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Kreatives Schreiben: Theorie und Konzepte zur Umsetzung in der Grundschule

Examensarbeit 2005 62 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen des kreativen Schreibens
2.1 Begriffliche Abgrenzung
2.1.1 Kreativität
2.1.2 Kreatives Schreiben
2.2 Prinzipien des kreativen Schreibens nach Kaspar Spinner
2.3 Geschichte des kreativen Schreibens
2.4 Gründe für das kreative Schreiben

3. Methoden des kreativen Schreibens
3.1 Was leisten die kreativen Schreibmethoden?
3.2 Methodengruppen des kreativen Schreibens
3.2.1 Assoziative Verfahren
3.2.2 Schreibspiele
3.2.3 Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern
3.2.4 Schreiben zu und nach (literarischen) Texten
3.2.5 Schreiben zu Stimuli
3.2.6 Weiterschreiben an kreativen Texten

4. Probleme und Grenzen des kreativen Schreibens

5. Praxisteil: Kreatives Schreiben in einer dritten Klasse
5.1 Vorstellen der Klasse
5.2 Weiterschreiben der Klassenlektüre
5.2.1 Vorüberlegungen
5.2.2 Grobziele und Intention der Aufgabe
5.2.3 Stundenverlauf
5.2.4 Reflexion
5.3 Unterrichtsstunde: Einführung des Elfchens
5.3.1 Vorüberlegungen
5.3.2 Grobziele und Intention der Stunde
5.3.3 Stundenverlauf
5.3.4 Reflexion
5.4 Unterrichtsstunde: Fantasiereise
5.4.1 Vorüberlegungen
5.4.2 Grobziele und Intention der Stunde
5.4.3 Stundenverlauf
5.4.4 Reflexion

6. Praxisteil: Kreatives Schreiben in einer vierten Klasse
6.1 Vorstellen der Klasse
6.2 Unterrichtsstunde: Fantasiegeschichte
6.2.1 Vorüberlegungen
6.2.2 Reflexion
6.3 Unterrichtsstunde: Schreiben zu einem Bild
6.3.1 Vorüberlegungen
6.3.2 Grobziele und Intention
6.3.3 Stundenverlauf
6.3.4 Reflexion

7. Reflexion

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang
9.1 Unterrichtsstunden 3. Klasse
9.1.1 Weiterschreiben der Klassenlektüre
9.1.2 Elfchen
9.1.3 Fantasiereise

1. Einleitung

Kreatives Schreiben – was ist das eigentlich genau und warum wird es in der Grundschule gelernt? Das waren die ersten Gedanken, die ich mir zu Beginn meiner Arbeit machte.

Nach mehreren Gesprächen mit Grundschullehrern/innen, habe ich festgestellt, dass die Meinungen über dieses Thema sehr gespalten sind. Einerseits ist es eine sehr gerne genutzte Konzeption, um die Kinder zum Schreiben zu bringen und ihre Fantasie und Kreativität anzuregen, da sie regelmäßig dazu gebracht werden, eigene Texte, Geschichten oder sogar Gedichte zu verfassen, die dann teilweise präsentiert oder besprochen werden. Andererseits gibt es starke Abneigungen gegenüber dem kreativen Schreiben, da einige Lehrer mit dem Begriff ‚Kreatives Schreiben’ nicht viel anfangen können, sich kaum damit beschäftigt haben oder Schwierigkeiten haben, in ihrer Klasse verschiedene Methoden des kreativen Schreibens umzusetzen. Ein weiteres Problem sehen sie in der Bewertung und Benotung der Arbeiten, da es keine genauen Vorschriften hierfür gibt.

Im Rahmen meiner Arbeit möchte ich untersuchen, inwiefern die Ziele des kreativen Schreibens erreichbar sind. Dafür ist es notwendig, die Methoden auf ihre Anwendbarkeit hin zu untersuchen und auch die in der Literatur nur zögernd eingeräumten Probleme gegebenenfalls zu bestätigen.

