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Sekundäre Motivation - Eine Annäherung an volksetymologische Phänomene

Seminararbeit 2004 18 Seiten

Anglistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Was ist Volksetymologie?

2. Hauptteil: Sekundäre Motivation
2.1 Begrifflichkeit
2.2 Phonologische Motivation
2.2.1 Phonologische Angleichung an bestehende Wortformen
2.2.1.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.2.2 Motivation durch Lautersatz
2.2.2.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.2.3 Motivation durch Umgehung fremder Lautverbindungen
2.2.3.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.2.4 Motivation durch Akzentverlegung
2.2.4.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.2.5 Motivation durch neue Aufgliederung des Wortes
2.2.5.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.2.6 Motivation durch Wortkürzung
2.2.6.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.3. Phonologisch-Semantische Motivation
2.3.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.4. Semantische Motivation
2.4.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.5. Sekundäre lautsymbolische Motivation
2.5.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen
2.6. Bewusste sekundäre Motivation
2.6.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen

3. Schluss: Kritische Würdigung

4. Bibliographie

1. Einleitung: Was ist Volksetymologie?

Alle sprachen, solange sie gesund sind, haben einen naturtrieb, das fremde

von sich abzuhalten und wo sein eindrang erfolgte, es wieder auszustoszen,

wenigstens mit den heimischen elementen auszugleichen. Keine sprache war

aller entfaltungen der laute mächtig und den beiseite liegenden weicht sie aus,

weil sie sich dadurch gestört empfindet...

Fällt von ungefähr ein fremdes wort in den brunnen einer sprache, so wird

es so lange darin umgetrieben, bis es ihre farbe annimmt und seiner fremden

art zum trotze wie ein heimisches aussieht.[i]

Jacob Grimm gab Mitte des 19. Jahrhunderts diese, wenn auch sehr epochentypisch formulierte, so doch äußerst zutreffende Definition für eine linguistische Erscheinung, für die erst nach seiner Zeit der Name ‚Volksetymologie’ geläufig wurde.

Dieser Begriff bezeichnet das unbewusste Bestreben eines Sprechers, Wörter, die ihm innerhalb des einheimischen Wortschatzes isoliert erscheinen an diesen anzugleichen bzw. aus ihm eine Begründung für die Existenz dieser Wörter zu ziehen. Der Gebrauch dieses fremden Sprachgutes soll also ‚motiviert’ werden. Um dies zu erreichen werden unmotivierte Wörter so verändert, dass sie sich in die vertrauten sprachlichen Strukturen einfügen.[ii] Sehr wichtig hierbei ist, das dies unbewusst, also ohne Reflektion oder gar Intention des Sprechers passiert. Vielmehr ist hier dessen Sprachgefühl entscheidend.

Die Empfänglichkeit einer Sprache für volksetymologische Veränderungen ist, wie aus deren Definition hervorgeht, engstens verbunden mit der Beschaffenheit des jeweiligen Wortschatzes.

Man unterscheidet hier zwischen ‚konsoziierten’ und ‚dissoziierten’ Wortschätzen. Das deutsche Sprachgut ist beispielsweise eher der konsoziierten Seite zuzurechnen: Verwandtschaft von Wörtern und Wortfeldern ist vergleichsweise einfach zu erkennen und eine einzelne Vokabel kann in der Regel leicht mit einer ganzen Gruppe von anderen in Verbindung gebracht werden, da meist etymologische Gemeinsamkeiten bestehen (Bsp.: dreiDreifaltigkeitDreibein). Auch semantisch geben konsoziierte Begriffe dem Verwender oft durch ihre Verklammerung mit anderem Sprachmaterial Hinweise auf ihre Bedeutung: In Dreibein beispielsweise deutet –bein auf die Verwendung des mit dem Wort assoziierten Gegenstandes als Hocker hin.

Die Gründe für derartige Eigenschaften einer Sprache liegen in ihrer Geschichte. Das Deutsche kam mit vergleichsweise wenigen anderen Sprachen bzw. Kulturen in Berührung, und hatte somit wenige Möglichkeiten, fremdes Sprachgut aufzunehmen. Stattdessen wurden etwaige Unzulänglichkeiten des bestehenden Wortschatzes mit Wortneubildungen aus dem vorhandenen Material beseitigt, was den hohen Grad an innerer Verknüpfung erklärt.

