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Indirekte und direkte Sprechakte im Sprachenvergleich Deutsch, Englisch, Spanisch

Hausarbeit 2005 24 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Prolog

1. Was ist ein Sprechakt?
1.1. Direkte Sprechakte
1.2. Indirekte Sprechakte
1.2.1. Indirekte konventionalisierte Sprechakte
1.2.2. Indirekte nicht-konventionalisierte Sprechakte

2. Wie kann man indirekte Sprechakte erklären?
2.1. Idiomanalyse von Jerry Sadock
2.2. Inferenztheorie von John Searle

3. Warum verwenden wir indirekte Sprechakte?

4. Probleme bei der Verwendung indirekter Sprechakte

5. Sprachenvergleich
5.1. Deutsch
5.2. Englisch
5.3. Spanisch

6. Exkurs: Indirektheit vs. Direktheit und die Folgen für Translatoren

Epilog

Quellenverzeichnis

Prolog

Vor der Teilnahme an dem Hauptseminar Pragmatik[1] waren mir Begriffe wie Implikaturen, Sprechakttheorie, Illokution etc. ein Rätsel, und ich muss zugeben, dass ich nicht nur mit der Wahl des Hauptseminars, sondern auch mit der Wahl meines Themas völliges Neuland betrat. In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit dem Thema Indirekte und direkte Sprechakte im Sprachenvergleich Deutsch, Englisch, Spanisch. Um auf die Begriffe indirekter und direkter Sprechakt im Folgenden näher eingehen zu können, werde ich den Sprechakt als solchen zunächst definieren. Anschließend werde ich die Unterschiede zwischen direkten, indirekten, indirekten konventionalisierten sowie indirekten nicht-konventionalisierten Sprechakten aufzeigen. Natürlich stellt sich die Frage, wie man einen indirekten Sprechakt erklären kann. Daher folgen anschließend die zwei wohl wichtigsten Erklärungsansätze von Searle und Sadock. Des Weiteren wird die Frage behandelt, warum indirekte Sprechakte überhaupt verwendet werden. Da die Übereinstimmung von syntaktischer Form und Absicht bei indirekten Sprechakten nicht gegeben ist, stellt sich die Frage, wie der Hörer einen Sprechakt versteht, wenn der Sprechakt, den er hört und versteht etwas anderes bedeutet.

Natürlich gibt es in allen Sprachen mehr oder weniger stark konventionalisierte sprachliche Mittel, um eine Frage zu formulieren, um eine Bitte auszudrücken, Vorschläge abzulehnen, sich zu bedanken etc. Wie aber diese Konventionen aussehen, d.h. welches sprachliche Verhalten in welcher Situation als adäquat angesehen und verstanden wird, ist kulturspezifisch verschieden. Daher wird im Folgenden auf den unterschiedlichen Grad an Direktheit in den Sprachen Deutsch, Englisch und Spanisch eingegangen. Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass ich bei der Bearbeitung des Sprachenvergleichs die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Angaben gefunden habe. Ich beziehe mich daher in der vorliegenden Arbeit besonders auf die Werke von Greg Nees und Garcia Martin Torres. Beenden möchte ich die Arbeit mit einem kleinen Exkurs. Da die Verschiedenheit des Kommunikationsstils einen enormen Stellenwert in der Ausbildung eines Translators haben sollte und das entsprechende Wissen meiner Meinung nach genauso wichtig ist, wie der perfekte Sprachgebrauch, habe ich mein Thema auf die Translatorenausbildung bezogen und möchte den letzten Punkt der Indirektheit bzw. Direktheit und deren Folgen für den Translator widmen.

1. Was ist ein Sprechakt?

Wenn wir mit anderen kommunizieren, wollen wir neben einer phatischen Kommunikation[2] dem anderen meist „[…] mitteilen, was uns gerade im Kopf vorgeht, was wir sehen, denken, glauben, wollen, beabsichtigen oder fühlen.“[3] Die kommunikative Absicht unserer Worte bezeichnet man als Sprechakt. Der Sprechakt wird in der Regel als theoretischer Basisbegriff der Sprechakttheorie verstanden.

