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Die wirtschaftlichen Folgen der großen Pest (1348 -1351)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Biologisten/Malthuser-Kontroverse
2.1. Wilhelm Abel
2.2. Heiner Haan/Karl Friedrich Krieger
2.3. Karl Georg Zinn
2.4. Peter Schuster

3. Weitere Forschungspositionen

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In den Jahren 1848 bis 1851 wütete die Pest, wahrscheinlich eingeschleppt von der russischen Halbinsel Krim, in ganz Mitteleuropa. Knapp ein Drittel der europäischen Bevölkerung erlag wahrscheinlich dem „Schwarzen Tod“. Über Jahrzehnte hatte die Forschung nach Abwägung einiger anderer Theorien vor allem eine These parat, wenn es um die Frage ging, wie die starke Ausbreitung und Übertragung der Pest zu erklären ist. Übeltäter, glaubt der Großteil der Historiker, war der Rattenfloh. Dieser sprang demnach von Wanderratten auf den Menschen über und infizierte ihn somit mit dem Pesterreger.

Die Überlebenschancen, Verbreitungsgebiete, Ausprägungen und die verschiedenen Erscheinungsarten der Seuche sollen im Folgenden nicht weiter thematisiert werden. Sie würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die vor allem versuchen soll, die wirtschaftlichen Folgen der Großen Pest aufzuzeigen.

Denn auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte bahnen sich für die Zeit der großen Pest zunehmend neue Erkenntnisse an. Hier vertrat die Forschung, die in Deutschland vor allem in Friedrich Lütge und Wilhelm Abel ihre Pioniere hat, lange Zeit die These, dass die Pest eine spätmittelalterliche Agrarkrise ausgelöst hat, die in der Forschung allerdings leider nur allzu und allzu schnell oft zu einer allgemeinen Wirtschaftskrise des Spätmittelalters stilisiert wurde.

Doch das Gebäude der wissenschaftlichen Krisentheorie bröckelte in den letzten Jahrzehnten immer mehr.

Vor allem die Interdependenzen zwischen Bevölkerungsverlust und wirtschaftlichen Folgen sowie die Entwicklung zwischen Löhnen und Preisen in den einzelnen Regionen müssen, das zeigen Forschungen, neu untersucht und bewertet werden[1].

Der Bielefelder Historiker Peter Schuster fasste die neuen Erkenntnisse und Interpretationsansätze in seinem Aufsatz zur „Krise des Spätmittelalters“ in der Historischen Zeitschrift 1999 erstmals zusammen. „Die (spätmittelalterliche) Krise“, ist der Bielefelder Historiker sicher, „ist zuallerst eine Imagination des 20. Jahrhunderts“[2].

In dieser Arbeit soll, um Missverständnissen vorzubeugen, keineswegs versucht werden, eine chronologische Abhandlung der Entwicklungen für die letzten Jahrzehnte auf diesem Forschungsfeld aufzuzeigen. Viele neue Erkenntnisse in den letzten Jahrzehnten sind parallel, manche sogar interdependent gewonnen worden. Sie alle mit einer Garantie von Vollständigkeit wiederzugeben, gliche einer Sisyphusarbeit.

Vielmehr soll in dieser Arbeit ein Überblick über einige wichtige Forschungspositionen und ihrer bekanntesten Vertretern gegeben werden, welche die Forschung auf diesem Gebiet nachhaltig geprägt und neue, wichtige Erkenntnisse gewonnen haben.

Natürlich können die hier diskutierten Forschungspositionen und Ansätze nur eine kleine Auswahl darstellen. Ebenfalls ist zu berücksichtigen, dass diese Abhandlung auf Grund des engen Rahmens nur einen sehr kurzen Überblick bieten kann. Für weitere Informationen über die diversen Forschungspositionen und ihre Vertreter verweise ich auf die angegebene Literatur.

2. Die Biologisten/Malthuser-Kontroverse

Wenn auch, wie später noch in dieser Arbeit zu zeigen wird, die Aussagen über die Existenz bzw. Nicht-Existenz einer wirtschaftlichen Krise als Folge der Pest stark schwanken, so scheint zumindest sicher, dass es zu einem Bevölkerungsrückgang kam[3].

Über Zahlen kann angesichts der spärlichen Quellenlage nur spekuliert werden. Sie schwanken für den Beginn des 13. Jahrhunderts für Mitteleuropa in der Literatur oft zwischen 30 und 80 Millionen. Dass ein Bevölkerungsrückgang aber bereits vor der Pest einsetzte, die dann noch einmal geschätzte 1/3 Drittel der Bevölkerung dahinraffte, scheint sich mehr und mehr als sicheres Faktum herauszukristallisieren und ist die derzeit, auf das malthusische Erklärungsmodell zurückgehende, gängige Meinung in der Forschung.

Über die Gründe für Bevölkerungsrückgänge und für den Bevölkerungsrückgang der ab Ende des 13. Jahrhunderts einsetzte, streiten sich zwei Forschergemeinden: Malthuser und Biologisten.

Das malthusische Erklärungsmodell geht auf den Bevölkerungstheoretiker Th. R. Malthus (1766-1800) zurück und besagt, dass die Pestepidemie lediglich eine Folgeerscheinung eines durch bestimmte Voraussetzungen bereits vorgegeben Trends ist. Demnach neigt die Bevölkerung grundsätzlich dazu, schneller als die ihr zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel zu wachsen, dann aber wenn sie an der Grenze ihrer Ressourcen gelangt sei, sich unter dem Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in einem schmerzhaften Anpassungsprozess wieder zurückzubilden.[4] Als ein wichtiger Vertreter des malthusischen Erklärungsmodells gilt Michael Postan, der beobachtete, dass die Bevölkerung bereits spätestens seit der Hungerkatastrophe 1313-1317 zurückging.

