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Eliten in Deutschland. Aufstieg der Mittelschicht?

Bachelorarbeit 2017 36 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

1. Definition
1.1 Kategorisierung der Eliten
1.1.1 Wertelite
1.1.2 Funktionselite
1.1.3 Machtelite
1.2 Elite als funktionaler Begriff

2. Identifikation
2.1 Reputationsansatz
2.2 Entscheidungsansatz
2.3 Positionsansatz
2.4 Zwischenfazit

3. Positionsauswahl
3.1 Sektor Militär
3.2 Sektor Politik
3.3 Sektor Gewerkschaften
3.4 Sektor Verwaltung
3.5 Sektor Wissenschaft
3.6 Sektor Massenmedien
3.7 Sektor Kultur
3.8 Sektor Wirtschaftsverbände
3.9 Sektor Wirtschaftsunternehmen und sonstige Sektoren

4. Eliterekrutierung
4.1 Offenheit im Rekrutierungsprozess?
4.2 Rekrutierungsfaktoren
4.2.1 Soziale Herkunft
4.2.2 Bildung
4.2.3 Sozialisation
4.2.4 Weitere Faktoren
4.3 Rekrutierung nach Sektoren
4.3.1 Militärische Elite
4.3.2 Politische Elite
4.3.3 Gewerkschaftliche Elite
4.3.4 Administrative Elite
4.3.5 Akademische Elite
4.3.6 Mediale Elite
4.3.7 Wirtschaftsverbandliche Elite
4.3.8 Sonstige Elite

5. Aufstieg der Mittelschicht?

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht über die militärischen Positionen 1981

Tabelle 2: Übersicht über die militärischen Positionen 2013

Tabelle 3: Übersicht über die politischen Positionen 1981

Tabelle 4: Übersicht über die politischen Positionen 2013

Tabelle 5: Übersicht über die gewerkschaftliche Positionen 1981

Tabelle 6: Übersicht über die gewerkschaftliche Positionen 2013

Tabelle 7: Übersicht über die administrativen Positionen 1981

Tabelle 8: Übersicht über die administrativen Positionen 2013

Tabelle 9: Übersicht über die wissenschaftlichen Positionen 1981

Tabelle 10: Übersicht über die wissenschaftlichen Positionen 2013

Tabelle 11: Übersicht über die Positionen in den Massenmedien 1981

Tabelle 12: Übersicht über die Positionen in den Massenmedien 2013

Tabelle 13: Übersicht über die kulturellen Positionen 1981

Tabelle 14: Übersicht über die Positionen in Wirtschaftsverbänden 1981

Tabelle 15: Übersicht über die Positionen in Wirtschaftsverbänden 2013

Tabelle 16: Übersicht über die Elitepositionen 1981 (ohne Wirtschaftsunternehmen)

Tabelle 17: Übersicht über die Elitepositionen 2013 (ohne Wirtschaftsunternehmen)

Tabelle 18: Klassenherkunft der Elite 1981 (Spaltenprozente)

Tabelle 19: Klassenherkunft der Elite 2013 (Spaltenprozente)

Danksagung

Zuerst möchte ich an dieser Stelle all denen danken die mich zur Zeit der Entstehung dieser Bachelorthesis sowohl fachlich als auch moralisch unterstützt haben.

Aus fachlicher Seite gebührt vor allem Herrn Prof. Dr. Andreas Göbel dank, der mich bereits in meinen jungen Jahren an der Universität Würzburg für das Fach Soziologie zu begeistern wusste und durch stetige Hilfe und Anregungen mein wissenschaftliches Wesen florieren ließ. Ebenso großen Dank spreche ihm gegenüber für die Übernahme der Betreuung dieser Arbeit aus.

Des Weiteren danke ich ebenso dem Röntgen-Gymnasium sowie der Universität Würzburg für das Zustandekommen dieser Thesis im Rahmen des von beiden Institutionen ermöglichten Frühstudiums, ohne welches ich diese Arbeit im Alter von 17 Jahren niemals hätte einreichen können.

Abschließend und mit besonderer Wertschätzung, bedanke ich mich bei meinen Eltern Vladimir und Svetlana Stepanenko, die mich ebenso wie meine Freundin Johanna Thilo stets moralisch unterstützten und mir dadurch die Kraft gaben meine akademischen Träume zu verwirklichen.

