Lade Inhalt...

Internet und Gedächtnis

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Glossar
2.1 Das Gedächtnis
2.2 Oralität und Literalität

3. Gedächtniskulturen im Internetzeitalter
3.1 Das Internet - ein Speicher?
3.2 Neue Oralität oder erweiterte Literalität?

4. Schlusswort

5. Bibliographie

1. Vorwort

Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs. Mit der Erfindung der Computertechnologien und der globalen Vernetzung ändert sich unsere Lebenssituation drastisch. Das betrifft vor Allem unsere Bildung sowie Stabilisierung kulturellen Gedächtnisses und unsere Formen der Kommunikation.

Beginnen werde ich damit, grundlegende Begriffe, die für weitere Analysen essentiell sind, zu erläutern. Sie bilden das Glossar für den zweiten Teil.

Das Glossar wird an erster Stelle den Begriff des kulturellen Gedächtnisses beinhalten. Dieses ist eine Form kollektiven Gedächtnisses und erklärt die Notwendigkeit von Wissensspeicherung, um die es im Anwendungsteil gehen soll. Die Frage der Speicherung führt unmittelbar zu den Begriffen des Funktions- sowie Speichergedächtnisses. Wir werden sehen, dass das Funktionsgedächtnis das ist, was eine Gesellschaft ausmacht, wovon sie lebt und dass das Speichergedächtnis eine unbedingte Voraussetzung für das Funktionsgedächtnis ist. Beide zusammen bedingen das kulturelle Gedächtnis unserer Zeit.

Außerdem im Glossar mit aufgeführt sind die Begriffe der Oralität und Literalität. Bisher waren Sprache und Schrift unsere primären Medien zur Informationsübermittlung. Sie haben das kulturelle Gedächtnis geprägt und beeinflusst. Um zu untersuchen, inwieweit sich das neue Medium Internet in die Reihe konventioneller Medien einreihen lässt, ist es wichtig, gründlich auf die Phänomene Schrift und Sprache zu sprechen zu kommen. Ich werde daher die Charakteristika oraler Kulturen inklusive ihrer Vor- und Nachteile aufzeigen um dann analog zu literalen Gesellschaften überzugehen. Hierbei werden Schriftkritiker wie Platon im Mittelpunkt stehen und Defizite der Literalität veranschaulichen.

Soweit die theoretische Vorarbeit. Was nun folgt ist die Anwendung auf den Bereich Internet.

Es stellt sich diesbezüglich zunächst die Frage, ob das Internet dazu in der Lage ist, dauerhaft Wissen zu speichern und sinnvoll abrufbar zu machen. Eignet es sich als Speicher kulturellen Gedächtnisses oder fehlen ihm wichtige Eigenschaften eines Speichergedächtnisses? Wenn es keine Speicherfunktion hat, welche Auswirkungen hat dies dann auf unser kollektives Gedächtnis? Und letzten Endes: Wenn das Internet tatsächlich das Buch verdrängen und herkömmliche Archive aussterben lässt – ist es in der Lage dazu, die Gesellschaft zu stabilisieren, ihre Identität zu sichern, ihr Dasein zu legitimieren?

Der letzte Abschnitt dieses Kapitels wird dann noch einmal auf die Frage der Oralität und Literalität zurückkommen. Wir werden die neuen Kommunikationsformen E-Mail, ‚Chat’ sowie Hypertext unter die Lupe nehmen und versuchen, sie in die Kategorien Schriftlichkeit/Mündlichkeit einzuordnen.

Das Ziel dabei wird sein, unterm Strich sagen zu können, ob mit dem Internetzeitalter eine orale oder literale Welle der Kommunikation auf uns zukommt. Welche Seite überwiegt? Ist es vielleicht sogar an der Zeit, einen vollkommen neuen Begriff einzuführen, der das Phänomen Internet besser beschreiben kann? Ein Begriff, der ausdrückt, dass es kein Schwarz-Weiß (Oralität-Literalität) mehr gibt, sondern dass wir es im Jahre 2003 mit einer Mischform bisheriger Kommunikationsmedien zu tun haben? Wie könnte er lauten?

Zuletzt wird das Schlusswort stehen. Hier werde ich Ergebnisse zusammentragen und einen umfassenden Rückblick auf die Arbeit werfen. Die Zusammenhänge der einzelnen Kapitel und Abschnitte sollen noch einmal verdeutlicht dargestellt und zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden. Abschließend werde ich ein paar Schlussüberlegungen anstellen, die einen Blick in unsere Zukunft werfen sollen:

In welche Richtung werden wir uns weiterentwickeln? Welche Möglichkeiten haben wir? Was können wir uns für unsere Gesellschaft, unsere Art zu kommunizieren und unsere Kultur wünschen?

