen wurde.

Zu weiteren heftigen innenpolitischen Auseinandersetzungen führte die Aufteilung des Landes in 35 Verwaltungsbezirke (serb.: „ oblasti“), da diese Aufteilung weder unter der Berücksichtigung der historischen noch der ethnischen Grenzen stattgefunden hatte.

Im Jahr 1929 setzte Aleksandar I. für zwei Jahre die Verfassung außer Kraft, um das Parlament aufzulösen und seine Königsdiktatur zu errichten. Am 3.10.1929 wurde das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen in Königreich Jugoslawien (serb.: „ Kraljevina Jugoslavija“) umbenannt. Es wurden neun Banschaften (serb.: „ Banovine“) errichtet, von denen sechs serbisch waren. Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurden ebenso zerteilt wie auch Serbien. Im ersten Jahr der Diktatur war das Königreich Jugoslawien ein reines Polizeiregime:

„Die Bürgerrechte waren aufgehoben oder existierten nur auf dem Papier. Ein königliches Dekret ermöglichte die Deportation und Internierung politisch missliebiger Personen ohne jedes Gerichtsurteil. Die Unab­hängigkeit der Gerichte wurde beseitigt, zum Schutz des Staates ein Sonder­gericht geschaffen, gegen dessen Urteile nicht berufen werden konnte.“ [3]

Am 3.9.1931 wurde eine neue Verfassung bekannt gegeben, die den zentralistischen Staat­aufbau und damit die serbische Vorherrschaft festigen sollte. Am 9.10.1934 wurde Aleksandar I. in Marseille von kroatischen Nationalisten, der Ustaša und der mazedonischen Terrororganisation IMRO ermordet. Als Vertretung für den zehnjährigen Sohn Aleksandar’s I. wurde ein dreiköpfiger Regentschaftsrat eingesetzt, an dessen Spitze Prinz Pavle Karadjordević - ein Cousin des Königs - stand.

Slowenien und Kroatien versuchten währenddessen, eine bessere Position im Königreich Jugoslawien zu erreichen. Kroatien forderte einen Ausgleich der Bezirksgrenzen und Auto­nomierechte. Die Verhandlungen wurden dabei hauptsächlich von den Fragen der Ab­grenzung Kroatiens, des Schicksals von Bosnien und der künftigen föderativen Struktur behindert. Währenddessen wurde Kroatien durch das faschistische Italien und das national­sozialistische Deutschland immer mehr gestärkt. Gerüchte um eine mögliche Abspaltung Kroatiens und einen Anschluss an Italien wurden lauter. So sah sich Belgrad umgehend zu einem Zugeständnis gezwungen. Am 26.8.1939 wurde die Banschaft Kroatien ins Leben gerufen.

Als im April 1941 das Königreich Jugoslawien von den Deutschen angegriffen wurde, erfolgte wenige Tage nach dem Angriff die Kapitulation. Das Land zerfiel in eine Reihe von besetzten und annektierten Gebieten. Slowenien wurde zwischen Deutschland und Italien aufgeteilt. Serbische Vojvodina wurde von Ungarn besetzt. Östliche Teil Mazedoniens und der Südosten Serbiens wurden von Bulgarien annektiert. Kosovo und Westmazedonien wurden mit dem, unter italienischer Besatzung stehenden Albanien vereinigt (Großalbanien). Am 12.4.1941 rief Kroatien unter Duldung von Italien und Deutschland einen „unabhängigen Staat Kroatien“ (serb.: „Nezavišna Država Hrvatska“ - NDH) aus. Als Führer des Staates ernannte sich der Ustaša-Führer Ante Pavelić. An den unabhängigen Staat wurden Staatsgebiet Bosnien-Herzegowina und Teile Serben annektiert (Großkroatien). Der „unabhängige Staat Kroatien“ umfasste eine Einwohnerzahl von rund 6,5 Millionen, von denen nur 3,5 Millionen Kroaten und immerhin 2 Millionen Serben und rund 800.000 Muslime waren.