„Leider läßt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht Ausdrücken.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Oleg Stepanenko

Einleitung

Das am 23. Mai des Jahres 1949 von allen Bundesländern der damaligen Bundesrepublik Deutschland angenommene Grundgesetz war die erste deutsche Verfassung, welche das Naturrecht und damit auch die Grundrechte in den ersten Artikeln seines Selbst als positives Recht manifestierte. Ausgehend von der Menschenwürde in Artikel 1, bis hin zur Freiheit des Individuums und der Gleichheit vor dem Gesetz in den Artikeln 2 und 3 des Grundgesetzes wurde ebenso die gesetzliche Grundlage für eine uneingeschränkte soziale Mobilität gelegt. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, gänzlich abgesehen von weiterhin bestehenden gesellschaftlichen Hindernissen für das weibliche Geschlecht, ist ebenso wie das Recht auf die freie Berufswahl nach Artikel 12 GG und die untersagte Selektion und „[…] Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern […]“ (Art. 7 IV GG) eine essentielle Voraussetzung um ebendiese Mobilität zu gewährleisten.

Betrachtet man die soziale Mobilität explizit, so lässt sich eine drastische Veränderung in den letzten Jahrhunderten verzeichnen. Der Transfer der Ständegesellschaft, wie sie im Mittelalter präsent war und sich in der frühen Neuzeit durch eine Liberalisierung der Wirtschaft, der Bauernbefreiung und der damit einhergehenden Industrialisierung zu einer Leistungs-, Industrie- und später zu einer Wissensgesellschaft wandelte, war dies der Ursprung der Possibilität, nahezu unabhängig vom sozioökonomischen Status der Eltern und des eigenen Standes jegliche berufliche und gesellschaftliche Stellung einzunehmen.

Trotz dieser Entwicklung lag der weitreichende gesellschaftliche Einfluss weiterhin bei einem Konglomerat verschiedener Personen mit akkumulierter Macht: Der Elite.

Ein Begriff, der aufgrund seiner Selbst Ehrfurcht zu erzeugen vermag. Eine, nach volkstümlicher Definition,

„[…] ausgewählte […] Minderheit besonderer Qualität […] die es durch Wettbewerb, Kampf und Triumph über ihre Konkurrenten bis ganz nach oben, bis in die Spitze geschafft haben […]“ (Kaina 2009: 387).

In der Sozialwissenschaft als eine Personengruppe welche gesellschaftliche Macht, als auch die Möglichkeit zu weitreichendem gesellschaftlichen Einfluss inkorporiert hält fand sie ihren Weg in den Diskurs (vgl. Hoffmann-Lange 1992: 19).

Im Vorwort zum Sammelband Eliten in der Bundesrepublik Deutschland formulierte der deutsche Politologe Hans-Georg Wehling im Jahr 1990 die Fragen:

„Wer sind die Mächtigen hierzulande: in Politik und Verwaltung, in Wirtschaft und Militär? Aus welchen Elternhäusern kommen sie, welchen Bildungsabschluss haben sie und welche Karriere mußten [sic] sie durchlaufen, bis sie »ganz oben« ankamen? Und wie geeignet sind sie eigentlich um diesen Platz ausfüllen zu können?“ (Wehling 1990: 7)

An ebendiesen Fragen möchte ich mit meiner Arbeit anschließen und die Herkunft und die Rekrutierung der jetzigen Elite in Deutschland rekonstruieren. Ist die soziale Mobilität hierzulande weitreichend genug, um der Mittelschicht, die in dieser Analyse in einem Modell bestehend aus Arbeiterklasse, Mittelschicht und (Groß-)Bürgertum verstanden wird, die Möglichkeit zu bieten, sich für die Eliten zu rekrutieren?

Um sich dieser Frage anzumaßen bedarf es an einer Definition des Elitebegriffs. Hierzu werden mehrere Ansätze erläutert und verglichen, um die passendste Definition für die hiesige Analyse zu exzerpieren. Des Weiteren wird auch die Identifikation der Elite in der Gesellschaft in die Betrachtung mit einbezogen, worauf die Entwicklung der deutschen Elite im Gesamten ebenso wie detailliert in ihren Bestandteilen hinsichtlich der Rekrutierung und Konstitution im zweiten Jahrzehnt des 21 Jahrhunderts im Vergleich zur Elite aus dem Jahre 1981 deutlich gemacht werden soll. Die Grundlage für letzteres bieten die Analyse der Mannheimer-Elitestudie (1981) von Ursula Hoffmann-Lange und die Elitestudie von Michael Hartmann im Jahr 2013.