Einen hochgradig dissoziierten Wortschatz besitzt hingegen das Englische (Bsp.: threetrinitytripod). Es hat im Laufe seiner bewegten Sprachgeschichte oft lang anhaltenden Kontakt mit anderen Sprachen gehabt und dementsprechend viel Material entlehnt, anstatt das eigentliche germanische ‚Kerngut’ weiter auszuschöpfen. Die Folge war, das ein hoher Anteil des neuen Sprachgutes isoliert schien und den Wortschatz dissoziierte.

So haben wir heute einen unglaublich differenzierten und großen englischen Wortschatz, der im Verlauf seiner Geschichte sehr offen für Volksetymologien war und noch immer ist.

1962 hat sich Erwin Mayer in seiner Dissertation intensiv mit Volksetymologien im Englischen beschäftigt und dabei Termini eingeführt, die große Bedeutung in diesem Fachgebiet erlangt haben.

Im Folgenden möchte ich mich mit dem Ansatz von E. Mayer beschäftigen und dem Leser dessen zentralen Begriff der ‚Sekundären Motivation’ anhand von anschaulichen Beispielen näher bringen.

2. Hauptteil: Sekundäre Motivation

„Der Terminus ‚Volksetymologie’ zeigte sich schon inhaltlich nicht frei von Unstimmigkeiten. Seine Mängel offenbarten sich vollends darin, dass er anscheinend nicht ausreicht, um ein Feld klar und deutlich abzustecken.“[iii]

‚Volksetymologie’ wird durch den Begriff ‚Sekundäre Motivation’ ersetzt. Warum?

2.1 Begrifflichkeit

Bald nach seiner erstmaligen Verwendung durch Förstemann im Jahr 1852 wurde gezweifelt, ob ein Kompositum aus Volk und Etymologie ein geschickt gewählter Begriff für den Vorgang ist, der beschrieben werden sollte.

Etymologie ist bekanntermaßen die Zweigdisziplin der Linguistik, die sich mit der Herkunft und Entwicklung von Wörtern beschäftigt. Wer sich mit einem Wort etymologisch auseinandersetzt, tut dies wissenschaftlich, exakt, durchdacht und vor allem: bewusst.

Wohingegen die Veränderung von fremdem Sprachgut ja gerade dadurch gekennzeichnet ist, das sie unbewusst und unbeabsichtigt geschieht.

Dieser Teil des Wortes scheint folglich nicht völlig passend zu sein.

Auch die erste Silbe Volk ist nicht ganz korrekt. Fehler des eher ‚ungebildeten’ Volkes können sicher leichter zu Wortveränderungen führen, aber das muss nicht immer so sein (was vor allem der Gliederungspunkt 2.6 dieser Arbeit zeigt).[4]

Der von Mayer schließlich verwendete Begriff ‚Sekundäre Motivation’ stellt hingegen ein sehr viel präziseres Bild des Gemeinten dar, denn er fokussiert auf das, worum es bei volksetymologischen Veränderungen eigentlich geht: auf die Motivation des Wortes.

Sekundär ist sie deshalb, weil das Wort ja quasi im Nachhinein anhand des sprachlichen Umfeldes motiviert wird (als ‚primär’ könnte man die etymologische, ‚echte’ Motivation bezeichnen, die allen den Wörtern zu eigen ist, die eben nicht sekundär motiviert sind).

Mayer unterscheidet verschiedene Kategorien von ‚Sekundärer Motivation’.

2.2 Phonologische Motivation

Der erste Bereich, die ‚Phonologische Motivation’, befasst sich nur mit den sekundär motiviert lautlichen Veränderungen eines Wortes. Die Semantik bleibt hier komplett unbeachtet.

„Ihre Wirksamkeit beschränkt sich darauf, die Unmotiviertheit auf der lautlichen Seite zu überwinden und hier befriedigende Verhältnisse zu schaffen.“[5]

2.2.1 Phonologische Angleichung an bestehende Wortformen

Die erste Variante der lautlichen Veränderungen versucht, wie der Name schon sagt, ein unmotiviertes Wort, an ein dem Sprecher bekanntes anzugleichen. Vorraussetzung hierfür ist die phonologische Ähnlichkeit der beiden Wörter.