Dafür werde ich im ersten Teil meiner Arbeit einen grundlegenden Überblick über das kreative Schreiben geben. Neben einem Versuch begriffliche Abgrenzungen von Kreativität und kreativem Schreiben zu finden, wird die Entwicklung dargestellt, wie es zum kreativen Schreiben kam. Des Weiteren gehe ich auf Prinzipien ein, die hinter dem kreativen Schreiben stehen, nenne Gründe für das kreative Schreiben in der Schule und erläutere kurz die verschiedenen Methoden des kreativen Schreibens. Hierzu werden einige Beispiele genannt, auf die ich aber im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingehen kann, die aber in den genannten Büchern genau erläutert werden. Der letzte Punkt des Theorieteils beschäftigt sich mit Problemen und Grenzen des kreativen Schreibens.

Im zweiten Teil der Arbeit wende ich mich der praktischen Umsetzung zu. Es werden Konzepte vorgestellt, wie das kreative Schreiben in der Grundschule umgesetzt werden kann. Ich habe in einer dritten Klasse, mit sehr geringen Erfahrungen bezüglich des kreativen Schreibens, verschiedene Methoden vorgestellt und umgesetzt. Außerdem hatte ich die Möglichkeit in einer vierten Klasse zu unterrichten, die sehr viele Erfahrungen im kreativen Schreiben gesammelt hat. Nach einer kurzen Beschreibung der Klassenprofile, gehe ich auf die Lese- und Schreibkompetenz der Schüler ein. Des Weiteren wird der Verlauf der Unterrichtsstunden dargestellt und ausgewertet.

In der darauf folgenden Reflexion, möchte ich meine Erfahrungen in den beiden Klassen auswerten. Dabei gehe ich auf die Aufgabenumsetzung, die Rolle der Vorerfahrungen der Schüler mit dem kreativen Schreiben ein, setze mich mit den Ergebnissen beider Klassen auseinander und gebe Meinungen der Schüler bezüglich des kreativen Schreibens wieder.

Des Weiteren wird das Verhältnis von traditionellem Aufsatzunterricht und kreativen Schreiben beleuchtet. Hier beziehe ich mich vor allem auf eine Studie von Claudia Winter.

Anschließend stelle ich meine eigene Meinung zu diesen Konzepten vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen dar.

2. Grundlagen des kreativen Schreibens

2.1 Begriffliche Abgrenzung

Um eine genauere Vorstellung des kreativen Schreibens zu vermitteln, möchte ich zunächst den Begriff Kreativität näher erläutern, zum einen, weil die Förderung von Kreativität ein grundlegendes Ziel des kreativen Schreibens ist und zum anderen, weil der Begriff das Verständnis des kreativen Schreibens prägt.

2.1.1 Kreativität

‚Kreativität’ geht auf das lateinische Verb creare (= hervorbringen, erschaffen, ins Leben rufen) zurück[1]. Eine klare Definition dieses Begriffes ist jedoch in der heutigen Zeit sehr schwierig, da er in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Zweigen auf sehr viele verschiedene Weisen genutzt wird. So ergeben sich zahlreiche Definitionsversuche, den Kreativitätsbegriff hinreichend zu erfassen und zu beschreiben.

Gerd Brenner definiert Kreativität als Eigenschaft, neues Denken, Empfinden oder Handeln zu entwickeln. Hierbei geht es auch darum, aus Altem etwas Neues machen zu können[2].

Carl R. Rogers gibt eine sehr viel umfangreichere Definition ab. Er definiert Kreativität als „das handelnde Hervorbringen eines neuartigen, ungewöhnlichen Produkts, das aus der Beziehung zwischen der Einzigartigkeit eines Individuums einerseits und den Gegenständen, Ereignissen, Personen oder Umständen seiner Lebensumwelten andererseits erwächst“ (Brenner 1990, S. 18). Kreativität bedeutet also nicht nur eine Aktivierung der inneren Welt eines Menschen, sondern sie zeigt sich auch in der Verarbeitung des Umfelds und der Umwelt.