1. Definition

Der Begriff der Elite hat seinen Ursprung im lateinischen Wort »eligere« und bedeutet auslesen bzw. auswählen. Bereits hier lässt sich deutlich erkennen, dass die bereits angeführte volkstümliche Definition nicht weit von dem etymologischen Ursprung der Begrifflichkeit der Elite ausgeht. Doch hält diese Betrachtung viele Fragen offen, wie die nach der faktischen Selektion, wer ebendiese vollführt und in welchem Rahmen und welchem Kontext sich ‚der Kandidat‘ als der geeignetste erweist. Die Sozialwissenschaft hingegen erweist sich bezüglich einer eindeutigen Definition als uneinig. Gemeinhin wird hier eine Personengruppe mit internalisierter gesellschaftlicher Macht und gesellschaftlichem Einfluss diskutiert (vgl. Hoffmann-Lange 1992: 19). Zudem fand eine Differenzierung der Elite in Wert-, Funktions- und Machteliten ihren Einzug in den Diskurs und setzte sich gegenüber Differenzierungen anderer Art durch (vgl. Bude 2000: 10ff). Da jedoch, aufgrund der Mannigfaltigkeit des Begriffs und des, für eine Definition ungenügenden etymologischen Begriffskerns, bisher keine einheitliche Definition vorhanden ist, entstanden auch fernab der sozialwissenschaftlichen Diskutierten eine Reihe an Alternativen, aus welchen im Folgenden nach der Exzerption der mehr oder weniger stark etablierten Ansätze, derjenige von Ursula Hoffmann-Lange präsentiert wird.

1.1 Kategorisierung der Eliten

1.1.1 Wertelite

Als Wertelite wird eine „[…] Personenminderheit, deren Angehörige die in der Gesellschaft gültigen Grundwerte besonders glaubwürdig vertreten und somit Vorbildcharakter haben“ (Kaina 2009: 388) beschrieben. In den meisten Fällen ist die Repräsentation ebendieser Werte in authentischer und überzeugender Weise an die Ausstrahlungskraft einer Person gebunden (vgl. ebd.). Jedoch scheint diese Elite nicht konstant existent zu sein. Max Scheler, Begründer der materialen Wertethik, kritisiert auf der Grundlage ebendieser die kapitalistische Gesellschaft und bemängelt ein Fehlen der Werteliten (vgl. Schneider 2002: 9). Ebenso bringt er das Scheitern der Weimarer Republik in Bezug zu den fehlenden Werteliten, als dass sie „mangels vorbildhafter Führer den Zugriffen von ‚rechts‘ und ‚links‘ gleichermaßen ausgesetzt […]“ (Schneider 2002: 9f) war. Doch ist dies nur die Betrachtung seitens eines Philosophen und seiner Wertethik. Wie sehe das ganze aus unter der Berücksichtigung des Wertewandels und der Hierarchisierung von Werten? Wie gelingt es Werte einem Individuum zuzuordnen und inwiefern garantieren Werte gesellschaftliche Macht und Einfluss wie sie die Diskursdefinition innehat? Die Lösung dieser Unklarheiten wird wohl keine eindeutige sein und ist in diesem Sinne auch die Hauptkritik an dieser Kategorisierung.

1.1.2 Funktionselite

Die Funktionselite: Ein von Otto Stammer (1951) geprägter Begriff welcher „[…] jene Personen bezeichnet, die bestimmte Aufgaben für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft erfüllen, indem sie aufgrund herausragender Leistungen auf ihrem Gebiet zum Gemeinwohl beitragen“ (Kaina 2009: 389). Nach Stammer übernehmen sie eine essentielle Rolle in der politischen Willensbildung und dienen als „Medien des Herrschaftssystems“ (Stammer 1951: 15). Somit inkorporiert die Funktionselite die Besten aus den Bereichen mit der Möglichkeit der politischen Einflussnahme, wie etwa der Justiz, der Wirtschaft oder der Politik selbst und trägt somit zum Gemeinwohl bei. Fragwürdig hierbei ist zum einen der Begriff der Leistung und dessen Messung, welche zwar in manchen Bereichen, wie bspw. in der Wirtschaft durchaus, in anderen Bereichen wie in der Politik jedoch nur mangelhaft bemessen werden kann. Außerdem ist die Funktionselite im Verständnis von Stammer für eine generelle Betrachtung der Eliten ungeeignet, da sie den Fokus auf die politische Einflussnahme und somit auf eine »politische Elite« legt.

