Lade Inhalt...

Der Konflikt in der Krajina 1991-1995

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 39 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Der krieg um die krajina (1991-1995)
2.1. Vorgeschichte. Die Ursachen des Konfliktes
2.1.1. Die Erosion Jugoslawiens
2.1.2. Die serbische Minderheit in Kroatien
2.1.3. Die Positionen der Regierungen zu Beginn des Konflikts
2.2. Krieg in drei Phasen
2.2.1. Phase 1: "Heißer" Krieg (Juli 1991-Januar 1992)
2.2.2. Phase 2: Weder Krieg noch Frieden (1992-1995)
2.2.3. Phase 3: Die kroatischen "Rückeroberungen" (Mai/August 1995)
2.3. Der spezifische Charakter des Krieges: Chaos und "ethnische Säuberungen"
2.4. Der Krieg in Kroatien – ein "ethnischer Konflikt"?

3. Die Einmischung der "internationalen Gemeinschaft"
3.1. Die Interessen der Interventionsmächte
3.2. Die voreilige Anerkennung Kroatiens

4. UNPROFOR – Der Blauhelmeinsatz in Kroatien
4.1. Exkurs: Geschichte und Wesen von UNO-Friedensmissionen
4.2. Die UNO-Mission in der Krajina (1992-1995)
4.3. Das Scheitern von UNPROFOR
4.4. Scheiterte UNPROFOR am Defensiv-Grundsatz?
4.5. Die wahren Gründe für das Scheitern von UNPROFOR
4.6. Westliche Militärhilfe für Kroatien
4.7. Fazit: Die UNO-Mission in der Krajina – Einseitige Unterstützung großkroatischer Ambitionen
4.8. Was ist von "humanitären Motiven" zu halten?

SchluSSbemerkung: Der Konflikt in der Krajina und die Durchsetzung Einer neuen Weltordnung

LITERATURVERZEICHNIS

Anmerkung: Diese Arbeit wurde nach den Regeln der alten Rechtschreibung verfaßt.

1. Einleitung

In der Mitte des Jahres 1991 kam es in der früheren jugoslawischen Republik Kroatien zu bewaffneten Konflikten, die schließlich zum Krieg führten. Dieser Krieg war eine der Etappen auf dem Weg zum endgültigen Zerfall der "Föderativen Volksrepublik Jugoslawien". Den Anlaß zum Krieg bildete die ungelöste Frage des Krajina-Gebiets, einer mehrheitlich von Serben bewohnten Region, die insgesamt ungefähr ein Drittel Kroatiens einnimmt.

Der in dieser Arbeit verwendete "Krajina"-Begriff bedarf einer kurzen Erläuterung. Grundsätzlich ist dabei mit "Krajina" nicht nur die geographische Region Krajina im Süden Kroatiens gemeint, sondern ebenso die Regionen West- und Ostslawonien. Die Verwendung eines erweiterten Krajina-Begriffs ist deshalb sinnvoll, weil die Entwicklung aller drei Regionen im beobachteten Zeitraum parallel verlief: Krajina, West- und Ostslawonien befanden sich ursprünglich auf kroatischem Territorium, wiesen aber eine mehrheitlich serbische Bevölkerung (bzw. starke serbische Minderheiten) auf. Infolge dessen wurden alle drei Gebiete nach 1990 sowohl von serbischer als auch von kroatischer Seite für sich beansprucht. Nach Kriegsbeginn wurde die Krajina ebenso wie West- und Ostslawonien von serbischen Einheiten erobert. Wenig später schlossen sich alle drei Gebiete zur "Republika Srbska Krajina" und damit zu einem einheitlichen politischen Gebilde zusammen. Etwa zur selben Zeit wurden in diesem Gebiet drei UNO-Schutzzonen implementiert – der Beginn eines UNO-Blauhelmeinsatzes, der bis 1995 dauern sollte. All diese Gemeinsamkeiten zusammengenommen legen die Verwendung des Begriffs "Krajina" als Sammelbegriff nahe. Das Thema dieser Arbeit "Der Konflikt in der Krajina 1991-1995" bezieht sich dementsprechend auf den Konflikt in allen drei Regionen.