2. Glossar

Der Frage, wie sich kulturelle Strukturen und Formen der Kommunikation im Internetzeitalter verändern, geht einige Theorie voraus. Es muss geklärt werden, was ein kulturelles Gedächtnis ist und welche Funktion es in der Gesellschaft einnimmt. Dabei wird man unweigerlich auf die Begriffe des Speicher- sowie Funktionsgedächtnisses stoßen. All diese Formen von Gedächtnis werden beeinflusst durch die Medien der Gesellschaft, der sie innewohnen. Damit erklärt sich die Notwendigkeit, auf die Frage der Oralität bzw. Literalität zu sprechen zu kommen und die Medien Schrift sowie Sprache zu charakterisieren.

2.1 Das Gedächtnis

Kulturelles Gedächtnis

Jan Assmann teilt das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft auf in das kommunikative und das kulturelle. Das kommunikative soll im Rahmen vorliegender Arbeit keine Rolle spielen, denn an dieser Stelle wichtig ist viel mehr das kulturelle Gedächtnis.

Dieses beinhaltet im optimalen Falle die Antworten „[...] auf die Fragen ‚Wonach sollen wir uns richten?’ und ,Wer sind wir?’ [...]“[1]. Es weist also die Richtung und dient zur gesellschaftlichen Identitätssicherung. Es hilft Menschen, Phänomene der Gegenwart mithilfe der Vergangenheit zu erklären. Klar ist also, dass z.B. Mythen in das Repertoire kulturellen Gedächtnisses gehören. Überliefert wird es durch spezielle Träger, die nicht beliebig wählbar und meist an eine Institution gebunden sind. Paradebeispiel unserer Zeit wäre der Pfarrer, eingebunden in die Institution Kirche. Oft ist das Überlieferte an Bilder, Symbole, Musik oder verschiedene Objekte gebunden. In der Kirche wären derartige Sinnträger der Kelch oder das Brot zum Abendmahl. Wie sich bereits vermuten lässt, ist der Rahmen, in dem kulturelles Gedächtnis aufgebaut und weitergegeben wird, ein äußerst festlicher und künstlich erzeugt zeremonieller.[2]

Was versteht man nun unter dem Funktionsgedächtnis und dem Speichergedächtnis? In welchem Zusammenhang stehen sie mit dem kulturellen?

Funktionsgedächtnis

Das Funktionsgedächtnis wird in der Literatur teilweise auch als das ‚bewohnte Gedächtnis’ bezeichnet. Einerseits kann damit das Wissen gemeint sein, dass über zwischenmenschliche ‚face-to-face-Kommunikation’, wie zwischen Oma und Enkel, weitergegeben wird. Andererseits hat es dieselben Merkmale wie das kulturelle Gedächtnis, weswegen man oftmals auch die Bezeichnung als „kulturelle[s] Funktionsgedächtnis“[3] liest. Dieses ist an einen auserwählten Träger gebunden, erklärt Gegenwärtiges, beschäftigt sich mit der Zukunft, sichert Identität und stellt Normen auf. Aus all dem Wissen, das einer Gesellschaft zur Verfügung steht, nimmt es nur diejenigen Informationen heraus, die aktuell einen Wert besitzen.[4] Das, was den Rest ausmacht, wird zusammengefasst unter dem Begriff des Speichergedächtnisses oder auch des ‚unbewohnten Gedächtnisses’.

Speichergedächtnis

Das Speichergedächtnis hat keinen Träger mehr, sondern lebt von Archiven. Es hat keinerlei aktuellen Wert und nimmt ohne weiteren Selektionsvorgang alles in sich auf, dem die derzeitige Gesellschaft keinen Sinn zumisst.4 Auch wenn es leblos zu sein scheint, so spielt es doch eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von Kulturen, denn es „[...] kann als ein Reservoir zukünftiger Funktionsgedächtnisse gesehen werden“[5] und ist damit entscheidend dafür, womit wir morgen umgehen werden. Zur Aufbewahrung wertvoller Güter, die die Basis zukünftiger Gedächtnisse bilden, tragen unter Anderem „Archive, Museen, Bibliotheken und Gedenkstätten [...]“5 bei (inwieweit der Computer bzw. das Internet in die Reihe der Speicherorte mit aufgenommen werden kann, wird sich im zweiten Teil der Arbeit noch zeigen).

[...]


[1] Aleida Assmann 1999: 131

[2] Jan Assmann 2000: siehe Tabelle Seite 56

[3] Aleida Assmann 1999: 137

[4] Aleida Assmann 1999: siehe Tabelle Seite 133

[5] Aleida Assmann 1999: 140

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638381185
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v39313
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Schlagworte
Internet Gedächtnis Proseminar Schrift

Autor

Zurück

Titel: Internet und Gedächtnis