Ingrid Böttcher lehnt sich in ihrem Buch ‚Kreatives Schreiben’[3] stark an Otto Kruse an, der Kreativität als „eine universelle Eigenschaft menschlichen Handelns und Denkens sieht“ (Böttcher 1999, S.10). Sie gibt in folgendem Schaubild[4] zur Begriffsfamilie von Kreativität nach Otto Kruse einen Überblick über den Kreativitätsbegriff. Hierbei sind um den Begriff Kreativität diejenigen Begriffe angeordnet, die eng zu diesem gehören.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Böttcher sind in der Bedeutung der Kreativität immer auch Teile dieser verwandten Begriffe enthalten. Sie reduziert die Menge der Definitionsversuche auf einige Grundmuster, die sie für das kreative Schreiben als relevant erachtet und die meiner Meinung nach am zutreffendsten sind.

„Kreativität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, für das bei allen Menschen die Disposition vorliegt und das folglich bei jedem Menschen gefördert werden kann“ (Pommerin 1996, zitiert in Böttcher 1999, S. 11).

„Kreativität bezieht sich auf das Denken und Handeln sowie auf das Produkt dieses Denkens und Handelns. Wir bezeichnen eine Handlung oder ein Produkt aus folgenden Gründen als kreativ:

- wenn das Produkt neuartig und wertvoll ist;
- wenn der Weg, der zum Produkt führt, neuartig ist;
- wenn wir etwas auf neuartige Weise wahrnehmen, fühlen,

erkennen oder denken“ (Brodbeck 1995, zitiert in Böttcher

1999, S. 11)

Kreativität ist also in jedem Menschen vorhanden und kann gefördert werden. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass ein Produkt oder eine Handlung etwas Neuartiges besitzt und so von der Normalität abweicht.

2.1.2 Kreatives Schreiben

Eine eindeutige Definition des kreativen Schreibens ist sehr schwer, denn es „definiert sich unter den je unterschiedlichen Ansätzen mit jeweils anderen Argumentationsstrukturen“ (Böttcher 1999, S. 9).

Wie ich im obigen Abschnitt erwähnt habe, hebt Ingrid Böttcher den Neuigkeitswert einer Wahrnehmungssicht, eines Produkts oder eines Arbeitsweges hervor. Diese sind wichtig, um die Kreativität anzuregen, neue Arbeitsweisen auszuprobieren und um Schreibanregungen zu schaffen.

Kaspar Spinner charakterisiert den Begriff der Kreativität „einerseits als Durchbrechen sprachlicher Normen, andererseits als Selbstausdruck“[5]. Er bringt also den Begriff Kreativität mit ‚Sprache’ beziehungsweise ‚Ausdruck’ in Verbindung. Als kreativ bezeichnet er jedes Schreiben, „das nicht in der Reproduktion von vorgegebenen Mustern besteht, sondern die eigene Gestaltungskraft der Schreibenden in Anspruch nimmt“ (Spinner 1986, S.82). Des Weiteren verbindet er damit ein Schreiben, das den persönlichen Ausdruck und die Entfaltung der Fantasie als Ziel hat. Durch die Aktivierung der Fantasie entsteht etwas Neues und genau das ist das Ziel des kreativen Schreibens.

Im Folgenden werde ich mich auf Spinners Verständnis des kreativen Schreibens beziehen, da er meiner Meinung nach einer der ausschlaggebenden Personen in der Entwicklung des kreativen Schreibens ist.