1.1.3 Machtelite

Die dritte und letzte Kategorisierung der Elite ist die Machtelite, deren Definition der des sozialwissenschaftlichen Diskurses äquivalent ist. Maßgeblich an dieser Begriffsbildung war Charles Wright Mills beteiligt, welcher auch zu der »Diskursdefinition« beitrug, indem er die Machtelite als ein Konglomerat von Personen definierte, welche ausgehend von ihrer gesellschaftlichen Position „[…] Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen treffen können“ (Kaina 2009: 390). Der hiesig verwendete Machtbegriff stammt von Max Weber und bezeichnet „[…] jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1980 [1921]: 28). Somit ist die Machtelite die wohl greifbarste Kategorisierung unter diesen dreien, da der zugrundeliegende Machtbegriff jegliche gesellschaftlichen Bereiche umfasst und somit nahezu universell Anwendung finden kann, wobei auch eine geschichtliche Rekonstruktion der Entwicklung der klassischen (autokratischen) zu der neuen (demokratischen) Elite in Deutschland aufgrund der erhöhten sozialen Mobilität und somit der Möglichkeit zum Besetzen von gesellschaftlichen Machtpositionen, vorgenommen werden kann.

1.2 Elite als funktionaler Begriff

Eine Besonderheit unter den Elitendefinitionen stellt Ursula Hoffmann-Langes Elitestatus dar. Sie verwendet die Elite als „[…] ein[en] rein formale[n] Begriff, d.h. er beinhaltet lediglich die Annahme, daß [sic] Macht in Gesellschaften ungleich verteilt ist, sagt jedoch nichts über die Gestalt und die Merkmale einer gesellschaftlichen Elite aus“ (Hoffmann-Lange 1992: 20). Somit schafft sie die ideale Ausgangslage für eine Rekrutierungsdeskription von Eliten in jeglichen Gesellschaften und umfasst jegliche bisher erwähnten Eliten einschließlich der Diskursdefinition, da sie keine Aussagen über die Aufgaben, Gestalt, Merkmale und Funktionen der gesellschaftlichen Elite trifft. Jedoch benötigt dieses Postulat der ungleichen Machtverteilung und der daraus resultierende Begriff eine Identifikation der Elitenmitglieder in der Gesellschaft um eine Analyse vollführen zu können.

„Das bedeutet zum einen, die sektorale Auswahl von Führungskräften […] zu begründen und zum anderen, die Ebenen zu definieren, auf denen Elitemitglieder positioniert sind“ (Kaina 2009: 394).

Die in der Eliteforschung, gebräuchlichsten Methoden hierfür sind der Reputations-, Entscheidungs- und der Positionsansatz.

2. Identifikation

2.1 Reputationsansatz

„Wer einflussreich ist, der ist auch bekannt“ (ebd.): So die simple Annahme des Reputationsansatzes. Um diese Annahme zur Identifikation heranzuziehen ist eine Befragung der Bevölkerung als auch von Experten im repräsentativen Maße möglich um festzustellen wer dem öffentlichen Meinungsbild nach einflussreich, somit bekannt und somit auch als Elitemitglied tituliert werden kann (vgl. ebd.). Ob die identifizierten Mitglieder tatsächlich einflussreich sind oder es ihnen nur durch die Öffentlichkeit zugeschrieben wird bleibt weitgehend offen. Ebenso erlischt mit diesem Ansatz auch die Possibilität einer in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Elite. Hierbei ist nicht nur die Rede von einer geheimen einflussreichen Personengruppe, sondern auch von Personen, welche über eine sehr geringe Bekanntheit verfügen. Im Bereich der Politik würde dem Großteil der Bevölkerung in Deutschland Frau Merkel und Herr Gabriel aus dem Kabinett als bekannt und einflussreich erscheinen, während Christian Schmidt, der im Kabinett des 18.Bundestages den Posten des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft innehatte, wohl eher als unbekannt und damit auch nicht als einflussreich erscheinen mag. Ebenso könnte man auch Beispiele aus den Bereichen der Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung heranziehen, das Ergebnis wäre ein ähnliches. Somit wird deutlich, dass die Reputationselite nicht zwangsläufig die tatsächliche Elite repräsentiert, sondern ein Produkt des öffentlichen Meinungsbildes ist.

