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Peter Greenaways Film der "Kontrakt des Zeichners" und seine Bezüge zu Moralität und Leidenschaft

Zwischenprüfungsarbeit 1996 45 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung :

1.) Einleitung

2.) „ Versuch“ einer Inhaltsangabe von dem Film „ Der Kontrakt des Zeichners“

3.) Allgemeine filmische Mittel , die P. Greenaway in seinen Filmen verwendet
Exkurse : - Die Epoche des Barock / „ Das goldene Zeitalter Hollands“
Elemente der Groteske und des Karnevals in der Literatur
Definition des Begriffe : Allegorie, Symbol, Metapher ( s. Anhang)

4.) Unmittelbar auffallende Filmmotive die auf Erotik / Leidenschaft hindeuten

5.) Mythopoetische und allegorische Motive in dem Film „ Der Kontrakt des Zeichners “
5.1.) Persephone - Mythos
5.2.) Hermes - Mythos
5.3.)Mythische Bedeutung der Zahl zwölf. Die zwölf Arbeiten des Herakles ® Die drei Äpfel der Hesperiden (s. auch Anhang)

6) Untersuchung der Landschaftsbilder im Film „ Der Kontrakt des Zeichners“
6.1.) „ Der Kontrakt des Zeichners“ als Fruchtgarten. Annäherung an die Gartensymbolik im Film „ Der Kontrakt des Zeichners.“
6.2.) Die besondere Bedeutung der Früchte inklusiv der Aspekte von Eva Hohenberger „ Die Früchte der Frauen

7.) Untersuchung-
7.1.) der im Film sichtbaren Elemente Wasser / Nebel Feuer
7.2.) der Tiersymbolik, insbesondere von Hund Pferd

8.) „ Der Kontrakt des Zeichners ” als „ Spiel“ betrachtet
8.1.) „ Der Kontrakt des Zeichners“ als Damespiel
8.2.) Das „Spiel“ um gesellschaftliche und politische Macht- / Besitzverhältnisse, und die " Beziehungsfalle", oder das " Spiel der Geschlechter "

9.)Welchen Stellenwert Elemente in P.Greenaways Film, und welcher erhalten die erwähnten erotischen Zusammenhang besteht zu dem Kursthema ² Moralität und Leidenschaft ? ²

10.) Ist es Greenaways Absicht dem Zuschauer eine bestimmte Moral zu vermitteln - wenn ja, welche ?

11.) Kommentar

12.) Anhang
12.1.) Literatur
12.2.) Biographische Angaben zu P. Greenaway / Filmographie
12.3.)Definition: Allegorie, Symbol, Metapher - „ Die Äpfel der Hesperiden“, Zitate, Notizen zu DC
12.4.) Drehbuch-Prolog (a.) und b.) )

