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Der von Philipp de Galle signierte Kupferstich nach Pieter Bruegel dem Älteren: Triumph der Zeit oder Saturns

Seminararbeit 2001 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliche Einordnung von Künstler und Werk

3. Bildanalyse
3.1 Das Bild
3.2 Bildbeschreibung
3.3 Konfrontation der Motive mit denen der Cranach-Tradition

4. Bedeutung der subscriptio

5. Abschließende Betrachtung der deutschsprachigen Literatur zur vanitas -Vorstellung

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Der in den meisten Kunstkatalogen Pieter Bruegel dem Älteren zugewiesene Kupferstich „Der Triumph der Zeit oder Saturns“ entstand im 16. Jahrhundert und beinhaltet im Zentrum der oberen Bildhälfte das Motiv des dürr-grünen Baumes. In zahlreichen europäischen Drucken und Gemälden derselben Zeit steht dieser Baum für die Aufteilung der Geschichte in die Zeit vor und nach Christus. Weit vorn in diese Tradition einzureihen sind der wahrscheinlich vor 1525 angefertigte Pariser Druck sowie ein Ölgemälde Holbeins. Bei beiden finden sich auf der dürren Seite Szenen aus dem Alten und auf der grünen Seite Szenen aus dem Neuen Testament, die im Pariser Bild mit Gesetz (loy) und Gnade (grace) betitelt sind. Die Wirkung vor allem dieses Druckes zeigt sich unter anderem in einer recht getreuen Übernahme des Inhalts in einem Holzschnitt aus Erlangen. 1525 bearbeitete Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) im Prager Bild ebenfalls das Thema Gesetz und Gnade, wobei er bestimmte Szenen wegließ und auch gestalterische Neuerungen einführte. Um 1529 und 1539 griff er das Motiv erneut auf und variierte es so, daß nun mehr und mehr die Verkündigung, das Evangelium, in den Vordergrund und an die Stelle der Gnade rückte. Parallel zu seinem Schaffen wurden im Rahmen dieser Überlieferung weitere Drucke als Predigt- oder Propagandablätter und Auftragsgemälde hervorgebracht. Daß jedoch nicht immer die in enger Verbindung zum lutherischen Glauben stehende Bedeutung des Baumes in Frage kommt, zeigt sich beispielsweise bei einem Neujahrsblatt von 1649, auf dem die diesmal rechte Seite der kahlen Äste das Leid des Krieges illustriert und die belaubte linke Seite die Freude des Friedens.

Es gilt nun herauszuarbeiten, ob der vorliegende Kupferstich in die Cranach-Tradition einzuordnen ist, ob er selbständig eine eigene Bedeutung einführt oder ob er sich auf eine andere Überlieferung beruft. Dazu muß zunächst untersucht werden, in welchen religiösen und politischen Verhältnissen der mutmaßliche Autor des Originals lebte und was die Bevölkerung seines Landes prägte. Im Anschluß daran sollen die den Baum umgebenen Motive identifiziert und mit Hilfe von einschlägigen Enzyklopädien entschlüsselt sowie durch vorhandene Interpretationsansätze abgesichert werden. Der hier gewonnene Eindruck, daß es sich keinesfalls um ein Bild der Cranach-Tradition handeln kann, wird in einem dritten Teil durch die Hinzunahme der subscriptio überprüft. Als letztes möchte ich zudem herausfinden, ob das Bild eine Illustration zu einem in der Zeit jedermann geläufigen Zitat ist oder ob der Text eigens für das Bild verfaßt wurde und ob das Bildthema Entsprechungen in der deutschen Literatur bis ins 16. Jahrhundert hat.

2. Geschichtliche Einordnung von Künstler und Werk

Pieter Bruegel der Ältere wurde um 1525 in Bruegel bei Eindhoven geboren und hielt sich später unter anderem in Antwerpen und Brüssel auf, wo er 1569 starb. In seiner Epoche, der Spätrenaissance bzw. dem Manierismus, kam es zu zahlreichen Entdeckungen und Erfindungen. So erkannte in dieser Zeit des Umbruchs Paracelsus (1493-1541) die chemischen und physikalischen Grundlagen des Lebens; Buchdruck und Taschenuhr waren bereits erfunden, als Kopernikus (1473-1543) das geozentrische Weltsystem der ptolemäischen Lehre widerlegte. Doch weder von der Auffassung der Erde als Kugel noch davon, daß die Sonne vielmehr im Zentrum der Welt steht als die Erde, wollten sich die Religionen überzeugen lassen, obwohl in diesem neuen Weltbild manch alte Rätsel gelöst sind, so „der Wechsel von Tag und Nacht, die Zu- und Abnahme des Mondes, Sonnen- und Mondfinsternisse und die Bewegung der Planeten“[1]. Immerhin hatten Aristoteles‘ Thesen das ganze Mittelalter über für unfehlbar gegolten, und vor allem berief sich der Klerus auch um 1540 noch darauf, daß „die Bibel den Standort der Erde eindeutig auf den Mittelpunkt des gesamten Kosmos festgelegt hatte, ein Dogma, an dem die Kirche nicht rütteln lassen wollte“[2]. Während die Katholiken der Veränderung zögerlich begegneten, einigten sich die Protestanten schnell auf eine ablehnende Haltung. Angeblich habe Luther über Kopernikus ausgerufen: „Der Narr will mir die ganze Kunst der Astronomia umkehren!“[3] Letztere nutzten alle für die eigenen Bedürfnissen. Schon Ende des vorhergehenden Jahrhunderts hatten sich Inkunabeldrucke entwickelt, in denen von Gestirnskonstellationen auf zukünftige Ereignisse geschlossen wurde.[4] So wurde um die Jahrhundertwende aufgrund einer besonderen Konjunktion fest mit einer Sintflut gerechnet, eine Vorstellung die einherging mit Endzeitstimmung und Panik.[5] Als diese nicht eintraf, wurde die Prophezeiung im Nachhinein umgedeutet in die Vorhersage mittlerweile geschehener Katastrophen, wie das Eindringen der Türken in das Reich oder Epidemien wie Pest und Syphilis.[6] So gab es Ängste in der europäischen Bevölkerung und zugleich ein Aufleben mystischer Tendenzen, „einer Religiosität, die die direkte Verbindung mit Gott erstrebt, durch psychische Arbeit dem Gläubigen eine Lösung von der Welt ermöglichen soll“[7].