Das kreative Schreiben soll demnach dem Einzelnen die Möglichkeit bieten, seine Ausdrucksmöglichkeiten und seine Kommunikationsformen zu entwickeln. Schreiben soll Spaß machen. Es soll ermöglichen, die eigene Persönlichkeit mit einzubringen, die Imaginationskraft zu aktivieren und die Fantasie anzuregen. Wichtig ist, dass es dabei nicht um die Wiedergabe einer realen Situation geht, sondern um die Entstehung von etwas Neuem, das durch die eigene Vorstellungskraft entstanden ist. Anders als beim traditionellen Aufsatz, bietet das kreative Schreiben offenere Strukturen und mehrere Möglichkeiten, um eigenen Vorstellungen, Fantasien und Gefühle auszudrücken. Der Lehrer hat dabei die Möglichkeit, durch Schreibimpulse die Aufmerksamkeit der Schüler auf bestimmte Details zu lenken.

Oft wird das kreative Schreiben mit dem freien Schreiben gleichgesetzt, doch es zeigt sich unter anderem ein wesentlicher Unterschied: während man beim freien Schreiben ein freies Thema wählen kann, tritt beim kreativen Schreiben an diese Stelle eine „bewusst gestaltete Inszenierung von Schreibsituationen“ (Spinner 2001, S. 111).

Spinner formuliert drei Grundprinzipien des kreativen Schreibens, die ich im Folgenden kurz erläutern möchte.

2.2 Prinzipien des kreativen Schreibens nach Kaspar Spinner

Wie oben[6] erwähnt ist beim kreativen Schreiben der persönliche Ausdruck und die Aktivierung der Imaginationskraft entscheidend. Spinner charakterisiert dieses Schreiben durch Irritation, Expression und Imagination. Diese drei Prinzipien verdeutlichen die Grundtendenz des kreativen Schreibens.

Prinzip Irritation

Wichtig für das kreative Schreiben ist, dass Ideen und Handlungen entstehen, die den im Alltag entstehenden Mustern widersprechen. Kreativität wird hier also als ein Durchbrechen von eingespielten Normen und gewohnten Vorstellungsmustern verstanden. Hierbei werden gezielt neue Wahrnehmungsmöglichkeiten der Wirklichkeit ausgelöst. Man schafft eine Irritation, die die Fantasie anregt und neue Ideen hervorruft. Eine gute Möglichkeit, dies umzusetzen ist eine Reizwortgeschichte, bei der die Wörter nicht zusammenpassen (Beispiel: Sommer – See – schwimmen – Schlittschuh). Weitere Umsetzungsmöglichkeiten sind surreale Bilder, Fantasiewörter oder das Weiterschreiben von seltsamen Textanfängen.

Prinzip Expression

Durch das Schreiben können subjektive Befindlichkeiten ausgedrückt werden. Kreativ bedeutet hier, wenn der Schreiber etwas von sich selber preisgibt. Man kann über sich selbst, seine Gefühle oder seine Ansichten schreiben. Dabei werden oft Wünsche, Ängste oder Sehnsüchte deutlich.

Prinzip Imagination

Ein wichtiger Aspekt beim kreativen Schreiben ist die Fantasie. Mit ihrer Hilfe sollen imaginäre Räume erschaffen werden, das Gewohnte soll durch eigene Vorstellungen, Wünsche oder Ängste durchbrochen werden. Dadurch kann eine ‚neue Welt’ entstehen, in die man eintaucht und dadurch zum Schreiben animiert wird.

Eine gute Umsetzungsmöglichkeit ist die Fantasiereise. Hier werden die Schüler durch Vorlesen in eine andere Welt geführt und können dann ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Auch das perspektivische Schreiben oder das Schreiben zu Bildern eröffnet die Möglichkeit, die eigene Vorstellungskraft zu aktivieren.

Mit diesem Punkt sollen die Grundgedanken des kreativen Schreibens abgeschlossen sein. Ich wende mich im Folgenden der Frage zu, wie der Gedanke des kreativen Schreibens entstand und sich zu dem heutigen Begriff entwickelte.