„[Die Sprechakttheorie ist zwischen der Semantik und der Pragmatik anzusiedeln und] befasst [...] sich mit Sprache als kommunikativem Handeln. Untersucht werden dabei die Bedingungen und Regeln, die das Gelingen von Sprechakten ermöglichen.“[4] „Die Grundeinheit der sprachlichen Kommunikation ist nicht, wie allgemein angenommen wurde, das Symbol, das Wort oder der Satz [...]. Sprechakte sind die grundlegenden oder kleinsten Einheiten der sprachlichen Kommunikation.“[5]

Der Beginn der Sprechakttheorie wird in der Regel auf John L. Austin[6] und seine in Oxford und Harvard gehaltenen Vorlesungen datiert, die im Jahre 1962 unter dem Titel How to do things with words posthum veröffentlichet wurden. Austin richtete seinen Blick darauf, dass sprachliche Kommunikation mehr ist als das Aussprechen von Sätzen, die sich entweder als wahr oder falsch beurteilen lassen. Vielmehr tätigen wir „Äußerungen, mit denen wir jedes Mal auch eine Handlung ausführen.“[7] Sprechen ist demnach Handeln.

Es werden drei verschiedene Teilaspekte eines jeden Sprechaktes unterschieden: der lokutionäre Akt: der akustisch und visuell wahrnehmbare Akt (Lippen-, Zungen- und Kieferbewegungen), der illokutionäre Akt (was man tut, indem man etwas sagt) und der perlokutive Akt, also die intendierte Wirkung des Sprechens.[8] Der amerikanische Philosoph John Searle[9] systematisierte und entwickelte die Sprechakttheorie schließlich weiter. Er schlug eine Klassifikation in fünf Klassen vor: die Repräsentative (Behauptungen, Feststellungen, Schlussfolgerungen, z.B. vermuten, sagen, schwören), deren Zweck es ist, etwas als Tatsache darzustellen, Direktive (der Sprecher versucht, den Hörer zu einer bestimmten Handlung zu veranlassen, z.B. fragen, befehlen), Kommissive (der Sprecher verpflichtet sich auf eine zukünftige Handlung, z.B. versprechen, drohen, anbieten), Expressive (zeigen die positive oder negative Reaktion des Sprechers auf ein bestimmtes Ereignis, z.B. danken, entschuldigen) und Deklarationen (der Sprecher verändert mit seiner Äußerung die Realität, z.B. taufen, einstellen).[10]

Der Wert der Sprechakttheorie liegt hauptsächlich darin, dass sie uns die Augen öffnet für einige alltägliche und darum oft kaum wahrgenommene, aber fundamentale Tatsachen sprachlicher Kommunikation.

1.1. Direkte Sprechakte

Im Rahmen der Sprechakttheorie beschäftigte sich Searle natürlich auch mit direkten und indirekten Sprechakten. Ein direkter Sprechakt liegt vor, wenn die syntaktische Form einer Äußerung und deren beabsichtigte Wirkung auf den Hörer übereinstimmen. Das heißt also, wenn eine Aussage einen Sachverhalt mitteilt, wenn eine Aufforderung zu einem Handeln veranlasst oder wenn eine Frage einen unbekannten Sachverhalt ermittelt.[11]

Ein direkter Sprechakt wird beispielsweise vollzogen, indem man einen Indikativ verwendet, um dem Hörer die kommunikative Intention auf direkte und offene Weise mitzuteilen. Vom Hörer kann dies allerdings als Eingriff in dessen Autonomie und als eine Einschränkung seines Rechtes auf Selbstbestimmung erlebt werden. Natürlich kann ein direkter Sprechakt unter Freunden völlig angemessen sein. Wenn Sprecher und Hörer sich allerdings nicht so gut kennen oder wenn der Hörer einen höheren sozialen Status hat, kann der direkte Sprechakt das Image, also die interaktionale Identität, von Hörer und Sprecher in dieser Situation bedrohen.

