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Das Märchen "Rotkäppchen" der Gebrüder Grimm als Gegenstand von Märchenparodien

Facharbeit (Schule) 2016 34 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rotkäppchen als Volksmärchen
2.1HandlungundAufoau
2.1.1 Rotkäppchen als Kettenmärchen
2.1.2 Schema „Bewährungsprobe"
2.2 Sprache
2.2.1 Formelhaftigkeit
2.2.2Satzbau
2.3 Abgrenzung vom Kunstmärchen

3 Analyse von Parodien auf Rotkäppchen
3.1 Sprachliche Parodien auf Rotkäppchen
3.1.1 Rotkäppchen auf Amtsdeutsch: „Rotkäppchen, im amtlichen Sprachgut beinhaltet" von Thaddäus Troll
3.1.1.1 Einordnung
3.1.1.2 Sprachliche Mittel
3.1.1.3 Interpretation
3.1.2 Rotkäppchen im Mathematik-Jargon: „Das Märchen Rotkäppchen aus der 12 Sicht eines Mathematikers" von Friedrich Wille
3.1.2.1 Einordnung
3.1.2.2 Inhaltliche Gestaltung
3.1.2.3 Sprachliche Mittel
3.1.3 Vergleich der beiden Texte
3.2 Parodien aufdas Motiv von Rotkäppchen
3.2.1 Ein modernes Rotkäppchen: „Das kleine Mädchen und der Wolf" von James Thurber
3.2.1.1 Einordnung
3.2.1.2SprachlicheMittel
3.2.1.3 Inhaltliche Gestaltung
3.2.2 Rotkäppchen als Propaganda: „Little Red Riding Hood (Has a Gun)" von Amelia Hamilton
3.2.2.1 Einordnung
3.2.2.2 Gesellschaftlicher Hintergrund
3.2.2.3 Sprachliche Mittel
3.2.2.4 Inhaltliche Gestaltung
3.2.3 Vergleich derbeiden Texte

4 Fazit

5 Quellenverzeichnis

6 Anhang

1 Einleitung

Märchen begeistern. Über Generatìonen hinweg haben die Erzählungen von Prinzessinnen und Ungeheuern, sprechenden Tieren und wundersamen Begebenheiten Märchenleser und -hörer jeden Alters fasziniert. Mit der schnell fortschreitenden Entwicklung des Films im Laufe des 20. Jahrhunderts ist ein neues Genre entstanden: Das der Märchenverfilmung. Wegweisend dafür sind die Filme von Walt Disney. Seine filmischen Umsetzungen „Schneewittchen" und „Cinderella" aus den fünfziger Jahren gelten noch heute als Kinderfilmklassiker, die sich auch gegen moderne Konkurrenz behaupten können.

Seit 2000 sind zahlreiche, zumeist animierte Märchenverfilmungen erschienen. Den Beginn dieser Entwicklung markiert der 2001 erschienene US-amerikanische Animatìonsfilm „Shrek - Der tollkühne Held", der verschiedene Märchen und deren Motìve vermischt und unterschiedliche Märchenfiguren zusammenbringt. Dieses Erfolgsrezept machte auch die drei Fortsetzungen des Films sowie die Auskopplung „Der gestìefelte Kater" zu Kassenschlagern, 2014 hat Walt Disney mit „Maleficent - Die dunkle Fee" eine Version des Märchens „Aschenputtel" geschaffen, die aus der Sicht der bösen Fee erzählt wird. Eine weitere düstere Märchenadapfi'on ist „Snow White and the Huntsman"(2012), die die Handlung von Schneewittchen verfremdet. „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich" bildet die Grundlage für den Animatìonsfilm „Küss den Frosch" aus dem Hause Disney von 2009. Die Handlung ist hier in den Süden der USA in den 1920er Jahren verlegt. Zudem wird das Verwandlungsmotìv umgekehrt, indem sich auch die Prinzessin in einen Frosch verwandelt.