2.2 Entscheidungsansatz

Um diese Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung und somit dieses Problem zu vermeiden setzt der Entscheidungsansatz bei der begrifflichen Präzisierung des Einflusses an. „Einflussreich und damit Mitglied der Elite sind Personen, die im […] Entscheidungsprozess in ganz bestimmten Streitfragen oder Entscheidungssituationen ihre eigene Position durchsetzen können“ (ebd.).[1] Dieser Ansatz ist im Vergleich zu dem der Reputation umfangreicher und an langfristige Vorstudien für das dreistufige Verfahren gebunden (vgl. ebd.). Im Rahmen des Verfahrens wird anfänglich bestimmt welcher Entscheidungsprozess in Betrachtung gezogen wird. Anschließend müssen die daran beteiligten Personen identifiziert und die jeweils zur Verfügung stehenden Machtressourcen analysiert werden. Das hieraus resultierende Manko ist, wie bereits beim ersten Ansatz, der mögliche Ausschluss von Elitemitgliedern, welche nicht als solche in Erscheinung treten und aufgrund dessen nicht als solche identifiziert werden. Da das Nicht-Entscheiden ebenso eine Entscheidung ist, ließe sich eine funktionale Äquivalenz zu Luhmanns Interaktionssystemen postulieren, explizit bei der Eigenschaft, dass Nicht-Kommunikation ebenfalls als Kommunikation verstanden wird, sobald die Grundbedingung für Kommunikation, sprich die Anwesenheit, gegeben ist. Überdies besteht hier selbst die Möglichkeit, dass Nicht-Anwesende in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden und somit zwar Teil des Entscheidungsprozesses mit ihren eigenen Machtressourcen sind, jedoch nicht als solche im Rahmen von Vorstudien kenntlich gemacht werden können.

2.3 Positionsansatz

Der Positionsansatz ist als der reliabelste Ansatz und somit auch derjenige der in der Eliteforschung am meisten Anklang findet (vgl. ebd.: 395). Im Vergleich zu den beiden anderen Ansätzen impliziert er zwar eine pluralistische Gesellschaft und somit eine zugrundeliegende pluralistische Demokratie, ist jedoch mit seiner Annahme, „[…], dass Macht […] in der Regel an eine formale Führungsposition geknüpft ist“ (ebd.) die zuverlässigste Methode zur Elitenidentifikation. Auch bei diesem Verfahren ist ein mehrstufiges Verfahren von Nöten um eine Analyse vollführen zu können. Anfänglich werden hier relevante gesellschaftliche Sektoren definiert in denen in einem zweiten Schritt einflussreiche Organisationen exzerpiert werden. In ebendiesen Organisationen sollen in den letzten Schritten des Verfahrens Führungspositionen, deren Besetzer[2] und somit Elitemitglieder identifiziert werden. Aufgrund der Freiheit die einem Forscher bei diesem Ansatz zuteilwird, indem er die Selektion von Sektoren und die „[…] Anzahl der in die Untersuchung einzubeziehenden Hierarchieebenen“ (Hoffmann-Lange 1992: 88) nach eigenem Belieben vornehmen und festlegen kann, ist diese Methode zur Elitendefinition sowohl durch ihr Verfahren und der betrachteten Einheiten formalisiert, weißt jedoch aufgrund dieser Wahlfreiheit Schwankungen zwischen den Analysen auf. Aus demselben Grund ergibt sich hier gleichzeitig die Opportunität einer Anpassung an die gewünschte Analyseebene des Forschers und somit eine Mannigfaltigkeit individueller und präzisierter Eliteanalysen. (Hofmann-Lange 1992: ebd.) betont in diesem Kontext die unabdingbare Trennung von symbolischen und faktischen Machtträgern um eine Reliabilität gewährleisten zu können.

2.4 Zwischenfazit

Nach einer Betrachtung der (mehr oder minder) etablierten Elitenkategorisierungen, dem Elitestatus von Hoffmann-Lange und der drei Identifikationsansätze gilt es nun eine passende Selektion für die Elitenanalyse in Deutschland mit dem Fokus auf die Rekrutierung der Mittelschicht vorzunehmen.