1.) Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befaßt sich mit dem Film „ Der Kontrakt des Zeichners - The Draughtsman¢s Contract“ ( im folgendem abgekürzt mit DC oder „Kontrakt“ ) von Peter Greenaway. Peter Greenaway wurde am 05. 04. 1942 in Newport geboren und gilt als experimentierfreudigster Filmemacher des neuen britischen Kinos.( s. Biographisches im Anhang) Mit dem „ Kontrakt des Zeichners ” gelang ihm 1982 der erste größere kommerzielle Kinoerfolg. Laut Christiane Barchfeld[1] versucht Greenaway in DC eine Verbindung von klassischem Erzählkino ( classical narrative style ) , Experimental- / Strukturalfilm ( structural/ formal cinema) und art-cinema.Das „ Erzählkino“ ist hauptsächlich durch eine durchgängig erkennbare, fortlaufende Handlung gekennzeichnet. Beim art-cinema soll gerade diese durchgängige Erzähllinie aufgebrochen werden. Außerdem finden sich autoreflexive Elemente . Filme die sich selbst zum Thema haben, Film in der weitesten Bedeutung darstellen, über Film nachdenken, Film bewußtmachen. Metafilme. Filme über das Medium Kunst und den schöpferischen Prozeß in der Kunst im allgemeinen ( auch Literatur, Malerei...). Die Reflexionen sind dabei immer noch in eine Story eingebettet und mit einem Schuß Ironie gewürzt.Ironie, welche die Unvereinbarkeit von Elementen die sich gegenüberstehen skizziert. Z.B. mit Fiktionsironie, ein Teilaspekt der romantischen Ironie, die den Artefaktcharakter des Films unterstüzt. Der Film reflektiert somit nicht nur die Darstellungsfunktion bildlicher Phänomene sondern auch die der Sprache. Im Gegensatz zu seinen früheren Filmen konnte Greenaway in DC zum ersten Mal Schauspieler einsetzen, wobei er großen Wert darauf gelegt hat Theaterschauspieler zu engagieren . Nur sie schienen imstande seine hochartifiziellen Dialoge und oftmals lang anhaltenden Einstellungen zu spielen . Die ersten Filme Greenaways waren hauptsächlich Experimentalfilme (auch structural/formal cinema) , bei denen kein thematischer Bezug zu den dargestellten Reflektionen erkennbar sein mußte.Da das Thema unseres GKC „ Moralität und Leidenschaft . Die Debatte um die Liebe und Erotik in der deutschen Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert“ lautete , möchte ich in dieser Arbeit folgende Themen schwerpunktmäßig bearbeiten : Wie stellt Peter Greenaway im „ Kontrakt“ Erotik und Leidenschaft dar? Welchen Stellenwert erhalten Erotik und Leidenschaft , bewirken sie etwas - und wenn , was ? Möchte Greenaway dem Publikum eine Moral vermitteln? Bevor ich eine Inhaltsangabe von DC versuche füge ich hinzu , daß ich mich hier mit dem Medium Film befasse obwohl unser Kursthema sich auf Literatur bezog. Genau hierin findet sich eine Spezialität Greenaways ( s. art-cinema) , der seine Drehbücher selbst schreibt und vor allem auch versucht literarische Aspekte in seine Filme einzubringen . In DC z.B. erkennbar an den kunstvollen Dialogen und der Verwendung hauptsächlich sprachlicher Formen wie Allegorie, Metapher ... . Die Allegorie impliziert mehrere Bedeutungsebenen[2], ein wichtiges Kriterium für Greenaways Werke, denn das „ Spiel“ mit unterschiedlichen Bedeutungsebenen taucht in jedem seiner Filme auf. Eine Untersuchung von Greenaways Filmen ist also auch für die Literatur von Bedeutung. Ein Grundanliegen Greenaways ist es , das Medium Film in Richtung eines Gesamtkunstwerkes ( Vereinigung von Bild , Sprache, Musik, Bewegung ) zu gestalten. Zitat Greenaway[3]: „ Ich glaube an die Entwicklung einer neuen Sprache. Was passiert wenn ich Filme mache? Ich erfinde ein Vokabular. Eine Grammatik . Eine Syntax . Kurz : Ich versuche eine ( künstliche ) Sprache zu schaffen . ”

2.) „ Versuch ” einer Inhaltsangabe von DC, weitgehend zitiert nach

Im Jahr 1694 wird der bekannte Zeichner Neville bei einer Abendgesellschaft von Mrs. Herbert und ihrer Tochter Mrs. Talmann eindringlich gebeten vom Anwesen Mr. Herberts einige Zeichnungen anzufertigen . Nach anfänglicher Ablehnung sagt er zu. Der daraufhin geschlossene Vertrag sichert ihm nicht nur Bezahlung und ungestörtes Arbeiten zu , sondern enthält auch eine Klausel, nach der ihm Mrs. Herbert für sein ¢privates Vergnügen¢ zur Verfügung steht.[4]

Mr. Neville steht als Zeichner zur Verfügung für zwölf Tage[5]

zur Anfertigung von zwölf Zeichnungen des Herrenhauses, der Gärten, Parks und der übrigen Gebäude von Mr. Herberts Anwesen.

Die Standorte für seine Zeichnungen wählt Mr. Neville nach seinem Ermessen, wenn auch unter Beratung von Mrs. Herbert.

Mrs. Herbert wird bereit sein acht Pfund pro Zeichnung zu bezahlen und Mr. Neville und seinem Diener volle Beköstigung zukommen zu lassen.

Des weiteren ist Mrs. Herbert einverstanden Mr. Neville allein zu treffen

und seinen Wünschen zu entsprechen

betreff seines Vergnügens mit ihr.

Der Hausherr ist verreist als Neville mit seinem Diener auf Compton Anstey einzieht und mit seiner Arbeit beginnt . Für jede Zeichnung hat er einen genauen Plan ausgearbeitet, der ihm totale Kontrolle über das zu zeichnende Objekt einräumen soll. Niemand darf sein Blickfeld durchkreuzen, bis hin zu den Tieren . Doch zunehmend wird seine Kontrolle durch unmotiviert auftauchende Gegenstände in Frage gestellt . Da Neville nur das zeichnet was er sieht , geraten diese Gegenstände in seine Bilder. Mrs. Talmann legt sie als Indizien dafür aus , daß der Zeichner Zeuge eines Unglücksfalles geworden ist und schließt mit ihm einen zweiten Vertrag ab, wonach nun er ihr für das private Vergnügen zur Verfügung stehen muß. Als der Zeichner zwölf Zeichnungen angefertigt hat und sie Mr. Herbert vorlegen will , wird dieser tot aufgefunden . Neville reist ab.