Um den Konflikt in der Krajina verstehen zu können, müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden: Hier ist zum ersten die extreme "Gemengelage" zu nennen, die prägend für das gesamte frühere Jugoslawien ist. Denn bis 1991 siedelten Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Sprachen und Konfessionen verstreut auf einem relativ kleinen Territorium. Dieser Umstand führte nach dem Zerfall des Bundesstaats zu einer Vielzahl von Minderheitenproblemen, von denen eines das der serbischen Minderheit in Kroatien ist.

Zum zweiten ist für das Verständnis des Konflikts in der Krajina eine Auseinandersetzung mit der Geschichte Jugoslawiens unabdingbar – insbesondere deswegen, weil alle Konfliktparteien die Geschichte (und hier vornehmlich Mythen) für ihre Zwecke instrumentalisiert haben.

Schließlich erschwert auch die breite Fächerung von Akteuren das Verständnis dieses Konfliktes. Denn neben den zahlreichen Interessengruppen aus der Region selbst, engagierten sich noch eine ganze Reihe auswärtiger Mächte und die mit ihnen verknüpften internationalen Organisationen im Krieg auf dem Balkan.

Da eine ausführliche Diskussion all dieser Aspekte den Rahmen einer Hauptseminararbeit sprengen würde, können viele von ihnen hier nur gestreift werden. Ein klarer Schwerpunkt wurde mit der Untersuchung des internationalen Engagements in der Krajina gesetzt, dessen wichtigstes Instrument die Entsendung der Blauhelmtruppe UNPROFOR war. Diesbezüglich mußten auch die Motive der internationalen Akteure geklärt werden, wobei versucht wurde, hinter den offiziellen Verlautbarungen die wahren Interessen deutlich zu machen.

Ein weiterer Aspekt des Themas ist der Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges (1989/91). Denn erstens wäre es ohne den Zerfall des "Ostblocks" kaum so rasch zum Zerfall Jugoslawiens gekommen.[1] Darüber hinaus wurde auch das internationale Engagement in Jugoslawien – welches vor allem ein Engagement des Westens war – erst durch die Erosion des Warschauer Paktes ermöglicht.[2] So wurde das "Krisenmanagement" in der Krajina in Relation zur Entstehung einer neuen Weltordnung betrachtet, die die Ordnung des Kalten Krieges inzwischen endgültig abgelöst hat.

Noch eine Bemerkung zu den verwendeten Quellen: Der Konflikt in der Krajina hat ebenso wie die anderen jugoslawischen "Erbfolgekriege" in der westlichen Öffentlichkeit ein breites Echo gefunden. Im Zusammenhang damit ist eine Fülle von Publikationen erschienen. Leider ist der Großteil dieser Publikationen für wissenschaftliches Arbeiten nur sehr bedingt brauchbar. Manche Veröffentlichungen kranken unter anderem daran, daß ihre Verfasser fanatische Anhänger einer Konfliktpartei und ihre Darstellungen dementsprechend stark subjektiv gefärbt sind.[3] Andere Veröffentlichungen weisen methodische Mängel auf und wirken – offensichtlich motiviert durch die seinerzeit guten Möglichkeiten für kommerzielle Ausschlachtung – mehr oder weniger hastig zusammengeschrieben.[4] Wenig brauchbar sind auch die meisten Darstellungen von journalistischer Seite, wie etwa das im Stil eines Abenteuerromans verfaßte Somebody else's War von Paul Harris.[5] Eine löbliche Ausnahme bildet hier Misha Glennys The Fall of Yugoslavia, auf das sich weite Passagen im ersten Teil der Arbeit stützen. Ferner war für den Abschnitt über die UNO-Mission in der Krajina die Untersuchung Managing Arms in Peace Processes von Barbara Ekwall-Uebelhart und Andrei Raevsky[6] sehr hilfreich – wobei man mitunter erstaunt ist, daß in einer offiziellen UNO-Publikation derart harsche Kritik an der "Weltorganisation" laut werden kann.

In diesem Zusammenhang soll außerdem auf die Gesamtdarstellung Land ohne Wiederkehr von Svein Mønnesland hingewiesen werden. Diese Veröffentlichung bietet – trotz des populärwissenschaftlichen Grundtenors – einen sehr guten Überblick über das Thema, reicht von der jugoslawischen Frühgeschichte bis zum Dayton-Abkommen 1995 und glänzt zudem durch eine Fülle nützlichen Datenmaterials.