Der zweite Weltkrieg kann im Bezug auf die Politik der ethnischen Säuberungen zwischen den südslawischen Völkern bereits als Ausrottungskrieg bezeichnet werden. Großkroatien hatte einen kroatischen Bevölkerungs­anteil von 50% und die nationalistischen Ustaša strebten nach einem homogenen Staat. Es kam zu Zwangskatholisierungen und Schändungen orthodoxer Kirchen. Verhaftungen, Vertreibungen und Mord waren keine Ausnahmen. Insgesamt fielen etwa 300.000 Serben dem kroatischen Mordkommando zum Opfer. Um Widerstand gegen die Ustaša und die deutsche Besatzung leisten zu können, reorganisierten sich in Serbien die national­monarchistischen Četniks unter Oberst Mihajlović. Die Četniks bestanden zum größten Teil aus königstreuen Offizieren. Sie bildeten jedoch keine geschlossene Wider­standsgruppe. Es gab vielmehr verschiedene Gruppen, die hauptsächlich in den Gebieten operierten, in denen die serbische Bevölkerung zahlenmäßig überlegen war. Die serbischen Četniks bekämpften die feindlichen Ustaša sowie die kroatischen und auch bosnischen Minderheiten.

Unter Josip Broz Tito bekämpfte die Volksbefreiungsarmee (serb.: „Partisanen“), die aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestand, die Besatzer sowie die Četniks als auch die Ustaša. Wiederum bekämpften sowohl die Četniks als auch die Ustaša Tito’s Partisanen, um die kommunistische Vorherrschaft zu verhindern.

2.2 Jugoslawien 1945-1980

Gegen Ende des II. Weltkriegs kontrollierten die Partisanen bereits weite Teile des Landes. Nach der Kapitulation Deutschlands wurde von Tito eine Volksabstimmung veranlasst, die zur Abschaffung der Monarchie führte. Am 29.11.1945 konnte sich der kommunistische Rat der Volksbefreiung unter Tito’s Führung als oberstes Regierungsorgan etablieren. Die Völker Serbiens, Kroatiens, Sloweniens, Mazedoniens, Montenegros und Bosnien und Herzegowinas waren als Völker gleichberechtigt. Als Minderheiten wurden alle Gruppen bezeichnet, die außerhalb Jugoslawiens einen eigenen Staat hatten wie z.B. die Deutschen. Zudem gab es die Möglichkeit, sich nicht zu einer bestimmten ethnischen Gruppe zugehörig, sondern als „Jugoslawe“ zu bekennen.[4]

Ab 1945 bezeichnete sich das nun neu entstandene Jugoslawien als Demokratisches Föderatives Jugoslawien (Demokratska Federativna Jugoslavija). Erster Staatspräsident des befreiten Jugoslawien wurde Ivan Ribar. Erster Ministerpräsident des nunmehr kommu­nistisch regierten Staates wurde Josip Broz Tito. In der Zeit von 1946 bis 1963 trug der Staat den Namen „ Föderative Volksrepublik Jugoslawien“ (serb.: „ Federativna Narodna Republika Jugoslavija“). Ab 1963 wird sie dann schließlich in die „ Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“ (serb.: „Socijalistička Federativna Republika Jugoslavija“ - SFRJ) umge­wandelt. Der sozialistische Bundesstaat bestand aus den sechs Teilrepubliken:

- Slowenien
- Kroatien
- Bosnien und Herzegowina
- Montenegro
- Serbien
- Mazedonien

[...]


[1] [CALI96], Kapitel 2

[2] [CALI96], Kapitel 1

[3] [LIBA91], Kapitel 6, S.33

[4] [CALI96], Kap 3

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638386760
ISBN (Buch)
9783638646444
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40070
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Genozid und Diasporaforschung
Note
2+
Schlagworte
Zerfall Staates Politik Säuberung Nationalstaatenbildung Bevölkerungspolitik

Autor

Zurück

Titel: Der Zerfall des jugoslawischen Staates und die Politik der "ethnischen Säuberung"