Spannungen zwischen Astrologen und der gesamten Kirche traten Konflikten zwischen den verschiedenen religiösen Strömungen gegenüber. Während Luther in den deutschsprachigen Gebieten zahlreiche Anhänger für seine Reform gewann, fanden sich in den von Spanien beherrschten Niederlanden die Kalvinisten im Widerstand gegen den katholischen Glaubenszwang zusammen. Allein in Antwerpen, wo Bruegel sich lange Zeit aufhielt, lebten 15.000 von ihnen.[8] Calvin (1509-1564) selbst gehörte noch um 1534 zum Kern der Reformatoren um Luther, aber kurz darauf distanzierte er sich mit seiner Prädestinations- und einer abweichenden Abendmahlslehre von Luther und Zwingli (1484-1531), welcher sich ebenfalls mit Luther zerstritten hatte. Welcher Glaubensrichtung nun der niederländische Maler angehörte, „wie Bruegel im Herzen zu der neuen Bewegung stand, wissen wir nicht. Er war zu vorsichtig, um sich eindeutig festzulegen. Er hat kein Bild im Geist des mittelalterlichen Glaubens geschaffen“[9], aber auch kein eindeutig protestantisches[10], vielleicht aus Schutz vor Zensur und Inquisition.[11] Trotzdem wird er von der evangelischen Verlagsanstalt 1984 in die „Bildnisse evangelischer Menschen von der Reform bis zur Gegenwart“ aufgenommen. Wenn auch seine Gesinnung nicht klar einer Kategorie zugeordnet zu werden vermag, läßt sich doch an Teilen seines Werkes das Gefühl der „Unsinnigkeit des täglichen Tuns in bitterer brutaler Drastik“ ablesen. Hier liegen „Zeugnisse der Zeitnöte, Dokumente der entsetzlichen Heimsuchung des unglücklichen flamischen Lands durch Krieg, Hunger, Tod und Pest“ vor.[12] Häufig werden seine Gemälde und Vorlagen für Kupferstiche auch als Sittenbilder bezeichnet.[13] Dabei kam es ihm nicht so sehr darauf an, wie die Menschen sein sollten, sondern „wie sie mit ihren Fehlern, Leidenschaften und Verschrobenheiten tatsächlich sind“[14]. Schon in den künstlerischen Interessen und in den Lebensbedingungen sind demzufolge entscheidende Unterschiede zu dem in den deutschen Gebieten schaffenden Cranach angelegt.

[...]


[1] Van Berg, Hendrik; Finke, Kurt u.a. (Hg.): Menschen, die die Welt veränderten. 50 berühmte Persönlichkeiten in Lebensbildern und Bilddokumenten. Augsburg 1995, S. 96.

[2] Ebd.

[3] Ebd., S.99.

[4] Talkenberger, Heike: Sintflut. Prophetie und Zeitgeschehen in Texten und Holzschnitten astrologischer Flugschriften. 1488-1528. Tübingen 1990.

[5] Ebd., S.2.

[6] Ebd.

[7] Roeck, Bernd: Reformation und Gegenreformation: die großen geistigen Ereignisse zwischen Mittelalter und Neuzeit. Propyläen Geschichte der Literatur. Bd.3, S.68-97, S.74.

[8] Pfister, Kurt: Bruegel. Leipzig 1921, S.28.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S.29.

[11] Vgl. ebd., S.19.

[12] Ebd., S.18.

[13] Dvorák, Max: Pieter Bruegel der Ältere. In: Studien zur Kunstgeschichte. Hrsg. von Irma Emmrich. Leipzig 1989. S.16-58, S.23.

[14] Ebd., S.22.

Details

Seiten
16
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638124362
Dateigröße
926 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v3926
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik I
Note
unbenotet
Schlagworte
vanitas; Text und Bild

Autor

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Titel: Der von Philipp de Galle signierte Kupferstich nach Pieter Bruegel dem Älteren: Triumph der Zeit oder Saturns