Seine Zeichnungen werden zunehmend vieldeutiger und von den Bewohnern in verschiedener Weise zu ihrem individuellen Vorteil ausgelegt . Eine Erbschaftsintrige spinnt sich um das Anwesen , in deren Verlauf die Bilder schließlich in den Besitz von Mr. Talmann gelangen .

Im Herbst kehrt Neville noch einmal nach Compton Anstey zurück , um Mrs. Herbert wiederzusehen . Die Frauen klären ihn schließlich darüber auf , daß er nur das Werkzeug ihrer Anstrengungen war , durch einen Erben ihren Stand zu sichern . Neville will eine dreizehnte Zeichnung anfertigen. Dabei wird er jedoch von den Intriganten umgebracht , seine Zeichnungen werden verbrannt .

Am Ende steigt „ die Statue“ von ihrem Pferd und beißt in die eigentlich für Neville bestimmte , köstlich aussehende Ananas, die sie dann sofort angeekelt wieder ausspuckt. Anmerkung : Da die „Person“ der Statue in der Kino - Fassung von DC nicht eindeutig identifizierbar ist, erwähne ich nur ihr Auftreten in der Schlußszene .

3.) Allgemeine filmische Mittel die P. Greenaway häufig in seinen Filmen verwendet , belegt mit Beispielen aus DC.

Greenaway greift gerne zu einer statischen Kameraführung , die besonders in DC die Landschaftsaufnahmen unterstützt. Die Einstellungen erhalten Tableaucharakter. Unterbrochen wird diese Art der Einstellung nur durch lange Schwenks oder Kamerafahrten z.B. während der Tafelrunden. Die Statik der Kamera unterstreicht zudem die Parallele von Filmemacher und Zeichner und lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer verstärkt auf die Dialoge der Schauspieler. Die Einstellungen werden dann durch harte Schnitte im Montageverfahren miteinander verknüpft. Damit erzielt Greenaway eine schnelle, komprimierte Bildfolge, die den Rezeptionsprozeß des Zuschauers erschwert und gegen die klassischen Regeln des Erzählkinos verstößt[6]. Ein weiteres Charakteristikum Greenaways ist das „ Spiel“. Zum einen das Spiel mit den Möglichkeiten der Montage von Bildern , zum anderen das „ Spiel“ an sich . Das „ Spiel“ impliziert auch wieder verschiedene Bedeutungsebenen , deren Vorhandensein Greenaway betonen möchte. Es finden sich Spiele mit Namen. In DC z.B. Draughtsman® Zeichner, Autor, Spielfigur aus dem englischen Damespiel-„draughts“ ; mole® Maulwurf, Muttermal; es gibt sogar die Möglichkeit die Namen " anders" zu lesen ; Seymour = see-more, né vil = Neville mourra villain, Noyes= noises. Spiele mit Zahlen, Spiele mit Personen usw..Die „Mehrdeutigkeit der Dinge“ wird auch durch den Perspektivenwechsel : Untersicht® Aufsicht unterstützt. Eine Spezialität Greenaways ist die Verwendung von „ Fakes“ , was eine Mischung in der Darstellung von Realität und Fiktion bedeutet. Eine Mischung mit der Greenaway so häufig spielt, daß sich „Biographisches“ über Greenaway hauptsächlich in meinem Anhang findet, denn auch auf seine biographischen Angaben kann man sich nicht immer verlassen... .Das Besondere an Greenaways „Fakes“ ist meiner Meinung nach, daß der Zuschauer um die „Fakes“ zu lokalisieren, sich meistens hervorragend in der inszenierten Filmwelt auskennen muß. In DC wäre es empfehlenswert sich mit der Epoche des Barock auszukennen, wobei dies keine Bedingung ist um Greenaways Filme zu genießen, aber es ergibt sich für den Zuschauer die Möglichkeit der Hinterfragung.In DC z.B. sind die Perücken der Schauspieler höher als sie im Barock jemals waren, der Rasen ist grüner als er je sein kann und der Austand den Wilhelm von Oranien angeführt hat, fand 1576 nicht wie in DC erwähnt, 1690 statt. Wie schon in meiner Einleitung erwähnt würzt Greenaway seine Filme gerne mit etwas Ironie. ( „... die Bedeutung dürfte ihnen entgangen sein Mr. Neville ²..., bemerkt Mrs. Herbert im letzten Teil von DC, bevor sie Neville über seine eigentliche Funktion auf ¢ Compton Anstey¢ aufklärt.) Auch Greenaways Faible für Allegorien erwähnte ich.(Definition Allegorie, nach Ueding Gert, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, s. Anhang), ein weiteres Mittel zum Aufzeigen unterschiedlicher Bedeutungsebenen. Im „Kontrakt“ auch der „ Einsatz“ des Granatapfels . Zitat Greenaway:[7] „Ich möchte Filme machen die in gewisser Weise unendlich oft anschaubar sind, so daß man immer und immer wieder auf sie zurückkommt, so daß dem Betrachter ständig neue Dinge auffallen, sich neue Ebenen auftun, so daß die Vielschichtigkeit des Gebildes immer mehr Ideen anbietet...“ Ebenda S. 184...“ aber sicherlich wird schon anfangs klar, daß die Diskussion des Illusionismus von übergeordneter Bedeutung ist. Es wird ständig mit der Frage gespielt was real ist und was nicht...“ Die Form der Allegorie wird in DC auch explizit erwähnt.[8] “Mr. Seymour: Your drawings are full of the most unexpected observation, Mr. Neville and looking at them is akin to pursuing a complicated allegory. Are you sure this ladder was there?“ Zu der Form der Allegorie finden sich auch ihr verwandte Formen wie Metapher, SymbolBezüge zur griechischen und hebräischen Mythologie sind auch vorhanden. In DC z. B. der Persephone-Mythos, die HesperidenZitat[9]: „ Es gibt eine Zeit in der die Wahrheit zum Mythos und der Mythos zur Wahrheit wird.“ Um die Künstlichkeit des Films zu verdeutlichen, und auch wieder zur Unterstützung der spielerischen und unterschiedlichen Bedeutungseben des Films, errichtet Greenaway ein bestimmtes Ordnungssystem, daß er danach aber sofort wieder zerstört.(dekonstruktivistisches Element) In DC mit der Vorgabe von zwölf Tagen, in denen Neville zwölf Zeichnungen anfertigen soll, in denen je ein bestimmter Platz zu einer bestimmten Tageszeit gezeichnet werden soll, und durch das Zeichengerät Nevilles unterstüzt, die Quadrierung der Bilder.Leider ändert sich diese Ordnung recht bald. Neville wird zunehmend in seinerArbeit gestört...