Angefangen bei den Definitionen ist die Werteelite aufgrund ihrer unzureichenden Wertedefinition und der fehlenden Hierarchisierung dieser Werte, d.h. die Einstufung verschiedener Werte über- und untereinander mit der Grundlage der Relevanz zur endgültigen Definition der Eliten für die Analyse ungeeignet. Ebenso ist die Funktionselite für die hiesige Betrachtung ungeeignet, da sie nach der Definition von Stammer einen politischen Fokus aufweist und somit für eine generelle Rekrutierungsanalyse nur im Rahmen der »politischen Elite« geeignet ist. Die Machtelite hingegen ist mit ihrem populären Machtbegriff für eine allgemeine Analyse weitaus aus besser geeignet als die beiden anderen Ansätze, steht jedoch dem Elitestatus von Hoffmann-Lange in einem Punkt nach: nämlich der Universalität. Aufgrund des alleinigen Postulats der ungleichen Machtverteilung und dem Ausschluss von Merkmalen aus der Definition ist diese von Universalität nicht zu übertreffen und wird aus ebendiesem Grund als Definition im Rahmen dieser Arbeit verwendet.

Weitergehend zu den Identifikationsmöglichkeiten ist diejenige des Reputationsansatzes am wenigsten geeignet für eine Analyse, da das öffentliche Meinungsbild und die Popularität der potentiellen Elitemitglieder ausschlaggebend für eine Identifikation sind. Weder sind hier reliable Selektionsfaktoren gegeben, noch ist die Kausalität von Bekanntheit und Einfluss generalisierbar. Zudem läuft man bei dieser Methode Gefahr symbolisch und faktisch einflussreiche Personen aufgrund der öffentlichen Fehleinschätzung zu unifizieren und somit die Ergebnisse zu verfälschen. Dem Entscheidungsansatz ist eine bessere Tauglichkeit nachzusagen als dem ersteren, er erhält jedoch seine Mängel durch den Fokus auf den Aspekt der Entscheidung mit dem die Alternative der Nicht-Entscheidung als Entscheidung an sich und die Verwendung von Machtressourcen trotz Passivität in den Entscheidungsprozessen von der Reflexion ausgeschlossen werden. Der Positionsansatz ist aufgrund seiner Formalität in den Verfahren und der zu untersuchenden Einheiten nicht ohne Grund die gebräuchlichste Methode zur Identifikation. Durch das sich ergebende Gleichgewicht aus Formalität und der Freiheit des Forschers hinsichtlich der Präzision seiner Betrachtung entsteht der ideale Ansatz für die hiesige Analyse.

Da sich nun der Elitestatus als Definition und der Positionsansatz als Identifikationsmöglichkeit gegenüber anderen durchsetzen konnten ist im Folgenden eine Einteilung in relevante Sektoren von Nöten.

3. Positionsauswahl

3.1 Sektor Militär

Die deutsche Bundeswehr als Repräsentant des staatlichen Gewaltmonopols, ist trotz der parlamentarischen Bindung als Machtfaktor nicht außen vor zu nehmen. Noch mehr als in anderen Sektoren herrscht hier eine Organisationshierarchie, welche es ermöglicht, essentielle Positionen aus dem Gesamtkonstrukt zu entnehmen und die Besetzer ebendieser zu identifizieren (vgl. Hoffmann-Lange 1992: 108). Die betrachteten Personen waren 1981 die gesamte Generalität aller Teilstreitkräfte mit Stellen in den Kommandobehörden, wobei die im Ausland stationiert nicht, die der NATO zugeordneten Positionen sehr wohl erfasst werden konnten (vgl. ebd.). In der Mannheimer Elitestudie waren dies insgesamt 172 betrachtete Positionen (vgl. ebd.). In der darauffolgenden Elitestudie von 2013 waren es aufgrund einer umfänglicheren Selektion insgesamt 21 Betrachtete mit 20 Personen welche nicht einmal mehr die gesamte Generalität umfassten (vgl. Hartmann 2013: 30).