Die grundlegende Idee, ein traditìonelles Märchen zu verfremden und/oder zu modernisieren, ist allerdings keine Erfindung der Filmbranche. Auch die Literatur kennt zahlreiche Märchenversionen, die in vielen Fällen älter sind als die ersten filmischen Umsetzungen. Dabei ist eine große Vielfalt an verschiedenen Texten entstanden, die sich hinsichtlich ihrer Gattung, Sprache und Intentìon stark unterscheiden. Am Beispiel des von den Gebrüdern Grimm niedergeschriebenen Märchens Rotkäppchen soll in dieser Arbeit eine Auswahl im weitesten Sinne parodistìscher Texte analysiert werden. Gemessen an der großen Anzahl literarischer Verfremdungen eignet sich das Märchen Rotkäppchen in besondererWeise als Gegenstand der nachfolgenden Untersuchung.

2 Rotkäppchen als Volksmärchen

ln einem ersten Schritt sollen charakteristische Merkmale des Volksmärchens, die Rotkäppchen1 aufweist, belegt werden. Diese Einordnung dient zum besseren Verständnis der Intention einiger Parodisten, die Eigenschaften dieser Gattung zum Ansatzpunkt oder sogar Gegenstand ihrerVerfremdung von Rotkäppchen machen.

2.1 Handlung und Auftau

2.1.1 Rotkäppchen als Kettenmärchen

Die inhaltliche Struktur von Rotkäppchen weist zentrale Merkmale des Volksmärchens auf. Da sich die Grimmschen „Kinder- und Hausmärchen" hauptsächlich an Kinder richten, ist die Handlung wenig komplex gestaltet. Märchen mit einem besonders einfachen Auftau werden als „Kettenmärchen"2 bezeichnet. Die nachfolgende Grafik ist denen von Ellwanger und Grömminger3 nachempfunden und soll den Auftau des Hauptteils von Rotkäppchen anschaulich machen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Darstellung zeigt, dass es sich bei Rotkäppchen um ein Kettenmärchen handelt, bei dem die Handlungsschritte nacheinander ablaufen und sich nicht überlagern. Eine Ausnahme stellt die Synchronizität des Blumenpfiückens und des Verschlingens der Großmutter dar.4

2.1.2 Schema „Bewährungsprobe"

Die Ausgangssituation eines Märchens besteht in der Regel in einer Form von Mangel oder Konfliktsituation, die der Protagonist im Verlauf der Handlung lösen muss5. Diese „Darstellung von Schwierigkeiten und deren Bewältigung"6 ist ebenso Bestandteil der Handlung von Rotkäppchen, wenngleich in erweiterter Form. Die Krankheit der Großmutter und der Auftrag für Rotkäppchen, ihr Wein und Kuchen zu bringen (vgl. GriRo, S.62), stellen dabei die thematische Aufgabe des Märchens und gleichzeitig eine Bewährungsprobe7 für die Protagonistin dar. Allerdings ist Rotkäppchen dieser Aufgabe nicht gewachsen, scheitert und kann nur durch die Hilfe des Jägers sein Ziel, die Erfüllung der ursprünglichen Aufgabe, erreichen. Somit wird zwar die Schwierigkeit in der Handlung, nicht aber deren Bewältigung durch die Protagonistin dargestellt. Für diese zweite Komponente ist dem bekannten Märchen vom Rotkäppchen ein weniger bekannter Nachsatz beziehungsweise eine Fortsetzung angefügt, in welcher das Rotkäppchen, das aus seinen Fehlern in der vorherigen Geschichte gelernt hat, einen anderen Wolf mit einer List besiegt (vgl. GriRo, S.65). Damit besteht Rotkäppchen die anfangs gestellte Bewährungsprobe doch noch, wenn auch erst beim zweiten Versuch. Das Märchen entspricht damit in den Grundzügen seines Handlungsschemas denen des Volksmärchens.