Diese Struktur wird auch von der Filmmusik unterstützt, wobei es unerläßlich scheint den Komponisten Michael Nyman zu erwähnen, der sowohl zum „ Kontrakt“ als auch zu einigen anderen Filmen Greenaways die Musik geschrieben hat.[10] Nyman arbeitet hauptsächlich mit Orientierung an Minimalmusikern wie John Cage und Philip Glass , eine Begeisterung die auch Greenaway hegt. In DC wurde das Werk Vol. 25, von dem englischen Barockkomponisten Henry Purcell ( 1659-1695) , „ She laughes and she confesses too“ bearbeitet.Die Musik von Nyman besteht überwiegend aus einem Thema, das in zahlreichen Varianten erscheint . Interessant daran ist, daß die Musik auf der einen Seite die Filmhandlung im klassischen Sinn unterstützt, indem den Zeichnungen ein musikalisches Thema zugeordnet wird, das sich beim Auftauchen der entsprechenden Zeichnung wiederholt. Mit zunehmender „ Unordnung“ in der Filmhandlung ergeben sich dann auch Disharmonien in der Musik. Andererseits verhält sich die Musik meiner Meinung nach aber auch "kontrapunktisch" zur Filmhandlung denn die Musik, die bei Nevilles Erscheinen meist eingespielt wird ist zu "siegessicher". Mit zunehmender Verwirrung Nevilles gestaltet sich auch die Musik disharmonischer, aber doch nicht in dem Maße, daß das Publikum auf einen Tod Nevilles vorbereitet würde. Wobei sich dann wieder die Frage stellt, ob Nevilles Tod nicht doch hauptsächlich einen rituellen Tod signalisieren sollte.( s. Fragestellung unter Punkt 8. )