2. Der krieg um die krajina (1991-1995)

2.1. Vorgeschichte. Die Ursachen des Konfliktes

Im folgenden Abschnitt sollen die Ursachen des Konflikts in der Krajina betrachtet werden. Gezeigt wird, wie es zum Zusammenbruch Jugoslawiens kam, wie die Frage der Krajina-Serben durch diesen Zusammenbruch akut wurde und schließlich, welche Rolle nationale Eliten bei der Zuspitzung des Konfliktes spielten.

2.1.1. Die Erosion Jugoslawiens

Das von Tito 1945 geschaffene zweite Jugoslawien war Zeit seines Bestehens von räumlichen Disparitäten und daraus resultierenden Verteilungskämpfen geprägt. Dabei führte das jugoslawische Umverteilungsmodell allerorten zu einem Gefühl der Benachteiligung: Während man in den prosperierenden Teilrepubliken Kroatien und Slowenien das Gefühl hatte, einen zu großen Teil des erwirtschafteten Sozialprodukts an die Zentrale abführen zu müssen, bemängelten strukturschwache Regionen wie das Kosovo oder die Vojvodina, zuwenig aus dem gemeinsamen Topf zu erhalten. Dennoch blieb Jugoslawien, nicht zuletzt dank seiner geopolitischen Lage und der integrativen Kraft seines Staatspräsidenten Tito, bis zu Beginn der 80er Jahre stabil. Doch spätestens mit dem Tod Titos (1980) begann der Zerfall des von ihm gegründeten Staates. Durch die Wirtschaftskrise, die schon Ende der 70er Jahre eingesetzt hatte, war der Lebensstandard rapide gesunken. Die Wirtschaftskrise verschärfte die Verteilungskämpfe und begünstigte so das Wachstum nationalistischer Tendenzen in den Teilrepubliken. Während die Bundespolitik zunehmend paralysiert war, wirtschafteten die Teilrepubliken auf eigene Faust und verfolgten teilweise bereits eine eigene Außenpolitik.

Doch den entscheidenden Anstoß zum Zerfall Jugoslawiens bot der ab 1989 einsetzende Zusammenbruch des gesamten "real-existierenden Sozialismus". Der damit verbundene Epochenwechsel untergrub beide Grundpfeiler des jugoslawischen Selbstverständnisses – das Prinzip der Blockfreiheit und den Selbstverwaltungssozialismus. Denn war einerseits der Sozialismus weltweit diskreditiert, so war andererseits die Blockfreiheit nach dem Wegfall der Blöcke überflüssig geworden.

Wie alle osteuropäischen Länder erlebte auch Jugoslawien nach 1989 eine Renaissance des Nationalismus – komplizierend wirkte hier jedoch, daß es sich in Jugoslawien um eine Vielzahl von Nationalismen innerhalb eines einzigen multi-ethnischen[7] Staates handelte. Die nationale Dynamik ließ die Teilrepubliken zunehmend auseinanderdriften. Hinzu kam, daß durch die Verfassungsreform von 1974 überall neue nationale Eliten entstanden waren, die im eigenen Interesse auf eine Neuordnung des Bundesstaates drängten. Auch die galoppierende Wirtschaftskrise[8] ließ eine Reform des "Selbstverwaltungs-sozialismus" ratsam erscheinen. Über die Frage einer Neustrukturierung Jugoslawiens gingen die Meinungen der konkurrierenden Eliten jedoch weit auseinander: Während einzelne Republiken (Kroatien und Slowenien) den Weg eines einseitigen Austritts aus dem Bundesstaat gehen wollten, propagierten andere (allen voran Serbien) eine Re-Zentralisierung Jugoslawiens.

1990 wurden in den Teilrepubliken Parlamentswahlen durchgeführt, aus denen in allen Fällen nationalistische Gruppierungen als Sieger hervorgingen. Dadurch wurde die jugoslawische Bundespolitik noch stärker gelähmt als zuvor: Insbesondere war das höchste Gremium im Staat, das paritätisch besetzte Präsidium, durch das ständige Veto einzelner Mitglieder praktisch handlungs-unfähig. Als Verhandlungen über eine Reform des Bundesstaats zu keinem Ergebnis führten, erklärten Kroatien und Slowenien am 25.6.1991 ihren Austritt aus der Föderation. Dieser Schritt bedeutete das Ende des zweiten Jugoslawien und den Beginn des Bürgerkriegs.