2.2 Sprache

2.2.1 Formelhaftigkeit

Die Formelhaftigkeit in der sprachlichen Gestaltung ist ein typisches Merkmal des Volksmärchens und zeigt sich im vorliegenden Text auf mehreren Ebenen. Max Lüthi stellt fest: „Fest und formelhaft sind die Anfänge".8 Dieses wohl offenkundigste Kennzeichen ist bereits im ersten Satz von Rotkäppchen beinhaltet: Die berühmte Märchenformel „Es war einmal" (GriRo, S.62) versetzt den Leser beziehungsweise Hörer sofort in Erwartung eines Märchens. Allerdings betriffl die Formelhaftigkeit auch „die Sprüche des Märchens".9

Dieses Charakteristikum wird erfüllt, indem Rotkäppchen den als dessen Großmutter verkleideten Wolf mit vier syntaktisch identisch gestalteten Sätzen anspricht, die trotz der Ausrufungszeichen als Fragen zu verstehen sind: „,Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!' [...] ,Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!' [...] ,Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!' [...] ,Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!'" (GriRo, S.64).

2.2.2 Satzbau

Dass der Satzbau des Volksmärchens von einfachen, gereihten Sätzen bestimmt wird,10 überrascht kaum, wenn man bedenkt, dass die zentrale Gemeinsamkeit aller Werke dieser Gattung ihre Einfachheit11 ist. Satzreihen wie „Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor" (GriRo, S.63) finden sich an zahlreichen Stellen.

Ein weiteres typisches Phänomen fällt in folgenden Satzteilen auf: „[E]ine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb" (vgl. GriRo, S.62); „ihre Großmutter, die wußte gar nicht" (vgl. GriRo, S.62). Hier wird in einer Reihe im ersten Satzteil ein Nomen verwendet und im nächsten durch das zugehörige Pronomen ersetzt. Diese „häufige pronominale Wiederholung eines Nomens (Prolepse)"12 in Rotkäppchen ist ein weiteres Merkmal des Volksmärchens.

2.3Abgrenzung vom Kunstmärchen

Eine dem Volksmärchen verwandte literarische Form ist das Kunstmärchen, von dem Rotkäppchen klar abzugrenzen ist. Zum einen ist bei einem Kunstmärchen stets der Verfasser bekannt, zum Beispiel Hans Christian Andersen als Verfasser des Märchens „Die kleine Seejungfrau". Volksmärchen dagegen entstehen durch mündliche Über­lieferungen13 und es ist nur bekannt, wer den Text letztendlich schriftlich fixiert und/oder editiert hat, im Fall von Rotkäppchen die Gebrüder Grimm. Zum anderen unterscheidet sich die Art der Darstellung sehr stark. Während diese beim Volksmärchen von „Festigkeit, Klarheit, Eindeutigkeit"14 geprägt ist, neigen Verfasser von Kunstmärchen dazu, detailliert und poetsch zu beschreiben.15 Das steht im klaren Gegensatz zu Rotkäppchen, aufgrund dessen geradliniger Erzählweise beispielsweise zwar schöne Blumen erwähnt werden, jedoch keine einzige beim Namen genannt wird (vgl. GriRo, S.63).

3 Analyse von Parodietexten

3.1 Parodien mit der Sprache von Rotkäppchen als Gegenstand

3.1.1 Rotkäppchen auf Amtsdeutsch: „Rotkäppchen, im amtlichen Sprachgut beinhaltet" von Thaddäus Troll

Im Zentrum dieser Arbeit steht die Analyse verschiedener Texte, die das Märchen Rotkäppchen der Gebrüder Grimm zum Gegenstand ihrer Verfremdung haben. Zuerst sollen Werke untersucht werden, die die charakteristsche Sprache des Volksmärchens Rotkäppchen 16 abwandeln und in unterschiedliche Fachsprachen übertragen.

Der Text „Rotkäppchen, im amtlichen Sprachgut beinhaltet" von Hans Bayer, der unter dem Pseudonym Thaddäus Troll veröffentlicht wurde,17 offenbart schon durch seinen Titel, dass eine Übertragung des Grimmschen Märchens in einen amtlichen Sprachst das zentrale gestalterische Element darstellt. Dieser Umstand ist auch für die Zuordnung des Werkes zu einer literarischen Gattung von Bedeutung.