Nach der Vorstellung der „Biologisten“ wird der Bevölkerungsstand dagegen entscheidend durch exogene Einflüsse bestimmt. Die Pestepidemie war demnach der hauptsächliche Grund, warum die Bevölkerung zurückging – weitestgehend unabhängig von den jeweiligen ökonomischen Bedingungen.

Auch wenn das Erklärungsmodell von Malthus derzeit in der Forschung am meisten Anerkennung findet, ist hiermit nicht die außerordentliche Länge des Bevölkerungabschwungs zu erklären, der über eineinhalb Jahrhunderte andauerte. Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts verbesserten sich die Lebensverhältnisse in der Masse der Bevölkerung, was nach der These von Malthus zu einem Wiederanstieg der Bevölkerung hätte führen müssen, der allerdings ausblieb.

Zu den bekanntesten Vertretern der Biologisten gehören die Engländer John Hatcher und R.S. Gottfried[5]. Ihrer Ansicht nach ist der langanhaltende Bevölkerungsschwund, bei gleichzeitig steigendem Lebensstandard, in erster Linie durch die kumulative, also (an)häufende, Wirkung der in dieser Zeit in regelmäßigen Abständen immer wieder auftretenden Pestepidemien zu erklären. Diese habe die Sterblichkeit so negativ beeinflusst, dass die jeweiligen Erholungsphasen bereits im Keim erstickt wurden.

Beide Theorien haben allerdings gravierende Mängel. Während die Gruppe der Biologisten nicht sicher erklären können, warum der Bevölkerungsschwund bereits Jahrzehnte vor der Pest begann, mangelt es den Malthusern an Erklärungen für die Tatsache, dass der Bevölkerungsabschwung auch dann andauerte, als bereits von einem wirtschaftlichen Aufschwung zu sprechen ist (Ende 14. Jahrhunderts).

2.1 Wilhelm Abel

Ein Mann, ein Wort, ein Missverständnis, möchte man fast sagen, wenn von Wilhelm Abel (1904-1985) die Rede ist. Der deutsche Historiker prägte in seiner Habilitationsschrift „Agrarkrisen und Agrarkonjunktur in Mitteleuropa vom 13. bis zum 19. Jahrhundert“[6] den Begriff der Agrarkrise für das Spätmittelalter. Darunter verstand Abel das langfristige Missverhältnis zwischen den Erlös- und Kostenpreisen des Landbaues, den Rückgang des Getreideanbaus und den Abfall der Grundrenten, verbunden mit einem verstärkten Anstieg leer werdender Dörfer und unbewirtschafteter Fluren. Auch wenn Abel den Begriff der „Agrarkrise“ wenige Jahre später revidierte und in „Agrardepression“ änderte, prägte der Begriff die Geschichtsforschung und wurde zu einem so genannten „terminus technicus“, der auch heute noch weit verbreitet ist. Abel untersuchte als einer der ersten Historiker die Entwicklung von Getreidepreisen und Löhnen und entwickelte den Begriff der „Lohn-Preis-Schere“, der ein weiterer Grundbegriff der Abelschen Forschung geworden ist[7]. Diese „Lohn-Preis-Schere“ fasst nichts anderes zusammen, als die Beobachtungen von Abel, dass sich die Löhne in der Landwirtschaft während bzw. nach der Pest exorbitant erhöht hatten (weil die Bevölkerung zurückging), die Preise aber nur moderat gestiegen, teilweise sogar gefallen waren. Dies habe, vermutet Abel, die Landwirtschaft unrentabler gemacht und zur Aufgabe von Dörfern und von bisher noch landwirtschaftlich genutzten Flächen geführt. Abel sprach, ein weiterer wichtiger terminus technicus, daraufhin in Folge oft von „Wüstungen“.[8]

Abels Erklärung für die von ihm prognostizierte konjunkturelle Depression in der Landwirtschaft im 14. und 15. Jahrhundert lag in den fehlende Absatzmöglichkeiten für landwirtschaftliche Produkte, die er wiederum auf eine mangelnde Nachfrage zurückführte. Der Grund für eben diese mangelnde Nachfrage war laut Abel ein durch Hungersnöte seit Beginn des Jahrhunderts und durch Pestepidemien seit Mitte des 14. Jahrhunderts verursachter Bevölkerungsrückgang gewesen.

[...]


[1] Hauschild, Ursula: Studien zu Löhnen und Preisen in Rostock im Spätmittelalter, Köln 1973

[2] Schuster, Peter: Die Krise des Spätmittelalters, in: Historische Zeitschrift, München 1999, S.53

[3] McEvedy, F.C./Jones, R.: Atlas of world population history. Penguin 1978

[4] Haan, Heiner/Krieger, Karl Friedrich: Einführung in die englische Geschichte, Stuttgart 1982, S.50

[5] Haan, Heiner/Krieger, Karl Friedrich: Einführung in die englische Geschichte, Stuttgart 1982, S.50

[6] Abel, Wilhelm: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswirtschaft Mitteleuropas seit dem hohen Mittelalter. Hamburg 1978.

[7] Abel, Wilhelm: Die Wüstungen des ausgehenden Mittelalters, Stuttgart 1976, S. 104ff

[8] Abel, Wilhelm: Strukturen und Krisen der spätmittelalterlichen Wirtschaft, Stuttgart 1980, S.60

Details

Seiten
25
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638386715
ISBN (Buch)
9783638651530
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40059
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Folgen Pest Mittelalter

Autor

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