2.1.2. Die serbische Minderheit in Kroatien

Im Jahre 1991 betrug der Anteil der Serben an der kroatischen Gesamtbevölkerung 12,2% oder 580 700 Einwohner.[9] Dabei siedelte die ländliche serbische Bevölkerung schwerpunktmäßig in drei Regionen: In der Krajina sowie in West- und Ostslawonien.[10] Doch während Serben in West- und Ostslawonien (mit 28,8 bzw. 22,5 %)[11] lediglich eine – wenn auch große – Minderheit darstellten, waren sie in der Krajina mit 66,7 %[12] in der absoluten Mehrheit. Dieses serbische Übergewicht erklärt sich aus der Geschichte der Krajina. Denn in dieser Region hatte der Habsburger Staat 1578 eine sogenannte "Militärgrenze" (Vojna Krajina) eingerichtet, die eine Pufferzone gegen das expandierende Osmanische Reich bilden sollte. In der Krajina erhielten Bauern die Möglichkeit, sich als Wehrbauern anzusiedeln, wofür sie bestimmte Privilegien wie Religionsfreiheit, begrenzte Selbstverwaltung und eine eigene Gerichtsbarkeit genossen – eine Möglichkeit, die vor allem von den im Osmanischen Reich lebenden Serben genutzt wurde. Auch nach der offiziellen Aufhebung der Militärgrenze im Jahre 1881 blieb in dieser Region eine serbische Dominanz bestehen.

Doch mit dem Erstarken des kroatischen Nationalismus Ende der 80er Jahre verschlechterte sich die Situation der Serben in Kroatien zunehmend – insbesondere, nachdem im April 1990 mit Franjo Tuđmans "Kroatischer Demokratischer Union" (HDZ) eine extrem nationalistische Gruppierung an die Macht gekommen war. Immer öfter kam es nun zur offenen Diskriminierung von Serben. In Zagreb und anderen Städten wurden serbische Behausungen mit der diffamierenden Bezeichnung "„etnik" gekennzeichnet.[13] In allen Wirtschafts-zweigen begann man Serben aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu entlassen.[14] Angesichts kroatischer Unabhängigkeitsbestrebungen mußten die Krajina-Serben befürchten, binnen kurzem in einem serbenfeindlichen Staat Kroatien zu leben. Beunruhigend war auch, daß die regierende HDZ keine Anstalten unternahm, sich vom faschistischen Ustaša -Regime (1941-45) abzugrenzen. Statt dessen übernahm die neue kroatische Regierung unkritisch frühere faschistische Symbole wie die rot-weiß-karierte kroatische Nationalflagge šahovnica. In den Straßen Zagrebs konnte man Landkarten kaufen, die das von Hitler geschaffene Großkroatien mitsamt einem Porträt Ante Pavelićs[15] zeigten. Entscheidend war hierbei nicht, daß die regierende HDZ gar nicht wirklich faschistisch war, sondern daß sie von vielen kroatischen Serben dafür gehalten wurde und daß sie nichts dazu tat, diesen Vorwurf zu entkräften.

Da verwundert es kaum, daß nun auch die Krajina-Serben begannen, sich politisch zu organisieren und ihrerseits die Trennung von Kroatien zu betreiben. Dieser Prozeß vollzog sich in mehreren Schritten: Schon im Juli 1990 (also kurz nach den Wahlen) konstituierte sich in der Krajina ein "Serbischer Nationalrat", der kurz darauf ein erfolgreiches Referendum zur Autonomie der Krajina durchführte. In einem weiteren Referendum vom 28. Februar 1991 wurde bereits die Abspaltung von Kroatien beschlossen, wenige Monate später sprach sich die inzwischen ausgerufene "RSK" (Republika Srbska Krajina) sogar für einen Anschluß an Serbien aus (ein Ansinnen, auf das Belgrad jedoch nicht reagierte).[16] An dieser Abfolge – erst Forderung nach Autonomie, dann nach Abspaltung, schließlich sogar nach einem Anschluß an einen anderen Staat – läßt sich die Radikalisierung der Krajina-Serben deutlich ablesen. So wurde die Frage der Krajina und der kroatischen Serben insgesamt zur Schlüsselfrage im Streit der Teilrepubliken Serbien und Kroatien – und schließlich zum Kriegsgrund.

