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Übersteigerter Subjektivismus als Problem der Romantik - am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Erzählung 'Der Sandmann'

Hausarbeit 2002 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Der „subjektive Idealismus“ als philosophisches Prinzip der Frühromantik

2. Übersteigerter Subjektivismus in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“
2.1 Nathanael als Repräsentant des romantischen Künstlertums
2.2 Die Bedeutung des Sandmanns und des Motivs der Augen für die Entwicklung von Nathanaels übersteigertem Subjektivismus
2.3 Clara als Ausgleich zwischen Poesie und Leben
2.4 Die Bedeutung des Automatenmotivs für Nathanaels Entfremdung
2.5 Die Feuerkreis-Vision als Zentrum der Erzählung

Schluss

Einleitung

These ist, dass E.T.A Hoffmann anhand seiner Erzählung „Der Sandmann“ die bei vielen Vertretern der Romantik anzutreffende ausschließliche Konzentration auf ihr Inneres, welche zu einer Überbewertung der eigenen Emotionen und einer Vernachlässigung der äußeren Wirklichkeit führt, kritisiert.

Im Rahmen dieser Hausarbeit mit dem Titel „Übersteigerter Subjektivismus als Problem der Romantik – am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Erzählung ‚Der Sandmann’“ wird Hoffmanns Kritik anhand der Figur Nathanaels analysiert und erläutert. Die im folgenden untersuchten Aspekte der Erzählung werden somit nur im Hinblick auf das Phänomen des übersteigerten Subjektivismus untersucht. Andere Deutungsansätze wie zum Beispiel den von Wolfgang Preisendanz[1], der von einer doppeldeutigen Wirklichkeit ausgeht, werden hier nicht berücksichtigt. Preisendanz kritisiert Interpretationen wie die Jochen Schmidts, in denen herauszufinden versucht wird, ob Hoffmann anhand Nathanaels eine „problematische Subjektivität“[2] darstellen wollte, in denen also klare Aussagen zu Dingen getroffen werden, die aufgrund der perspektivischen Darstellungsweise seiner Ansicht nach mehrdeutig bleiben müssen.

1. Der „subjektive Idealismus“ als philosophisches Prinzip der Frühromantik

Die Frühromantik mit Novalis und Schlegel orientierte sich mit ihren Überlegungen an der klassisch-idealistischen Philosophie, besonders an Johann Gottlieb Fichte. Dieser hatte mit dem Gedanken, dass nicht etwa Gott oder die Natur, sondern einzig und allein der Mensch als schöpferisches Ich anzusehen sei, die theoretische Grundlage für die Verherrlichung einer unbegrenzten Individualität geschaffen. In der Romantik wurde diese Lehre insofern verändert, als man das Individuum, anstatt es wie Fichte im Zusammenhang mit der Außenwelt zu sehen, isolierte, und die Subjektivität auf die künstlerische Einzelpersönlichkeit reduzierte.

Mit diesem Verständnis des „subjektiven Idealismus“ legte die Romantik den Grundstein zu einem Problem, das sie selbst in dichterischen Versuchen zu beschreiben und lösen suchte: Ein enthusiastischer und leidenschaftlicher, an sich selbst und der zeitgenössischen Welt leidender und vereinsamter Künstler, sowie ein sich aus dieser Situation ergebender Widerstreit zwischen ihm und dem der Wirklichkeit verhafteten, selbstgefälligen Bürgertum, den sogenannten Philistern.[3]

Diese Problematik macht E.T.A. Hoffmann zum zentralen Thema seiner Erzählung „Der Sandmann“ und führt sie an ihre Grenzen.

2. Übersteigerter Subjektivismus in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“

2.1 Nathanael als Repräsentant des romantischen Künstlertums

„Zentrales Thema der Sandmann-Erzählung ist das Umschlagen der schöpferischen Freiheit in sterile Notwendigkeit, der poetischen Genialität in Fatalität, der traditionell dem Genie zugesprochenen Autonomie in die Automatie der Maschine. Indem der Dichter immer ‚autonomer’ wird, gerät er zunehmend in wahnhafte Isolation.“[4]

Anhand der Entwicklungsgeschichte des Künstlers Nathanael, dessen künstlerische Imaginationsfähigkeit zu Wirklichkeitsverlust, Weltentfremdung und letztlich zur Zerstörung seiner selbst führt, führt Hoffmann sowohl die romantische Grundhaltung des Subjektivismus als auch die romantische Grundgestalt des problematischen Künstlers zu einem Höhepunkt und Abschluss.

Aus den Äußerungen Nathanaels geht hervor, dass sein Dichtertum auf einigen wesentlichen Grundsätzen beruht die er mit dem Erzähler teilt und die ihn eindeutig als „romantischen“ Dichter ausweisen: Dichtung sei etwas, was man nicht „fein sichten und sondern“[5] könne oder solle, Ziel des poetischen Schaffens sei keineswegs die Produktion von „anmutigen, lebendigen Erzählungen“[6]. Die wahrhafte Bedeutung der Kunst bestehe darin, in die Bereiche des Irrationalen und Unbewussten einzudringen und sie entstehe aus einem Zwang heraus, das innerlich Erlebte in Worte zu fassen. Die Inspiration aber lasse sich weder durch das Bewusstsein lenken, noch entspringe sie dem eigenen Inneren, sie sei vielmehr „das Einwirken irgendeins außer uns selbst liegenden höheren Prinzips“[7].

Die Künstlerproblematik, wie Hoffmann sie anhand von Nathanaels Entwicklungsgeschichte darstellt, hat demnach exemplarische Bedeutung für den romantischen Künstler schlechthin.[8]

[...]


[1] Preisendanz, Wolfgang: Eines matt geschliffnen Spiegels dunkler Widerschein. In: Prangeder, Helmut (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1976, S. 270-291.

[2] ebd., S. 288.

[3] Vgl. Große, Wilhelm / Grenzmann, Ludger: Klassik/Romantik. Hg. v. Bark, Joachim et al.. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1983, S. 93.

[4] Schmidt, Jochen: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1985. Bd. 2 Von der Romantik bis zum Ende des Dritten Reichs, S. 27.

[5] Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1986, S. 26.

[6] ebd., S. 34.

[7] ebd., S. 33.

[8] Vgl. Giese, Peter Christian: Der Sandmann. Stuttgart: Klett Verlag 1997, S. 45f..

Details

Seiten
11
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638384599
ISBN (Buch)
9783640521616
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39770
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Schlagworte
Subjektivismus Problem Romantik Sandmann E.T.A. Hoffmann

Autor

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