1.2. Indirekte Sprechakte

Können Sie mir sagen, wie spät es ist?

Ich rate dir, das nicht noch einmal zu versuchen.

Hältst du dich da bitte raus!

Diese Beispiele aus dem täglichen Leben werden als indirekte Sprechakte bezeichnet. Können Sie mir sagen, wie spät es ist? ist eine Entscheidungsfrage, die normalerweise mit ja oder nein beantwortbar ist. Zugleich ist es aber auch eine Aufforderung mehr als ja oder nein zu antworten, das heißt, es wird als Antwort mehr erwartet als vom Wortlaut her gefragt ist. Das wird klar, wenn die angesprochene Person beispielsweise nicht auf die Frage antworten kann, da sie keine Uhr dabei hat. Sie kann kaum mit Nein antworten, sondern muss sich erklären oder entschuldigen Nein, tut mir Leid, ich habe keine Uhr dabei. Bei Ich rate dir, das nicht noch einmal zu versuchen liegt in geeigneter Situation kein Ratschlag, wie durch das performativ gebrauchte Verb raten suggeriert wird, sondern eine Drohung vor. Hältst du dich da bitte raus! ist unter passenden Umständen trotz der Fragesatz-Form und dem Partikel bitte keine Bitte, sondern eine Aufforderung.[12] Wie diese Beispiele zeigen, spricht man von einem indirekten Sprechakt, wenn eine andere Illokution als die durch die Indikatoren angezeigte vorliegt oder wenn eine zusätzliche Illokution vorliegt.[13] Searle sagt zu indirekten Sprechakten folgendes:

„The cases we will be discussing are indirect speech acts, cases in which one illocutionary act is performed indirectly by way of performing another. “[14]

Das heißt, dass die normalerweise zu erwartende Interpretation der Äußerung im Sinne eines bestimmten illokutionären Akts nicht eintritt, sondern eine andere, abweichende. Searle geht von zwei Fällen von Implizitheit aus. Bei dem ersten Typ von Fällen meint der Sprecher zusätzlich zu dem, was er sagt, noch etwas Weiteres.

Searle gibt folgende Definition:

„One important class of such cases is that in which the speaker utters a sentence, means what he says, but also means something more.“[15]

So ist z.B. die Äußerung Ich möchte, dass du es tust nicht nur eine Feststellung, sondern auch eine Aufforderung. Dieser Sprechakt enthält Indikatoren der illokutionären Rolle 'Feststellung' und realisiert diese Illokution mit Hilfe der Proposition. Doch zusätzlich realisiert sie die weitere Illokution 'Aufforderung', für die sie keinerlei Indikatoren enthält. Im zweiten Typ von Beispielen enthält die zusätzliche Illokution – im Gegensatz zum ersten Typ – eine andere Proposition. Dazu sagt Searle:

„There are also cases in which the speaker may utter a sentence and mean what he says and also mean another illocution with a different propositional content.”[16]

Ein Beispiel dafür ist die Äußerung Kannst Du mir das Salz reichen? Diese Äußerung enthält zwei unterschiedliche Illokutionen. Wörtlich genommen bezieht sich diese Frage auf die Fähigkeit bzw. die Möglichkeit des Hörers den Salzstreuer zu erreichen oder auf die Fähigkeit den Salzstreuer hochzuheben und über eine gewisse Distanz zu transportieren. Die Gebrauchskonvention entspricht also nicht der Bedeutungskonvention. Die Sprechakttheorie bezeichnet diese Äußerung als indirekten Sprechakt da wir auf indirekte Art und Weise um das Salz zu bitten. Der Hörer versteht solche indirekten Sprechakte folgendermaßen: unter normalen Umständen darf der Sprecher annehmen, dass der Hörer die Fähigkeit und die Kraft hat, den Salzstreuer zu bewegen. Somit kommt der Hörer zu dem Schluss, dass die Frage in ihrer wörtlichen Bedeutung kommunikativ sinnlos ist. Dies veranlasst den Hörer nun weiterhin zu der Annahme, dass der Sprecher etwas anderes gemeint hat als das, was er wörtlich gesagt hat. Es könnte daher also gut sein, dass der Sprecher, unter Berücksichtigung der jeweiligen situativen Umstände, eigentlich eine Aufforderung gemeint hat.[17]