2.1.3. Die Positionen der Regierungen zu Beginn des Konflikts

Die kroatische Position vor dem Austritt aus der Föderation war klar: Kroatien habe ein Recht auf Austritt. Durch den Austritt werde das Territorium der bisherigen Teilrepublik Kroatien automatisch zum Territorium des neuen Staates (und das hieß: mitsamt der Krajina und Slawonien). Um die Abspaltung von Jugoslawien zu rechtfertigen, berief sich Kroatien auf zwei völkerrechtliche Prinzipien: Erstens sei der Austritt aus der Föderation gerechtfertigt wegen des "Selbstbestimmungsrechts der Völker". Zweitens müsse die Krajina bei Kroatien verbleiben wegen der "Unverletzlichkeit der Grenzen" bzw. der "Territorialen Integrität der Staaten".[17]

Es muß an dieser Stelle bemerkt werden, daß die kroatische Argumentation auf sehr schwachen Füßen stand. Denn nach der jugoslawischen Verfassung war der Austritt einer Teilrepublik nur dann zulässig, wenn alle anderen Teilrepubliken zustimmten (was erwartungsgemäß nicht eintrat). Außerdem ist das nach 1989 vielstrapazierte "Selbstbestimmungsrecht der Völker" ein Rechtsgrundsatz, der die Sezession einer Minderheit, die sich innerhalb eines Staates befindet keineswegs einschließt.[18] Hinzu kam, daß die Tuđman-Regierung die Existenz einer serbischen Minderheit in der Debatte um einen Austritt aus der Föderation schlichtweg ignorierte. Dies kam auch darin zum Ausdruck, daß in der angeblich so demokratischen kroatischen Verfassung von Minderheitenrechten zunächst keine Rede war.[19]

Demgegenüber vertrat das von Slobodan Milošević geführte Serbien den Standpunkt, daß Kroatien prinzipiell aus der Föderation austreten könne – aber in jedem Falle ohne die von Serben bewohnten Gebiete.[20] Diese Haltung entbehrte nicht einer gewissen Konsequenz: Schließlich hatte Milošević seine Alleinherrschaft in der serbischen KP erkämpft, indem er sich zum Fürsprecher aller Serben in allen Teilen Jugoslawiens machte. Seine Macht beruhte (und beruht) auf dem serbischen Nationalismus. So erklärt sich Miloševićs anfängliches Festhalten an der Integrität Jugoslawiens allein aus machttaktischen Erwägungen.[21]

Man sieht, daß die serbische und die kroatische Position bezüglich des Austritts von Kroatien miteinander unvereinbar waren. Zudem bestand Mitte 1991, angesichts einer extrem aufgeheizten nationalistischen Stimmung, keinerlei Dialogbereitschaft mehr im Interessenkonflikt beider Republiken. Eine entscheidende Rolle kam in dieser Situation der noch immer existenten Jugoslawischen Bundesregierung zu – denn diese hielt einen Austritt von Teilrepubliken für "weder legal noch legitim".[22] Dementsprechend setzte der amtierende jugoslawische Ministerpräsident Marković am 26.6.1991 Truppen der Jugoslawischen Volksarmee JNA in Marsch, um die abtrünnigen Republiken Slowenien und Kroatien zur Räson zu bringen. Doch während der Konflikt in Slowenien schon nach wenigen Wochen beendet war, sollte der Krieg in Kroatien mehrere Jahre dauern.

2.2. Krieg in drei Phasen

Der serbisch-kroatische[23] Krieg um die Krajina verlief in drei Phasen: Da ist zum ersten die Phase akuter Kampfhandlungen von Juli 1991 bis Januar 1992, die mit dem Inkrafttreten des Vance-Plans und der Implementierung von UNO-Schutzzonen endete. Hierauf folgte als zweite, relativ ruhige Phase die Zeit von Januar 1992 bis Anfang 1995. Die dritte und letzte Phase bildete schließlich das Jahr 1995, in dem es Kroatien gelang, das gesamte serbisch kontrollierte Territorium zu erobern, beziehungsweise, im Falle Ostslawoniens, durch Vertrag in den kroatischen Staat einzugliedern .

