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Die "Neue Frau" anhand des Romans "Gilgi, eine von uns" von Irmgard Keun

Seminararbeit 2004 15 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
- Romangeschehen Spannungsaufbau
- Hauptmotive und Figuren
- Stilistik

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis
- Primärliteratur
- Sekundärliteratur

I. Einleitung

„Wo wir aber auftauchten, kurzröckig, kurzhaarig und schlankbeinig, fuhren die Männer der älteren Generation zusammen und fragten: ´

`Was sind das für Geschöpfe?

Wir antworteten: `Die neue Frau!“[1]

Diese selbstbewusste Aussage ist, wie B. Drescher hervorhebt, jedoch bereits als „Nachruf“[2] zu verstehen; sie bezieht sich auf einen verhältnismäßig schmalen Zeitraum in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, in dem ein auffälliger, auch öffentlich präsentierter Bewusstseinswandel eines Teils der jungen Frauengeneration deutlich wurde. Die Generation dieser um die Jahrhundertwende geborenen Frauen fand sich, im Gegensatz zu ihren Müttern, nicht mehr mit traditionellen Rollenzuweisungen ab, als Nur-Ehefrau und Mutter bei eingeschränkter Sexualität und unterdrücktem Begehren oder nur als ewiges Fräulein in beruflich zumeist untergeordneter Stellung und einer scheinbaren Selbstständigkeit. Die „neuen Frauen“ beanspruchten oder suchten zumindest Wege zur Eigenständigkeit ihrer Persönlichkeit (ohne Verzicht auf Mutterschaft); auf Weiblichkeit (ohne Kniefall vor bürgerlicher Doppelmoral) und auf berufliche Unabhängigkeit (ohne herablassende männliche Regie). Dieses Projekt war 1933 vorbei. Es wurde zerstört wie die Weimarer Republik selbst. Die neuen Machthaber propagierten ein neues, das alte, bürgerliche Frauenideal und setzten es durch.

Als Irmgard Keun (Jahrgang 1905) zwei Jahre vor diesem Einschnitt ihren ersten Roman „Gilgi, eine von uns“ veröffentlichte, befand sich die Republik in ihrer finalen Krise. Der Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte 1929 und das mit dem wirtschaftlichen Niedergang stärker werdende agitatorische Trommelfeuer von links und rechts hatten den zwischen 1924 und 1929 aufkommenden Fortschrittsoptimismus und den Glauben an individuellen Erfolg schrumpfen lassen.[3] In dieser Stabilisierungsphase (1924 – 1929) hatten sich literarisch, künstlerisch, architektonisch und politisch Formen durchgesetzt, in denen auch und besonders weibliche Autoren zur Geltung kamen. Ihre zumeist nach 1929 veröffentlichten Arbeiten sind jedenfalls noch „thematisch und stilistisch in den Trends der Stabilisierungsphase... verankert…“.[4]

Kennzeichnend für die Werke von I. Keun, M. Fleißer, G. Tergit, V. Baum, M Kaleko, aber auch für ihre männlichen Kollegen H. Fallada, E. Kästner, H. Kesten u.a.[5] ist eine sich „in Auseinandersetzung mit den Prozessen der Industrialisierung und Urbanisierung“[6] durchsetzende Sachlichkeit des Stils und die unprätentiöse Beschreibung der äußeren Wirklichkeit. Dieser „Aufbruch schreibender Frauen“[7] ist zurückzuführen auf weibliche Studienzulassung, Frauenwahlrecht, verbesserter Zugang zum Beruf und insbesondere durch stark vermehrte weibliche Berufstätigkeit als Angestellte – nahezu ausschließlich in urbanen Zentren, insbes. Berlin, der dynamischen, modernen Großstadt.