Damit klar ist, wann eine Äußerung nicht wörtlich zu interpretieren ist, muss es im Verhalten des Gesprächspartners deutliche, in der Sprachgemeinschaft konventionalisierte Hinweise geben, wie diese Äußerung zu deuten ist. Wie die folgenden Beispiele zeigen, kann der gemeinte Sprechakt oft durch explizite Markierungen deutlich gemacht werden.

[...]


[1] Die Pragmatik ist eine “Teildisziplin der Linguistik. Der Begriff wurde aus der Semiotik von Charles W. Morris übernommen [...]. [Die Pragmatik beschäftigt sich] mit der Beziehungen zwischen Sprache und Sprachbenutzer und versteht Sprache generell als Form sozialen Handelns.” Microsoft®Encarta®Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft Corporation

[2] Phatische Kommunikation: von griechisch: phatis: die Rede; bei dieser Art von sprachlicher Interaktion dient das Miteinandersprechen lediglich dazu, uns gegenseitig zu vermitteln, dass wie von der Gegenwart des anderen Notiz nehmen. Vgl. Pörings, Ralf; Schmitz, Ulrich; Narr Studienbücher: Sprache und Sprachwissenschaft; Tübingen; 2003; Seite 164

[3] Pörings, Ralf; Schmitz, Ulrich; Narr Studienbücher: Sprache und Sprachwissenschaft; Tübingen; 2003; Seite 164

[4] Microsoft®Encarta®Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft Corporation

[5] www.hyperkommunikation.ch/literatur/searle_sprechakte.htm

[6] John Langshaw Austin (1911 – 1960), britischer Philosoph, lehnte eine logische Betrachtungsweise von Sprache ab und rückte die Rolle der Sprache als Instrument der Erkenntnis innerhalb der Philosophie in den Vordergrund. Vgl. Microsoft®Encarta®Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft Corporation

[7] Pörings, Ralf; Schmitz, Ulrich; Narr Studienbücher: Sprache und Sprachwissenschaft; Tübingen; 2003; Seite164

[8] Vgl. Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul; Niemeyer Verlag: Studienbuch Linguistik; Tübingen; 2001; Seite 189

[9] John Roger Searle (*1932) ist ein bedeutender amerikanischer Sprachwissenschaftler, der besonders den illokutionären Akt prägte und in den 1970 Jahren außerordentlich einflussreich auf die deutsche Linguistik war. Vgl. Microsoft®Encarta®Enzyklopädie 2001. © 1993-2000 Microsoft Corporation

[10] Vgl. www.culturitalia.uibk.ac.at

[11] Vgl. www.bebis.cidsnet.de/weiterbildung/sps/allgemein/bausteine//ziellenk/lenkung/sprachimpuls.htm

[12] Vgl. Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul; Niemeyer Verlag: Studienbuch Linguistik, 4. Auflage; Tübingen; 2001; Seite 192 ff.

[13] Vgl. Wagner, Franc; Gunter Narr Verlag: Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt; Tübingen; 2001; Seite 73

[14] Wagner, Franc; Gunter Narr Verlag: Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt; Tübingen; 2001; Seite 73

[15] Wagner, Franc; Gunter Narr Verlag: Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt; Tübingen; 2001; Seite 72

[16] Wagner, Franc; Gunter Narr Verlag: Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt; Tübingen; 2001; Seite 73

[17] Vgl. Adamzik, Kirsten; A.Francke Verlag: Sprache: Wege zum Verstehen; Tübingen; 2001; Seite 234

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638384230
ISBN (Buch)
9783656068631
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39720
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Sprach-und Kulturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Indirekte Sprechakte Pragmatik

Autor

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