3.1.1.1 Einordnung

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Traveste des Märchens Rotkäppchen. Eine Traveste verspottet ein bekanntes literarisches Werk „durch Wiedergabe seines Inhalts in unangemessener, grob veränderter sprachlich-stlistscher Form".18 Indem Thaddäus Troll die kaum veränderte Handlung von Rotkäppchen von einer märchen- und formelhaften Schilderung tktver Ereignisse auf die Ebene eines sachlich-nüchternen amtlichen Berichtes hebt, erfüllt er diese Kriterien und erzeugt durch dieses „Mißverhältnis von altem Inhalt und neuer Stìlebene"19 einen komischen Effekt, zu dem gleichzeitìg verschiedene sprachliche Mittel beitragen.

3.1.1.2 Sprachliche Mittel

Zentrales stìlistìsches Element dieser Travestìe ist der hohe Grad der Abstraktìon. Die konkreten Formulierungen des Originals werden so stark wie möglich vereinfacht. Bei diesem Vorgehen handelt es sich um ein in der Rechtswissenschaft häufig angewendetes Prinzip. Eine Rechtsnorm ist dadurch gekennzeichnet, „dass sie eine Rechtsfolge an einen Tatbestand knüpft. Der Tatbestand umschreibt in abstrakter Weise die Tatumstände, die im konkreten Fall ,erfüllt' sein müssen, um die Rechtsfolge ,auszulösen'".20 Um zu entscheiden, ob eine Tat die entsprechende Rechtsfolge nach sich ziehen muss, hat der Zuständige zu „überprüfen, ob sich der ihm vorliegende konkrete Sachverhalt unter einen abstrakten Tatbestand subsumieren lässt".21 Dazu ist es notwendig zu abstrahieren, und genau so verfährt Troll hier mit dem Märchen Rotkäppchen. Im Original heißt es: „Der Jäger ging eben an dem Haus vorbei" (GriRo, S.64). Diesen Sachverhalt abstrahiert Troll folgendermaßen: „Der sich auf einem Dienstgang befindliche und im Forstwesen zuständige Waldbeamte B." (TroRo, S.72). Dieses Vorgehen findet sich an zahlreichen weiteren Stellen wieder, von denen nur noch eine genannt werden soll. Wo bei den Gebrüdern Grimm Rotkäppchens Mutter sagt: „,Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben'" (GriRo, S.62), spricht Troll von „eine[r] Sendung von Nahrungs- und Genussmitteln zu Genesungszwecken" (TroRo, S.71). Hier abstrahiert Troll nicht nur, er verkürzt das Original sogar, indem er vollständig auf wörtliche Reden verzichtet, die in der Fassung der Gebrüder Grimm viel Platz einnehmen. Der sehr bekannte Dialog zwischen Rotkäppchen und dem als dessen Großmutter verkleideten Wolf (vgl. GriRo, S.64) fehlt beispielsweise vollständig. Dennoch bekennt sich Troll mit dem letzten Satz seiner Travestìe zu dem Märchenursprung seines Werkes, indem er die weithin bekannte Schlussformel für Märchen „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" dem Stìl des Textes konsequent folgend paraphrasiert: „Wenn die Beteiligten nicht durch Hinschied abgegangen und in Fortfall gekommen sind, sind dieselbigen derzeitìg noch lebhaft" (TroRo, S.72), obwohl im Original Rotkäppchen diese Formel gar nicht auftaucht. Das liegt in der Tatsache begründet, dass Troll sich an dieser Stelle eher auf die weit verbreitete Vorstellung des Märchens als auf den exakten Wortlaut der Gebrüder Grimm bezieht. Diese Orientierung am allgemeinen Bild von Rotkäppchen wird auch bei einer Untersuchung des Inhalts deutlich.