Zwei Bedeutsamkeiten von Greenaways filmischen Mitteln erwähne ich erst jetzt, da sie besonders für den „Kontrakt“ so wichtig sind , daß ich ihnen einen kleinen Exkurs widmen möchte. Zunächst die Epoche des Barock. Mit Vorliebe greift Greenaway auf die Epoche des Barock zurück. Zum Einen da er damit die nötige zeitliche Distanz schafft um Ordnungen, Dinge ... darzustellen und zu kritisieren.[11] Zum anderen ist zu bedenken, daß gerade unser heutiges Zeitalter oft als Epoche des „ Neo-Barock“ tituliert wird. Was Greenaway an dem barocken Zeitalter so fasziniert und was als „ Barock“ gilt, werde ich nun versuchen darzustellen.Zitat Greenaway, 11 : „ ... Zum Einen: Der Exzeß. Am Ende des 20.Jahrhunderts leben wir in einer sehr barocken Ära. Es herrscht die barocke Idee, daß all diese Quantität in Qualität umschlagen könnte.“ Im „ Kontrakt“ wohl die Hoffnung, daß die Quantität der Früchte in die Qualität von Geld und Besitz umschlägt „ Das andere barock-aktuelle Phänomen ist die Lust am Schein...“[12] „ Mit seiner Macht die Welt wie im Traum zu umfassen, gleicht der Film der Barockkunst.“[13] „Ich bin ein manieristischer Filmemacher in einer manieristischen Zeit ... in der wir leben, ein Zeitalter des Manierismus, des Postmodernismus, des Übergangs..“ Nach Pierre Chaucun[14] wird die Epoche des Barock als kulturelle Bewegung gekennzeichnet, die sich von Italien ausgehend, ungefähr von der Mitte des 16.Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ausbreitete. Der „ Barockmensch“ war ein Sinnenmensch . Es herrschte die ständige Auseinandersetzung mit dem „schönen Schein“ der Dinge, der Illusionen, der Hang zu überladenem Schmuck, Maschinen... bis hin zum Exzeß.Die Illusion eines paradiesischen Gartens, der die Sinne anregt und in dem die Liebe regiert, sollte erzeugt werden. Den „ Barockmensch“ faszinierten die Möglichkeiten von Realität und Fiktion, und es gelang ihm doch nicht, diese beiden Dinge zu unterscheiden.Es gab kein einheitliches Zeit-/ Historiengefühl mehr. Auf der einen Seite herrschte der Glaube daran, daß das Leben vorherbestimmt sei (von Gott), auf der anderen Seite wurde das Leben profanisiert und versucht wissenschaftlich zu analysieren.Die neuen Theorien von Newton, Descartes,... lieferten dazu die wissenschaftlichen Fundamente. Es herrschte ein immenses Interesse an Maschinen aller Art. Die Freude an Illusion, Erotik, Festlichkeit, Theater, exotischen Früchten usw., wurde deutlich in Sprache, Kleidung ( Mode) und Festtafeln zur Schau gestellt. Auch Wunder erfreuten sich großer Beliebtheit , und in der Malerei trat die Technik des trompel l ¢ oeil ( Sinnes-/ Augentäuschung) in Erscheinung. 1694, der Zeitpunkt in dem sich die Handlung von DC abspielt, war das Gründungsjahr der Bank von England. Man feierte die Fruchtbarkeit des Geldes , wie früher die Fruchtbarkeitsriten der Demeter. Doch je mehr die Geldwirtschaft in den Vordergrund trat, desto größer wurde die Selbstdisziplinierung des Menschen. Die Entfremdungsvorgänge des Menschen verstärkten sich.[15] Die manieristischen Dialoge der Gesellschaft fanden auch zwischen Mann und Frau statt, und auch in dieser Beziehung zeichnete sich eine Distanz ab, die der Frau gewisse Freiheiten wie z.B. ein eigenes Schlafgemach gestatteten..Die Kehrseite dieser illustren Gesellschaft war die Gewalt. Das "Barock " war auch eine Epoche des Umbruchs und der sozialen Krisen. Die Welt konnte weitreichender bereist werden, es herrschte starker Expansionsdrang.Es gab zahlreiche Hinrichtungen , Kriege,...Aufgrund dieser zwei Extreme die das barocke Zeitalter kennzeichnen, ist die barocke Epoche für Greenaway so interessant. Seine Filme behandeln als zentrale Themen , genau dies: Sex-Fruchtbarkeit-Fortpflanzung & Tod/ Gewalt. Zitat Greenaway, S.78[16]: „ Sex und Gewalt sind die beiden wichtigsten Themen ..., die überhaupt noch Menschen anzulocken vermögen...“ Nach Hans Königsberger[17] kann das 17.Jahrhundert für Holland als " Das Goldene Zeitalter " bezeichnet werden. Holland erreichte in dieser Zeit eine wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Allerdings paßt der Erwerb dieser Pracht nicht ganz in das barocke Weltbild. Holland wurde in dieser Periode nicht vom Adel bestimmt, die führende Schicht bestand aus Kaufleuten. Prunk und Reichtum waren aufgrund des protestantischen Glaubens verpönt, und die Ansprüche des Protestantismus Sparsamkeit und Mäßigkeit, gekoppelt mit den ersten Elementen kapitalistischen Denkens, verhalfen Holland zu seinem Erfolg. Holland scheint also auch auf unkonventionellem Wege, entgegen der herrschenden " Ordnung" Erfolg gehabt zu haben. Vielleicht war und ist auch dies ein Kriterium für Greenaways "Faible" für die holländische Malerei. Daß ihn hauptsächlich die holländische Malerei fasziniert, zeigen folgende Zitate[18]: „... Hatte er sich schon immer sehr für das " goldene Zeitalter der holländischen Malerei " zwischen dem 16. und Mitte des 17. Jahrhunderts interessiert...“[19] „ Aus seinem Faible für den Delfter Künstler Jan Vermeer, für ihn wegen der " brillanten Lichtverhältnisse in seinen Gemälden der einzige und oberste visuelle Zeremonienmeister", macht Greenaway auch heute noch keinen Hehl,...“ Jan Vermeer ( 1632-1675) versuchte möglichst realistisch zu malen , und verwendete hierbei die Technik des trompe l ¢ oeil, eine Maltechnik die durch zahlreiche " pointilliers" , einen äußerst realistischen Bildeindruck vermitteln sollte. Zudem galt sein Interesse dem Einbezug des " Lichts" in seine Bilder. Er arbeitete auch mit der camera obscura, die in etwa der heutigen Arbeitsweise eines Fotoapparates entspricht. Vermeers Bilder enthielten auch Allegorien. Teilweise wurden sie sogar als Allegorie benannt: z.B.: Allegorie der Malerei.