2.3 Geschichte des kreativen Schreibens

Kreatives Schreiben findet man sehr früh in der Schreibgeschichte. Schon in der Antike wurden beispielsweise Formen von Sprachspielen und das Akrostichon verwendet. Schriftsteller aller Zeiten haben überlieferte kreative Techniken ausprobiert oder selbst neue erfunden, um sich die Angst vor dem leeren Blatt zu nehmen.[7]

Das kreative Schreiben in der Schule findet man erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert spricht man vom ‚Texte-schreiben’, das den höheren Klassen der Latein- und Gelehrtenschulen vorbehalten war.

Im 19. Jahrhundert zeigt sich ein starker Wandel in der Vorstellung vom Texteschreiben. Jeder Bürger sollte in der Lage sein, sein Wissen mit dem Verstand erfassen zu können, ohne dabei von Gelehrten abhängig zu sein. Somit gab es auch im Bereich der Elementarschulen eine ausschlaggebende Änderung. Hatte sich der bisherige Schreibunterricht darauf beschränkt Buchstabenschreiben zu lehren, wurden die Schüler jetzt auch darin unterrichtet einfache Textformen zu schreiben. Zwar zeigten sich hier die ersten Aufsatzformen, doch zählten diese nicht zum Curriculum. Der Aufsatzunterricht beschränkte sich vor allem auf die Reproduktion vorgegebener Muster. Die Aufgaben der Elementarschulen bestanden darin das Schriftdeutsche zu verbreiten und der neu entwickelten Hochsprache zum Durch-bruch zu verhelfen.[8]

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts bekommt der Aufsatz durch die Reformpädagogen ein neues Ziel. Er soll zur Persönlichkeitsbildung und -entfaltung des Kindes beitragen. Somit entstand der freie Aufsatz, bei dem man auf alle Vorgaben verzichtet. Ein wichtiger Einfluss auf die Reformpädagogik zeigte die Kunst-erziehungsbewegung. Im Zentrum der neuen Erziehung steht „die künstlerische Produktivität von Nicht-Künstlern, vor allem von Kindern und Jugendlichen“ (Merkelbach 1993, S. 11). So wurden die Aufsätze der Schüler als ‚Kunstwerke’ betrachtet, „da sie ja „schöpferischer“ Ausdruck von individuellen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen waren“ (Lange/Neumann/ Ziesenis 1998, S. 205).

Seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts wird der Didaktik des Textschreibens wieder mehr Bedeutung zugemessen. Es entwickeln sich neue Konzeptionen wie beispielsweise das expressive Schreiben, das personale Schreiben oder auch das kreative Schreiben.

Beim kreativen Schreiben steht allerdings nicht wie beim freien Aufsatz die Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund, sondern die Entfaltung von Fantasie und Imagination.

Von nun an wandelt sich die Bedeutung des Schreibens in der Schule. Vor allem auf den Schreibprozess wird stärker geachtet. Im neuen Lehrplan für die Grundschule werden diese Entwicklungen deutlich. Schon ab der ersten Klasse werden die Schüler dazu angeregt kreative Schreibsituationen zu nutzen, um so ihre Schreibmotivation zu fördern.

2.4 Gründe für das kreative Schreiben

Warum hat das kreative Schreiben in der heutigen Zeit so an Bedeutung gewonnen, dass es schließlich sogar im Lehrplan mit aufgenommen wurde? Was bringt das kreative Schreiben den Kindern?

Therese Chromik formuliert in einem Artikel[9] die Aufgaben und Ziele des kreativen Schreibens, die ich im Folgenden darstellen möchte.