2.2.1. Phase 1: "Heißer" Krieg (Juli 1991-Januar 1992)

In Anbetracht der schon seit Mitte 1990 extrem angespannten Lage in den serbischen Gebieten, fällt es schwer, den genauen Zeitpunkt des Kriegsausbruchs zu bestimmen. Generell läßt sich feststellen, daß die Versuche der kroatischen Polizei, ihr Gewaltmonopol auch in den serbischen Hochburgen durchzusetzen, zu immer schärferen Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung führten. So kam es im März 1991 zu Gefechten um die Polizeistationen von Pakrac (in Westslawonien, s. Karte I im Anhang) und im Nationalpark von Plitvice. Schwerwiegender waren bereits die mehrtägigen Kämpfe um Borovo Selo, einem Vorort von Vukovar (Ostslawonien).[24] Schließlich brachte die kroatische Unabhängigkeitserklärung die Situation soweit zur Eskalation, daß eine deutsche Tageszeitung im August mit Recht feststellte: "Die...Gefechte in Kroatien nehmen allmählich das Ausmaß eines regelrechten Krieges an."[25]

Militärisch gerieten die Kroaten, die bei Kriegsausbruch noch über keine reguläre Armee verfügt hatten, rasch in Bedrängnis. Problematisch für Kroatien war vor allem, daß nun auch die gutausgerüstete Bundesarmee in die Kämpfe eingriff – und zwar "immer unverhohlener"[26] auf Seite der Serben. Infolgedessen standen bei Inkrafttreten des von Cyrus Vance ausgehandelten Waffenstillstands im Januar 1992 bereits alle strittigen Gebiete unter serbischer Kontrolle.

[...]


[1] Vergl. Abschnitt 2.2.1. "Die Erosion Jugoslawiens".

[2] Während des Kalten Krieges wäre ein Engagement der Supermächte im "blockfreien" Jugoslawien undenkbar gewesen, da es damals zu keiner Einflußsphäre gehörte.

[3] So etwa der Artikel Republik Kroatien: Ethnische Zusammensetzung der UNPROFOR-Gebiete (Südosteuropa Mitteilungen 1994, 120-130) von Ivan Crkvenćić, den der Autor mit einem Hinweis auf "tausend Jahre kroatische Staatstradition" beginnt (Crkvenćić 1994, 120).

[4] Ein Beispiel hierfür ist das Buch Der Zerfall Jugoslawiens von Rajko Djurić und Bertolt Bensch, das auch durch ein, vor allem durch banale Fragen auffallendes "Exklusiv-Interview mit Milovan Djilas" nicht gerettet wird (s. Djurić, Rajko/ Bensch, Bertolt Der Zerfall Jugoslawiens. Mit einem Exklusiv-Interview mit Milovan Djilas, Berlin 1992).

[5] Paul Harris Somebody else's war – Frontline Reports from the Balkan Wars, Stevenage 1992.

[6] Ekwall-Uebelhart, Barbara/ Raevsky, Andrei Managing Arms in Peace Processes: Croatia and Bosnia-Herzegovina, New York und Genf 1996.

[7] Der Terminus "Ethnie" muß wegen seiner großen Unklarheit mit einiger Skepsis betrachtet werden. Denn welches Kriterium soll das entscheidende sein für die Zugehörigkeit zur einen oder andern "Ethnie"? Die Sprache? Die Religionszugehörigkeit? Der Geburtsort? Die Abstammung? Die Traditionen des Alltagslebens? Wessen Alltagslebens (das der Eltern- oder der Kindergeneration, das der Stadt- oder der Landbevölkerung)? – Zu welcher "Ethnie" gehört ein in Mazedonien aufgewachsenes Kind einer kroatischen Mutter und eines slowenischen Vaters? Zu welcher "Ethnie" jemand mit slowenischem Paß, der islamischen Glaubens ist und einen ungarischen Großvater hat? Noch polemischer: Zu welcher "Ethnie" gehörte Tito ?! – Zwar gibt es eine Vielzahl von Definitionen des Begriffs "Ethnie". Doch sind diese Definitionen größtenteils uneindeutig, zudem widersprechen sie einander so stark, daß man beim besten Willen nicht von einem wissenschaftlichen Terminus sprechen kann.