Mitentscheidend für Hollands Erfolg war sicherlich auch seine geographische Lage am Rande des Kontinents, als Tor nach Europa und die starke Flotte der Holländer. Den Anstoß zu Hollands wirtschaftlichen Aufschwung gab Wilhelm von Oranien ( 1533-1584 ). Er erbte 1544 das Fürstentum Orange (Oranien), war Mitglied des Staatsrates und Statthalter von Utrecht,Zeeland und Holland. Er bekannte sich offen zum protestantischem Glauben und führte einen Aufstand gegen Spanien an. Nach dem Sieg erreichte er 1576 die Einigung der Nordprovinzen zum gemeinsamen Kampf.1584 wurde er von einem Katholiken ermordet. Der zweite wichtige Exkurs betrifft die Verwendung von karnevalistischen und grotesken Elementen in Greenaways Filmen.[20] Laut Bacchtin sind folgende Merkmale kennzeichnend für das "Groteske":Zunächst vor allem alle Körperteile denen eine Grenzüberschreitung innewohnt und die offen- oder hervorstehen . (z.B. der Unterleib ( Bauch-Geschlechtsorgane), Mund und Nase.) Der groteske Leib ist ein nie versiegendes Gefäß von Tod und Zeugung. Er ist kosmisch - universal und mit den Elementen und Tierkreiszeichen verknüpft. Lebensanfang und Lebensende sind eng miteinander verbunden. Wesentliche Akte des grotesken Leibes sind u.a. Essen, Trinken, Begattung, Schwangerschaft, Ausscheidung, Altern, Tod, ... . All diese Motive lassen sich auch in Greenaways Filmen wiederfinden, vor allem wieder in dem Moment der Verbindung von Leben und Tod. In DC , findet sich gleich im Prolog ein Beispiel für Greenaways Einsatz grotesker Elemente." ... ich habe gepißt wie ein Pferd und tue es noch..." ; oder Mrs. Herbert, die sich nach dem ersten Treffen mit Neville übergeben muß.

Auch karnevalistische Elemente inszeniert Greenaway. In DC wird der Karneval sogar explizit von Mrs. Talmann angesprochen" carnelevale, also käme für sie feiern nur bei einem religiösen Anlaß in Frage?" Bacchtin äußert sich zu karnevalistischen Elementen folgendermaßen: Hauptsächliches Kennzeichen des Karnevals ist sein spielerischer Charakter.Die Bedeutung des " Spiels" für Greenaway erwähnte ich schon.Auch der Karneval demonstriert das Spiel von Leben und Tod. ( Greenaways Lieblingsspielchen). Der Karneval ist ein Schauspiel ohne Rampe. Zuschauer und Akteure sind gleichgesetzt. Der Karneval zeigt eine umgestülpte Welt und bedient sich konkret sinnlicher Ausdrucksformen. Der Karneval ist das Fest der allesvernichtenden und alleserneuernden Zeit.Besonders das karnevalistische Feuer gilt als Feuer, daß die Welt zerstört und erneuert.Als karnevalistischer " Ort " ist das Badehaus erwähnenswert, denn diesem Ort kommt auch im „Kontrakt“ eine gewisse Bedeutung zu. Sowohl Mrs. Herbert als auch Mrs. Talmann treffen sich im Badehaus von Compton Anstey mit Neville , betreff ihres Vergnügens miteinander . Sicherlich beachtenswert sind Elemente der Melancholie in Greenaways Filmen, da sie aber für meine Untersuchung nichts ausschlaggebendes enthalten, verweise ich auf das Buch von Detlef Kremer[21] der sich intensiv mit grotesken und melancholischen Motiven von Greenaway auseinandersetzt.