Die Schüler sollen darin unterstützt werden, ihre Umwelt und eigene innere Vorgänge bewusster wahrzunehmen und lernen dies selbstkritisch in Distanz zu rücken. Des Weiteren hilft das kreative Schreiben, Probleme, Aufgaben oder Fragen zu erkennen und zu verstehen. Zudem trägt es dazu bei, dass die innere Stimme wahrgenommen wird und die eigene Fantasie als innere Wirklichkeit erlebt werden kann. Es kann dem Schüler helfen sich mit sich selbst zu identifizieren und führt so zu einer ausgeglichenen Persönlichkeitsentwicklung. Das kreative Schreiben ermöglicht, sich in andere hineinzuversetzen. Nicht nur die Gefühle, Denkweisen oder Schreibweisen anderer Mitschüler können dadurch verstanden werden, sondern auch Dichter und Schriftsteller anderer Epochen. Letztendlich fördert es die eigene Ausdrucksweise. Neue sprachliche Mittel werden gelernt und verwendet und somit können literarische Leistungen der Gegenwart und der Vergangenheit verstanden und geschätzt werden.

Aus diesen Aufgaben des kreativen Schreibens ergeben sich die didaktischen Ziele.

Die Schüler sollen zum Schreiben motiviert werden und inneres und äußeres Geschehen ausdrücken. Es soll ihnen geholfen werden ihren eigenen Stil zu finden und neue Ausdrucksmöglichkeiten zu verwenden. Durch das Spiel mit der Sprache werden neue sprachliche Mittel, lyrische und epische Formen kennen gelernt, die selbst ausprobiert werden können. Der Schüler lernt sich in der Metasprache zu bewegen, dass heißt in der Gruppe Gespräche über die Besonderheiten der Texte zu führen. Es wird gelernt, die Wirkung eines Textes auf sich zu beschreiben und zu begründen, ohne ein Werturteil abzugeben. Zudem lernen die Schüler Äußerungen der Mitschüler zu eigenen Texten kritisch und konstruktiv aufzunehmen und produktiv damit umzugehen.

Es ist wichtig, dass das kreative Schreiben in einer spielerischen Atmosphäre stattfindet, um die oben genannten Aufgaben und Ziele zu verwirklichen. Nur wenn die Kinder die Möglichkeit haben ihren Gedanken freien Lauf zu lassen, wenn sie zum Schreiben motiviert sind und sie entsprechende Schreibmöglichkeiten bekommen, können sie ihre Kreativität völlig ausleben und die Ziele erreicht werden. Da man den Schülern nicht willkürlich kreative Schreibanlässe bieten kann und sie das kreative Schreiben erst lernen müssen, wurden verschiedene Methoden entwickelt, um in das kreative Schreiben einzuführen, es zu üben und weiter zu entwickeln.

3. Methoden des kreativen Schreibens

3.1 Was leisten die kreativen Schreibmethoden?

Es gibt unzählige Methoden des kreativen Schreibens, die für die verschiedenen Altersklassen einsetzbar sind. Ausschlaggebend für die Wahl der verschiedenen Methoden ist, dass sie bei den Schülern eine positive Schreibhaltung hervorrufen, zum Schreiben motivieren und zur ‚Sache’ passen.

Ingrid Böttcher beschreibt in ihrem Buch „Kreatives Schreiben“[10] verschiedene Methoden, durch die man den Schülern schon ab der ersten Klasse das kreative Schreiben näher bringen kann, es mit ihnen üben und weiterentwickeln kann. Ihre vorgestellten Umsetzungswege hat sie mehrere Jahre erprobt und sie anhand von verschiedenen Kriterien ausgewählt. Diese sollen:

- die Freude am Schreiben fördern und erhöhen
- die Schreibmotivation fördern
- die Angst vor dem leeren Blatt nehmen
- den Schreibprozess initiieren
- eine neugierige Schreibhaltung zum eigenen Schreiben provozieren
- ungewöhnlich, faszinierend, stimulierend und fantasievoll sein
- der eigenen Sichtweise des Kindes auf seine Welt und seiner eigenen Wirklichkeit entgegenkommen
- das Hineintauchen in eine andere Welt und Perspektiven herausfordern
- adäquat der jeweiligen Schreibsituation und des jeweiligen

Schreibanlasses sein (Möglichst ganzheitliche,

sinnenhafte Lernerfahrungen ermöglichen)

- kooperatives Arbeiten und ein positives

lernbegünstigendes Gruppenklima unterstützen

- für ungeübte und geübte, für leistungsstarke und –

schwache Kinder vielfältige Lernchancen eröffnen

Ingrid Böttcher hat in ihrem genannten Buch die Verfahren des kreativen Schreibens in sechs Gruppen unterteilt. Im Folgenden werde ich jede Gruppe näher erläutern und einige Beispiele dazu nennen (vgl. Böttcher 1999, S. 22 – 26).