Auf der anderen Seite besteht ein prinzipieller Bedarf an der Kategorisierung von Bevölkerungen –nicht zuletzt ordnen sich die meisten Menschen von sich aus der einen oder anderen "Nation", "Ethnie" etc. zu. Daher kann auf eine solche Zuordnung auch in dieser Arbeit nicht immer verzichtet werden. In all diesen Fällen wird unter "Ethnie" (oder "Volksgruppe") immer eine Bevölkerungsgruppe verstanden, der sich ein Mensch selbst zuordnet. Das heißt, wer sich bei einer Volkszählung z.B. als "Serbe" bezeichnet hat, wird von mir der serbischen "Ethnie" zugerechnet (zur Instrumentalisierung von "Ethnien" s.a. Abschnitt 2.4.).

[8] Beispielsweise betrug die Inflationsrate 1989 bis zu 2700%. Vergl. Mønnesland, Svein Land ohne Wiederkehr – Ex-Jugoslawien: Die Wurzeln des Krieges, Klagenfurt/Celovec 1997, 304.

[9] Vergl. Mønnesland 1997, 491.

[10] Ungefähr die Hälfte der kroatischen Serben lebten allerdings in den Städten (allein in Zagreb etwa 100 000). Die Gruppe der städtischen Serben erwies sich als deutlich weniger militant als ihre "Mitserben" auf dem Lande (Vergl. Ivanov, Andrey The Balkans divided Frankfurt a. Main/ New York/ Berlin/ Bern/ Paris/ Wien 1995, 91).

[11] Crkvenćić 1994, 128 ff.

[12] Mønnesland 1997, 441. Diese Zahl bezieht sich bereits auf die 1991 ausgerufene "Serbischen Autonome Republik Krajina" (die sich damals noch nicht mit West- und Ostslawonien vereinigt hatte). Der gegenüber 1981 (61,3%, vergl. Calić, Marie-Janine Der serbisch-kroatische Konflikt in Kroatien in: Weithmann, Michael W. Der ruhelose Balkan – Die Konfliktregionen Südosteuropas, München 1993, 132) gestiegene serbische Bevölkerungsanteil ist vermutlich auf Vertreibungen während des ersten Kriegsjahres zurückzuführen (s.a. Karte II "Former Yugoslavia: Ethnic Majorities" im Anhang).

[13] Glenny, Misha The Fall of Yugoslavia London, New York, Toronto, Victoria, Auckland 1993, 77.

[14] Ebd. Zwar waren die kroatischen Serben bis 1990 in manchen Bereichen überrepräsentiert gewesen (z.B. stellten sie 40% der Kommunistischen Partei und 60% der Polizeikräfte Kroatiens, vergl. Ivanov 1995, 92, Anmerkung 117) – dennoch muß die massenhafte Entlassung von Serben in Bereichen wie dem Gesundheitswesen oder der Tourismusbranche als schwerer politischer Fehler gewertet werden.

[15] Glenny 1993, 82. Pavelić war Gründer der faschistischen usta Óa -Bewegung. Nachdem ihm Musolini während der 30er Jahre Asyl in Italien gewährt hatte, setzten ihn die Nazis 1941 als Führer (poglavnik) des von ihnen geschaffenen Großkroatiens ein – wobei dieser Staat aber faktisch von Deutschland und Italien abhängig blieb. Unter Pavelićs Herrschaft wurden Tausende von Serben ermordet, allein in dem berüchtigten KZ Jasenovac nach neutralen Schätzungen ca. 200 000 Menschen.

[16] Im Mai 1992 sollten sich auch die "serbischen autonomen Gebiete" in West- und Ostslawonien an die "RSK" anschließen.

[17] Beide Grundsätze entstammen der UN-Charta und fanden auch Eingang in die Schlußakte der KSZE-Konferenz von Helsinki 1972.