3.1.1.3 Interpretation

Die Absicht einer Travestie ist grundsätzlich Spott.22 Ziel des Spottes ist hier jedoch keineswegs das Märchen Rotkäppchen. Weder wird sein Inhalt lächerlich gemacht - sondern beinahe identisch übernommen - noch seine Sprache als anachronistisch verlacht, sondern als leserfreundlichere Alternative zum Amtsdeutsch dargestellt. Damit scheidet das Original Rotkäppchen als Gegenstand von Trolls Spott aus und lässt das Amtsdeutsch selbst als einzige verbliebene Möglichkeit offen. Tatsächlich dient die vorliegende Travestie als Mittel zur Kritik an dieser Form des Gebrauchs der deutschen Sprache, die Trolls Ansicht nach unnötig kompliziert formuliert und sich von der tatsächlichen Gebrauchssprache weit entfernt hat. Dabei darf auch der zeitliche Kontext der Travestie nicht unbeachtet bleiben. Mit dem Erscheinungsjahr 1953 fällt der Text in eine Zeit, die rückwirkend häutig mit dem Adjektiv spießig assoziiert wird.23 Das mit den fünfziger Jahren verbundene ständige Streben nach Korrektheit24 ist charakteristisch für die Gesellschaft der frühen Bundesrepublik. Dieses Ringen um bürokratische Korrektheit schließt selbstverständlich auch die sprachliche Ebene ein und genau dort setzen Trolls Spott und Kritik an. Das vorgebliche Streben nach Präzision und Richtigkeit im Sprachgebrauch, das in extrem versachlichte abwegige Formulierungen wie „Pulverschießvorrichtung zu Jagdzwecken" (TroRo, S.71) anstelle von Jagdgewehr, Schachtelsätze wie „Durch die unverhoffie Wiederbelebung bemächtigte sich beider Personen ein gesteigertes, amtlich nicht zulässiges Lebensgefühl, dem sie durch groben Unfug, öffentliches Ärgernis erregenden Lärm und Nichtbeachtung anderer Polizeiverordnungen Ausdruck verliehen, was ihre Haftptiichtigmachung zur Folge hatte" (TroRo, S.72) und kaum lesbare Texte ausartet, darf aus Trolls Perspektíve als Zeitkrití'k verstanden werden.

In Anbetracht der historischen Situatíon ergibt sich allerdings eine weitere Deutungsmöglichkeit. Die Art und Weise, wie in „Rotkäppchen, im amtlichen Sprachgut beinhaltet" die ursprünglich blutígen, grausamen Passagen mit sachlichen Formulierungen wie „Pulverschießvorrichtung" (TroRo, S.72) oder Euphemismen wie „durch Hinschied abgegangen" (TroRo, S.72) anstelle von „gestorben" verharmlost werden, ist typisch für die Bürokratíe hinter der Tötungsmaschinerie der Natíonalsozialisten und deren Vokabular im Allgemeinen gewesen. Die menschenverachtenden Methoden sind der deutschen Bevölkerung acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch gegenwärtíg gewesen. Einen weiteren Beleg für diese Lesart stellt eine Textstelle dar, in der der Jäger, anstatt einfach das Haus der Großmutter zu betreten, erst „bei seiner vorgesetzten Dienststelle ein Tötungsgesuch ein[holt]" (TroRo, S.72). Dadurch ist das Vorgehen des Jägers von amtlicher Seite genehmigt - und macht den Jäger de facto zu einem Befehlsempfänger und entbindet ihn seiner Eigenverantwortung. Mit einer solchen Befehlsstruktur rechtfertígten zahllose Nazi-Kriegsverbrecher wie beispielsweise Adolf Eichmann25 nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Handeln im Dritten Reich. Dies ist außerdem die einzige größere Veränderung des ursprünglichen Inhalts, die dieser Text aufweist.

Des Weiteren benutzt Troll das Wort „Menschenmaterial" (TroRo, S.72), das im Dritten Reich unter anderem in Zusammenhang mit den Experimenten an Häftlingen in Konzentratíonslagern verwendet worden ist.26 Alle diese Bezüge auf das Dritte Reich werfen die Frage auf, warum Troll beinahe ein Jahrzehnt nach Kriegsende noch ein solches Werk verfasst. Vor dem Hintergrund der Aufarbeitung der NS-Kriegsverbrechen kann diese Travestíe als Mahnung verstanden werden, die Berufung auf die Befehlskette als Rechtfertígung nicht zu akzeptíeren und die Entnazifizierung weiterhin konsequent voranzutreiben. Ein ähnlicher Grundgedanke findet sich auch in einer Karikatur aus dem Jahr 1946.27

[...]