Eine solche Assimilation kann nicht nur ganzen Wörtern, sondern auch einzelnen Wortteilen passieren. Einige Beispiele werden den Vorgang verdeutlichen.[6]

2.2.1.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen

Ein sehr aussagekräftiger Beleg ist das englische Wort mushroom[7]. Seinen Ursprung hat es im altfranzösischen mousseron. Wäre die lautliche Entwicklung regelmäßig verlaufen, müssten wir heute /mΛ∫ərən/ sagen. Aber stattdessen finden wir bereits seit dem 16. Jahrhundert Formen wie mushrub oder mushrump, in denen die Assimilation im ersten Wortteil bereits eingesetzt hatte . Mousse- wurde zu mush- (‚Brei’), was zu dieser Zeit schon in Gebrauch war.

Schließlich wurde das Wort durch den Ersatz von -ron durch –room vollständig phonologisch motiviert. Das anfänglich fremd klingende Wort wurde, zumindest lautlich, zu einem vertrauten. Sehr schön zu sehen ist hier auch, dass phonologische Motivation gänzlich ohne Berücksichtigung der Wortsemantik passiert, denn ‚Breizimmer’ hat sicher nichts mit der eigentlichen Bedeutung ‚Pilz’ zu tun. Nur lautliche Ähnlichkeit war ausschlaggebend für die Veränderung des Wortes.

Fast dieselbe Entwicklung hat auch das irische Wort seamróg[8] durchlaufen. Nach Formen wie s eamrug, seamrook oder seamrag bürgerte sich schließlich shamrock (‚Kleeblatt’) ein. Wiederum bleibt der semantische Aspekt unberücksichtigt: sham- (‚Heuchelei’) und –rock (‚Fels’) haben mit der Wortbedeutung nichts zu tun.

Allerdings scheint es bei diesem Beispiel im 16./17. Jahrhundert einmal den Versuch gegeben zu haben, das Wort auch dem Sinn nach zu motivieren, und zwar mit der Form shamroot.

Im 19. Jahrhundert tauchte ein Kartenspiel auf, das sich noch heute größter Beliebtheit erfreut: bridge[9]. Allerdings war dessen Bezeichnung damals biritch bzw. britch. Der Ursprung des Namens ist leider etymologisch ungeklärt, aber wir können mit Sicherheit sagen, dass dessen Unmotiviertheit durch Assimilation an das bereits bekannte bridge (‚Brücke’) beseitigt wurde.

‚Brücke’ hat aber, was wiederum typisch für diese Art der Motivation ist, nichts mit Spielregeln oder Inhalten des Kartenspiels zu tun.

Diese Beispiele mögen genügen, um den Vorgang deutlich zu machen. Wenden wir uns der nächsten Unterkategorie der phonologischen Motivation zu:

2.2.2 Motivation durch Lautersatz

Dieser Begriff bezeichnet im Grunde den selben Vorgang, wie gerade eben veranschaulicht, allerdings passiert er hier eine Ebene tiefer: Es werden nicht ganze Wörter bzw. Morpheme ersetzt, sondern nur einzelne Phoneme. Einige Beispiele werden dies klar machen.[10]

2.2.2.1 Verdeutlichung anhand von Beispielen

Sehr anschaulich ist hier der Ersatz des französischen Lautes /y/[11]. Da dem Englischen zur Zeit der zahlreichen französischen Entlehnungen der entsprechende mittelenglische Laut bereits abhanden gekommen war, passte das /y/ nicht mehr in das Phoneminventar. So wurde etwa im entlehnten juste (‚gerecht, gleich’) das /y/ zu /L/, und blieb uns bis heute als just erhalten.

In ähnlicher Weise erscheint ein langes geschlossenes e im Neuenglischen als /ei/ wie beispielsweise in Beethoven /beithouvn/ oder in fiancé /fia:nsei/[12].

[...]


[i] Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Band 1(Leipzig, 1854), Spalte XXVI

[ii] „Wikipedia“< http://de.wikipedia.org/wiki/Volksetymologie> (25.02.05)

[iii] Erwin, Mayer, Sekundäre Motivation. Untersuchungen zur Volksetymologie und verwandten Erscheinungen im Englischen (Köln, 1962), S. 25

[4] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 6-26

[5] Mayer, Sekundäre Motivation, S. 57

[6] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 54 -59

[7] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 54 -57

[8] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 70

[9] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 69

[10] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 59 - 60

[11] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 59

[12] Vgl. Mayer, Sekundäre Motivation, S. 71

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638381680
ISBN (Buch)
9783638790413
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39384
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Englische Philologie
Note
2
Schlagworte
Sekundäre Motivation Eine Annäherung Phänomene History English Language

Autor

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Titel: Sekundäre Motivation - Eine Annäherung an volksetymologische Phänomene