3.2 Methodengruppen des kreativen Schreibens

3.2.1 Assoziative Verfahren

Diese Verfahren bilden oft die erste Phase eines Schreibprozesses. Die assoziativen Verfahren ermöglichen dem Schreiber, Gedanken, Vorstellungen, Bilder, Gefühle, Farben oder Erinnerungen auf eine sehr individuelle Weise darzustellen. Hierbei helfen sie Gedanken zu strukturieren und sie in Sprache umzusetzen.

Schülern mit Angst vor dem leeren Blatt helfen diese Verfahren, um Ideen zu finden, zu gliedern und letztendlich niederzuschreiben.

Man kann assoziative Verfahren in zwei Gruppen untergliedern. Einerseits die spielerisch-experimentellen Assoziationsverfahren, wie beispielsweise das Schreiben zu Reizwörtern, das Akrostichon, das Cluster, das Abecedarium oder die Wörterbörse. Die Schüler haben hierbei auch die Möglichkeit in Partner- oder Gruppenarbeit zusammenzuarbeiten, was sich wiederum sehr motivationsfördernd auswirken kann.

Andererseits die meditativen Assoziationsverfahren, wie zum Beispiel Fantasiereisen, Wahrnehmungsübungen oder Metaphern-Meditationen. Hier arbeiten die Schüler eher im Stillen für sich und finden selber Ideen, ohne sich mit anderen in der Erarbeitungsphase darüber auszutauschen.

Beispiel: Akrostichon zum Thema ‚Herbst’

Die Buchstaben eines Themas (hier: Herbst) werden senkrecht untereinander geschrieben und bilden jeweils den Anfang eines neuen Wortes oder Satzes. Durch assoziatives und gezieltes Denken unter einem bestimmten Zusammenhang werden Wörter gefunden oder kombiniert.

H errlich frische Luft

E s wird jeden Tag früher dunkel

R aureif ist auf der Wiese

B lätter fallen von den Bäumen

S chnee kommt bald

T raurige Stimmung

3.2.2 Schreibspiele

Während im weiteren Sinne unter Schreibspielen alle kreativen Schreibmethoden zusammengefasst werden, sind in diesem Fall nur die Schreibspiele gemeint, die der literarischen Geselligkeit dienen. Hier handelt es sich um lustvolle Schreibanlässe wie beispielsweise ein gemeinsamer Schreibanfang am Morgen oder bei besonderen Anlässen wie Elternnachmittagen, Projektwochen oder Klassenfahrten.

In der Schreibwerkstatt werden als Schreibspiele die Verfahren bezeichnet, die das gemeinsame Schreiben betonen. Diese Verfahren eignen sich sehr gut um Schülergruppen in das kreative Schreiben einzuführen, die sehr spät damit anfangen (3./4. Klasse). Das gemeinsame Schreiben wirkt sich sehr positiv auf die Schreibfähigkeit der Schüler aus. Der Schreibprozess wird bewusster wahrgenommen, eigene Stärken und Schwächen werden besser erkannt und es werden bessere Texte geschrieben.

Schreibspiele sind beispielsweise der Wörtersack, Gedichte reihum, Geschichten erwürfeln oder Klopfwörter.