Tabelle 1: Übersicht über die militärischen Positionen 1981

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in Anlehnung an (Hartmann 2013: 30)

Tabelle 2: Übersicht über die militärischen Positionen 2013

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in Anlehnung an (Hartmann 2013: 30)[3]

3.2 Sektor Politik

Dieser Sektor ergibt sich aus der Legitimation der Herrschaft mittels regelmäßig stattfindender Wahlen. „Als Subsektoren wurden Exekutive, Legislative und Parteiorganisationen unterschieden“ (Hoffmann-Lange 1992: 93). Da Positionen in Kommunen eine Verschränkung zwischen Administration und Politik aufweisen wird ihnen nur ein kleiner Sektor zuteil, welcher in der hiesigen Analyse außenvor gelassen wird (vgl. ebd.). Als wesentliche Führungspositionen in der Exekutive sind jegliche Mitglieder der Kabinette, sowohl auf Bundes- als auch, die bei der Mannheimer Studie berücksichtigte, Landesebene und Parlamentarische Staatssekretäre erfasst. Aufgrund der überwiegend repräsentativen Rolle des Bundespräsidenten wird ihm nur eine minder wichtige Rolle zuteil, da ihm keine faktische Machtressource zuteilwird und er keine Okkasion besitzt „[…] gesamtgesellschaftlich bindende Entscheidungen zu treffen und deren Einhaltung zu überwachen“ (ebd.). In der Legislative ist auf Grund der großen Zahl an Abgeordneten, welche im Einzelnen oft nur geringe Machtressourcen besitzen, nicht jegliches Mitglied des Parlaments aufgenommen. Da „[b]ei der gesetzgeberischen Arbeit im Bundestag […] die Fraktionen und Ausschüsse eine zentrale Rolle [spielen]“ (ebd.: 94), werden hier die Positionen des Vorsitzenden der Ausschüsse und dessen Stellvertreter [, welche aufgrund der der Präzision der Kernelite bei Hartmann außenvorgelassen wurden,] herangezogen. Außerdem sind „[…] die Mitglieder der Fraktionsvorstände [(bei Hartmann nur der Vorsitz)], die Vorsitzenden der Arbeitskreise der Fraktionen [, die 2013 keine Betrachtung mehr finden,] sowie die Obleute der Fraktionen in den Ausschüssen in die Auswahl aufgenommen“ (ebd.). Im Bereich der Landeslegislative wird ausschließlich der Fraktionsvorsitz in Beschau genommen, während die spätere Kernelitepositionen in diesem Bereich nur die Ministerpräsidenten, die Justiz-, Innen- und Finanzminister der finanzstärksten Bundesländer[4] umfasst. Politische Parteien sind aufgrund der „[…] Rekrutierung und Auswahl politischen Personals sowie bei der Formulierung politischer Programme […]“ (ebd.) von größter Relevanz für die Rekrutierungsanalyse und für die politische Elite, da sich aus ihr die Legislative als auch die Exekutive zusammensetzt. Die hieraus entnommenen Elitemitglieder stammen aus den Positionen „[…] der [Mitglieder der] Bundespräsidien, den Generalsekretären, Bundesgeschäftsführern und Bundesschatzmeister der im Bundestag vertretenen Parteien […]“ (ebd.), ebenso wie der Mitglieder des Vorsitzes in den jeweiligen Landesparteien. Bei Hartmann werden nur die Vorsitzenden und die Generalsekretäre der Bundestagsparteien ohne den Einbezug der Landesparteien in die Analyse aufgenommen (vgl. Hartmann 2013: 30). Zum Zeitpunkt der Elitestudie von Mannheim waren dies die 4 Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP) des 9.Bundestages. Bei den Wahlen von 2009 sind 2 Parteien (Bündnis90/Die Grünen, Die Linke) hinzugekommen. Zudem werden „[…] deutsche Inhaber von Spitzenpositionen im Europäischen Parlament in die Auswahl [von 1981] aufgenommen“ (Hoffmann-Lange 1992: 95). Im Rahmen der ersten Studie waren dies 9 Personen welche ein solches Amt bekleideten. 32 Jahre später wurden diese Positionen nicht mehr berücksichtigt.

[...]


[1] Zu bemerken ist die funktionelle Nähe des Begriffs mit dem der Macht im weber’schen Verständnis und somit zu der darauf basierten Machtelite von C.W.Mills.

[2] Es sind stets Personen männlichen und weiblichen Geschlechts gleichermaßen gemeint; aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Form verwendet.

[3] Die Inspekteure des Cyber- und Informationsraums fehlen in der Analyse, da diese erst seit dem Jahr 2017 existent sind

[4] Zum Zeitpunkt der Analyse waren dies BW, BY, NRW, HE und NI

Details

Seiten
36
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668641891
ISBN (Buch)
9783668641907
Dateigröße
659 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v393047
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Politikwissenschaft und Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Eliten Deutschlannd Analyse Rekrutierung Konstitution

Autor

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