4.) Um auf meinen Schwerpunkt Leidenschaft / Erotik / Moralität zu kommen, werde ich nun versuchen die Elemente herauszugreifen, die beim Betrachten von DC sofort als erotische Implikationen (Motive)auffallen. Zunächst fällt mir dabei die rote Schrift in barocker, kalligraphischer Schriftführung im Vorspann des Films auf, womit ich mich dem Bereich der Semiologie eines Films nähere. Das Medium Film kennt seine eigenen Logiken.[22] Ein Bild hat eine direkte Beziehung zu dem was es bezeichnet, ein Wort hat das nur selten. Die Stärke des Films ist es, daß es keinen großen Unterschied zwischen Signifikant und Signifikat gibt.[23] Greenaway möchte dies gerne verändern.Zitat Greenaway:[24] „ Kino kann sehr wohl mehrdeutig sein, kann sowohl mit der wörtlichen Bedeutung als auch mit Metaphern operieren. Aber das heißt natürlich, daß ein Film mehrmals angeschaut werden muß.“Der Film kann sich zudem all der andere Künste bedienen, um verschiedene Effekte zu erzielen. (z. B. Tanz, Malerei, Musik ) Greenaway bedient sich dieser anderen Künste, wie ich schon gezeigt habe, mit Vergnügen und kreiert sein eigenes Universum.Zitat:[25] „ One of the characteristic of my film - making is a whole series of stories, anecdotes, apocrypha which all come together and create a total world.“ Der Film kann alle konnotativen Faktoren der gesprochenen Sprache in eine Einstellung, auf ein Filmband bannen. Die Zahl der Filmbilder ist unendlich.Was passiert wenn der Regisseur soviele Konnotationen in eine Einstellung und das dann über den ganzen Film verteilt einbaut,daß der Zuschauer nicht mehr mitkommt? Sozusagen "hyperpotenziert". Auf die Verwendung der Farbe Rot in DC bezogen bedeutet dies,daß sich zwar die Verwendung der Farbe Rot durch den gesamten Film zieht, und ihr am Ende von DC auch explizit eine Bedeutung zugesprochen wird, nämlich von Mrs.Herbert: „Rot kann stehen für Blut, und besonders für das Blut von Neugeborenen oder für Mord.“Aber diese spezielle Bedeutungszuweisung ergibt sich eben erst am Ende des Films. Im Verlauf des Films wird der Zuschauer mit einem Gärtner in roten Kniehosen, roten Früchten, roten Blumen und einem roten Sofa konfrontiert, und es ist eben nicht immer eindeutig was im jeweiligen Bild " Rot" implizieren soll. Obwohl im Vorspann von DC durch den Gesang im Hintergrund , zumindest auch in den Anfangsszenen , die Bedeutung von Rot für Liebe und / oder Mord, sowie überhaupt die "Grundvorgänge "von DC , denotiert werden[26] - Singer: „ At last the glittering Queen of the Night with black caress kills off, kills off the day... for those that walk, that walk with hopeful step in garden, in garden, in garden love to find...“ ( s. auch Anhang)-, muß der Zuschauer doch das Drehbuch kennen oder schon von der ersten Einstellung an sehr genau zuhören, um den Text zu verstehen. Welcher Zuschauer ist dazu prädestiniert? Nicht alle Namen im Vorspann werden in roter Schrift gezeigt, sondern nur die Namen der Hauptdarsteller, bzw. derjenigen Personen die im Verlauf des Films mit Erotik und Leidenschaft in Verbindung gebracht werden, was die Bedeutung der Farbe Rot unterstützt. Auch die Farbgebung der Kleider ( Neville: schwarz; Zugehörige von Compton Anstey: weiß am Anfang , am Ende kehrt sich das Verhältnis wieder um) suggeriert eine bestimmte Einordnung der Personen. Auch hier fällt die eigentliche, entscheidende Bedeutung der Farbe aber erst am Ende des Films auf. Mit der Farbgebung unterstreicht Greenaway also durchaus die Strukturen / Ordnungen, die er in seinen Filmen verdeutlichen will, aber gut versteckt, sozusagen geschickt "ausgespielt". Nun erscheint der rote Schriftzug in kalligraphischer Schriftführung.[27] „ Die Kalligraphie, oder was wir als gute Schrift bezeichnen, ist eine Schrift, die durch ihre rhythmische Ordnung als Ornament auf uns wirkt.Der künstlerischen Handschrift bedient man sich heute vor allem bei der Gestaltung einmaliger und repräsentativer Dokumente.“ Die kalligraphische Schriftführung ist ein deutlicher Hinweis auf den künstlichen und kunstvollen Charakter von Greenaways Filmen.Insbesondere da diese Schrift auch im Abspann des Films wieder erscheint. Egal wie die Ereignisse des Films gedeutet werden, die Schrift, in ihrer künstlichen, künstlerischen Form überlebt mit Sicherheit. Und wer mehrere Filme Greenaways kennt, merkt bald, daß dieser Schriftzug fast eine Art Markenzeichen von Greenaway wird, - er erscheint in einigen seiner Filme wieder.Zitat Greenaway:[28] „Mich interessieren nur Kunstwerke, die sich ihrer Künstlichkeit bewußt sind.Das Kino kann unmöglich ein Fenster zur Welt, ein Stück des Lebens sein. Alles was ich mache, ist in diesem Sinn selbstreflexiv, voll von Zeichen, die die Künstlichkeit des Spiels betonen.“