„Die von ihnen (den neuen Frauen, L.A.F.) neu gewonnenen Freiheiten werden hier erprobt.“[8] Ihre bevorzugten Themen sind: weibliche Identität, Angestellte, Paragraph 218, Großstadt Berlin, Aufstiegsideologie. Ihr Leserpublikum ist zumeist eine Vielzahl von ebenfalls jungen Frauen, die sich mit den Heldinnen der neusachlichen Romane identifizieren wollen und es auch können, da die Autorinnen ein hohes Maß an Authentizität bei ihren Leserinnen genießen.[9]

Dies erklärt auch den außergewöhnlichen Erfolg von Irmgard Keun und ihrem Erstlingswerk „Gilgi, eine von uns“, das bereits im Titel ein Wir-Gefühl

provoziert.[10]

Gilgi, eine selbstbewusste, aktive, selbstständige 21-jährige „gestaltet anfangs ihr Leben wie eine `sauber gelöste Rechenaufgabe´. Nüchtern und pragmatisch steuert sie ihren Aufstieg an und verlässt sich dabei nur auf ihre eigene Tüchtigkeit.“[11] Das weitere Geschehen beschreibt in verschiedenen Problemkreisen eine „Auseinandersetzung mit dem sachlich-nüchternen Lebenskonzept“[12], anhand des Leidens an gebrochenen Muttergestalten und der gleichzeitig verlockenden wie schließlich beängstigenden großen Liebe zu Martin, bei dem sie ihren Charakter zu verlieren droht. Sie gewinnt sich schließlich zurück und erreicht so erst ihren wirklich selbst bestimmten Lebensstandpunkt – im Abschied und für einen neuen Aufbruch.

Im Folgenden werde ich versuchen, den Weg der neuen Frau Gilgi anhand der hier wesentlichen thematischen und stilistischen Romanmotive zu skizzieren. Hierbei greife ich neben der bereits genannten Sekundärliteratur insbesondere auf Irmgard Roeblings Arbeit von 2001 zurück.[13] Die Romanzitate werden aus der 2. Auflage des Wiederabdrucks von „Gilgi“ beim Verlag Ullstein Heyne List, Berlin 2003 entnommen.

[...]


[1] Tergit, Gabriele: Die Frauen Tribüne, in: Die Frauen Tribüne 1 (1933), S. 3; zit. nach Drescher, Barbara, Die `Neue Frau´, in: Fähnders, Walter / Karrenbrock, Helga (Hrsg.), Autorinnen der Weimarer Republik, Bielefeld 2003, S. 163

[2] Ebda

[3] vgl. Barndt, Kerstin: „Eine von uns?“ Irmgard Keuns Leserinnen und das Melodramatische, in: Fähnders, W. / Karrenbrock, H. (s.o. Anm. 1), S. 137

[4] Rosenstein, Doris: „Mit der Wirklichkeit auf du und du?“ Zu Irmgard Keuns Romanen `Gilgi, eine von uns´und `Das kunstseidene Mädchen´, in Becker, Sabina / Weiß, Christoph (Hrsg.): Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik, Stuttgart u. Weimar 1995, S. 274

[5] Becker, Sabina: „…zu den Problemen der Realität zugelassen“. Autorinnen der Neuen Sachlichkeit, in: Fähnders, W. / Karrenbrock, H. (s.o. Anm. 1), S. 187 ff

[6] Ebda, S. 187

[7] Fähnders, W. / Karrenbrock, H., Einleitung zu: dies.: (s.o. Anm.1), S. 7

[8] Becker, S. (s.o. Anm. 5), S. 193

[9] Drescher, B. (s.o. Anm. 1), S. 176

[10] Barndt, K. (s.o. Anm. 3, S.9), S. 141; vgl. Roebling, Irmgard: „Sei jung. Immer und überall jung.“ Die Darstellung weiblicher Jugend in Texten von Autorinnen der Weimarer Republik, in: Bogdal, Klaus-Michael / Gutjahr, Ortrud / Pfeiffer, Joachim (Hrsg.), Jugend. Psychologie-Literatur-Geschichte, Festschrift für Carl Pietzcker, Würzburg 2001, S. 274

[11] Rosenstein, D. (s.o. Anm. 4), S. 279

[12] Ebda

[13] Roebling, I. (s.o. Anm. 10), S. 273 ff

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638386333
ISBN (Buch)
9783656852889
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v40001
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Abteilung für Neuere Deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Neue Frau Romans Gilgi Irmgard Keun Grundseminar Epoche

Autor

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Titel: Die "Neue Frau" anhand des Romans "Gilgi, eine von uns" von Irmgard Keun