1 Vgl. Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm: Rotkäppchen. In: Barth, Johannes (Hrsg.): Texte und Materialien. Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Karikaturen. Stuttgart 1979, S. 62. Das Märchen wird im weiteren Verlauf der Arbeit im Fließtext hinter Zitaten mit GriRo abgekürzt. Zur Unterscheidung des Märchens „Rotkäppchen" und der Protagonistin Rotkäppchen erscheint der Titel des Märchens in der Arbeit kursiv. Rotkäppchen und Teile der Sekundärliteratur folgen der alten Rechtschreibung und werden in dieser Arbeit in direkten Zitaten ohne eine Kennzeichnung veralteter Rechtschreibung zitiert.

2 Vgl. Ellwanger, Wolfram/Grömminger, Arnold: Märchen. Erziehungshilfe oder Gefahr? Freiburg 1977, S.22.

3 Vgl. ebd., S.22f.

4 Auf eine solche Einschränkung weisen auch Ellwanger und Grömminger hin: Die Handlung des Volksmärchens sei „zumeist [Hervorh. d. d. Verf.] einsträngig und in leicht überblickbare Episoden gegliedert". Ebd.

5 Vgl. Poser, Therese: Das Volksmärchen. Theorie, Analyse, Didaktik. München 1980, S.20.

6 Ellwanger/Grömminger, S.21.

7 Vgl.Poser, S.20.

8 Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. GöWngen 1969, S.29.

9 Ebd.

10 Vgl. Poser, S.24.

11 Vgl. Kwiatkowski, Gerhard (Hrsg.): Die Literatur. Mannheim 1980, S.267.

12 Poser, S.24.

13 Vgl. Kwiatkowski, S.267ff.

14 Lüthi, S.31.

15 Vgl.ebd., S.30.

16 Zur Sprache des Volksmärchens am Beispiel von Rotkäppchen vgl. 2.2.

17 Vgl. Troll, Thaddäus [Bayer, Hans]: Rotkäppchen, im amtlichen Sprachgut beinhaltet. In: Barth, Johannes (Hrsg.): Texte und Materialien. Grimms Märchen - modern. Prosa, Gedichte, Karikaturen. Stuttgart 1979, S. 71f. Die Traveste wird im weiteren Verlauf der Arbeit im Fließtext hinter Zitaten mit TroRo abgekürzt.

18 Kwiatkowski, S.416.

19 Ebd.

20 Rechtsnorm. http://www.rechtslexikon.net/d/rechtsnorm/rechtsnorm.htm. 05.08.2016.

21 Ebd.

22 Vgl. Kwiatkowski, S.416.

23 Vgl. Schildt, Axel: Gesellschaftliche Entwicklung. Auf: http://www.bpb.de/izpb/10124/gesellschaftliche- entwicklung?p=all. 01.08.2016.

24 Vgl. Ziehe, Thomas: Die alltägliche Verteidigung der Korrektheit. In: Kurme, Sebastian: Halbstarke. Jugendprotest in den 1950erJahren in Deutschland und den USA. Auf: https://books.google.de/books? id=y6tjaS5IYOUC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_atb#v=onepage. 05.08.2016.

25 Vgl. 50 Jahre Eichmann-Prozess. Auf: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68641/50-jahre- eichmann-prozess-15-12-2011. 01.08.2016.

26 Vgl. Bartens, Werner: Die Perversion des Heilens. Auf: http://www.sueddeutsche.de/leben/menschenversuche-die-perversion-des-heilens-1.926062. 01.08.2016.

27 SieheAnhang.

Details

Seiten
34
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668630871
ISBN (Buch)
9783668630888
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v393048
Note
1,0
Schlagworte
märchen rotkäppchen gebrüder grimm gegenstand märchenparodien

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Titel: Das Märchen "Rotkäppchen" der Gebrüder Grimm als Gegenstand von Märchenparodien