Beispiel: Klopfwörter

Die Kinder sitzen in einer Gruppe (fünf bis zehn Kinder) an einem Tisch. Jedes Kind hat ein leeres Blatt vor sich. Das erste Kind klopft auf den Tisch und alle Kinder müssen das Wort, das ihnen in diesem Moment durch den Kopf geht, nacheinander dem ‚Klopfer’ diktieren. Jedes Kind ist einmal der ‚Klopfer’ und am Ende hat jeder mehrere Wörter auf seinem Blatt stehen mit denen er dann, in einem festgelegten Zeitrahmen, eine Geschichte schreiben muss.

Dieses Verfahren ist gerade zu Beginn des Schreibens in einer Gruppe sinnvoll, da nicht lange gezögert werden kann und somit die Situation des weißen Blattes überbrückt wird. Es entstehen unterschiedliche Kombinationen von Wörtern, die zum Schreiben anregen. Der Schreibende ist nicht auf sich allein gestellt, er nimmt am Gedankenfluss der anderen Teil (vgl. Brenner 1994, S. 48).

3.2.3 Schreiben nach Vorgaben, Regeln und Mustern

Obwohl das kreative Schreiben große Freiräume bietet, ist es „ein angeleitetes Schreiben, das dialektisch mit Begrenzungen und Spontaneität arbeitet.“[11] Durch inhaltliche Vorgaben (z.B. Thema, Satzanfang), formale Kriterien (z.B. Sprachgebrauch, visuelle Aspekte wie beim Akrostichon), strukturelle Regeln (z.B. Elfchen, Schneeballgedicht) oder literarische und textorientierte Muster (z.B. Rondell, Kurzroman) sind die Schüler nicht nur auf eigene Assoziationen, Erfahrungen oder Wahrnehmungen angewiesen.

Dieses Schreiben lässt sich auch als strukturorientiertes Schreiben bezeichnen, da es sehr stark von äußeren Strukturen gelenkt wird. Neben den oben genannten Beispielen gibt es zudem das Gedicht mit allen Sinnen, das Zeilenumbrechen, das Schreiben zu mathematischen Vorgaben oder die Textreduktion.

[...]


[1] Brenner, Gerd: Kreatives Schreiben: Ein Leitfaden für die Praxis; Scriptor Verlag GmbH & Co; Frankfurt am Main, 1990, S. 15

[2] Brenner (1990); S. 15

[3] Böttcher, Ingrid; Hrsg.: Kreatives Schreiben: Grundlagen und Methoden; Beispiele für Fächer und Projekte; Schreibecke und Dokumentation; Berlin: Cornelsen Scriptor, 1999

[4] Böttcher (1999), S. 10

[5] Spinner, Kaspar: Kreativer Deutschunterricht; Kallmeyersche Verlagsbuch- handlung GmbH; Seelze, 2001, S. 108

[6] Spinner, Kaspar: Kreatives Schreiben. In Baurmann, Jürgen / Ludwig, Otto (Hrsg.): Schreiben: Konzepte und schulische Praxis. Praxis Deutsch. Sonderheft, 1986 , S. 82 f

[7] Böttcher (1999), S. 13

[8] Ludwig, Otto: Geschichte der Didaktik des Textschreibens. In: Bredel, Ursula / Günther, Hartmut / Klotz, Peter / Ossner, Jakob / Siebert-Ott, Gesa (Hrsg.): Didaktik der deutschen Sprache, Band 1; Verlag Ferdinand Schöning GmbH, Paderborn, 2003; S. 173

[9] Chromik, Therese: „Dichten“ in der Schule – wozu? Aufgaben und Ziele des kreativen Schreibens. In: Merkelbach, Valentin: Kreatives Schreiben; Westermann Schulbuchverlag GmbH; Braunschweig, 1993, S. 59 f

[10] Böttcher (1999)

[11] Böttcher (1999), S. 24

Details

Seiten
62
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638382113
ISBN (Buch)
9783638790451
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39450
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Kreatives Schreiben Theorie Konzepte Umsetzung Grundschule

Autor

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