[...]


[1] Barchfeld Christiane, Filming by Numbers: Peter Greenaway, Medienbibliothek Serie B, Studien-Band 13, Günter-Narr-Verlag, Tübingen 1983, S. 16-40

[2] Ueding Gert, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen-Niemeyer 1992, S.330ff ; s. Anhang

[3] Rothe Marcus, Warum die Welt wiederspiegeln?, Interview mit P. Greenaway in: Märkische Allgemeine Zeitung vom 11.01.1994

[4] Hohenberger Eva, Die Früchte der Frauen,in: Frauen und Film 40, S.45

[5] Lüdeke Jean, Die Schönheit des Schrecklichen - Greenaway-Biographie, Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1996, S. 56 / 57

[6] Barchfeld Christiane, S.72

[7] Lüdeke Jean, Die Schönheit des Schrecklichen- Greenaway-Biographie, Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 1996, S.231

[8] Barchfeld Christiane, S.76/77

[9] Kilb Andreas," Ein Lexikon lernt laufen", in: Die Zeit , vom 25.11.1988

[10] Kapp Hans-Jörg, Musik, Zeit und anderes; Peter Greenaway und Michael Nyman; in : filmwärts 21, Heft1/92, S.6-16

[11] Rothe Marcus, Interview mit Peter Greenaway vom 11.01.1994

[12] Kamer.W./ Dvorak C., Revolution des Sehens, Interview mit P. Greenaway in: Focus, Heft 25/1994, S.91/92

[13] Kilb Andreas, Die Zeit,25.11.1988

[14] Chaucun Pierre, Europäische Kultur im Zeitalter des Barock, Fischer-Tb-Wissenschaft, Frankfurt 1989

[15] Elias Norbert, Über den Prozeß der Zivilisation Bd. 1 und 2, stw- suhrkamp-Verlag, Frankfurt1976 und 1983

[16] Lüdeke Jean , S.180

[17] Königsberger Hans, Vermeer und seine Zeit, Time-Life-Redaktion-International ( Nederland) B.V., 1973

[18] Lüdeke Jean, S. 78

[19] Lüdeke Jean, S.14/15

[20] Bacchtin Michael, Karneval und Groteske, Carl-Hanser-Verlag 1969, S.15-20 Groteske; S.47-60 Karneval

[21] Kremer Detlef, Peter Greenaways Filme- Vom Überleben der Bilder, J.B. Metzler Verlag 1995

[22] Artikel in " Paris cinéma,"hrsg. von den Filmstellen VSE TH/ VSV, Dokumentation Sommer 1992, S.121

[23] Monaco James, Film verstehen, rororo-Tb-Verlag, Hamburg 1990, S.141

[24] Lüdeke Jean,S.226

[25] Brown Robert, From a View to a death, in: Monthly Film Bulletin, Nr.586, November 1982, S. 255/56

[26] L’Avant-Scène-cinéma, No. 333, Oktober / November1983 / 84, S. 47

[27] Henze Wolfgang, Ornament, Dekor und Zeichen, Verlag der Kunst, Dresden 1958, S.76/77

[28] Barchfeld Christiane,Vorwort

Details

Seiten
45
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638381246
ISBN (Buch)
9783638705899
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39322
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – NdL
Note
2+
Schlagworte
Peter Greenaways Film Kontrakt Zeichners Bezüge Moralität Leidenschaft

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