[18] Vergl. Ivanov 1995, 116f. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Grundsatzerklärung des früheren UNO-Generalsekretärs U Thant. Anläßlich der Nichtanerkennung von Biafra erklärte U Thant im Jahre 1970: "As far as the question of secession of a particular section of a State is concerned, the United Nations attitude is unequivocable. As an international organisation, the United Nations has never accepted and does not accept and I do not believe it will ever accept the principle of secession of a part of a Member State." (zit.n. John Dugard Recognition and the United Nations, Cambridge (U.K.) 1987, 85). Das bedeutet, daß sich Kroatien nicht unter Berufung auf das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" von Jugoslawien abspalten durfte. Ebensowenig war auch die spätere Abspaltung der Krajina-Serben von Kroatien durch das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" legitimiert. Es muß hier jedoch angemerkt werden, daß formales Recht in derartigen Konflikten von untergeordneter Bedeutung ist. Wer "Recht" hat in internationalen Streitfällen, ist letztlich immer eine Machtfrage (s. hierzu auch den Abschnitt "Schlußbemerkung") .

[19] Diese wurden erst nachträglich auf Druck der EG-Staaten eingefügt, da die EG die Existenz von Minderheitenrechten zur Vorbedingung für die Anerkennung Kroatiens gemacht hatte.

[20] Vergl. Glenny 1993, 37.

[21] Bereits in einer Fernsehansprache vom 16. März 1991 sah Slobodan Milošević Jugoslawien "in der letzten Phase seiner Agonie" ("La Yougoslavie est entrée dans la phase finale de son agonie." zit. n. Jacques Juillard Portrait de Milosevic en virtuose in: Nouvel Observateur, 28.10.1999, 27). Später sollte Milošević jedoch zum überzeugten Fürsprecher jugoslawischer Integrität werden (vergl. Glenny 1993, 60). Dann, als abzusehen war, daß die kroatische Unabhängigkeit irreversibel sein würde (nicht zuletzt wegen der Parteinahme des Westens für Kroatien), änderte der serbische Präsident erneut seinen Kurs: So verweigerte er der 1992 gegründeten "Republika Srbska Krajina" nicht nur die diplomatische Anerkennung, sondern ließ 1993 sogar verlauten, die Frage der Krajina-Serben sei Sache der Kroaten (vergl. Ekwall-Uebelhart/Raevsky 1996, 113). Auch als Kroatien die Krajina 1995 mit Gewalt zurückeroberte, blieb praktische Unterstützung des serbischen Mutterlandes aus. Damit zeigte Milošević, daß seine Politik keineswegs, wie vorgegeben, von "patriotischen" (also nationalistischen) Motiven diktiert war – denn hätte er sonst seine serbischen Landsleute in Kroatien einfach im Stich gelassen? – Insgesamt charakterisiert Miloševićs politischer Zickzackkurs ihn als einen Mann, der seine Politik niemals einer Ideologie sondern immer nur der aktuellen Situation unterordnet. Milošević entspricht damit genau dem Politiker-Typus, den man im Westen oft als "Realpolitiker" oder "Pragmatiker" bezeichnet.

[22] Regierungsresolution vom 25.6. 1991, zit.n.Glenny 1993, 95.

[23] Zur genauen Zusammensetzung der Kriegsparteien s. Abschnitt 2.3. "Der spezifische Charakter des Krieges".

[24] Entgegen einer Zusicherung des kroatischen Innenministeriums, nicht ohne Aufforderung Polizeieinheiten zu entsenden, waren am 2. Mai 1991 zunächst zwei und, nachdem diese beschossen worden waren, weitere zwanzig Polizisten nach Borovo Selo beordert worden, was mehrtägige Kämpfe auslöste. Insgesamt kamen bei den Gefechten in Borovo Selo 12 kroatische Polizisten und drei serbische Zivilisten ums Leben. Drei der kroatischen Leichname wurden kurz darauf von den Serben verstümmelt an die Kroaten zurückgeschickt – ein erster Vorgeschmack auf die Bestialitäten, die später den gesamten jugoslawischen Krieg prägen sollten.

[25] Neues Deutschland vom 27.8.1991, 1.

[26] Calić 1993, 131.

Details

Seiten
39
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638386449
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40020
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto Suhr-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Konflikt Krajina Konflikte Konfliktmanagement Südosteuropa

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Konflikt in der Krajina 1991-1995